Die Zwei-Zehn-Götter


Der Olymp. Von Charles-Amédée-Philippe van Looonline, Gemeinfrei, Link

Der folgende Beiträg enthält eine Übersicht über die Herkunft der zwölf olympischen Götter und ihren Auftritt in meinem im Dezember 2017 erscheinenden Roman „Amor und Psyche“. Abschließend gibt es einen Exkurs zur Zwei-Zehn oder Zwölf (12) – eine Zahl mit mythologischem Hintergrund.

Die Götter der Griechen und Römer waren überaus zahlreich. Es gab aber sowohl in Griechenland als auch in Rom ein festes Pantheon, also ein Verständnis davon, wer zu den Hauptgöttern zählte. Bereits von antiken Autoren werden 12 Götter zu den Hauptgöttern gezählt.
Die europäische Kultur-Geschichte begann allerdings weder mit den Römern (ca. 6. Jh. v. Chr.) noch mit den Griechen (ca. 9. Jh. v. Chr.), sondern mit solch weitgehend unbekannten Völkern wie den Hethitern, Assyrern, Urartäern, Babyloniern, Sumerern. Dies sind alte Hochkulturen, die ebenfalls mehrere Götter verehrten. Die Geschichte der Sumerer beginnt beispielsweise schon im Jahr 5000 vor Chr. Bekannter, aber nicht älter, sind nur die Ägypter.

Typisch für die Assyrer: Menschenköpfige, bärtige Flügelwesen. Von Austen Henry Layard 1817-1894. – (Originaltext: aus Layards Buch “Nineveh and Babylon; a narrative of a second expedition to Assyria during the years 1849, 1850, & 1851”), Gemeinfrei, Link

Keilschrift Keilschrift. Schriftzeichen dieser alten, eher unbekannten Kulturen. – Der Grund, warum auch der „Lehmofen“ seinen Namen trägt, denn die alten Texte wurden früher im Ofen wie Kekse „gebacken“. Von Hammurabi, King of Babylonia;Ungnad, Arthur, b. 1879 – https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14576489278/Source book page: https://archive.org/stream/briefeknighamm00hamm/briefeknighamm00hamm#page/n19/mode/1up, No restrictions, Link

Die Geschichte „vor” dem Jahre 0 mit den Menschen, die an viele Götter glaubten, dauerte also bereits viel „länger“ als die Geschichte nach dem Jahr 0, die – zumindest heute – erst in den achten von insgesamt 12 Monaten, also August 2017, reicht.

Man kann sagen, dass alle römisch-griechischen Götter schon in den Gottheiten der alten Kulturen angelegt sind. Ähnlich wie im Beitrag über Mutunus Tutunus  sind es zwar niemals dieselben Götter, aber ihre Eigenschaften überschneiden sich. So ist z.B. Venus die Göttin der Liebe bei den Römern, Aphrodite bei den Griechen, Ishtar bei den Babyloniern, Inanna bei den Sumerern.
Auf der Website http://www.diegoetter.de findet man dazu viele Hintergrundinformationen.

Venus Venus/Aphrodite in einer bildnerischen Version des frühen 20. Jh. By Herbert James Draperhttp://1.bp.blogspot.com/_-H-t Wz1VNU/SoBcp_6TLKI/AAAAAAAAFIc/oIs6S25o8C4/s1600-h/Draper_PearlsOfAphrodite_100.jpg (cropped), Public Domain, Link

Ishtar Ishtargravur auf einem Tongefäß. By © Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons, Public Domain, Link

Teil eines ehemaligen Inanna-Tempels in Uruk. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Doch nicht nur die Götter und ihre Eigenschaften, auch die Erzählungen von den Göttern überschneiden sich, verändern sich aber auch mit der Zeit. So gibt es einen sehr alten Mythos über Inanna und Dumuzi, wo – je nach Quelle – mal er, mal sie in die Unterwelt geschickt wird oder selber dorthin geht und später wieder rauskommt. Bei den Griechen/Römern findet sich die Geschichte in abgewandelter Form für Persephone/Proserpina und Hades/Pluto wieder.
Und auch im Christentum hat die Geschichte – in etwas anderer Form – Einzug gehalten und wird bis auf den heutigen Tag erzählt. An Karfreitag stirbt Jesus, am Ostersonntag darf er das Totenreich verlassen, ist „auferstanden von den Toten“. Und auch viele andere Kulturen kennen diese Art von Erzählung. Ein eigener Blog-Artikel dazu würde sich lohnen. 🙂

Unterwelt Hier ein Beispiel aus der nordischen Mythologie. Heimdall verlangt die Rückkehr Iduns aus der Unterwelt. By Carl Emil Doepler (1824-1905) – Wägner, Wilhelm. 1882. Nordisch-germanische Götter und Helden. Otto Spamer, Leipzig & Berlin. Page 285., Public Domain, Link

Diese Erzählung von “Tod und Auferstehung” hat also den Wandel der Zeiten bis auf den heutigen Tag überdauert. Warum das so ist, kann man nur vermuten. Ich denke: Zum Einen erleichtern diese Unterwelts-Rückkehr-Geschichten die Tatsache, dass der Mensch irgendwann einmal stirbt. Zum Anderen gibt es diesen Kreislauf von „Untergang“ und „(Wieder)Geburt“ auch ganz faktisch schon seit Menschengedenken, da sich die Sonne (oder auch der Mond) mal länger und mal kürzer am Himmel aufhält im Laufe unseres in 12 Abschnitte eingeteilten Jahres.

Tagundnachtgleiche Ein Astrologe beobachtet die Tag-und-Nachtgleiche. Im Hintergrund Adonis und Venus. (ca. 17. Jh. n. Chr.) By Domenicus van Wijnenpl.pinterest.com, Public Domain, Link

Dieser Erzählung – auf ihre Grundaspekte reduziert – ist auch kein europäisches, sondern ein weltweites Phänomen. Denn auch in anderen, alten und moderneren Gedankensystemen findet sich diese Spannung zwischen „Werden“ und „Vergehen“, „Tag“ und „Nacht“, „Frau“ und „Mann“.
Das bekannteste Symbol dafür ist wohl dieses hier:

Ying Yan Yin Yang. By Kenny Shen – Own work, Public Domain, Link

Für Spannungen ist auch das römisch-griechische Pantheon bekannt. Denn darin finden sich genau 6 Frauen und 6 Männer, verquere Beziehungen, Liebe und Triebe. Bzw. dieselbe Anzahl männlicher und weiblicher Gottheiten.

