Cardea

By Adelino Manuel Pinhe
, CC BY-SA 3.0, Link

Bitte eintreten! 🙂

Heute geht um die römische Göttin Cardea, die fĂŒr die TĂŒr und alles, was damit zu tun hatte (Schwelle, Klinke, Scharniere, Griffe) zustĂ€ndig war.
Ihr mĂ€nnliches Pendant hieß Forculus und wenn man von TĂŒrgottheiten schreibt, darf natĂŒrlich auch der Doppelgesichtige Janus nicht fehlen, der von allen der bekannteste sein dĂŒrfte.
Vielleicht öffnet dieser Beitrag ja auch eine TĂŒr fĂŒr den ein oder anderen Leser, der mit Mythologie bisher noch so gar nichts am Hut hatte. Das wĂŒrde mich freuen! 🙂

By Ultima Thule, 1927 – Ultima Thule, 1927, Public Domain, Link
Der doppelköpfige Janus.

Janus hatte einen Tempel auf dem Forum Romanum, der angeblich schon in die Zeit des zweiten legendĂ€ren römischen Königs Numa Pompilius zurĂŒckgeht. Dieser König war der Nachfolger von Romulus und mit einer Sabinerin verheiratet. Er fĂŒhrte neben Janus noch einen anderen wichtigen Kult (wahrscheinlich sabinischen Ursprungs) ein, nĂ€mlich den der Vesta.

Ein kurzer RĂŒckblick in die römische Geschichte:
Romulus und Remus, die Söhne des Kriegsgottes Mars und der Vestalin Rhea Silvia, wurden nach dem Tod der Mutter (sie durfte als Vestalin keine Kinder bekommen) von einer Wölfin gefunden und gesÀugt.

By Peter Paul Rubens[1], Gemeinfrei, Link
Mars und Rhea Silvia.

By Heinrich Aldegrever – Private collection, Public Domain, Link

Der Legende nach sollte Rhea Silvia im Tiber ertrĂ€nkt werden, ein Diener sollte die Kinder ebenfalls in den Tiber werfen. Es gibt unterschiedliche Varianten darĂŒber, was dann mit Rhea Silvia geschah. Entweder stirbt sie, oder aber der Flussgott Tiberius erbarmt sich ihrer – wie es Romulus und Remus geschah.

By MaĂźtre aux incriptions blanches, XV siĂšcle – British Library: http://www.bl.uk/catalogues/illuminatedmanuscripts/results.asp, CC0, Link
Auf diesem Bild sieht man sehr schön, wie die Zwillinge von Faustulus gefunden und zu Acca gebracht werden. Faustulus, ein Hirte, und Acca, werden zu den Zieheltern von Romulus und Remus.

Romulus tötet seinen Zwillingsbruder Remus und wird er der erste König von Rom. Interessant ist hier die Parallele zum biblischen Brudermord von Kain und Abel.

By AnonymousHampel Auctions, Public Domain, Link

Als König von Rom hatte Romulus zunĂ€chst noch ein großes Problem: zwar gibt es eine Menge MĂ€nner in Rom, aber keine Frauen. Also beschließt Romulus, den Römern Frauen zu beschaffen und lockt seine Nachbarn in eine Falle: die Sabiner und insbesondere ihre Töchter, die Sabinerinnen.

By Christoph Fesel (1737–1805) Dorotheum, Public Domain, Link
Der Raub der Sabinerinnen.

Was zunÀchst als klassischer Frauenraub daher kommt, wirkt vielleicht etwas weniger drastisch, wenn man bedenkt, dass Romulus zunÀchst die VÀter der Sabinerinnen um die Hand ihrer Töchter bat. Möglicherweise hatte sich die ein oder andere ja sogar in einen der stattlichen Römer verguckt?
Das ist natĂŒrlich sehr spekulativ, fest steht allerdings (mythologisch „fest“, wohlgemerkt), dass die Sabinerinnen dann als MĂŒtter von römisch-sabinischen Kindern dafĂŒr sorgten, dass sich ihre MĂ€nner und VĂ€ter nicht weiter bekriegten.

By UnknownWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link GemÀlde von Jaques Louis David, gemalt 10 Jahre nach der französischen Revolution.

König Numa Pompilius, der Nachfolger von Romulus, lebte der Sage nach eine Zeitlang bei den Sabinern und brachte den sabinischen Vesta-Kult nach Rom.

By sv:Constantin Hölscher (1861–1921)http://www.villa-grisebach.de/, Public Domain, Link Im Tempel der Vesta.

Über die historische (soweit man das ĂŒberhaupt historisch zurĂŒckverfolgen kann) Entstehung von Janus gibt es unterschiedliche AnsĂ€tze. Mythologisch wird sein Kult ja ebenfalls dem zweiten König Roms zugeschrieben.
Manche Religionswissenschaftler gehen davon aus, dass es sich bei ihm um eine Gottheit von „Anfang“ und „Ende“ handelt, eine Art „Hauptgottheit“, von der im Prinzip alles andere abhĂ€ngt. Frei nach Hermann Hesse: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und jedem Ende ein neuer Anfang.“

Vesta wĂ€re dann die „dritte Seite der Medaillie“, eine Göttin des Feuers (des ewigen Feuers). Den Anfangs-Endgott Janus und Vesta findet man auch in anderen Kulturen wieder, insbesondere in Indien als Vaju und Saraswati.

By Suraj BelbaseOwn work, CC BY-SA 4.0, Link Vayu, eine Art „Windgott“, der auch mit dem Atem (Prana) in Verbindung steht.

