Selbstständigkeit

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Hallo ihr Lieben!

Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich mich nur noch so selten hier melde. Es ist einiges los, sowohl – als auch – und sowieso.

Amor und Psyche ist immer noch in der Überarbeitung. Je mehr Zeit vergeht, desto häufiger denke ich, wie „schlecht“ der Text eigentlich ist. Das liegt daran, dass ich das einfach so runtergeschrieben habe, ohne mir im Vorfeld konkrete Gedanken zu machen. Ich verinnerliche nämlich langsam, wie das Schreiben an sich funktioniert. Und für mich funktionieren könnte. Seit ein paar Tagen arbeite ich an einem neuen, relativ kommerziellen, Produkt und bin gerade dabei, so vorzugehen, wie es die ganzen Schreibratgeber empfehlen: Stück für Stück und Kapitel für Kapitel. Fast schon seltsam, dass ich für diese Erkenntnis so lange gebraucht habe, aber nun gut. So ist das eben.

Ergo: erst einmal mache ich einen groben Entwurf und dann erst gehe ich ans Feintuning, also an den Fliestext. Bin mal gespannt, wie das so wird. Der Entwurf alleine macht auf jeden Fall schon schrecklich viel Spaß!

Vielleicht liegt das auch daran, weil sich das Buch um eine so simple wie auch grundlegende Frage drehen wird:

Gestalten wir unser Leben selbst, oder werden wir von den Umständen gesteuert? 

Ich selbst habe selbstverständlich eine Antwort auf diese Frage gefunden und werde sie demnächt in eine längere Erzählung gießen.

 

Aber was meint ihr? 

Ich bin ganz gespannt auf eure Antworten! 🙂

 

 

Und Amor und Psyche werde ich wohl oder übel noch ein Mal überarbeiten (ein MAL, das reicht dann(!!!)) und dann kostenlos anbieten, weil ich wirklich finde, dass es keine gute, im Sinne von durchdachte, Geschichte ist. Aber ich bin ja auch nicht ganz doof *hihi * und werde sie deshalb erst veröffentlichen, wenn auch das zweite Buch, Arbeitstitel „Zwischenzeilen“ online geht. Dann kann Amor und Psyche vielleicht ein wenig Werbung machen, bei all den Verrückten, die sich (auch) noch für sowas abgefahrenes wie die Antike und Philosophie interessieren.

Das Herzmärchen, übrigens, bleibt für immer in der Versenkung verloren. Ich hatte es vor einiger Zeit gelöscht und bin froh drum. Es ist zwar eine wunderschöne Geschichte, aber ich möchte nicht mehr, dass man sie kaufen kann.

 

Ich wünsche euch alles Liebe und ganz viel Erfolg und Schaffenskraft!

 

Frühlingshafte Grüße

 

Eure

 

Runa Phaino

 

 

Kummer und Sorge

sculpture-1801600_1920Als die Sicht wieder klar wurde, erkannte Psyche eine riesige, rosafarbene Wolke, auf die ein riesiger Palast gebaut worden war.

Wie ist das möglich?“, fragte Psyche.

Vorwärts!“, rief Liebeständelei und gab Psyche einen Stoß in den Rücken.

Mit großen Schritten bewegten sie sich auf das Schloss zu. Auf einer Empore über dem Eingang stand die Göttin. Ihre Schönheit war so gewaltig, dass sie den Sonnenuntergang überstrahlte. Doch nichts täuschte darüber hinweg, dass sie zornig war.

Was bist du nur für ein hässliches, widerwärtiges Ding!“, rief Venus vom Balkon hinab. „Glaube ja nicht, dass ich mich erweichen lasse, weil du meinen Enkel unter dem Herzen trägst. Kummer! Sorge! Ins Verließ mit ihr! Lasst sie genauso leiden, wie mein Sohn es tut!“

Die Flügeltüren des Palastes öffneten sich und hinaus trat ein junges Mädchen. Das Haar fiel ihm lose ins Gesicht, sein Gewand war fleckig und zerrissen. Es kümmerte sich nicht darum, was es von sich zeigte. Gebückt ging es, als ob es eine gewaltige Last tragen würde. Immer wieder wischte es sich die Augen.

Ihm folgte eine alte Frau. Sie blickte gerade heraus und stützte sich beim Gehen auf einen Stock. Ihre Stirn wirkte zerfurcht, ihr Gesicht von tiefen Falten durchzogen. Obwohl sie den Mund zu einer Art Lächeln verzog, zeigten die Mundwinkel hinab.

