Psyche und Pan (2)

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Psyche sah Pan verdutzt an. „Wieso Dickerchen?“

„Natürlich“, Pans Lippen verzogen sich wieder zu seinem grinsenden Ausdruck. „Liebe macht bekanntlich blind.“

„Er ist ein Gott!“, hielt Psyche dagegen. „Er ist nicht dick!“

„Gott, Mensch, Faun, Satyr, Nymphe, dick, dünn … was macht das schon?“, winkte Pan ab. „Wo die Liebe hinfällt, wächst kein Gras.“

Psyche schniefte und eine Träne rollte über ihre Wangen.

„Oh, armes Liebchen“, sagte Pan. „Weine ruhig, lass alles raus. Und währenddessen werden wir gemeinsam das Schauspiel genießen!“

Er kletterte geschickt auf den Felsen und zog Psyche zu sich nach oben. Für kurze Zeit wurde Psyche an seinen Oberkörper gedrückt. Ein würziger, moschusartiger Duft strömte in ihre Nase. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und rückte eine Armeslänge fort von Pan. Der machte er sich auf dem Felsen bequem und legte sich auf die Seite. Er nestelte eine Flöte aus seinem Umhang, zwinkerte Psyche zu und begann, eine fröhliche Melodie anzustimmen.

Es war ganz unglaublich, was mit den Nymphen, Faunen und Satyrn geschah. Aus der ungeordneten Menge wurde eine bewegte Form, sie verwandelte sich in einen Kreis, einen Stern, eine Spirale.

„Von hier oben sieht es am schönsten aus“, murmelte Pan zwischen zwei Tönen.

Die Melodie der Flöte überwarf sich und wurde aufgenommen von den Bäumen des Waldes. Das Rauschen der Blätter mischte sich mit den klingenden Noten.

„Singen die Bäume?“, fragte Psyche verwundert.

„Oh ja“, sagte Pan. “Ist es nicht wunderschön?”

Psyche nickte fasziniert.

„Das sind die Stimmen der Baumnymphen“, erklärte Pan. Während er sprach, spielte er gleichzeitig auf seiner Flöte.

„Warum tanzen sie nicht hier?“, fragte Psyche.

„Sie verließen uns einst, weil sie sich in einen Stern verliebten. Sie nahmen die Form von Bäumen an, um dem Himmel so nah wie möglich zu sein.“

Während Pan diese Worte sprach, veränderte sich die Musik. Die Bewegungen der Tanzenden wurden langsamer.

„Wir vermissen sie“, fügte Pan erklärend hinzu. „Wir tanzen für die Liebe. Wir lieben. Alles.“

Und in diesem Moment konnte Psyche einen winzigen Funken ihrer Liebe spüren. Darüber aber lag tiefer, schwarzer Kummer. Ihr taten die Nymphen in den Bäumen leid, genauso wie die Menge der tanzenden Satyrn und Pan an ihrer Spitze, die um die verlorenen Nymphen trauerten.

Die Melodie wurde immer eindringlicher und Psyche hatte das Gefühl, dass sie dem Kummer einen Weg nach draußen ebnete und die Liebe freilegte, freimachte von Kummer, bis allein die Liebe blieb.

„Ruhig“, sagte Pan. „Wir haben die ganze Nacht Zeit.“

Er legte seine Fingerspitzen auf ihren Rücken. Das beruhigte Psyche genauso, wie es sie irritierte.

„Amor ist … er hat mich fallen gelassen.“

„Tja, er ist auch gerade erst der Muttermilch entwöhnt“, murmelte Pan. „Was haltet ihr von Amor?“, rief er in die tanzenden Nymphenschar.

„Lausebub!“, „Frechdachs!“, „Ein lustiger Kerl!“, kam es von unten. „Wer ist das?“, „Kennt ihr den?“, „Doch, das ist doch er, der die Krieger verliebt gemacht hat!“ Und alle verfielen in ein aufgeregtes Geplapper, das sich mit der Musik mischte.

Obwohl sie traurig war, musste Psyche grinsen. Es war drollig, wie die kleinen Kerlchen ihren Liebsten wahrnahmen.

„Also“, sagte Pan. „Vergiss diesen Bengel einfach.“

„Ihn vergessen? Das könnte ich nie!“

„Und warum nicht?“, fragte Pan.

„Weil … ich weiß nicht. Ich bin schwanger. Ich … Er hat mich so … er macht mich verrückt!“

„Du liebst ihn“, schloss Pan.

„Ja.“

„Dann gibt es nur eine Sache, die dir helfen wird“, sagte Pan.

 

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Psyche und Pan (1)

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Psyche stolperte durch das Unterholz. Es war bitterkalt, die Äste verfingen sich in ihrem Gewandt, rissen daran, es war Psyche egal. Spitze Steine bohrten sich in ihre Ferse, Psyche spürte es kaum.  Dornen piksten in ihre Haut, Psyche schnaufte verächtlich und rannte einfach weiter.

Sie war so wütend, so unendlich wütend. Amor hatte sie einfach fallen gelassen, mitten in der Nacht in diesen gottverlassenen Wald.

„Ungeheuer!“, spuckte Psyche aus. „Du Ungeheuer!“

Hätte der Zephyr sie nicht aufgefangen, sie wäre auf dem Boden zerplatzt wie eine reife Pflaume. Und vielleicht wäre das am besten gewesen!

