Ovid

Heute geht es mal weniger um Mythen und Götter als vielmehr um einen Menschen, der vieles davon aufgeschrieben hat.

Sein Name war Publius Ovidius Naso und gerade bei letzterem Namen fragt man sich – zu Recht –, ob er ihn aufgrund seiner Nase bekommen hat.

Selfhtml By AuréolaOwn work, Public Domain, Link

Ovid wurde 43. v. Chr. in Sulmo (ca. 100 km entfernt von Rom) geboren, er starb – wahrscheinlich – im Jahr 17. n. Chr. in Tomis. Seine Eltern gehörten dem Ritterstand an und Ovid wurde eine klassische Ausbildung zuteil, die unter anderem auch Bildungsreisen nach Griechenland beinhalteten.
Eigentlich sollte er wohl eine eher politische Laufbahn einschlagen, aber die Liebe zu den Worten führte ihn schnell in den Autorenkreis rund um den reichen Kunstpatron Messalla (Marcus Valerius Messalla Corvinus).
Mit etwa 35 Jahren war er, nach der Veröffentlichung seines Werkes „Amores“ einer der meistgefeierten Dichter des antiken Roms.

Die Autoren damals schrieben nämlich keine Prosa sondern Verse, – also Dichtung. Diese Gedichte reimten sich aber nicht wie bei uns heute, sondern wurden in einer Art Singsang vorgetragen. Wie das klingt, kann man ganz wunderbar in diesem Video hören, das die lateinische Metrik (bzw. einen Teil davon, das sogenannte „elegische Distichon“) thematisiert. (Ich komm übrigens auch drin vor, -mit dem Käpppi der 10. Saturnalien. 🙂 )

Der Ganam-Style-Song thematisiert den Anfang der Amores, in dem Ovid beschreibt, dass er eigentlich im sogenannten Versmaß Hexameter dichten wollte – und zwar Kriegsgeschichten – , dann aber Cupido kam (also Amor) und ihm einfach einen Fuß vom letzten Vers geklaut habe. So entstand – laut Ovid – der Pentameter.
Hexameter und Pentameter ergeben im Wechsel das „elegische Distichon“, das typisch ist für die römische Liebeslyrik. – Danke Cupido! 😉

Ovids Werke haben die gesamte europäische Literatur irgendwie beeinflusst, darunter auch so berühmte Leute wie z.B. Shakespeare – man denke z.B. an den “Mitsommernachtstraum”. Auch sein Gönner Messalla wurde im 17. Jahrhundert noch auf der Giebelfassade des Palastes der polnischen Adelsfamilie Krasinski verewigt. Messalla war sowohl ein Förderer der Künste als auch jemand, der sich in der Politik und im Krieg hervorgetan hatte. Im Kreis um Messalla fanden sich so bekannte Persönlichkeiten wie Horaz (Carpe Diem) oder Tibull. Bevor Ovid ein berühmter Dichter wurde, befand sich das Römische Reich eigentlich permanent in irgendwelchen Aufständen und/oder Bürgerkriegen, die erst 31. v. Chr. in der Schlacht bei Actium ihr Ende fanden. Ovid war damals erst 12 Jahre alt.

Selfhtml Mittsommernachtstraum. By Fuseli, Henry, 1741-1825, artist. Simon, John Peter, 1764?–c.1810, engraver. – Library of Congress[1], Public Domain, Link

Selfhtml Messalla Relief. By MMOwn work (Original text: Self made photo), Public Domain, Link

Ovids Förderer Messalla war eigentlich ein Befürworter der Republik, also jemand, der sich für eine weitgehend demokratische Ordnung einsetzte und dafür kämpfte, allerdings wechselte er irgendwann die Seiten und unterstützte Kaiser Augustus, für den er auch den Titel „pater patriae“ (Vater des Vaterlandes) ersann.
Die, die damals miteinander kämpften, kann man grob in zwei Gruppen einteilen: die einen wollten mehr Mitbestimmungsrecht für das Volk (Populare), die anderen wollten die bestehenden politischen Institutionen so beibehalten (Optimaten). Raus kam dann, nach einigem Hin und Her, was ganz Neues.

Selfhtml Kaiser Augustus. By Alexander Z.Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Augustus war jemand, der sich in direkter Nachfolge von Gaius Iulius Caesar sah (er war auch sein Adoptivsohn). Er erfand das Kaiseramt sozusagen und erschuf damit eine Art Ehrenamt, um an seinen Adoptivvater zu erinnern (der Begriff Kaiser leitet sich ab von „Caesar“). Er machte es so: die Strukturen der Republik (Senat, Volksversammlung, Magistraten) ließ er bestehen, besetzte aber alles mit seinen eigenen Leuten. Es führt nicht zu weit zu behaupten, dass Augustus im Prinzip eine Diktatur errichtete.
Allerdings eine Diktatur, die – nachdem ein paar Köpfe rollten – den Römern eine lange Friedenszeit brachte. Man sprach schon damals von der sogenannten „pax augusta“, dem Augustusfrieden.

Selfhtml Augustusbogen in Rimini. Ältester erhaltener Triumphbogen, (ca. 27. v. Chr.) By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – Arch of Augustus at Ariminum, dedicated to the Emperor Augustus by the Roman Senate in 27 BC, the oldest Roman arch which survives, Rimini, Italy, CC BY-SA 2.0, Link

Ovid also blieb vom Krieg – anders als viele römische Autoren vor ihm – weitgehend verschont und konnte sich voll und ganz seinem literarischen Schaffen widmen. Zumindest bis zu dem Tag, als er mit dem Diktatorenkaiser aneinander geriet.

Zuvor jedoch hielt er sich nicht nur im Dichterkreis und Messalla auf, sondern es gab noch andere Autorengruppen in Rom, die unterschiedliche Förderer hatten, so auch jemanden mit dem Namen „Maecenas“ (Gaius Cilnius Maecenas, auch Mäcenas).  Sein Name hat die Jahrhunderte in etwas abgewandelter Form überdauert, nennt man doch noch heute einen Kunstförderer auch „Mäzen“. Maecenas war ebenfalls politisch unterwegs, kämpfte in vielen Schlachten und beriet dann in seinen letzten Lebensjahren den jungen Kaiser Augustus in politischen Fragen.

Kaiser Augustus ist übrigens der Kaiser, von dem auch in der Weihnachtsgeschichte die Rede ist, die man jedes Jahr in der Kirche hört, sofern aus dem Lukasevangelium vorgelesen wird. Ich zitiere:

„1 Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war. 3 Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.
4 Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5 auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ward schwanger.“ (Lk 2, 1-5)

Selfhtml Allerdings dauert es von da an noch 300 Jahre, bis sich das Christentum in Rom etabliert. By Unknown Master, Bohemian (active around 1430 in Vyssi Brod)Web Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link

Die Zeit um das Jahr 0 war also in vielerlei Hinsicht besonders. Historisch, politisch, religiös … und eben auch kulturell-künstlerisch. Das sieht man auch mit Blick auf folgende, die Zeit überdauernde, Zitate:

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. +++ Gut Ding will Weile haben. +++ Im Dunkeln ist gut munkeln. +++ Steter Tropfen höhlt den Stein. +++ Doppelt hält besser. +++ Gegen die Liebe ist kein Kraut gewachsen. +++ Wie du mir, so ich dir. +++ Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. +++ Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. +++ Jedes Ding hat zwei Seiten. +++ Aller Anfang ist schwer. +++ Einmal ist keinmal. +++ Man muß das Eisen schmieden, solange es heiß ist. +++ Was lange währt, wird endlich gut. +++ Nachts sind alle Katzen grau. +++ Von nichts kommt nichts. +++ Wehre den Anfängen! Zu spät wird die Medizin bereitet, wenn die Übel durch langes Zögern erstarkt sind. Quelle: https://www.aphorismen.de/suche?f_autor=2850_Ovid (Seite 1ff.)