Hastig band Liebeständelei Psyches Arme los und wich ein paar Schritte zurück. Das kleine Mädchen nahm Psyches Hand, die alte Frau legte eine Hand auf ihre Schulter.

Und in diesem Moment schwand Psyches Mut und jede Hoffnung. Sie fühlte sich schwach und leblos. Ihr Vorhaben war zum Scheitern verurteilt. Was sollte sie schon ausrichten gegen den Willen einer Göttin? Sie hatte Amor zutiefst gekränkt. Nie würde er ihr verzeihen. Nichts war sie im Vergleich zu all dem, was sie umgab. Selbst der Schmutz im Verließ war wertvoller als sie. Und schöner.

Psyche sank gegen die kalte Mauer des Kerkers. Kummer und Sorge überwältigten sie und sie hatte nicht einmal mehr die Kraft zu weinen.

 

Amor schießt wieder!

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Am nächsten Donnerstag, den 6. Oktober 2016, geht es weiter mit dem Blogroman „Amors Abenteuer“. Jede Woche ein neues Kapitel, immer so gegen 18:00 Uhr.

Wer sich noch einmal einlesen möchte, der klicke HIER, scrolle ganz nach unten und lese.

Habt ein schönes Wochenende und eine schöne Woche, wir lesen uns hoffentlich dann am Donnerstag – bin schon ganz kribbelig, wie euch die restlichen Kapitel gefallen werden!

 

Alles Liebe

Eure

Runa

 

PS. Das schöne Bild habe ich von Jörg Bittner Unna – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35823161

 

 

