Die Zwei-Zehn-Götter


Der Olymp. Von Charles-Amédée-Philippe van Looonline, Gemeinfrei, Link

Der folgende Beiträg enthält eine Übersicht über die Herkunft der zwölf olympischen Götter und ihren Auftritt in meinem im Dezember 2017 erscheinenden Roman „Amor und Psyche“. Abschließend gibt es einen Exkurs zur Zwei-Zehn oder Zwölf (12) – eine Zahl mit mythologischem Hintergrund.

Die Götter der Griechen und Römer waren überaus zahlreich. Es gab aber sowohl in Griechenland als auch in Rom ein festes Pantheon, also ein Verständnis davon, wer zu den Hauptgöttern zählte. Bereits von antiken Autoren werden 12 Götter zu den Hauptgöttern gezählt.
Die europäische Kultur-Geschichte begann allerdings weder mit den Römern (ca. 6. Jh. v. Chr.) noch mit den Griechen (ca. 9. Jh. v. Chr.), sondern mit solch weitgehend unbekannten Völkern wie den Hethitern, Assyrern, Urartäern, Babyloniern, Sumerern. Dies sind alte Hochkulturen, die ebenfalls mehrere Götter verehrten. Die Geschichte der Sumerer beginnt beispielsweise schon im Jahr 5000 vor Chr. Bekannter, aber nicht älter, sind nur die Ägypter.

Typisch für die Assyrer: Menschenköpfige, bärtige Flügelwesen. Von Austen Henry Layard 1817-1894. – (Originaltext: aus Layards Buch “Nineveh and Babylon; a narrative of a second expedition to Assyria during the years 1849, 1850, & 1851”), Gemeinfrei, Link

Keilschrift Keilschrift. Schriftzeichen dieser alten, eher unbekannten Kulturen. – Der Grund, warum auch der „Lehmofen“ seinen Namen trägt, denn die alten Texte wurden früher im Ofen wie Kekse „gebacken“. Von Hammurabi, King of Babylonia;Ungnad, Arthur, b. 1879 – https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14576489278/Source book page: https://archive.org/stream/briefeknighamm00hamm/briefeknighamm00hamm#page/n19/mode/1up, No restrictions, Link

Die Geschichte „vor” dem Jahre 0 mit den Menschen, die an viele Götter glaubten, dauerte also bereits viel „länger“ als die Geschichte nach dem Jahr 0, die – zumindest heute – erst in den achten von insgesamt 12 Monaten, also August 2017, reicht.

Man kann sagen, dass alle römisch-griechischen Götter schon in den Gottheiten der alten Kulturen angelegt sind. Ähnlich wie im Beitrag über Mutunus Tutunus  sind es zwar niemals dieselben Götter, aber ihre Eigenschaften überschneiden sich. So ist z.B. Venus die Göttin der Liebe bei den Römern, Aphrodite bei den Griechen, Ishtar bei den Babyloniern, Inanna bei den Sumerern.
Auf der Website http://www.diegoetter.de findet man dazu viele Hintergrundinformationen.

Venus Venus/Aphrodite in einer bildnerischen Version des frühen 20. Jh. By Herbert James Draperhttp://1.bp.blogspot.com/_-H-t Wz1VNU/SoBcp_6TLKI/AAAAAAAAFIc/oIs6S25o8C4/s1600-h/Draper_PearlsOfAphrodite_100.jpg (cropped), Public Domain, Link

Ishtar Ishtargravur auf einem Tongefäß. By © Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons, Public Domain, Link

Teil eines ehemaligen Inanna-Tempels in Uruk. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Doch nicht nur die Götter und ihre Eigenschaften, auch die Erzählungen von den Göttern überschneiden sich, verändern sich aber auch mit der Zeit. So gibt es einen sehr alten Mythos über Inanna und Dumuzi, wo – je nach Quelle – mal er, mal sie in die Unterwelt geschickt wird oder selber dorthin geht und später wieder rauskommt. Bei den Griechen/Römern findet sich die Geschichte in abgewandelter Form für Persephone/Proserpina und Hades/Pluto wieder.
Und auch im Christentum hat die Geschichte – in etwas anderer Form – Einzug gehalten und wird bis auf den heutigen Tag erzählt. An Karfreitag stirbt Jesus, am Ostersonntag darf er das Totenreich verlassen, ist „auferstanden von den Toten“. Und auch viele andere Kulturen kennen diese Art von Erzählung. Ein eigener Blog-Artikel dazu würde sich lohnen. 🙂

Unterwelt Hier ein Beispiel aus der nordischen Mythologie. Heimdall verlangt die Rückkehr Iduns aus der Unterwelt. By Carl Emil Doepler (1824-1905) – Wägner, Wilhelm. 1882. Nordisch-germanische Götter und Helden. Otto Spamer, Leipzig & Berlin. Page 285., Public Domain, Link

Diese Erzählung von “Tod und Auferstehung” hat also den Wandel der Zeiten bis auf den heutigen Tag überdauert. Warum das so ist, kann man nur vermuten. Ich denke: Zum Einen erleichtern diese Unterwelts-Rückkehr-Geschichten die Tatsache, dass der Mensch irgendwann einmal stirbt. Zum Anderen gibt es diesen Kreislauf von „Untergang“ und „(Wieder)Geburt“ auch ganz faktisch schon seit Menschengedenken, da sich die Sonne (oder auch der Mond) mal länger und mal kürzer am Himmel aufhält im Laufe unseres in 12 Abschnitte eingeteilten Jahres.

