Die Zwei-Zehn-Götter


Der Olymp. Von Charles-Amédée-Philippe van Looonline, Gemeinfrei, Link

Der folgende Beiträg enthält eine Übersicht über die Herkunft der zwölf olympischen Götter und ihren Auftritt in meinem im Dezember 2017 erscheinenden Roman „Amor und Psyche“. Abschließend gibt es einen Exkurs zur Zwei-Zehn oder Zwölf (12) – eine Zahl mit mythologischem Hintergrund.

Die Götter der Griechen und Römer waren überaus zahlreich. Es gab aber sowohl in Griechenland als auch in Rom ein festes Pantheon, also ein Verständnis davon, wer zu den Hauptgöttern zählte. Bereits von antiken Autoren werden 12 Götter zu den Hauptgöttern gezählt.
Die europäische Kultur-Geschichte begann allerdings weder mit den Römern (ca. 6. Jh. v. Chr.) noch mit den Griechen (ca. 9. Jh. v. Chr.), sondern mit solch weitgehend unbekannten Völkern wie den Hethitern, Assyrern, Urartäern, Babyloniern, Sumerern. Dies sind alte Hochkulturen, die ebenfalls mehrere Götter verehrten. Die Geschichte der Sumerer beginnt beispielsweise schon im Jahr 5000 vor Chr. Bekannter, aber nicht älter, sind nur die Ägypter.

Typisch für die Assyrer: Menschenköpfige, bärtige Flügelwesen. Von Austen Henry Layard 1817-1894. – (Originaltext: aus Layards Buch “Nineveh and Babylon; a narrative of a second expedition to Assyria during the years 1849, 1850, & 1851”), Gemeinfrei, Link

Keilschrift Keilschrift. Schriftzeichen dieser alten, eher unbekannten Kulturen. – Der Grund, warum auch der „Lehmofen“ seinen Namen trägt, denn die alten Texte wurden früher im Ofen wie Kekse „gebacken“. Von Hammurabi, King of Babylonia;Ungnad, Arthur, b. 1879 – https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14576489278/Source book page: https://archive.org/stream/briefeknighamm00hamm/briefeknighamm00hamm#page/n19/mode/1up, No restrictions, Link

Die Geschichte „vor” dem Jahre 0 mit den Menschen, die an viele Götter glaubten, dauerte also bereits viel „länger“ als die Geschichte nach dem Jahr 0, die – zumindest heute – erst in den achten von insgesamt 12 Monaten, also August 2017, reicht.

Man kann sagen, dass alle römisch-griechischen Götter schon in den Gottheiten der alten Kulturen angelegt sind. Ähnlich wie im Beitrag über Mutunus Tutunus  sind es zwar niemals dieselben Götter, aber ihre Eigenschaften überschneiden sich. So ist z.B. Venus die Göttin der Liebe bei den Römern, Aphrodite bei den Griechen, Ishtar bei den Babyloniern, Inanna bei den Sumerern.
Auf der Website http://www.diegoetter.de findet man dazu viele Hintergrundinformationen.

Venus Venus/Aphrodite in einer bildnerischen Version des frühen 20. Jh. By Herbert James Draperhttp://1.bp.blogspot.com/_-H-t Wz1VNU/SoBcp_6TLKI/AAAAAAAAFIc/oIs6S25o8C4/s1600-h/Draper_PearlsOfAphrodite_100.jpg (cropped), Public Domain, Link

Ishtar Ishtargravur auf einem Tongefäß. By © Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons, Public Domain, Link

Teil eines ehemaligen Inanna-Tempels in Uruk. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Doch nicht nur die Götter und ihre Eigenschaften, auch die Erzählungen von den Göttern überschneiden sich, verändern sich aber auch mit der Zeit. So gibt es einen sehr alten Mythos über Inanna und Dumuzi, wo – je nach Quelle – mal er, mal sie in die Unterwelt geschickt wird oder selber dorthin geht und später wieder rauskommt. Bei den Griechen/Römern findet sich die Geschichte in abgewandelter Form für Persephone/Proserpina und Hades/Pluto wieder.
Und auch im Christentum hat die Geschichte – in etwas anderer Form – Einzug gehalten und wird bis auf den heutigen Tag erzählt. An Karfreitag stirbt Jesus, am Ostersonntag darf er das Totenreich verlassen, ist „auferstanden von den Toten“. Und auch viele andere Kulturen kennen diese Art von Erzählung. Ein eigener Blog-Artikel dazu würde sich lohnen. 🙂

Unterwelt Hier ein Beispiel aus der nordischen Mythologie. Heimdall verlangt die Rückkehr Iduns aus der Unterwelt. By Carl Emil Doepler (1824-1905) – Wägner, Wilhelm. 1882. Nordisch-germanische Götter und Helden. Otto Spamer, Leipzig & Berlin. Page 285., Public Domain, Link

Diese Erzählung von “Tod und Auferstehung” hat also den Wandel der Zeiten bis auf den heutigen Tag überdauert. Warum das so ist, kann man nur vermuten. Ich denke: Zum Einen erleichtern diese Unterwelts-Rückkehr-Geschichten die Tatsache, dass der Mensch irgendwann einmal stirbt. Zum Anderen gibt es diesen Kreislauf von „Untergang“ und „(Wieder)Geburt“ auch ganz faktisch schon seit Menschengedenken, da sich die Sonne (oder auch der Mond) mal länger und mal kürzer am Himmel aufhält im Laufe unseres in 12 Abschnitte eingeteilten Jahres.

Tagundnachtgleiche Ein Astrologe beobachtet die Tag-und-Nachtgleiche. Im Hintergrund Adonis und Venus. (ca. 17. Jh. n. Chr.) By Domenicus van Wijnenpl.pinterest.com, Public Domain, Link

Dieser Erzählung – auf ihre Grundaspekte reduziert – ist auch kein europäisches, sondern ein weltweites Phänomen. Denn auch in anderen, alten und moderneren Gedankensystemen findet sich diese Spannung zwischen „Werden“ und „Vergehen“, „Tag“ und „Nacht“, „Frau“ und „Mann“.
Das bekannteste Symbol dafür ist wohl dieses hier:

Ying Yan Yin Yang. By Kenny Shen – Own work, Public Domain, Link

Für Spannungen ist auch das römisch-griechische Pantheon bekannt. Denn darin finden sich genau 6 Frauen und 6 Männer, verquere Beziehungen, Liebe und Triebe. Bzw. dieselbe Anzahl männlicher und weiblicher Gottheiten.