By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/c2/62/726e0a0ed16128a5cc5dd714bd36.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0045121.html, CC BY 4.0, Link Saraswati mit Pfau (ĂŒbrigens auch ein Symboltier der Juno/Hera).

Relativ kompliziert und auch schon etwas Ă€lter, nichtsdestotrotz lohnenswert sind dazu die Gedanken von den Religionswissenschaftlern Eliade, Schmitz und DumĂ©zil, die freundlicherweise im englischsprachigen Wikipedia-Artikel ĂŒber Janus aufgenommen wurden.

Bemerkenswert ist an dieser Stelle auch der im Artikel genannte Bezug von Janus zu einer Sonnengottheit, die wiederum in Verbindung mit den zwei Sonnenwenden im Jahr steht und schon den Sumerern bekannt waren. Isidor von Sevilla schreibt von „zwei HimmelstĂŒren“ (ianuae coeli), aus denen die Sonne herauskommt und wieder hineingeht (Etymologiae 13.1.7). Ianua (lat. TĂŒr) und Ianus/Janus stehen etymologisch in enger Verbindung.
Aus der Kenntnis ĂŒber die Sonnenwenden sollen mythologisch die „göttlichen Zwillinge“ entstanden sein, die in vielen Kulturen auftauchen und meiner Meinung nach auch einen Wiederhall im Doppelgesichtigen Janus finden. Oder in der Geschichte von Romulus und Remus. Vielleicht sogar in der Geschichte von Kain und Abel?
Denn einer der BrĂŒder ist sterblich und einer ist unsterblich.
Auch hier kann man sich umfassend dazu informieren, wobei der Bezug zur australischen Mythologie in beiden Teilen (noch) fehlt.

E. Smart kommt diesbezĂŒglich allerdings zu einem Schluss, den ich jetzt auch formuliert hĂ€tte. 😉

Der Tempel von Janus hatte im alten Rom ĂŒber Jahrhunderte eine besondere Funktion.

By Peter Paul Rubenshttp://www.abcgallery.com/R/rubens/rubens126.html, Gemeinfrei, Link Janustempel von Rubens.

Wann immer sich Rom im Krieg befand, blieben seine TĂŒren geöffnet. In Friedenszeiten wurden die TĂŒren wieder geschlossen. Möglicherweise ist diese Handhabung aber auch eine Erfindung von Kaiser Augustus, der sich zu seiner Herrschaftszeit damit rĂŒhmte, den Janustempel drei Mal geschlossen zu haben.

Wenn man sich die mythologischen ErzĂ€hlungen um den Gott Janus ansieht, dann findet man auch eine Verbindung zur Göttin Cardea, die vom römischen Dichter Ovid ĂŒberliefert wird.

By No machine-readable author provided. AurĂ©ola assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., Public Domain, Link Ovid in Microsoft Paint.

Ovid war ein Dichter – oder besser gesagt ein Schriftsteller, der in Versmaßen schrieb, wie es damals ĂŒblich war -, der zur Zeit von Kaiser Augustus lebte. Viele seiner Geschichten finden sich noch heute in abgewandelter Form in der modernen Literatur. Er machte es sich damals zur Aufgabe, ĂŒber die Liebe und die Kunst zu Lieben zu schreiben (Amores , Ars Amatoria – wen erinnert das nicht an z.B. Erich Fromm ? – , sammelte aber auch verschiedene mythische Geschichten (Metamorphosen , Fasti) und wurde schlussendlich aus mehr oder weniger unbekannten GrĂŒnden aus seiner Lieblingsstadt Rom bis ans damalige Ende der Welt verbannt.
Die Geschichte von Janus und Cardea entstammt dem Teil seines Werkes, das sich mit mythischen Geschichten beschÀftigt, den Fasti.

Public Domain, Link Ovid und seine Liebste Corinna.

Ovid war, das könnte man aus seinen Texten deuten oder oben ganz augenscheinlich betrachten, ein sehr leidenschaftlicher Mensch, wobei natĂŒrlich immer die Frage bleibt, ob er sich wirklich selbst beschrieb oder ein fiktives, lyrisches Ich erzĂ€hlen ließ. So soll auch seine Verbannung möglicherweise niemals stattgefunden haben, sondern lediglich eine Erfindung von ihm gewesen sein.

By Evelyn De Morgan – artrenewal.com, Public Domain, Link Medea.

Diese „literarische Fiktion“ wird insbesondere dadurch interessant, dass die Stadt Tomis (Tomoi) der Sage nach der Bestattungsort von Absyrtos war, dem Bruder der Medea. Über Medea und ihre mythischen BezĂŒge wĂŒrde sich auch ein eigener Blogartikel lohnen, auf jeden Fall wird auch hier ein Bruder ermordet, allerdings durch die Hand seiner Schwester.

