Psyche und Pan (2)

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Psyche sah Pan verdutzt an. „Wieso Dickerchen?“

„Natürlich“, Pans Lippen verzogen sich wieder zu seinem grinsenden Ausdruck. „Liebe macht bekanntlich blind.“

„Er ist ein Gott!“, hielt Psyche dagegen. „Er ist nicht dick!“

„Gott, Mensch, Faun, Satyr, Nymphe, dick, dünn … was macht das schon?“, winkte Pan ab. „Wo die Liebe hinfällt, wächst kein Gras.“

Psyche schniefte und eine Träne rollte über ihre Wangen.

„Oh, armes Liebchen“, sagte Pan. „Weine ruhig, lass alles raus. Und währenddessen werden wir gemeinsam das Schauspiel genießen!“

Er kletterte geschickt auf den Felsen und zog Psyche zu sich nach oben. Für kurze Zeit wurde Psyche an seinen Oberkörper gedrückt. Ein würziger, moschusartiger Duft strömte in ihre Nase. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und rückte eine Armeslänge fort von Pan. Der machte er sich auf dem Felsen bequem und legte sich auf die Seite. Er nestelte eine Flöte aus seinem Umhang, zwinkerte Psyche zu und begann, eine fröhliche Melodie anzustimmen.

Es war ganz unglaublich, was mit den Nymphen, Faunen und Satyrn geschah. Aus der ungeordneten Menge wurde eine bewegte Form, sie verwandelte sich in einen Kreis, einen Stern, eine Spirale.

„Von hier oben sieht es am schönsten aus“, murmelte Pan zwischen zwei Tönen.

Die Melodie der Flöte überwarf sich und wurde aufgenommen von den Bäumen des Waldes. Das Rauschen der Blätter mischte sich mit den klingenden Noten.

„Singen die Bäume?“, fragte Psyche verwundert.

„Oh ja“, sagte Pan. “Ist es nicht wunderschön?”

Psyche nickte fasziniert.

„Das sind die Stimmen der Baumnymphen“, erklärte Pan. Während er sprach, spielte er gleichzeitig auf seiner Flöte.

„Warum tanzen sie nicht hier?“, fragte Psyche.

„Sie verließen uns einst, weil sie sich in einen Stern verliebten. Sie nahmen die Form von Bäumen an, um dem Himmel so nah wie möglich zu sein.“

Während Pan diese Worte sprach, veränderte sich die Musik. Die Bewegungen der Tanzenden wurden langsamer.

„Wir vermissen sie“, fügte Pan erklärend hinzu. „Wir tanzen für die Liebe. Wir lieben. Alles.“

Und in diesem Moment konnte Psyche einen winzigen Funken ihrer Liebe spüren. Darüber aber lag tiefer, schwarzer Kummer. Ihr taten die Nymphen in den Bäumen leid, genauso wie die Menge der tanzenden Satyrn und Pan an ihrer Spitze, die um die verlorenen Nymphen trauerten.

Die Melodie wurde immer eindringlicher und Psyche hatte das Gefühl, dass sie dem Kummer einen Weg nach draußen ebnete und die Liebe freilegte, freimachte von Kummer, bis allein die Liebe blieb.

„Ruhig“, sagte Pan. „Wir haben die ganze Nacht Zeit.“

Er legte seine Fingerspitzen auf ihren Rücken. Das beruhigte Psyche genauso, wie es sie irritierte.

„Amor ist … er hat mich fallen gelassen.“

„Tja, er ist auch gerade erst der Muttermilch entwöhnt“, murmelte Pan. „Was haltet ihr von Amor?“, rief er in die tanzenden Nymphenschar.

„Lausebub!“, „Frechdachs!“, „Ein lustiger Kerl!“, kam es von unten. „Wer ist das?“, „Kennt ihr den?“, „Doch, das ist doch er, der die Krieger verliebt gemacht hat!“ Und alle verfielen in ein aufgeregtes Geplapper, das sich mit der Musik mischte.

Obwohl sie traurig war, musste Psyche grinsen. Es war drollig, wie die kleinen Kerlchen ihren Liebsten wahrnahmen.