Ich war selber ein wenig überrascht, als ich es entdeckte, denn: alle diese – ich sage jetzt mal etwas salopp – „Binsenweisheiten“ stammen von Ovid. Wer bei Facebook ist, wird ein paar davon in den letzten Tage auf meiner Seite gelesen haben.

Die Sinnsprüche entstammen natürlich seinen literarischen Werken, die sich in drei relativ klar voneinander getrennte Phasen einteilen lassen, die sich sogar reimen: 1. Liebe, 2. Sage, 3. Klage.

Zur Liebesdichtung gehören die oben erwähnte „Amores“, darin geht es um Liebe und was dieses Gefühl mit einem macht, dann die „Ars Amatoria“, ein etwas praktischeres Werk – z.B. wie man ein Mädchen für sich gewinnt -, die „Remedia Amoris“, Heilmittel und Tipps gegen Liebeskummer, und auch solche lustigen Titel wie „De Medicamine Faciei“ – ein Buch über Schönheitsmittel. Er schreibt in dieser Phase auch fiktive Liebesbriefe antiker Heldinnen, z.B. Dido (Freundin von Aeneas), Penelope (Frau von Odysseus) und anderen … Ein Welt-Reporter betitelte Ovid jüngst als “Roms-Sex-Experten”, womit er vielleicht sogar Recht haben könnte. Ich verlinke euch den Artikel unten.

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By Kempffer – http://gso.gbv.de/, Public Domain, Link

Zur Sagendichtung gehörten vor allem die Metamorphosen, ein sehr großes, umfangreiches Werk mit vielen Bezügen zur Weltentstehung und Mythologie (aus dem ich übrigens auch für Amor und Psyche schöpfe) und die Fasti, – ein römischer Erklärtext zu den zahlreichen Feiertagen, inklusive mythischen Erläuterungen.

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Hier erschaffen Deukalion und Pyrrha nach einer Sintflut gerade neue Menschen. (Metamorphosen, Buch 1) By Scan by Hans jean paul gautier – http://www.latein-pagina.de/ovid_illustrationen/virgil_solis/buch1/vs1_11.htm (see main page), Public Domain, Link

In der letzten Phase, der Klagephase, schrieb Ovid angeblich aus seinem Exil in Tomis, wohin er von Augustus verbannt wurde. Angeblich, denn die neuere Forschung geht davon aus, dass diese Verbannung möglicherweise reine literarische Fiktion war, dass Ovid also gar nicht verbannt wurde.
In den Tristien (Tristia), beschreibt Ovid nämlich die Geschichte eines verbannten Dichters, der Geschichten schreibt. (Schon wieder so ein wenig mise-en-abym-mäßig hier.) Es finden sich auch traurige Briefe, in denen er wieder und wieder betont, wie sehr er Rom vermisst. – Aber ob er wirklich verbannt wurde, wird diskutiert.

Sollte es so gewesen sein, dann ist Ovid hier gelandet.

Konstanza, eine Stadt im heutigen Rumänien, hieß damals noch Tomis und liegt laut GoogleMaps 1709 Kilometer und 321 Stunden Fuß- und Schwimmweg von Rom entfernt. (Mit Schwimmen wahrscheinlich noch längern.)

Es wäre auf jeden Fall ein tragisches Schicksal gewesen, … fernab von Frau, Tochter, Enkelkind(ern), Freunden und der pulsierenden Metropole Rom.

Selfhtml Ovids Verbannung. Turner 1838. By J. M. W. Turner – The Athenaeum (http://www.the-athenaeum.org/art/detail.php?ID=21466), Public Domain, Link

Apropos Frau:
Ovid war drei Mal verheiratet.
In Bezug darauf und mit Blick auf sein Werk kann man wohl behaupten, dass er ein sehr lebensfroher und umtriebiger Mann gewesen sein muss, der auch nicht allzu viel auf Anstand und Moral gegeben hat.

In seinen Liebesbüchern ist immer wieder die Rede von Ehebruch und davon, dass das alles halb so wild sei, wenn man sich nur wirklich liebt. Die Texte, die Ovid schrieb, führten unter anderem auch dazu, dass im – doch eher prüden?- 16. Jahrhundert dieser recht freizügige Holzschnitt mit dem Titel „Ovid und Corinna“ erschien. Corinna ist die Liebste, um die das lyrische Ich (möglicherweise identisch mit Ovid?) in den Amores wirbt.

Selfhtml Public Domain, Link

Möglicherweise war also Ovids lockere Einstellung Augustus ein Dorn im Auge, der zur Zeit seiner Herrschaft die Ehegesetze verschärfte. Augustus führte nämlich eine „Ehepflicht“ ein. Alle Eheleute mit Kindern wurden begünstigt (zum Beispiel kamen sie schneller in wichtige Ämter). Wer nicht verheiratet war, musste Gebühren bezahlen. Grund dafür war, dass nur eheliche Kinder im Römischen Reich in der Armee tätig sein durften und Augustus brauchte zur Sicherung seiner Herrschaft frische Soldaten.

Was genau dann zur Verbannung von Ovid führte – so es denn geschehen ist – bleibt  vage. Mag sein, dass es (auch) an seinem freizügigen Schreiben lag, Ovid selbst deutet an, dass er etwas gesehen habe, das er nicht hätte sehen dürften.
Ungefähr zeitgleich mit Ovid wurde auch Julia, eine Enkelin von Augustus, verbannt, da sie Ehebruch begangen hatte. In diesem Zusammenhang ist auch von einer Verschwörung gegen den Kaiser die Rede, von der Ovid möglicherweise wusste. Trotz oder gerade wegen all seiner Liebeslyrik war Ovid jemand mit klaren Vorstellungen und ein guter Menschenkenner, was die abschließenden, eher unbekannten Zitate eventuell verdeutlichen:

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Wenn einer Geld hat, darf er so dumm sein, wie er will.
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Auch wenn es dich empört: Das unerlaubte Vergnügen macht Spaß.
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Das Geben erfordert Verstand.
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Aus schlaffem Bogen fliegt kein Pfeil.
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Die Last wird leicht, wenn mit Geschick man sie trägt.
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Was sich nicht abbürsten läßt, muß man abstreicheln.
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Einst waren Geist und Talent mehr wert als goldene Münze; nichts zu besitzen ist heute die größte Geschmacklosigkeit.
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An Versprechungen ist jeder so reich, wie er will.
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Entferne die Hoffnung aus dem Herzen des Menschen und du machst ihn zum wilden Tier.
+++

Heimlich und hastig entrinnt uns unbemerkt flüchtig das Leben – schneller ist nichts als die Jahre. Wir aber dachten, es wäre noch soviel Zeit.

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Gesetze wurden gemacht, damit der Stärkere seinen Willen nicht in allen Dingen durchsetzt.
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Wir loben die gute alte Zeit, leben aber gerne in der Gegenwart.
+++
Wenn Jupiter seine Blitze schleudern würde, sooft die Menschen sündigen, dann wäre er in kurzer Zeit ohne Waffen.
+++
Ein Schiffbrüchiger hat Angst auch vor ruhiger See.
+++
Die Realität hilft mir nicht immer, aber die Hoffnung.
+++
Der Arme liegt überall am Boden.
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Welches auch die Gaben sein mögen, mit denen du erfreuen kannst, erfreue.
+++
Es herrscht nun wahrlich das goldene Zeitalter, die meiste Ehre gehört dem Gold, mit Gold verschafft man sich Liebe.
+++
Es bleibt der Weg durch den Himmel; durch den Himmel zu gehen werden wir versuchen!
+++
Gib deinem leeren Geist eine Aufgabe, die ihn packe!
+++
Tugendhaft ist die Frau, die man noch nicht gefragt hat.
+++
Das arme Menschenherz muß stückweis’ brechen.
+++
Das ist Genuß, wenn zugleich Mann ihn empfindet und Weib.
+++
Es müssen sich nicht alle heiraten, die einmal zusammen gähnen.
+++
Erst mach dein Sach, dann lach.
+++
Gleiche Rechte, gleiche Pflichten.
+++
Mancher hat die Einsicht, aber keine Aussicht.
+++
An der einen Seite zieht mich die Liebe, an der anderen die Logik.
+++
Die Seelen kennen keinen Tod; so oft sie ihren Sitz verlassen,
nehmen neue Wohnungen sie auf.