Tagundnachtgleiche Ein Astrologe beobachtet die Tag-und-Nachtgleiche. Im Hintergrund Adonis und Venus. (ca. 17. Jh. n. Chr.) By Domenicus van Wijnenpl.pinterest.com, Public Domain, Link

Dieser Erzählung – auf ihre Grundaspekte reduziert – ist auch kein europäisches, sondern ein weltweites Phänomen. Denn auch in anderen, alten und moderneren Gedankensystemen findet sich diese Spannung zwischen „Werden“ und „Vergehen“, „Tag“ und „Nacht“, „Frau“ und „Mann“.
Das bekannteste Symbol dafür ist wohl dieses hier:

Ying Yan Yin Yang. By Kenny Shen – Own work, Public Domain, Link

Für Spannungen ist auch das römisch-griechische Pantheon bekannt. Denn darin finden sich genau 6 Frauen und 6 Männer, verquere Beziehungen, Liebe und Triebe. Bzw. dieselbe Anzahl männlicher und weiblicher Gottheiten.

Namentlich sind es griechisch/römisch:

Zeus/Jupiter
Hera/Juno
Poseidon/Neptun
Demeter/Ceres
Minerva/Athene
Apollon/Apollo
Artemis/Diana
Ares/Mars
Aphrodite/Venus
Hephaistos/Vulkanus
Hermes/Merkur
Hestia/Vesta

Hochzeit Hier ein Schnappschuss von ihnen auf der Hochzeit von Amor und Psyche. (16. Jh. n. Chr.) By Creator:Raphael (Raffaello Sanzio or Santi)http://www.metmuseum.org/art/collection/search/692282This file was donated to Wikimedia Commons by as part of a project by the Metropolitan Museum of Art. See the Image and Data Resources Open Access Policy Deutsch | English | Esperanto | Português | +/−, CC0, Link

Der Einfachheit halber bleibe ich bei der Namensverwendung in der römischen Variante. So habe ich es auch in “Amor und Psyche” gehandhabt.

Jupiter ist der Göttervater und wurde im Großen und Ganzen in seiner ursprünglichen, antiken Variante belassen. Als letztgeborener Sohn des Titanenpaares Kronos und Rhea, erhält er von seiner Mutter die Aufgabe, all seine Geschwister, die der Vater aus Angst vor Entmachtung gefressen hatte, zu befreien und dann über die Erde zu herrschen.
Nicht alle Olympier sind aber die Geschwister Jupiters. Und sein Bruder Pluto, der Gott der Unterwelt, der in meinem Buch eine ganz entscheidende Rolle spielt, zählt historisch betrachte nicht einmal zu den großen 12 Göttern, die über die Erde herrschen. – Er ist eben ein Unterweltsgott.

Jupiter Adler. Jupiter und Ganymed. Und Prometheus. (16. Jh.) By Christian Griepenkerl – found online [2], James Steakley, Public Domain, Link

Hades Pluto und Proserpina. Und der Zerberus. (19. Jh.) By Publisher: Eduard Trewendt, Atelier für Holzschnittkunst von August Gaber in Dresden – Mythologie der Griechen und Römer für die reifere und gebildete weibliche Jugend,Von Julie Hoffmann; 264 Seiten, Breslau 1864, Public Domain, Link

Apollo und Diana kommt in meinem Roman eine besondere Stellung zu. Diana, die Mondgöttin, habe ich in ihren Eigenschaften ebenfalls sehr „natürlich“ übernommen. An Apollo, Amors bestem Freund, habe ich mich schriftstellerisch allerdings ausgetobt.
Klassischerweise ist er der Gott der Erkenntnis und des Lichts, in meinem Roman „Amor und Psyche“ wird er zum Sonnengott erhoben.
Das mag unter anderem an Bildern wie diesen liegen:

Phaeton Phaeton auf dem Wagen von Apollo. (18 Jh.) By Nicolas Bertin, Public Domain, Link

Apollo Apollo in seinem Wagen. By Cosmas Damian AsamHQFUx1ynbAZohw at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Aurora und Apollo Aurora und Apollo. By Costantino Cedini – Sotheby’s, Sale N08952 (New York, 2013-01-31–2013-02-01), Public Domain, Link

Venus und Mars spielen als Amors Eltern eine ebenfalls wichtige Rolle. Daneben auch Vulkanos, der beziehungstechnisch betrachtet der Stiefvater von Amor ist.

Venus und Mars Venus und Mars (antikes Fresco mit Magd und Amor). By SailkoOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Venus und Mars Venus, Mars und Amor. By SailkoOwn work, CC BY 3.0, Link

Vulkanos und Venus und Mars Vulkanos genervt von Venus und Mars Affaire. By Guillemot, Alexandre Charles (1786 – 1831) – Artist (French)Details of artist on Google Art ProjectNgFVL6Vteg3K6Q at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Juno (Muttergöttin), Ceres (Göttin des Getreides), Neptun (Gott des Meeres), Athene (Göttin der Weisheit), Merkur (Götterbote) und Vesta (Göttin des ewigen Herdfeuers) spielen bei „Amor und Psyche“ keine umfangreiche Rolle, kommen aber als Nebenfiguren vor.

Hera Juno. By VaskryOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Demeter Ceres. By SteffenheilfortOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Poseidon Neptun. By No machine-readable author provided. Neuceu assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 3.0, Link

Minerva Athene. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Hermes Merkur. By Phidias (?) – original photo by Marie-Lan Nguyen (September 2009), CC BY 2.5, Link

Hestia Vesta. By Unknown[1], Public Domain, Link

Dafür finden sich in „Amor und Psyche“ einige andere Figuren der Antike, z.B. diese hier:

Pan Pan. Hier mit Venus und Amor. By Tilemahos Efthimiadis from Athens, Greece – Group of Aphrodite, Pan and Eros. About 100BCUploaded by Marcus Cyron, CC BY-SA 2.0, Link

Musen Die Musen. By Pierre Puvis de Chavannes – Pierre Puvis de Chavannes, 1884-1889, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584966

Und nicht zuletzt gebührt eine besondere Ehre den beiden Protagonisten, die allerdings nicht zu den Hauptgöttern des Olymp zählen.

