Ovid

Heute geht es mal weniger um Mythen und Götter als vielmehr um einen Menschen, der vieles davon aufgeschrieben hat.

Sein Name war Publius Ovidius Naso und gerade bei letzterem Namen fragt man sich – zu Recht –, ob er ihn aufgrund seiner Nase bekommen hat.

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Ovid wurde 43. v. Chr. in Sulmo (ca. 100 km entfernt von Rom) geboren, er starb – wahrscheinlich – im Jahr 17. n. Chr. in Tomis. Seine Eltern gehörten dem Ritterstand an und Ovid wurde eine klassische Ausbildung zuteil, die unter anderem auch Bildungsreisen nach Griechenland beinhalteten.
Eigentlich sollte er wohl eine eher politische Laufbahn einschlagen, aber die Liebe zu den Worten führte ihn schnell in den Autorenkreis rund um den reichen Kunstpatron Messalla (Marcus Valerius Messalla Corvinus).
Mit etwa 35 Jahren war er, nach der Veröffentlichung seines Werkes „Amores“ einer der meistgefeierten Dichter des antiken Roms.

Die Autoren damals schrieben nämlich keine Prosa sondern Verse, – also Dichtung. Diese Gedichte reimten sich aber nicht wie bei uns heute, sondern wurden in einer Art Singsang vorgetragen. Wie das klingt, kann man ganz wunderbar in diesem Video hören, das die lateinische Metrik (bzw. einen Teil davon, das sogenannte „elegische Distichon“) thematisiert. (Ich komm übrigens auch drin vor, -mit dem Käpppi der 10. Saturnalien. 🙂 )

Der Ganam-Style-Song thematisiert den Anfang der Amores, in dem Ovid beschreibt, dass er eigentlich im sogenannten Versmaß Hexameter dichten wollte – und zwar Kriegsgeschichten – , dann aber Cupido kam (also Amor) und ihm einfach einen Fuß vom letzten Vers geklaut habe. So entstand – laut Ovid – der Pentameter.
Hexameter und Pentameter ergeben im Wechsel das „elegische Distichon“, das typisch ist für die römische Liebeslyrik. – Danke Cupido! 😉

Ovids Werke haben die gesamte europäische Literatur irgendwie beeinflusst, darunter auch so berühmte Leute wie z.B. Shakespeare – man denke z.B. an den “Mitsommernachtstraum”. Auch sein Gönner Messalla wurde im 17. Jahrhundert noch auf der Giebelfassade des Palastes der polnischen Adelsfamilie Krasinski verewigt. Messalla war sowohl ein Förderer der Künste als auch jemand, der sich in der Politik und im Krieg hervorgetan hatte. Im Kreis um Messalla fanden sich so bekannte Persönlichkeiten wie Horaz (Carpe Diem) oder Tibull. Bevor Ovid ein berühmter Dichter wurde, befand sich das Römische Reich eigentlich permanent in irgendwelchen Aufständen und/oder Bürgerkriegen, die erst 31. v. Chr. in der Schlacht bei Actium ihr Ende fanden. Ovid war damals erst 12 Jahre alt.

Selfhtml Mittsommernachtstraum. By Fuseli, Henry, 1741-1825, artist. Simon, John Peter, 1764?–c.1810, engraver. – Library of Congress[1], Public Domain, Link

Selfhtml Messalla Relief. By MMOwn work (Original text: Self made photo), Public Domain, Link

Ovids Förderer Messalla war eigentlich ein Befürworter der Republik, also jemand, der sich für eine weitgehend demokratische Ordnung einsetzte und dafür kämpfte, allerdings wechselte er irgendwann die Seiten und unterstützte Kaiser Augustus, für den er auch den Titel „pater patriae“ (Vater des Vaterlandes) ersann.
Die, die damals miteinander kämpften, kann man grob in zwei Gruppen einteilen: die einen wollten mehr Mitbestimmungsrecht für das Volk (Populare), die anderen wollten die bestehenden politischen Institutionen so beibehalten (Optimaten). Raus kam dann, nach einigem Hin und Her, was ganz Neues.

Selfhtml Kaiser Augustus. By Alexander Z.Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Augustus war jemand, der sich in direkter Nachfolge von Gaius Iulius Caesar sah (er war auch sein Adoptivsohn). Er erfand das Kaiseramt sozusagen und erschuf damit eine Art Ehrenamt, um an seinen Adoptivvater zu erinnern (der Begriff Kaiser leitet sich ab von „Caesar“). Er machte es so: die Strukturen der Republik (Senat, Volksversammlung, Magistraten) ließ er bestehen, besetzte aber alles mit seinen eigenen Leuten. Es führt nicht zu weit zu behaupten, dass Augustus im Prinzip eine Diktatur errichtete.
Allerdings eine Diktatur, die – nachdem ein paar Köpfe rollten – den Römern eine lange Friedenszeit brachte. Man sprach schon damals von der sogenannten „pax augusta“, dem Augustusfrieden.

Selfhtml Augustusbogen in Rimini. Ältester erhaltener Triumphbogen, (ca. 27. v. Chr.) By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – Arch of Augustus at Ariminum, dedicated to the Emperor Augustus by the Roman Senate in 27 BC, the oldest Roman arch which survives, Rimini, Italy, CC BY-SA 2.0, Link

Ovid also blieb vom Krieg – anders als viele römische Autoren vor ihm – weitgehend verschont und konnte sich voll und ganz seinem literarischen Schaffen widmen. Zumindest bis zu dem Tag, als er mit dem Diktatorenkaiser aneinander geriet.

Zuvor jedoch hielt er sich nicht nur im Dichterkreis und Messalla auf, sondern es gab noch andere Autorengruppen in Rom, die unterschiedliche Förderer hatten, so auch jemanden mit dem Namen „Maecenas“ (Gaius Cilnius Maecenas, auch Mäcenas).  Sein Name hat die Jahrhunderte in etwas abgewandelter Form überdauert, nennt man doch noch heute einen Kunstförderer auch „Mäzen“. Maecenas war ebenfalls politisch unterwegs, kämpfte in vielen Schlachten und beriet dann in seinen letzten Lebensjahren den jungen Kaiser Augustus in politischen Fragen.