Quelle: https://www.aphorismen.de/suche?f_autor=2850_Ovid (Seite 1ff.)

Weiterführende Links:

Ovid, der “Sex-Experte”: https://www.welt.de/geschichte/article155205238/Roms-Sex-Experte-stieg-sogar-Kaisers-Tochter-nach.html

2017 ist das 2000ste Todesjahr von Ovid. Daher möchte ich noch auf folgenden Artikel aufmerksam machen, der einen guten Einblick gibt in das Thema meines Blogbeitrages am nächsten Donnerstag: Woher kommt eigentlich das Wissen über die Antike?

http://www.sueddeutsche.de/kultur/jahre-wiederentdeckung-von-de-rerum-natura-feiert-lukrez-statt-luther-1.3723464

Folgende Blogbeiträge des Lehmofens streifen Ovid:

https://lehmofen.wordpress.com/2017/10/12/kybele/

https://lehmofen.wordpress.com/2017/09/21/cardea/ (!!!)

 

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Ein langer Weg zum Schluss

So ihr Lieben, es ist Donnerstag! Viel Freude beim Lesen und sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt. 😉 

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„Mars …“, stammelte Venus. „Und Vulkanos … wie kommt ihr hierher?“
„Wie kommt der hierher?“, fragte Mars und stieß Adonis ins Zimmer hinein. Im Vergleich mit den Göttern wirkte Adonis unnatürlich klein. Er war sehr verängstigt.
„Seid vorsichtig mit ihm!“, rief Venus und fing Adonis auf.
Vulkanos betrat den Raum und betrachtete Venus mit schmalen Augen. „Wie viele Liebhaber versteckst du hier im Schloss?“
„Nur den einen“, erwiderte Venus und strich Adonis eine Locke aus dem Gesicht. „Den anderen kennst du ja bereits.“ Sie nickte Richtung Mars und drehte sich kampfeslustig zurück zu Vulkanos.
„Das geziemt sich nicht für meine Ehefrau!“ Vulkanos stampfte auf den Boden und das ganze Schloss erzitterte. „Mit einem Liebhaber wäre ich ja noch fertig geworden, aber gleich zwei?“
„Und ich akzeptiere nur deinen Ehemann, wenn überhaupt!“, erklärte Mars und sah so verbittert aus, als ob er in einen sauren Granatapfel gebissen hätte. „Dieser Schönling hier, was soll das? Warum gibst du dich mit einem Menschen ab?“
„Das musst du gerade sagen“, fauchte Venus. „Wer hatte denn neulich ein Stelldichein mit einem Menschen? Ich sage nur „Rhea Silvia“, oder wie sie hieß.“
„Das war eine Priestern“, entgegnete Mars. „Und es war Schicksal. Unsere Zwillinge Romulus und Remus werden einst ein Weltreich erschaffen.“
„Das glaubst du doch selber nicht!“, keifte Venus und bewarf Mars wütend mit Amors Kopfkissen. „Aber eines kann ich dir sagen. Ich brauche für meine Liebe keine blöde Weltreichslegitimation. Ich mache es nur zum Spaß. Und es macht verdammt viel Spaß!“
Vulkanos rollte mit den Augen. „Jetzt siehst du mal, wie sie sein kann“, raunte er zu Mars.
Der Kriegsgott reagierte wie ein aggressiver Stier, aus dessen Nüstern schwarzer Rauch strömte. Unruhig zuckte er mit den Füßen.
„Papa!“, quiekte Amor bevor ein Unglück geschah. „Das ist meine Schuld … Ma kann nichts dafür!“
Mars rotglühender Zorn richtete sich auf ihn.
„Also äh, ich, äh …“
Stotternd erzählte er, wie und warum er Venus und Adonis miteinander verkuppelt hatte.
„Es ist alles wegen Psyche“, schloss Amor. „Ich liebe sie und nun bestraft mich, wie ihr wollt. Nur lasst mich endlich zu ihr.“
Vulkanos sah Amor ungläubig an. Mars schnaufte ein paar Mal. Dann erhob sich ein Gelächter, dass die Wolken bebten.
„Mit diesem Sohn“, feixte Vulkanos und hielt sich den Bauch, „bist du wahrlich bestraft genug!“
„Das ist mein Sohn!“, triumphierte Mars. „Wenn er auch kein Heerführer mehr wird, seine Strategie hat er von mir!“
Er strubbelte Amor durchs Haar und sagte mit einem Seitenblick zu Adonis: „War doch klar, dass dieser da mir nicht das Wasser reichen kann. Die ganze Liebschaft ist nur ein kleiner Trick.“
Venus zupfte an ihrem Gewand und blickte abwechselnd zu Adonis und zum Boden. Dann betrachtete sie ihre Fingernägel und knibbelte daran.
„Es macht trotzdem Spaß“, zischte sie.
Und dann geschah ein Wunder.
„Du hast unseren Sohn gehört?“, fragte Mars.
„Was soll das heißen?“
„Du hast ihn gehört“, sagte Mars und verschränkte die Arme. „Es geht hier um Liebe.“
„Na gut“, sagte Venus mit blitzenden Augen. „Ich gebe dem Menschlein eine Chance. Aber du, mein Sohn, bleibst hier!“
„Wir kommen mit“, sagten Vulkanos und Mars wie aus einem Mund.
Aufgewühlt blickte Amor ihnen hinterher. Dann hörte er, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde.

