Blinde Passagiere

Für Psyche dauerten die Stunden so lange wie Wochen. Ungeduldig ersehnte sie die Dunkelheit und das süße Gefühl, sich mit dem fremden Vertrauten zu verlieren, um sich gegenseitig zwischen den Laken zu entdecken. Das Schloss allein bei Tageslicht war kaum auszuhalten. Das einzige, was Psyche in dieser Zeit etwas Ablenkung verschaffte, waren die seltsamen Vierecke, deren Inneres sich zu Geschichten formte.
Das Untier nannte die eckigen Exemplare Bücher und hatte ihr erklärt, dass sie genauso verzaubert waren, wie das gesamte Schloss. Verwundert stellte Psyche eines Tages fest, dass sie eine Geschichte las, in der ein Mädchen, Bella genannt, in ein verwunschenes Schloss zu einem Ungeheuer gelangte. Dieses Buch las Psyche in einem Zug. Zu deutlich waren die Parallelen zwischen ihren Erlebnissen und der Geschichte von Bella. Nur eines stimmte nicht. Bella war ein wunderschönes Mädchen und keine hässliche Kröte wie sie, Psyche. Dagegen war das Ungeheuer furchtbar aussehend mit Klauen und einem Löwenkopf. Bella aber hatte sich in das Ungeheuer verliebt trotz seiner Hässlichkeit. Vielleicht, überlegte Psyche, wollte diese verzauberte Geschichte ihr also mittteilen, dass selbst die hässlichsten Wesen geliebt werden konnten. Anderseits aber verwandelte sich das Ungeheuer direkt nach Bellas Kuss in einen schönen Prinzen. Das war also kein wirklicher Beweis.
Bella hatte wirklich Glück, fand Psyche. Für ihren Kuss wurde sie mit einem schönen Prinzen belohnt. Doch am meisten beneidete Psyche das Ungeheuer. Denn sie selbst hatte sich trotz einer Unzahl an Küssen überall auf ihrem Körper nicht verändert. Kein Stück.
Psyche stand also den Geschichten eher skeptisch gegenüber. In manchen Büchern nämlich las sie auch von Zwergen, Feen und Elfen, Wesen, die sich Psyche kaum vorzustellen vermochte.
Und wieder andere Erzählungen berichteten von „Autos“, „Hochhäusern“ und „Versicherungsvertretern“. Für Psyche ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Bücher legte sie sofort zurück ins Regal, denn nicht einmal ansatzweise formten sich die Beschreibungen in ihrem Kopf zu einem Gedankenbild.
Eines Abends erzählte sie dem Ungeheuer von ihren Beobachtungen.
„Es ist so“, sagte Amor, „dass die Bücher in dieser Bibliothek größtenteils noch nicht geschrieben wurden. Sie werden es einmal sein, in ferner Zukunft.“
„Du bist so klug. Woher weißt du all diese Dinge?“, fragte Psyche.
„Ich weiß es einfach. Ich bin der Herr dieses Schlosses.“
Amor fühlte sich prächtig, dass er Psyche die Welt erklären konnte. Wie gut, dass er neulich Kalliope und Thalia über die Vorkommnisse befragt hatte. Die Musen der Schreibkunst hatten ihn zwar entsetzt angeguckt und gemeint, er hätte da ein Luftschloss erschaffen, ein Traumgebilde, das irgendwann platzen würde, aber das kümmerte Amor wenig. Psyche liebte Bücher, Psyche bewunderte ihn. Das war die Hauptsache.
„Glaubst du denn, dass die Geschichten wahr sind? Dass es irgendwann einmal „Versicherungsvertreter“ und „Feen“ auf der Erde geben wird?“, fragte Psyche.
„Auf jeden Fall“, sagte Amor.
„Und was ist mit den Liebesgeschichten?“, fragte Psyche.
„Die stimmen selbstverständlich auch alle“, sagte Amor stolz.
„Die meisten von ihnen gehen aber schlecht aus.“
„Auf keinen Fall!“ Entrüstet richtete Amor sich auf. „Niemand ist stärker als die Liebe, nicht einmal der Tod!“
„Aber die Geschichten gehen schlecht aus“, beharrte Psyche.
„Wie das?“
„Na ja, bei Romeo und Julia zum Beispiel …“ – Psyche erzählte ihm die Geschichte der beiden Liebenden, die aus verfeindeten Familien stammten. „Und dann gab es da noch Tristan und Isolde und … Pyramus und Thisbe …“
„Was hast du gesagt?“, entsetzt richtete sich Amor auf.
„Na, diese ganzen Liebespaare, die nicht zusammen kommen … Romeo und Julia, Tristan und Isolde …“
„Und?“
„Pyramus und Thisbe.“
„Woher kennst du sie?“
„Habe ich doch gerade gesagt, ich habe ihre Geschichte gelesen. Was ist denn bloß los mit dir?“
„Das hört sich an, wie mein Liebespaar“, murmelte Amor gedankenverloren. Vor sein inneres Auge traten die Bilder der sich erdolchenden Thisbe, neben ihr der blutüberströmte Pyramus.
Psyche horchte auf. „Dein Liebespaar? Was meinst du damit?“
„Äh“, sagte Amor und zog sich die Decke bis zum Kinn. Er hätte sich ohrfeigen können. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so unvorsichtig verhalten. Oder vielleicht auch doch, aber noch nie war es so heikel gewesen. Psyche durfte nicht erfahren, wer er war. Nicht einmal den Hauch einer Ahnung sollte sie haben. Also stammelte er: „Ich … ich, ach ehrlich gesagt, ich habe die Geschichte geschrieben!“
„Du?“, fragte Psyche.
„Ja, die Geschichte von Pyramus und Tisbe. Deswegen war ich so verblüfft. Hat sie dir gefallen?“
Einen Moment lang war nur Psyches Atem zu hören, so still war es.
Dann rief sie: „Oh Ungeheuer! Jetzt macht das alles Sinn, all die Bücher, wie du sie nennst, und dieses Schloss!“
Erleichtert atmete Amor aus. Das war die richtige Notlüge im richtigen Moment gewesen.
„Na klar macht das Sinn.“
„Du musst der größte Geschichtenerzähler der Welt sein! Und der berühmteste. Kein Wunder, dass ich dich nicht sehen darf!“
„Äh … ja.“
Amor schluckte. Hauptsache, Psyche folgte der falschen Fährte. Er würde das später irgendwann richtigstellen, nach dem Gespräch mit seiner Mutter. Und was seine beiden Liebenden anbelangte … er musste nachforschen, immerhin war er Pluto noch eine Erklärung schuldig.
„Untier“, flüsterte Psyche und schmiegte sich an ihn. „Hast du denn auch Liebesgeschichten geschrieben, die gut ausgehen?“
„Klar“, sagte Amor und biss sich auf die Lippe. „Gerade bin ich an einer dran.“
„Das ist gut“, seufzte Psyche. „Ich glaube nämlich, dass ich schwanger bin.“