„Also“, sagte Pan. „Vergiss diesen Bengel einfach.“

„Ihn vergessen? Das könnte ich nie!“

„Und warum nicht?“, fragte Pan.

„Weil … ich weiß nicht. Ich bin schwanger. Ich … Er hat mich so … er macht mich verrückt!“

„Du liebst ihn“, schloss Pan.

„Ja.“

„Dann gibt es nur eine Sache, die dir helfen wird“, sagte Pan.

 

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Amor schießt wieder!

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Am nächsten Donnerstag, den 6. Oktober 2016, geht es weiter mit dem Blogroman “Amors Abenteuer”. Jede Woche ein neues Kapitel, immer so gegen 18:00 Uhr.

Wer sich noch einmal einlesen möchte, der klicke HIER, scrolle ganz nach unten und lese.

Habt ein schönes Wochenende und eine schöne Woche, wir lesen uns hoffentlich dann am Donnerstag – bin schon ganz kribbelig, wie euch die restlichen Kapitel gefallen werden!

 

Alles Liebe

Eure

Runa

 

PS. Das schöne Bild habe ich von Jörg Bittner Unna – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35823161

 

 

Explosion

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Die Winde trugen Psyche hinaus aus dem Schloss, über die Wiese bis zur Bergspitze, direkt zu ihren Schwestern Gorda und Tessa.
Die beiden blickten so erschrocken, als wäre ihnen eine Göttin erschienen.
„Ich bin es“, sagte Psyche. Sie musste lachen und gleichzeitig fielen Tränen auf ihr Kleid. „Ich bin es, ich bin es wirklich!“
Gorda war die erste, die sich aus ihrer Erstarrung befreite. Vorsichtig ging sie auf Psyche zu, umrundete sie ohne den Blick von ihr zu lösen. „Wir sind hierhergekommen, um deinen Leichnam zu suchen. Du … das ist nicht wahr“, murmelte Gorda, noch völlig benommen.
„Doch“, sagte Psyche und nickte kräftig. „Ich bin es, eure hässliche Psyche.“
Und im nächsten Moment fielen sich die Schwestern in die Arme, juchzten und schluchzten.
„Aber wie kann das sein?“, stammelte Gorda. „Wir dachten, du seist tot!“
„Es ist alles ganz anders …“, sagte Psyche. „Ganz anders … ihr könnt euch nicht vorstellen, was mir passiert ist …“
„Das glaube ich auch“, sagte Tessa. „Woher kommst du so plötzlich?“
„Das ist … das ist … schwer zu erklären …“
„Was ist mit deinem Haar geschehen? Es sieht so … so unglaublich kostbar aus.“
„So viele Edelsteine habe ich noch nie an einem Kleid gesehen!“, staunte Gorda.
„Ist euch sonst noch was an mir aufgefallen?“, fragte Psyche und drehte sich einmal im Kreis. Schon länger hatte sie in keinen Spiegel mehr gesehen, und in Anbetracht der Geschichten, die sie gelesen hatte, hoffte sie immer noch auf ein Wunder, was ihr Aussehen anbelangte.
„Du siehst ordentlicher aus“, sagte Gorda.
„Bin ich nicht auch hübscher?“, fragte Psyche hoffnungsvoll.
Tessa kniff die Augen zusammen. „Deine Haut ist besser geworden, finde ich.“
Psyche beschloss, nicht weiter nachzufragen. Sie hatte sich scheinbar in keine Schönheit verwandelt. Erstaunt stellte Psyche fest, dass es sie gar nicht mehr bekümmerte.
„Jetzt erzähle uns, was dir geschehen ist!“
„Also es ist so … “, kicherte Psyche. Voller Freude erzählte sie ihren Schwestern alles, was ihr in den letzten Wochen widerfahren war. Sie konnte ihre Zunge kaum zügeln.
„Dieses Ungeheuer ist also ein Mann?“, staunte Tessa.
„Ja“, sagte Psyche und in diesem Moment fühlte sie sich so wohl, dass laut rief: „Ich habe einen Mann, der mich liebt! Mein größter Wunsch hat sich erfüllt! Ist das nicht wunderbar? Tessa, Gorda, ist das nicht wunderbar?“
Tessa und Gorda wechselten einen kurzen Seitenblick.
„Und er hat ein Schloss?“, fragte Gorda.
„Ja, ein Schloss, ganz anders als die Burg auf der wir aufgewachsen sind. Prächtiger, größer … der Boden ist aus Juwelen, …“ Bis ins Detail beschrieb Psyche das wundersame Schloss. Wie gut es tat,ihre Erlebnisse endlich einmal teilen zu können. „Ist das nicht großartig? Ihr müsst unbedingt Mutter und Vater davon erzählen! Sie sollen sich keine Sorgen mehr machen! Sie sollen sich freuen! Endlich habe ich einen Mann! Und was für einen!“
„Gewiss …“, murmelte Tessa und runzelte die Stirn.
„Was ist denn los mit euch?“, fragte Psyche. „Freut ihr euch denn gar nicht?“
„Es tut mir leid, Psyche“, seufzte Tessa.. „Aber ich glaube, du bist verrückt geworden.“
„Das habe ich auch zu Anfang gedacht!“, rief Psyche. „Ach, wie konnte ich das vergessen. Es ist alles so unglaublich, oder? Aber es ist wahr. Es ist wirklich wahr. Wie sonst sollte ich zu so einem Kleid kommen?“
„Es stimmt, das ist wirklich außergewöhnlich“, sagte Tessa. Schweigend befühlte sie den Stoff. Und dann fügte sie hinzu: „Wenn es so ist, wie du sagst, dann zeige uns doch diesen wunderbaren Ort.“  Gorda, die die ganze Zeit staunend neben Tessa gestanden hatte, nickte heftig.
Erstaunt blickte Psyche ihre Schwestern an. Damit hatte sie nicht gerechnet, auch hatte sie das Untier nicht danach gefragt, aber sie konnte keinen Grund finden, der gegen einen Besuch sprach.
„Warum eigentlich nicht?“, sagte sie also und klatschte in die Hände. Sogleich wurden die Schwestern von den Winden umhüllt und landeten auf der Wiese vor dem Schloss.