Psyche hätte unmöglich sagen können, wie viel Zeit verstrichen war. Doch auf einmal öffnete sich die Tür zum Verließ und ein Funkeln erhellte die Dunkelheit. Aus halb geöffneten Augen erkannte Psyche Venus und hinter ihr schemenhaft zwei andere Gestalten. Die Göttin hielt eine goldene Schale in der Hand. Sie schien nicht alleine gekommen zu sein, doch ihre Begleiter blieben im Hintergrund.
„So höret denn meinen Götterspruch!“
Es war eher ein Keifen, als ein Rufen. Hätte Psyche nicht gewusst, dass es eine Göttin war, die sprach, hätte sie angenommen, es sei die menschliche Stimme eines kläffenden Hundes.
„Sie wird dreieinhalb Aufgaben erhalten, um zu beweisen, dass sie meines Sohnes Amor würdig ist.“
Es war, als ob das Verließ sich auf die zehnfache Größe weitete. Die Göttin wuchs und wuchs, bis sich Psyche so klein fühlte wie ein Floh. Aus weiter Ferne hörte sie Venus Stimme, deren Worte in einem Tonfall erklangen, als hätten sie den Mund der Göttin am liebsten nie verlassen:
„Dies also sollen deine Aufgaben sein, um zu beweisen, dass du mehr bist als ein Mensch.
Bringe mir die Wolle der goldenen Schafe. Bringe mir Wasser aus dem Fluss der Unterwelt. Bringe mir die Schönheitssalbe Proserpinas, denn ich habe morgen Abend einen Theaterbesuch. Und zuerst, denn ich bin eine gnadenreiche Göttin, erfülle diese kleine Aufgabe hier.“
Sie schüttete den Inhalt der Schale ins Verließ. Von oben regnete es auf Psyche hinab. Schützend hielt sie sich die Hände vors Gesicht, doch das, was auf sie niederprasselte, war winzig klein. Es waren Samen von Weizen, Gerste, Hirse, Mohn, Erbsen, Linsen und Bohnen. Sie sprangen bunt durcheinander über den felsigen Boden, in jede Ecke und jede Ritze.
„Ordne die Körner nach ihrer Art zu einzelnen Häufchen. Dann erst wird sich die Tür vom Verließ wieder öffnen. Kummer und Sorge, folgt mir!“
Damit schrumpfte Venus blitzschnell auf ihre ursprüngliche Größe und schlug die Tür zu.
Psyche blinzelte auf das Durcheinander. Ihr Körper war ausgelaugt und schlaff. Trotzdem begann sie, die Kerne mit spitzen Fingern aufzusammeln. Ihre müden Augen waren kaum imstande, sie voneinander zu unterscheiden. Es war unmöglich, doch sie wollte es versuchen. Venus hatte gesagt, sie solle sich als würdig erweisen. Es war nur ein winziger Hoffnungsschimmer, aber es war eine Chance.
Die Tür wurde wieder aufgerissen.
„Ach, da wäre noch etwas“, sagte Venus. Ihre Stimme klang jetzt ruhig und zufrieden. „Du musst alle drei Aufgaben erledigt haben, bis zu der Zeitspanne, in der am morgigen Tage der Mond unter- und die Sonne aufgeht. Oder ich werfe dich eigenhändig von dieser Wolke.“
Psyche sank in sich zusammen. Das waren keine Aufgaben. Keine Chance. Es war der blanke Hohn. Venus hatte ihr Todesurteil ausgesprochen.
„Sie hat was?“ Amor presste sein Ohr gegen die Tür seines Kinderzimmers. Venus hielt ihn weiterhin eingesperrt, ja sie hatte ihm sogar noch eine Wächterin ins Zimmer geschickt. Eine Dienerin namens „Nüchternheit“ sollte ihm zu Einsicht und Vernunft verhelfen.
Unruhig hörte er die Worte seines Vaters und die Ergänzungen von Vulkanos, die ihm durch das Schlüsselloch von Psyches Aufgaben berichteten.
„Das alles ist viel zu gefährlich!“, rief Amor und raufte sich die Haare. „Nicht einmal die Götter wissen, wohin Proserpina verschwunden ist! Wie soll sie nur all diese Aufgaben schaffen, die selbst für einen Gott zu groß sind! Sie ist doch kein Theseus, kein Odysseus und kein Herkules!“
„Nun ja …“, begann Mars zaghaft.
„Was?“, fragte Amor. „Sag schon! Noch mehr Aufgaben?“
„Nein, das ist es nicht …“, erwiderte Mars. „Nur, mein Sohn, … mir fehlen die Worte.“
„Sag schon!“
Vulkanos mischte sich ein. „Ich weiß, was dein Vater sagen will. Mars versteht nicht, warum du dich in sie verliebt hast. Gerade auf dem Weg hierher meinte er, dass sogar ich sie an Schönheit übertreffen würde.“
Amor hörte hinter der Tür, wie Mars Vulkanos einen Fausthieb verpasste.
„Halt doch einfach die Klappe!“
„Und du beherrsche dich mal. Gewalt ist jetzt keine Lösung …“
Verzweifelt raufte Amor sich die Haare.
„Wollte ihr damit sagen, Psyche sei nicht schön?? Warum behauptet das jeder? Habt ihr alle keine Augen im Kopf??? Sie ist klug, warmherzig, lustig … sie ist die Frau, die ich liebe! Und sie ist WUNDERSCHÖN!!!“
„Ganz richtig“, hörte er Vulkanos hinter der Tür murmeln. Er sprach die Worte undeutlich, so als würde er sich gleichzeitig das Kinn reiben. „Schönheit liegt eben im Auge des Betrachters.“
„Ich dachte nur, dass mein Sohn einen erleseneren Geschmack hat, wenn er sich schon mit Sterblichen einlässt. Eine Helena wäre die richtige für ihn. Aber diese … Psycho … oder wie auch immer sie heißt …“
Amor spürte eine solche Wut in sich, dass er fast zu platzen drohte. Ja, in diesem Moment fühlte er sich so aufgewühlt, dass es ihm ein leichtes schien, die Tür zu zerfetzen und seinem Vater ins Gesicht zu springen. Oh, er würde diese Worte aus Mars herausprügeln, und wenn es das letzte wäre, was er tat!

Nüchternheit erhob sich von ihrem Stuhl und wackelte auf Amor zu. Sie war eine der ältesten Dienerinnen von Venus, doch jahrhundertlang hatte ihre Hauptaufgabe darin bestanden, in der Küche bei der Zubereitung von Nektar und Ambrosia zu helfen. Eine viel zu geringe Tätigkeit, wie Nüchternheit nüchtern feststellte. Venus mochte sie nicht besonders. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann ihre eigentlichen Fähigkeiten das letzte Mal zum Einsatz gekommen waren. Ruhig legte sie Amor ihre faltige Hand auf die Schulter.
Eine angenehme Kühle breitete sich dort über seiner Wunde aus und besänftigte jede Aufregung, ließ alle Wut erkalten.
Ruhe und Klarheit erfassten seinen Geist.
Und auf einmal wusste er, was zu tun war.
„Was auch immer ihr über sie denken mögt: ich liebe Psyche. Und ich habe einen Plan, wie wir sie retten können. Ich zähle auf eure Hilfe.“
Ein feines Kratzen ließ Psyche die Augen wieder öffnen. Ungläubig beobachtete sie, wie die Körner sich selbst bewegten, hierhin und dorthin zogen und kleine, geordnete Haufen bildeten.
Als eine Erbse über ihren Fuß krabbelte, erkannte Psyche, dass sie von einer stattlichen Ameise getragen wurde. Ihr Körper glänzte in der Dunkelheit, so als ob sie eine Rüstung tragen würde.
Unzählige der kleinen Tierchen überschwemmten das Verließ und ordneten die Körner nach ihrer Art. Psyche bewegte sich nicht. Sie saß atemlos da und betrachtete die fleißigen Krieger, die nach wenigen Augenblicken fertig waren und so schnell verschwanden, wie sie gekommen waren.
Mit einem Klicken öffnete sich die Tür.
Psyche wartete noch einige Atemzüge, bevor sie aufstand, denn sie wollte sichergehen, dass sie die kleinen Helfer nicht zertrampelte. Dann schlich sie auf Zehenspitzen aus ihrem Gefängnis.
Und als sie sich fragte, wohin sie sich wenden sollte, strich eine kühle Brise über ihre Handfläche. Psyche lächelte. Der Zephyr war zurückgekehrt.
Der Wind führte sie aus dem Schloss, hob sie von der Wolke und brachte sie an einen Fluss, an dessen Ufern Schafe weideten, deren Fell im Mondlicht schimmerte. Tief schon stand der Mond am Himmel. Sie aber hatte nicht einmal die zweite Aufgabe erledigt.
Rasch wollte sie zu den Schafen gehen, um an ihr Fell zu gelangen, da flüsterte eine Stimme im Schilf:
„Hüte dich vor den Schafen, sie sind von Tollwut befallen und ihre Bisse sind giftig. Doch wenn du dich zur linken Seite wendest, findest du den Platz, an dem sie heute Nachmittag ruhten. Dort überall im Gebüsch hängen die Goldflocken, du brauchst sie nur vom Laub abzuschütteln.“
„Hab Dank, wer auch immer du bist“, antwortete Psyche, raffte die Lumpen ihres Kleides und lief so schnell sie konnte in die genannte Richtung.
Sie fand das Feld und Büsche überdeckt mit der goldenen Wolle. Mit beiden Händen pflückte sie die Fellbüschel von den Blättern. Dann riss sie einen Teil ihres Kleides entzwei und wickelte die Flocken in den Stoff. Ängstlich betrachtete sie den Mond. Er stand kurz vor seinem Untergang.
„Zephyr“, flüsterte Psyche ängstlich. „Zephyr! Wir müssen uns beeilen!“
Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, da brauste der Zephyr auf und wirbelte Psyche durch die frühen Morgenstunden den Fluss entlang bis zu einem Gebirge, wo das Wasser mit Tosen und Toben in eine Schlucht hinabstürzte. Sanft setzte der Zephyr Psyche auf einem Felsvorsprung ab.
Feine Tropfen stoben in Psyches Gesicht und der Schlund, in dem das Wasser brodelte, wirkte wie ein sicheres Grab. Doch die Welt um sie erhellte sich und es blieb kaum noch Zeit. Also nahm Psyche Anlauf, fest entschlossen, sich hinabzustürzen, um an das Wasser zu gelangen, das Venus begehrte.
Doch als sie den Rand erreichte, wurde sie vom Flügelschlag eines gewaltigen Adlers zurückgeworfen. „Du armes Menschenkind“, sprach der Adler, „Weißt du denn nicht, dass diese Grube von bösartigen Wesen nur so wimmelt? Dass selbst Jupiter, der mächtigste aller Götter, diesen Ort scheut? – Hier schwören die Götter … ?“
Mit klopfendem Herzen reichte Psyche dem Adler die Flasche. Er griff sie mit seinem Schnabel und glitt in den Schlund hinab. Es zischte und spritzte und von unten erklang ein Gebrüll, das selbst das Tosen des Wassers übertönte. Riesige, echsenartige Wesen wimmelten im Wasser und hinderten den Adler daran, die Flasche zu füllen.
Der Adler aber flog mit elegantem Flügelschlag über ihnen und füllte die Flasche am sprudelnden Wasserfall. Sogleich flog er zurück und reichte Psyche die Flasche. Dankbar nahm Psyche sie entgegen.
„Was bist du für ein Wundertier, dass du sprechen kannst?“, fragte Psyche. Der Adler zwinkerte ihr zu und sprach: „Ich bin der Liebling Jupiters, das soll vorerst genügen.“
Dann flog er in den Himmel davon und Psyche stellte mit Schrecken fest, dass der Morgen graute.
Der Wind kam und umwirbelte sie. Allerdings machte er keine Anstalten, sie anzuheben.
„Sie nur, der Mond!“, rief Psyche verzweifelt. „Ich muss diese Salbe finden, ansonsten ist alles verloren!“
Ängstlich beobachtete Psyche den hellen Himmelskörper, der sich unaufhaltsam gen Horizont senkte. Und war dort nicht auch schon die Morgenröte zu sehen?
„Ach“, seufzte Psyche und sank zu Boden. „Niemand weiß, wo die Frau ist, deren Salbe ich holen soll. Nicht einmal die Götter.“