 

Nah an der Wahrheit

Nach einer unendlichen Weile teilten sich das eine Wesen, das sie geworden waren, wieder in zwei Hälften. Psyche fand sich selbst inmitten von Laken und Decken. „Wie sind wir ins Schlafzimmer gekommen?“
Amor kicherte und streifte Psyche mit seinem Flügel.
„Wir sind geflogen? Nun, genauso kam es mir zumindest vor.“ Psyche streckte genüsslich die Arme aus. „Dabei kenne ich nicht einmal deinen Namen!“
„Ich bin das Untier, dein Untier, um genau zu sein.“
„Ja, aber hast du keinen richtigen Namen? Wie nennen dich deine Eltern? Hast du Eltern?“
„Je weniger du über mich weißt, desto besser“, sagte Amor und legte seinen Arm um Psyche. „Und ich muss bald gehen, meine Liebste, sobald der erste Lichtfunke über den Horizont fliegt.“
„Wo … Wohin gehst du denn dann?“, fragte Psyche.
„Nun ….Ich geh arbeiten.“
„Du arbeitest? Wie kann das sein?“
„Jeder muss arbeiten.“
„Aber du hast doch diesen Palast, hier gibt es alles, was man braucht und ebenso viele Dinge, die man nicht braucht!“
Amor räkelte sich.
„Mag sein“, sagte er. „Aber: ich muss arbeiten. Leider. Meine Mutter will das so.“
„Du hast Eltern!“ Psyche triumphierte.
„Ja“, gab Amor zu.
„Wer sind sie, wie heißen sie?“
„Das bleibt mein Geheimnis. Aber seitdem ich dich kenne, macht mir mein Job sogar Spaß.“
„Ja?“
„Ja. Ich hätte nie gedacht, dass Liebe … alles so viel leichter macht. Das ganze Leben ist auf einmal so anders, so locker, so lustig, so … leicht.“
Psyche knuffte das Untier in die Seite. „Wenn alles so einfach ist, dann bleib doch hier.“
„Das geht nicht. Es wäre gefährlich.“
„Schade. Aber, – was genau arbeitest du denn?“
„Das ist schwer zu erklären, aber … Also. Äh. Ich jage.“
„Du bist ein Jäger?“
„Nicht so richtig, obwohl es dabei ums Bogenschießen geht.“
„Auf was zielst du?“
„Auf Lebewesen.“
„Auf Tiere?“
„Eher weniger.“
„Auf Menschen?!“
„Hm. Irgendwie schon.“
„Du tötest also Menschen?“
„Nein!“ Entsetzt richtete Amor sich auf.
Psyche blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich fasse zusammen: Du bist ein nicht so richtiger Jäger mit Eltern, über die ich nichts wissen darf, der in einem Palast wohnt, in dem merkwürdige Dinge passieren, der auf Menschen schießt …“
„Psyche, ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Ich weiß, das ist alles seltsam. Ich wünschte, ich könnte dir alles erklären. Aber ich kann dir nicht sagen, wer ich bin. Das geht nicht. Noch nicht. Vielleicht bald. Ich hoffe bald. Vertraust du mir?“
Amor bedeckte Psyches Hand mit Küssen.
Sie seufzte.
„Untier, ich will es glauben. Und ja, ich will dir auch vertrauen. Obwohl das, was gerade geschehen ist … Es war …“
„Ja?“, fragte Amor.
„Unglaublich“, sagte Psyche. Sie musste grinsen, aber Tränen füllten ihre Augen.
„Fand ich auch“, sagte Amor lachend. „Unglaublich gut. Wir sollten es öfter machen, um ganz fest daran glauben zu können.“
Psyche stimmte in sein Lachen ein, musste aber gleichzeitig Schluchzen.
„Was ist mit dir, meine Liebste?“, fragte Amor.
„Nichts“, sagte Psyche, doch ihre Tränen tropften auf die Bettdecke.
„Geht es dir nicht gut? Was kann ich tun?“, alarmiert sprang Amor auf.
„Untier“, sagte Psyche. „Es ist … nichts … nur diese Sache mit dem Glauben … Es ist, ich kann das irgendwie nicht glauben, mit uns, und ich habe Angst, dass du gehst, weil … weil …“
„Weil? Was ist los? Bitte sag es mir!“
„Ich … Ich bin … hässlich.“
„Du bist bitte: Was?“, fragte Amor.
„Ich bin hässlich!“, rief Psyche. „So hässlich, wie du es dir nur irgendwie vorstellen kannst. Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, da musste ich einen Schleier tragen, weil man meinen Anblick nicht ertrug!“
„Das kann doch nicht wahr sein!“
„Doch“, sagte Psyche, „es ist wahr.“
„Aber ich liebe dich! Ich tu es, wirklich und echt. Ich werde dich auch in tausend Jahren noch lieben!“
„Aber wie kann das sein?“, fragte Psyche. „Mich wollte keiner haben. Keiner!“
„Und doch habe ich mich in dich verliebt, auf den ersten Blick habe ich mich in dich verliebt und hier her gebracht. Du und hässlich? Ich glaube, sie haben dich verhüllt, weil du so schön bist, Psyche“, sagte Amor und streichelte Psyches Gesicht. „Wunderschön.“
Psyche schniefte leise. „Meinst du wirklich?“
„Ja. Ich schwöre es bei meinem Leben. Doch jetzt muss ich gehen, meine Liebste.“
„Geh nicht“, sagte Psyche leise und schmiegte ihre Wange in seine Hand.
„Ich muss. Es tut mir leid, aber es geht nicht anders. Du darfst mich nicht sehen. Es ist zu deinem Schutz.“
„Aber ich habe Angst.“
„Hier passiert dir nichts“, sagte Amor. „Ich liebe dich und ich werde dich beschützen. Du bist hier sicher. Ich werde wiederkommen, ich verspreche es …“
Psyche küsste Amors Hand.
„Nur für kurze Zeit“, sagte Amor und riss Psyche an sich. „Wenn du wüsstest, wie gerne ich noch bleiben würde …“
„Du musst gehen“, sagte Psyche mit gespielter Strenge. „Ich befehle es.“
„Oh, bitte schickt mich nicht fort!“, rief Amor übertrieben klagend und stieg aus dem Bett.
Psyche folgte ihm, immer noch seine Hand haltend. Es war geradezu unmöglich, diesem Wesen nicht zu vertrauen. Und doch wirkte es nicht real.
„Gewiss bist du kein Mensch…“, sagte sie. „Das wäre auch eine überzeugende Erklärung für all die Geschehnisse hier …“
Die Dunkelheit wurde eine winzige Schattierung heller, kaum wahrnehmbar für ein menschliches Auge.
Amor stürmte aus dem Schloss.