Namentlich sind es griechisch/römisch:

Zeus/Jupiter
Hera/Juno
Poseidon/Neptun
Demeter/Ceres
Minerva/Athene
Apollon/Apollo
Artemis/Diana
Ares/Mars
Aphrodite/Venus
Hephaistos/Vulkanus
Hermes/Merkur
Hestia/Vesta

Hochzeit Hier ein Schnappschuss von ihnen auf der Hochzeit von Amor und Psyche. (16. Jh. n. Chr.) By Creator:Raphael (Raffaello Sanzio or Santi)http://www.metmuseum.org/art/collection/search/692282This file was donated to Wikimedia Commons by as part of a project by the Metropolitan Museum of Art. See the Image and Data Resources Open Access Policy Deutsch | English | Esperanto | Português | +/−, CC0, Link

Der Einfachheit halber bleibe ich bei der Namensverwendung in der römischen Variante. So habe ich es auch in “Amor und Psyche” gehandhabt.

Jupiter ist der Göttervater und wurde im Großen und Ganzen in seiner ursprünglichen, antiken Variante belassen. Als letztgeborener Sohn des Titanenpaares Kronos und Rhea, erhält er von seiner Mutter die Aufgabe, all seine Geschwister, die der Vater aus Angst vor Entmachtung gefressen hatte, zu befreien und dann über die Erde zu herrschen.
Nicht alle Olympier sind aber die Geschwister Jupiters. Und sein Bruder Pluto, der Gott der Unterwelt, der in meinem Buch eine ganz entscheidende Rolle spielt, zählt historisch betrachte nicht einmal zu den großen 12 Göttern, die über die Erde herrschen. – Er ist eben ein Unterweltsgott.

Jupiter Adler. Jupiter und Ganymed. Und Prometheus. (16. Jh.) By Christian Griepenkerl – found online [2], James Steakley, Public Domain, Link

Hades Pluto und Proserpina. Und der Zerberus. (19. Jh.) By Publisher: Eduard Trewendt, Atelier für Holzschnittkunst von August Gaber in Dresden – Mythologie der Griechen und Römer für die reifere und gebildete weibliche Jugend,Von Julie Hoffmann; 264 Seiten, Breslau 1864, Public Domain, Link

Apollo und Diana kommt in meinem Roman eine besondere Stellung zu. Diana, die Mondgöttin, habe ich in ihren Eigenschaften ebenfalls sehr „natürlich“ übernommen. An Apollo, Amors bestem Freund, habe ich mich schriftstellerisch allerdings ausgetobt.
Klassischerweise ist er der Gott der Erkenntnis und des Lichts, in meinem Roman „Amor und Psyche“ wird er zum Sonnengott erhoben.
Das mag unter anderem an Bildern wie diesen liegen:

Phaeton Phaeton auf dem Wagen von Apollo. (18 Jh.) By Nicolas Bertin, Public Domain, Link

Apollo Apollo in seinem Wagen. By Cosmas Damian AsamHQFUx1ynbAZohw at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Aurora und Apollo Aurora und Apollo. By Costantino Cedini – Sotheby’s, Sale N08952 (New York, 2013-01-31–2013-02-01), Public Domain, Link

Venus und Mars spielen als Amors Eltern eine ebenfalls wichtige Rolle. Daneben auch Vulkanos, der beziehungstechnisch betrachtet der Stiefvater von Amor ist.

Venus und Mars Venus und Mars (antikes Fresco mit Magd und Amor). By SailkoOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Venus und Mars Venus, Mars und Amor. By SailkoOwn work, CC BY 3.0, Link

Vulkanos und Venus und Mars Vulkanos genervt von Venus und Mars Affaire. By Guillemot, Alexandre Charles (1786 – 1831) – Artist (French)Details of artist on Google Art ProjectNgFVL6Vteg3K6Q at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Juno (Muttergöttin), Ceres (Göttin des Getreides), Neptun (Gott des Meeres), Athene (Göttin der Weisheit), Merkur (Götterbote) und Vesta (Göttin des ewigen Herdfeuers) spielen bei „Amor und Psyche“ keine umfangreiche Rolle, kommen aber als Nebenfiguren vor.

Hera Juno. By VaskryOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Demeter Ceres. By SteffenheilfortOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Poseidon Neptun. By No machine-readable author provided. Neuceu assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 3.0, Link

Minerva Athene. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Hermes Merkur. By Phidias (?) – original photo by Marie-Lan Nguyen (September 2009), CC BY 2.5, Link

Hestia Vesta. By Unknown[1], Public Domain, Link

Dafür finden sich in „Amor und Psyche“ einige andere Figuren der Antike, z.B. diese hier:

Pan Pan. Hier mit Venus und Amor. By Tilemahos Efthimiadis from Athens, Greece – Group of Aphrodite, Pan and Eros. About 100BCUploaded by Marcus Cyron, CC BY-SA 2.0, Link

Musen Die Musen. By Pierre Puvis de Chavannes – Pierre Puvis de Chavannes, 1884-1889, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584966

Und nicht zuletzt gebührt eine besondere Ehre den beiden Protagonisten, die allerdings nicht zu den Hauptgöttern des Olymp zählen.

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Reinhold Begas (1831-1911) – Alte Nationalgalerie, CC0, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Ernst Roeber (1849-1915) – Dorotheum, Public Domain, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Adamo Tadolini (Skulptur), Carlo Brogi (Fotografie) – Eigener Scan, Mediathek des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Public Domain, Link

In meiner Interpretation handelt es sich bei ihnen um die beiden “Urprinzipien” von “Herz” und “Verstand” oder Liebe und Geist (Gedanken), einem göttlichen und einem menschlichen Aspekt, die eigentlich zusammen gehören, sich aber erst dann erkennen, wenn sie einander verlieren.

Was hat es nun mit der Zahl 12 auf sich?

Wenn man sich die Entstehung von Zahlsystemen ganz allgemein ansieht, landet man unweigerlich wieder bei den frühen Hochkulturen. Auf die Babylonier geht beispielsweise unsere – noch heute gültige – Einteilung der Stunde in 60 Minuten zu je 60 Sekunden zurück. Sehr wahrscheinlich ist dies ein Ansatz, den auch schon die Sumerer verfolgten.