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Reinhold Begas (1831-1911) – Alte Nationalgalerie, CC0, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Ernst Roeber (1849-1915) – Dorotheum, Public Domain, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Adamo Tadolini (Skulptur), Carlo Brogi (Fotografie) – Eigener Scan, Mediathek des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Public Domain, Link

In meiner Interpretation handelt es sich bei ihnen um die beiden “Urprinzipien” von “Herz” und “Verstand” oder Liebe und Geist (Gedanken), einem göttlichen und einem menschlichen Aspekt, die eigentlich zusammen gehören, sich aber erst dann erkennen, wenn sie einander verlieren.

Was hat es nun mit der Zahl 12 auf sich?

Wenn man sich die Entstehung von Zahlsystemen ganz allgemein ansieht, landet man unweigerlich wieder bei den frühen Hochkulturen. Auf die Babylonier geht beispielsweise unsere – noch heute gültige – Einteilung der Stunde in 60 Minuten zu je 60 Sekunden zurück. Sehr wahrscheinlich ist dies ein Ansatz, den auch schon die Sumerer verfolgten.

Babylonisches Zahlsystem Babylonische Zahlen. Von Josell7File:Babylonian_numerals.jpg, GFDL, Link

60 besteht aus 5 x 12. Der Tag besteht aus 2 x 12 Stunden. Das Jahr aus 12 Monaten (der Mond umrundet die Erde in einem Jahr meistens 12 Mal, manchmal auch 13 Mal, dazu gkazakou).
Das römisch-griechische Pantheon besteht, wie oben beschrieben, aus 12 Hauptgöttern.

Daneben findet man diese Zahl in vielen anderen Gedankensystemen:

Odin hatte 12 Söhne.

Das heidnische Fest der „Rauhnächte“ dauert(e) 12 Tage. (Nacht Wintersonnenwende/etwa Weihnachten bis 6. Januar.)

Jesus hatte 12 Jünger.

Jakob (eine Figur des Alten Testaments/Bibel) hatte 12 Söhne, die die 12 Stämme Israels (Judentum) begründeten.

Die Stadt Jerusalem hat (immer noch) 12 Tore, die von 12 Engeln bewacht werden (wer weiß?).

Mohammed hatte – in einer Richtung des Islam (Shia, 12er-Shiiten, heute v.a. im Iran ansässig) – 12 ihm nachfolgende Imame. Ein Imam ist ein muslimisches Oberhaupt, an das man sich mit religiösen Fragen wenden kann. Sie sind also als eine Art Priester tätig, haben aber auch politische/weltliche Aufgaben.

In China gibt es die Einteilung der Zeit in einen 12-Jahres-Rhythmus, sogenannte „Erdzweige“. (Vergleichbar mit unseren Sternzeichen, Horoskopen.)

Die Ritter der Tafelrunde hatten die Anzahl 12.

Mit etwa12 Jahren galten Menschen im Mittelalter (und auch in der Antike) als „erwachsen“. Heutzutage beginnt etwa dann die Pubertät.

Die Gebrüder Grimm haben die Zahl in einigen Märchen verwendet. (Dornröschen, Die 12 Brüder …)

Im römischen Reich gab es 12 Liktoren (Bodyguards für damalige Politiker), die Rutenbündel (teils 12 Ruten + Beil) als Zeichen ihrer Macht getragen haben.

Im 12. Monat des Jahres 2012 sollte – dem Maya-Kalender zufolge – die Welt untergehen.

Und last but not least:

Es gibt 12 Jyotirlinga(m)s: die 12 heiligsten indischen Tempel für den Gott Shiva.  – Ein letzter, aktueller Bezug zu: Mutunus Tutunus 🙂 

Fest zu Ehren Shivas mit Lingam-Repräsentationen. By ChaubalsOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

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Kummer und Sorge

sculpture-1801600_1920Als die Sicht wieder klar wurde, erkannte Psyche eine riesige, rosafarbene Wolke, auf die ein riesiger Palast gebaut worden war.

Wie ist das möglich?“, fragte Psyche.

Vorwärts!“, rief Liebeständelei und gab Psyche einen Stoß in den Rücken.

Mit großen Schritten bewegten sie sich auf das Schloss zu. Auf einer Empore über dem Eingang stand die Göttin. Ihre Schönheit war so gewaltig, dass sie den Sonnenuntergang überstrahlte. Doch nichts täuschte darüber hinweg, dass sie zornig war.

Was bist du nur für ein hässliches, widerwärtiges Ding!“, rief Venus vom Balkon hinab. „Glaube ja nicht, dass ich mich erweichen lasse, weil du meinen Enkel unter dem Herzen trägst. Kummer! Sorge! Ins Verließ mit ihr! Lasst sie genauso leiden, wie mein Sohn es tut!“

Die Flügeltüren des Palastes öffneten sich und hinaus trat ein junges Mädchen. Das Haar fiel ihm lose ins Gesicht, sein Gewand war fleckig und zerrissen. Es kümmerte sich nicht darum, was es von sich zeigte. Gebückt ging es, als ob es eine gewaltige Last tragen würde. Immer wieder wischte es sich die Augen.

Ihm folgte eine alte Frau. Sie blickte gerade heraus und stützte sich beim Gehen auf einen Stock. Ihre Stirn wirkte zerfurcht, ihr Gesicht von tiefen Falten durchzogen. Obwohl sie den Mund zu einer Art Lächeln verzog, zeigten die Mundwinkel hinab.

Hastig band Liebeständelei Psyches Arme los und wich ein paar Schritte zurück. Das kleine Mädchen nahm Psyches Hand, die alte Frau legte eine Hand auf ihre Schulter.

Und in diesem Moment schwand Psyches Mut und jede Hoffnung. Sie fühlte sich schwach und leblos. Ihr Vorhaben war zum Scheitern verurteilt. Was sollte sie schon ausrichten gegen den Willen einer Göttin? Sie hatte Amor zutiefst gekränkt. Nie würde er ihr verzeihen. Nichts war sie im Vergleich zu all dem, was sie umgab. Selbst der Schmutz im Verließ war wertvoller als sie. Und schöner.