Kleider und Spiegel

***Dieses Kapitel ist ein Teil von meinem Projekt „Amors Abenteuer“, einer modernen Adaption des antiken Märchens „Amor und Psyche“, das ich aus Spaß an der Freude schreibe und nach einer Überarbeitung als eBook veröffentliche. Wer von Anfang an lesen möchte, ist herzlich eingeladen, bis ans untere Ende der Seite zu skrollen. Ich freue mich über jeden Kommentar. Donnerstags gibt es ein neues Kapitel und manchmal auch zwischendurch. Viel Vergnügen beim Lesen!***

 

Als Psyche erwachte war es hell und das Bett neben ihr war leer. Nur eine Vertiefung in der Decke verriet, dass sie die Nacht nicht alleine verbracht hatte. Lächelnd strich Psyche über die Mulde. Das Untier war eher zurückgekehrt als erwartet und es hatte ihr verziehen, wenn man das so sagen konnte. Gesprochen hatten sie nicht allzu viel. Zumindest nicht mit Worten.

Psyche erhob sich und klatschte in die Hände.
„Frühstück! Ich will Frühstück! Ich habe einen Mordshunger, ich könnte ein komplettes Tier verschlingen!“
Die Winde ließen nicht auf sich warten und Psyche fand augenblicklich ein ausgezeichnetes Mahl bereitet, das besser als alles schmeckte, was sie bisher gekostet hatte, ausgenommen der Küsse der letzten Nacht.
„Meint ihr, das Untier ist bald wieder hier?“, fragte Psyche kauend. „Und was mache ich, damit mir die Zeit nicht lang wird?“
Psyche blickte sich im Zimmer um.
„Oh, ich habe eine Idee!“, sagte sie und deutete auf den Kleiderschrank. „Vielleicht probiere ich es mal damit!“
Die Lüfte wirbelten aufgeregt um sie herum.
„Freut euch nicht zu früh, aber gucken will ich schon.“
Psyche spülte den letzten Bissen mit einem Schluck Tee hinunter und wischte sich die Finger an einer Serviette ab. Dann stand sie auf und ging zum Schrank. Binnen kurzer Zeit hatten die Lüfte das ganze Zimmer befüllt mit Kleidern:
Schwarze Kleider, blaue Kleider, grüne Kleider. Kleider mit Perlen mit Spitze mit Pailletten und Edelsteinen. Geraffte Kleider, geschnürte Kleider, glatte Kleider und solche mit Rüschen. In allen Regenbogenfarben glitzerten und funkelten die Stücke, kurz und lang, gemustert und einfarbig.
Dazu passend selbstverständlich Schuhe und Schmuck.
Psyche traute ihren Augen kaum.
„Das Ungeheuer hat wirklich Geschmack“, sagte sie anerkennend.
Noch immer konnte Psyche, wenn sie die Augen schloss, die Berührungen des Untiers auf ihrer Haut nachempfinden. Es verursachte ein Kribbeln in ihrem Bauch, zauberte ein Grinsen auf ihr Gesicht und ließ sie ganz zart werden.
„Vielleicht … vielleicht probiere ich das mal an“, sagte Psyche und deutete auf ein schlichtes Exemplar ganz in weiß.
Ehe sie sich versah, hatten die Lüfte ihr altes Kleid ausgezogen und Psyche in das weiße Kleid gehüllt. „Es passt sogar!“, stellte Psyche staunend fest. Was untertrieben war. Das Kleid saß, als wäre es nur für sie gemacht.
Seufzend ließ sich Psyche auf das Bett fallen. Sie sank in den Berg aus Kleidern und breitete die Arme aus. Nie hätte sie für möglich gehalten, dass ihr so ein hübsches Stück Stoff passen könnte. Das Ungeheuer musste vorzügliche Schneider beauftragt haben.
Eigentlich wusste sie gar nichts über den Herrn dieses Schlosses. Aber er hatte Geschmack. Und was konnte er gut küssen!
Psyche sprang auf und griff nach einem Kleid, das die Farbe einer dunklen Rose hatte. Am Dekollete prangte feine Spitze, abgesetzt durch schwarze Perlen. Die Lüfte halfen ihr aus dem weißen Kleid hinaus und streiften ihr das rote Kleid über.
Psyche drehte sich im Kreis.
„Und?“, fragte sie, „Wie sehe ich aus?“
Die Lüfte raschelten durch die Vorhänge und über die ausgebreiteten Kleider.
„Ich verstehe euch leider nicht“, sagte Psyche. „Aber ihr wirkt … aufgeregt. Sieht es gut aus? Kann ich dieses Kleid tragen?“
Wieder ließen die Winde die Stoffe rascheln.
„Ach“, sagte Psyche und schmunzelte, „Soll das ein „Ja“ sein? Ich kann es kaum glauben. Allerdings … Vielleicht steht es mir ja wirklich. Vielleicht zaubert dieses verzauberte Kleid hier im Zauberschloss auch eine zauberhafte Schönheit aus mir?“
Die Winde drückten Psyche sanft auf einen Stuhl. Sie fuhren ihr durch die Haare, flochten sie und steckten sie hoch. Unsichtbare Finger bepinselten ihr Gesicht, schminkten ihre Augen, betupften ihre Lider.
„Ihr seid ja wie meine Schwestern. Ich würde mich zu gerne sehen“, murmelte Psyche.
Die Hände ließen von ihr ab und Psyche öffnete die Augen. Ihr Blick fiel auf einen großen, viereckigen Gegenstand, der mit einem Tuch überdeckt war.
„Ist das“, fragte Psyche, „euer Kupferspiegel? So riesig?“
Gorda und Tessa besaßen zwei Handspiegel aus polierten Kupferplatten. Diese Gegenstände waren selten und kostbar.
Sie stand auf und ging auf den Spiegel zu. Streckte die Hand aus, fühlte die kühle, glatte Fläche hinter dem Stoff.
„Ich hätte nie gedacht, dass es Spiegel in dieser Größe gibt“, sagte Psyche, „aber es wundert mich kaum, hier in diesem verwunschenen Schloss, wo sich die Wünsche so einfach erfüllen …“
Psyche zögerte.
Sollte sie oder sollte sie nicht?

Sie befürchtete, dass das Bild um einiges klarer und deutlicher war, als die verzerrte Reflexion in dem Handspiegel ihrer Schwestern.
Es war nur eine kleine Bewegung nötig, damit das Tuch vom Spiegel fiel. Psyche presste die Lippen zusammen und hob ihre Hand zum Tuch.

Was würde sie sehen?