Nah an der Wahrheit

Nach einer unendlichen Weile teilten sich das eine Wesen, das sie geworden waren, wieder in zwei Hälften. Psyche fand sich selbst inmitten von Laken und Decken. „Wie sind wir ins Schlafzimmer gekommen?“
Amor kicherte und streifte Psyche mit seinem Flügel.
„Wir sind geflogen? Nun, genauso kam es mir zumindest vor.“ Psyche streckte genüsslich die Arme aus. „Dabei kenne ich nicht einmal deinen Namen!“
„Ich bin das Untier, dein Untier, um genau zu sein.“
„Ja, aber hast du keinen richtigen Namen? Wie nennen dich deine Eltern? Hast du Eltern?“
„Je weniger du über mich weißt, desto besser“, sagte Amor und legte seinen Arm um Psyche. „Und ich muss bald gehen, meine Liebste, sobald der erste Lichtfunke über den Horizont fliegt.“
„Wo … Wohin gehst du denn dann?“, fragte Psyche.
„Nun ….Ich geh arbeiten.“
„Du arbeitest? Wie kann das sein?“
„Jeder muss arbeiten.“
„Aber du hast doch diesen Palast, hier gibt es alles, was man braucht und ebenso viele Dinge, die man nicht braucht!“
Amor räkelte sich.
„Mag sein“, sagte er. „Aber: ich muss arbeiten. Leider. Meine Mutter will das so.“
„Du hast Eltern!“ Psyche triumphierte.
„Ja“, gab Amor zu.
„Wer sind sie, wie heißen sie?“
„Das bleibt mein Geheimnis. Aber seitdem ich dich kenne, macht mir mein Job sogar Spaß.“
„Ja?“
„Ja. Ich hätte nie gedacht, dass Liebe … alles so viel leichter macht. Das ganze Leben ist auf einmal so anders, so locker, so lustig, so … leicht.“
Psyche knuffte das Untier in die Seite. „Wenn alles so einfach ist, dann bleib doch hier.“
„Das geht nicht. Es wäre gefährlich.“
„Schade. Aber, – was genau arbeitest du denn?“
„Das ist schwer zu erklären, aber … Also. Äh. Ich jage.“
„Du bist ein Jäger?“
„Nicht so richtig, obwohl es dabei ums Bogenschießen geht.“
„Auf was zielst du?“
„Auf Lebewesen.“
„Auf Tiere?“
„Eher weniger.“
„Auf Menschen?!“
„Hm. Irgendwie schon.“
„Du tötest also Menschen?“
„Nein!“ Entsetzt richtete Amor sich auf.
Psyche blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich fasse zusammen: Du bist ein nicht so richtiger Jäger mit Eltern, über die ich nichts wissen darf, der in einem Palast wohnt, in dem merkwürdige Dinge passieren, der auf Menschen schießt …“
„Psyche, ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Ich weiß, das ist alles seltsam. Ich wünschte, ich könnte dir alles erklären. Aber ich kann dir nicht sagen, wer ich bin. Das geht nicht. Noch nicht. Vielleicht bald. Ich hoffe bald. Vertraust du mir?“
Amor bedeckte Psyches Hand mit Küssen.
Sie seufzte.
„Untier, ich will es glauben. Und ja, ich will dir auch vertrauen. Obwohl das, was gerade geschehen ist … Es war …“
„Ja?“, fragte Amor.
„Unglaublich“, sagte Psyche. Sie musste grinsen, aber Tränen füllten ihre Augen.
„Fand ich auch“, sagte Amor lachend. „Unglaublich gut. Wir sollten es öfter machen, um ganz fest daran glauben zu können.“
Psyche stimmte in sein Lachen ein, musste aber gleichzeitig Schluchzen.
„Was ist mit dir, meine Liebste?“, fragte Amor.
„Nichts“, sagte Psyche, doch ihre Tränen tropften auf die Bettdecke.
„Geht es dir nicht gut? Was kann ich tun?“, alarmiert sprang Amor auf.
„Untier“, sagte Psyche. „Es ist … nichts … nur diese Sache mit dem Glauben … Es ist, ich kann das irgendwie nicht glauben, mit uns, und ich habe Angst, dass du gehst, weil … weil …“
„Weil? Was ist los? Bitte sag es mir!“
„Ich … Ich bin … hässlich.“
„Du bist bitte: Was?“, fragte Amor.
„Ich bin hässlich!“, rief Psyche. „So hässlich, wie du es dir nur irgendwie vorstellen kannst. Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, da musste ich einen Schleier tragen, weil man meinen Anblick nicht ertrug!“
„Das kann doch nicht wahr sein!“
„Doch“, sagte Psyche, „es ist wahr.“
„Aber ich liebe dich! Ich tu es, wirklich und echt. Ich werde dich auch in tausend Jahren noch lieben!“
„Aber wie kann das sein?“, fragte Psyche. „Mich wollte keiner haben. Keiner!“
„Und doch habe ich mich in dich verliebt, auf den ersten Blick habe ich mich in dich verliebt und hier her gebracht. Du und hässlich? Ich glaube, sie haben dich verhüllt, weil du so schön bist, Psyche“, sagte Amor und streichelte Psyches Gesicht. „Wunderschön.“
Psyche schniefte leise. „Meinst du wirklich?“
„Ja. Ich schwöre es bei meinem Leben. Doch jetzt muss ich gehen, meine Liebste.“
„Geh nicht“, sagte Psyche leise und schmiegte ihre Wange in seine Hand.
„Ich muss. Es tut mir leid, aber es geht nicht anders. Du darfst mich nicht sehen. Es ist zu deinem Schutz.“
„Aber ich habe Angst.“
„Hier passiert dir nichts“, sagte Amor. „Ich liebe dich und ich werde dich beschützen. Du bist hier sicher. Ich werde wiederkommen, ich verspreche es …“
Psyche küsste Amors Hand.
„Nur für kurze Zeit“, sagte Amor und riss Psyche an sich. „Wenn du wüsstest, wie gerne ich noch bleiben würde …“
„Du musst gehen“, sagte Psyche mit gespielter Strenge. „Ich befehle es.“
„Oh, bitte schickt mich nicht fort!“, rief Amor übertrieben klagend und stieg aus dem Bett.
Psyche folgte ihm, immer noch seine Hand haltend. Es war geradezu unmöglich, diesem Wesen nicht zu vertrauen. Und doch wirkte es nicht real.
„Gewiss bist du kein Mensch…“, sagte sie. „Das wäre auch eine überzeugende Erklärung für all die Geschehnisse hier …“
Die Dunkelheit wurde eine winzige Schattierung heller, kaum wahrnehmbar für ein menschliches Auge.
Amor stürmte aus dem Schloss.

Geschwisterliebe

Amor rätselte, warum Diana nicht Richtung Sonne fuhr. Dann sah er die weiß blitzende Bergspitze und ihm wurde klar, dass Diana den Olymp ansteuerte. Er wagte nicht zu fragen, warum.