Kaiser Augustus ist übrigens der Kaiser, von dem auch in der Weihnachtsgeschichte die Rede ist, die man jedes Jahr in der Kirche hört, sofern aus dem Lukasevangelium vorgelesen wird. Ich zitiere:

„1 Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war. 3 Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.
4 Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5 auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ward schwanger.“ (Lk 2, 1-5)

Selfhtml Allerdings dauert es von da an noch 300 Jahre, bis sich das Christentum in Rom etabliert. By Unknown Master, Bohemian (active around 1430 in Vyssi Brod)Web Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link

Die Zeit um das Jahr 0 war also in vielerlei Hinsicht besonders. Historisch, politisch, religiös … und eben auch kulturell-künstlerisch. Das sieht man auch mit Blick auf folgende, die Zeit überdauernde, Zitate:

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. +++ Gut Ding will Weile haben. +++ Im Dunkeln ist gut munkeln. +++ Steter Tropfen höhlt den Stein. +++ Doppelt hält besser. +++ Gegen die Liebe ist kein Kraut gewachsen. +++ Wie du mir, so ich dir. +++ Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. +++ Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. +++ Jedes Ding hat zwei Seiten. +++ Aller Anfang ist schwer. +++ Einmal ist keinmal. +++ Man muß das Eisen schmieden, solange es heiß ist. +++ Was lange währt, wird endlich gut. +++ Nachts sind alle Katzen grau. +++ Von nichts kommt nichts. +++ Wehre den Anfängen! Zu spät wird die Medizin bereitet, wenn die Übel durch langes Zögern erstarkt sind. Quelle: https://www.aphorismen.de/suche?f_autor=2850_Ovid (Seite 1ff.)

Ich war selber ein wenig überrascht, als ich es entdeckte, denn: alle diese – ich sage jetzt mal etwas salopp – „Binsenweisheiten“ stammen von Ovid. Wer bei Facebook ist, wird ein paar davon in den letzten Tage auf meiner Seite gelesen haben.

Die Sinnsprüche entstammen natürlich seinen literarischen Werken, die sich in drei relativ klar voneinander getrennte Phasen einteilen lassen, die sich sogar reimen: 1. Liebe, 2. Sage, 3. Klage.

Zur Liebesdichtung gehören die oben erwähnte „Amores“, darin geht es um Liebe und was dieses Gefühl mit einem macht, dann die „Ars Amatoria“, ein etwas praktischeres Werk – z.B. wie man ein Mädchen für sich gewinnt -, die „Remedia Amoris“, Heilmittel und Tipps gegen Liebeskummer, und auch solche lustigen Titel wie „De Medicamine Faciei“ – ein Buch über Schönheitsmittel. Er schreibt in dieser Phase auch fiktive Liebesbriefe antiker Heldinnen, z.B. Dido (Freundin von Aeneas), Penelope (Frau von Odysseus) und anderen … Ein Welt-Reporter betitelte Ovid jüngst als “Roms-Sex-Experten”, womit er vielleicht sogar Recht haben könnte. Ich verlinke euch den Artikel unten.

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By Kempffer – http://gso.gbv.de/, Public Domain, Link

Zur Sagendichtung gehörten vor allem die Metamorphosen, ein sehr großes, umfangreiches Werk mit vielen Bezügen zur Weltentstehung und Mythologie (aus dem ich übrigens auch für Amor und Psyche schöpfe) und die Fasti, – ein römischer Erklärtext zu den zahlreichen Feiertagen, inklusive mythischen Erläuterungen.

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Hier erschaffen Deukalion und Pyrrha nach einer Sintflut gerade neue Menschen. (Metamorphosen, Buch 1) By Scan by Hans jean paul gautier – http://www.latein-pagina.de/ovid_illustrationen/virgil_solis/buch1/vs1_11.htm (see main page), Public Domain, Link

In der letzten Phase, der Klagephase, schrieb Ovid angeblich aus seinem Exil in Tomis, wohin er von Augustus verbannt wurde. Angeblich, denn die neuere Forschung geht davon aus, dass diese Verbannung möglicherweise reine literarische Fiktion war, dass Ovid also gar nicht verbannt wurde.
In den Tristien (Tristia), beschreibt Ovid nämlich die Geschichte eines verbannten Dichters, der Geschichten schreibt. (Schon wieder so ein wenig mise-en-abym-mäßig hier.) Es finden sich auch traurige Briefe, in denen er wieder und wieder betont, wie sehr er Rom vermisst. – Aber ob er wirklich verbannt wurde, wird diskutiert.

Sollte es so gewesen sein, dann ist Ovid hier gelandet.

Konstanza, eine Stadt im heutigen Rumänien, hieß damals noch Tomis und liegt laut GoogleMaps 1709 Kilometer und 321 Stunden Fuß- und Schwimmweg von Rom entfernt. (Mit Schwimmen wahrscheinlich noch längern.)

Es wäre auf jeden Fall ein tragisches Schicksal gewesen, … fernab von Frau, Tochter, Enkelkind(ern), Freunden und der pulsierenden Metropole Rom.

Selfhtml Ovids Verbannung. Turner 1838. By J. M. W. Turner – The Athenaeum (http://www.the-athenaeum.org/art/detail.php?ID=21466), Public Domain, Link

Apropos Frau:
Ovid war drei Mal verheiratet.
In Bezug darauf und mit Blick auf sein Werk kann man wohl behaupten, dass er ein sehr lebensfroher und umtriebiger Mann gewesen sein muss, der auch nicht allzu viel auf Anstand und Moral gegeben hat.

In seinen Liebesbüchern ist immer wieder die Rede von Ehebruch und davon, dass das alles halb so wild sei, wenn man sich nur wirklich liebt. Die Texte, die Ovid schrieb, führten unter anderem auch dazu, dass im – doch eher prüden?- 16. Jahrhundert dieser recht freizügige Holzschnitt mit dem Titel „Ovid und Corinna“ erschien. Corinna ist die Liebste, um die das lyrische Ich (möglicherweise identisch mit Ovid?) in den Amores wirbt.

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Möglicherweise war also Ovids lockere Einstellung Augustus ein Dorn im Auge, der zur Zeit seiner Herrschaft die Ehegesetze verschärfte. Augustus führte nämlich eine „Ehepflicht“ ein. Alle Eheleute mit Kindern wurden begünstigt (zum Beispiel kamen sie schneller in wichtige Ämter). Wer nicht verheiratet war, musste Gebühren bezahlen. Grund dafür war, dass nur eheliche Kinder im Römischen Reich in der Armee tätig sein durften und Augustus brauchte zur Sicherung seiner Herrschaft frische Soldaten.