Namentlich sind es griechisch/römisch:

Zeus/Jupiter
Hera/Juno
Poseidon/Neptun
Demeter/Ceres
Minerva/Athene
Apollon/Apollo
Artemis/Diana
Ares/Mars
Aphrodite/Venus
Hephaistos/Vulkanus
Hermes/Merkur
Hestia/Vesta

Hochzeit Hier ein Schnappschuss von ihnen auf der Hochzeit von Amor und Psyche. (16. Jh. n. Chr.) By Creator:Raphael (Raffaello Sanzio or Santi)http://www.metmuseum.org/art/collection/search/692282This file was donated to Wikimedia Commons by as part of a project by the Metropolitan Museum of Art. See the Image and Data Resources Open Access Policy Deutsch | English | Esperanto | Português | +/−, CC0, Link

Der Einfachheit halber bleibe ich bei der Namensverwendung in der römischen Variante. So habe ich es auch in “Amor und Psyche” gehandhabt.

Jupiter ist der Göttervater und wurde im Großen und Ganzen in seiner ursprünglichen, antiken Variante belassen. Als letztgeborener Sohn des Titanenpaares Kronos und Rhea, erhält er von seiner Mutter die Aufgabe, all seine Geschwister, die der Vater aus Angst vor Entmachtung gefressen hatte, zu befreien und dann über die Erde zu herrschen.
Nicht alle Olympier sind aber die Geschwister Jupiters. Und sein Bruder Pluto, der Gott der Unterwelt, der in meinem Buch eine ganz entscheidende Rolle spielt, zählt historisch betrachte nicht einmal zu den großen 12 Göttern, die über die Erde herrschen. – Er ist eben ein Unterweltsgott.

Jupiter Adler. Jupiter und Ganymed. Und Prometheus. (16. Jh.) By Christian Griepenkerl – found online [2], James Steakley, Public Domain, Link

Hades Pluto und Proserpina. Und der Zerberus. (19. Jh.) By Publisher: Eduard Trewendt, Atelier für Holzschnittkunst von August Gaber in Dresden – Mythologie der Griechen und Römer für die reifere und gebildete weibliche Jugend,Von Julie Hoffmann; 264 Seiten, Breslau 1864, Public Domain, Link

Apollo und Diana kommt in meinem Roman eine besondere Stellung zu. Diana, die Mondgöttin, habe ich in ihren Eigenschaften ebenfalls sehr „natürlich“ übernommen. An Apollo, Amors bestem Freund, habe ich mich schriftstellerisch allerdings ausgetobt.
Klassischerweise ist er der Gott der Erkenntnis und des Lichts, in meinem Roman „Amor und Psyche“ wird er zum Sonnengott erhoben.
Das mag unter anderem an Bildern wie diesen liegen:

Phaeton Phaeton auf dem Wagen von Apollo. (18 Jh.) By Nicolas Bertin, Public Domain, Link

Apollo Apollo in seinem Wagen. By Cosmas Damian AsamHQFUx1ynbAZohw at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Aurora und Apollo Aurora und Apollo. By Costantino Cedini – Sotheby’s, Sale N08952 (New York, 2013-01-31–2013-02-01), Public Domain, Link

Venus und Mars spielen als Amors Eltern eine ebenfalls wichtige Rolle. Daneben auch Vulkanos, der beziehungstechnisch betrachtet der Stiefvater von Amor ist.

Venus und Mars Venus und Mars (antikes Fresco mit Magd und Amor). By SailkoOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Venus und Mars Venus, Mars und Amor. By SailkoOwn work, CC BY 3.0, Link

Vulkanos und Venus und Mars Vulkanos genervt von Venus und Mars Affaire. By Guillemot, Alexandre Charles (1786 – 1831) – Artist (French)Details of artist on Google Art ProjectNgFVL6Vteg3K6Q at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Juno (Muttergöttin), Ceres (Göttin des Getreides), Neptun (Gott des Meeres), Athene (Göttin der Weisheit), Merkur (Götterbote) und Vesta (Göttin des ewigen Herdfeuers) spielen bei „Amor und Psyche“ keine umfangreiche Rolle, kommen aber als Nebenfiguren vor.

Hera Juno. By VaskryOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Demeter Ceres. By SteffenheilfortOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Poseidon Neptun. By No machine-readable author provided. Neuceu assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 3.0, Link

Minerva Athene. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Hermes Merkur. By Phidias (?) – original photo by Marie-Lan Nguyen (September 2009), CC BY 2.5, Link

Hestia Vesta. By Unknown[1], Public Domain, Link

Dafür finden sich in „Amor und Psyche“ einige andere Figuren der Antike, z.B. diese hier:

Pan Pan. Hier mit Venus und Amor. By Tilemahos Efthimiadis from Athens, Greece – Group of Aphrodite, Pan and Eros. About 100BCUploaded by Marcus Cyron, CC BY-SA 2.0, Link

Musen Die Musen. By Pierre Puvis de Chavannes – Pierre Puvis de Chavannes, 1884-1889, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584966

Und nicht zuletzt gebührt eine besondere Ehre den beiden Protagonisten, die allerdings nicht zu den Hauptgöttern des Olymp zählen.

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Reinhold Begas (1831-1911) – Alte Nationalgalerie, CC0, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Ernst Roeber (1849-1915) – Dorotheum, Public Domain, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Adamo Tadolini (Skulptur), Carlo Brogi (Fotografie) – Eigener Scan, Mediathek des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Public Domain, Link

In meiner Interpretation handelt es sich bei ihnen um die beiden “Urprinzipien” von “Herz” und “Verstand” oder Liebe und Geist (Gedanken), einem göttlichen und einem menschlichen Aspekt, die eigentlich zusammen gehören, sich aber erst dann erkennen, wenn sie einander verlieren.

Was hat es nun mit der Zahl 12 auf sich?

Wenn man sich die Entstehung von Zahlsystemen ganz allgemein ansieht, landet man unweigerlich wieder bei den frühen Hochkulturen. Auf die Babylonier geht beispielsweise unsere – noch heute gültige – Einteilung der Stunde in 60 Minuten zu je 60 Sekunden zurück. Sehr wahrscheinlich ist dies ein Ansatz, den auch schon die Sumerer verfolgten.

Babylonisches Zahlsystem Babylonische Zahlen. Von Josell7File:Babylonian_numerals.jpg, GFDL, Link

60 besteht aus 5 x 12. Der Tag besteht aus 2 x 12 Stunden. Das Jahr aus 12 Monaten (der Mond umrundet die Erde in einem Jahr meistens 12 Mal, manchmal auch 13 Mal, dazu gkazakou).
Das römisch-griechische Pantheon besteht, wie oben beschrieben, aus 12 Hauptgöttern.

Daneben findet man diese Zahl in vielen anderen Gedankensystemen:

Odin hatte 12 Söhne.

Das heidnische Fest der „Rauhnächte“ dauert(e) 12 Tage. (Nacht Wintersonnenwende/etwa Weihnachten bis 6. Januar.)

Jesus hatte 12 Jünger.

Jakob (eine Figur des Alten Testaments/Bibel) hatte 12 Söhne, die die 12 Stämme Israels (Judentum) begründeten.

Die Stadt Jerusalem hat (immer noch) 12 Tore, die von 12 Engeln bewacht werden (wer weiß?).