„Raus mit ihm!“, befahl Diana ihren Nymphen. Die hoben Amor umständlich aus dem Wagen und stellten ihn auf seine Füße.
Apollo saß auf den marmornen Stufen vor Jupiters gewaltigem, schneefarbenen Palast. Er hatte den Kopf auf die Knie gelegt und seine Arme darum geschlungen. Der Sonnengott wirkte winzig klein.
„Guck, was du angerichtet hast“, zischte Diana. „Jupiter höchstpersönlich musste heute für ihn einspringen.“
Amor schluckte. „Kann ich mit ihm sprechen?“
Diana blitzte ihn böse an, nickte und löste seine Fesseln.
Amor ging langsam auf Apollo zu. Fieberhaft überlegte er, was er sagen sollte. Als er schließlich vor Apollo stand, brachte er kein Wort heraus.
Apollo blickte auf. Sah ihn aus rotgeränderten Augen an. Lächelte schwach. In der Hand hielt er einen kleinen Zweig.
„Äh, also ich …“, versuchte es Amor.
Apollo klopfte mit seiner Hand auf die Stufen.
„Soll ich mich setzen?“, fragte Amor.
Apollo nickte.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Und dann sagte Apollo einfach:
„Du hast gewonnen.“
„Wie bitte?“
„Ja, Kleiner“, sagte Apollo. „Du hast den Wettkampf für dich entschieden. Eindeutig.“
„Echt jetzt?“
„Mag mein Pfeil alles treffen, deiner traf mich. Wie du gesagt hast“, sagte Apollo. Er ließ den Zweig zwischen Daumen und Zeigefinger schnell drehen.
„Aber …“, Amor war verblüfft. „Du bist mir gar nicht böse?“
Apollo stand auf, straffte seine Schultern und räusperte sich. „Nun, ich verliere nicht gerne“, sagte er.
„Eigentlich“, sagte Amor. „Eigentlich hast du ja auch gewonnen, ich meine, den Mondhirsch hast du geschossen, – als Erster!“
„Stimmt“, sagte Apollo.
„Okay.“ Amor zwang sich ein Grinsen ab. „Also hast du gewonnen?“
„Sieht wohl so aus“, sagte Apollo und zeigte den Ansatz eines Lächelns. Aber seine Augen strahlten nicht.
„So!“, fuhr Diana dazwischen. „Hast du es ihm gezeigt? Oder muss ich das übernehmen?“
„Wir haben das geklärt, Diana“, sagte Apollo. „Es war nicht seine Schuld.“
„Oh doch!“, rief Diana aufgebracht. „Du wirst ihn nicht einfach davon kommen lassen!“
Apollo drehte sich zur Seite und blickte in den Himmel.
„Was meinst du, wann ist Vater wieder zurück? Ich vermisse meinen Wagen …“
„Lenk nicht ab! Dieser kleine Giftzwerg verdient eine Abreibung, die sich gewaschen hat! Hast du schon vergessen, wie es dir ging?“
Diana schien den „Lass gut sein. Ich will nicht darüber reden“-Blick von Apollo nicht zu bemerken. Unbeirrt fuhr sie fort: „Dieses „Ich bin ein Gott, der dich liebt“ und „liebste Daphne, erhöre mich“, und dann hast du ihr Allesmögliche versprochen und dann hast du angefangen zu weinen und dann hast du … “
„Hör auf, Diana!“, rief Amor. „Es tut mir leid! Ich bin schuld! Du hast Recht!“
„Ach ja, jetzt tut es dir also leid!“, fauchte Diana. „Als ob das reichen würde. Du wirst die Verantwortung übernehmen!“
„Diana, lass ihn“, sagte Apollo etwas lauter.
„Von wegen! Du hast gelitten wie ein Tier! Als ich dich heute Morgen fand, da konntest du kaum sprechen! Ich habe dir sogar verziehen, dass du meinen Mondhirsch getötet hast, so Leid hast du mir getan! Oh, mir wird richtig schlecht, wenn ich daran denke! Und jetzt soll alles wieder „okay“ sein?!“
Apollo kniff die Lippen zusammen und schüttelte seine Locken. „Du hast doch immer gemeckert, dass ich die Liebe nur als Spiel sehe! Jetzt weiß ich, wie sich wahre Liebe anfühlt!“
„Du bist doch … ihr seid doch!“, rief Diana und raufte sich die Haare. Die Mondgöttin konnte kaum an sich halten. „Also wenn dieses Gerenne, Gestammel und Geheule die wahre Liebe sein soll, dann … dann …“
„Platz da, …“, donnerte eine gewaltige Stimme über den Vorplatz des Olymp.
„Vater!“, rief Diana. „Endlich!“
Vier rauchende, schnaufende Pferde vollzogen eine scharfe Drehung, bäumten sich auf und quietschend kam der Sonnenwagen zum Stehen.