Psyche sank gegen die kalte Mauer des Kerkers. Kummer und Sorge überwältigten sie und sie hatte nicht einmal mehr die Kraft zu weinen.

 

Mut und Liebeständelei

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In der Nähe der kleinen Stadt Lindos gab es einen alten Tempel, welcher der Göttin Venus geweiht war. Es war ein Weg von drei Tagen, der durch eine karge Landschaft führte. Psyche trank nicht, sie aß nicht, machte nirgendwo Halt. Sie achtete nicht auf ihre schmerzenden Füße, sie kümmerte sich nicht um ihre kaputten Glieder.

Ich bin glücklicher, als ich es im Schloss war“, stellte Psyche dabei fest. „Es tut gut zu wissen, was man will.“

Am Abend des dritten Tages stand sie endlich vor den gewaltigen Marmorsäulen, die den Eingang zu Venus Heiligtum markierten. Tapfer betrat sie den Tempel.

Innen war es leer und still, die Priester hatten sich von dem Tagesgeschäft zurückgezogen. In einer Kuhle in der Mitte loderte ein Feuer. Ringsum standen Gaben für die Göttin. Große Amphoren mit Wein, Kleider und Papyrusblätter, auf die Menschen ihre Wünsche geschrieben hatten.

Ich bin hier!“, rief Psyche. „Ich bin hier und ich bin die, die du suchst, Venus!“

Aus dem Gemäuer löste sich ein dunkles Etwas. „Hab ich dich!“, rief es. „Da wird sich meine Herrin freuen!“

Das Wesen hatte grelle, rote Lippen und kohlrabenschwarz umrandete Augen. Es trug eine knappe Tunika mit tiefem Ausschnitt.

Bist du eine Priesterin?“, fragte Psyche verwirrt.

Weit gefehlt“, rief das Wesen, stürzte zu Psyche und fesselte ihr die Arme auf den Rücken. „Mein Name ist „Liebeständelei“ und ich bin der Liebling von Venus!“

Dann bringe mich zu ihr, denn deswegen bin ich hier.“

Liebeständelei zupfte an Psyches Haar und kicherte vergnügt. „Diese kleine Heldeneinlage wird dir nichts nützen. Sie wird dich bestrafen. Ganz böse bestrafen! Und mich wird sie belohnen, ganz gut belohnen!“

Sie ließ ein eigenartiges Trällern verlauten und aus dem Nichts entstand ein Nebel, der sie einhüllte und in die Höhe hob.

Wenn Wünsche sich erfüllen …

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Pluto trat einen Schritt zurück und berührte Amor leicht am Arm. „Du hast sie gehört. Würdest du, bitte?“

Amor seufzte. Wahrscheinlich gab es niemanden, der Liebe nötiger hatte als dieses Paar. Er zog den Pfeil aus dem Köcher. Seine goldene Spitze erhellte die Dunkelheit. Es war lächerlich leicht, die beiden ins Herz zu treffen, aber der Schuss kostete ihn Überwindung.

In diesem Moment trat ihm das Bild vor Augen, wie er Psyche zum ersten Mal gesehen hatte. Psyche und ihren wunderschönen Bart.

Ich kann nicht“, sagte Amor und ließ den Pfeil wieder sinken.

Die Frau hustete und knüpfte sich das schmutzige Hemd auf. „Mach schon“, sagte sie leise. „Oder soll ich darum betteln?“

Tu, was mein Schatz verlangt!“, rief Pluto aufgeregt, stellte sich neben seine Frau und tat es ihr gleich.

Amor legte an und schoss.

Als der Pfeil in ihr Herz drang, faltete sie die Hände über der Brust und atmete tief aus. Pluto stolperte zurück, als hätte ihn ein Felsbrocken getroffen und sank auf die Knie.

Mein Schatz. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen. Ich hätte dich nicht so behandeln sollen. Wie konnte ich nur! Ich meinte es nicht böse, ich bin … , ich wusste es nicht besser …“

Die Frau richtete sich auf und klopfte sich den Schmutz vom Kleid. Die verfilzten Haare strich sie hinters Ohr.

Die Tage im Kerker haben mich völlig unansehnlich werden lassen! Ich brauche meine Salbe. Beschaffe mir gemahlene Diamanten, Sternenstaub und erlesenes Rosenöl!“

Das ist teuer und schwer zu beschaffen“, murmelte Pluto, während er den Saum ihres Gewandes küsste.

Tu es, oder ich verlasse dich!“

Nein!“, rief Pluto entsetzt. „Ohne dich müsste ich sterben!“

Mach dich nicht lächerlich, du bist der Gott des Todes.“

Aber ich liebe dich so sehr!“

Dann beschaffe mir die Zutaten. Beschaffe mir alles, was ich brauche. Alles. Hörst du? Sorge außerdem dafür, dass dieses, unser Reich, etwas behaglicher wird. Es ist so dunkel hier. Ich will einen Palast aus weißem Alabastermarmor, ich will feine Stoffe, ich will Sonnenlicht, ich will einen Garten!“

Oh meine Liebste“, sagte Pluto kleinlaut.

Tu es, oder ich gehe!“

Meine Schönste, meine Klügste, meine Königin, ich werde alles tun, was ihr verlangt!“

Nenne mich „eure Majestät““.

Jawohl, eure Majestät.“

Amor schüttelte den Kopf. Was für ein verrücktes Paar.

Doch statt zu lachen, musste er plötzlich schluchzen. Denn er dachte an Psyche und daran, wie er sie verlassen hatte. Im Vergleich zu dem, was hier vorgefallen war, schien ihre Liebe leicht wie eine Feder und unschuldig wie frisch gefallener Schnee. Er fühlte sich kaltherzig und grausam und hasste sich für seinen Entschluss.

Plutos fester Griff riss ihn aus seinen Gedanken.