Was genau dann zur Verbannung von Ovid führte – so es denn geschehen ist – bleibt  vage. Mag sein, dass es (auch) an seinem freizügigen Schreiben lag, Ovid selbst deutet an, dass er etwas gesehen habe, das er nicht hätte sehen dürften.
Ungefähr zeitgleich mit Ovid wurde auch Julia, eine Enkelin von Augustus, verbannt, da sie Ehebruch begangen hatte. In diesem Zusammenhang ist auch von einer Verschwörung gegen den Kaiser die Rede, von der Ovid möglicherweise wusste. Trotz oder gerade wegen all seiner Liebeslyrik war Ovid jemand mit klaren Vorstellungen und ein guter Menschenkenner, was die abschließenden, eher unbekannten Zitate eventuell verdeutlichen:

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Wenn einer Geld hat, darf er so dumm sein, wie er will.
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Auch wenn es dich empört: Das unerlaubte Vergnügen macht Spaß.
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Das Geben erfordert Verstand.
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Aus schlaffem Bogen fliegt kein Pfeil.
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Die Last wird leicht, wenn mit Geschick man sie trägt.
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Was sich nicht abbürsten läßt, muß man abstreicheln.
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Einst waren Geist und Talent mehr wert als goldene Münze; nichts zu besitzen ist heute die größte Geschmacklosigkeit.
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An Versprechungen ist jeder so reich, wie er will.
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Entferne die Hoffnung aus dem Herzen des Menschen und du machst ihn zum wilden Tier.
+++

Heimlich und hastig entrinnt uns unbemerkt flüchtig das Leben – schneller ist nichts als die Jahre. Wir aber dachten, es wäre noch soviel Zeit.

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Gesetze wurden gemacht, damit der Stärkere seinen Willen nicht in allen Dingen durchsetzt.
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Wir loben die gute alte Zeit, leben aber gerne in der Gegenwart.
+++
Wenn Jupiter seine Blitze schleudern würde, sooft die Menschen sündigen, dann wäre er in kurzer Zeit ohne Waffen.
+++
Ein Schiffbrüchiger hat Angst auch vor ruhiger See.
+++
Die Realität hilft mir nicht immer, aber die Hoffnung.
+++
Der Arme liegt überall am Boden.
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Welches auch die Gaben sein mögen, mit denen du erfreuen kannst, erfreue.
+++
Es herrscht nun wahrlich das goldene Zeitalter, die meiste Ehre gehört dem Gold, mit Gold verschafft man sich Liebe.
+++
Es bleibt der Weg durch den Himmel; durch den Himmel zu gehen werden wir versuchen!
+++
Gib deinem leeren Geist eine Aufgabe, die ihn packe!
+++
Tugendhaft ist die Frau, die man noch nicht gefragt hat.
+++
Das arme Menschenherz muß stückweis’ brechen.
+++
Das ist Genuß, wenn zugleich Mann ihn empfindet und Weib.
+++
Es müssen sich nicht alle heiraten, die einmal zusammen gähnen.
+++
Erst mach dein Sach, dann lach.
+++
Gleiche Rechte, gleiche Pflichten.
+++
Mancher hat die Einsicht, aber keine Aussicht.
+++
An der einen Seite zieht mich die Liebe, an der anderen die Logik.
+++
Die Seelen kennen keinen Tod; so oft sie ihren Sitz verlassen,
nehmen neue Wohnungen sie auf.

Quelle: https://www.aphorismen.de/suche?f_autor=2850_Ovid (Seite 1ff.)

Weiterführende Links:

Ovid, der “Sex-Experte”: https://www.welt.de/geschichte/article155205238/Roms-Sex-Experte-stieg-sogar-Kaisers-Tochter-nach.html

2017 ist das 2000ste Todesjahr von Ovid. Daher möchte ich noch auf folgenden Artikel aufmerksam machen, der einen guten Einblick gibt in das Thema meines Blogbeitrages am nächsten Donnerstag: Woher kommt eigentlich das Wissen über die Antike?

http://www.sueddeutsche.de/kultur/jahre-wiederentdeckung-von-de-rerum-natura-feiert-lukrez-statt-luther-1.3723464

Folgende Blogbeiträge des Lehmofens streifen Ovid:

https://lehmofen.wordpress.com/2017/10/12/kybele/

https://lehmofen.wordpress.com/2017/09/21/cardea/ (!!!)

 

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Die Lupercalien

Bereits ein paar Tage vor dem Fest der Bacchanalien, nämlich am 15. Februar, feierten die Römer die sogenannten Lupercalien, ein Reinigungs- und Fruchtbarkeitsfest.

Die Feier fand statt in einer Art Grotte/Höhle – einem sogenannten „Lupercal“- auf dem/in dem römischen Hügel Palatin, von dem man aber heute nicht mehr genau weiß, wo es sich befand und wie es aussah. Allerdings könnte es Ähnlichkeiten mit diesem Gebilde hier, einem Nymphäum, gehabt haben, wobei es wahrscheinlich noch tiefer im Gestein verborgen war.

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Möglicherweise handelt es sich bei dieser im Jahr 2007 entdeckten, reich geschmückten Höhle um das Lupercal, – das ist aber noch nicht abschließend erforscht.

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Im Begriff Lupercalien steckt das lateinische Wort Lupa, zu Deutsch: „Wölfin“ (bzw. lupus = Wolf). Die Wölfin hatte für Rom eine besondere mythische Bedeutung, war sie doch das Tier, das den Gründer der Stadt Romulus gesäugt hatte, – und natürlich auch seinen später unwichtigen, da ermordet-toten Zwillingsbruder Remus.

Selfhtml Romulus und Remus und die Wölfin. By Benutzer:Wolpertinger on WP de – Own book scan from Emmanuel Müller-Baden (dir.), Bibliothek des allgemeinen und praktischen Wissens, I, Deutsches Verlaghaus Bong & Co, Berlin-Leipzig-Wien-Stuttgart, 1904. Image copied from de:Bild:Kapitolinische-woelfin 1b-640×480.jpg, Public Domain, Link

Der Ablauf des Festes begann mit verschiedenen Bocksopfern, deren Blut und Fell von jungen, lachenden Männern benutzt wurden, die sich in einer Zeremonie – ausgeführt durch den sogenannten „flamen dialis“ (Jupiter/Zeus Oberpriester) und den Vestalinnen (Priesterinnen der Göttin Vesta)- damit bemalten und bekleideten (blutiger Lendenschurz … nun ja) und durch die römischen Straßen zogen. Dabei stellten sich ihnen gerne verheiratete Frauen in den Weg und ließen sich von sogenannten „Fellriemen“ (also abgeschnittenen, dünnstreifigen Teilen der frisch gehäuteten Böcke) auf die Hände schlagen, da dies angeblich Glück in der Ehe brachte.
Man fragt sich, was für eine Crux diese Ehe sein muss, wenn einem nur gehäutete Schafsbockriemen dabei Glück bringen können. 😉

SelfhtmlBy Andrea Camasseihttp://www.museodelprado.es/imagen/alta_resolucion/P00122.jpg, Public Domain, Link

Ein „Bock“ ist übrigens per definitionem das männliche Tier von Ziege, Schaf und/oder Reh. – Bei den Lupercalien wurden aller Wahrscheinlichkeit nach Ziegen geopfert.

Das Fest war wohl ein sehr beliebtes Spektakel bei den Römern, denn es konnte erst im 5. Jahrhundert nach Christus – als letztes heidnisches Fest – von der christlichen Kirche (die sich ab dem 3. Jahrhundert in Rom etablierte) verboten werden.