 

***
Venus stand mit verbundenen Augen auf der Waldlichtung, wo Adonis zu jagen pflegte, wenn sich die Sonne senkte. Amor hockte im Gebüsch und wartete. Seine Mutter ergab ein perfektes Ziel. Jetzt musste nur noch Adonis pünktlich sein.
„Kann ich die Augenbinde abnehmen, Cupido, Schätzchen?“
„Noch einen Moment, Ma!“
Amor und atmete tief durch. Wollte er das wirklich tun? Das mit Apollo war ein Versehen gewesen, aber jetzt handelte er bewusst. Einen solchen Streich hatte er Venus noch nie gespielt. Was würde sein Vater dazu sagen? Oder sein Stiefvater Vulkanos? Amor dachte an Psyche und daran, dass Venus sie niemals als Schwiegertochter akzeptieren würde, weil sie ein Mensch war. Es war an der Zeit, dass Venus die Menschen besser kennenlernte.
„Was willst du mir denn zeigen?“, fragte Venus neugierig.
„Hat was mit Myrrha zu tun …“, antwortete Amor und hob den Bogen an.
Adonis, der Sohn von Myrrha und ihrer unglücklichen Liebschaft, stapfte durch das Unterholz auf die Lichtung zu. Amor entdeckte ihn, sah muskulöse Beine, schmale Hüften. Sah die weichen Locken, die Adonis ins Gesicht fielen und sein elegantes Kinn umspielten. Über diesem Kinn sah Amor einen Mund, einen wohlgeformten, schönen Mund …
Irritiert riss Amor den Blick von Adonis. Dieser Kerl war wirklich das attraktivste, männliche Exemplar, das er je gesehen hatte.
„Wer ist Myrrha?“, rief Venus. „Ich kenne niemanden mit diesem Namen!“
„Das war das Mädchen, das du in seinen Vater verliebt gemacht hast. Ich war ziemlich sauer auf dich. Ich fand das grausam von dir …”
„Du warst sauer auf mich? Cupido, was geht hier vor?“
In diesem Moment betrat Adonis die Waldlichtung. Er hielt inne, als wäre er auf der Stelle angewurzelt. Da stand diese wunderschöne, überirdische Erscheinung in der Mitte der Lichtung. Ihr Augen waren mit einem Tuch verbunden.
Amor zog einen Pfeil aus dem Köcher und legte an. Er überprüfte die Richtung von Pfeilspitze und Venus Körpermitte.
„Ma, du kannst die Augen jetzt öffnen!“
„Das wird auch Zeit, Cupido, Schätzchen …“
Surrend flog der Pfeil davon. Venus erblickte Adonis und ihr Herz explodierte.