Bücher und Freundschaft

 

Die laue Luft leitete Psyche durch die Gänge des Schlosses, bis sie schließlich an eine große Tür gelangte.
„Dort soll ich hinein?“, fragte Psyche.
Statt einer Antwort öffnete sich die Tür und der Wind flog hinein. Psyche strich ihr Haar zurück und betrat den Raum.
Er war riesig.
Sie stand auf einer Empore, von der eine Treppe hinabführte, deren Ende sich irgendwo in der Ferne verlor. Von der Treppe zweigten Wege ab, nach oben und nach unten und kreuz und quer durch das gewaltige Gewölbe. Durch große Fenster schien das Tageslicht und erleuchtete alles hell.
Die Wege wurden gesäumt von hohen Schränken, die keine Türen zu haben schienen. Darin waren unzählige, eckige Gegenstände aufbewahrt, die sich dicht aneinander schmiegten und die Schränke füllten.
Psyche schritt die Treppe hinab und blickte nach links und rechts. Die eckigen Dinger waren teils handlich, teils aber so dick und schwer, dass sie, vermutete Psyche, unmöglich gehalten werden konnten.
Etwa auf der Mitte der Treppe hielt Psyche an und zog ein Exemplar heraus.
Es war bei weitem nicht so fest, wie es von außen wirkte. Es öffnete sich und fiel flatternd zu Boden. Dort lag es und bewegte sich nicht.
Psyche war erschrocken zurück gesprungen. Nun äugte sie kritisch, bückte sich und hob es wieder auf. Das Ding offenbarte eine stattliche Anzahl viereckiger, dünner Tücher. Allerdings waren sie zu fest, um wirklich als Tücher durchzugehen.
Ein jedes davon aber war bemalt mit kleinen, sorgsam angefertigten Zeichen, die sich auf einmal zu verselbstständigen schienen, die … Psyche erschrak noch einmal … mit ihr sprachen! Die Zeichen formten sich zusammen und sprachen mit ihr! Und Folgendes sagten sie:
„Mr. und Mrs. Dursley, im Ligusterweg Nr. 4, waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein. Sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.
Mr. Dursley war Direktor einer Firma namens Grunnings, die Bohrmaschinen herstellte …“
Kopfschüttelnd klappte Psyche das viereckige Ding zu und stellte es zurück in den Schrank. Was sollte das denn?
Dabei entdeckte sie, dass es auf seiner Rückseite eine kleine Gravur hatte, „Harry Potter“ stand darauf.
Seltsam, dachte Psyche. Auf jedem Ding gab es Zeichen, die sich in ihren Gedanken zu Worten formten.
„Grimms Märchen“
„Der Goldene Esel“
„Die Odyssee“
Die letzten Worte sagten ihr etwas. Es war der Titel einer Geschichte, die der Erzähler am Hofe ihres Vaters sehr oft erzählen musste. Psyche hatte sie geliebt.
Neugierig öffnete Psyche das viereckige Ding namens „Odyssee“. Zunächst erschienen die Zeichen ungeordnet, aber dann verschwammen sie und begannen, auf vertraute Weise von Odysseus und seinen Abenteuern zu erzählen.
Psyche stellte fest, dass die Geschichte in großen Teilen den Worten des Hoferzählers ähnelte. Hier und da wurde ein anderer Name genannt, hier und da fehlte etwas oder war hinzugekommen. Im Großen und Ganzen aber war es exakt die Geschichte, die der weißhaarige Mann am Hofe ihres Vaters so spannend zu berichten wusste.
Nach einer Weile taten Psyche die Beine weh. Sie blickte umher und fand ein kleines Sofa, das direkt am Fenster stand. Psyche setzte sich und nahm die Zeichen auf. Sie fühlte sich geborgen und wohl, fast so, als wäre sie wieder ein Kind und würde zu den Füßen ihrer älteren Schwestern spielend, den Worten des greisen Erzählers lauschen. Das war eine Zeit, in der sich Psyche noch nicht verschleiern musste, in der es keine Sorgen und Probleme gab, eine Zeit, die Psyche warm umhüllte, bis sich Dunkelheit über die Zeichen legte und Psyche erschrocken feststellte, dass sie den Weg zurück in ihr Zimmer unmöglich alleine finden würde.