Die Lupercalien hatten, wie kann es anders sein, einen antiken Vorläufer in Griechenland, die sogenannten Lykaien, von lykos = Wolf. Es gibt noch heute den Berg/Hügel, auf dem sie angeblich stattgefunden haben, den Berg Lykaion in Arkadien, – natürlich in Griechenland lokalisiert.

SelfhtmlBy Danno1Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Über die Lykaien weiß man noch weniger als über die Lupercalien. Es ist auf jeden Fall die Rede von Kannibalismus und jungen „Werwolf“-Männern, und auch  – laut Platon – von Menschenopfern.

Das Fest der Lykaien geht zurück auf einen Mythos, der von einer kannibalistischen Opferungsgeschichte handelt, von der mehrere Varianten vorliegen.

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By Hendrik Goltziushttp://instruct1.cit.cornell.edu/courses/shum404/gallery.htm, Public Domain, Link

Wie man auf dem Bild sehen kann, geht es ums Essen (Tisch), um die Verwandlung in einen Wolf (ganz rechts) und um Zeus/Jupiter, den Göttervater, (ganz links). In allen überlieferten Varianten setzt Lycaon, König der Arkadier, den Göttern Menschenfleisch zum Essen vor und denkt, sie merken es nicht. Tun sie aber doch und dafür wird Lykaon zur Strafe in einen Wolf verwandelt. In manchen Varianten ist das Essen sogar sein eigener Sohn, in manchen Varianten der Sohn von Zeus/Jupiter und Kallisto – ein junger Bursch´ namens Arcas.

Die Geschichte dieses Jungen namens Arcas verdient ebenfalls eine nähere Betrachtung.

Selfhtml By Peter Paul RubensOwn work, Elinore, 2015-07-09 00:11:01, Public Domain, Link

Auf diesem Bild sehen wir zwei Frauen: Kallisto und … Jupiter.
Jupiter hatte sich in eine Frau verwandelt, um Kallisto zu verführen. Die gehörte nämlich zur Nymphenschar von Diana und war so gar nicht interessiert an Männern. Allerdings mochte sie Diana wohl ganz gerne, so dass Jupiter sich entschied, ihr in dieser Gestalt zu begegnen und so auch erfolgreich bei seinen Annäherungsversuchen war.
Beide bekommen dann ein Kind, den bereits erwähnten Arkas, was der Vater von Kallisto – namentlich unser wolfiger Lykaon – dann Jupiter ins Essen mixt. (In dieser Version also Jupiters Kind und Lykaons Enkel.)
Lykaion wird dann, wie gesagt, zur Strafe in einen Wolf verwandelt, Arkas allerdings wird von Jupiter wieder zum Leben erweckt und entwickelt sich zu einem geschickten Jäger.
Allerdings jagt er eines Tages seine eigene Mutter Kallisto, die zuvor von Juno/Hera (der Ehefrau Jupiters/Zeus´) aus Eifersucht in einen Bären verwandelt wurde.
Damit es nicht zum Schlimmsten kommt, setzt Jupiter sowohl Arkas als auch Kallisto als Sternenbild an den Nachthimmel, und dort sind sie noch heute.

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Von Till CrednerEigenes Werk: AlltheSky.com, CC BY-SA 3.0, Link

Die Indianer sahen in dem Sternbild übrigens ebenfalls einen Bären, die Kirgisen einen bzw. mehrere Wölfe. Im Alten Ägypten war das Sternbild als „Schenkel des Seth“, Gott des Chaos und Verderbens, bekannt.

Interessant ist an dieser Stelle ein Blick in den ägyptischen Mythos von Seth. Es ist nämlich eine Kampfgeschichte: Horus (Lichtgott) gegen Seth (Onkel von Horus), ein Motiv (Götterkampf), das wir im Ansatz schon im Beitrag über Saturn kennegelernt haben. Die Geschichte hat als Motiv u.a. auch Homosexualität (gerade thematisiert bei Jupiter-Kallisto/Sternbild) und einige sehr verwirrende Elemente. Ich zitiere:

„Horus fing jedoch den Samen des Seth auf und brachte ihn seiner Mutter Isis. Diese schnitt ihm daraufhin die Hand ab und warf sie ins Wasser. Doch anschließend ließ Isis die Hand des Horus wieder nachwachsen und benutzte nunmehr den Samen des Horus für eine List, in dem sie ihn auf die Lattiche goss, die Seth täglich aß. Dadurch wurde Seth nun unwissentlich geschwängert.“ Quelle

(Ich kenn ja ein paar krude Mythen, aber WHAT THE FUCK?????) 🙂

Selfhtml Seth. By NeithsabesOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Die Lupercalien als Fest bezogen sich auch auf eine Gottheit, nämlich den Gott Faunus, der für Natur, Hirten, Bauern und Äcker verantwortlich war.
Faunus Gattin Fauna wird bisweilen mit Bona Dea identifiziert. Faunus selbst galt als „Wolfsabwehrer“, später wurde er dann zu einer Art lüstern-charmantem Waldgreis – ähnlich einem Satyr. Im Griechischen entspricht ihm Pan.

Selfhtml Pan. By Arnold Böcklin – 1. artonline.it2. echos-de-mon-grenier.blogspot.de, Public Domain, Link

SelfhtmlBy Annibale CarraccinAHM7NeACl7Xpg at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Übrigens, der oben erwähnte Lykaion (der König, der Kinder verfüttert und dann in einen Wolf verwandelt wird), ist der Sohn von König Pelasgos, der in manchen antiken Quellen gar als eine Art „Adam“ (bzw. erster Mensch) daher kommt.
König Pelasgos hat den Menschen angeblich die Landwirtschaft beigebracht und sie davon überzeugt nur gesundes Zeug zu essen. Außerdem gibt es ein Stück von Aischylos über ihn, das wie ein Spiegelbild zum „Raub der Sabinerinnen“ wirkt, zumindest, wenn man dem grundlegenden Erzählstrang folgt.
Die Sabinerinnen, wir erinnern uns, wurden von den Römern so mehr oder weniger gekidnappt, weil sie gerne auch ein paar Frauen und nicht nur Krieger sein wollten.

Aischylos nun schreibt (noch zeitlich vor der Geschichte mit den Sabinerinnen übrigens) ein Stück mit dem Namen „Danaiden“ oder „Die Schutzflehenden“.

SelfhtmlBy Auguste Rodin, French, 1840 – 1917.Own work by Ad Meskens., CC BY-SA 3.0, Link

Die Danaiden kommen zu König Pelasgos, oder besser gesagt, sie fliehen vor einer Zwangsheirat mit ihren Vettern. König Pelasgos ist hin und hergerissen zwischen der Gefahr eines Krieges und seinem Gewissen, denn er müsste „Schutzflehenden“ eigentlich Gastfreundschaft und Schutz anbieten. Sofern ich die Geschichte richtig verstanden habe, erhalten die Danaiden am Ende der Erzählung diesen Schutz.