Kleider und Spiegel

***Dieses Kapitel ist ein Teil von meinem Projekt „Amors Abenteuer“, einer modernen Adaption des antiken Märchens „Amor und Psyche“, das ich aus Spaß an der Freude schreibe und nach einer Überarbeitung als eBook veröffentliche. Wer von Anfang an lesen möchte, ist herzlich eingeladen, bis ans untere Ende der Seite zu skrollen. Ich freue mich über jeden Kommentar. Donnerstags gibt es ein neues Kapitel und manchmal auch zwischendurch. Viel Vergnügen beim Lesen!***

 

Als Psyche erwachte war es hell und das Bett neben ihr war leer. Nur eine Vertiefung in der Decke verriet, dass sie die Nacht nicht alleine verbracht hatte. Lächelnd strich Psyche über die Mulde. Das Untier war eher zurückgekehrt als erwartet und es hatte ihr verziehen, wenn man das so sagen konnte. Gesprochen hatten sie nicht allzu viel. Zumindest nicht mit Worten.

Psyche erhob sich und klatschte in die Hände.
„Frühstück! Ich will Frühstück! Ich habe einen Mordshunger, ich könnte ein komplettes Tier verschlingen!“
Die Winde ließen nicht auf sich warten und Psyche fand augenblicklich ein ausgezeichnetes Mahl bereitet, das besser als alles schmeckte, was sie bisher gekostet hatte, ausgenommen der Küsse der letzten Nacht.
„Meint ihr, das Untier ist bald wieder hier?“, fragte Psyche kauend. „Und was mache ich, damit mir die Zeit nicht lang wird?“
Psyche blickte sich im Zimmer um.
„Oh, ich habe eine Idee!“, sagte sie und deutete auf den Kleiderschrank. „Vielleicht probiere ich es mal damit!“
Die Lüfte wirbelten aufgeregt um sie herum.
„Freut euch nicht zu früh, aber gucken will ich schon.“
Psyche spülte den letzten Bissen mit einem Schluck Tee hinunter und wischte sich die Finger an einer Serviette ab. Dann stand sie auf und ging zum Schrank. Binnen kurzer Zeit hatten die Lüfte das ganze Zimmer befüllt mit Kleidern:
Schwarze Kleider, blaue Kleider, grüne Kleider. Kleider mit Perlen mit Spitze mit Pailletten und Edelsteinen. Geraffte Kleider, geschnürte Kleider, glatte Kleider und solche mit Rüschen. In allen Regenbogenfarben glitzerten und funkelten die Stücke, kurz und lang, gemustert und einfarbig.
Dazu passend selbstverständlich Schuhe und Schmuck.
Psyche traute ihren Augen kaum.
„Das Ungeheuer hat wirklich Geschmack“, sagte sie anerkennend.
Noch immer konnte Psyche, wenn sie die Augen schloss, die Berührungen des Untiers auf ihrer Haut nachempfinden. Es verursachte ein Kribbeln in ihrem Bauch, zauberte ein Grinsen auf ihr Gesicht und ließ sie ganz zart werden.
„Vielleicht … vielleicht probiere ich das mal an“, sagte Psyche und deutete auf ein schlichtes Exemplar ganz in weiß.
Ehe sie sich versah, hatten die Lüfte ihr altes Kleid ausgezogen und Psyche in das weiße Kleid gehüllt. „Es passt sogar!“, stellte Psyche staunend fest. Was untertrieben war. Das Kleid saß, als wäre es nur für sie gemacht.
Seufzend ließ sich Psyche auf das Bett fallen. Sie sank in den Berg aus Kleidern und breitete die Arme aus. Nie hätte sie für möglich gehalten, dass ihr so ein hübsches Stück Stoff passen könnte. Das Ungeheuer musste vorzügliche Schneider beauftragt haben.
Eigentlich wusste sie gar nichts über den Herrn dieses Schlosses. Aber er hatte Geschmack. Und was konnte er gut küssen!
Psyche sprang auf und griff nach einem Kleid, das die Farbe einer dunklen Rose hatte. Am Dekollete prangte feine Spitze, abgesetzt durch schwarze Perlen. Die Lüfte halfen ihr aus dem weißen Kleid hinaus und streiften ihr das rote Kleid über.
Psyche drehte sich im Kreis.
„Und?“, fragte sie, „Wie sehe ich aus?“
Die Lüfte raschelten durch die Vorhänge und über die ausgebreiteten Kleider.
„Ich verstehe euch leider nicht“, sagte Psyche. „Aber ihr wirkt … aufgeregt. Sieht es gut aus? Kann ich dieses Kleid tragen?“
Wieder ließen die Winde die Stoffe rascheln.
„Ach“, sagte Psyche und schmunzelte, „Soll das ein „Ja“ sein? Ich kann es kaum glauben. Allerdings … Vielleicht steht es mir ja wirklich. Vielleicht zaubert dieses verzauberte Kleid hier im Zauberschloss auch eine zauberhafte Schönheit aus mir?“
Die Winde drückten Psyche sanft auf einen Stuhl. Sie fuhren ihr durch die Haare, flochten sie und steckten sie hoch. Unsichtbare Finger bepinselten ihr Gesicht, schminkten ihre Augen, betupften ihre Lider.
„Ihr seid ja wie meine Schwestern. Ich würde mich zu gerne sehen“, murmelte Psyche.
Die Hände ließen von ihr ab und Psyche öffnete die Augen. Ihr Blick fiel auf einen großen, viereckigen Gegenstand, der mit einem Tuch überdeckt war.
„Ist das“, fragte Psyche, „euer Kupferspiegel? So riesig?“
Gorda und Tessa besaßen zwei Handspiegel aus polierten Kupferplatten. Diese Gegenstände waren selten und kostbar.
Sie stand auf und ging auf den Spiegel zu. Streckte die Hand aus, fühlte die kühle, glatte Fläche hinter dem Stoff.
„Ich hätte nie gedacht, dass es Spiegel in dieser Größe gibt“, sagte Psyche, „aber es wundert mich kaum, hier in diesem verwunschenen Schloss, wo sich die Wünsche so einfach erfüllen …“
Psyche zögerte.
Sollte sie oder sollte sie nicht?