Amor tastete sich vorsichtig durch die dunklen Gänge des Schlosses.
„Psyche?“, rief er. Und noch einmal „Psyche?“
„Hier bin ich“, hörte er Psyches Stimme aus einiger Ferne. Schritt für Schritt bewegte sich Amor in die Richtung, aus der die Worte ertönten. Er ärgerte sich über die Dunkelheit, wusste aber, dass dies die einzige Möglichkeit war, um überhaupt in Psyches Nähe zu sein.
Irgendetwas ging klirrend zu Bruch und Amor schnaufte verächtlich. Dann stieß er sich den Kopf an einer Tür.
„Au!“
„Hier!“, rief Psyche. Sie klang etwas verzweifelt, fand Amor.
Er erspürte die Klinke, drückte sie nach unten. Es musste die Bibliothek sein, wenn ihn seine Sinne nicht betrogen. Hier gab es viele Treppen, Sitzmöbel und andere Stolperfallen. Irgendwie schaffte er es, sich die Treppe hinunter zu tasten.
„Guten Abend, Psyche“, sagte Amor und setzte sich auf den nächstbesten Stuhl, der ihm in den Weg kam.
„Wie gut, dass du da bist“, sagte Psyche. „Ich habe hier völlig die Zeit vergessen und weiß gar nicht mehr, wie ich hier rauskomme!“
Amor grinste. „Klar, stets zu Diensten!“
Er konnte Psyches Atem hören. Es klang so lieblich, wenn sie die Luft bewegte. Er musste mit der Prinzessin reden, aber das hatte vielleicht noch ein bisschen Zeit.
„Hier, nehmt meine Hand“, sagte Amor, so galant er es vermochte.
Er fühlte, wie sich Psyches Finger in seine Handfläche legten. Täuschte er sich oder hatte sie den Ring angelegt?
„Und jetzt folgt mir!“
Mit stolzgeschwellter Brust führte Amor Psyche aus der Bibliothek. Wie durch ein Wunder fand er den Weg, ohne dass etwas zu Bruch ging.
„Danke!“, hauchte Psyche, als sie auf ihrem Bett Platz nahm.
Okay, dachte Amor. Jetzt muss ich es ihr sagen. Aber wie? Und was? Und, ach, Psyche …
„Was ist das überhaupt für ein wunderbarer Ort, an dem ich mich verloren habe?“, unterbrach Psyche seine Gedanken.
Amor setzte sich auf das Bett.
„Das ist eine Bibliothek.“
„Eine Bebilo… – was?“
„Bibliothek.“ Amor kratzte sich am Kopf. „Als ich das Schloss gemacht habe, da habe ich versucht, einen Ort zu erschaffen, der dir jeden Wunsch von den Augen abliest. Magst du Erzählungen?“
„Ja“, sagte Psyche verwundert. „Aber ich dachte, dass es dafür Erzähler braucht und nicht solche kleinen, viereckigen Dinger …“
„Viereckigen Dinger?“
„Ja“, sagte Psyche. „Mit Tüchern … oder sowas … da drin.“
„Oh“, sagte Amor. „Vielleicht Schriftrollen?“
„Nein“, sagte Psyche. „Aber es ähnelt dem schon sehr. Eine kompaktere Version einer Schriftrolle, könnte man sagen. Ich wusste nicht, dass es so viele gibt“, sagte Psyche erregt. „Aber … ich mag die Geschichten darin. Das heißt, wenn ich sie verstehe. Die Geschichten erzählten von „Fabriken“ und „Bohrmaschinen“. Ich kann mir nichts darunter vorstellen … du?“
„Nun“, begann Amor, „das weiß ich auch nicht. Vielleicht ist da etwas durcheinander geraten.“
Er biss sich auf die Lippe. Wahrscheinlich, vermutete er, hatte er es beim Bau des Schlosses etwas übertrieben. Möglicherweise waren verschiedene Zeiten durcheinander geraten. Das war überhaupt nicht gut!
Amor schüttelte den Gedanken ab.
„Also, äh, Psyche, hör mal, wir müssen reden …“
„Ja, unbedingt müssen wir reden!“, fiel Psyche ihm ins Wort. „Oh mein Gott, ich kann dir gar nicht sagen, wie … wie gut ich mich fühle! Ich glaube zwar immer noch, dass ich träume, aber, wenn ich ehrlich bin, ich habe mich noch nie so wohl gefühlt und ich würde diesen Traum gerne weiter träumen.“
„Psyche …“, versuchte es Amor.
„Nein, warte“, sagte Psyche. „Das alles ist so unglaublich, weißt du, so unglaublich, aber auch so gut! Ich freu mich so sehr, dass ich an einen solchen Ort gelangt bin. Gestern gab es leckeres Essen. Heute war ich in dieser, in dieser … Bibliothek. Ich wusste nicht mal, dass es einen solchen Ort gibt. Dort liegen so viele Geschichten. Viele von denen verstehe ich nicht, aber es ist, es ist einfach großartig! Und deswegen, liebes Untier, möchte ich Dir danken! Und wenn du mich heiraten willst, oder was auch immer, ich sage: Ja.“
Amor schluckte schwer.
„Zumal du ja eh nur ein Traumgespinst bist …“, fügte Psyche kichernd hinzu. Sie stand auf und hüpfte durch den dunklen Raum.
„Psyche, jetzt lass mich auch mal was sagen …“, bat Amor.
„Wieso, was gibt es da noch zu sagen?“, fragte Psyche und versuchte Amor, vom Bett zu ziehen. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie immer noch …, das habe ich heute gelesen. Tanz mit mir! So funktioniert das doch!“
„Psyche …“ Amors Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Es konnte nicht wahr sein. Die Worte, die er sich gestern noch so sehr gewünscht hatte, sprach sie heute aus. Doch er konnte nicht so einfach mit ihr tanzen.
„Psyche, warte. Das, was du tust, das, was wir tun … es ist gefährlich. Ich möchte dich nicht verletzten. Und das könnte geschehen.
„Wie soll das geschehen?“, fragte Psyche lachend. „Ich träume doch nur!“
„Nein, das tust du nicht“, sagte Amor, bezweifelte aber, dass Psyche ihm glaubte.
„Also keine Hochzeit?“, fragte Psyche.
„Ja“, sagte Amor und war froh, dass Psyche nicht sehen konnte, wie er errötete.
„Dann … Freunde?“, fragte Psyche.
„Na ja“, sagte Amor. „Freunde reden miteinander, helfen sich, machen so dies und das … manchmal ärgern sie sich auch … aber auf jeden Fall ist es nicht ganz so gefährlich, wie eine Beziehung.“
„Okay“, sagte Psyche. „Das ist wirklich der verrückteste Traum, den ich je hatte! Lass uns also Freunde sein.“
„Äh … okay!“, rief Amor, allerdings spürte er einen Stich der Enttäuschung, dass Psyche überhaupt keine Bedenken hatte, ihn nicht zu heiraten.
„Morgen Abend kann ich übrigens nicht kommen“, sagte Amor.
„Macht nichts“, sagte Psyche. „Ich versuche, mich dann morgen nicht zu verlaufen.“
„Gut“, sagte Amor trocken. „Dir macht es also gar nichts aus?“
„Nein“, sagte Psyche. „Warum sollte es?“
„Ach, ich dachte nur …“, sagte Amor. Die Enttäuschung stach tiefer.
„Ich bin im schönsten Schloss, mit den besten Geschichten, dem leckersten Essen … ich könnte Jahrzehnte hier verbringen, ganz alleine …“
„Dann hast du bestimmt nichts dagegen, wenn ich jetzt schon gehe“, fauchte Amor und rannte wütend aus dem Schloss.

Der Kuss

Amor fühlte sich bestens vorbereitet. Er hatte den perfekten Köder gefunden. Es gab nichts, das eine Erdenfrau mehr faszinierte als dieses winzige Etwas. Amor wusste zwar nicht, warum gerade dieses Objekt so anziehend wirkte, allerdings musste er zugeben, dass es sich sehr angenehm anfühlte.
Vorsichtig tapste er durch das dunkle Schloss. Es war finster wie die Nacht, genauso wie er es geplant hatte.
In der Hand hielt er das kleine Ding, das ihm als Köder dienen würde. Daran befestigt war eine lange, dünne Kette. Sobald die Prinzessin danach schnappte, würde er sie an sich ziehen und dann …
Der Gedanke verursachte ein prickelndes Gefühl in seinem Bauch.
Amor grinste glücklich.