„Na na na …“, hörte sie da auf einmal eine tiefe, sonore Stimme. „Wer ist denn da so aufgebracht? Schon zu Beginn der Nacht?“

„Zu Beginn der Nacht“, echote es aus allen Ecken und Enden des Waldes. Verdutzt hielt Psyche inne und blickte sich um.

Kurze Zeit war es wieder still. Lediglich ein paar Vögel zwitscherten. Der Mond schien hell und Psyche spürte den nassen Tau an ihren Füßen, der sie angenehm kühlte. Und als sie schon dachte, sie hätte sich verhört, da schwebten aus den Tiefen des Waldes auf einmal kleine Wesen heran, die trugen Gewänder aus Spinnweben und leuchteten im Mondlicht. Es waren kleine Frauen mit Flügeln, gefolgt wurden sie von einer Schar kleiner Kerle, die hatten Ziegenfüße und winzige Hörner und einen spitzen Bart.

Sie strömten durch den Wald und zogen Psyche mit sich auf eine Lichtung, in deren Mitte ein großer Steinblock lag. Sie umringten Psyche und zupften neugierig an ihrem Gewand. „Was ist denn das für ein Ding?“, fragte eine der geflügelten Frauen keck. „Ist es ein Mensch?“

„Vielleicht ist es ein Zyklop“, bemerkte einer der kleinen, ziegenbockfüßigen Kerle.

Psyche war völlig verblüfft vom Geschehen, doch als sie hörte, dass sie mit einem Zyklopen verglichen wurde, schnaubte sie empört auf.

„Nein, sieh nur“, sagte die kleine Frauengestalt, „sie hat ja auch zwei Augen, das eine ist etwas unter dem Wulst da versteckt, aber ein Zyklop kann es nicht sein.“

„Na na na, Kinder Kinder!“, rief da die tiefe, sonore Stimme. Der Kreis aus den winzigen Gestalten lichtete sich an einer Stelle und hindurch schritt ein großer Mann. Ein Mann, der, Psyche erkannte es, als er näherkam, ebenfalls Ziegenfüße hatte und einen spitzen Bart. Aus seinen dichten Locken stachen zwei Hörner.

„Ihr solltet eine Dame nicht so schimpflich beleidigen!“, führte der Herr aus. „Wir haben hier eine … wahre Schönheit vor uns.“ Er kam näher und musterte Psyche. „Schönheit, die im Auge des Betrachters liegt,“ schloss er räuspernd. „Liebchen, sag uns, was verschlägt dich allein in diesen Wald?“

„Wer, wer seid ihr?“, stammelte Psyche.

Der Gehörnte machte eine tiefe Verbeugung. „Gestattet, Werteste, ich bin Pan, der Rächer der Gerächten, Herr und Meister von Nymphen und Satyrn und Faunen – und solchen, die es werden wollen. Wie ist euer Name, Holdeste?“

„Ich … Ich bin Psyche“, stammelte Psyche und drückte sich gegen den Felsen.

„Ihr mögt die Standhaftigkeit meines Throns, seine Festigkeit?“, fragte Pan. „Für gewöhnlich betrachte ich von dort das Treiben meiner Nymphenschar.“

„Oh, Entschuldigung …“, sagte Psyche und ließ den Felsen verwirrt los.

„Habt ihr geweint?“, fragte Pan. Er war jetzt so nahegekommen, dass Psyche seinen Atem auf ihrer Wange spürte. Er roch nach würzigem Waldluft.

Psyche schüttelte den Kopf.

„Doch, ihr habt geweint“, befand Pan. „Und für gewöhnlich weinen Mädchen alleine im Wald, wenn sie Kummer haben?“

Psyche schüttelte abermals den Kopf.

„Liebeskummer?“

Psyche blickte Pan in die Augen und fand darin so viel Verständnis, dass sie entkräftet nickte.

„Gut“, sagte Pan zufrieden. „So kommen wir der Sache näher.“

Er drehte sich zu den Nymphen und Faunen um, die bisher schweigend zugesehen hatten.

„Das Mädchen hat Liebeskummer!“

Ein trauriges Stöhnen und Klagen raunte durch die Menge.

„Aber! Aber!“, sagte Pan und schmunzelte. „Ich kann dir einen Tipp geben. Zufällig kenn ich da jemanden, etwas frech und tollpatschig, der könnte dir bestimmt helfen.“

Erstaunt blickte Psyche ihn an. „Wer sollte mir denn helfen können?“

„Na, Amor!“, rief Pan und klatschte lachend in die Hände. „Hast Du denn noch nie vom Gott der Liebe gehört?“

Psyche brach in heftiges Schluchzen aus.

„Es … es ist Amor!“

Das Grinsen verschwand aus Pans Gesicht und ein verblüfftes Staunen machte ihm Platz.

„Du weinst wegen Amor? Wegen diesem Dickerchen?“

Verschlossen

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„Du?“ Venus machte große Augen.

„Ja“, schniefte Amor. „Und ich dachte, du verstehst das alles nicht und deswegen haben ich dich mit Adonis verkuppelt …“

„Du warst das?“

Amor nickte und schnäuzte sich die Nase.

„Weißt du, auf der Waldlichtung … ich … ach, es tut mir leid!“

„Adonis ist das Beste, was mir seit langem wiederfahren ist. Er ist jung und stark und unermüdlich.“ Venus erhob sich und lief neben dem Bett auf und ab. „Oh Cupido, sie wird dafür büßen und wenn es das letzte ist, was ich tu!“

„Aber Ma …“ Am liebsten hätte Amor sich die Ohren zugehalten, aber der Schmerz in seiner Schulter war unerträglich. Scheinbar war Adonis ein toller Liebhaber, aber Venus übersah das Wesentliche.  Wahrscheinlich machte Liebe blind und taub, schloss Amor. Anders konnte er sich nicht erklären, warum seine Mutter so ruhig blieb angesichts seines Geständnisses.