Sie befürchtete, dass das Bild um einiges klarer und deutlicher war, als die verzerrte Reflexion in dem Handspiegel ihrer Schwestern.
Es war nur eine kleine Bewegung nötig, damit das Tuch vom Spiegel fiel. Psyche presste die Lippen zusammen und hob ihre Hand zum Tuch.

Was würde sie sehen?

Mondhirsche oder „Der Wettkampf (2)“

 

Amor hastete durch den waldigen Hain, den Bogen gespannt, mit den Augen die Gegend absuchend, ob sich irgendwo in der Dunkelheit das weiße Fell von Dianas Tieren zeigen würde.
Wenn er es schneller fand als Apollo, hätte er gewonnen. Doch bisher versteckten sich die Viecher ziemlich gut. Keines zu sehen, weit und breit. Nur dunkle Zweige, dichtes Moos und ab und zu ertönte das leise Geraschel der Wipfel oder das Knacken eines Zweiges.
Genauso wie Apollo besaß Diana einen Wagen, mit dem sie den Mond über den Himmel zog. Während Apollos Wagen vier gewaltige Rösser anführten, aus deren Nüstern Rauch flammte, bestand die Vorhut von Diana aus einer stattlichen Anzahl weißer Hirschkühe, die silberne Geweihe hatten.
Diana liebte diese Hirsche über alles, sie durften in ihren Wäldern grasen und sich frei vermehren.
Apollo hatte sich in den Kopf gesetzt, dass der Wettkampf darin bestand, eine davon zu erlegen.
„Die passen gar nicht mehr vor ihren Wagen, so viele sind es schon. Ich wette, sie merkt nicht mal, dass eine fehlt!“
Amor hatte es geschafft, Apollo davon zu überzeugen, dass ein winziges Stück vom silbernen Geweih ebenfalls den Sieger ermitteln würde.
So hatten sie sich also darauf geeinigt, den Hirschkühen lediglich eine Spitze vom Horn abzuschießen.
Schon jetzt war dieser Wettkampf heikel genug, fand Amor. Nicht auszudenken, was Diana mit ihnen anstellte, wenn sie herausfand, dass einem ihrer Lieblinge ein wenig Geweih fehlte.
Amor musste an Aktaion denken und biss sich auf die Lippen. Er wollte nicht nachgeben. Nicht heute. Möge die Mondgöttin niemals davon erfahren.
Zweige knackten unter seinen Füßen, die Luft roch würzig nach dem Harz der Bäume. Die Nacht war dicht und feucht. Hin und wieder zitterte ein Irrlicht über die moosigen Moore. Doch nirgendwo ein Geweih in Sicht.
Das Geraschel im Gebüsch ließ Amor ruckartig herumfahren. Was war das? Ein paar kleinere Waldbewohner. Unbedeutendes Getier.
Wo waren die Hirsche? Hatte Apollo bereits einen erspäht? Gar seinen Bogen angelegt?
Amor schüttelte die Gedanken ab. Er musste seine Energie darauf verwenden, einen davon zu finden. Und diese helle Ebene, die sich vor ihm im Wald auftat, schien ein idealer Futterort für die Mondhirsche zu sein.
In diesem Moment brach etwas durch das Unterholz. Geschwind richtete Amor seinen Bogen in die Richtung. Doch es war kein Hirsch. Es war ein … Gebüsch. Ein Gebüsch, das aus dem Gebüsch gekrochen kam.
Amor betrachtete den Blätterhaufen.
Der erhob sich, breitete Arme aus und eine Stimme sprach:
„Halte ein, junger Jäger! Du bist in einem heiligen Hain!“
Amor senkte seinen Pfeil. Der Busch hatte Hände, ein Gesicht und einen Mund, aus dem er sprach.
„Wie bitte?“, fragte Amor.
„Halte ein! Halte ein!“, rief das Gestrüpp noch einmal und drehte sich im Kreis. „Dies ist ein heiliger, heiliger Hain!“