Hör auf zu heulen! Ich besorg jetzt diese Zutaten für die Salbe und du, mein Freundchen, gehst schön zurück zu deiner Mama.“

Halt, nein!“, rief Amor. „Bring mich zu Psyche!“

Doch da hatte Pluto ihn schon in sich aufgesaugt und zurück in sein Kinderzimmer gespuckt. Die Tür war noch immer verschlossen und ließ sich nicht erweichen, egal wie oft Amor dagegentrat.

Das Geschenk von Ceres

cake-1306874_1920„Es tut mir leid wegen deiner Tochter“, sagte Psyche. Ihr Herz klopfte so stark, dass ihr schwindelig wurde. Am liebsten hätte sie Ceres tröstend umarmt, doch aus Ehrfurcht vor der Göttin ließ sie ihre Hände wieder sinken und sagte:

„Ich wünschte, ich könnte dir helfen.“

„Das kannst du nicht“, sagte Ceres traurig. „Denn selbst die Götter wissen nicht, wo sie ist. Ach. Und ich sitze hier und werde getröstet von der Feindin einer Freundin. Die Nornen haben einen seltsamen Sinn für Humor.“

„Die Nornen?“, fragte Psyche.

„Die Schicksalsspinnerinnen. Drei alte Weiber, eine frecher als die andere.“

„Oh ja“, Psyche nickte bekräftigend. Sie kannte die Nornen aus den Geschichten, hatte sie aber für eine Erfindung gehalten. Doch nach dem zu urteilen, was Ceres sagte, waren selbst die Götter einer höheren Macht unterworfen.

„Ich sollte jetzt weitergehen“, sagte Psyche. „Ich möchte nicht, dass du Streit mit Venus bekommst.“

„Was wirst du jetzt tun?“, fragte Ceres.

„Ich werde zu ihr gehen“, sagte Psyche.

„Wie bitte?“ Ceres sah Psyche mit ihren kornblumenblauen Augen an.

„Ja“, sagte Psyche. „Das erscheint mir die beste … nein, die einzige Möglichkeit zu sein. Ich werde zu ihr gehen und dann soll sie machen, was immer sie für richtig hält.“

Ceres schüttelte den Kopf. „Das wäre dein Tod. Verstecke dich lieber oder fliehe.“

„Du hast mir alles gesagt, was ich wissen musste“, entgegnete Psyche. „Amor liebt mich immer noch und das ist das einzige, was zählt. Wenn ich ihn zurückhaben will, dann geht das nur mit dem Einverständnis seiner Mutter.“

Psyche erhob sich.

„Du sagst, ich könnte sterben. Doch ohne Amor bin ich längst tot. Ich werde zu Venus gehen.“

„Du bist mutig“, sagte Ceres anerkennend. „Und auch, wenn ich dir nicht helfen kann, so will ich dir wenigstens etwas mitgeben, damit du deinen Hunger stillen kannst. Denn dass du hungrig bist, das sehe ich.“

Sie drückte Psyche ein kleines Bündel in die Hand. Psyche roch daran. Es roch süßlich und würzig zugleich. Der Stoff klebte leicht daran, ließ sich aber gut ablösen.

Es waren zwei kleine Honigkuchen.

Psyche bedankte sich und steckte sie ein. Und dann ging sie weiter.

Amors Abenteuer (3)

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Meine rosaweißen Flügelchen trugen mich zielsicher zurück zu Wolke. Eigentlich wäre jetzt Zeit gewesen für einen ausgiebigen Mittagsschlaf nach all der Anstrengung. Aber da gab es dieses Problem.

Ich befahl Wolke, einen der grünen Hügel in der Landschaft Apuliens anzufliegen, um in Ruhe nachzudenken. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten. Nichts kündete von dem drohenden Unheil, das darin bestand, keinerlei Wein und Kraut in dem Palast meiner Mutter mehr vorzufinden. Wenn es ganz schlecht lief, würde ich zum armen Schlucker werden, wie Apollo es so treffend beschrieben hatte. Dann wäre ich das Gespött aller Götter. Und meine arme Mutter noch dazu.
Es musste etwas geschehen.
Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich den letzten Pfeil abgeschossen hatte. Nach einer Weile kam ich zu dem Schluss, dass das tatsächlich schon ziemlich lange her war. Apollo hatte also Recht. Wie immer.
Seufzend beschloss ich daher, die Arbeit wieder aufzunehmen.
Ich musste ziemlich lange kramen, bis ich meinen Köcher in Wolke fand. Er war voller Pfeile. An einer ganz anderen Stelle in Wolke entdeckte ich meinen Bogen. Ich legte beides über meine Schultern, was ziemlich anstrengend war. Anscheinend hatte ich die Bewegung nicht mehr so häufig ausgeführt.
Dann zog ich einen Pfeil aus dem Köcher und betrachtete ihn. Ganz dunkel erinnerte ich mich: es gab da auch noch so eine Höhle …
Der Pfeil blitzte im Sonnenlicht. Es war einer von den Goldenen, die die Liebe verursachten. Ehrlich gesagt hatte ich mich nie intensiv mit den Dingern beschäftigt.
»Leidenschaft«, stand am Pfeilende eingraviert.
»Leidenschaft«, murmelte ich. »Was auch immer es damit auf sich hat.«
Für mich waren diese ganzen menschlichen Emotionen wie barbarische Dörfer. Liebe, Leidenschaft, Gefühlsduselei, Strohfeuer, Kussfreundschaft, ewige Liebe, große Liebe, erste Liebe, Affäre, … bei den Titanen, wie viele Begriffe gab es für die Liebe?
Die bleiernen Pfeile waren weitaus nützlicher als die goldenen, denn sie hielten einem lästige Lebewesen – zum Beispiel Insekten – vom Leib. »Ablehnung« und »Ignoanz«, ich verbesserte mich: »Ignoranz«, vertrieben sogar Schmeißfliegen. Die Arbeit konnten sie aber nicht vertreiben.
»Nee, ey!«, stöhnte ich und ließ mich rücklings auf Wolke fallen. »Ich hab sowas von kein Bock!«