Ovid nun also schrieb in den Fasti folgende Geschichte ĂŒber Janus und Cardea:
ZunĂ€chst stellt er fest, dass der erste Tag des Monats der Göttin Carna geweiht ist, wobei er davon ausgeht, dass es sich um die Göttin Cardea handelt. Wahrscheinlich, weil dem 1. des Monats auch eine „Schwellen-Funktion“ zukommt.
Er nennt sie dann „CranaĂ«â€œ und erzĂ€hlt die Geschichte dieser Nymphe, die fröhlich in den WĂ€ldern Arkadiens jagte und hin und wieder mit der Mondgöttin Diana verwechselt wurde. Wann immer sich ihr ein Mann nĂ€herte, tat sie so, als ob sie mit ihm gehen wollte. „Such Du nur eine versteckte Höhle, ich komme gleich nach.“
So entledigte sich CranaĂ« all der lĂ€stigen Verehrer, denn natĂŒrlich versteckt sie sich dann schnell im Dickicht.
Nur mit einem will das nicht so recht gelingen, nĂ€mlich mit dem Doppelköpfigen Gott Janus, der sehen kann, was hinter seinem RĂŒcken geschieht. Er ĂŒberwĂ€ltigt Cranae im Dickicht, was Ovid sehr deutlich beschreibt: „Du kannst nichts tun“, „Tu nichts“, lĂ€sst er Janus zwei Mal wiederholen.
Nach der Tat erklĂ€rt Janus sie dann zur Göttin ĂŒber die TĂŒrschwellen.

Die Geschichte von â€žĂŒberfallsartiger Tat und anschließender Vergottung“ taucht in den Mythen hĂ€ufiger auf. So zum Beispiel bei Bona Dea oder auch bei Priapus.

In der Göttin Cardea sind wahrscheinlich verschiedene Gottheiten verschmolzen. So findet sich bei dieser Göttin, wenn man den ovidischen Bezug von ihr als „Carna“ berĂŒcksichtigt, auch ein Bezug zu den Heilsgottheiten,
Carna war nĂ€mlich eine Göttin fĂŒr das Herz und die menschliche Lebenskraft, die außerdem die FĂ€higkeit hatte, sogenannte Strigen abzuhalten, eigenartige Vampirvogelewesen, denen nachgesagt wird, dass sie kleine Kinder klauen. Ein Vorwurf, der auch Lilith galt.

By cjuneauLa Strige, CC BY 2.0, Link

Cardea konnte in ihrer Funktion als TĂŒrgottheit solche Strigen ebenfalls abhalten. Man braucht dafĂŒr nur ein wenig Weißdorn an die TĂŒr hĂ€ngen.

By FreddyKrueger 10:43, 13. Mai 2008 (CEST) – FreddyKrueger 10:43, 13. Mai 2008 (CEST), Attribution, Link

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Anna Perenna

Anna Parenna ist eine eher unbekannte römische Göttin, die in einem kleinen Heiligtum an der Via Flaminia verehrt wurde. Daneben hatte sie auch ein Heiligtum auf Sizilien und in Rom selbst gab es einen Brunnen, an dem ihr zu Ehren Feste gefeiert wurden.

Der Urprung von Anna Perenna liegt im Dunkeln. Es könnte sich
1. um eine alte, etruskische Muttergöttin gehandelt haben,
2. vielleicht war sie (auch) die Schwester von Dido, einer karthagischen Königin,
3. oder es war eine Ă€ltere Frau, die sich wĂ€hrend der römischen StĂ€ndekĂ€mpfe um die Plebejer (das einfache Volk) gekĂŒmmert hat – und deswegen von ihnen als Göttin verehrt wurde.

Daneben hat Anna Perenna auch viele BezĂŒge zu anderen Göttinnen, insbesondere der Mondgöttin Diana/Artemis.

Im Folgenden werde ich – ausgehend von den Feierlichkeiten fĂŒr die Göttin – auf die möglichen UrsprĂŒnge Anna Perennas eingehen.

Via Flaminia

Teil der Via Flaminia, die Rom mit der AdriakĂŒste verband. By No machine-readable author provided. Samba~commonswiki assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., Public Domain, Link

Brunnen Anna Perenna Opfergaben an die Göttin, gefunden im Brunnen. By Self-photographed by Szilas in the Museo Nazionale Romano – Terme di Diocleziano – Own work, Public Domain, Link

Anna Perenna Mögliches Profilbild der Göttin auf einer MĂŒnze (gefunden in Italien oder Spanien) 1. Jh. v. Chr. By Classical Numismatic Group, Inc. http://www.cngcoins.com, CC BY-SA 3.0, Link

Ob der heutige Brauch, MĂŒnzen in einen Brunnen zu werfen, wohl auf Anna Perenna zurĂŒck geht?
Neben diesen „Geldopfern“ sind auch Feste zu Ehren der Göttin bekannt.
Ihr Haupttag wurde im MĂ€rz gefeiert. Dabei floss angeblich Wein in Strömen und es gab derbe Witze und obszöne Lieder. Es war ein Fest fĂŒr das einfache Volk, die sogenannten „Plebejer“, das in den Iden, also um Vollmond herum, gefeiert wurde.

Der römische Kalender (ein Mondkalender) hatte fĂŒr jeden Monat bestimmte Termine:

Iden (Vollmond),
Kalenden (Neumond)
Nonen (zunehmender Mond)
Terminalien (abnehmender Mond)

Insgesamt gab es 13 Monate. Es waren mehrheitlich die uns heute noch bekannten, wenn auch mit teils anderen Namen, und ein 13. „Schaltmonat“ namens Mensis intercelaris oder – Plutarch folgend – Mercedonius. Die Einberechnung des Schaltmonates war Ă€ußerst kompliziert und fiel in Kriegszeiten teilweise aus. Normalerweise wurde in einem Zeitraum von acht Jahren drei Mal ein solcher Mercedonius „geschaltet“, er erschien dann zwischen Februar und MĂ€rz.
Umstritten ist, inwiefern der Schaltmonat auch Auswirkungen auf die Zinswirtschaft hatte. Möglich ist, dass in diesem Monat dann keine Zinsen fĂ€llig wurden. (MĂŒnzgeld – in einer AusprĂ€gung, wie wir es heute kennen inklusive Verleih usw., trat ĂŒbrigens erstmals im 3. Jh. v. Chr. flĂ€chendeckend (Griechenland, Rom, Persien, Indien) in Erscheinung.)