In diesem Moment brauste der Zephyr auf und schleuderte Psyche quer durch die Luft. Er brachte sie in eine schroffe Felsenlandschaft. Kein Strauch und kein Kraut wuchs hier, alles war übersäht von grauen Steinen und Staub. An einer Stelle war die Erde gespalten. Dort klaffte ein tiefes Loch, aus dem stinkende Dämpfe entwichen.
Psyche hielt sich die Nase zu und taumelte darauf zu. Ihr war noch schwindelig vom Flug, doch sie durfte keine Zeit verlieren. Immer wieder blickte sie gen Himmel, um zu prüfen, wie weit die Gestirne sich bewegten. Der Mond war fast versunken und im Osten erhellte sich die Nacht.
Hektisch kletterte Psyche in das Loch hinab, tiefer und tiefer und immer tiefer, bis sie fast gänzlich von Dunkelheit umgeben war.
Es stank unerträglich, doch je weiter Psyche hinabstieg, desto leichter fiel ihr das Atmen. Schließlich verzweigten sich die Wege. Da erkannte sie an der Wand eine Markierung, ein kleines Herz, die jemand vor einiger Zeit in den Felsen geritzt hatte.
Psyche entschied sich für diese Abzweigung.
Sie war kaum ein paar Schritte gegangen, als der Weg in ein riesiges Gewölbe mündete. Ein schummriges, graugrünes Licht flackerte, unmöglich zu sagen, von wo es kam.
Psyche blickte nach links und rechts, dort ragten steile Wände empor, zerklüftete Felsen mit schwarzen, gefährlichen Spitzen. Am Ende der Halle aber entdeckte sich einen gewaltigen Schatten. Und dieser Schatten raste auf sie zu.
Psyche blieb fast das Herz stehen, als sie den riesigen, dreiköpfigen Hund erkannte. Es war der Zerberos, der Höllenhund, der den Eingang zur Unterwelt bewachte. Seine drei Mäuler schäumten, er fletschte die Zähne und bellte gellend. Psyche drückte sich gegen die Felsen und nestelte mit zitternden Fingern an ihrem Gewand. Es war ein absurder Gedanke, aber es war etwas, an das sie sich in ihrer Todesangst klammerte. Endlich bekam sie das Stück zu fassen und schleuderte es von sich, dem Zerberus direkt zwischen die Pfoten.
Der Hund stoppte und schnüffelte neugierig daran. Todesmutig drückte sich Psyche an der Felswand entlang, bevor die Bestie es sich anders überlegte. Der Zerberus knabberte an dem trockenen Honigkuchen, als Psyche sich durch die kleine Pforte zwängte.
Vor ihr ragte ein Steg ins Wasser, über dem dichter Nebel aufstieg. Psyche betrat den Steg und aus den Nebelschwaden glitt lautlos eine Barke. Der Charon, dachte Psyche. Eine unheimliche, hagere Gestalt, deren Gesicht sie nicht erkennen konnte, weil es von einer Kapuze verhangen war. Was sie erkennen konnte, erschien ihr immer unwirklicher. War tatsächlich dabei, das Reich des Todes zu betreten?
Stumm streckte der Charon ihr seine knorrige Hand entgegen. Psyche legte ihm einen Obolus auf die Innenfläche und bestieg den Kahn.  Er schwankte ein wenig und aus dem Augenwinkel erkannte Psyche die seltsamen Drachenwesen, die auch hier im Wasser der Unterwelt lebten.
Der Charon stieß das Boot vom Steg ab und führte es mit einem Stab durch die Nebelschwaden.
„Ich bin hier, um eine Schönheitssalbe zu bekommen“, sagte Psyche. Der Charon zeigte keine Regung. Lautlos glitten sie über das Wasser.
Auf einmal lichtete sich der Nebel und Psyche erkannte einen großen Palast. Hier war es heller als anderswo, denn in der Decke gab es ein paar Stellen, durch ein wenig Licht schimmerte.
Der Charon gebot Psyche, das Boot zu verlassen. Psyche raffte die Reste ihres Rockes und betrat die marmornen Stufen.
Über den Stufen befand sich eine Art Wandelgang von Säulen umsäumt und in seiner Mitte lag ein großes Tor. Psyche ging dorthin, öffnete das Tor und musste niesen.
Hinter dem Tor lag ein Garten, in dem sonderbare Pflanzen wuchsen. Die meisten wirkten dunkel und bedrohlich, hatten spitze, zackige Blätter und riesige Dornen. Einige leuchteten grünlich im dämmrigen Licht.
„Gefällt dir mein Garten?“, fragte eine Stimme.
Psyche erschrak.
Zwischen den Büschen stand eine Frau die ein buntes Kleid trug. Sie hatte dunkle Haare, schneeweiße Haut und ihre Lippen waren so rot wie Blut. Die leuchtenden Farben ihres Gewandes bildeten einen starken Kontrast zum gräulichen Grün der Pflanzen.
„Es ist erstaunlich, dass hier unten etwas wächst“, antwortete Psyche und nieste erneut.
„Nicht so erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ich, Proserpina, die Gärtnerin bin“, sagte die Frau lächelnd.
„Du bist Proserpina?!“
Psyche erinnerte sich gut an die Göttin mit den kornblumenblauen Augen, die so traurig war über den Verlust ihrer Tochter.
„Ja“, sagte Proserpina und sah Psyche skeptisch an. „Stimmt etwas nicht?“
„Deine Mutter sucht dich“, sagte Psyche. „Ich habe sie vor einiger Zeit getroffen. Ihr ging es nicht gut.“
Proserpina strich über die graugrünen Blütenblätter. „Dann wird es wohl Zeit, dass ich zu ihr zurückkehre. Bist du gekommen, um mir das zu sagen?“
Psyche schüttelte den Kopf. „Ich bin hier, um eine Schönheitssalbe zu holen. Venus schickt mich.“
Proserpina kam ein paar Schritte näher und sah Psyche aufmerksam an.
„Venus?“, fragte sie. „Die hat meine Salbe doch gar nicht nötig. Aber wenn ich mir dich so angucke …“
Beschämt blickte Psyche auf ihre Füße. Schon wieder. Sie wusste ja, dass sie selbst für irdische Verhältnisse unansehnlich war, aber für die unsterblichen Götter musste ihr Anblick eine wahre Beleidigung sein.
„Tut mir leid“, brachte sie zähneknirschend hervor. „Aber Venus hat mich geschickt. Ich muss ihr die Salbe bringen, ansonsten bin ich bald euer Dauergast.“
„Ach ja?“, fragte Proserpina. „Was hast du denn angestellt?“
„Ich …“, Psyche suchte nach Worten. Wie sollte sie alles, was ihr wiederfahren war, erklären?
„Ich habe mich in ihren Sohn verliebt. Und er sich, glaube ich, auch in mich.“
„In dich?“ Proserpinas Augen weiteten sich.
„Ja“, knurrte Psyche, drauf und dran die Unterwelt auf dem Fuße wieder zu verlassen. Proserpinas Erstaunen war so grundtief ehrlich, dass Psyche selber zu zweifeln begann, ob das alles mit rechten Dingen zuging. Aber ohne die Salbe konnte sie nicht gehen.
„Sagen wir mal so“, sagte Psyche. „Ich weiß es doch selber nicht. Aber dass er mich liebt, das hoffe ich. Das ist alles schwer zu erklären.“
„Die Wege der Liebe sind unergründlich“, befand Proserpina. „Aber ich mag deinen Freund. Er hat mir einst sehr geholfen. Und deswegen helfe ich jetzt dir.“
Sie drehte sich Richtung Palast, während Psyche erleichtert ausatmete.
„Schatz!“, brüllte Proserpina.