 

 


Wer von Anfang an lesen will, muss einfach hier nach ganz unten scrollen. 😉

Amor geht in die Sommerfrische

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Ihr Lieben!

Amor wird sich alsbald in die Sommerfrische verabschieden, das heißt, dass es in ein paar Wochen erstmal keine weiteren Kapitel über seine Abenteuer geben wird.

Wahrscheinlich an einer sehr dramatischen, emotionalen Passage … und dann heißt es: abwarten und Tee trinken – oder was auch immer euch beliebt.

(Z.B. Rotwein, den Amor sehr gerne mag.)

Das alles hat verschiedene Gründe:

Zum Einen bin ich fast fertig mit dem Buch und möchte es, wie auch schon das Herzmärchenals Ebook anbieten. Aufgrund verschiedener Plagiatsprobleme bin ich ein bisschen vorsichtiger geworden, was das Veröffentlichen im Internet anbelangt. Ich möchte daher – bevor ich alles hier im Lehmofen poste – auf jede Fall die fertige Version schon “online” haben.

Daneben hat mich Gerda – eine Kennerin der Antike – schon vor Unzeiten darauf aufmerksam gemacht, dass es ein paar logische Unklarheiten *räusper* in meinen literarischen Ideen gibt. Es wird also dringend Zeit für eine Generalüberholung oder schnöde “Überarbeitung”, bevor das Büchlein dann an den Verkaufsstart gehen kann.

Zum Anderen, ihr Lieben, ES IST SOMMER! Und da kann man so allerhand mit seiner Zeit anstellen, was unter Umständen dem regelmäßigen Veröffentlichen etwas im Weg stehen könnte. *räusper* – das Zweite.

Für diejenigen von euch, die vielleicht gerade erst mit dem Lesen angefangen haben: Einfach hier klicken und es öffnet sich das erste Kapitel der, wie ich finde, schönsten Liebesgeschichte aller Zeiten. 🙂

Ich freu mich über jedes Like, jeden Kommentar und was euch noch einfallen mag! Danke, dass ihr mein Geschreibsel lest, ich fühle mich geehrt, für euch schreiben zu dürfen!

Die restlichen Kapitel werde ich nach der Sommerpause auf jeden Fall auch hier veröffentlichen. – Und wer es gar nicht abwarten kann, hat dann die Chance, für einen wirklich extrem günstigen Preis das komplette, getunte und überarbeitete Werk auf seinen Ebook-Reader zu laden ODER – das ist neu – es auch als Taschenbuch zu erwerben.

Die nächsten Wochen geht es aber erstmal noch weiter. In unregelmäßigen Abständen gibt es neue Kapitel.

Gehabt euch wohl und genießt den Sommer!