Wobei, ruhig war sie ganz und gar nicht.

„Diese Psyche, das ist ein ganz hinterlistiges Ding. Ich hätte dich nicht mit dem Auftrag alleine lassen sollen. So viel ist mir jetzt klar. Man darf sie nicht unterschätzen, dieses Biest …“

„Was hast du denn jetzt vor?“ Amor richtete sich noch einmal auf, doch die Erschöpfung lag wie Blei in seinen Knochen.

„Du wirst schon sehen“, sagte Venus. „Auf jeden Fall bleibst du erstmal hier, nicht dass du noch auf dumme Gedanken kommst.“

Venus hielt ihm einen goldenen Schlüssel vor die Nase. Das letzte, was Amor hörte, war das Drehen des Schlüssels im Schloss zu seinem Zimmer. Venus hatte ihn eingesperrt. Wieder einmal.

 

Ungeheure Schmerzen

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Die Schmerzen in Amors Schulter waren unerträglich. Sein neuer Bogen war im Schloss zerplatzt. Es war alles ruiniert, zerstört, vernichtet. Wegen ihr. Diesem misstrauischen Menschlein!

Er war ein solcher Idiot. Selbst seine Mutter hatte er verraten. Was hatte er nicht alles getan! Und sie, sie war nicht imstande, nur ein einziges Versprechen zu halten. Ein einziges!

Den alten Bogen bewahrte in seiner Wolke auf. Genauso, wie die Pfeile. Wütend wie er war, machte er sich daran sie alle abzuschießen. Nicht die goldenen. Nur die bleiernen.

Das Geräusch brechender Herzen erklang wie Musik in Amors Ohren.

Er hätte sie alle abgeschossen. Alle bleiernen Pfeile. Aber die Schmerzen in seiner Schulter waren gewaltig.

Mit letzter Kraft schleppte sich Amor auf die Stufen von Venus Wolkenpalast, dort blieb er erschöpft liegen. Und als die Sonne unterging und es eigentlich Zeit gewesen wäre, für ihn zu Psyche zurückzukehren, da weinte er vor Schmerz und vor Wut.

„Mein Schätzchen, das war aber ein schöner Ausflug heute!“

„Stern meiner Augen, Schönste der Schönen, es war mir eine Ehre, euch zu begleiten!“

Schnell wischte sich Amor die Tränen aus dem Gesicht. Endlich, da war seine Mutter. Doch sie war nicht alleine. Jemand begleitete sie, – es war nicht Mars, irgendjemand anderes, kleineres, sterbliches …

Amor schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Er war so ein Dummkopf! Natürlich war Adonis bei Venus. Sein genialer Plan hatte sich erfüllt.

„Oh du Held meiner schlaflosen Nächte, möchtest du vielleicht noch mit hochkommen? Auf einen Tee, vielleicht etwas Nektar und Ambrosia?“

„Nichts könnte besser schmecken als deine Lippen, meine Holde!“, sagte Adonis und küsste Venus wild. Die ließ sich von ihm an die Brüstung der Treppe drücken und begann, ihr Kleid hochzuschieben.

Das ging zu weit.

„Ma!“, rief Amor. „Hallo! Ich bin … da … “

Sowohl Venus als auch Adonis hielten in ihrer Bewegung inne. Langsam drehten sie ihre Köpfe empor und Venus entfuhr ein spitzer Schrei als sie ihren Sohn erkannte.

„Es ist nicht das, wonach es aussieht …“, stammelte Venus errötend.

„Ist das dein eifersüchtiger Ehemann?“, fuhr Adonis aufbrausend hoch. „Ich habe keine Angst vor ihm!“

„Das ist mein … Sohn“, sagte Venus und sah betreten zur Seite.

„Sponta-anbesuch“, stotterte Amor. Dann brach er in Tränen aus.

Im nächsten Moment fand er sich wieder in der parfümierten Wolke seiner Mutter. Sie drückte ihn an ihren Busen und streichelte ihm über das Haar. Diesmal beruhigte es Amor zutiefst, ihren Duft zu riechen. Er schlang seine Arme um ihren Hals und weinte hemmungslos.

„Was ist denn los, mein kleiner Schatz?“, fragte Venus. Nebenbei hob sie einen Arm und warf Adonis einige Kusshände zu.

„Ist er endlich weg?“, fragte Amor zwischen seinen Schluchzern.

„Ja, mein Schatz“, sagte Venus und wandte ihren Blick zurück zu Amor. „Was hast du denn?“

„Ich bin ver- verletzt!“, schniefte Amor und zeigte Venus seine Schulter.

„Oh ihr Götter!“, keuchte Venus entsetzt. „Das muss sofort behandelt werden!“

Sie klatschte in die Hände und wies eine ganze Heerschar Nymphen und Satyrn an, Amor zu verpflegen. Ein Verband wurde angelegt, ein Kräutersud gekocht, Amor wurde in sein Kinderzimmer getragen und in sein Bett gelegt. Venus setzte sich neben ihn.

„Besser?“, fragte sie.