Mohammed hatte – in einer Richtung des Islam (Shia, 12er-Shiiten, heute v.a. im Iran ansässig) – 12 ihm nachfolgende Imame. Ein Imam ist ein muslimisches Oberhaupt, an das man sich mit religiösen Fragen wenden kann. Sie sind also als eine Art Priester tätig, haben aber auch politische/weltliche Aufgaben.

In China gibt es die Einteilung der Zeit in einen 12-Jahres-Rhythmus, sogenannte „Erdzweige“. (Vergleichbar mit unseren Sternzeichen, Horoskopen.)

Die Ritter der Tafelrunde hatten die Anzahl 12.

Mit etwa12 Jahren galten Menschen im Mittelalter (und auch in der Antike) als „erwachsen“. Heutzutage beginnt etwa dann die Pubertät.

Die Gebrüder Grimm haben die Zahl in einigen Märchen verwendet. (Dornröschen, Die 12 Brüder …)

Im römischen Reich gab es 12 Liktoren (Bodyguards für damalige Politiker), die Rutenbündel (teils 12 Ruten + Beil) als Zeichen ihrer Macht getragen haben.

Im 12. Monat des Jahres 2012 sollte – dem Maya-Kalender zufolge – die Welt untergehen.

Und last but not least:

Es gibt 12 Jyotirlinga(m)s: die 12 heiligsten indischen Tempel für den Gott Shiva.  – Ein letzter, aktueller Bezug zu: Mutunus Tutunus 🙂 

Fest zu Ehren Shivas mit Lingam-Repräsentationen. By ChaubalsOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Explosion

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Die Winde trugen Psyche hinaus aus dem Schloss, über die Wiese bis zur Bergspitze, direkt zu ihren Schwestern Gorda und Tessa.
Die beiden blickten so erschrocken, als wäre ihnen eine Göttin erschienen.
„Ich bin es“, sagte Psyche. Sie musste lachen und gleichzeitig fielen Tränen auf ihr Kleid. „Ich bin es, ich bin es wirklich!“
Gorda war die erste, die sich aus ihrer Erstarrung befreite. Vorsichtig ging sie auf Psyche zu, umrundete sie ohne den Blick von ihr zu lösen. „Wir sind hierhergekommen, um deinen Leichnam zu suchen. Du … das ist nicht wahr“, murmelte Gorda, noch völlig benommen.
„Doch“, sagte Psyche und nickte kräftig. „Ich bin es, eure hässliche Psyche.“
Und im nächsten Moment fielen sich die Schwestern in die Arme, juchzten und schluchzten.
„Aber wie kann das sein?“, stammelte Gorda. „Wir dachten, du seist tot!“
„Es ist alles ganz anders …“, sagte Psyche. „Ganz anders … ihr könnt euch nicht vorstellen, was mir passiert ist …“
„Das glaube ich auch“, sagte Tessa. „Woher kommst du so plötzlich?“
„Das ist … das ist … schwer zu erklären …“
„Was ist mit deinem Haar geschehen? Es sieht so … so unglaublich kostbar aus.“
„So viele Edelsteine habe ich noch nie an einem Kleid gesehen!“, staunte Gorda.
„Ist euch sonst noch was an mir aufgefallen?“, fragte Psyche und drehte sich einmal im Kreis. Schon länger hatte sie in keinen Spiegel mehr gesehen, und in Anbetracht der Geschichten, die sie gelesen hatte, hoffte sie immer noch auf ein Wunder, was ihr Aussehen anbelangte.
„Du siehst ordentlicher aus“, sagte Gorda.
„Bin ich nicht auch hübscher?“, fragte Psyche hoffnungsvoll.
Tessa kniff die Augen zusammen. „Deine Haut ist besser geworden, finde ich.“
Psyche beschloss, nicht weiter nachzufragen. Sie hatte sich scheinbar in keine Schönheit verwandelt. Erstaunt stellte Psyche fest, dass es sie gar nicht mehr bekümmerte.
„Jetzt erzähle uns, was dir geschehen ist!“
„Also es ist so … “, kicherte Psyche. Voller Freude erzählte sie ihren Schwestern alles, was ihr in den letzten Wochen widerfahren war. Sie konnte ihre Zunge kaum zügeln.
„Dieses Ungeheuer ist also ein Mann?“, staunte Tessa.
„Ja“, sagte Psyche und in diesem Moment fühlte sie sich so wohl, dass laut rief: „Ich habe einen Mann, der mich liebt! Mein größter Wunsch hat sich erfüllt! Ist das nicht wunderbar? Tessa, Gorda, ist das nicht wunderbar?“
Tessa und Gorda wechselten einen kurzen Seitenblick.
„Und er hat ein Schloss?“, fragte Gorda.
„Ja, ein Schloss, ganz anders als die Burg auf der wir aufgewachsen sind. Prächtiger, größer … der Boden ist aus Juwelen, …“ Bis ins Detail beschrieb Psyche das wundersame Schloss. Wie gut es tat,ihre Erlebnisse endlich einmal teilen zu können. „Ist das nicht großartig? Ihr müsst unbedingt Mutter und Vater davon erzählen! Sie sollen sich keine Sorgen mehr machen! Sie sollen sich freuen! Endlich habe ich einen Mann! Und was für einen!“
„Gewiss …“, murmelte Tessa und runzelte die Stirn.
„Was ist denn los mit euch?“, fragte Psyche. „Freut ihr euch denn gar nicht?“
„Es tut mir leid, Psyche“, seufzte Tessa.. „Aber ich glaube, du bist verrückt geworden.“
„Das habe ich auch zu Anfang gedacht!“, rief Psyche. „Ach, wie konnte ich das vergessen. Es ist alles so unglaublich, oder? Aber es ist wahr. Es ist wirklich wahr. Wie sonst sollte ich zu so einem Kleid kommen?“
„Es stimmt, das ist wirklich außergewöhnlich“, sagte Tessa. Schweigend befühlte sie den Stoff. Und dann fügte sie hinzu: „Wenn es so ist, wie du sagst, dann zeige uns doch diesen wunderbaren Ort.“  Gorda, die die ganze Zeit staunend neben Tessa gestanden hatte, nickte heftig.
Erstaunt blickte Psyche ihre Schwestern an. Damit hatte sie nicht gerechnet, auch hatte sie das Untier nicht danach gefragt, aber sie konnte keinen Grund finden, der gegen einen Besuch sprach.
„Warum eigentlich nicht?“, sagte sie also und klatschte in die Hände. Sogleich wurden die Schwestern von den Winden umhüllt und landeten auf der Wiese vor dem Schloss.