„Wo seid ihr, meine Königin?“, dröhnte eine dunkle Stimme aus dem Gemäuer.
„Im Garten. Bring mir meine Salbe. Sofort!“
Schwere Schritte waren zu vernehmen, die immer schneller wurden. Dann öffnete sich eine Tür zum Garten und heraus kam ein schwarz gekleideter, bärtiger Mann, der eine kleine Schatulle in der Hand hielt, die im Dunkel der Unterwelt dumpf blitzte.
„Das“, sagte Proserpina, „ist Psyche, Amors Freundin.“
Der bärtige Mann rümpfte die Nase. „Ich kenne sie. Amor war einst der Auffassung, ich solle mich in sie verlieben.“
Psyche runzelte die Stirn. Sollte sie je wieder hier rauskommen, müsste Amor ihr das auf jeden Fall erklären.
„Keine Bange“, sagte Proserpina milde. „Er hat ja jetzt mich.“
„Die eindeutig bessere Wahl“, befand Pluto grinsend.
Am liebsten hätte Psyche mit dem Fuß aufgestampft. Welche Gefahren hatte sie auf sich genommen! All die Aufgaben, die sie erfüllt hatte! Sie war ein Mensch, der es bis in die Unterwelt geschafft hatte! Doch alles, was sie zu hören bekam, war, dass sie hässlich war. Sie zwang sich zu einem Lächeln. Sie brauchte die Salbe.
„Ich muss mich beeilen, ich habe nur bis Sonnenaufgang Zeit, also wenn ihr jetzt so freundlich wärt …“
Pluto lachte dunkel. „Dein kleiner Freund muss halt noch ein wenig an den Sternen drehen. Mag ja sein, dass die Liebe den Tod überwindet … aber ob sie auch die Zeit besiegt?“
„Du bist Amors Freundin und unser Gast. Können wir dir nichts anbieten?“
Psyche seufzte und trat unruhig auf der Stelle. „Ja, gerne“, sagte sie. „Ich hätte gerne ein Stück Schwarzbrot.“
„Pah!“, empört blies Proserpina ihren Atem in die Luft. Dann setzte sie hinterher: „Die Wahl passt ganz vorzüglich zu dir.“ Und zu Pluto gewandt fuhr sie fort: „Warum bist du noch hier, unser Gast hat Hunger.“
Und das stimmte. Psyches Hunger war so gewaltig, dass ihr sogar die modrigen Pfllanzen als schmackhaft erschienen …
„Mylady“, sagte Pluto mit einer tiefen Verbeugung, huschte ins Schloss und brachte ein Tablett mit … und einer trockenen Scheibe Brot.
Proserpinas Augen formten sich zu zwei kleinen Schlitzen.
„Du bist kein guter Gast“, sagte sie … , nahm Pluto die Dose aus der Hand und reichte sie Psyche.
„Ich würde dir übrigens empfehlen, sie zu öffnen“, fügte Proserpina hinzu.
Psyche nahm das Kästchen an sich, bedankte sich und ging hastig zurück zum Steg. Sie blickte nicht zurück. Auch nicht, als Proserpina ihr hinterherrief: „An deiner Stelle würde ich die Salbe benutzen!“
Der Charon schien eine Unendlichkeit für die Überfahrt zu brauchen, dem Zerberos warf sie das zweite Kuchenstück hin und verließ mit klopfendem Herzen die Halle.
Als sie den Aufstieg aus der Unterwelt begann, vorbei an den dichten Schwefelschwaden, die aus den Steinen strömten, hielt Psyche inne.
Auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie alle Aufgaben erfüllt hatte. Es waren nur noch wenige Schritte bis zur Oberwelt und in ihren Händen hielt sie den letzten Gegenstand, den sie für Venus besorgen musste. Und dies war nicht irgendeine unwichtige Sache, sondern die Schatulle enthielt ein Schönheitsmittel, eine kostbare, göttliche Salbe, die wahrscheinlich selbst die Steine der Unterwelt in glänzende Diamanten wandeln würde.
Proserpina hatte gesagt, sie solle die Dose öffnen. Mit einem hämischen Grinsen, so kam es Psyche zumindest rückblickend vor. Sie konnte Proserpina nicht trauen. Sie hatte alle Aufgaben erfüllt. Jetzt müsste sie nur noch ein paar Schritte gehen. Der Ausgang zur Oberwelt war bereits zu erkennen, etwas von der Morgendämmerung fiel in den Schacht.
Warum nur, fragte sich Psyche, dämmerte der Morgen immer noch? Galt in der Unterwelt eine andere Zeit? Sie hatte Stunden dort verbracht, so schien es ihr zumindest. Und dort, hinter den Felsen, draußen vor dem Ausgang, erkannte sie noch den Mond, der nun beinahe die Spitzen des Horizonts berührte.
Psyche seufzte. Die Schatten an der Wand schienen ihr zu flüstern, es nicht zu tun. Sie wusste, dass es eine Falle war. Amor liebte sie, liebte sie immer noch. Liebte sie so, wie sie war. Pluto hatte gesagt, dass Amor dafür verantwortlich sei, dass selbst die Gestirne auf sie warteten.
„Aber ich“, sagte Psyche, „Ich liebe mich nicht.“
Und dann öffnete sie die Schatulle.

Endlos zog sich der Sonnenaufgang über den morgendlichen Himmel. Wie lange würden Apollo und Diana noch aushalten? Amor versuchte, sich zu beherrschen. Er hatte alles gut geplant. Doch Psyche hätte längst zurück sein müssen. Irgendetwas war geschehen. Irgendetwas, das nichts Gutes bedeutete.
Nüchternheit zuckte kurz zusammen, als Amor die Tür in Splitter zerfetzte.
Er breitete seine Flügel aus und rief den Zephyr herbei. Binnen eines Wimperschlages landete er am Eingang der Unterwelt. Die Erde erzitterte und eine feine Staubschicht hob sich leicht vom Boden ab.
Amor flatterte in den Eingang hinein.
Psyche lag auf dem Boden, als ob sie schlafen würde. Amor lief zu ihr, kniete sich neben sie und rüttelte sie.
„Psyche!“, rief er. „Psyche!“
Doch sie regte sich nicht. Es war, als ob sie schlafen würde. Panisch blickte Amor sich um. Er fand die Dose, nahm sie an sich und roch daran.
Es roch nach Müdigkeit. Und er erkannte, dass sich um Psyche einzelne dunkle Schlieren wandten, so als ob sie in einem Kokon läge.
„Zurück in deine Schachtel“, befahl Amor und scheuchte den Schlaf mit den Flügeln zurück in sein Kästchen.
Dann hob er Psyche auf und flog mit ihr in Windeseile zurück zum Palast seiner Mutter.