„Etwas“, seufzte Amor und drehte sein Gesicht ins Kissen. Unaufhörlich rannen ihm die Tränen die Wange hinab. Unvorstellbar, dass überhaupt so viel Flüssigkeit in ihm war.

„Nun, wenn du mich fragst“, sagte Venus, „sieht es so aus, als ob du Kummer hast. Tieferen Schmerz, als ihn diese Wunde zufügen könnte. Schmerz in deinem Herzen.“

„Woher weißt du das?“, fragte Amor entgeistert.

„Cupido, ich bin die Göttin der Liebe und deine Mutter. Ich hatte da schon länger einen Verdacht, aber jetzt ist es offensichtlich.“

„Wieso?“, schniefte Amor.

„Weil du leidest. Deine Schulter sieht schlimm aus, viel schlimmer aber ist dein gebrochenes Herz. Ich kann es fühlen.“

„Echt?“, fragte Amor.

„Ja“, sagte Venus. „Und ich möchte wissen, wer dir das angetan hat!“

Amor schauderte. Zorn lag in Venus Stimme.

„Niemand“, sagte er daher.

„Das ist nicht wahr. Nimm sie nicht in Schutz. Oder ihn? Oh ihr Götter, hast du deswegen die Männer von Mars …“

„Nein Ma“, sagte Amor schniefend. „Es ist ein Mädchen, … ach … aber was willst du denn machen?“

„Ich will es wissen, Cupido!“

„Es war … Psyche“, sagte Amor leise.

„Was? Diese Prinzessin? Die sich einst für mich ausgab und alle meine Opfergaben gestohlen hat? Die hat meinen Sohn verführt? Wie hat sie es angestellt? Ich dachte, sie ist längst mit einem Ungeheuer vermählt und tot!“

Als Amor „Ungeheuer“ hörte, musste er laut schluchzen. „Ma, versteh doch, ich war das Ungeheuer.“

 

Gefallen

Ein paar Vorbemerkungen, ausnahmsweise. 

Dies ist der vorerst letzte Teil vom Blogroman “Amors Abenteuer”. Ich hoffe, er wird euch gefallen. Habe lange daran herumgedoktort, fast jedes Wort zig Mal umgewälzt. Selbstverständlich bin ich nicht zufrieden, aber dank euch veröffentliche ich es trotzdem! 

Dieses “trotzdem” zu tun ist es auch, was ich lernen durfte. Daneben die kontinuierliche Arbeit an einer längeren Geschichte. – Danke! 

Eine kleine Warnung: Ich habe euch da einen ziemlich üblen “Cliffhanger” am Ende eingebaut und die Geschichte wird erstmal nicht fortgeführt! 😉 

Einen wunderschönen Sommer und alles Liebe! – Ganz viel Spaß beim Lesen! 

Eure

Runa Phaino

 

 

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Als Amor ins Schloss zurückkehrte, plagten ihn Gewissensbisse. Ob es richtig gewesen war, seine Mutter mit einem Sterblichen zu verbinden? Was würde Mars dazu sagen, wenn er davon hörte? Was Vulkanos?

Wie Tiere waren Venus und Adonis übereinander hergefallen. Wahrscheinlich lagen sie noch immer auf der Lichtung, derart ineinander verschlungen, dass man sie kaum auseinanderhalten konnte. Eine groteske Szenerie und so peinlich, dass es weh tat. Wie um alles in der Welt würde er diese Bilder wieder aus seinem Kopf bekommen?
„Scheiße!“, fluchte Amor und feuerte seinen Bogen in die Ecke des Flures. „Ist denn alles falsch, was ich mache?“ Er zog seinen Köcher von der Schulter und schmiss ihn hinter dem Bogen her.
Doch als er ins Schlafzimmer gelangte und seine Nase in Psyches Haar tauchte, da verflog seine schlechte Laune. Er erinnerte sich daran, wie sein Vater einst sagte, dass im Krieg alles erlaubt wäre. Und Venus flötete damals: „Genauso wie in der Liebe, ihr Schätzchen.“ Seine Mutter in einen Menschen zu verlieben, war die einzige Chance, um sie dazu zu bringen, Psyche als seine Frau zu akzeptieren.
„Hallo meine Schöne, wie war es mit deinen Schwestern?“, raunte er. „Hattet ihr einen angenehmen Tag?“
Psyche drehte sich weg. Verunsichert schlüpfte Amor unter die Decke. Er nahm an, dass sie sauer auf ihn war. Und er konnte sich schon denken, warum.
Seufzend begann er zu erklären: „Es ist nicht so leicht. Weißt du, meine Eltern wissen alles besser und sie sind vor allem total intolerant. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass wir dieses Versteckspiel ab sofort beenden könnten. Wirklich, Psyche, das musst du mir glauben. Ich dachte ja auch, dass meine Ma sich ein wenig geändert hätte. Hat sie aber nicht. Aber ich habe etwas gemacht, das …“ Amor hielt kurz inne. „Du würdest es, glaube ich, nicht verstehen. Ich bin ja selber nicht mal sicher, ob es richtig war. Vielleicht war es ein Fehler, aber weißt du, wenn du bei mir bist, dann fühlt es sich nicht falsch an. Es ist der einzige Weg …“
Amor lauschte in die Dunkelheit, doch Psyche antwortete nicht. Ihr gleichmäßiges Atmen war alles, was er von ihr hörte.
„Ich verspreche dir, nein, ich schwöre es. Ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist: Du musst nicht mehr lange warten. Bitte sei nicht böse.“
Gerne hätte er noch mehr gesagt, aber er spürte, dass er heute nichts mehr ausrichten konnte. „Wie war es denn mit deinen Schwestern?“
Amor rüttelte Psyche sanft an der Schulter.
„Hallo?“
Nichts. Nur Atem. Vielleicht träumte sie schon?
Amor beschloss, nicht weiter nachzufragen. Erst jetzt spürte er, wie erschöpft er war. Binnen kurzer Zeit schlief er ein.