Voller Angst lauschte Psyche. Gewiss war es das Ungeheuer, das sich dort im Flug bewegte. Oh, sie war so dumm! Den ganzen Tag über hatte sie die Bedrohung ignoriert, nur ab und zu war die Erkenntnis wie ein Schrecken über sie gefallen. Aber gleich darauf hatte sie sich einlullen lassen von all den Wunderdingen dieses Schlosses. Wenn sie doch geflohen wäre! Jetzt war es zu spät. Sie konnte nichts mehr tun.
Die Schritte näherten sich.
Psyche umklammerte die Vase. Sie würde sich nicht kampflos ergeben. Im Raum war es stockfinster. Sollte sie sich verstecken? Würde ihre Hässlichkeit sie schützen? Konnte das Ungeheuer in der Dunkelheit sehen?
„Oh Mist!“, rief da eine Stimme und etwas im Flur ging klirrend zu Bruch.
Das Ungeheuer war also genauso blind wie sie, schloss Psyche. Nicht einmal ihre Hässlichkeit würde sie retten. Psyches Herzschlag übertönte fast das leise Knarren der Tür. Sie hielt den Atem an.
Mit einem leise „Pling“ landete etwas auf dem Boden. Direkt neben ihr. Ein feines, schleifendes Geräusch ertönte. Psyche hielt sich schützend den Arm vors Gesicht und erwartete das Schlimmste.
Das schleifende Geräusch wiederholte sich. Ruckartig. Oder war es vielmehr ein Klingen? Weiter geschah nichts. Kein hereinstürmendes Ungetüm, kein Angriff.
Psyche nahm wahr, dass ihre Finger schmerzten. So fest hielt sie die Vase umklammert.
Und wieder ertönte ein klingendes Geräusch.
Stirnrunzelnd hockte sich Psyche auf den Boden und stellte die Vase ab.
„Wer ist da?“, flüsterte sie.
Keine Antwort. Dafür aber bewegte sich das Klingen jetzt schnell springend fort. Psyche griff danach und fühlte etwas Kleines, Rundes, das in der Mitte ein Loch hatte.
„Ein Ring“, stellte Psyche verwundert fest. Was sollte das denn?
Sie bemerkte, dass an dem Ring noch etwas befestigt war. Es war hauchdünn, fast nicht zu spüren, vielleicht ein Spinnengewebe, nein, dafür war es zu fest. Was war es?
Mit einem Ruck wurde Psyche fortgezogen und fand sich im selben Moment wieder in einer Umarmung, gepresst an einen Körper, von dem ein so betörender Duft ausging, dass ihr Schrecken sich mit einem Atemzug verlor.
„Du gehörst jetzt mir“, flüsterte eine Stimme in ihr Ohr.
Dann spürte sie einen weichen Mund auf ihren Lippen. Der Geruch war noch stärker als zuvor, er vernebelte ihren Geist.

„Was tu ich hier?“, fragte sich Psyche. Ich küsse. Wie denn? Ich küsse? Ist das eine Zunge? Wie soll ich die Lippen bewegen? Wie atmen? Küssen. Es funktionierte einfach so. Seltsam. Und irgendwie …
Bevor sich Psyche völlig verlor, löste sie ihre Lippen.
„Wow“, sagte die fremde Stimme. „Das ist ja besser als fliegen.“
Psyche versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. „Fliegen?“
„Klar! Ich zeig es dir!“
Sogleich wurde Psyche hochgehoben und spürte für einen kurzen Moment, wie sie in den Armen des Fremden tatsächlich flog.
Dann stieß er sich den Kopf an der Decke und beide fielen unsanft zu Boden. Direkt neben die Blumenvase. „Hatschi!“, schnaubte Psyche.
„Wer –hatschi- oder was bist du überhaupt?“, brachte Psyche zwischen ihrem Nießen hervor.
„Das ist doch nicht wichtig!“, sagte der Fremde und lachte. „Lass uns lieber noch einmal küssen!“
Psyche musste wieder niesen. Sie brauchte unbedingt ein Tuch, um sich die Nase zu schnäuzen.
„Moment mal …“, sagte sie und tastete in der Dunkelheit. „Warum ist das hier so finster?“, murrte sie. „Gibt es keine Fackeln?“
„Nein!“, sagte der Fremde. „Das habe ich extra so eingerichtet!“
Psyche erspürte das Laken und schnäuzte sich die Nase. Der Fremde rückte an sie heran. „Sowas passiert mir öfter. Ich meine, dass ich mich irgendwo stoße. Aber ich bin auch selbstbewusst. Und behaart. Und ich möchte dich noch einmal küssen. Ich liebe dich nämlich!“
Psyche wischte sich die tränenden Augen und rückte weg. „Ich … ich muss nachdenken“, sagte sie. „Das ist alles so … verwirrend!“
„Dann … äh … klar, denke! Du kannst alles denken und mir dann alles sagen, Psyche. Das ist so, wenn man sich liebt.“
Der Fremde versuchte, ihre Hand zu finden. Psyche zog sie vorsichtig zurück. Was war das für ein Wesen? So etwas hatte sie noch nie erlebt. Hatte es gerade gesagt, dass es sie liebte?
„Du sprichst von Liebe?“, fragte Psyche. „Ist das dein Ernst?“
„Ich schwöre es bei meinem Leben!“
„Bis vor ein paar Minuten habe ich noch gedacht, du willst mich töten …“
„Wie bitte?“ Die Stimme klang ehrlich entsetzt. „Warum hast du das gedacht? Was hätte ich tun können, es zu verhindern? War etwas nicht zu deiner Zufriedenheit?“
Psyche erinnerte einzelne Bilder des Tages. Der leckere Kuchen, das schaumige Bad …
„Nein, es war alles … gut. Aber ich wusste nicht, was mich erwartet.“
„Es tut mir leid“, gab die Stimme zu. „Daran habe ich nicht gedacht.“
„Wer oder was bist du?“, beharrte Psyche.
„Ich kann es dir nicht sagen. Ich werde alles tun, alles, was du willst, aber das kann ich dir nicht sagen.“
„Warum nicht?“
„Es geht nicht. Psyche, bitte, frag nicht weiter. Ich … ich liebe dich!“
Das fremde Wesen machte den Versuch, sich ihr wieder zu nähern. Sein Geruch war einfach zu gut. Psyche hielt sich die Nase zu, bevor sie wieder den Verstand verlor.
„Gut, dann sage mir, was dieses Schloss ist. Ich habe so etwas noch nie gesehen.“
„Es ist ein Traumschloss. Ich habe es für dich erschaffen.“
„Das ist unmöglich!“
„Gefällt es dir nicht?“
„Darum geht es nicht!“, rief Psyche aufgebracht. „Das alles kann einfach nicht wahr sein!“
„Wieso sagst du so etwas?“, fragte die Stimme. „Es ist wahr, warum glaubst du das nicht?“
Das fremde Wesen sprach auf einmal ganz leise. „Du hast den Köder gefunden. Du hast den Ring … Komm zu mir, bitte!“
Es klang so verzweifelt, dass Psyche einen Moment stutzig wurde.
„Wieso?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht …“, sagte das Wesen und Psyche konnte hören, wie die Stimme leicht zitterte: „Liebst du mich denn nicht?“
Psyche schüttelte den Kopf. Das alles war viel zu absurd, um wahr zu sein. Aber wie verrückt sie auch geworden war, sie wollte niemandem eine Erklärung schuldig bleiben.
Also sagte sie:
„Ich weiß doch überhaupt nicht, wer oder was du bist. Ich kenne dich nicht. Um jemanden zu lieben … das dauert. Das ist nicht einfach so da. Glaube ich zumindest. Und all diese Dinge hier … wahrscheinlich träume ich nur. Das ist ein Trugschloss, es wird zerplatzen, sobald ich die Augen öffne. Außerdem ist es stockfinster. Wenn du mich sehen würdest, dann würdest du … “
„Ich habe dich gesehen“, unterbrach das Wesen ihre Gedanken. „Und im selben Moment habe ich mich in dich verliebt.“
„Ha!“, Psyche lachte trocken auf. „Ich wusste, dass hier etwas nicht stimmt. Das kann unmöglich sein! Niemand würde das tun. Keiner. Verstehst du? Irgendwas läuft hier gehörig schief, ich bin doch nicht bescheuert. Vielleicht ist das ein lange gehegter Plan … irgendwas Gemeines. Oder ich bin einfach nur verrückt geworden. Ich bin verrückt geworden …“