 

***
Venus stand mit verbundenen Augen auf der Waldlichtung, wo Adonis zu jagen pflegte, wenn sich die Sonne senkte. Amor hockte im Gebüsch und wartete. Seine Mutter ergab ein perfektes Ziel. Jetzt musste nur noch Adonis pünktlich sein.
„Kann ich die Augenbinde abnehmen, Cupido, Schätzchen?“
„Noch einen Moment, Ma!“
Amor und atmete tief durch. Wollte er das wirklich tun? Das mit Apollo war ein Versehen gewesen, aber jetzt handelte er bewusst. Einen solchen Streich hatte er Venus noch nie gespielt. Was würde sein Vater dazu sagen? Oder sein Stiefvater Vulkanos? Amor dachte an Psyche und daran, dass Venus sie niemals als Schwiegertochter akzeptieren würde, weil sie ein Mensch war. Es war an der Zeit, dass Venus die Menschen besser kennenlernte.
„Was willst du mir denn zeigen?“, fragte Venus neugierig.
„Hat was mit Myrrha zu tun …“, antwortete Amor und hob den Bogen an.
Adonis, der Sohn von Myrrha und ihrer unglücklichen Liebschaft, stapfte durch das Unterholz auf die Lichtung zu. Amor entdeckte ihn, sah muskulöse Beine, schmale Hüften. Sah die weichen Locken, die Adonis ins Gesicht fielen und sein elegantes Kinn umspielten. Über diesem Kinn sah Amor einen Mund, einen wohlgeformten, schönen Mund …
Irritiert riss Amor den Blick von Adonis. Dieser Kerl war wirklich das attraktivste, männliche Exemplar, das er je gesehen hatte.
„Wer ist Myrrha?“, rief Venus. „Ich kenne niemanden mit diesem Namen!“
„Das war das Mädchen, das du in seinen Vater verliebt gemacht hast. Ich war ziemlich sauer auf dich. Ich fand das grausam von dir …”
„Du warst sauer auf mich? Cupido, was geht hier vor?“
In diesem Moment betrat Adonis die Waldlichtung. Er hielt inne, als wäre er auf der Stelle angewurzelt. Da stand diese wunderschöne, überirdische Erscheinung in der Mitte der Lichtung. Ihr Augen waren mit einem Tuch verbunden.
Amor zog einen Pfeil aus dem Köcher und legte an. Er überprüfte die Richtung von Pfeilspitze und Venus Körpermitte.
„Ma, du kannst die Augen jetzt öffnen!“
„Das wird auch Zeit, Cupido, Schätzchen …“
Surrend flog der Pfeil davon. Venus erblickte Adonis und ihr Herz explodierte.

 

 


Wer von Anfang an lesen will, muss einfach hier nach ganz unten scrollen. 😉

Was sieht “der Mensch”?

Der antike Philosoph Protagoras schrieb einmal auf: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“

 

Und seitdem denken Philosophen und wirre Geister darüber nach, was genau dieser „Mensch“ eigentlich ist.

 

Meinte Protagoras „den (einzelnen) Menschen“ oder „die Menschheit“ oder „das Menschliche“?

Ich glaube (geprägt durch das, was ich selber denke), Protagoras meinte „das Individuum“, also den einzelnen Menschen.

Sonst hätte er ja schreiben können. „Die Menschheit“ oder „das Menschliche an sich“ sei “das Maß aller Dinge”.

 

Folgt man der Annahme, kommt man zu dem Schluss, dass die Sicht des Individuums auf die Welt, die individuelle Wahrnehmung, demnach das „Maß“ der Dinge für den einzelnen Menschen ist.

Anders gesagt: so, wie der Einzelne die Welt wahrnimmt, erscheint sie ihm auch. Die Welt wäre also ein Abbild dessen, was der Mensch selbst für wahr hält. Oder kann von dem Menschen nur so erfahren werden, “wie” er sie für wahr/echt/real/wahrnehmbar hält.

 

Aber was halten Menschen für wahr und: wieso? Oder anders: Was nehmen Menschen wahr und: wieso?

(Darauf gibt es viele Antwortmöglichkeiten, sehr individuelle, evtl. kategorisierbar durch Psychologie.)

 

Und was mich viel mehr interessiert:

 

Gibt es einen „Funken“, den vielleicht alle Menschen „für wahr“ halten – oder für wichtig?

 

Ist das dann „das Menschliche“?

 

Was meint ihr?