Babylonisches Zahlsystem Babylonische Zahlen. Von Josell7File:Babylonian_numerals.jpg, GFDL, Link

60 besteht aus 5 x 12. Der Tag besteht aus 2 x 12 Stunden. Das Jahr aus 12 Monaten (der Mond umrundet die Erde in einem Jahr meistens 12 Mal, manchmal auch 13 Mal, dazu gkazakou).
Das römisch-griechische Pantheon besteht, wie oben beschrieben, aus 12 Hauptgöttern.

Daneben findet man diese Zahl in vielen anderen Gedankensystemen:

Odin hatte 12 Söhne.

Das heidnische Fest der „Rauhnächte“ dauert(e) 12 Tage. (Nacht Wintersonnenwende/etwa Weihnachten bis 6. Januar.)

Jesus hatte 12 Jünger.

Jakob (eine Figur des Alten Testaments/Bibel) hatte 12 Söhne, die die 12 Stämme Israels (Judentum) begründeten.

Die Stadt Jerusalem hat (immer noch) 12 Tore, die von 12 Engeln bewacht werden (wer weiß?).

Mohammed hatte – in einer Richtung des Islam (Shia, 12er-Shiiten, heute v.a. im Iran ansässig) – 12 ihm nachfolgende Imame. Ein Imam ist ein muslimisches Oberhaupt, an das man sich mit religiösen Fragen wenden kann. Sie sind also als eine Art Priester tätig, haben aber auch politische/weltliche Aufgaben.

In China gibt es die Einteilung der Zeit in einen 12-Jahres-Rhythmus, sogenannte „Erdzweige“. (Vergleichbar mit unseren Sternzeichen, Horoskopen.)

Die Ritter der Tafelrunde hatten die Anzahl 12.

Mit etwa12 Jahren galten Menschen im Mittelalter (und auch in der Antike) als „erwachsen“. Heutzutage beginnt etwa dann die Pubertät.

Die Gebrüder Grimm haben die Zahl in einigen Märchen verwendet. (Dornröschen, Die 12 Brüder …)

Im römischen Reich gab es 12 Liktoren (Bodyguards für damalige Politiker), die Rutenbündel (teils 12 Ruten + Beil) als Zeichen ihrer Macht getragen haben.

Im 12. Monat des Jahres 2012 sollte – dem Maya-Kalender zufolge – die Welt untergehen.

Und last but not least:

Es gibt 12 Jyotirlinga(m)s: die 12 heiligsten indischen Tempel für den Gott Shiva.  – Ein letzter, aktueller Bezug zu: Mutunus Tutunus 🙂 

Fest zu Ehren Shivas mit Lingam-Repräsentationen. By ChaubalsOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Mutunus Tutunus

Mutinus Caninus Der Pilz Mutinus Caninus. By Sanja565658Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Dieser Pilz verdankt seinen lateinischen Namen „Mutinus Caninus“ (dt. „Hundsrute“) einer römischen Gottheit: Mutunus Tutunus.

Mutunus Tutunus ist eine phallische Gottheit. Häufiger findet man auch den Namen „Priapus“, wobei es sich um zwei verschiedene Gottheiten handelte, deren Aufgaben sich aber überschnitten.

Im folgenden Beitrag werden Name und Herkunft des Gottes Mutunus Tutunus vorgestellt und Bezüge zu anderen Göttern – soweit möglich – angerissen.

Vorab: die Thematik phallischer Gottheiten ist sozusagen unerschöpflich! Daher erhebt dieser Blogpost auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 🙂

Mutunus Tutunus Mutunus Tutunus, einzige (mögliche) Darstellung. By Unknown (coin) – [1], Gemeinfrei, Link

Der Name „Mutunus Tutunus“, oft auch als Mutinus Titinus wiedergegeben, leitet sich wahrscheinlich von den lateinischen Slang-Substantiven „muto“ (auch: mutto, später: mutonium) und „titus“ ab. Man findet die Worte beispielsweise in Klo-Graffiti aus Pompei.
Aber auch der altehrwürdige Satiriker und Dichter Horaz (1 Jh. v. Chr.) schreibt in seiner Satire 1.2. von „muttonis“. In der Satire geht es um Ehebruch und dessen Auswirkungen auf das gesellschaftliche Ansehen. So fragt der Verstand (animus) in einer sehr unangenehm ertappten Situation den mutto: „Was willst du denn noch alles von mir?“ Darauf antwortet der mutto bloß, dass die begehrte junge Dame doch immerhin die Tochter eines angesehenen Vaters sei und er somit zwei Fliegen mit einer Klappe schlüge.
In der Antike wurde dem männlichen Geschlechtsteil eine Art Eigenleben nachgesagt. [Btw: In Ägypten gab es diese Vorstellung auch für die Gebärmutter. So wurde Frauen mit Menstruationsbeschwerden geraten, sich über ein Räucherefäß mit Weihrauch zu stellen, um das „im Körper umherwandernde“ Organ wieder einzufangen.]

Augustinus Der Kirchenvater Augustinus. By Lua error in mw.wikibase.entity.lua at line 37: data.schemaVersion must be a number, got nil instead.Web Gallery of Art:   Image
Info about artwork, Public Domain, Link

Über Mutunus Tutunus als Gott ist leider nicht mehr sehr viel bekannt. Was man weiß, geht aus Beschreibungen hervor, die einige Jahrhunderte später verfasst wurden, in einer Zeit als vor allem christliche Intellektuelle schrieben. Wahrscheinlich spielte Mutunus Tutunus eine Rolle während römischer Hochzeitszeremonien, wohl um das Paar mit vielen Kindern zu segnen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auf jeden Fall die Ausdeutungen späterer Kirchenväter, wie z.B. Augustinus (4 Jh. n. Chr.), die bekanntermaßen zölibatär lebten. In seinem Buch „Über den Gottesstaat“ (De Civitate Dei) kann man seine Meinung und Vorstellung über die vermeintliche Hochzeitsnacht der Römer lesen. Der dort erwähnte Gott „Priapus“ entspricht weitgehend Mutunus Tutunus in seiner Funktion als „Hochzeitsgott“.