Wenn man sich den Hauptfesttag der Göttin ansieht, ist festzustellen, dass der erste Vollmond im Monat MĂ€rz zeitlich nah an der FrĂŒhlings-Tages und Nachtgleiche liegt. In einigen heutigen Kulturen (Iran u.a., Nouruz) wird der Beginn des Jahres an diesem Ereignis fest gemacht. Das neue Jahr beginnt also dann, wenn das „Licht“ (Tag) die „Dunkelheit“ (Nacht) gerade ĂŒberholt. In unserer christlich geprĂ€gten Kultur hat sich dagegen der Zeitraum der Wintersonnenwende (die Tage werden wieder lĂ€nger) um den 21./22. Dezember und darĂŒber hinaus (also 1. Januar) als Jahresanfang durchgesetzt. Das lag unter anderem auch an den Römern, die im 2. Jh. v. Chr. beschlossen, das Amtsjahr im Januar beginnen zu lassen, wobei der offizielle Neujahrstermin noch im MĂ€rz lag.
Zuletzt gibt es noch weitere Möglichkeiten, das Jahr enden/beginnen zu lassen. Welcher Termin davon der „ursprĂŒnglichste“ war, lĂ€sst sich schwer ausmachen. AuffĂ€llig ist aber, dass sich gerade die jĂŒngeren Termine eher von den kosmischen Ereignissen entfernt haben.

Bild mit verschiedenen Tag und Nachtgleichen Übersicht ĂŒber Tagundnachtgleiche usw. Von Horst Frank aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, Link

solstice Hier eine Illustration zur Sonnenwende. CC BY-SA 2.0, Link

Aber wann auch immer das Jahr nun beginnen und/oder enden mag, fest steht folgendes:

Ende des Jahres Das alte Jahr ist dann Geschichte. By John T. McCutcheon – Cartoon by John T. McCutcheon, scanned from book “The Mysterious Stranger and Other Cartoons by John T. McCutcheon”, New York, McClure, Phillips & Co. 1905. Book reprints a collection of McCutcheon’s cartoons, some dating back a few years., Public Domain, Link

Festzuhalten ist, dass Ă€hnlich der Entwicklung von „Erde“ und „Wind/Regen/Donner“ zu abstrakteren Versionen = Gottheiten, auch die Einteilung der Zeit in eine Phase mit „Anfang“ und „Ende“ eine Erfindung der Menschen ist, die sich im Laufe der letzten Jahrtausende entwickelt hat.

Ausgehend von der möglicherweise ursprĂŒnglichen oder ersten Vorstellung Gottes als „Erdenmutter“ und „Wettergott“, wĂ€re es denkbar, dass auch die Einteilung des Jahres sich an dieser Idee orientierte.
Das alles ist sehr hypothetisch und spekulativ, aber es erscheint mir logisch, dass der fĂŒr den frĂŒhen Menschen so wichtige Kreislauf von Aussaht, Regen/Befruchtung und Ernte als Grundstruktur der Zeiteinteilung diente.
Nimmt man die Vorstellung von antropomorphen Wesen wie „Wettergott“ und „Mutter Erde“ hinzu, die sich gegenseitig aneinander erfreuen, dann stellt sich eigentlich nur noch die Frage, wann „es“ eigentlich beginnt.
Beginnt das Leben mit der „Befruchtung“? = Jahresanfang im FrĂŒhling.
Beginnt das Leben mit der RĂŒckkehr der Sonne, also mit der Ahnung von und Hoffnung auf „Befruchtung“? = Jahresanfang um die Wintersonnenwende.
Beginnt das Leben mit der Geburt? = Jahresanfang zur Erntezeit.
Oder ist gar schon der FrĂŒhling eine Art „Geburt“?

Also es gibt, wenn auch unterschiedlich interpretiert, grundlegende Gemeinsamkeiten in allen Kulturen der Welt was die JahresanfÀnge anbelangt.
1. Die Orientierung an einem Zyklus von Werden und Sterben.
2. Die Einteilung dieses Zyklus in immer kleinere und genauere Zeitphasen.

Lebenskreis Kreis des Lebens. Bulgarien. By Edal Anton LefterovOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Kreis des Lebens Lebensrad. Nordindien. CC BY-SA 3.0, Link

Stonehedge Stonehedge. By Janßonius – Biblioteca Nacional de España, Public Domain, Link

Man bedenke, was aus den Windgöttern geworden ist.

Etruscan woman holding an egg Etruskische Frau, die ein Ei hĂ€lt (Symbol fĂŒr Fruchbarkeit und Wiedergeburt) By Anonymous (Etruscan)Walters Art Museum: Home page  Info about artwork, Public Domain, Link

Mit der Göttin Anna Perenna ist dieser Kreislauf eng verbunden. Denn ihr zweiter Name „Perenna“ leitet sich ab vom lateinischen Adjektiv „perennis“, das so viel bedeutet wie „jĂ€hrlich wiederkehrend“. Wahrscheinlich handelt es sich bei ihr um eine etruskische Göttin, eine Ă€ltere Göttin also, als sie uns von den Römern bekannt sind, denn die Etrusker lebten bereits vor den Römern auf der italienischen Halbinsel und wanderten noch vor dem 1. Jahrtausend aus dem orientalischen Raum dorthin ein.