Starr vor Angst hielt Psyche den Dolch an ihrer Brust gepresst. Sie wartete noch eine Weile. Dann schlug sie vorsichtig die Decke zurück und verließ das Schlafzimmer. In einer Kommode auf dem Flur hatte sie ein Lämpchen bereitgelegt. Ein kleines Gefäß gefüllt mit Öl, an dessen Rand ein Docht angebracht war.
Im Schloss gab es unzählige kleine und große Öllampen, ja sogar Kerzen und einen Kamin. Dort hatte sie auch Feuersteine gefunden und sich gewundert, warum sie nicht schon viel eher davon Gebrauch gemacht hatte.
Psyche trug das kleine Lämpchen vor das Eingangsportal des Schlosses. Draußen neben der Treppe hatte sie die Feuersteine unter einem Büschel trockenen Gras` verborgen. Der Nachthimmel zeigte keine Sterne, keinen Mond und Psyche hatte Mühe, das Gras zu finden.
„Was für ein unheimlicher, unwirklicher Ort das hier ist …“, wisperte sie, um sich selber Mut zu machen.
Sie entdeckte die Steine, schlug sie aneinander und entfachte eine kleine Flamme in der bitterschwarzen Nacht. Sie entzündete die Lampe am brennenden Gras und löschte das Feuer mit Schmutz und Staub.
Das, was sie tat, fühlte sich unwirklich an. „So weit hast du es also gebracht“, dachte Psyche. „Von der hässlichen Prinzessin zur Gefangenen im Traumschloss bis hin zur … zur … Monsterjägerin.“
Sie nahm die Lampe und schlich auf Zehenspitzen zurück ins Schloss. Den Dolch hielt sie fest umklammert. Im Flur wirkten die Edelsteine wie von einem grauen Schleier überzogen, doch aus einer Ecke glitzerte es golden. Erschüttert kniete Psyche daneben. „Es will mich töten“, schoss es ihr durch den Kopf. „Es will mich wirklich töten …“
Unzählige Pfeile lagen dort, einer schöner als der andere. Ein paar von ihnen schimmerten kaum, die hatten dumpfe, graue Enden. In der Mitte aber, zwischen den goldenen Spitzen, lag ein glänzendes Exemplar, dessen Anfang geformt war wie ein geschnörkeltes Herz. Psyche berührte ihn fasziniert. Ein Tropfen Blut quoll aus ihrem Finger. Erschrocken ließ sie los, erhob sich und öffnete die Tür zum Schlafzimmer. Ihr Herz drohte fast zu zerspringen, so schnell schlug es.
Kein haariges Monster, kein menschenfressendes Ungeheuer, kein grausames, heimtückisches Wesen. Dort lag ein wunderschöner Jüngling mit hellbraunem Haar und bronzefarbener Haut, makellos wie eine Statue.
„Das kann nicht wahr sein“, keuchte Psyche. Nichts war echt, nichts war wirklich, konnte es gar nicht sein, in keinem irdischen Sinn zumindest. Der kunstvoll verzierte Bogen, die Pfeile mit den bleiernen und goldenen Spitzen, all die Unwirklichkeit, die das Schloss umgab. Kein Sterblicher war es, der sie liebte, sondern Amor, die Liebe selbst.
Und als wäre es ebenfalls überrascht von dem Anblick, löste sich ein winziger Tropfen Öl aus der Lampe und fiel hinab auf die Schulter des Schlafenden. Erschrocken sprang Amor hoch. Er presste seine Hand auf die Schulter, in die sich der neugierige Tropfen bohrte. Er brauchte ein paar Augenblicke, um zu verstehen, was geschah. Er erkannte Psyche, die mit zitternden Händen ein Lämpchen hielt. Er sah das Licht. Schmerzhaft verzog er das Gesicht.
„Was … was tust du?“, keuchte Amor.
„Du … Du bist ein Gott?“, stammelte Psyche, nicht minder erschrocken.
Selbst die Zeit wirkte erstarrt.
Da begannen die Wände zu wanken und das Gebälk des Schlosses bebte. Amor schnappte sich einen Stuhl und zertrümmerte das Fenster. Er ergriff Psyche und schoss hinaus, während das Schloss mit einem Knall in sich zusammenbrach.
Atemlos lauschte Psyche dem Schlag der riesigen Flügel. Ein scharfer Wind streifte über ihre Wangen, wo ihr die Tränen hinabflossen. Eng presste sie sich an den geflügelten Geliebten. Sie spürte das Gefühl deutlich. Zwischen der Angst und all dem Schrecken fühlte sie ein warmes, sehnsüchtiges Pochen, das ihr Herz für immer mit diesem Gott verband.
Auf der Bergspitze, wo Amor sich einst in Psyche verliebte, setzte er sie ab. Der Zauber, der das Schloss umgab, war verschwunden. Die Nacht zeigte alle Lichter, den hellsten Mond und funkelnde Sterne. Amor war, als sähe er Psyche zum ersten Mal. Ihre Lippen, die er so oft geküsste hatte, waren trocken. Ihre Augen, diese glänzenden Perlen, schimmerten verzweifelt. Ihr liebreizendes Gesicht wirkte verzerrt von Trauer. „Ich liebe dich“, schluchzte sie. „Ich liebe dich!“
Er trat einen Schritt zurück.
„Meine Mutter hat mich vor euch gewarnt“, sagte er. „Ich habe es nicht glauben wollen. Aber jetzt …“
„Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid. Ich … es tut mir leid. Lass mich dir erklären …“
„Es gibt nichts zu erklären. Was geschehen ist, ist geschehen. Ich muss dich jetzt verlassen.“
Amor schlug seine Flügel auf.
„Nein!“, kreischte Psyche, ergriff Amors Füße und hielt sich dort fest, während er sich gen Himmel emporschwang.
„Du darfst mich nicht verlassen!“, rief Psyche. „Ich liebe dich!“
„Du bist doch bloß ein Mensch“, keuchte Amor. „Und Menschen, das weiß ich jetzt, können nicht lieben.“
Er schwang sich noch höher und Psyche hatte Mühe, ihn festzuhalten. „Dann rette wenigstens unser Kind!“, rief Psyche verzweifelt. „Es kann doch nichts für meinen Fehler.“
„Auch das ist nur ein Mensch.“
Die Worte raubten Psyche jede Kraft. Sie konnte sich nicht länger festhalten, konnte Amor nicht länger greifen. Also ließ sie ihn los, ließ sich selbst los und fiel hinab, fiel hinab in die Tiefe.