„Da stellt sich ein die Göttin Virginiensis und der Gott Vater Subigus und die Göttin Mutter Prema und die Göttin Pertunda, dazu Venus und Priapus. Was soll das sein? Wenn überhaupt der Mann bei diesem Werk eine Hilfe von Göttern brauchte, würde nicht irgend einer oder irgend eine genügen? Wäre hier Venus allein nicht ausreichend, die sogar davon ihren Namen haben soll, daß ohne Kraftanwendung ein Weib seine Jungfrauschaft nicht verliert? Wenn sich bei Menschen noch ein Rest von Schamhaftigkeit findet, die den Göttern abgeht, müssen sie nicht in ihrer Vereinigung bei dem Gedanken, daß soviele Götter beiderlei Geschlechtes zugegen sind und sich um das Werk zu schaffen machen, so von Scham ergriffen werden, daß der Mann weniger erregt wird und das Weib sich heftiger widersetzt? Und jedenfalls, wenn die Göttin Virginiensis da ist, um der Jungfrau den Gürtel zu lösen, wenn der Gott Subigus da ist, damit sie sich dem Manne hingebe, wenn die Göttin Prema da ist, damit sie sich, ohne sich zu rühren, umarmen lasse, was hat noch die Göttin Pertunda dabei zu leisten? Sie soll sich schämen und wegheben; etwas wird doch auch der Mann zustande bringen. Es wäre sehr unanständig, wenn das, wonach sie benannt ist, jemand anderer als er vollbrächte. Aber vielleicht duldet man sie deshalb, weil sie angeblich eine Göttin ist und nicht ein Gott. Denn würde man diese Gottheit für männlichen Geschlechtes halten und Pertundus nennen, so müßte sich der Gemahl wider ihn für die Keuschheit seiner Frau noch um eine kräftigere Hilfe umsehen als die Wöchnerin wider Silvanus. Aber wozu diese Bemerkung? Ist doch auch Priapus anwesend, der übermännliche, auf dessen ungeheuerliches und abscheuliches Glied sich die Neuvermählte setzen mußte, nach der höchst ehrbaren und frommen Sitte der Matronen.“
(De Civitate Dei 6,9 http://www.unifr.ch/bkv/kapitel1924-9.htm)

Augustus
Kaiser Augustus. By Unknown – Santo Attilio, Augusto, Milano 1902., Public Domain, Link

Auf der Velia, einem Hügel Roms, gab es einen Tempel für Mutunus Tutunus, der aber schon zu Kaiser Augustus Zeiten (um das Jahr 0) nicht mehr existierte. Der Gelehrte Festus (2. Jh. n. Chr.) erwähnt dies in seinem Wörterbuch und schreibt auch davon, dass der Tempel von Frauen, die in die toga praetexta gehüllt waren, besucht wurde.
Das Besondere daran: Die toga praetexta war eigentlich ein Kleidungsstück, das im alten Rom hochangesehenen und männlichen Menschen vorbehalten war. Was wohl diese Frauen dort gemacht haben? Augustinus (siehe oben) schreibt von einer „höchst ehrbaren und frommen Sitte der Matronen“.
(Btw: Kaiser August (um 0) und der Kirchenvater Augustinus (4 Jh. n. Chr.) sind trotz des ähnlichen Namens zwei ganz unterschiedliche Menschen gewesen. 😉 )

Forum Romanum
Das Forum Romanum auf dem römischen Hügel Palatin. CC BY-SA 3.0, Link

Caesar
Gaius Julius Caesar. By UnknownRoma Musei Vaticani (Museo Pio Clementino), Public Domain, Link

Möglicherweise gab es sogar einen Schrein auf dem Palatin für Mutunus Tutunus, an dem Caesar kurz vor seiner Ermordung opferte. Für Augustus (den Nachfolger Caesars) war dies Anlass, den ungeliebten, frivolen Gott aus dem kollektiven Gedächtnis zu bannen und seinen Tempel anders zu verwenden. Augustus war ohnehin ein Kaiser, der sehr viel veränderte im römischen Reich. Nicht zuletzt machte er den gesamten Senat um einen Kopf kürzer und so gelang ihm das, was Caesar nicht schaffte: eine Art Diktatur aufzubauen unter Wahrung der äußeren Form der Republik.

Silen
Silen. Eine Art Satyrvater. By SailkoOwn work, CC BY 3.0, Link

Satyrvorstellung nach der Renaissance Satyr-, bzw. Faunskulptur nach der Renaissance (15 Jh. n. Chr.) By Edmé Bouchardon (French, 1698–1762)Jastrow (2006), Public Domain, Link

Bacchanal Ein ebenfalls post-Renaissance entstandenes Gemälde eines bacchanalischen Festes. By Cornelis van HaarlemMuseum of Fine Arts, Budapest, Domini públic, Link

Priapus Darstellung des Gottes Priapus aus Pompei (1 Jh. v. Chr.) Von Wolfgang Rieger – John R. Clarke: Ars Erotica. Darmstadt: Primus 2009, Gemeinfrei, Link

Priapus Noch einmal Priapus, hier besser zu erkennen. By Золоторёв Павелсобственная работа, CC0, Ссылка

antiker Satyr Antiker Satyr. By xeronesFlickr, CC BY 2.0, Link

Bacchanalien Bacchanalien mit einem betrunkenen Dionysus (Mitte). By World ImagingEigen werk, CC BY-SA 3.0, Link

Wie schon oben erwähnt und durch die Bilder zum Teil auch ersichtlich: es gab die Gottheit Mutunus Tutunus nicht nur in einer, sondern in sehr verschiedenen Formen. Über die genauen Bezüge, Verbindungen und Parallelen würde es sich gewiss lohnen, eine Doktorarbeit zu schreiben. Hier sei nur ein paar Verweise genannt.
Der Gott Liber (pater liber), dem Caesar möglicherweise als Mutunus Tutunus opferte, war eine römische Gottheit für Wein, Fruchtbarkeit und Freiheit. Er steht in enger Verbindung mit dem bekannteren römischen Gott des Weines Bacchus oder griechisch: Dionysus.
Bacchus und Dionysus sind übrigens auch nicht „ein und derselbe“ Gott, sondern hatten einen unterschiedlichen Kult, der sich teils auch regional voneinander unterschied.
Die deutlichste Parallele zu den phallischen Gottheiten findet man in einem Fest, den sogenannten „Bacchanalien“. Da es dazu noch einen eigenen Artikel geben wird, sei hier nur exemplarisch der „Thyrsos-Stab“ herausgegriffen, der in Verbindung mit dem Gott und dem Fest stand.

