Herzmärchen, Liebe, Meer

Herzcover
Cover 2

Das Märchen vom Mädchen, dem Stier und dem Zackenbarsch kann noch für einige Zeit kostenlos downgeloadet werden.

Für die Unentschlossenen:

Mittlerweile sind auch ein paar sehr liebe und faire Rezensionen (via Lovelybooks) eingetroffen, die einen ersten Eindruck vermitteln.

Man, war das schön, die zu lesen. Hach! 🙂

Hier kann geguckt werden.

 

Liebe Grüße

Runa

 

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Was wiegt eigentlich?

Teller

Marie und ihr Sohn Paul sitzen in der Küche und frühstücken. Die Sonne erhellt den viereckigen, zitronengelben Raum mit der kleinen Ecknische. Sie scheint auf den Küchentisch, das rote Tischtuch und das bunte Besteck. Es riecht nach frisch gebrühtem Kaffee. Marie liest Zeitung, Mord und Totschlag, Paul kaut an seinem Brötchen. Er denkt nach.

„Wir haben eine neue Küchenwaage.“

Marie schaut auf. „Ja, die haben wir gestern gekauft.“

„Ich will was wiegen.“

„Okay“, sagt Marie, holt die Waage aus dem Schrank und gibt sie Paul. Dann schlägt sie die Zeitung wieder auf. Politik, Griechenland, Geld.

„Was soll ich wiegen?“, fragt Paul.

Marie nippt an ihrem Kaffee. „Was wiegt eine halbe Avocado?“

Sie hat gerade eine halbe gegessen und da ist ja auch viel Fett drin, sagt man.

„Heißt es eigentlich der oder die Avocado?“, fragt Paul.

Marie nimmt ihr Tablet vom Küchenregal und guckt bei Wikipedia nach.

„Die Avocado!“, sagt sie und liest laut noch ein wenig weiter. „Der bis zu 15 Meter hohe Baum hat seinen Ursprung in Südmexiko und wurde bereits von der Coxcatlán-Kultur in Tehuacán kultiviert. Im tropischen und subtropischen Zentralamerika wird die Frucht schon seit etwa 10.000 Jahren genutzt. Die Spanier brachten sie in die Karibik, nach Chile und Madeira, bis sie im Laufe des 19. Jahrhunderts Verbreitung bis nach Afrika und Madagaskar, Malaysia und den Philippinen fand.“

„Die ist ganz schön alt“, sagt Paul.

„Au ja“, sagt Marie und grinst. „Und es ist ein Lorbeergewächs“, sagt sie, „Ein heiliges Geschöpf also, in welches die erste, große Liebe des römischen Sonnengottes Apollo verwandelt wurde.“

Paul guckt sie stirnrunzelnd an.

„Mama, nicht schon wieder diese Geschichte … Wir wiegen jetzt!“

Die Waage ist genauso flach und handlich wie das Tablet. Hat fast dieselbe Form und doch ein ganz anderes Innenleben. Fasziniert beobachtet Marie, wie Paul verschiedene Knöpfe drückt und das Ding zum Leben erweckt. Ganz ohne Anleitung.

Auf einmal leuchtet das Display in bunten Farben. Paul lacht, seine Augen glitzern.

„Wie hast du das gemacht?“, fragt Marie verwundert.

„Na, ganz einfach. So und so“, zeigt und erklärt er ihr. „Du kannst jetzt gucken, ob da „g“ steht.“ Er reicht ihr die Waage.

Marie versteht nicht.

„Na, „g“ für Gramm“, erklärt Paul.

„Ach so.“

Es erstaunt sie jedes Mal aufs Neue, wie schwer die leichtesten Dinge sein können.

Die halbe Avocado wiegt 134 Gramm.

„Was Mama, meinst du, wiegt eigentlich mehr?“, fragt Paul. „Die Schale oder der Kern?“

„Du meinst die Hülle, also das Fruchtfleisch, oder der Kern?“

„Ja, also das Drumherum oder der Kern.“

„Keine Ahnung …“

Im Küchenregal befindet sich ein reicher, weicher Schatz an Avocados, so dass sie ein intaktes Vergleichsobjekt heranziehen können. Schon will Marie Zettel und Stift zücken, um mit der Rechnerei zu beginnen, als Paul eine weitere Funktion der Waage präsentiert. Man kann ihr bei einem bestimmten Gewicht befehlen, dieses als Nullstelle zu akzeptieren.

„Woher weißt du das bloß?“

„In der Schule, in Physik, haben wir auch so ein Teil.“

„Ach so.“

Das Ergebnis: Schale – 18 Gramm. Fruchtfleisch mit Schale – 195 Gramm. Kern 42 – Gramm.

„Ich hätte gedacht, dass der Kern schwerer ist“, sagt Paul, „Immerhin sind darin doch all die Informationen gespeichert, um eine neue Avocadopflanze entstehen zu lassen.“

„Ja“, sagt Marie, „aber das Drumherum ist auch entscheidend. Es gibt uns die Möglichkeit, davon zu leben.“

Und dann wiegen Paul und Marie alles Mögliche, was sich in der Küche findet. Messer, Gabel, Orange, Streichhölzer, ein Blumenblatt, ein Blatt Papier, drei Zahnstocher. Alles hat Gewicht. Nur ein Blumenblatt ist zu leicht.