Wolke ruckelte sachte hin und her. Ich verstand das als Einladung, ihr mein Herz auszuschütten.
»Die Menschen sind in Liebesdingen eine Katastrophe. Weißt du, ich habe mich viele Jahre abgemüht, es ist immer dasselbe: Er liebt mich nicht, sie liebt mich nicht, wieso liebt der mich, aber nicht der, wieso liebt die mich, aber nicht die? Warum liebt mich keiner? Wieso-weshalb-warum ist die Mondsichel krumm?«
Ich stellte mich aufrecht hin. Es tat gut, das alles mal rauszulassen.
»Es ist doch so: Menschen sind nicht geschaffen für die Liebe. Da kann ich noch so toll schießen. Ständig finden sie irgendwelche Möglichkeiten, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Und falls, ja ich sage »falls« – denn es passiert selten – sich mal zwei gefunden haben, die sich wirklich lieben … dann stirbt der eine und der andere direkt danach.«
Ich setzte mich wieder.
Szenen spielten sich vor meinem inneren Auge ab. Pyramus hieß der Typ, soweit ich mich erinnerte, und Tisbe hieß die Frau.
Die hatten sich wirklich gerne, durften aber nicht zusammen sein, weil ihre Familien verfeindet waren. Ich half ihnen, so gut ich konnte. Zwei meiner schönsten goldenen Pfeile habe ich hergegeben, um sie so richtig dolle ineinander verliebt zu machen.
Was passierte?
Sie schlichen nachts aus ihren Häusern, um sich zu treffen. Ich erwartete ein Happy End!
Aber ein Löwe, ein verlorener Schal und ein Missverständnis machte alles zunichte.
Schlussendlich:
Beide mausetot.
Damals begriff ich: Männer und Frauen passen nicht zusammen!
»Wofür also soll ich schuften, weswegen mich abmühen, Wolke? Kannst du es mir sagen?«
In diesem Moment machte Wolke einen Satz; ich stolperte und fiel hinab. Mein Sturz verursachte ein riesiges Loch im Erdboden und ich hatte mir eine Locke verbogen. Tapfer rappelte ich mich wieder auf.
»Was erlaubst du dir? Ich bin ein Gott!«
Ich wollte Wolke gehörig die Meinung sagen, als mein Blick auf den Eingang einer Höhle fiel, die ich … zugegebenermaßen … etwas verdrängt hatte.
Ich bedachte Wolke mit einem bösen Blick, – gewiss steckte sie dahinter, mich genau hier abzuwerfen – und betrat mit einem unguten Gefühl in der Magengegend die Höhle. Es war stockfinster und ich brauchte einige Augenblicke, um mich an die Dunkelheit zu gewöhnen.
Dann sah ich sie. Ich hätte es mir kaum schlimmer vorstellen können. Pfeile um Pfeile, die ganze Höhle vollgestopft damit.
Und ich erinnerte mich, dass ich sie, – wenn es auf Wolke zu voll wurde – einfach hier abgeladen hatte. Scheiße!
Diese Dinger mussten verschwinden! Wenn mir jemand auf die Schliche kommen würde, nicht auszudenken! Apollo hatte so verdammt Recht gehabt.
Die Erkenntnis durchzog meinen Geist schmerzhaft wie die Kopfschmerzen, die in diesem Moment wieder einsetzten. Mit zusammengekniffenen Augen und beiden Händen an den Schläfen, meinen Kopf haltend, musterte ich den Schaden.
Immerhin hatte ich die Pfeile halbwegs sortiert. Die mit rosa Schimmer für Mädchen und Frauen, rechter Teil der Höhle, die mit blauem Schimmer für Jungs und Männer – linker Teil.
Aber wie verdammt sollte ich all die Pfeile loswerden? Es würde mehrere Erdumläufe dauern. Eine Ewigkeit. Auf jeden Fall zu lange. Auch wäre, so schien mir, damit viel zu viel Arbeit verbunden.

Ich bestopfte Wolke mit den goldrosa Liebespfeilen. Alles dabei: Leidenschaft, Strohfeuer, ewige Liebe, heftige Affäre … und flog los. Die Dinger mussten weg, so schnell wie möglich.
Und irgendwo über dem Mittelmeer, über den ägäischen Inseln, darunter eine mit dem vielversprechenden Namen »Lesbos«, schmiss ich sie einfach runter.

Die blaugoldenen Pfeile flog ich zu einer Halbinsel mit fünf kleineren Halbinselchen daran. Die Menschen nannten es Griechenland.
Mit Sicherheit paßten Männer viel besser zu Männern und Frauen viel besser zu Frauen. Es konnte nur besser werden als die klassische Variante »Mann-Frau«.
Ein genialer Plan! Ich heiße Amor! Ich bin ein Gott!

Als ich zurück kam, lagen immer noch einzelne Pfeile in der Höhle. Die hatte ich wohl übersehen. Ich überlegte, ob ich sie liegen lassen konnte. Genug getan für heute.
Sicherheitshalber klaubte ich sie doch zusammen und verstreute sie über einsamen Bergwipfeln, wo es nichts anderes zu geben schien als Hirten und ihre Herden.
Dann flog ich zurück zur Wolke, um einen wohlverdienten Frühabendschlaf abzuhalten. Ich war zufrieden mit mir. Während ich einschlief, stellte ich mir vor, wie Krüge um Krüge in den Opferschrank meiner Mutter geliefert wurden.
Die Griechen tranken ausgezeichneten Wein.
Ich war mir sicher, dass alles gut werden würde.
Wer hätte gedacht, dass Arbeit so glücklich machen kann!

Anmerkung:

Dies ist der vorerst letzte Teil des “Entwurfes” zu Amors Abenteuer. Ich plane aber, demnächst an dieser Stelle das Wagnis eines “Fortsetzungsromanes” zu beginnen.

Dazu brauche ich Deine Hilfe!