Der Thyrsos besteht aus einem Stengel von einem Riesenfenchel. Er wurde mit Weinreben geschmückt und obendrauf steckte ein Pinienzapfen. Riesenfenchel wird ca. zwei Meter groß, den Stab kann man sich als eine Art „Wanderzepter“ vorstellen. Er diente den Bacchantinnen vermutlich als Stütze, so nannte man die Frauen, die sich zu Anlass der Bacchanalien in den Wäldern mit Wein betranken. Und es gibt andere Mythen, die sich darum ranken.
Von Bacchus/Dionysus ist es nicht mehr weit zum Hirtengott Pan, der mit Faunen, Satyrn und Nymphen in den Landschaften Arkadiens zu feiern pflegte. Seinem Völkchen wird, ähnlich den Bacchantinnen (auch: Mänaden) die Bacchus (Dionysus) begleiteten, eine große Fröhlichkeit, Leichtigkeit und Freizügigkeit nachgesagt.
Der Gott Pan ist ein Mischwesen aus einem Menschen (Oberkörper) und einem Ziegenbock (Unterkörper). Und in ihrer dunkelsten Stunde trifft Psyche auf genau diesen Gott und seine lustige Schar. Pan ist übrigens einer der wenigen Götter, die die gleiche römische und griechische Bezeichnung haben.

Priapus, so erzählt der römische Dichter Ovid (um das Jahr 0), war – wie so oft in der Antike – ursächlich dafür, dass Nymphen in Bäume verwandelt wurden. Als die Nymphe Lotis ihren Rausch ausschlief, wollte Priapus über sie herfallen, aber ein Esel des Silen (eine Art „Satyrvater“) weckte sie mit lautem „I-A“. Dann verwandelte sie sich sicherheitshalber in einen Lotus und Priapus konnte ihrer nicht mehr habhaft werden. Zur Strafe dafür prügelte Priapus den Esel mit seinem riesigen Penis zu Tode.

Lingam Lingam und Yoni in trauter Zweisamkeit.By எஸ். பி. கிருஷ்ணமூர்த்தி at Tamil Wikipedia – Transferred from ta.wikipedia to Commons., GFDL, Link

Auch im Hinduisms ist des öfteren von phallischen Gott-Attributen die Rede. So repräsentiert der Lingam beispielsweise die Macht des Gottes Shiva als Zerstörer und Erneuerer. Sein Gegenstück ist die Yoni, welche das Attribut der weiblichen Gottheit Shakti ist. Shakti steht für gewaltige, ewige Energie, die das Universum durchströmt.
Historisch intressant ist an dieser Stelle die wahrscheinliche Verbindung zwischen den antiken Welten Mittelmeerraum und Indien. Oft wird angenommen, die Menschen damals wussten nichts voneinander, doch allein die Existenz der Seidenstraße zeigt ein anderes Bild.
Wohlmöglich hatten bzw. haben all die Gottheiten einen gemeinsamen Ursprung.

Götterfutter – Coming Soon :)

 

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Hallo meine Lieben!

Es ist mal wieder etwas Zeit vergangen (tempus fugit und so weiter), aber ich proudly presente euch heute die frohe Botschaft, dass es ab nächster Woche jeden Donnerstag einen Beitrag zur Reihe namens “Götterfutter” im Lehmofen geben wird, die ich zu kochen und anzureichen gedenke. (So um 20:00 Uhr rum sollten die Beiträge fertig sein. Manchmal wird es länger dauern – ihr kennt mich.)

Das Götterfutter enthält – als natürliche Zutaten – Götter, Mythologie und Zeugs, das man vielleicht noch nicht so kennt. Sicherlich geh ich auch auf den ein oder anderen bekannteren Olympier ein, aber es werden eher so komische Sachen sein, von denen man noch nie gehört hat aus der alten Welt.

Los geht es heute mal ganz spontan mit dem schönen Bildchen da oben. Heute wird das – ausnahmsweise- mal eine Runde Rätselraten zu einem Thema, das ich recht gut kenne. Na, hat sie schon jemand erkannt? Ich fand die Darstellung allzu passend, dem Titel entsprechend. Götterfutter. Jamm Jamm. 😉 Wobei die gute Dame dann doch nicht gefressen wurde, sondern noch heute als Galaxie am Himmel thront. Genauso wie ihre Mutter, die für das ganze Schlamassel verantwortlich war. Die aber deswegen auch verkehrt herum und “nur” als Sternbild heute noch existiert. Mal wieder ging es um die Frage nach Schönheit (wieso ist das eigentlich ein so wichtiges Thema? Bei meinem Büchlein Amor und Psyche (das übrigens im Dezember erscheinen wird, es ist an die Testleser raus) ist das ja auch so! (Schleichwerbung Ende.))

Der Felsen, den man unter dem hübschen Körper gut erkennen kann, ist auch heute noch existent, aber enttäuschend mickrig. Er liegt vor der wunderschönen israelischen Stadt Jaffa und obwohl ich vor ein paar Jahren extra für diesen Beitrag dort war, ist es mir gerade nicht möglich, das dazugehörige Foto zu finden. Da Rosa Schweino nicht drauf liegen konnte, ist das auch alles nur halb so wild. Der Felsen ist auf jeden Fall unbedeutend klein, wobei man ihn bei Google findet. Allerdings kann ich keine Auskunft über die Verwendbarkeit/ freie Lizenz der Bilder geben, daher hier nur ein Beispiel: Er sieht ungefähr so aus wie die kleinen Ausdemwassergucker auf dem folgenden Bild, liegt aber etwas weiter entfernt vom Land. Scheinbar ist das kleine Ding dann aber doch so bedeutsam, dass die Israelis ihre Nationalflagge drauf stecken haben. (Nicht im Bild, wie gesagt, nur Beispiel.)