Amor versuchte ein paar Mal, Psyche zu beruhigen, aber sie schien ihn nicht zu hören. Also verließ er schlurfend das Zimmer. Er war so betrübt, dass er nicht einmal fliegen konnte. Auf seinem Weg stieß er gegen so ziemlich jede Vase und jede Kostbarkeit, die im Schloss aufgestellt war. Klirrend zerbrachen sie auf dem Boden. Egal. Egal. Es war ihm egal.
Was hatte er falsch gemacht? Der Kuss war das Schönste, was er bisher erlebt hatte. Psyches Lippen hatten sich so wundervoll angefühlt, einfach perfekt, und doch, nur einen Moment später, hatten diese harten Worte sie verlassen. Worte, die ihn getroffen hatten, wie Steine.
Er hatte alles so gemacht, wie Apollo es gesagt hatte. Aber er hatte versagt. Psyche würde ihn niemals lieben. Der Pfeil würde seine Wirkung nur tun, wenn sie ihn sah. Und das war unmöglich.
Er musste etwas tun! Er konnte ohne Psyche nicht leben. Dieser Kuss … und hatte sie ihn nicht erwidert? Hatte sie sich nicht an ihn geklammert, ja, ihn umarmt, ein wenig festgehalten, wenigstens ebenfalls berührt?
Hinter Amor schlossen sich die großen Flügeltüren. Am Himmel zeigte sich der Mond. Er machte ein trauriges Gesicht, fand Amor. Es war Vollmond und keine günstige Zeit, um Diana einen Besuch abzustatten, aber er brauchte ihren Rat. Er hatte etwas falsch gemacht, aber er wusste nicht, was es war. Er brauchte den Rat einer Frau. Und dann dachte er wieder an diesen Kuss. Dieser Kuss …

Schuld und Sühne

„Psyche!“, „Psyche!“, hörte sie ihren Namen. War das Gorda, die da sprach?
Psyche schlug die Augen auf. Sie saß auf einem Stuhl an der Tafel im Thronsaal. Durch den Schleier sah sie Gorda über ein geöffnetes Fläschchen fächeln, aus dem ein herber Duft strömte. Langsam drehte Psyche den Kopf zur Seite.
Am anderen Ende des Tisches erkannte sie den König und die Königin. Tessa schenkte dem König gerade Wein ein und Psyches erster klarer Gedanke war, warum das nicht, wie üblich, eine Sklavin erledigte.
„Wo sind die Diener?“, murmelte Psyche verwirrt.
„Sie ist wach!“, rief Gorda.
Augenblicklich drehten der König und die Königin sich in Psyches Richtung.
„Psyche, kannst du mich hören?“, fragte der König über die Tafel hinweg.
Psyche nickte.
„Kannst du sprechen?“
„Ja“, hauchte Psyche.
Der König nahm einen kräftigen Schluck Wein. Er wischte sich die Tropfen vom Bart, faltete die Hände und blickte Psyche ernst an.
„Wir haben nicht viel Zeit. Ich muss mit dir reden. Mit euch allen muss ich reden. Die Diener dürfen rein gar nichts davon zu Ohren bekommen, deshalb habe ich sie weggeschickt.“
Er machte eine bedeutungsschwere Pause und fuhr dann fort:
„Eure Mutter hat mir berichtet von eurem Versuch, einen Ehemann für dich zu finden. Wenngleich ich die Entscheidung nicht gut heiße, so kann ich sie dennoch verstehen.“
Die Königin drückte die Hand ihres Mannes. „Es war nur zu Psyches Bestem. Zum Besten für uns alle. Und fast hätte es geklappt …“
Der König nickte seiner Gattin zu. „Unter den gegebenen Umständen ist es …“
Der König brach ab und räusperte sich. In seinem Blick lag etwas, das Psyche nur schwer zu deuten vermochte. Dunkle Schatten überzogen seine Augen.
„Oh Psyche, warum nur hast du den Prinzen verscheucht?“, fragte die Königin anklagend.
Psyche war froh um ihren Schleier, denn niemand konnte sehen, wie sie errötete. Die Erinnerung an das Geschehene war ihr schmerzhaft peinlich.
Stockend berichtete sie von ihrem Erlebnis mit Aktaion.
Die Königin wurde blass. Tessa und Gorda sahen sich entsetzt an. Nur der König zeigte unter seinem Bart so etwas wie ein Schmunzeln. „Du hast es ihm gezeigt, würde ich sagen.“
Psyche nickte, erleichtert und erstaunt darüber, dass ihr Vater so reagierte.
„Hätte ich das gewusst, oh ihr Götter, was habe ich nur getan?“, stammelte die Königin.
„Lasst gut sein“, sagte der König. „Wir alle machen Fehler.“
Die Königin blickte ihren Mann zweifelnd an. „Was ist bloß los mit Euch?“, fragte sie. „Ich habe die Ehre unserer Tochter aufs Spiel gesetzt und Ihr … verzeiht das einfach so?“
Das Weinglas knackste. So fest wurde es von den Fingern des Königs umschlossen.
„Ich hatte euch nicht über den Grund meiner Reise informiert. So wisst nun, dass auch ich über Psyches … Situation … besorgt war. Ich wollte in Erfahrung bringen, welche Ursache es hat, dass sie keinen Ehemann findet.“
„Wo wart Ihr?“, „Warum ist das so?“, „Habt Ihr etwas herausgefunden?“
Gorda, Tessa und die Königin bestürmten den König mit Fragen. Psyche hingegen hatte ein ganz seltsames Gefühl. Am liebsten wäre sie einfach verschwunden, doch wie angeklebt blieb sie auf ihrem Stuhl sitzen und krallte die Nägel in die Lehnen.
„Ich habe einen Ehemann für Psyche gefunden.“
Die Aussage des Königs ließ alle Fragen verstummen. Einen Moment lang herrschte Totenstille.
Dann begann die Königin mit zitternder Stimme: „Das ist ja gro… großartig!“
„Wer ist es?“, wollte Tessa wissen.
Doch der König hob abwehrend die Hand.
„Es ist kein Grund zur Freude. Dennoch hoffe ich, dass …“
Er brach wieder ab.
„Vater, wo wart Ihr?“, fragte Gorda langsam.
Der König senkte den Blick.
„Ich war beim Orakel in Milet. Es soll angeblich eines der Besten sein. Das Orakel vom Sonnengott Apollo. Dort habe ich geopfert, heilige Rituale vollzogen und wurde von den Priestern in den Raum geführt, wo ich meine Frage stellen konnte.“
Psyche lauschte den Worten ihres Vater, die so unwirklich klangen, dass sie kaum zu glauben waren. Ihr Vater hatte niemals viel auf Götter oder Orakel gegeben. Es musste schlimm um sie bestellte sein, wenn der König ihretwegen einen solchen Ort aufgesucht hatte.
„Das Orakel gab mit folgende Antwort“, sagte der König:
» Stelle die Maid auf des Berges ragenden Gipfel,
Düsteren Schmuck des Grabs gib ihr als bräutlich Gewand.
Nimmer erwarte, dir werde zum Eidam ein sterblich Gebor’ner:
Grausam ist er und wild, giftig, ein böser Gesell.
Hoch zu dem Aether schwebt er, das All sucht heim er mit Plagen,
Jegliches Wesen der Welt lähmt er mit Feuer und Schwert.
Jupiter selbst erzittert vor ihm, er schreckt die Dämonen,
Furchtbar steigt er ins Meer und in die höllische Nacht.«