Liebe und Tod

Amor hatte der Wolke befohlen, den Eingang zur Unterwelt anzusteuern. Dort hatte er seine Pfeile versteckt. Die musste er holen, um wieder zu arbeiten.
Unter sich sah Amor kleine Schaumkronen blitzen. Er befand sich über dem Meer. Kein Schiff in Sicht.
Gut, dachte Amor und knackte seine Finger, dann kann es ja losgehen!
Mit einem gewaltigen Kick flog die erste Amphore von der Wolke. Wie er seine Arbeit hasste! Venus` Hohn klang in seinen Ohren. „Selbstständig?“ … „Mach deine Arbeit!“ … „Meine Schönheit verträgt keinen weiteren Ärger“.
Seine Mutter. Diese Harpyie!
Eine weitere Amphore folgte der ersten und zischte durch einen Schwarm aufgeregt krächzender Möwen. Warum hatte Venus ihm nicht zugehört? Es gab einen Grund dafür, dass er nicht mehr arbeitete.
Sein Job war … unsinnig. Liebe war der nichtsnutzigste Auftrag im Götterhimmel. Und auf der Erde sowieso. Männer und Frauen passten einfach nicht zusammen. Götter und Göttinnen übrigens auch nicht. Alle waren ohne dieses ganze Liebesgedöns besser dran.
Amor trat gegen die dritte Amphore und verknackste sich den Fuß.
„Au!“
Das Gefäß wog schwer. Anscheinend war noch Wein darin. Erschöpft sank Amor in die Wolkenwatte. Sein Fuß schmerzte. Er hatte keine andere Wahl. Die Aussicht, dass die Opfergaben sonst weniger würden, war düster. Götter, die keine Geschenke von den Menschen erhielten, verschwanden in Bedeutungslosigkeit.
Amor langte nach der Amphore. Er nahm einen großen Schluck und spürte zufrieden, wie der süße Wein seine Kehle hinabrann.
Latona zum Beispiel, die Mutter von Diana und Apollo, war total nett und konnte gut kochen. Bei ihr hatte er das erste Mal Fleisch gegessen und Wein getrunken, denn sie hielt nicht viel von Nektar und Ambrosia. Vor Unzeiten war Latona aus dem Osten eingewandert. Wo sie herkam, war sie in Vergessenheit geraten. Und hier hatte sie nie richtig Anschluss gefunden. Ohne ihre Zwillingskinder könnte sie sich gar nichts leisten.
Diana und Apollo waren von Geburt an strebsam, fleißig und sehr erfolgreich. Sie besaßen unzählige Tempel, bekamen unendlich viele Opfergaben und konnte ihre Mutter unterstützen. Doch Amor selbst war ohne den Ruhm von Venus nichts. Denn er besaß keinen Tempel, er erhielt keine Opfergaben. Er bekam sie von Venus.
Was Diana und Apollo zu seiner Misere sagen würden, daran wollte er gar nicht denken. Er musste das irgendwie wieder in Ordnung bringen.
Amor nahm einen weiteren, kräftigen Schluck und blickte von seiner Wolke hinab. Unter ihm befand sich das Kap Tenaro, eine schroffe Felslandschaft mit einem unscheinbaren Loch, aus dem stinkende Dämpfe emporstiegen.
Amor leerte die Amphore bis auf den letzten Tropfen. So ein Unterweltsbesuch war kein Zuckerschlecken, auch wenn er es bloß in die Vorhalle schaffen musste. Mit einem Satz sprang er von der Wolke. Mühelos flog er vorbei an den Rauchschwaden, leicht beschwipst vom Wein.
Vorsichtig blickte er in den Abgrund. Tief aus dem Innern hörte er ein unheimliches, grollendes Bellen. War das Kerberos, der Höllenhund? Amor seufzte. Warum hatte er sich kein neutraleres Versteck ausgesucht? Das Labyrinth vom Minotaurus vielleicht oder irgendeinen gottverlassenen Hain.
Mit ungutem Gefühl kletterte er hinein und folgte den eingeritzten Markierungen zum Versteck seiner Pfeile.
Als er die Vorhalle zur Unterwelt betrat, bot sich ihm ein erschreckendes Bild. Seine Pfeile lagen überall verteilt. Und mitten drin saß ein Schatten, gehüllt in dunkle Seide. Es war sein Großonkel Pluto. Der Gott des Todes höchstpersönlich.
Um ihn herum tollte der dreiköpfige Kerberos, in jedem Maul einen Pfeil.
„Fang die Stöckchen!“, rief Pluto. Die Liebespfeile und der Kerberos schossen kreuz und quer durch den Raum.
Vorsichtig tapste Amor rückwärts, bemüht, keinen Mucks zu machen. Doch die schwarze Figur begann, sich langsam in seine Richtung zu drehen.
„Bist du gekommen, um deinen Onkel zu besuchen?“
„Ich hab mich verlaufen“, keuchte Amor. „Bin schon wieder weg.“
„Du hast hier etwas verloren“, raunte Pluto.
„Äh …“
„Nun mach schon, sammele deine Pfeile zusammen.“ Pluto ließ einen seltsamen Pfiff ertönen und der Kerberos trollte sich zurück an das andere Ende der Halle.
Amor runzelte die Stirn. War das eine Falle? Eigentlich war dem Gott des Todes daran gelegen, jeden, der sein Reich betrat, für immer darin festzuhalten.
„Äh, nee, das mach ich ein Andermal. Tschüss dann …“
„BLEIB HIER.“
Amor hielt in seiner Bewegung inne. Nicht auch das noch. Nun würde er auf Ewigkeit im Reich des Todes verweilen … andererseits, vielleicht war das nicht die schlechteste Wendung für sein Schicksal.
„Okay.“
„SAMMEL DIE PFEILE“, Pluto räusperte sich, „ich meine: sammele die Pfeile auf.“
Möglichst unauffällig versuchte Amor, die Pfeile zusammen zu klauben und Pluto dabei nicht zu nah zu kommen. Immer wieder guckte er ängstlich in die Richtung seines Großonkels. Verblüfft stellte Amor fest, dass der versonnen den Sabber des Kerberos von einem Pfeil strich. Der Gott der Unterwelt schien ganz in die Betrachtung vertieft.
„Eine wirklich schöne Arbeit“, murmelte Pluto.
„Ähh, jaja“, brachte Amor hervor, der eifrig die Geschosse vom felsigen Boden pflückte. Vor allem zu schön, um damit „Fang-den-Stock“ zu spielen, dachte er bei sich. Ein wenig Empörung mischte sich in seiner Angst.
„Wirklich exzellent austariert …“, sagte Pluto und wog den Pfeil in seiner Schattenhand.
Ein bisschen geschmeichelt platzte es aus Amor heraus: „Die mache ich selber!“
„So?“, fragte Pluto und drehte sich in Amors Richtung. Amor hatte seinen Großonkel noch nie direkt angesehen. Nun stellte er fest, dass Pluto gar nichts zum Ansehen hatte. Unter dem Kapuzengewand zeigte sich ein dunkler Sog schwärzester Masse, gesprenkelt mit ein paar hellen Tupfern. So ein bisschen wie der nächtliche Sternenhimmel, aber gruselig.
„Jaja …“, rief Amor und flatterte aufgeregt durch die Halle. Es waren nur noch wenige Pfeile, die er fassen musste, dann würde er diesen unheimlichen Ort wieder verlassen. Irgendwie.
Plutos unendlicher Blick folgte ihm. Mit seiner ruhigen, tiefen Stimme fragte er:
„Ist Liebe … so wie dieser Pfeil?“
Amor verhedderte seine Flügel.
„Bitte was?“
„Was ist das, diese … Liebe?“, fragte Pluto.
„Liebe ist Schwachsinn“, antwortete Amor und landete mit einem Plumpsen auf dem Boden.
„Schwachsinn …“, murmelte Pluto. Er erhob sich. „Dann sind zwei Schatten aufgrund von ´Schwachsinn` aus meinem Reich verschwunden?“
Augenblicklich ließ Amor seine Sammlung fallen und floh in die nächstbeste Felsspalte. Pluto war riesengroß, wenn er stand, und dieser dunkle Strudel, wo eigentlich ein Kopf sein sollte, verhieß nichts Gutes.
„Was … was willst du von mir?“
„Zwei Schatten. Ein Mann und eine Frau. Sie sind verschwunden. Ich will wissen, warum.“
„Ich … ich weiß nicht!“, rief Amor. „Ich habe nichts damit zu tun!“
„Du musst etwas wissen. Es war ein Liebespaar.“
„Ein Liebespaar?“, fragte Amor erstaunt. „Meinst du etwa Pyramus und Thisbe?“
„Sie sind kurz nacheinander hier eingetroffen, vor etwa zwei Monden.“
„Dann waren es Pyramus und Thisbe!“, rief Amor. „Das heißt: sie leben wieder? Hast du sie frei gelassen?“
„Nein“, sagte Pluto und beugte sich hinab zu Amor. „Wie ich schon sagte, sie sind verschwunden. Sie sind nicht unter den Toten, nicht unter den Lebenden. Was weißt du?“
„Ich …“ Amor quetschte sich noch ein wenig tiefer in die Ritze. „ERZÄHLE!“
Amor zitterte am ganzen Leib. Er rang um Worte. Es war dramatisch gewesen, grausam. Manchmal war er nachts aufgewacht, schweißgebadet. Und dann sah er wieder den blutigen Schal und den knurrenden Löwen. Glücklicherweise lockerte der Wein seine Zunge.
„Also …“, hob Amor an, „die beiden, sie stammten aus verfeindeten Familien. Aber sie mochten sich. Und ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn sie sich verlieben. So Frieden, Happy End und so.“
„Wie meinst du das?“
„Na, ich dachte, dass die beiden heiraten und sich ihre Familien dann wieder vertragen. Aber es kam ganz anders.“ Amor hoffte, dass Pluto den Vorwurf gehört hatte, den er in die letzten Worte gelegt hatte.
„Wie sind sie gestorben?“, fragte Pluto unbeeindruckt.
„Sie hatten sich verabredet. Ein heimliches Treffen. Auf einem Friedhof. Kein schöner Ort, wenn du mich fragst. Dort hat Thisbe auf Pyramus gewartet. Sie sah so hübsch aus im Mondlicht! Plötzlich kam ein Löwe vorbei und Thisbe hat sich in einer Gruft versteckt. Als Pyramus kam, sah er den Löwen und Thisbes Tuch, das sie auf der Flucht verloren hatte …“
Amor hielt inne und wischte sich den Augenwinkel.
„Und dann?“, fragte Pluto.
Amor musste blinzeln. Irgendwie schien es in der Unterwelt viele Fliegen zu geben. Eine war ihm ins Auge geflogen.
„Er … er hat sich umgebracht!“, schniefte Amor.
„Und sie?“, fragte Pluto mit ausdrucksloser Miene.
„Sie hat sich auch umgebracht! Weil, als sie zurückkam, da hat sie Pyramus gefunden. Tot!“
„So?“, fragte Pluto.
„Ja!“, rief Amor. „Die größte Liebe überhaupt! Meine besten Pfeile habe ich hergegeben! Und dann das! Siehst du jetzt, wie schwachsinnig das alles ist?“
Amor atmete tief ein. Irgendwie fühlte er sich besser. Wer hätte gedacht, dass es so gut tun würde, mal all den Kummer rauszulassen?
Doch der Blick in Plutos wirbelndes Antlitz, das jetzt direkt über ihn schwebte, erschreckte ihn zu Tode.
„Eine nette Anekdote“, sagte Pluto. „Mich aber interessiert vor allem, wie stark diese … Liebe ist.“
Amor konnte den Puls der Zeit an seinem Körper spüren, als Pluto ihn einsog.
Dann war da nichts mehr.