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Es würde mich auch nicht wundern, wenn es noch mehr solcher Felsen mit dem Namen der obigen Schönheit geben würde. Der Mythos ist nämlich relativ bekannt. Sein “echter” Entstehungsort ist übrigens angeblich äthiopisch. Und so, wie es auch diverse Zeus-Höhlen und Eingänge zur Unterwelt rund ums Mittelmeer (Rote Meer???) gibt, wäre das auch in diesem Fall durchaus Touristen-Napp-opportun.

Irgendwie kommt mir bei diesem Mythos spontan das Haar der Berenike in den Sinn. Wahrscheinlich, weil es auch hier um ein Sternbild geht. Berenike ist das da oben aber nicht.

Der Retter der Schönen ist übrigens dann auch in was galaktisches verwandelt worden. Nachdem er den Kopf der Medusa (dieser Schlangenhaarfrau) dazu verwendete, um das Ungeheuer zu töten, das die Prinzessin bedrohte.  (Schon wieder ein Ungeheuer! Schönheit und Ungeheuer, das scheinen die erzählerischen Motive schlechthin zu sein, zieht es sich doch durch bis in die Märchenwelt und … ja, die Schöne und das Biest lassen auch grüßen. Dreht sich denn alles nur um Sex und Tod?)

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Oder eben die hier. Tarzan und Jane. Oder wer war das gleich?

 

So. Kommen wir mal zur Auflösung. Wobei, da gab es ja noch das Haar der Berenike. Da muss ich jetzt noch mal drauf zurückkommen. Kann das ja nicht einfach ansprechen und dann stehen lassen. Das geht nicht. Niemals!

 

Die Ursprungsanekdote

Berenike lebte von etwa 270 bis 221 v. Chr. und war die Gemahlin des ägyptischenKönigs Ptolemaios III. Als dieser in den 3. Syrischen Krieg zog, versprach sie der Liebesgöttin Aphrodite ihr prachtvolles Haar zu opfern, sollte ihr Gemahl siegreich und unversehrt heimkehren. Ptolemaios siegte, Berenike schnitt ihr Haar ab und brachte es in einem Tempel dar. Als der Haarschopf am nächsten Tag verschwunden war, erklärte der Hofastronom Konon, die Götter seien über das Opfer so erfreut gewesen, dass sie die Haarpracht am Himmel verewigt hätten. – Der ebenfalls am Hof (in Alexandria) anwesende Dichter Kallimachos schrieb dazu einen Katasterismos in Gedichtform, in dem das Haar der Berenike selbst vom Himmel aus “erzählt”, was geschehen ist. Das Gedicht ist in der lateinischen Übersetzung Catullserhalten, das 66. seiner carmina (Gedichte).

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Haar_der_Berenike#Die_Ursprungsanekdote

(Es musste schnell gehen. Und ja, ich führe den Expertenstatus gerade ad absurdum. Übt euch immer fein in Selbstverantwortlichkeit, liebe Leser und Leserinnen, und ich werde eure geschundenen Herzen balsamieren, denn:)

Nun gibt es die Auflösung!

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Bei dem Bild oben handelt es sich um den Mythos von: Andromeda.

Die Königin Kassiopeia rühmte sich mit der Schönheit ihrer Tochter, woraufhin der Meeresgott Neptun dem König Kepheus drohte, sein ganzes Reich auszulöschen, es sei denn, er würde eben diese Tochter opfern.

König in Bedrängnis, überlegt hin und her, Orakel befragt: Tochter ist nur eine, Volk sind viele, utilitaristische Ethik, cui bono und zack, hing die Andromeda am Felsen.

Angekettet.

Doch aufgepasst!

Der tollkühne Held Perseus bekam davon Wind, als er gerade mit dem geflügelten Pferd Pegasus – und glücklicherweise auch dem Medusenhaupt, dessen Blick alles versteinern lässt – durch die Lüfte schwebte.

Kopf ausgepackt, richtigen Winkel gefunden, Meerungeheuer tief in die Augen gesehen und versteinert, Prinzessin gerettet.
Und vermählt und verheiratet und glücklich und froh bis immerdar.

Ok. Nicht ganz. Vorher gab es noch ein wenig Drama mit einem Onkel, der Andromeda für sich haben wollte, aber da Perseus das Medusenhaupt hatte, kann man das ganze getrost als retardierendes Moment übergehen. (So wie das Haar der Berenike in diesem Beitrag hier.)

Und dann, denn gestorben sind sie nicht, wurden sie alle zu Sternbildern, Nebeln, Galaxien und kosmischen Sammelhaufen. Auch das Ungeheuer. Das hieß Ketos.

 

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Andromeda
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Hier ein Perseus Arm der Milchstraße (unten mitte links).
Kassiopeia
Die Mama-Königin.
Cepheus
Der Papa-König.
Sig06-027
Perseus, hier als Nebel.
Cetus
Und Cetus, bzw. Ketos, das Ungeheuer! 🙂

 

Bildquellen:

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Kassiopeia; mit Dank an Stephan Brunker at the German language Wikipedia, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=23986322

Perseus-Nebel: mit Dank an  NASA/JPL-Caltech/L. Cieza (Univ. of Texas at Austin)) – http://gallery.spitzer.caltech.edu/Imagegallery/image.php?image_name=sig06-027, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2387597

Der Papa-König: mit Dank an Till Credner – Own work: AlltheSky.com, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20041245

Ketos: mit Dank an (noch einmal) Till Credner – Eigenes Werk: AlltheSky.com, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20041266

 

 

 

 

Ein verdutztes Gefühl

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Gut, das Foto passt nicht so 100%, aber es ist megasüß und wahr … so wie mein bald erscheinendes Büchlein, das FERTIG IST!

Also nicht ganz fertig, aber ziemlich fertig und es muss jetzt nur noch ein paar Mal überarbeitet werden und gelesen und probegelesen und und und … und dann es ist wirklich fertig.

Will sagen: Vielleicht.

Will sagen: Ich habe heute den letzten Satz geschrieben. Mein Gefühl war darüber äußerst verdutzt.

Will sagen: in den nächsten Wochen werdet ihr hier die versprochenen Schlusskapitel von “Amor und Psyche” finden, ich werde euch das Cover vorstellen und sicherlich auch ein wenig Werbung machen, wenn es das komplette Exemplar dann käuflich zu erwerben gibt.

Übrigens: Nebenbei stricke ich gerade an einer neuen Identität, aber pssst, dazu dann demnächst an dieser Stelle mehr.