 

 

Zerrissen

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Stolz wie eine Königin schritt Psyche ihren Schwestern voran. Das Schloss von außen verblüffte, doch als Tessa und Gorda den Innenraum betraten, entfuhr beiden ein spitzer Schrei.
„Sind das Edelsteine?“, keuchte Gorda.
Psyche nickte. Der Fußboden glitzerte und funkelte im Sonnenlicht und selbst sie war erstaunt über das Blitzen und Blinken.
„Habe ich euch zu viel versprochen?“, fragte Psyche.
Tessa tippte Gorda ans Kinn, die daraufhin ihren Mund schloss.
„Und es gibt noch mehr zu sehen!“, rief Psyche und zog ihre Schwestern durch die Räume. „Hier ist der Speiseraum! Hier das Bad! Hier ist mein Zimmer … und hier … das ist mein Lieblingsraum!“
Psyche schritt die Treppe zur Bibliothek hinab und bemühte sich zu erklären, was genau es mit den „Büchern“ auf sich hatte.
Tessa und Gorda sahen sie mit großen Augen an.
„Seht doch“, sagte Psyche und hielt ihnen ein Buch entgegen. „Da stehen Geschichten drin!“
Gorda und Tessa steckten ihre Nase zwischen die Buchseiten, aber schüttelten den Kopf.
„Was soll das sein?“
„Das ist meine Lieblingsgeschichte, sie handelt von einem Mädchen, das in ein verwunschenes Schloss kommt. Fast so wie hier.“ Psyche schmunzelte. „Ich muss unbedingt meinen Mann fragen, warum ihr das nicht lesen könnt.“
„Wie ist er eigentlich so, dein Mann?“, fragte Tessa.
Psyche klappte das Buch zu und stellte es zurück ins Regal. „Was wollt ihr denn wissen?“
„Na, wie er aussieht zum Beispiel. Wie alt er ist. Was er so macht. Er muss ja steinreich sein, wenn er sich das hier alles leisten kann.“
Psyche zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“
„Was weißt du nicht?“, fragte Gorda.
„Also“, sagte Psyche, „ich weiß eigentlich nichts über ihn.“
„Du weißt nichts über ihn?“, staunte Tessa.
„Na ja“, beschwichtigte Psyche. „Ich weiß, dass er hier wohnt, dass er nett ist, dass er zärtlich ist … dass er … dass er mich liebt.“
„Wo ist er denn beispielsweise jetzt?“, fragte Tessa.
„Das weiß ich nicht.“
„Wie kann das sein?“, fragte Tessa. „Stört dich das gar nicht?“
„Doch …“, sagte Psyche. „Aber ich vertraue ihm.“
„Er hat bestimmt etwas vor dir zu verbergen.“ Gordas Blick verfinsterte sich. „Als ich eine Zeitlang nicht wusste, wo sich mein Mann aufhielt, da habe ich eines Tages nach ihm gesucht und ihn in der Speisekammer gefunden. Mit der Sklavin.“
„Ich weiß nicht …“ Psyche griff an das Geländer der Treppe. Ihre Schwestern weckten mit den Fragen Gedanken, die am Grunde ihres Bewusstseins schlummerten. „Also er hat keine andere, das ist es nicht. Ich glaube, er spricht gerade mit seinen Eltern, weil …“
Psyche brach ab und biss sich auf die Lippe.
„Weil?“, hakte Tessa nach.
Seufzend sagte Psyche. „Weil sie noch nichts von mir wissen.“
„Seine Eltern wissen nichts von Dir?!“ Tessa fasste sich an die Brust. „Das heißt, ihr seid hier, zusammen … ohne … oh ihr Götter!“
„Na ja“, Psyche krallte ihre Finger in das Holz. „Vielleicht … ich glaube, er will mich vielleicht einfach nicht herzeigen.“
Psyche wandte das Gesicht ab, doch ihre Schwestern kannten sie gut.
„Nicht weinen, Psyche“, sagte Gorda und nahm Psyche in den Arm. „Nicht weinen.“
„Doch!“, schniefte Psyche. „Doch. Ihr habt ja Recht. Ich bin mir einfach nicht sicher. Er sagt zwar, dass er mich liebt. Er tut alles für mich. Aber er hat mich noch nicht einmal seinen Eltern vorgestellt. Dabei bin ich … ich bin …“
Psyche legte eine Hand auf ihren Bauch.
„Du bist schwanger?!“, keuchte Tessa entsetzt. Auch Gorda schüttelte ungläubig mit dem Kopf. „Oh Psyche! Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder weinen soll! Psyche … das ist … das ist gegen den Willen der Götter …“
„Ja“, schniefte Psyche. „Ich weiß! Und er ist einfach abgehauen, hat mich alleine gelassen. Ich weiß es doch auch nicht … ich meine jetzt, danach, er hat mir erlaubt, euch zu besuchen. Er war sehr nett.“