Aber.

Was ein wenig verrückt anmutet ist Folgendes.
Es gibt einen sehr alten Ausdruck namens „Danaiden-Arbeit“. Der eine sehr anspruchsvolle und mühevolle (und sinnlose) Arbeit bezeichnet, wie zum Beispiel die auf dem Bild unten gezeigte: Wasser in einen hohlen Kessel schütten.
Wie passt das mit der Geschichte von Aischylos zusammen?

Selfhtml Waterhouse, The Danaids. Von John William Waterhousehttp://www.art-reproductions.net/images/Artists/James-Waterhouse/The-Danaides.jpg, Gemeinfrei, Link

Die Autoren, auf die die etwas andere Art der Danaiden-Geschichte zurückgeht, sind ein wenig jünger als Aischylos.
Auffällig ist, dass diese jüngeren Autoren die Danaiden als Mörderinnen ihrer Ehemänner darstellen, die dann ebenfalls nach Griechenland fliehen, aber zur Strafe im Tartaros Wasser in hohle Kessel füllen müssen.

Selfhtml Die Danaiden töten ihre Männer. By Robinet Testardhttp://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b10532597d/f346.item, Public Domain, Link

Besonders spannend wird es, wenn man sich bei diesen Autoren die Namen der – angeblich – 50 Danaiden durchliest. Darunter sind nämlich so bekannte Namen wie Kleopatra, Philomela, Skylla … (gut, manche sind nicht sooo bekannt, aber für Antike-Kenner durchaus mal schon so vom Hörensagen zumindest). 😉
Ich belasse es aber erstmal dabei, der Artikel dreht sich ja um das schöne Wolfsfest.

Selfhtml Evander. By Published by Guillaume Rouille (1518?-1589) – “Promptuarii Iconum Insigniorum”, Public Domain, Link

Evander (Euandros; Evander von Pallantion (Stadt)), war ein Königssohn aus Arkadien, dem in manchen Mythen sogar göttliche Abstammung zuteil wird (Sohn von Hermes/Merkur, Botengott und der Nymphe, bzw. späteren Göttin Carmenta (carmen, inis n. = Gedicht)). Einige Quellen nennen ihn auch als (Mit)Gründer der Stadt Rom, die ja heute noch einen Hügel hat (Palatin), der augenscheinlich Ähnlichkeit mit dem Namen und der Herkunft Evanders aufweist (siehe: “Pallantion”).
Darin steckt etymologisch ein und dasselbe, mythisch sehr faszinierende, Wort, vermute ich zumindest, nämlich: „PALLAS“. Das wiederum bedeutet „Kriegerin“ und ist auch in “Pallas Athene” enthalten.

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By Bartholomeus Spranger[1], Public Domain, Link

Pallas und Athene waren ursprünglich zwei voneinander unterschiedene Geschöpfe.
Sie mochten sich und kämpften bzw. übten ab und zu miteinander, was Jupiter/Zeus (der Vater von Athene) in große Sorge versetzte. Er entschied sich, seine Tochter zu schützen und griff in den Kampf ein – und zwar mit einem Ziegenfell, also ein Bocksfell, wie es bei den Lupercalien zerschnitten wurde(!) -, das über einen Schild gespannt war.
Diesen Schild nannte man “die Aigis” und er wurde häufiger dafür verwendet, wenn die Götter jemanden schützen wollten. – Vom Motiv „Schutz“ war ja auch bei den Danaiden schon die Rede.
Bei Pallas und Athene erwies sich dieser Schutz aber als nutzlos. Pallas starb und seither trägt Athene ihren Namen.

In vielen Quellen gilt Evander als Stifter und Gründer der Lupercalien. Der damalige König Faunus (ist die Namensgleichheit mit dem Gott Faunus ein Zufall?) hatte Evander das Gebiet des Palatin geschenkt, auf dem er dann seine Stadt gründete. Das alles soll übrigens einige Jahrzehnte vor dem Trojanischen Krieg geschehen sein.

Selfhtml Carmenta. Von Published by Guillaume Rouille (1518?-1589) – “Promptuarii Iconum Insigniorum”, Gemeinfrei, Link

Über Evanders Frau (bzw. Mutter, wie sie in einigen Quellen auch bezeichnet wird) kann man folgendes lesen:

„Die römischen Frauen feierten ihr zu Ehren am 11. und 15. Januar das Fest der Carmentalia. In der Nähe der nach ihr benannten porta Carmentalis befanden sich zwei Altäre, an denen ihr geopfert wurde. Der jüngere dieser Altäre wurde gestiftet, nachdem den Matronen seitens des Senatsdie Benutzung von Wagen (carpenta)verboten worden war. Sie reagierten mit Entzug des ehelichen Geschlechtsverkehrs, bis das Verbot wieder aufgehoben wurde. In der Folge kam es zu einem reichen Kindersegen, für den die Frauen zu Ehren der Carmenta einen Altar errichteten.
Der spätere Mythos machte sie zur Mutter des Euandros und sie wurde mit dessen anderen Müttern gleichgesetzt, mit Themis und Tyburs, der Stadtgöttin von Tibur, vor allem aber mit Nicostrata (altgriechischΝικοστράτη Nikostrátē). Nur Plutarch sah sie als Gattin des Euandros. Als dessen Mutter wurde Carmenta in die Legendenbildung um die Gründung Roms aufgenommen. Sie soll mit Euandros den Palatin erstiegen haben. Dabei kam ihr die Vision der späteren Stadt Rom. Als sie ein Alter von 110 Jahren erreicht hatte, soll ihr Sohn sie getötet haben. Unterhalb des Kapitols errichtete er ihr den ersten Altar.“ Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Carmenta

In dieser Erzählung liegen bekannte Motive vor: „Kein Sex (wenn Krieg)“, kennt man schon aus Aristophanes noch heute gerne aufgeführtem Stück Lysistrata.
Der Muttermord ist vor allem ein Motiv in Aischylos´ Orestie. … Es wäre interessant, darüber nachzudenken, warum diese Mythen sich gerade in diesem Mythos wiederfinden, zumal es ja auch gerade bei Arkas um einen beinahe Muttermord geht, der von Jupiter durch die Erschaffung eines Sternbilds verhindert wird.