Gehabt euch wohl!

Eure

Runa Phaino

 

Blinde Passagiere

Für Psyche dauerten die Stunden so lange wie Wochen. Ungeduldig ersehnte sie die Dunkelheit und das süße Gefühl, sich mit dem fremden Vertrauten zu verlieren, um sich gegenseitig zwischen den Laken zu entdecken. Das Schloss allein bei Tageslicht war kaum auszuhalten. Das einzige, was Psyche in dieser Zeit etwas Ablenkung verschaffte, waren die seltsamen Vierecke, deren Inneres sich zu Geschichten formte.
Das Untier nannte die eckigen Exemplare Bücher und hatte ihr erklärt, dass sie genauso verzaubert waren, wie das gesamte Schloss. Verwundert stellte Psyche eines Tages fest, dass sie eine Geschichte las, in der ein Mädchen, Bella genannt, in ein verwunschenes Schloss zu einem Ungeheuer gelangte. Dieses Buch las Psyche in einem Zug. Zu deutlich waren die Parallelen zwischen ihren Erlebnissen und der Geschichte von Bella. Nur eines stimmte nicht. Bella war ein wunderschönes Mädchen und keine hässliche Kröte wie sie, Psyche. Dagegen war das Ungeheuer furchtbar aussehend mit Klauen und einem Löwenkopf. Bella aber hatte sich in das Ungeheuer verliebt trotz seiner Hässlichkeit. Vielleicht, überlegte Psyche, wollte diese verzauberte Geschichte ihr also mittteilen, dass selbst die hässlichsten Wesen geliebt werden konnten. Anderseits aber verwandelte sich das Ungeheuer direkt nach Bellas Kuss in einen schönen Prinzen. Das war also kein wirklicher Beweis.
Bella hatte wirklich Glück, fand Psyche. Für ihren Kuss wurde sie mit einem schönen Prinzen belohnt. Doch am meisten beneidete Psyche das Ungeheuer. Denn sie selbst hatte sich trotz einer Unzahl an Küssen überall auf ihrem Körper nicht verändert. Kein Stück.
Psyche stand also den Geschichten eher skeptisch gegenüber. In manchen Büchern nämlich las sie auch von Zwergen, Feen und Elfen, Wesen, die sich Psyche kaum vorzustellen vermochte.
Und wieder andere Erzählungen berichteten von „Autos“, „Hochhäusern“ und „Versicherungsvertretern“. Für Psyche ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Bücher legte sie sofort zurück ins Regal, denn nicht einmal ansatzweise formten sich die Beschreibungen in ihrem Kopf zu einem Gedankenbild.
Eines Abends erzählte sie dem Ungeheuer von ihren Beobachtungen.
„Es ist so“, sagte Amor, „dass die Bücher in dieser Bibliothek größtenteils noch nicht geschrieben wurden. Sie werden es einmal sein, in ferner Zukunft.“
„Du bist so klug. Woher weißt du all diese Dinge?“, fragte Psyche.
„Ich weiß es einfach. Ich bin der Herr dieses Schlosses.“
Amor fühlte sich prächtig, dass er Psyche die Welt erklären konnte. Wie gut, dass er neulich Kalliope und Thalia über die Vorkommnisse befragt hatte. Die Musen der Schreibkunst hatten ihn zwar entsetzt angeguckt und gemeint, er hätte da ein Luftschloss erschaffen, ein Traumgebilde, das irgendwann platzen würde, aber das kümmerte Amor wenig. Psyche liebte Bücher, Psyche bewunderte ihn. Das war die Hauptsache.
„Glaubst du denn, dass die Geschichten wahr sind? Dass es irgendwann einmal „Versicherungsvertreter“ und „Feen“ auf der Erde geben wird?“, fragte Psyche.
„Auf jeden Fall“, sagte Amor.
„Und was ist mit den Liebesgeschichten?“, fragte Psyche.
„Die stimmen selbstverständlich auch alle“, sagte Amor stolz.
„Die meisten von ihnen gehen aber schlecht aus.“
„Auf keinen Fall!“ Entrüstet richtete Amor sich auf. „Niemand ist stärker als die Liebe, nicht einmal der Tod!“
„Aber die Geschichten gehen schlecht aus“, beharrte Psyche.
„Wie das?“
„Na ja, bei Romeo und Julia zum Beispiel …“ – Psyche erzählte ihm die Geschichte der beiden Liebenden, die aus verfeindeten Familien stammten. „Und dann gab es da noch Tristan und Isolde und … Pyramus und Thisbe …“
„Was hast du gesagt?“, entsetzt richtete sich Amor auf.
„Na, diese ganzen Liebespaare, die nicht zusammen kommen … Romeo und Julia, Tristan und Isolde …“
„Und?“
„Pyramus und Thisbe.“
„Woher kennst du sie?“
„Habe ich doch gerade gesagt, ich habe ihre Geschichte gelesen. Was ist denn bloß los mit dir?“
„Das hört sich an, wie mein Liebespaar“, murmelte Amor gedankenverloren. Vor sein inneres Auge traten die Bilder der sich erdolchenden Thisbe, neben ihr der blutüberströmte Pyramus.
Psyche horchte auf. „Dein Liebespaar? Was meinst du damit?“
„Äh“, sagte Amor und zog sich die Decke bis zum Kinn. Er hätte sich ohrfeigen können. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so unvorsichtig verhalten. Oder vielleicht auch doch, aber noch nie war es so heikel gewesen. Psyche durfte nicht erfahren, wer er war. Nicht einmal den Hauch einer Ahnung sollte sie haben. Also stammelte er: „Ich … ich, ach ehrlich gesagt, ich habe die Geschichte geschrieben!“
„Du?“, fragte Psyche.
„Ja, die Geschichte von Pyramus und Tisbe. Deswegen war ich so verblüfft. Hat sie dir gefallen?“
Einen Moment lang war nur Psyches Atem zu hören, so still war es.
Dann rief sie: „Oh Ungeheuer! Jetzt macht das alles Sinn, all die Bücher, wie du sie nennst, und dieses Schloss!“
Erleichtert atmete Amor aus. Das war die richtige Notlüge im richtigen Moment gewesen.
„Na klar macht das Sinn.“
„Du musst der größte Geschichtenerzähler der Welt sein! Und der berühmteste. Kein Wunder, dass ich dich nicht sehen darf!“
„Äh … ja.“
Amor schluckte. Hauptsache, Psyche folgte der falschen Fährte. Er würde das später irgendwann richtigstellen, nach dem Gespräch mit seiner Mutter. Und was seine beiden Liebenden anbelangte … er musste nachforschen, immerhin war er Pluto noch eine Erklärung schuldig.
„Untier“, flüsterte Psyche und schmiegte sich an ihn. „Hast du denn auch Liebesgeschichten geschrieben, die gut ausgehen?“
„Klar“, sagte Amor und biss sich auf die Lippe. „Gerade bin ich an einer dran.“
„Das ist gut“, seufzte Psyche. „Ich glaube nämlich, dass ich schwanger bin.“