Wenn Du bis hierher gelesen hast und vielleicht sogar Freude daran empfandest, wäre ich schon mal sehr glücklich. 😀 Besonders wichtig ist für mich allerdings ein kurzes Feedback, ein Kommentar, damit ich ggf. die “Richtung” meines Buches noch etwas besser koordinieren kann.

Was hat Dir besonders gut gefallen?

Was hat Dir nicht so gut gefallen?

Was würdest Du gerne noch von Amor, Diana, Apollo, Venus, Mars, Jupiter … u.a. lesen?

Was sonst gibt es zu sagen?

Ich meine, klar, ich habe einen Plan, genauso wie unser Amor. 😉 — Aber mir ist es ganz wichtig, dass das, was ich schreibe, auch beim Leser ankommt. Dass es verständlich ist! Dass es Spaß macht, das zu lesen. Dass der Humor (hoffentlich) nicht zuuuu derb gewesen ist. Dafür ist jeder Kommentar hilfreich und wichtig!!!

Wer nicht hier drunter posten kann/mag, der ist natürlich herzlich eingeladen, mir eine private Nachricht zu schicken.

Runa.Phaino@gmail.com

Herzlichen DANK!!! ❤

Amors Abenteuer (1)

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„Amor, mein Honigschätzchen, Amor!“

„Nur noch fünf Strahlen“, murmelte ich. Mein Kopf dröhnte. Die Scheißsonne kitzelte meine Nasenspitze. Apollon war also schon wieder auf seinem Wagen. Es war erstaunlich. Egal, wie viel wir den Abend vorher gesoffen hatten, egal, was wir geräuchert hatten, er zog die Sonne pünktlich übers Firmament. Er war ein Übergott. Und mein bester Freund.

„Amor, wo bist du?“, schallte ihre Stimme durch den Himmel.

Ich drehte mich auf die andere Seite und verbarg mein Gesicht in der Wolkenwatte. Dann spürte ich, dass Wolke sich langsam in Bewegung setzte.

„Wolke, bleib hier, bitte!“, stöhnte ich in die Watte und versuchte, sie festzuhalten. Das erwies sich als sinnlos, weil sie durch den Himmel flog und ich auf ihr lag.

Dunkele Erinnerungen traten in mein Bewusstsein. Weinkrüge über Weinkrüge, die Apollon und ich gestern leerten, diverse Kräuter, die wir in kleinen Tongefäßen räucherten. Auf meiner Wolke musste es aussehen wie auf einem Schlachtfeld.

Scheiße. Wenn Mutter das sah, wäre sie bestimmt nicht amüsiert.

Also aufstehen. Ich holte tief Luft. Aufstehen. Jetzt. Oh ihr Götter, das würde nicht einfach werden!

Irgendwie schaffte ich es, meinen Körper aufzurichten. Mein Kopf explodierte vor Schmerzen. Ich presste meine Hände auf die Schläfen. Der Wein, der Wein … lass ihn lieber sein … pochten die Gedanken.

»Amor, mein Liebling, komm zu deiner Mama!«

Unter Qualen klaubte ich Krüge, Kräuter und die Statuetten mit den üppigen Brüsten zusammen und schmiss sie aus vollen Händen runter gen Erde.

Keinen Sonnenstrahl zu früh, wie es schien, denn auch wenn Wolke normalerweise ein eher behäbiges Tempo flog, wenn meine Mutter nach ihr rief, war sie kaum zu bremsen.

„Mein kleiner Cupido!“

Venus lächelte verzückt und warf mir eine Kusshand zu. Sie stand am Rand ihrer rosafarbenen Wolke und blickte auf mich herab. Hinter ihr blitzte ein goldener Palast im Licht der aufgehenden Sonne. Zwischen meinen Kopfschmerzen nagte genauso schmerzhaft die Frage, warum ich eigentlich immer noch mit dieser kleinen, widerspenstigen Ausstattung einer Cumuluswolke versehen war, kaum größer als ein King-Size Bett.

„Guten Morgen, Ma“, sagte ich. „Du bist heute so wunder-, wunderschön, Ma.“

Immer weckte sie mich wegen irgend so einem langweiligen Schwachsinn, ob ihr das Gewand gut stände –Pastellrosa oder doch lieber Himmelblau?-, ob sie „die Schönste im Götterhimmel und auf Erden“ sei, und ob sie „die Allerschönste im Götterhimmel und auf Erden“ sei.

Venus warf sich in Pose und lächelte verzückt.

„Findest du? Das Kleid ist erst vor ein paar Stunden in meinen Detoto-vonalien erschienen!“

„Äh, was?“

„In meinen Detoto-votialien oder wie das heißt.“ Mutter klatschte in die Hände und drehte sich einmal im Kreis.

„Nenn es doch einfach: Opfergaben“, schlug ich vor.

„Wie findest du es?“

Apollon sollte mich später mit einem süffisanten Lächeln aufklären, dass es Devotionalien hieß. Apollon wusste alles.

Ma besaß unten auf der Erde – im- Gegensatz zu mir – jede Menge Tempel, Altäre, Priester und alles, was dazugehörte. Die Menschen opferten ihr beständig irgendwas, das in ihrem Opferschrank landete, ein großes, braunes Ungetüm aus Zedernholz, mit vielen magischen Zeichen.

Mir war ja am liebsten, wenn die Menschen Wein oder Kräuter opferten, weil ich davon am meisten profitierte. Davon kam jedoch weniger als ein Viertel nach oben. Die Priester waren ebenfalls keine Kostverächter. Besonders gierige Exemplare beschoss ich hin und wieder mit einem Liebespfeil, dann hatte deren Karriere im Tempel zumeist ein jähes Ende. An Kleider waren die meisten wie ich, nicht besonders interessiert.

„Jaja“, sagte ich. „Ganz fantastisch. Dieses Purpur. Grandios.“

„Das sind Korallensplitter“, tadelte Venus.