Historisch betrachtet lösten die Lupercalien die sogenannten Februalien/Februalia ab, ein wahrscheinlich noch älteres Reinigungsfest. Der Name unseres Monats Februar geht  darauf zurück.
Es ist fraglich, ob die Lupercalien auch etwas mit dem Valentinstag zu tun haben könnten. Zeitlich liegen/lagen beide Termine fast auf demselben Tag, zum Valentinstag ist allerdings zu sagen, dass dieser auf einen christlichen Bischof in Rom zurückgeht, der trotz des Verbotes (das Christentum war ja erst ab dem 3. Jahrhundert offiziell Staatsreligion und vorher wurden Christen in Rom verfolgt und getötet) christliche Liebespaare verheiratete.
Eine mögliche Verbindung könnte darin bestehen, dass auch bei den Lupercalien für „Glück in der Liebe/Ehe“ gesorgt wurde, durch eben diese abgeschnittenen und zerteilen Bocksfellriemen.
Gibt es eine schönere Art, seine Liebe zu zeigen??? 🙂

Anna Perenna

Anna Parenna ist eine eher unbekannte römische Göttin, die in einem kleinen Heiligtum an der Via Flaminia verehrt wurde. Daneben hatte sie auch ein Heiligtum auf Sizilien und in Rom selbst gab es einen Brunnen, an dem ihr zu Ehren Feste gefeiert wurden.

Der Urprung von Anna Perenna liegt im Dunkeln. Es könnte sich
1. um eine alte, etruskische Muttergöttin gehandelt haben,
2. vielleicht war sie (auch) die Schwester von Dido, einer karthagischen Königin,
3. oder es war eine ältere Frau, die sich während der römischen Ständekämpfe um die Plebejer (das einfache Volk) gekümmert hat – und deswegen von ihnen als Göttin verehrt wurde.

Daneben hat Anna Perenna auch viele Bezüge zu anderen Göttinnen, insbesondere der Mondgöttin Diana/Artemis.

Im Folgenden werde ich – ausgehend von den Feierlichkeiten für die Göttin – auf die möglichen Ursprünge Anna Perennas eingehen.

Via Flaminia

Teil der Via Flaminia, die Rom mit der Adriaküste verband. By No machine-readable author provided. Samba~commonswiki assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., Public Domain, Link

Brunnen Anna Perenna Opfergaben an die Göttin, gefunden im Brunnen. By Self-photographed by Szilas in the Museo Nazionale Romano – Terme di Diocleziano – Own work, Public Domain, Link

Anna Perenna Mögliches Profilbild der Göttin auf einer Münze (gefunden in Italien oder Spanien) 1. Jh. v. Chr. By Classical Numismatic Group, Inc. http://www.cngcoins.com, CC BY-SA 3.0, Link

Ob der heutige Brauch, Münzen in einen Brunnen zu werfen, wohl auf Anna Perenna zurück geht?
Neben diesen „Geldopfern“ sind auch Feste zu Ehren der Göttin bekannt.
Ihr Haupttag wurde im März gefeiert. Dabei floss angeblich Wein in Strömen und es gab derbe Witze und obszöne Lieder. Es war ein Fest für das einfache Volk, die sogenannten „Plebejer“, das in den Iden, also um Vollmond herum, gefeiert wurde.

Der römische Kalender (ein Mondkalender) hatte für jeden Monat bestimmte Termine:

Iden (Vollmond),
Kalenden (Neumond)
Nonen (zunehmender Mond)
Terminalien (abnehmender Mond)

Insgesamt gab es 13 Monate. Es waren mehrheitlich die uns heute noch bekannten, wenn auch mit teils anderen Namen, und ein 13. „Schaltmonat“ namens Mensis intercelaris oder – Plutarch folgend – Mercedonius. Die Einberechnung des Schaltmonates war äußerst kompliziert und fiel in Kriegszeiten teilweise aus. Normalerweise wurde in einem Zeitraum von acht Jahren drei Mal ein solcher Mercedonius „geschaltet“, er erschien dann zwischen Februar und März.
Umstritten ist, inwiefern der Schaltmonat auch Auswirkungen auf die Zinswirtschaft hatte. Möglich ist, dass in diesem Monat dann keine Zinsen fällig wurden. (Münzgeld – in einer Ausprägung, wie wir es heute kennen inklusive Verleih usw., trat übrigens erstmals im 3. Jh. v. Chr. flächendeckend (Griechenland, Rom, Persien, Indien) in Erscheinung.)

Wenn man sich den Hauptfesttag der Göttin ansieht, ist festzustellen, dass der erste Vollmond im Monat März zeitlich nah an der Frühlings-Tages und Nachtgleiche liegt. In einigen heutigen Kulturen (Iran u.a., Nouruz) wird der Beginn des Jahres an diesem Ereignis fest gemacht. Das neue Jahr beginnt also dann, wenn das „Licht“ (Tag) die „Dunkelheit“ (Nacht) gerade überholt. In unserer christlich geprägten Kultur hat sich dagegen der Zeitraum der Wintersonnenwende (die Tage werden wieder länger) um den 21./22. Dezember und darüber hinaus (also 1. Januar) als Jahresanfang durchgesetzt. Das lag unter anderem auch an den Römern, die im 2. Jh. v. Chr. beschlossen, das Amtsjahr im Januar beginnen zu lassen, wobei der offizielle Neujahrstermin noch im März lag.
Zuletzt gibt es noch weitere Möglichkeiten, das Jahr enden/beginnen zu lassen. Welcher Termin davon der „ursprünglichste“ war, lässt sich schwer ausmachen. Auffällig ist aber, dass sich gerade die jüngeren Termine eher von den kosmischen Ereignissen entfernt haben.

Bild mit verschiedenen Tag und Nachtgleichen Übersicht über Tagundnachtgleiche usw. Von Horst Frank aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, Link

solstice Hier eine Illustration zur Sonnenwende. CC BY-SA 2.0, Link

Aber wann auch immer das Jahr nun beginnen und/oder enden mag, fest steht folgendes:

Ende des Jahres Das alte Jahr ist dann Geschichte. By John T. McCutcheon – Cartoon by John T. McCutcheon, scanned from book “The Mysterious Stranger and Other Cartoons by John T. McCutcheon”, New York, McClure, Phillips & Co. 1905. Book reprints a collection of McCutcheon’s cartoons, some dating back a few years., Public Domain, Link

Festzuhalten ist, dass ähnlich der Entwicklung von „Erde“ und „Wind/Regen/Donner“ zu abstrakteren Versionen = Gottheiten, auch die Einteilung der Zeit in eine Phase mit „Anfang“ und „Ende“ eine Erfindung der Menschen ist, die sich im Laufe der letzten Jahrtausende entwickelt hat.