 

Eure

Runa

 

 

 

 

Wenn zwei sich streiten …

Als Amor das Schloss betrat, hatte sich etwas verändert. Er schlich die Gänge entlang. Seine Schritte hallten laut durch die Dunkelheit. Lauter als sonst. Etwas fehlte. Das Heraneilen von Psyches Füßen. Besorgt lief er zur Schlafkammer, lauschte an der Tür und hörte ihren Atem ruhig und gleichmäßig, so als ob sie schlief. Eine tiefe Erleichterung durchströmte ihn, hatte er doch kurze Zeit befürchtet, Psyche sei nicht mehr im Schloss. Er schüttelte den Kopf und grinste über beide Ohren. Sie war einfach nur müde, – und das kleine Wesen in ihr wohl auch. Vorsichtig und bemüht, kein Geräusch zu machen, trat er ein und schlug er die Decke zurück. Als er sich neben Psyche legen wollte, rückte sie auf einmal auf.
„Warum bist du heute Morgen so früh aufgebrochen?“
Amor zuckte zusammen. „Ich dachte, du hast es nicht bemerkt“, murmelte er.
„Habe ich aber. Also sage mir, warum du einfach abgehauen bist!“
„Ich …“ Amor stammelte verlegen. „Ich weiß auch nicht. Diese Sache mit dem Baby, ich meine, ich freue mich, Psyche, ich freue mich wirklich, aber … ich war bei … ich musste das erstmal verstehen.“
„Was gibt es denn da zu verstehen?“
„Na ja, also, um ehrlich zu sein: ich glaube, ich hatte einfach ein wenig Angst.“
„Und was meinst du, wie es mir geht?“, fragte Psyche. „Ich habe auch Angst! Vor allem, wenn du mich alleine lässt.“
„Tut mir leid“, sagte Amor. „Kannst du mir noch mal verzeihen?“
Psyche schwieg.
Amor fügte schnell hinzu: „Ich stelle dich auch bald meinen Eltern vor. Also meiner Mutter.“
„Das wird auch langsam mal Zeit, finde ich.“
„Finde ich auch. Du hast Recht.“
„Schwöre es.“
„Ich schwöre es beim Leben unseres Kindes!“
„Wann wird es so weit sein?“
„Das … das kann ich dir noch nicht genau sagen.“
„Ha!“ Psyches Stimme klang seltsam schrill. „Ich muss warten, was auch sonst.“
Statt einer Antwort zog Amor Psyche zu sich heran und drückte sie fest an sich. „Psyche, ich liebe dich. Aber, es ist nun mal so, wie es ist. Ich kann dich meiner Mutter nicht einfach so vorstellen. Aber ich werde dir jeden Wunsch erfüllen, alles, was du willst …“
„Es ist, weil ich hässlich bin …“
„Nun fang doch nicht schon wieder damit an. Es ist etwas Anderes … Du bist wunderschön.“
Die Nähe zum Untier ließ Psyches Ärger davonfliegen und ihre Ängste lösten sich auf. Nur ein kleiner Teil ihres Selbst sträubte sich noch, ein trotziger Rest von Stolz.
„Es wird wirklich Zeit, dass du meine Mutter kennenlernst“, sagte Amor. „Immerhin haben wir den besten Grund überhaupt!“
„Meinst du das Baby?“
„Ja“, sagte Amor und versuchte, Psyche zu küssen. „Das sind doch die Momente, wo eine Familie zusammenhalten muss …“
Psyche wandte das Gesicht ab. „Warte. Ich war heute auf der Wiese vor dem Schloss. Und dort über dem See habe ich meine Schwestern gesehen. Wie kann das sein?“
„Ich … ich weiß nicht! Das war bestimmt nur eine Reflexion“, sagte Amor.
„Meinst du, es ist möglich, dass ich sie sprechen kann? Ich meine, es wäre ja nur ein einziges Mal. Sie denken, dass ich tot bin … und dabei geht es mir gut … “
„Nein“, sagte Amor.
“Nein?”, wiederholte Psyche. “Es sind meine Schwestern! Du stellst mich deiner Familie nicht vor, und lässt zu, dass sich meine die Augen nach mir ausweint?!“
„Du wirst sie bald sehen können …:“, versuchte es Amor. „Bald lernst du meine Mutter kennen und danach ….“
„Was danach passiert interessiert mich nicht! Bald ist nicht früh genug! Jeden Tag, an dem sie denken, dass ich tot bin, ist ein Tag zu viel. Ich muss sie sehen, am besten schon morgen. Du hast gesagt, du würdest mir jeden Wunsch erfüllen. Ich habe nur einen einzigen: Ich will meine Schwestern sehen!“
„Das ist nicht gut. Ich kenne die Menschen. Sie würden das alles hier nicht verstehen. Ich glaube einfach nicht, dass das gut geht. Bitte, Psyche, vertraue mir …“
„Untier, wenn du mich liebst, dann lass es zu! Ich vertraue dir! Vertraue du mir! Bring sie hierher, wenn es in deiner Macht steht. Bitte!“
„Psyche, zwinge mit nicht dazu.“
„Ist es denn so unverständlich, dass ich meine Familie sehen möchte? Ich lebe, Untier, und ich bin schwanger. Das sollen sie wissen. Mehr nicht.“
„In Ordnung also“, presste Amor zwischen seinen Zähnen hervor. „Ihr werdet euch morgen sehen können.“
Psyche atmete erleichtert aus. Alles, was sie fühlte, war wunderschön und frei. So musste es sich anfühlen, wenn man jemanden liebte.
„Untier, ich danke dir. Und ich liebe dich“, sagte sie also und legte sich zurück ins Bett.
„Das hast du noch nie gesagt“, murmelte Amor.
Eine Zeitlang lagen sie einfach nur da, Hand in Hand, und lauschten dem Herzschlag des anderen. Dann sagte Amor schließlich: „Ich bin froh, dass du morgen deine Schwestern triffst. Grüße sie von mir, unbekannterweise. Ich vertraue dir nämlich , Psyche, hörst du?“
„Ich vertraue dir auch, Untier“, flüsterte Psyche schläfrig.
Und dann schliefen sie ein, Arm in Arm.