So wurde sie wahrscheinlich zunĂ€chst als klassische Muttergottheit verehrt und bekam im Laufe der Zeit dann andere Attribute zugeschrieben. Beispielsweise als „Retterin“ der Plebejer, die der Sage nach einst aus Rom auswanderten, weil sie keine Lust mehr hatten, fĂŒr die reichen Patrizier dort zu arbeiten.
Der Bezug zu Didos Schwester ist insofern interessant, als dass etwa ab der Mitte des 1. Jahrtausends vor Christus mÀnnliche Gottheiten nach und nach den Glauben der Menschen dominieren. Ganz klar zu sehen in der Entstehung des ManichÀismus, Mithraismus und Christentums um das 1. Jh. n. Chr.

Mithraism Mithras und der Stier. Public Domain, Link

Mani Mani, der GrĂŒnder des ManichĂ€ismus. Public Domain, Link

Jesus Jesus und vier Erzengel. By Internet Archive Book Imageshttps://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14742744896/Source book page: https://archive.org/stream/christianiconogr02didr/christianiconogr02didr#page/n89/mode/1up, No restrictions, Link

Die Geschichte von Dido – und Aeneas – reprĂ€sentiert nĂ€mlich auf verschiedenen Ebenen diesen Wandel im Denken weg von den Frauen hin zu den MĂ€nnern.
Aeneas, als Stammvater der Römer, der aus Troja floh und auf Geheiß der Götter eine neue Heimat finden sollte, landete auf seiner Reise ĂŒber das Mittelmeer eines schönen Tages in Karthago, der Hauptstadt des spĂ€ter mit Rom so verfeindeten Reiches. (Ab dem 3. Jh. v. Chr. drei Punische Kriege, Hannibal, – das ist alles historisch bezeugt und „korrekt“, also kein Mythos wie die Geschichte von Aeneas und Dido.)
Dort traf er auf die schöne Dido und verliebte sich unsterblich in sie.
Doch Aeneas war es nicht vergönnt, lange bei seiner neuen Liebe zu bleiben. Die Götter, namentlich der Botengott Merkur, forderten ihn auf, seine Reise fortzusetzen und sein Schicksal zu vollenden.
Was Dido daraufhin tat, ist sehr gut in dem unteren Bild zu erkennen.

Dido Dido ersticht sich. By Augustin Cayot (1667-1722)Marie-Lan Nguyen (2011), Public Domain, Link

Doch damit nicht genug. Wie oben bei der Skulptur zu erkennen, ersticht sich Dido, wĂ€hrend sie auf einem „Podest“ aus Holz steht. Sie hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach zeitgleich verbrannt. Und zwar am Strand, wo Aeneas sie sehen konnte, wĂ€hrend er mit seiner Mannschaft zur KĂŒste Italiens zog.

Hier ein Bild aus glĂŒcklicheren Tagen:

Aeneas und Dido Aeneas und Dido begegnen sich zum ersten Mal. By Nathaniel Dance-HollandXQGCpNt3tbJiAw at Google Cultural Institute, zoom level maximum Tate Images (http://www.tate-images.com/results.asp?image=T06736&wwwflag=3&imagepos=1), Public Domain, Link

Gut zu sehen ist hier im Hintergrund Didos (linke Seite) ihre Schwester Anna. Die Anna, die also auch einen mögliche Gleichsetzung mit „Anna Perenna“ erfĂ€hrt. Anna stand Dido immer zur Seite, riet ihr sogar zu der Beziehung mit Aeneas.
Nach Didos Tod muss Anna aus Karthago fliehen und wird nach einer lĂ€ngeren Odyssee ĂŒber das Mittelmeer schlussendlich in eine Flussnymphe verwandelt.

Vielleicht geht es zu weit, wenn man behauptet, dass der Tod Didos mythisch eine Art „Endpunkt“ von Muttergottheiten darstellt. Dazu wĂŒrde sich auch ein genauerer Blick auf Dido selbst lohnen, die ja hier eigentlich eher am Rande von „Anna Perenna“ auftaucht.

Wer möchte, findet einige Informationen dazu im wikipedia Artikel hier. https://de.wikipedia.org/wiki/Dido_(Mythologie)
Allerdings fehlt darin der Bezug zur karthagischen Religion, die ĂŒbrigens schwierig zu rekonstruieren ist, da die Sieger ĂŒber Karthago (also die Römer), natĂŒrlich nicht mit Verteufelungen ĂŒber die Stadt sparten.
So könnte die Geschichte um Aeneas und Dido auch „nur“ beinhalten, dass Vergil (der Autor der sogenannten „Aeneis“) eine schöne GrĂŒndungsgeschichte und Lobhudelei auf Rom schrieb.

Aeneas selbst lebte auf jeden Fall glĂŒcklich und froh – und das auch mit mehreren Frauen.

Wohingegen z.B. Odysseus, ein anderer Mittelmeerreisender, dessen Mythos noch ein wenig Ă€lter ist (ca. 9. Jh. v. Chr.), trotz vieler AffĂ€ren schlussendlich doch wieder zurĂŒck zu seiner Ehefrau Penelope fand.