Gorda und Tessa blickten sich an. „Psyche, du bist eine Prinzessin. Du solltest dich nicht so behandeln lassen. Es gibt Rituale, die vollzogen werden müssen, bevor Mann und Frau … zusammen sein sollten.“
Psyche und wischte die Tränen von den Wangen. „Ihr habt ja Recht. Ich bin so unsicher. Ich weiß gar nicht mehr, was ich von all dem halten soll. Es ist wie ein Traum, aber ich habe Angst.“
„Also wenn du mich fragst“, sagte Gorda und streichelte Psyche eine Haarsträhne hinter die Ohren. „Die hätte ich an deiner Stelle auch.“
Und Tessa nickte bestätigend. „Irgendetwas ist hier faul. Gewaltig faul.“
„Aber warum sagte ihr denn sowas?“, fragte Psyche leise.
„Na, guck dich doch mal um!“, sagte Tessa. „All das hier … es ist viel zu pompös, zu gewaltig … es ist zu gut, um wahr zu sein.“
„Meint ihr … es ist zu gut für … für mich?“ Psyche ließ den Kopf hängen und blickte zu Boden.
„Nein … nein“, sagte Gorda sanft.
Tessa widersprach. „Du musst zugeben, dass es seltsam ist. Niemand wollte Psyche haben und jetzt …“
Psyche hob ihr Gesicht. Sie blickte ihren Schwestern in die Augen und nickte langsam. „Ist schon gut“, sagte sie. „Ich weiß.“
Irgendwie erleichterte es sie, dass ihre Schwestern die Dinge genauso sahen wie sie selbst. Sie hatte dem Untier gerne glauben wollen, doch jetzt, bei Tageslicht, durch die Augen ihrer Schwestern, begriff sie endlich das Ausmaß der Unwirklichkeit.
„Ich weiß ja nicht einmal, wie er aussieht“, platzte es aus ihr heraus. „Er kommt nur her, wenn es dunkel ist. Stockfinster.“
Tessa schluckte schwer und trat neben sie. „Du weißt nicht einmal, wie er aussieht?“
Psyche schüttelte den Kopf. Die Nähe ihrer Schwestern beruhigte sie. Sie spürte Gordas Hand, die ihr tröstend den Rücken streichelte, während Tessa ihren Arm sanft drückte.
„Und diesem Mann vertraust du? Einem, dessen Gesicht du nicht kennst? Der nicht einmal die wichtigsten Rituale vollzieht, bevor er dich zu seiner Frau macht? Psyche, bist du wahnsinnig geworden? Haben dir die Diamanten neben deinem Stolz sogar deinen Verstand geraubt?“
„Ich …“, Psyche brach ab. Vor Scham konnte sie kaum noch atmen.
„Bedenke, dass das Orakel von einem Ungeheuer sprach“, sagte Gorda. „Vielleicht ist das die Erklärung für all das hier.“
„Ich hatte es schon vermutete, als ich hineingekommen bin. Dieses Schloss ist eine Falle!“, wisperte Tessa.
Psyche zuckte erschrocken zusammen. „Aber das kann nicht sein!“ Ihre Stimme zitterte. „Wenn ihr ihn kennenlernen würdet, ihr würdet verstehen …“
„Psyche, sei nicht so naiv“, unterbrach sie Tessa. „Was, wenn dieses Wesen dich dazu auserkoren hat, ihm ein Kind zu gebären, damit er es fressen kann? Es gibt so viel schlechtes auf der Welt, man kann gar nicht vorsichtig genug sein!“
Psyche suchte nach einer Verteidigung, einem Argument, dass sie den Tatsachen entgegenstellen konnte. Sie fand nichts. Das einzige, was sie spürte, war bodenlose Angst.
„Mir ist unheimlich zumute“, flüsterte Gorda und nahm Psyches Hand. „Ich möchte zurück! Komm mit!“
Psyche geleitete die Schwestern zum Tor. Der Flur mit den Edelsteinen glänzte noch immer, aber zum ersten Mal sah Psyche die scharfen Kanten und Spitzen. Das dunkle Rot der Rubine, das im Licht der Dämmerung aussah wie Blut.
„Ich kann das einfach nicht glauben …“, sagte Psyche endlich. Eine kühle Brise Abendluft wehte durch das Tor. „Ich bleibe hier.“
Tessa streichelte Psyche über die Wange. „Vergewissere dich.“
„Wie soll ich mich vergewissern?“, fragte Psyche und lehnte sich an den Rahmen des Tores.
„Es wird doch in deinem Schloss irgendwo ein Lämpchen geben, ein Zunderholz … Sieh ihn dir an. Vergewissere dich.“
Und dann verschwanden die Schwestern über die Wiese, so schnell, wie sie gekommen waren. Psyche blickte ihnen lange hinterher.