„Oh, wie konnte ich das übersehen? Natürlich, Korallensplitter. Entzückend! Hast Du es Pa und Vulcanus schon gezeigt?“

Natürlich interessierten Mars oder mein Stiefvater Vulcanus sich nicht im geringsten für Mas Outfit, aber ich wurde nicht müde, mehr Unterstützung einzufordern. Meine Mutter war unglaublich eitel und brauchte ständig Bestätigung. Wäre das nicht eigentlich die Aufgabe meiner Väter? Statt meine? Mich morgens früh aus dem wohlverdienten Schlaf zu wecken! Wegen sowas!

„Ach, Dein Vater“, Venus machte eine abfällige Handbewegung. „Der lebt doch nur für den Krieg. Und Vulkanos …“, Venus kicherte, wobei sie sich die Hand vor den Mund hielt.

„Allein die Vorstellung, dass Vulcanus irgendwas von Schönheit weiß …, ach, du verstehst es, mich aufzumuntern!“

„Aber Vulcanus kann echt tolle Karren bauen.“

Ich witterte die Chance, das Thema mal wieder auf meinen derzeit größten Wunsch zu lenken: Einen Wagen, so wie Apollon ihn fuhr. Dann wäre die Unterredung mit Ma wenigstens zu etwas nutze.

Venus hob tadelnd den Finger. „Fang ja nicht wieder mit diesem kindischen Wunsch an.“

»Aber Apollo hat auch einen.«

»Amor, Du kannst selber fliegen.«

»Aber, … ich könnte viel schneller fliegen, wenn …«

»Wenn du schneller fliegen willst, dann steht dir der Zephyr zur Seite.«

»Aber das ist nur ein blöder Wind! Ich will ne richtige Karre, so mit Gold und Felgen und so!«

Venus verdrehte die Augen. „Jetzt hör endlich auf mit diesem kindischen Wünschen!“

„Das ist nicht kindisch.“

„Doch. Das ist ein kindischer Wunsch, kleiner Cupido!“

Ich hasste es, wenn sie mich „Cupido“ nannte. Dieser verdammte Name. Ich weiß nicht, wie oft ich meiner Mutter in den letzten hundert Sonnenläufen gesagt habe, dass ich so nicht mehr genannt werden möchte. Ihre stete Antwort darauf war, dass ich ja immer noch und bis in alle Ewigkeit ihr kleiner Cupido sein würde und dass ich immer noch Babyspeck hätte, wobei sie mich meistens Waden oder Unterarm kniff. Sowas von peinlich.

„Ma …“

Ihre Miene verfinsterte sich und ich verschluckte den weiteren Protest. Meine Zeit würde kommen. Auf hundert Sonnenläufe mehr oder weniger kam es dabei nicht mehr an. Ich knipste also mein „Ich bin ein lieber Junge“-Lächeln an.

„Ich habe dich übrigens nicht rufen lassen, um mir Komplimente zu machen. Auch wenn ich das sehr schätze, Cupido.“

Es dauerte ein paar Sekunden, dann war mir klar, was sie wollte. Mutter sagte häufig nicht einfach, was sie dachte, sondern versuchte mich dazu zu bringen, ihre Gedanken zu lesen.

„Was ist los?“, fragte ich also. Eine Frage, die sich bisher sehr bewährt hatte.

Mit einem Satz sprang sie runter zu mir und kniff mir in die Waden.

„Aua! Lass das!“

„Cupido“, sagte sie, packte meine Schultern und versuchte unter ihren langen Wimpern einen ernsthaften Blick auszusenden.

„Cupido, es ist was Ernstes.“

Der Griff an meinen Schultern verstärkte sich.

„Guck mal, dieses Kleid, es ist wirklich schick. Aber …“ Sie blickte nach links und rechts, so als ob uns niemand hören dürfte.  „Es ist das erste seit ein paar Tagen! Die Menschen bringen mir keine Opfergaben mehr dar. Meine Altäre rauchen nicht mehr!“

„Vielleicht sind die Priester schuld?“

Vor meinem inneren Auge zeigte sich das Bild, das ich bei einer der letzten Visiten auf der Erde beobachten konnte. Einer der jungen Novizen trug tatsächlich die Kleider meiner Mutter! Ein pausbäckiger Junge in einem purpurnen Prinzessinnenkleid. Wie er dastand und posierte, hätte er meiner Mutter fast Konkurrenz machen können. Umgeben von Fackeln, mitten in der Nacht, ganz allein.

Hauptsache er ließ die Finger vom Wein.

„Das ist es ja …“, flüsterte Ma, „die meisten Priester sind verschwunden!“

Ich fühlte, dass mir flau im Magen wurde und das lag nicht an der Tatsache, dass ich gestern ordentlich gebechert hatte.

„Bist du dir sicher?“, fragte ich. „Du hast doch dieses hübsche Kleid …“

„Ja“, wisperte Mutter, „das erste seit Tagen.“

„Ich kümmere mich drum, Ma“, sagte ich. Natürlich hatte ich keinen blassen Schimmer, wo ich anfangen sollte, aber die Sache schien mir bedenkenswert.

„Woher soll ich denn jetzt schöne Kleider bekommen?“, jammerte Mutter.

„Ich kümmere mich …“, wiederholte ich. Dabei dachte ich an die Weinvorräte im Palast meiner Mutter, die sicherlich auch schon seit Tagen nicht mehr angefüllt worden waren.

Mutter hauchte einen Kuss auf meine Stirn.

„Danke, mein Kleiner. Aber pass bitte auf, dass sich das nicht rumspricht unter den Göttern. Wie stehen wir denn sonst da?“

Ich nickte ihr tapfer zu. Wäre doch gelacht, wenn ich das Problem nicht in den Griff kriegen würde. Immerhin kannte ich den schlausten aller Götter: Apollon. Er wusste bestimmt Rat, auch wenn das der Bitte meiner Mutter widersprach, niemandem etwas davon zu erzählen. Aber wozu sonst hat man Freunde? Ich musste nur geschickt genug vorgehen.

(…)