Den ersten Teil gibt es hier.

Und hier die Audioversion.

Meine blaue Zelle

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Ich lebe in einem blauen Gefängnis. In einem Zimmer, fünf Quadratmeter klein. Ich sehe Vorhänge, dahinter ein Fenster. Ich habe es nicht geöffnet, seit ich hier einzog. Nie habe ich nach draußen gesehen – und ich werde es nicht tun. Denn ich habe Angst. Ich habe Angst, dass das, was ich draußen sehen könnte, so schön ist, dass es mein Dasein auf den blauen Metern herabwürdigt. Oder, was ich genauso fürchte, es könnte hässlich sein.

Wenn ich nicht gucke, kann ich Hoffnung haben. Diese Tatsache lebe ich.
Meiner Zelle gegenüber liegt eine andere Zelle. Nach dem Flur, der uns trennt, direkt hinter dem Gitter, wohnt Herr Videns.
Seine Zelle sieht genauso aus wie meine. Ein tiefes Blau, in dem eine Glühbirne von der Decke baumelt. Er besitzt Pritsche, Stuhl und Tischchen, in der hinteren Ecke eine Toilette und Waschbecken. Dieselben grauen Gardinen, dahinter dasselbe geschlossene Fenster.

Ich kenne Herr Videns, seitdem ich hier wohne. Er lebte schon vor mir hier. Einst schenkte er mir Zettel und Stift, damit ich festhalten kann, was ich jetzt schreibe.
„Guten Morgen“, wünscht Herr Videns eines Morgens.
„Ist das ein guter Morgen?“, murmle ich.

„Gewiss“, sagt er. „Heute werde ich den Vorhang öffnen. Ich habe es satt, ja, ich habe es satt.“
„Sie haben es satt?“, frage ich und mein Interesse erwacht. Ich erhebe mich von der Pritsche, auf der ich Nacht um Nacht ruhe. Ich sehe Herrn Videns, angekleidet und frisiert. Er blickt froh.
„Ständig dieses Einerlei. Meine blaue Zelle, Ihre blaue Zelle, Sie in Ihrer Zelle. Es ist Zeit.“
„Überlegen Sie gut!“, rufe ich. „Sie könnten die Hoffnung verlieren!“ Mein Herz klopft, meine Hände zittern. Oft haben wir uns über die Vorhänge unterhalten und waren derselben Meinung. Sie zu lüften würde in jedem Fall Enttäuschung nach sich ziehen. Selbst, wenn dort etwas sein sollte, das erfreut, – es wäre unerreichbar und damit schmerzvoll anzusehen.
Herr Videns schreitet entschlossen zur Tat.
Eine Welle aus Neugier überwältigt meinen Protest. „Seien Sie vorsichtig …“, wispere ich und beobachte mit grauenvollem Behagen, wie Herr Videns den Vorhang anhebt. Seitlich lugt er hindurch. Licht fällt auf sein faltiges Gesicht. Er flüstert, runzelte die Stirn, reibt sich die Augen.
Vor Spannung halte ich den Atem an. Und ein Gedanke durchzieht meinen Geist: Wie alt mag er sein, frage ich mich. Sein Haar, das ich grau in Erinnerung hatte, leuchtet weiß, als der Vorhang fällt.

„Was haben Sie gesehen?“, keuche ich.
Herr Videns dreht sich zu mir. Seine Augen funkeln.
„Och, ich fand nichts Besonderes …“, sagt er, setzt sich auf den Stuhl und faltet die Hände.
„Sie sehen … zufrieden aus!“, protestiere ich.
„Das war nichts“, wehrt Herr Videns ab, doch sein Lächeln straft ihn einer Lüge.
„Erzählen Sie!“
„Wollen Sie nicht gucken?“
„Aus Ihrem Fenster? Das geht nicht!“
„Nein“, sagt er und winkt ab. „Aus Ihrem Fenster.“
„Niemals!“, rufe ich entrüstet.
„Machen Sie es, trauen Sie sich. Es ist leicht.“
„Herr Videns“, ich stehe auf und laufe unruhig hin und her. „Herr Videns. Sie kennen meinen Standpunkt. Ich kann und ich werde nicht gucken. Unmöglich, dass es mir ergeht wie Ihnen. Es sei denn, ich schaue aus Ihrem Fenster!“
„Sie selbst haben eines.“
„Wir haben dieses Thema besprochen. Ich könnte es nicht ertragen. Akzeptieren Sie das.“
Herr Videns seufzt.
„Sagen Sie mir, was Sie gesehen haben!“
„Gut“, sagt er. „Ich will Ihnen etwas von Ihrer Angst nehmen. Die Befürchtung, dass das Bild zu schön oder zu hässlich ist, können wir verwerfen. Alles, was ich vorfand, sehe ich, wenn ich Sie betrachte. Eine hübsche Dame in einer dunkelblauen Zelle, mit exakt einer Pritsche, Stuhl und Tisch. Und ein Fenster.“