Kleider und Spiegel

***Dieses Kapitel ist ein Teil von meinem Projekt “Amors Abenteuer”, einer modernen Adaption des antiken Märchens “Amor und Psyche”, das ich aus Spaß an der Freude schreibe und nach einer Überarbeitung als eBook veröffentliche. Wer von Anfang an lesen möchte, ist herzlich eingeladen, bis ans untere Ende der Seite zu skrollen. Ich freue mich über jeden Kommentar. Donnerstags gibt es ein neues Kapitel und manchmal auch zwischendurch. Viel Vergnügen beim Lesen!***

 

Als Psyche erwachte war es hell und das Bett neben ihr war leer. Nur eine Vertiefung in der Decke verriet, dass sie die Nacht nicht alleine verbracht hatte. Lächelnd strich Psyche über die Mulde. Das Untier war eher zurückgekehrt als erwartet und es hatte ihr verziehen, wenn man das so sagen konnte. Gesprochen hatten sie nicht allzu viel. Zumindest nicht mit Worten.

Psyche erhob sich und klatschte in die Hände.
„Frühstück! Ich will Frühstück! Ich habe einen Mordshunger, ich könnte ein komplettes Tier verschlingen!“
Die Winde ließen nicht auf sich warten und Psyche fand augenblicklich ein ausgezeichnetes Mahl bereitet, das besser als alles schmeckte, was sie bisher gekostet hatte, ausgenommen der Küsse der letzten Nacht.
„Meint ihr, das Untier ist bald wieder hier?“, fragte Psyche kauend. „Und was mache ich, damit mir die Zeit nicht lang wird?“
Psyche blickte sich im Zimmer um.
„Oh, ich habe eine Idee!“, sagte sie und deutete auf den Kleiderschrank. „Vielleicht probiere ich es mal damit!“
Die Lüfte wirbelten aufgeregt um sie herum.
„Freut euch nicht zu früh, aber gucken will ich schon.“
Psyche spülte den letzten Bissen mit einem Schluck Tee hinunter und wischte sich die Finger an einer Serviette ab. Dann stand sie auf und ging zum Schrank. Binnen kurzer Zeit hatten die Lüfte das ganze Zimmer befüllt mit Kleidern:
Schwarze Kleider, blaue Kleider, grüne Kleider. Kleider mit Perlen mit Spitze mit Pailletten und Edelsteinen. Geraffte Kleider, geschnürte Kleider, glatte Kleider und solche mit Rüschen. In allen Regenbogenfarben glitzerten und funkelten die Stücke, kurz und lang, gemustert und einfarbig.
Dazu passend selbstverständlich Schuhe und Schmuck.
Psyche traute ihren Augen kaum.
„Das Ungeheuer hat wirklich Geschmack“, sagte sie anerkennend.
Noch immer konnte Psyche, wenn sie die Augen schloss, die Berührungen des Untiers auf ihrer Haut nachempfinden. Es verursachte ein Kribbeln in ihrem Bauch, zauberte ein Grinsen auf ihr Gesicht und ließ sie ganz zart werden.
„Vielleicht … vielleicht probiere ich das mal an“, sagte Psyche und deutete auf ein schlichtes Exemplar ganz in weiß.