Die Tragödie hatte sich im gesamten Himmel herumgesprochen und auf Venus Wolke waren alle Götter versammelt, die aufgeregt miteinander plapperten. Als sie Amor am Himmel erkannten, verstummten sie. Amor landete mit Psyche auf der Wolke und durch die Gasse, die die Götter ihm bereitwillig boten, führte er sie hin zum Palast, wo Venus auf ihrer Empore stand.
Psyche wog leicht wie eine Feder.
Die Salbe warf er von sich auf den wolkigen Boden.
„Sie hat alle Aufgaben erfüllt. Alle“, rief Amor. „Und jetzt sieh dir an, was mit ihr geschehen ist!“
„Mit Trickserei!“, entgegnete Venus. „Wie kannst du es wagen, sie hierher zu bringen?“
„Das war keine Trickserei, das waren meine Freunde“, sagte Amor und wandte sich zu den Göttern. „Diana hat den Mond so lange am Himmel gehalten, wie es möglich war, Apollo hat seine Pferde so stark gezügelt, dass die Sonne nicht aufgehen konnte. Mars hat seine Krieger in Ameisen verwandelt, um die Körner zu sortieren. Und Vulkanos hat den Adler gerufen, der einst auch Ganymed zu Jupiter brachte.“
„Ein grandioser Plan!“, sagte Jupiter und klatschte in die Hände. Er schritt durch die Götter auf Amor zu. „Es wird Zeit, dass wir deine Liebste kennenlernen.“
In diesem Moment blinzelte Psyche und öffnete die Augen.
„Du lebst!“, keuchte Amor und drückte sie fest an sich. „Ich gebe dich nie mehr her!“
„Was ist geschehen?“, fragte Psyche verwirrt. „Wo bin ich?“
„Du hast alles geschafft“, sagte Amor. „Und du bist bei mir.“
Vorsichtig setzte er Psyche ab, ließ sie aber nicht aus seinen Armen.
Als Psyche stand und sich in Richtung der Götter wendete, wurde ein Raunen laut. Einige der Unsterblichen bedeckten ihre Augen. Und unter den Göttern erkannte Psyche Ceres, die sich mit einem Tuch ein paar Tränen abtupfte.
„Ich weiß, wo deine Tochter ist“, sagte Psyche.
„Ich weiß es auch“, antwortete Ceres. „Eine .. konnte es mir sagen. Und es gefällt mir nicht.“
„Was gefällt dir nicht, Mutter?“ Proserpina und schob sich durch die Reihen der Götter nach vorne.
Neugierig wandte sich die Menge hin zu Ceres und Proserpina.
Ceres lief auf ihre Tochter zu und umarmte sie.
„Wie bist du diesem Scheusal nur entkommen?“
„Nun, ich wollte mir nicht entgehen lassen, wie es Amor und Psyche ergehen wird. Ich bin gespannt, was unser aller Göttervater entscheidet“, sagte Proserpina.
„Ich verlange ebenfalls eine Entscheidung“, sagte Ceres zu Jupiter. „Ich verlange, dass Proserpina ab sofort wieder bei mir bleiben wird!“
„Ich bin die Ehefrau von Pluto“, entgegnete Proserpina.
„Du bist was? Du hast dich doch nicht mit diesem Ungeheuer eingelassen! Jupiter, das kann ich nicht zulassen!“
Unter den Göttern entstand ein aufgeregtes Murmeln.
Gerade als Jupiter zu einem Räuspern ansetzte, schälte sich aus den Wolken ein dunkles Gespann mit vier pechschwarzen Rossen, deren Zügel Pluto lenkte.
„Bruder, du wirst sie mir schon überlassen, oder ich werde deine geliebte Erde mit Krankheiten strafen! Ich schwöre, ich werde alles vernichten, wenn du nicht zu mir zurückkehrst, Proserpina!“
„Nein!“, kreischte Ceres, „das ist meine Tochter! Und das ist Erpressung!“
„Gebt sie mir zurück oder ich zerstöre alles!“
„Beruhigt euch“, beschwichtigte Proserpina, „wie ich schon gesagt habe: ich bin nur hier, um zu sehen, wie es mit Amor und Psyche ausgeht.“
„Und dann bleibst du hier!“, rief Ceres.
„Nein, du kommst mit mir!“, hielt Pluto dagegen.
„Ruhe jetzt!“, brüllte der Göttervater. Amor klangen die Ohren und er hielt Psyche ganz fest, denn seine Worte ließen die Wolke zittern, so laut waren sie.
„Um mich dem Fall von Amor und Psyche widmen zu können müssen wir erst einmal dieses Problem aus der Welt schaffen. Ich entscheide: Proserpina wird ein halbes Jahr lang in der Unterwelt wohnen und ein halbes Jahr auf der Erde. Sie wird dafür sorgen, dass es auf der Erde Frühling wird, dass alles wächst und gedeiht. Und wenn sie geht, dann wird es Herbst und Winter.“
Pluto und Ceres sahen nicht so aus, als ob ihnen Jupiters Entscheidung Vergnügen bereiten würden. Allein Proserpina neigte ihr Haupt, nahm die Hand ihrer Mutter und ihres Mannes und sagte: „Ein weises Urteil. Ich kann gut damit leben.“ Und so fügte man sich in das Schicksal.
„Und nun zu euch – Amor und Psyche“, hob Jupiter an. „Venus hatte mir schon erzählt von einer angeblich unwürdigen Schwiegertochter. Aber meine Schwiegerenkelin ist doch ganz bezaubernd anzusehen!“
„Bin ich?“, fragte Psyche erstaunt.
Die Götter ringsum nickten, während Amor die Stirn in Falten legte und das Geschehen verwundert musterte. Gab es wirklich niemanden, der Psyche, wie so oft, als hässlich bezeichnete?
Doch die Götter schienen es ehrlich zu meinen. Amor entdeckte Apollo, der ihm einen Daumen hoch zeigte und dabei ein fragendes Gesicht machte, so als ob er sich die neue Situation selbst nicht erklären konnte.
Schließlich sah Amor Psyche noch einmal genau an, der die Verblüffung ins Gesicht geschrieben stand, und stellte fest: „Du hast dich nicht verändert.“
Und in diesem Moment erkannte Psyche am neckischen Lächeln von Proserpina, dass mit ihr durchaus eine Verwandlung vonstattengegangen war, ob Amor sie nun sehen konnte oder nicht. Er war blind, so sehr liebte er sie.
Und Psyche errötete ein wenig, was sie noch schöner machte.
„Sagt mir“, fuhr Jupiter fort: „Ist diese Menschenfrau eine würdige Ehefrau für meinen Enkel?“
„Sie ist die schönste Frau auf Erden!“
„Selten habe ich eine solche Schönheit gesehen!“
„Sie sollte eine Göttin sein!“
Venus verkniff angesäuert ihren Mund, sagte aber nichts.
Jupiter rief: „So sei es!“
Dankbar nickte Psyche Proserpina zu. Und sie hörte diese Stimmen und sah all die Gesichter, dieser unsterblichen, weisen und gezeichneten Wesen und fühlte sich, als ob sie aus einem langen Schlaf erwachte, so als ob sie in diesem Moment ihren ersten Atemzug täte.
An ihrem Rücken aber spürte sie eine kleine Bewegung und dann die die Berührung von Amors Flügeln. Doch sie berührten sich nicht Rücken an Flügel, sondern Flügel an Flügel, und als Psyche ihren Kopf ein wenig zurückdrehte, erkannte sie, dass sie riesige, bunte Schmetterlingsschwingen trug.
„Wollen wir fliegen?“, fragte Amor.
Psyche nickte.
Und er verschloss ihre Lippen mit einem Kuss.