„Schickt dich Diana oder was?“
„Ich bin Daphne, die Hüterin dieses Hains!“
„Hüterin des Hains … ?“
„Gewiss“, sagte Daphne und reckte das blättrige Kinn. „Ich beschütze die Tiere. Gib mir deinen Bogen, damit kein Tier durch ihn zu Schaden kommt!“
„Sorry, das geht nicht, Daphne, Hüterin des Hains.“
„Du musst.“
„Nein, sorry!“
„Gib den Bogen her oder ich muss andere Maßnahmen anwenden.“
Amor musterte sie skeptisch. Daphne gehörte möglicherweise zu Dianas militanter Bewegung von Nymphen, die ihr Leben dem Schutz der Flora und Fauna verschrieben hatte. Vielleicht aber war sie auch harmlos. Das wusste man bei diesen Nymphen nie so genau.
„Hör mal“, sagte er. „Ich muss einen Wettkampf gewinnen, dazu brauche ich den Bogen.“
„Du musst deinen Bogen abgeben. Und den Pfeil da, den du in der Hand hältst.“
„Also, wie gesagt, ich muss hier was gewinnen. Das ist echt wichtig. Aber ich werde den Tieren nichts tun, nur ein Stückchen Geweih abschießen, mehr nicht. Ich bin ein guter Bogenschütze, der Beste … ich muss jetzt echt weiter, sorry, Daphne.“
„Du gehst nirgendwo hin!“
„Doch.“
„Nein! Gib mir dein Geschoss!“
Amor beschloss, die Nymphe einfach zu ignorieren und drehte sich um. Fast schmerzhaft fiel ihm auf, dass er zwischen den Flügeln seinen Köcher trug. Seinen Köcher voller Pfeile, der jetzt direkt vor Daphnes Gesicht baumelte.
„Wie viele Tiere wirst du töten, Mörder!“, kreischte die Nymphe aufgebracht und riss an Amors Köcher.
„Ey, lass das!“, rief Amor. Doch Daphne hatte sich so in seinen Köcher gekrallt, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als ihn abzustreifen.
„Haha!“, rief die Nymphe triumphierend, „Jetzt kannst du niemanden mehr töten, mit all diesen vielen, bösen Pfeilen!“ Und geschwind wie der Wind floh sie mitsamt dem Köcher über den moosigen Waldboden der nahen Lichtung.
Amor sah ihr kopfschüttelnd hinterher. Immerhin ein Pfeil war ihm noch geblieben – und der Bogen. Während er noch überlegte, wieso die Nymphe so wahnsinnig schnell laufen konnte, bemerkte er aus dem Augenwinkel das leuchtende, silbrige Geweih eines Mondhirsches, der auf die Waldlichtung trat. Endlich! Amor atmete langsam aus und rührte sich nicht. Er spürte den Pfeil in seiner Hand. Ein bleiernes Ding, das die Liebe vertrieb. Sein letztes Exemplar. Noch zwei, drei Schritte und der Hirsch würde ein perfektes Ziel abgeben. Er legte an. Er durfte sich keinen Fehler erlauben.
Der Schuss war grandios. Der Pfeil surrte in einer konischen Linie Richtung Geweih, Amor konnte fast schon den Knorpel splittern hören, spürte die aufkeimende Lust des überwältigenden Erfolgs, wenn er Apollo den silbrigen Splitter des Geweihs präsentierte, er, Amor, der einzige, der Sieger, der beste Bogenschütze zwischen Erde und Himmel –
Da warf sich diese verdammte Nymphe zwischen den Pfeil und den Hirsch, und der Pfeil, wie es seine Art war, verschwand in Daphnes Brustkorb und vertrieb dort jedes Gefühl von Liebe. Die Nymphe taumelte und fiel der Länge nach auf den Boden.