Kreusa Aeneas mit seinem Vater Anchises auf dem RĂŒcken (der die Hausgötter festhĂ€lt), seinem Sohn Askanius im Vordergrund und Kreusa, seiner ersten Frau, die es leider nicht schafft, aus Troja zu fliehen. By Federico BarocciWeb Gallery of Art, Uploaded to en.wikipedia 03:45 28 Jul 2004 by en:User:Wetman., Public Domain, Link

Lavinia Aeneas römische Frau Lavinia mit ihrer Mutter Amata und Bacchantinnen. By Wenceslaus Hollar – Artwork from University of Toronto Wenceslaus Hollar Digital CollectionScanned by University of TorontoHigh-resolution version extracted using custom tool by User:Dcoetzee, Public Domain, Link

Odysseus und Penelope Als Odysseus von seiner Odyssee zurĂŒck kehrt, muss er erstmal die ganzen Freier beseitigen, die sich um seine Frau geschart hatten. Das waren noch Zeiten! By kladcatWoodcut illustration of Odysseus’s return to Penelope, CC BY 2.0, Link

Zum Valentinstag!

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Hallo ihr Lieben!

Gerne hĂ€tte ich euch jetzt schon mein neues E-Booklein “Amor und Psyche” prĂ€sentiert und krĂ€ftig dafĂŒr geworben, aber es ist immer noch “in der Mache”.

Es ist wirklich unbeschreiblich und sehr emotional, was bei einer Überarbeitung so anfĂ€llt. Ich hoffe, ich enttĂ€usche niemanden, wenn ich sage, dass Psyche in der jetzigen Version (die dann auch irgendwann einmal die Endversion sein wird) nicht mehr hĂ€sslich, sondern doch sehr hĂŒbsch ist. So sagt es auch die antike Vorlage.

Ich bleibe also doch insgesamt viel nÀher am Original, als zuvor gedacht. An dieser Stelle empfehle ich auch jedem, der ein Buch schreibt, vorab eine möglichst konkrete Vorstellung davon zu entwickeln, was er oder sie zu schreiben gedenkt.

Die Überarbeitung macht (auch) Spaß, aber es ist echt eine Heidenarbeit, das jetzt in eine Form zu bringen, die mir – und hoffentlich auch anderen – gefĂ€llt. Da war es doch so viel einfacher, jede Woche ein paar Zeilen hier zu posten und euer liebes Feedback einzuheimsen. 😉

Das Schicksal hat mir ĂŒbrigens eine sehr kompetente und passende GefĂ€hrtin geschickt, die mir mit Rat und Tat zur Seite steht. Nicht zuletzt kenne ich durch sie die wunderbar geniale Funktion und Wirkung/FĂ€higkeit von Google Documents.

Falls jemand von euch Lust hat, an der Überarbeitung des Werkes mitzumachen: fĂŒhlt euch herzlich eingeladen. Ich vertraue den Menschen und dem Schicksal, daher an dieser Stelle ein kleiner Aufruf: schickt mir eine kurze Nachricht, warum ihr mitmachen wollt, an runa.phaino@gmail.com

Und dann fĂŒge ich euch einfach zur Bearbeitung hinzu.

Übrigens ist das kein Muss. Man kann die Geschichte auch einfach nur (mit)lesen in ihrer neusten Version und sie beim weiteren Werde- und Entstehensvorgang beobachten.

 

Ich wĂŒrde mich sehr freuen!

Viele liebe GrĂŒĂŸe

Eure

Runa Phaino

 

PS. Und zum Valentinstag noch ein paar Hintergrundinfos hier. Von den katholischen Freunden. Alles Liebe!

 

 

 

Kummer und Sorge

sculpture-1801600_1920Als die Sicht wieder klar wurde, erkannte Psyche eine riesige, rosafarbene Wolke, auf die ein riesiger Palast gebaut worden war.

„Wie ist das möglich?“, fragte Psyche.

„VorwĂ€rts!“, rief LiebestĂ€ndelei und gab Psyche einen Stoß in den RĂŒcken.

Mit großen Schritten bewegten sie sich auf das Schloss zu. Auf einer Empore ĂŒber dem Eingang stand die Göttin. Ihre Schönheit war so gewaltig, dass sie den Sonnenuntergang ĂŒberstrahlte. Doch nichts tĂ€uschte darĂŒber hinweg, dass sie zornig war.

„Was bist du nur fĂŒr ein hĂ€ssliches, widerwĂ€rtiges Ding!“, rief Venus vom Balkon hinab. „Glaube ja nicht, dass ich mich erweichen lasse, weil du meinen Enkel unter dem Herzen trĂ€gst. Kummer! Sorge! Ins Verließ mit ihr! Lasst sie genauso leiden, wie mein Sohn es tut!“

Die FlĂŒgeltĂŒren des Palastes öffneten sich und hinaus trat ein junges MĂ€dchen. Das Haar fiel ihm lose ins Gesicht, sein Gewand war fleckig und zerrissen. Es kĂŒmmerte sich nicht darum, was es von sich zeigte. GebĂŒckt ging es, als ob es eine gewaltige Last tragen wĂŒrde. Immer wieder wischte es sich die Augen.

Ihm folgte eine alte Frau. Sie blickte gerade heraus und stĂŒtzte sich beim Gehen auf einen Stock. Ihre Stirn wirkte zerfurcht, ihr Gesicht von tiefen Falten durchzogen. Obwohl sie den Mund zu einer Art LĂ€cheln verzog, zeigten die Mundwinkel hinab.

Hastig band LiebestĂ€ndelei Psyches Arme los und wich ein paar Schritte zurĂŒck. Das kleine MĂ€dchen nahm Psyches Hand, die alte Frau legte eine Hand auf ihre Schulter.