Die Worte haben sich eingebrannt“, schloss der König. „Hier.“
Er tippte mit einem Finger an seine Stirn. „Und hier.“ Er fasste sich an die Brust. „Was war ich für ein Narr, die Götter um Hilfe zu bitten. Psyche, es tut mir so leid.“
„Was hat das alles zu bedeuten?“, rief die Königin aufgebracht. „Kein sterblicher `Eidam`?“
„Es bedeutet“, sagte Tessa leise, „dass Psyches Ehemann kein Mensch sein wird. Eidam ist ein altes Wort für Bräutigam.“
„Kein Mensch …“, wiederholte die Königin ungläubig. „Sondern ein schreckliches, böses Ungeheuer? Das darf nicht wahr sein!“
Gorda traten Tränen in die Augen. Eilig lief sie zu Psyche, umarmte ihre Schwester und schluchzte.
Psyche fühlte sich, als wäre die Welt um sie herum auf einmal von einer dichten Wolke vernebelt. „Wann…“, hörte sie sich selbst fragen.
„Schon morgen, mein Kind“, sprach der König mit Grabesstimme.
„Warum …“
„Weil es eine Strafe ist.“
Ein wisperndes „Wofür?“ verließ Psyches Lippen.
„Für unredliches Verhalten, dafür, dass du dich wie eine Göttin verhälst.“
„Wie bitte?“, fauchte Tessa. „Das stimmt nicht! Das ist ein Missverständnis! Psyche ist keine Göttin und sie verhält sich auch nicht so!“
Der König blickte zweifelnd in die Richtung seiner Gattin.
„Oh nein!“, rief die Königin. „Das kann nicht der Ernst dieses Orakels sein!“
„Ihr seht, wie ernst es ist.“
„Ihr seid uns wohl eine Erklärung schuldig!“ Tessa stemmte die Hände in die Hüften. „Was ist hier vorgefallen?“
Die Königin schüttelte energisch ihr Haupt. „Das kann nicht sein … nicht deswegen …“
„Doch“, sagte der König. „Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl bei der Sache. Dieser Orakelspruch ist nun die Quittung.“
„Nun redet endlich!“, rief Tessa aufgebracht. Und auch Gorda trocknete ihre Tränen und warf einen fragenden Blick in die Richtung der Eltern.
„Wir haben …“, hob der König an. „Psyche hat, durch ihr … besonderes Äußeres … die Neugier des Volkes geweckt. Seit einiger Zeit stehen die Menschen tagein, tagaus vor der Burg und wollen sie sehen. Selbstverständlich kriegt sie keiner wirklich zu Gesicht, sie ist immer verschleiert. Und seit ein paar Wochen bringen die Menschen verschiedene Geschenke für Psyche mit.“
„Geschenke?“ Psyche war auf einmal wieder ganz bei sich. „Welche Geschenke?“
„Wir wollten dich nicht beunruhigen“, erklärte die Königin. „Wir haben dir nichts davon gesagt.“
„Was sind das für … Geschenke?“, wollte Tessa wissen.
„Nichts Besonderes …“, versuchte die Königin auszuweichen.
„Nun sagt schon, oder ich werde es euch aus der Nase ziehen!“
Der König schenkte sich Wein nach, trank einen Schluck und seufzte. „Was macht das schon … Was macht das schon in Anbetracht dieses Urteils. Erzählt es ihnen. Erzähle alles.“
Die Königin bedachte ihren Mann mit einem traurigen Blick.
„Getreide, Gold und Silber – sehr kleine Mengen wohlgemerkt, Wein, Gewürze, Kräuter, Fleisch …“
„Das sind Gaben für die Götter!“, keuchte Gorda entsetzt.
„Richtig“, sagte die Königin. „Genauso aber sind es Dinge, die wir gut brauchen können. Die Dürre hat uns eine sehr magere Ernte beschert. Es gibt so viele Menschen im Reich, die Hunger leiden.“
Tränen rannen der Königin übers Gesicht, als sie zu Ende gesprochen hatte.
Der König fasste sich an die Stirn. „Nie hätte ich gedacht, dass es so weit kommen würde. Es tut mir so leid.“
Psyche erhob sich und ihr war, als ob sich alles um sie herum zu drehen begann. Sie musste sich an der Stuhllehne festhalten. Ungekannte Wut durchflutete sie, stärker als die Angst, die sie noch vor ein paar Stunden verspürt hatte.
„Ihr habt mich benutzt!“, rief sie zornig. „Ihr, meine eigenen Eltern! Was bin ich für euch? Oh, ich kann es euch sagen: eine hässliche Witzfigur, die keinen Mann abkriegt, die man zur Schau stellen kann! Mit der man die Staatskasse aufpoliert!
Und jetzt tut es euch also leid. Hättet ihr nur einen Moment früher daran gedacht, wie frevelhaft euer Verhalten war! Jetzt ist es zu spät … Oh, lieber vermähle ich mich mit einem Ungeheuer, als weiter in eurer Gegenwart zu weilen! Lasst mich bloß in Ruhe!“
Auf dem Absatz machte Psyche kehrt und rannte in ihre Gemächer. Tausend Gedanken mischten sich in den rotglühenden Zorn, zu schnell flogen sie dahin, waren nicht greifbar. Psyche starrte in die Dunkelheit der Nacht, während ihr Herz raste. Tessa und Gorda schickte sie fauchend fort. Sie ignorierte die Mutter, die leise schluchzend an ihre Tür pochte. Irgendwann hörte sie die Schritte des Königs vor ihrem Gemach stoppen, doch der Vater wagte nicht zu klopfen.
Als die ersten Sonnenstrahlen das Zimmer erhellten, wurde Psyche von der Trauer über den Verlust ihres ungelebten, ungeliebten Lebens überwältigt.
Heute würde sie sterben.