„Aber wenn wir mehrere drauf tun, dann wiegen auch die Blätter was“, sagt Paul.

Marie lächelt. „Ja, gemeinsam haben sie mehr Gewicht.“

Zuletzt wiegen sie einen Teller.

„Meinst du, er wiegt mehr oder weniger als eine Avocado?“, fragt Marie.

„Weiß nicht. Lass mal fühlen.“

Es ist ein Keramikteller, auf dem die aufgeschnittenen Avocados für gewöhnlich ihren Platz finden. Noch ein wenig beschmiert mit der hellgrünen, fast gelblichen Paste. Ungefähr so flach, aber insgesamt dicker als ein Kuchenteller, zeigt er ein Muster aus drei Kreisen von innen nach außen oder von außen nach innen. Je nachdem, wie man guckt. Zwischen den beiden äußeren Kreisen sind Blumenmuster gerahmt, in den Farben blau, grün und rot. Im mittleren Kreis ist eine Taube zu sehen, die einen grünen Zweig im Schnabel hält. Darunter steht das Wort „Shalom“. Der Teller stammt aus Jerusalem.

„Was heißt Shalom eigentlich?“, fragt Paul.

„Das ist Hebräisch. Es heißt „Frieden“.“

99 Gramm.

Paul sagt: „Ganz schön leicht eigentlich.“

Das Herz des Zackenbarsches

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“Dieses Ding”, hörte es die Menschen sagen, “hat kein Herz.”
Ein Herz zu haben ist wichtig, wusste das Ding und machte sich auf die Suche danach. Es fand Fliegenpilze und einen Nasenzwerg, gelbe Schuhe und Blut, sogar den Tod fand es, aber der schüttelte nur seine schwarze Kapuze.
Schließlich traf das Ding einen Zackenbarsch.

„Was tust du hier in meinen eisigen Gefilden?“, wollte der Zackenbarsch wissen.
„Ich suche ein Herz“, sagte es.
„Vielleicht findest du eines in mir“, sagte der Zackenbarsch, denn das Mädchen gefiel ihm gut. „Hier ist der Schlüssel.“ Und er spuckte ihm einen goldenen Schlüssel vor die Füße.
Das Mädchen nahm den Schlüssel, machte sich ganz klein und kletterte vorbei an den spitzen Zähnen in den Bauch des Zackenbarsches. Der tauchte glücklich unter in die Tiefen des Nordmeeres. Sie wärmte sich in seinem Innern.
Doch so sehr das Mädchen auch suchte, dort waren Leber, Geist und Mut, ein Herz fand es nicht. Es wurde unruhig und fürchtete sich.
„Hier ist kein Herz! Lass mich hinaus!“
Der Zackenbarsch spürte ihre Angst und sorgte sich. Er überlegte genau, was er sagen sollte, und antwortete schließlich:
„In mir hast du ein Herz.“
Das Mädchen wunderte sich über diese Worte, sah hinunter auf seine Brust, doch da war nichts. Es spürte nichts. Alle Menschen hatten gesagt, es sei herzlos. Der Zackenbarsch musste lügen.
„Lass mich gehen und weiter suchen“, rief das Mädchen und hoffte insgeheim, er täte es nicht, denn in ihm fühlte es sich warm und gemütlich an.
Doch der Zackenbarsch schwamm zurück ans Land, weil er nicht wollte, dass sich jemand vor ihm fürchtete. Dort kroch das Mädchen hinaus aus dem Bauch und kletterte auf das Eis. So einfach lässt er mich gehen, dachte es bekümmert. Aber kein Wunder, dachte es weiter, das geschieht einem, wenn man herzlos ist.

Der Zackenbarsch betrachtete sie und er sah traurig aus. Das Mädchen stand zitternd am Ufer und der Himmel wurde langsam heller.
Einmal noch hob er an zu sprechen, um sie zu behalten, denn sie gefiel ihm wirklich gut.
„Wir sind wie Nebelschwaden, Schatten in der Dämmerung der Zeit. Wir verschwinden, wenn die Sonne aufgeht. Es wäre schöner, wenn du bei mir wärst.“
Was redet er für seltsames Zeug, dachte das Mädchen, denn es verstand seine Worte nicht. „Verschwinde jetzt“, schrie es wütend und schleuderte ihm den Schlüssel gegen sein Maul. Da brach einer der spitzen Zähne, flog blitzschnell zu dem Mädchen zurück und schnitt ihm den Brustkorb auf. Erschrocken blickte es zu der Stelle, fasste dorthin, fühlte es, spürte den kräftigen, tuckernden Schlag. Tief in ihrer Brust pochte ein kleines Herz.
Die ersten Strahlen der Morgensonne schienen über die weiten Eisflächen, ließen sie glitzern und funkeln. Der Zackenbarsch aber war verschwunden.