 

Mehr als ein Kuss

Psyche wartete schon seit Stunden. Wartete auf das Untier, das ihr versprochen hatte, nach Sonnenuntergang bei ihr zu sein. Das liebe, weiche, kuschlige Untier, das ihr seine Liebe gestanden hatte und sie die gesamte letzte Nacht über küsste, als würde es kein Morgen geben. Dann war es verschwunden wie jeden Tag.
Heute Nacht aber schien es nicht zu kommen. Ob ihm etwas passiert war? Unruhig schritt Psyche auf und ab. Sie konnte aufgrund der Dunkelheit längst nicht mehr erkennen, wohin sie trat, aber sie hatte sich die Gegebenheiten des Raumes gut eingeprägt und Überflüssige zur Seite geräumt.
Hier stand eine Kommode, da in der Mitte der Tisch, daran zwei Stühle. Auf dem Tisch duftete ein köstliches Mahl. Psyche hatte viel Zeit darauf verwendet, Speisen zu probieren, die die unsichtbaren Winde hervorzauberten, bis sie die schmackhaftesten Leckerbissen herausgeschmeckt hatte. Sie wollte ihr Untier damit überraschen. Sie wollte herausfinden, wie es hieß. Wie er hieß. Denn dass es männlich war, daran bestand keinen Zweifel. Sie wollte …
Psyche biss sich auf die Lippen. Ja, was wollte sie eigentlich? Auf jeden Fall spürte sie eine gewaltige Ungeduld in sich, so als ob sie platzen müsste, wenn das Untier nicht bald käme.
Sie tastete nach der Stuhllehne. Setzte sich. Fühlte über den Tisch, bis sie die Schale erreichte. Sie zog die Schale zu sich heran und tauchte den Finger hinein.
„Wir sind ein Liebespaar, würde ich sagen“, sagte Psyche und probierte die Speise.
Stille.
„Es ist so still hier“, sagte Psyche. „Könntet ihr nicht etwas lauter sein? Mit Geschirr klappern zum Beispiel, oder vielleicht kann auch mal ein Tor quietschen oder eine Tür? Es ist wirklich sehr still hier.“
Stille.
„Jetzt raschelt doch mal, ihr Winde!“
Ein Luftzug durchzog den Raum und gab ein leises Säuseln von sich.
„Oh, da seid ihr! Aber wo ist das Untier? Was meint ihr, wann das Untier heute kommt? Oder kommt es vielleicht gar nicht? Meint ihr, es kommt nicht, weil …“
Vor Psyches innerem Auge tauchte das Bild auf, das sie heute im Spiegel gesehen hatte. An Stelle des Untieres würde sie nicht zu diesem Ding zurückkehren, doch diesen Gedanken fand sie so entsetzlich, dass sie die Fäuste ballte und aufsprang.
„Nein!“, rief Psyche. „Ich will das nicht. Ich will das einfach nicht denken!“
Das Zersplittern von Tongefäßen, einige „Auas“ und „Autschs“ und ein eifriges Tapsen ließen Psyches Herz federleicht schlagen.
„Untier!“, rief sie und eilte zur Tür.
Und direkt auf der Schwelle fand sie das Untier, ließ sich von seinen Armen umschließen und an seine Brust drücken und atmete den warmen, würzigen Duft. Ließ sich die Stirn küssen und dann die Lippen.
„Es tut mir leid, meine Liebste“, flüsterte er. „Es tut mir so leid.“
Psyches lächelte bis sie über das ganze Gesicht grinste.
“Jetzt bist du da!“, sagte sie. „Ich habe dich so vermisst!“
„Ich dich auch“, wisperte das Untier und drückte seine Nase in ihr Haar. „Und du riechst so gut.“
„Du auch“, raunte Psyche. „Und ich habe etwas für dich vorbereitet!“
Psyche nahm die Hand des Untiers und führte es zum Tisch.
„Setz` dich“, sagte sie. „Wenn ich könnte, würde ich dir jetzt die Augen verbinden. Aber es ist stockfinster, daher brauche ich das nicht.“
„Was hast du vor?“, fragte das Untier. Psyche konnte die wohlige Spannung in seiner Stimme hören.
„Probier` mal“, sagte Psyche. Sie hatte sich gut eingeprägt, wo die verschiedenen Speisen standen. Vom würzigen Kuchen, den sie am ersten Tag im Schloss gegessen hatte, schnitt sie ein Stück ab und steckte es dem Untier in den Mund.
„Mh“, sagte es kauend. „Das schmeckt gut!“
„Wenn du das magst“, freute sich Psyche, „wirst du das hier lieben!“
Sie nahm etwas von der süßen Paste und strich sie auf ein dünnes Brot.
„Hier.“
Das Unter kostete bereitwillig auch diese Speise. „Süß“, sagte es. „Fast so süß wie deine Küsse.“
„Dann willst du vermutlich“, sagte Psyche, „diese Speise als nächstes ausprobieren.“
Und sie küsste das Untier, das sie auf seinen Schoß zog.
Als sich ihre Lippen berührten, wusste Psyche, was das Untier dachte. Es dachte nur an sie. Sie war überwältigt von der Liebe, die es für sie empfand. Und auch Psyche spürte dieses Gefühl, fühlte es fremd und schön, tauchte darin ein und wusste bald nicht mehr, wer sie war. Sie vergaß sich selbst. Immer dichter drängten sie aneinander. Ihre Münder verschmolzen zu einem Mund und bald atmeten sie denselben Atem. Ein und aus.