Ich setze mich, überwältigt von seinen Worten. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Wenn dies zuträfe, dann wäre es tatsächlich nicht so schlimm, wie befürchtet – oder gar zu schön. Oder wäre es schlimm? Wenn alles so ist, wie das, was wir ohnehin schon kennen?
„Das gibt es doch nicht! Also fürchteten wir umsonst, falls dort, hinter dem Vorhang, alles ist wie hier!“
Doch da ist etwas, das nicht so sein kann, wie unsere Zellen. Es nagt in mir, also rufe ich:
„Erzählen Sie von der Frau!“

„Die Frau?“, fragt Herr Videns, „Ach, die ist nicht besonders …“

„Dann sagen Sie mir, was sie Ihnen gesagt hat! Sie haben doch geflüstert!“

Herr Videns räuspert sich und streicht sein Kinn.
„Nun, sie sagte mir, dass sie gerne aus ihrem Fenster sieht.“
„Sie tut es?“, frage ich. Ob Herr Videns mich zum Narren halten will? „Was kann sie sehen? Eine Frau in einer Zelle?“
Herr Videns fährt fort mit ruhiger Stimme, sitzend auf dem Stuhl, die Hände gefaltet, manchmal spreizt er einen Finger ab.
„Das will sie mir erzählen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich das wissen will.“
„Sie müssen sie fragen“, sage ich. Vielleicht, um mich zu vergewissern, dass Herr Videns die Wahrheit sagt, vielleicht, weil meine Neugier brennt.
„Sehen und hören Sie selbst!“, sagte Herr Videns.
„Nein!“
Ich drehe ihm den Rücken zu und verschränke die Arme.
„Gut“, sagt Herr Videns. „Ich weiß, was Sie zu tun imstande sind. Ich möchte keinen Streit mit Ihnen. Ich werde die Frau fragen.“
Erleichtert drehe ich mich zurück und lächle. Herr Videns steht auf und geht ans Fenster.

Gatter quietschen, der Korridor hallt von Schritten, schwere Stiefel, die in unsere Richtung laufen.
Haferbrei im ungünstigsten Moment.
Eigentlich mag ich den Haferbrei. Drei Mal am Tag zur selben Zeit, dieselbe hellbraune Suppe, mit derselben gleichförmigen Temperatur. Ich fühle mich geborgen, wenn ich den Löffel in den Mund schiebe und den Brei dort langsam zergehen lasse. Es gibt nur eine Sache, die meine Zunge mehr reizen würde, aber die bekommen wir hier nur selten: Orangen.
Der Wärter schiebt das Tablett unter Herrn Videns Gatter hindurch. Dann dreht er sich zu mir und sagt: „Lassen Sie es sich schmecken“, während er den Haferbrei hereinschiebt.
Ich betrachte den Haferbrei und warte ungeduldig darauf, dass die Schritte des Wärters nicht mehr zu hören sind. Gleicher Haferbrei auf demselben Tablett. Dasselbe Einerlei. Eine graue Soße mit fetten Klumpen. Öde und langweilig. Die Schritte verhallen.

„Jetzt machen Sie!“, zische ich zu Herrn Videns. „Fragen Sie die Frau!“
Herr Videns ist schon dabei, den Brei zu verspeisen. Er rückt seinen Stuhl ans Fenster und verschwindet samt Löffel und Schälchen unter der Gardine. Der Stoff verdeckt ihn, ich höre ihn schmatzen und kichern. Den Haferbrei rühre ich nicht an.

„Die Dame heißt Anima und sie erzählte mir Folgendes: Draußen vor ihrem Fenster ist eine Straße. Auf der anderen Straßenseite befindet sich eine Bank. Dort hat sie in der letzten Zeit einen Mann sitzen sehen.“
„Und?“, frage ich.
„Und seit ein paar Tagen spaziert dort eine junge Frau.“
„Weiter!“
„Anima meinte, dass die beiden sich Blicke zuwerfen.“
„Blicke?“
„Von Auge zu Auge. So wie wir.“
„Mehr nicht?“
„Mehr nicht.“
„Der Mann sollte sie ansprechen!“

„Die Frau könnte ebenfalls etwas wagen“, sagt Herr Videns.
„Ansonsten passiert nichts?“, hake ich nach.
„Nichts“, sagt Herr Videns. „Außer, dass Anima meinte, es sei ein schöner Tag.“
„Das ist gut, allerdings klingt es ausgesprochen langweilig“, sage ich. Um ehrlich zu sein, ich bin erstaunt, dass Frau Anima etwas anderes aus ihrem Fenster sehen kann. Gar diese interessanten Dinge, Liebe und Schönheit und so. Und ich frage mich, was hinter meinem Vorhang sein könnte. Ich erinnere mich, dass ich mich so oft dabei ertappt habe, dorthin zu blicken, zu träumen, mir vorzustellen, was dahinter liegt. Königreiche, dunkle Wälder, vielleicht ein Garten. Aber ich habe es bereits erklärt. Für mich besteht der Reiz darin, Hoffnung zu haben, nicht darin zu handeln. Eine Enttäuschung würde ich nicht verkraften. Sie würde meine Seele brechen. Ich weiß es.

„Ein schöner Tag“, beginnt Herr Videns und kommt unter dem Vorhang hervor. „Ein schöner Tag, das ist laut Anima ein Tag, an dem die Sonne scheint. Es ist allerdings nicht der Schein, sondern vielmehr das, was das Licht mit den Menschen macht. Anima sagt, dass sie anders über die Straße gehen. Viel beschwingter, als hätten sie weniger Angst.“
„Hm“, gebe ich von mir, hebe den Haferbrei vom Boden und setze mich auf meinen Stuhl. Ein Löffel folgt dem anderen. Erst jetzt spüre ich meinen Hunger.
„Anima hat mir noch etwas gesagt“, sagt Herr Videns leise.
„Was?“, frage ich, während der Haferbrei langsam in meinem Mund schmilzt und mich in ein Gefühl von Wärme hüllt.
„Dass es einen Weg nach draußen gibt.“
Ich verschlucke mich und huste.
„Ihre Anima ist gefährlich“, stelle ich fest und wische mir über den Mund.
„Hören Sie“, sagt Herr Videns. Er steht dicht an seinem Gitter. „Wir können dieses Gefängnis verlassen. Es stimmt, ich weiß es. Es gibt nur eine Sache, die Sie tun müssten, dann werden Sie sehen, dass …“
„Nein!“, kreische ich. „Denken Sie an die Orange. Lassen Sie mich in Ruhe!“
Ich drehe mich weg. Einst habe ich Stunden so gesessen und ihn keines Blickes gewürdigt. Er wollte mir eine Orange, die aus meiner Zelle versehentlich in die seine gerollt war, nicht zurückgeben. Nach drei Stunden kullerte das Obst zurück an meine Füße. Ich nahm es, pellte es, aß – und redete drei Tage kein Wort mit dem Alten.
Wir bekommen Orangen zu Weihnachten und an unserem Geburtstag. Sie leuchten schön in dem dunklen Blau der Zelle. Wie eine kleine Sonne. Und sie duften herrlich zitronig. Ich liebe sie. Ich würde sie niemals teilen.