Und in diesem Moment schwand Psyches Mut und jede Hoffnung. Sie fĂŒhlte sich schwach und leblos. Ihr Vorhaben war zum Scheitern verurteilt. Was sollte sie schon ausrichten gegen den Willen einer Göttin? Sie hatte Amor zutiefst gekrĂ€nkt. Nie wĂŒrde er ihr verzeihen. Nichts war sie im Vergleich zu all dem, was sie umgab. Selbst der Schmutz im Verließ war wertvoller als sie. Und schöner.

Psyche sank gegen die kalte Mauer des Kerkers. Kummer und Sorge ĂŒberwĂ€ltigten sie und sie hatte nicht einmal mehr die Kraft zu weinen.

 

Mut und LiebestÀndelei

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In der NĂ€he der kleinen Stadt Lindos gab es einen alten Tempel, welcher der Göttin Venus geweiht war. Es war ein Weg von drei Tagen, der durch eine karge Landschaft fĂŒhrte. Psyche trank nicht, sie aß nicht, machte nirgendwo Halt. Sie achtete nicht auf ihre schmerzenden FĂŒĂŸe, sie kĂŒmmerte sich nicht um ihre kaputten Glieder.

„Ich bin glĂŒcklicher, als ich es im Schloss war“, stellte Psyche dabei fest. „Es tut gut zu wissen, was man will.“

Am Abend des dritten Tages stand sie endlich vor den gewaltigen MarmorsÀulen, die den Eingang zu Venus Heiligtum markierten. Tapfer betrat sie den Tempel.

Innen war es leer und still, die Priester hatten sich von dem TagesgeschĂ€ft zurĂŒckgezogen. In einer Kuhle in der Mitte loderte ein Feuer. Ringsum standen Gaben fĂŒr die Göttin. Große Amphoren mit Wein, Kleider und PapyrusblĂ€tter, auf die Menschen ihre WĂŒnsche geschrieben hatten.

„Ich bin hier!“, rief Psyche. „Ich bin hier und ich bin die, die du suchst, Venus!“

Aus dem GemĂ€uer löste sich ein dunkles Etwas. „Hab ich dich!“, rief es. „Da wird sich meine Herrin freuen!“

Das Wesen hatte grelle, rote Lippen und kohlrabenschwarz umrandete Augen. Es trug eine knappe Tunika mit tiefem Ausschnitt.

„Bist du eine Priesterin?“, fragte Psyche verwirrt.

„Weit gefehlt“, rief das Wesen, stĂŒrzte zu Psyche und fesselte ihr die Arme auf den RĂŒcken. „Mein Name ist „LiebestĂ€ndelei“ und ich bin der Liebling von Venus!“

„Dann bringe mich zu ihr, denn deswegen bin ich hier.“

LiebestĂ€ndelei zupfte an Psyches Haar und kicherte vergnĂŒgt. „Diese kleine Heldeneinlage wird dir nichts nĂŒtzen. Sie wird dich bestrafen. Ganz böse bestrafen! Und mich wird sie belohnen, ganz gut belohnen!“

Sie ließ ein eigenartiges TrĂ€llern verlauten und aus dem Nichts entstand ein Nebel, der sie einhĂŒllte und in die Höhe hob.

Wenn WĂŒnsche sich erfĂŒllen …

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Pluto trat einen Schritt zurĂŒck und berĂŒhrte Amor leicht am Arm. „Du hast sie gehört. WĂŒrdest du, bitte?“

Amor seufzte. Wahrscheinlich gab es niemanden, der Liebe nötiger hatte als dieses Paar. Er zog den Pfeil aus dem Köcher. Seine goldene Spitze erhellte die Dunkelheit. Es war lĂ€cherlich leicht, die beiden ins Herz zu treffen, aber der Schuss kostete ihn Überwindung.

In diesem Moment trat ihm das Bild vor Augen, wie er Psyche zum ersten Mal gesehen hatte. Psyche und ihren wunderschönen Bart.

„Ich kann nicht“, sagte Amor und ließ den Pfeil wieder sinken.

Die Frau hustete und knĂŒpfte sich das schmutzige Hemd auf. „Mach schon“, sagte sie leise. „Oder soll ich darum betteln?“

„Tu, was mein Schatz verlangt!“, rief Pluto aufgeregt, stellte sich neben seine Frau und tat es ihr gleich.

Amor legte an und schoss.

Als der Pfeil in ihr Herz drang, faltete sie die HĂ€nde ĂŒber der Brust und atmete tief aus. Pluto stolperte zurĂŒck, als hĂ€tte ihn ein Felsbrocken getroffen und sank auf die Knie.

„Mein Schatz. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen. Ich hĂ€tte dich nicht so behandeln sollen. Wie konnte ich nur! Ich meinte es nicht böse, ich bin 
 , ich wusste es nicht besser 
“

Die Frau richtete sich auf und klopfte sich den Schmutz vom Kleid. Die verfilzten Haare strich sie hinters Ohr.

„Die Tage im Kerker haben mich völlig unansehnlich werden lassen! Ich brauche meine Salbe. Beschaffe mir gemahlene Diamanten, Sternenstaub und erlesenes Rosenöl!“

„Das ist teuer und schwer zu beschaffen“, murmelte Pluto, wĂ€hrend er den Saum ihres Gewandes kĂŒsste.