Mut und Liebeständelei

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In der Nähe der kleinen Stadt Lindos gab es einen alten Tempel, welcher der Göttin Venus geweiht war. Es war ein Weg von drei Tagen, der durch eine karge Landschaft führte. Psyche trank nicht, sie aß nicht, machte nirgendwo Halt. Sie achtete nicht auf ihre schmerzenden Füße, sie kümmerte sich nicht um ihre kaputten Glieder.

Ich bin glücklicher, als ich es im Schloss war“, stellte Psyche dabei fest. „Es tut gut zu wissen, was man will.“

Am Abend des dritten Tages stand sie endlich vor den gewaltigen Marmorsäulen, die den Eingang zu Venus Heiligtum markierten. Tapfer betrat sie den Tempel.

Innen war es leer und still, die Priester hatten sich von dem Tagesgeschäft zurückgezogen. In einer Kuhle in der Mitte loderte ein Feuer. Ringsum standen Gaben für die Göttin. Große Amphoren mit Wein, Kleider und Papyrusblätter, auf die Menschen ihre Wünsche geschrieben hatten.

Ich bin hier!“, rief Psyche. „Ich bin hier und ich bin die, die du suchst, Venus!“

Aus dem Gemäuer löste sich ein dunkles Etwas. „Hab ich dich!“, rief es. „Da wird sich meine Herrin freuen!“

Das Wesen hatte grelle, rote Lippen und kohlrabenschwarz umrandete Augen. Es trug eine knappe Tunika mit tiefem Ausschnitt.

Bist du eine Priesterin?“, fragte Psyche verwirrt.

Weit gefehlt“, rief das Wesen, stürzte zu Psyche und fesselte ihr die Arme auf den Rücken. „Mein Name ist „Liebeständelei“ und ich bin der Liebling von Venus!“

Dann bringe mich zu ihr, denn deswegen bin ich hier.“

Liebeständelei zupfte an Psyches Haar und kicherte vergnügt. „Diese kleine Heldeneinlage wird dir nichts nützen. Sie wird dich bestrafen. Ganz böse bestrafen! Und mich wird sie belohnen, ganz gut belohnen!“

Sie ließ ein eigenartiges Trällern verlauten und aus dem Nichts entstand ein Nebel, der sie einhüllte und in die Höhe hob.

Psyche und Pan (2)

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Psyche sah Pan verdutzt an. „Wieso Dickerchen?“

„Natürlich“, Pans Lippen verzogen sich wieder zu seinem grinsenden Ausdruck. „Liebe macht bekanntlich blind.“

„Er ist ein Gott!“, hielt Psyche dagegen. „Er ist nicht dick!“

„Gott, Mensch, Faun, Satyr, Nymphe, dick, dünn … was macht das schon?“, winkte Pan ab. „Wo die Liebe hinfällt, wächst kein Gras.“

Psyche schniefte und eine Träne rollte über ihre Wangen.

„Oh, armes Liebchen“, sagte Pan. „Weine ruhig, lass alles raus. Und währenddessen werden wir gemeinsam das Schauspiel genießen!“

Er kletterte geschickt auf den Felsen und zog Psyche zu sich nach oben. Für kurze Zeit wurde Psyche an seinen Oberkörper gedrückt. Ein würziger, moschusartiger Duft strömte in ihre Nase. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und rückte eine Armeslänge fort von Pan. Der machte er sich auf dem Felsen bequem und legte sich auf die Seite. Er nestelte eine Flöte aus seinem Umhang, zwinkerte Psyche zu und begann, eine fröhliche Melodie anzustimmen.

Es war ganz unglaublich, was mit den Nymphen, Faunen und Satyrn geschah. Aus der ungeordneten Menge wurde eine bewegte Form, sie verwandelte sich in einen Kreis, einen Stern, eine Spirale.

„Von hier oben sieht es am schönsten aus“, murmelte Pan zwischen zwei Tönen.

Die Melodie der Flöte überwarf sich und wurde aufgenommen von den Bäumen des Waldes. Das Rauschen der Blätter mischte sich mit den klingenden Noten.

„Singen die Bäume?“, fragte Psyche verwundert.

„Oh ja“, sagte Pan. “Ist es nicht wunderschön?”

Psyche nickte fasziniert.

„Das sind die Stimmen der Baumnymphen“, erklärte Pan. Während er sprach, spielte er gleichzeitig auf seiner Flöte.

„Warum tanzen sie nicht hier?“, fragte Psyche.

„Sie verließen uns einst, weil sie sich in einen Stern verliebten. Sie nahmen die Form von Bäumen an, um dem Himmel so nah wie möglich zu sein.“

Während Pan diese Worte sprach, veränderte sich die Musik. Die Bewegungen der Tanzenden wurden langsamer.

„Wir vermissen sie“, fügte Pan erklärend hinzu. „Wir tanzen für die Liebe. Wir lieben. Alles.“

Und in diesem Moment konnte Psyche einen winzigen Funken ihrer Liebe spüren. Darüber aber lag tiefer, schwarzer Kummer. Ihr taten die Nymphen in den Bäumen leid, genauso wie die Menge der tanzenden Satyrn und Pan an ihrer Spitze, die um die verlorenen Nymphen trauerten.

Die Melodie wurde immer eindringlicher und Psyche hatte das Gefühl, dass sie dem Kummer einen Weg nach draußen ebnete und die Liebe freilegte, freimachte von Kummer, bis allein die Liebe blieb.

„Ruhig“, sagte Pan. „Wir haben die ganze Nacht Zeit.“

Er legte seine Fingerspitzen auf ihren Rücken. Das beruhigte Psyche genauso, wie es sie irritierte.

„Amor ist … er hat mich fallen gelassen.“

„Tja, er ist auch gerade erst der Muttermilch entwöhnt“, murmelte Pan. „Was haltet ihr von Amor?“, rief er in die tanzenden Nymphenschar.

„Lausebub!“, „Frechdachs!“, „Ein lustiger Kerl!“, kam es von unten. „Wer ist das?“, „Kennt ihr den?“, „Doch, das ist doch er, der die Krieger verliebt gemacht hat!“ Und alle verfielen in ein aufgeregtes Geplapper, das sich mit der Musik mischte.

Obwohl sie traurig war, musste Psyche grinsen. Es war drollig, wie die kleinen Kerlchen ihren Liebsten wahrnahmen.

„Also“, sagte Pan. „Vergiss diesen Bengel einfach.“

„Ihn vergessen? Das könnte ich nie!“

„Und warum nicht?“, fragte Pan.

„Weil … ich weiß nicht. Ich bin schwanger. Ich … Er hat mich so … er macht mich verrückt!“

„Du liebst ihn“, schloss Pan.

„Ja.“

„Dann gibt es nur eine Sache, die dir helfen wird“, sagte Pan.

 

Ein verdutztes Gefühl

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Gut, das Foto passt nicht so 100%, aber es ist megasüß und wahr … so wie mein bald erscheinendes Büchlein, das FERTIG IST!

Also nicht ganz fertig, aber ziemlich fertig und es muss jetzt nur noch ein paar Mal überarbeitet werden und gelesen und probegelesen und und und … und dann es ist wirklich fertig.

Will sagen: Vielleicht.

Will sagen: Ich habe heute den letzten Satz geschrieben. Mein Gefühl war darüber äußerst verdutzt.

Will sagen: in den nächsten Wochen werdet ihr hier die versprochenen Schlusskapitel von “Amor und Psyche” finden, ich werde euch das Cover vorstellen und sicherlich auch ein wenig Werbung machen, wenn es das komplette Exemplar dann käuflich zu erwerben gibt.

Übrigens: Nebenbei stricke ich gerade an einer neuen Identität, aber pssst, dazu dann demnächst an dieser Stelle mehr.

Gehabt euch wohl!

Eure

Runa Phaino