Genüsslich schlecke ich mir den Brei von den Fingern. Der Plastikteller und das Tablett vom Abend werden gleich abgeholt. Ich schiebe sie unter dem Gatter durch. Herr Videns sieht mich so seltsam an. Er winkt. Ich putze meine Zähne. Ich habe seit Tagen kein Wort mit ihm gesprochen. Ich gedenke nicht, das zu ändern. Genug ist genug. Ich lege mich auf die Pritsche. Vor mir verschmilzt der Vorhang mit der Wand der Gefängniszelle.

Herr Videns hat mich verraten. Er hat das, was wir uns beide vorgenommen haben, nicht eingehalten. Je mehr Gekicher ich höre, je mehr Tage vergehen, desto mehr widert er mich an. Doch hat er Recht. Ich sollte aus dem Fenster sehen.
Herr Videns räuspert sich.
Ich reagiere nicht.
Er räuspert sich noch einmal.
Ich dreh mich auf die andere Seite und lege mit das Kissen aufs Ohr.
Das Licht geht aus und Herr Videns bekommt einen heftigen Anfall. Er hustet, er schnappt nach Luft, er röchelt. Das kann ich durchs Kissen hören.
Bei meiner Einweisung, die Jahre zurückliegt, erhielt ich ein paar Ratschläge, wie zu handeln sei. Sinnvoll wäre es, laut und deutlich um Hilfe zu rufen. Die Stimme würde über den Gang hallen und jemandes Aufmerksamkeit erregen.
Ich vergaß den roten Knopf zu erwähnen, der außerhalb der Zellen angebracht ist. Ich könnte aufstehen, meinen Arm ausstrecken, an der bröckligen Mauer entlang fühlen und den Schalter drücken.
Ich könnte Herrn Videns retten.
Ich habe eigene Pläne.
Es geht schnell.

Am Morgen entdecke ich seinen verrenkten Körper und die geschwollenen Adern. Ich rufe um Hilfe, damit kein Verdacht aufkommt. Männer kommen und transportieren Herrn Videns Überreste aus der Zelle. Sehnsüchtig blicke ich in den leeren Raum. Reinungskräfte kommen und putzen Tisch und Stuhl, Pritsche, Waschbecken und Toilette. Schrubber kratzen über den Boden. Dort könnte ich nun bestimmt mein Spiegelbild erkennen, zumindest ein verzerrtes Abbild. Spiegel gibt es hier nicht. Ich sah immer nur sein Gesicht.
Andere kommen, die mich fragen, ob ich etwas gesehen oder gehört hätte. Ich antworte, dass ich nichts sah, nichts hörte.
„Er war alt“, sagen die Leute, kritzeln auf ein Blatt, das ich unterzeichne. Sie gehen. Den ganzen Tag betrachte ich mein neues Zuhause.
Ich warte bereits am Gitter, als der Wärter kommt.
„Können sie mir helfen?“, frage ich zaghaft.
Er sieht mich an, leicht verdutzt.
„Wissen Sie, …“ Ich zeige mit dem Finger in die Zelle. Er sieht hinüber.
„Tragisch.“
Ich spiele mit dem obersten Knopf des Nachtgewands, um den Köder auszulegen. Sein Blick bleibt dort hängen. Ich seufze.
„Ich wünschte, ich könnte in seine Zelle ziehen. Um bei ihm zu sein, wissen Sie? Ich würde es nicht ertragen, jemand anderes darin zu sehen.“
Der Knopf ist offen. Die Falle schnappt zu.
„Ich kann“, sagt der Wärter und durchbohrt mich mit seinen Augen. Dann öffnet er mein Schloss.

Ich wagte nie zu träumen, dass Wünsche in Erfüllung gehen. Ich bin am Ziel meiner Reise. Ich habe den Gipfel betreten und werde bald die Aussicht genießen.
Ich bin in Herrn Videns Zelle. Ich habe alles geschafft, was ich wollte.
So lüfte ich, um den letzten Akt zu begehen, behutsam den Vorhang des Fensters. Dieselbe graue Gardine, die in meiner Zelle hängt, aber mit einem sicheren Ausgang. Meine Augen sind geschlossen, doch flüstere ich ihren Namen: „Anima.“
„Bist du da?“
Ich komm mir vor, wie ein Liebender am Fenster seiner Angebeteten. Mein Herz rast, meine Hände zittern, ich wage kaum zu atmen. Die Lider wollen sich nicht öffnen, erwartungsfrohe Freude hält sie geschlossen. Ich will bis zum letzten Moment davon kosten. Dieser Augenblick, bevor der Gipfel erreicht ist, diese zwei, drei Schritte. Es sind die schwersten von allen.
Drei.
Zwei.
Eins.
Auf.
Dort ist ein Raum. Ein Lagerraum. Ein zitroniger Geruch strömt mir entgegen. Ich sehe eine Farbe: Orange in kleinen Kügelchen.
„Anima!“, rufe ich wieder, obwohl sich das böse Gefühl in mir ausbreitet, dass dort nichts weiter sein wird, als Berge aus Orangen.
Sie duften dort,
sind zu weit fort,
fern, an einem anderen Ort.
Oh weh!
Und diese Erkenntnis zerstört mich, lässt mich zerfallen, als hätte es mich nie gegeben.

„Wie heißen Sie?“, fragt eine Dame aus der gegenüberliegenden Zelle.
Eine Zelle. Eine Dame. Ein Name. Alles sieht aus wie hier, nur spiegelverkehrt. Dunkelblau gestrichen, Pritsche, Toilette und Stuhl falsch herum.
Wer wohnt in dieser Zelle?
„Herr Videns.“
„Freut mich, Herr Videns“, sagt die Dame und lächelt. „Wir kennen uns kaum, ich habe dennoch eine Bitte. Ob ich Zettel und Stift von Ihnen leihen könnte?“
„Ich werde sie Ihnen schenken, auch wenn es das letzte wäre, was ich täte. Was wollen Sie schreiben?“, fragt Herr Videns.
„Eine Geschichte“, sage ich. „Ich will Ihnen nicht zu viel verraten. Ich habe meine Prinzipien. Den Anfang will ich Ihnen nennen.
Ich beginne:
„Ich lebe in einem blauen Gefängnis. In einem Zimmer, fünf Quadratmeter klein …“