„Ach du Scheiße!“, rief Amor panisch. Der Hirsch war fast außer Blickweite. Er jagte auf die Lichtung und schnappte nach seinem Köcher, legte nach und schoss dem Tier hinterher, das in diesem Moment von einem gleißenden Lichtstrahl getroffen wurde. Amors  Liebespfeil flog mitten durch die schnaubenden Feuerpferden, die der Sonnengott auf die Lichtung lenkte.
„SIEG!“, hörte Amor die Stimme hinter den Flammen brüllen. „Ich hab die Hirschkuh erlegt! Ich bin der Sieger, der beste Schütze, zwischen Himmel und Erde! Hast du es gesehen?“
„Äh“, stammelte Amor. „Apollo? Ich meine, äh, ich hätte ja auch fast das Geweih, wenn nicht … äh …“
„Komm her und huldige mir! Mein Pfeil trifft alles! Ich bin der größte Bogenschütze überhaupt!“ Die Pferde wieherten wie zur Bestätigung und schüttelten ihre feurigen Mähnen.
Amor linste rüber zu Daphne, die noch immer erstarrt am Boden lag. Auf Zehenspitzen tapste er um die Pferde herum zu Apollos Wagen. Vielleicht konnte er das Schlimmste ja noch verhindern. „Äh, Apollo, vielleicht solltest du besser verschwinden …“, hob Amor an.
„Guck dir dieses Prachtexemplar an!“, rief Apollo und zeigte auf die Hirschkuh. Sie lag tot am Boden.
„Musstest du sie unbedingt töten?“, fragte Amor und schluckte.
„Amor, werde erwachsen, werde endlich ein Mann!“, grollte Apollo. Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Du bist doch schon längst dabei, ein Mann zu werden, gib es zu! Ich meine, auch wenn du heute verloren hast, dein Pfeil wird seinen Weg schon finden! Hahaha!“
Amor neigte den Kopf. „Was?“
„Komm, du kannst es mir ruhig sagen, hast du schon oder noch nicht?“
„Wie bitte?“
Aus dem Augenwinkel nahm Amor wahr, dass Daphne langsam wieder zu Bewusstsein kam. Sie regte sich. Sie erhob sich.
Lachend fuhr Apollo fort: „Na, ich weiß ja nicht, was in dich gefahren ist, aber dieses potthässliche Ungeheuer, was du in diesem merkwürdigen Schloss gefangen hältst – jetzt guck nicht so, ich bin die Sonne, ich sehe alles– also ich kann zwar beim besten Willen nicht verstehen, was du an diesem Ungetüm attraktiv findest, aber …“
Amor schlug die Hände vors Gesicht, als Daphne in das Licht der brennenden Pferde trat. Er konnte nichts mehr tun. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Flüsternd sank Amor auf den Boden der Lichtung. „Mag dein Pfeil alles treffen, Apollo, meiner traf dich.“
Noch ganz benommen erkannte die Nymphe, was sie abgrundtief verachtete. Und der Sonnengott sah, was er immer vermisst hatte und immer vermissen würde, wenn er es nicht bekäme. Eine blättrige Nymphe, die in diesem Moment ihre Fersen im Gras drehte und rannte, während Apollo seine Pferde peitschte, als würde ein Leben davon abhängen.
Taumelnd kehrte Amor zurück zum Palast, zurück zu Psyche. In seinem Kopf herrschte ein stummes Rauschen, ihm fehlte jede Erklärung für das Geschehen.
Doch da war eine Hand, die sein Gesicht berührte. Da waren Arme, die ihn umfingen und die ihm Halt gaben. Da war ein Mund, der liebliche Worte murmelte, dicht an seinem Ohr, die von Vermissen und Gernhaben erzählten. Und da waren Lippen, ihre Lippen, die so perfekt zu seinen passte. Nichts gab es mehr als dunkle Weichheit, bis der Morgen graute und die Sonne aufging. Später als jemals zuvor.