Geschwisterliebe

Amor rätselte, warum Diana nicht Richtung Sonne fuhr. Dann sah er die weiß blitzende Bergspitze und ihm wurde klar, dass Diana den Olymp ansteuerte. Er wagte nicht zu fragen, warum.

„Raus mit ihm!“, befahl Diana ihren Nymphen. Die hoben Amor umständlich aus dem Wagen und stellten ihn auf seine Füße.
Apollo saß auf den marmornen Stufen vor Jupiters gewaltigem, schneefarbenen Palast. Er hatte den Kopf auf die Knie gelegt und seine Arme darum geschlungen. Der Sonnengott wirkte winzig klein.
„Guck, was du angerichtet hast“, zischte Diana. „Jupiter höchstpersönlich musste heute für ihn einspringen.“
Amor schluckte. „Kann ich mit ihm sprechen?“
Diana blitzte ihn böse an, nickte und löste seine Fesseln.
Amor ging langsam auf Apollo zu. Fieberhaft überlegte er, was er sagen sollte. Als er schließlich vor Apollo stand, brachte er kein Wort heraus.
Apollo blickte auf. Sah ihn aus rotgeränderten Augen an. Lächelte schwach. In der Hand hielt er einen kleinen Zweig.
„Äh, also ich …“, versuchte es Amor.
Apollo klopfte mit seiner Hand auf die Stufen.
„Soll ich mich setzen?“, fragte Amor.
Apollo nickte.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Und dann sagte Apollo einfach:
„Du hast gewonnen.“
„Wie bitte?“
„Ja, Kleiner“, sagte Apollo. „Du hast den Wettkampf für dich entschieden. Eindeutig.“
„Echt jetzt?“
„Mag mein Pfeil alles treffen, deiner traf mich. Wie du gesagt hast“, sagte Apollo. Er ließ den Zweig zwischen Daumen und Zeigefinger schnell drehen.
„Aber …“, Amor war verblüfft. „Du bist mir gar nicht böse?“
Apollo stand auf, straffte seine Schultern und räusperte sich. „Nun, ich verliere nicht gerne“, sagte er.
„Eigentlich“, sagte Amor. „Eigentlich hast du ja auch gewonnen, ich meine, den Mondhirsch hast du geschossen, – als Erster!“
„Stimmt“, sagte Apollo.
„Okay.“ Amor zwang sich ein Grinsen ab. „Also hast du gewonnen?“
„Sieht wohl so aus“, sagte Apollo und zeigte den Ansatz eines Lächelns. Aber seine Augen strahlten nicht.
„So!“, fuhr Diana dazwischen. „Hast du es ihm gezeigt? Oder muss ich das übernehmen?“
„Wir haben das geklärt, Diana“, sagte Apollo. „Es war nicht seine Schuld.“
„Oh doch!“, rief Diana aufgebracht. „Du wirst ihn nicht einfach davon kommen lassen!“
Apollo drehte sich zur Seite und blickte in den Himmel.
„Was meinst du, wann ist Vater wieder zurück? Ich vermisse meinen Wagen …“
„Lenk nicht ab! Dieser kleine Giftzwerg verdient eine Abreibung, die sich gewaschen hat! Hast du schon vergessen, wie es dir ging?“
Diana schien den „Lass gut sein. Ich will nicht darüber reden“-Blick von Apollo nicht zu bemerken. Unbeirrt fuhr sie fort: „Dieses „Ich bin ein Gott, der dich liebt“ und „liebste Daphne, erhöre mich“, und dann hast du ihr Allesmögliche versprochen und dann hast du angefangen zu weinen und dann hast du … “
„Hör auf, Diana!“, rief Amor. „Es tut mir leid! Ich bin schuld! Du hast Recht!“
„Ach ja, jetzt tut es dir also leid!“, fauchte Diana. „Als ob das reichen würde. Du wirst die Verantwortung übernehmen!“
„Diana, lass ihn“, sagte Apollo etwas lauter.
„Von wegen! Du hast gelitten wie ein Tier! Als ich dich heute Morgen fand, da konntest du kaum sprechen! Ich habe dir sogar verziehen, dass du meinen Mondhirsch getötet hast, so Leid hast du mir getan! Oh, mir wird richtig schlecht, wenn ich daran denke! Und jetzt soll alles wieder „okay“ sein?!“
Apollo kniff die Lippen zusammen und schüttelte seine Locken. „Du hast doch immer gemeckert, dass ich die Liebe nur als Spiel sehe! Jetzt weiß ich, wie sich wahre Liebe anfühlt!“
„Du bist doch … ihr seid doch!“, rief Diana und raufte sich die Haare. Die Mondgöttin konnte kaum an sich halten. „Also wenn dieses Gerenne, Gestammel und Geheule die wahre Liebe sein soll, dann … dann …“
„Platz da, …“, donnerte eine gewaltige Stimme über den Vorplatz des Olymp.
„Vater!“, rief Diana. „Endlich!“
Vier rauchende, schnaufende Pferde vollzogen eine scharfe Drehung, bäumten sich auf und quietschend kam der Sonnenwagen zum Stehen.