„Tu es, oder ich verlasse dich!“

„Nein!“, rief Pluto entsetzt. „Ohne dich mĂŒsste ich sterben!“

„Mach dich nicht lĂ€cherlich, du bist der Gott des Todes.“

„Aber ich liebe dich so sehr!“

„Dann beschaffe mir die Zutaten. Beschaffe mir alles, was ich brauche. Alles. Hörst du? Sorge außerdem dafĂŒr, dass dieses, unser Reich, etwas behaglicher wird. Es ist so dunkel hier. Ich will einen Palast aus weißem Alabastermarmor, ich will feine Stoffe, ich will Sonnenlicht, ich will einen Garten!“

„Oh meine Liebste“, sagte Pluto kleinlaut.

„Tu es, oder ich gehe!“

„Meine Schönste, meine KlĂŒgste, meine Königin, ich werde alles tun, was ihr verlangt!“

„Nenne mich „eure MajestĂ€t““.

„Jawohl, eure MajestĂ€t.“

Amor schĂŒttelte den Kopf. Was fĂŒr ein verrĂŒcktes Paar.

Doch statt zu lachen, musste er plötzlich schluchzen. Denn er dachte an Psyche und daran, wie er sie verlassen hatte. Im Vergleich zu dem, was hier vorgefallen war, schien ihre Liebe leicht wie eine Feder und unschuldig wie frisch gefallener Schnee. Er fĂŒhlte sich kaltherzig und grausam und hasste sich fĂŒr seinen Entschluss.

Plutos fester Griff riss ihn aus seinen Gedanken.

„Hör auf zu heulen! Ich besorg jetzt diese Zutaten fĂŒr die Salbe und du, mein Freundchen, gehst schön zurĂŒck zu deiner Mama.“

„Halt, nein!“, rief Amor. „Bring mich zu Psyche!“

Doch da hatte Pluto ihn schon in sich aufgesaugt und zurĂŒck in sein Kinderzimmer gespuckt. Die TĂŒr war noch immer verschlossen und ließ sich nicht erweichen, egal wie oft Amor dagegentrat.

Der Tod und die Liebe (2)

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Die Frau kauerte in der Ecke der Kammer. Ihr Haar war verfilzt, die Haut fleckig, das Gewandt zerrissen. Als Pluto die TĂŒr zum Verließ öffnete, zuckte sie leicht. Sie war so schmutzig, dass sie kaum mehr als Mensch zu erkennen war. Und es roch 
 unangenehm.

„Oh ihr Götter!“, keuchte Amor. „Was ist das?“

„Ist sie nicht wunderschön?“, fragte Pluto strahlend.

„Ist das deine Liebste?“, stammelte Amor. „Wie lange ist sie schon so?“ Je nĂ€her er kam, desto genauer konnte er den Zustand der Frau erkennen. Die Haare klebten an ihrem Nacken und kleine Insekten krabbelten ĂŒber ihren Körper. Die Lippen waren aufgesprungen und ĂŒberall an ihren Beinen und Armen waren kleine, rote Stiche.

„Ach, wen kĂŒmmert die Zeit, wenn man verliebt ist! – Liebling!“, rief Pluto und beugte sich hinab zu der Frau. „Ich bin zurĂŒck!“

Die Frau drehte den Kopf von Pluto weg. Er gab ihr einen Kuss auf die verschwitzte Stirn.

„Ich glaube“, sagte Pluto und wandte sich zu Amor, „sie mag mich nicht.“

„Du kannst sie doch nicht einfach einsperren!“

„Wieso denn“, fragte Pluto. „Du hast es doch genauso gemacht.“

„Wie bitte?“, entrĂŒstet verschrĂ€nkte Amor die Arme. „Ich habe Psyche ein Schloss gebaut, ich habe sie nicht in ein Verließ gesperrt!“

Pluto reckte sein menschliches Kinn. „Aber sie wollte weglaufen. Du wolltest weglaufen. Nicht wahr, mein kleiner Schatz? Das war nicht nett von dir. Außerdem darfst du mich nie mehr verlassen, denn du hast von dem Granatapfel gegessen.“

„Ja, aber 
“ Amors Stimme ĂŒberschlug sich vor Empörung. „Guck sie dir doch an. Kein Wunder, dass sie dich nicht mag. So funktioniert das nicht. Einfach einsperren 
 was hast du dir bloß dabei gedacht?“

Pluto blickte von der Frau zu Amor und wieder zurĂŒck. Er legte seine menschlichen Finger ans Kinn und dachte nach. „Du meinst, ich habe etwas falsch gemacht?“

Die Frau in der Ecke regte sich. Sie öffnete ihre Augen und hustete leise. Dann murmelte sie deutlich: „Du hast alles falsch gemacht, alles, aber auch alles.”

„Mein Schatz!“, rief Pluto und augenblicklich strotzte seine Mimik vor EntzĂŒcken. „Du sprichst wieder! Sage mir, was du verlangst, ich werde dir die Welt zu FĂŒĂŸen legen und dir jeden Wunsch erfĂŒllen und 
“

„Ist das der, um den ich gebeten hatte?“, unterbrach ihn ihre dĂŒnne Stimme.

„Das ist Amor“, sagte Pluto. „Ich habe ihn hergeholt, ganz wie du es verlangt hast. Es war gar nicht so einfach, weißt du, denn seine Mutter hĂ€lt ihn gefangen, aber fĂŒr dich wĂŒrde ich alles tun 
“

Die Augen der Frau richteten sich auf Amor. Sie blinzelte ihn an. „Setze meinem Leiden ein Ende. Ich halte das hier keinen Augenblick lĂ€nger aus.“