Ausgehend von der möglicherweise ursprünglichen oder ersten Vorstellung Gottes als „Erdenmutter“ und „Wettergott“, wäre es denkbar, dass auch die Einteilung des Jahres sich an dieser Idee orientierte.
Das alles ist sehr hypothetisch und spekulativ, aber es erscheint mir logisch, dass der für den frühen Menschen so wichtige Kreislauf von Aussaht, Regen/Befruchtung und Ernte als Grundstruktur der Zeiteinteilung diente.
Nimmt man die Vorstellung von antropomorphen Wesen wie „Wettergott“ und „Mutter Erde“ hinzu, die sich gegenseitig aneinander erfreuen, dann stellt sich eigentlich nur noch die Frage, wann „es“ eigentlich beginnt.
Beginnt das Leben mit der „Befruchtung“? = Jahresanfang im Frühling.
Beginnt das Leben mit der Rückkehr der Sonne, also mit der Ahnung von und Hoffnung auf „Befruchtung“? = Jahresanfang um die Wintersonnenwende.
Beginnt das Leben mit der Geburt? = Jahresanfang zur Erntezeit.
Oder ist gar schon der Frühling eine Art „Geburt“?

Also es gibt, wenn auch unterschiedlich interpretiert, grundlegende Gemeinsamkeiten in allen Kulturen der Welt was die Jahresanfänge anbelangt.
1. Die Orientierung an einem Zyklus von Werden und Sterben.
2. Die Einteilung dieses Zyklus in immer kleinere und genauere Zeitphasen.

Lebenskreis Kreis des Lebens. Bulgarien. By Edal Anton LefterovOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Kreis des Lebens Lebensrad. Nordindien. CC BY-SA 3.0, Link

Stonehedge Stonehedge. By Janßonius – Biblioteca Nacional de España, Public Domain, Link

Man bedenke, was aus den Windgöttern geworden ist.

Etruscan woman holding an egg Etruskische Frau, die ein Ei hält (Symbol für Fruchbarkeit und Wiedergeburt) By Anonymous (Etruscan)Walters Art Museum: Home page  Info about artwork, Public Domain, Link

Mit der Göttin Anna Perenna ist dieser Kreislauf eng verbunden. Denn ihr zweiter Name „Perenna“ leitet sich ab vom lateinischen Adjektiv „perennis“, das so viel bedeutet wie „jährlich wiederkehrend“. Wahrscheinlich handelt es sich bei ihr um eine etruskische Göttin, eine ältere Göttin also, als sie uns von den Römern bekannt sind, denn die Etrusker lebten bereits vor den Römern auf der italienischen Halbinsel und wanderten noch vor dem 1. Jahrtausend aus dem orientalischen Raum dorthin ein.

So wurde sie wahrscheinlich zunächst als klassische Muttergottheit verehrt und bekam im Laufe der Zeit dann andere Attribute zugeschrieben. Beispielsweise als „Retterin“ der Plebejer, die der Sage nach einst aus Rom auswanderten, weil sie keine Lust mehr hatten, für die reichen Patrizier dort zu arbeiten.
Der Bezug zu Didos Schwester ist insofern interessant, als dass etwa ab der Mitte des 1. Jahrtausends vor Christus männliche Gottheiten nach und nach den Glauben der Menschen dominieren. Ganz klar zu sehen in der Entstehung des Manichäismus, Mithraismus und Christentums um das 1. Jh. n. Chr.

Mithraism Mithras und der Stier. Public Domain, Link

Mani Mani, der Gründer des Manichäismus. Public Domain, Link

Jesus Jesus und vier Erzengel. By Internet Archive Book Imageshttps://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14742744896/Source book page: https://archive.org/stream/christianiconogr02didr/christianiconogr02didr#page/n89/mode/1up, No restrictions, Link

Die Geschichte von Dido – und Aeneas – repräsentiert nämlich auf verschiedenen Ebenen diesen Wandel im Denken weg von den Frauen hin zu den Männern.
Aeneas, als Stammvater der Römer, der aus Troja floh und auf Geheiß der Götter eine neue Heimat finden sollte, landete auf seiner Reise über das Mittelmeer eines schönen Tages in Karthago, der Hauptstadt des später mit Rom so verfeindeten Reiches. (Ab dem 3. Jh. v. Chr. drei Punische Kriege, Hannibal, – das ist alles historisch bezeugt und „korrekt“, also kein Mythos wie die Geschichte von Aeneas und Dido.)
Dort traf er auf die schöne Dido und verliebte sich unsterblich in sie.
Doch Aeneas war es nicht vergönnt, lange bei seiner neuen Liebe zu bleiben. Die Götter, namentlich der Botengott Merkur, forderten ihn auf, seine Reise fortzusetzen und sein Schicksal zu vollenden.
Was Dido daraufhin tat, ist sehr gut in dem unteren Bild zu erkennen.

Dido Dido ersticht sich. By Augustin Cayot (1667-1722)Marie-Lan Nguyen (2011), Public Domain, Link

Doch damit nicht genug. Wie oben bei der Skulptur zu erkennen, ersticht sich Dido, während sie auf einem „Podest“ aus Holz steht. Sie hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach zeitgleich verbrannt. Und zwar am Strand, wo Aeneas sie sehen konnte, während er mit seiner Mannschaft zur Küste Italiens zog.

Hier ein Bild aus glücklicheren Tagen:

Aeneas und Dido Aeneas und Dido begegnen sich zum ersten Mal. By Nathaniel Dance-HollandXQGCpNt3tbJiAw at Google Cultural Institute, zoom level maximum Tate Images (http://www.tate-images.com/results.asp?image=T06736&wwwflag=3&imagepos=1), Public Domain, Link

Gut zu sehen ist hier im Hintergrund Didos (linke Seite) ihre Schwester Anna. Die Anna, die also auch einen mögliche Gleichsetzung mit „Anna Perenna“ erfährt. Anna stand Dido immer zur Seite, riet ihr sogar zu der Beziehung mit Aeneas.
Nach Didos Tod muss Anna aus Karthago fliehen und wird nach einer längeren Odyssee über das Mittelmeer schlussendlich in eine Flussnymphe verwandelt.

Vielleicht geht es zu weit, wenn man behauptet, dass der Tod Didos mythisch eine Art „Endpunkt“ von Muttergottheiten darstellt. Dazu würde sich auch ein genauerer Blick auf Dido selbst lohnen, die ja hier eigentlich eher am Rande von „Anna Perenna“ auftaucht.

Wer möchte, findet einige Informationen dazu im wikipedia Artikel hier. https://de.wikipedia.org/wiki/Dido_(Mythologie)
Allerdings fehlt darin der Bezug zur karthagischen Religion, die übrigens schwierig zu rekonstruieren ist, da die Sieger über Karthago (also die Römer), natürlich nicht mit Verteufelungen über die Stadt sparten.
So könnte die Geschichte um Aeneas und Dido auch „nur“ beinhalten, dass Vergil (der Autor der sogenannten „Aeneis“) eine schöne Gründungsgeschichte und Lobhudelei auf Rom schrieb.

Aeneas selbst lebte auf jeden Fall glücklich und froh – und das auch mit mehreren Frauen.