Ehe sie sich versah, hatten die Lüfte ihr altes Kleid ausgezogen und Psyche in das weiße Kleid gehüllt. „Es passt sogar!“, stellte Psyche staunend fest. Was untertrieben war. Das Kleid saß, als wäre es nur für sie gemacht.
Seufzend ließ sich Psyche auf das Bett fallen. Sie sank in den Berg aus Kleidern und breitete die Arme aus. Nie hätte sie für möglich gehalten, dass ihr so ein hübsches Stück Stoff passen könnte. Das Ungeheuer musste vorzügliche Schneider beauftragt haben.
Eigentlich wusste sie gar nichts über den Herrn dieses Schlosses. Aber er hatte Geschmack. Und was konnte er gut küssen!
Psyche sprang auf und griff nach einem Kleid, das die Farbe einer dunklen Rose hatte. Am Dekollete prangte feine Spitze, abgesetzt durch schwarze Perlen. Die Lüfte halfen ihr aus dem weißen Kleid hinaus und streiften ihr das rote Kleid über.
Psyche drehte sich im Kreis.
„Und?“, fragte sie, „Wie sehe ich aus?“
Die Lüfte raschelten durch die Vorhänge und über die ausgebreiteten Kleider.
„Ich verstehe euch leider nicht“, sagte Psyche. „Aber ihr wirkt … aufgeregt. Sieht es gut aus? Kann ich dieses Kleid tragen?“
Wieder ließen die Winde die Stoffe rascheln.
„Ach“, sagte Psyche und schmunzelte, „Soll das ein “Ja” sein? Ich kann es kaum glauben. Allerdings … Vielleicht steht es mir ja wirklich. Vielleicht zaubert dieses verzauberte Kleid hier im Zauberschloss auch eine zauberhafte Schönheit aus mir?“
Die Winde drückten Psyche sanft auf einen Stuhl. Sie fuhren ihr durch die Haare, flochten sie und steckten sie hoch. Unsichtbare Finger bepinselten ihr Gesicht, schminkten ihre Augen, betupften ihre Lider.
„Ihr seid ja wie meine Schwestern. Ich würde mich zu gerne sehen“, murmelte Psyche.
Die Hände ließen von ihr ab und Psyche öffnete die Augen. Ihr Blick fiel auf einen großen, viereckigen Gegenstand, der mit einem Tuch überdeckt war.
„Ist das“, fragte Psyche, „euer Kupferspiegel? So riesig?“
Gorda und Tessa besaßen zwei Handspiegel aus polierten Kupferplatten. Diese Gegenstände waren selten und kostbar.
Sie stand auf und ging auf den Spiegel zu. Streckte die Hand aus, fühlte die kühle, glatte Fläche hinter dem Stoff.
„Ich hätte nie gedacht, dass es Spiegel in dieser Größe gibt“, sagte Psyche, „aber es wundert mich kaum, hier in diesem verwunschenen Schloss, wo sich die Wünsche so einfach erfüllen …“
Psyche zögerte.
Sollte sie oder sollte sie nicht?

Sie befürchtete, dass das Bild um einiges klarer und deutlicher war, als die verzerrte Reflexion in dem Handspiegel ihrer Schwestern.
Es war nur eine kleine Bewegung nötig, damit das Tuch vom Spiegel fiel. Psyche presste die Lippen zusammen und hob ihre Hand zum Tuch.

Was würde sie sehen?