Wohingegen z.B. Odysseus, ein anderer Mittelmeerreisender, dessen Mythos noch ein wenig älter ist (ca. 9. Jh. v. Chr.), trotz vieler Affären schlussendlich doch wieder zurück zu seiner Ehefrau Penelope fand.

Kreusa Aeneas mit seinem Vater Anchises auf dem Rücken (der die Hausgötter festhält), seinem Sohn Askanius im Vordergrund und Kreusa, seiner ersten Frau, die es leider nicht schafft, aus Troja zu fliehen. By Federico BarocciWeb Gallery of Art, Uploaded to en.wikipedia 03:45 28 Jul 2004 by en:User:Wetman., Public Domain, Link

Lavinia Aeneas römische Frau Lavinia mit ihrer Mutter Amata und Bacchantinnen. By Wenceslaus Hollar – Artwork from University of Toronto Wenceslaus Hollar Digital CollectionScanned by University of TorontoHigh-resolution version extracted using custom tool by User:Dcoetzee, Public Domain, Link

Odysseus und Penelope Als Odysseus von seiner Odyssee zurück kehrt, muss er erstmal die ganzen Freier beseitigen, die sich um seine Frau geschart hatten. Das waren noch Zeiten! By kladcatWoodcut illustration of Odysseus’s return to Penelope, CC BY 2.0, Link

Psyche und Proserpina

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Oder: was Proserpina zu Psyche sagt, als sie sich in der Unterwelt rumtreibt.

Ja, bald ist es fertig, denke ich. “Amor und Psyche”, ein schönes, kleines Büchlein mit derzeit schon 220 Normseiten Umfang. Es muss nur noch circa 1000 Mal überarbeitet werden, wie gehabt. Und deswegen werde ich, glaube ich, doch etwas Geld dafür nehmen. So 99 Cent sind bei gefühlt 10.000 Überarbeitungen und fast drei Jahren intensiver Arbeitszeit, glaube ich, okay.  😉

Ich sage Bescheid, wenn es soweit ist!

Liebste Grüße

Eure

Runa Phaino

Zeit für die Wahrheit

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Was ist das hier für ein Lärm!“, rief Venus. Ihr Schlüssel drehte sich im Schloss und sie betrat Amors Kinderzimmer. „Hör endlich auf, so einen Krach zu machen!“

Amor stürmte zur Tür und versuchte, sich an seiner Mutter vorbei zu schieben.

Venus verstellte ihm den Weg.

Lass mich, ich muss meine Liebste finden!“

Dazu besteht kein Anlass mehr. Sie ist hier.“

Hier?“ Wie im Namen aller Götter war Psyche in den Himmel gelangt?

Ja, du hast richtig gehört. Das Ding ist meiner Dienerin direkt in die Arme gelaufen. Und jetzt ist es im Kerker.“

Im Kerker?!“

Gewiss. Wo sollte es sonst sein?“

Im Kerker ist es dunkel und kalt … und es ist einsam dort! Lass mich zu ihr!“ Amor machte einen erneuten, verzweifelten Versuch, an seiner Mutter vorbeizukommen.

Kummer und Sorge sind bei ihr.“

Ma, das kannst du nicht machen!“, rief Amor entsetzt. „Sie hat genug gelitten!“

Und wie ich das machen kann!“, entgegnete Venus. „Dieses Ding hat dich übel verletzt. Kummer und Sorge werden sie lehren, was es heißt, meinen Sohn zu verraten!“

Ich habe ihr schon längst verziehen! Lass mich zu ihr!“

Damit sie dich wieder einwickelt? Ganz bestimmt nicht! Du legst dich jetzt sofort wieder ins Bett!“

Venus sah so entschlossen aus, dass Amor seine Wut unterdrückte und sich um einen ruhigen Tonfall bemühte.

Es ist alles halb so schlimm, guck nur, meine Verletzung ist geheilt.“

Die Wunde sieht noch ziemlich schlimm aus.“

Es ist nur ein kleiner Kratzer.“

Ein Kratzer, soso“, Venus rümpfte ihre schmale Nase. „Du konntest nicht einmal aufstehen die letzten Tage.“

Unruhig ging Amor im Zimmer auf und ab. Sollte er seiner Mutter sagen, was er dachte? Das, was er wirklich dachte?

Er hatte nichts zu verlieren.

Ma, bitte, ich will Psyche heiraten!“

Heiraten? Bist du übergeschnappt? Du bist noch ein Kind! Du treibst die ganze Zeit nur Unsinn – ja sogar mit mir, deiner eigenen Mutter! Und jetzt höre endlich auf, solche Forderungen zu stellen. Eher verstoße ich dich und suche mir einen anderen Sohn, dem ich deinen Bogen und deine Flügel schenke, als dass ich dich zu diesem Weibsbild lasse!“

Die meisten deiner Befehle habe ich ausgeführt, so wie du es wolltest. Und hast du nicht selber neulich noch gesagt, dass ich viel vernünftiger geworden wäre? Überlege mal, warum das so ist. Sie ist der Grund dafür. Psyche! Lass mich zu ihr!“

Amor war selbst ganz erstaunt über die vielen Argumente, die er seiner Mutter entgegenzusetzen hatte. Venus wirkte irritiert und so legte er noch einmal nach.

Ich bin kein Kind mehr! Ich bin dreihundert Jahre alt! Ich werde Vater! Ma, das musst du einsehen! Ich habe mich verliebt, unsterblich verliebt! Und ich will sie zurück, egal, was sie getan hat! Ich bin zur Vernunft gekommen! Siehst du das denn nicht?“

„Nein“, sagte Venus zu und lehnte sich an die Wand. „Die letzten Tage habe ich dich klagen gehört, habe dich weinen gehört … weinen! Das ziemt sich nicht für einen Gott. Es ist menschlich zu trauern. Nicht göttlich. Wir müssen über den Dingen stehen. Du bist zu weich geworden und diese Psyche trägt die Schuld daran. Ich als deine Mutter habe die Pflicht, dich wieder aufzupäppeln, dich an deine Ehre und an deinen Stolz zu erinnern. An deine Göttlichkeit!“

Bevor Amor zu einer Gegenantwort ansetzen konnte, wurde die Tür aufgerissen.

Dahinter standen Mars und Vulkanos, – und sie hatten Adonis im Schlepptau. 

Geschwisterliebe

Amor rätselte, warum Diana nicht Richtung Sonne fuhr. Dann sah er die weiß blitzende Bergspitze und ihm wurde klar, dass Diana den Olymp ansteuerte. Er wagte nicht zu fragen, warum.

„Raus mit ihm!“, befahl Diana ihren Nymphen. Die hoben Amor umständlich aus dem Wagen und stellten ihn auf seine Füße.
Apollo saß auf den marmornen Stufen vor Jupiters gewaltigem, schneefarbenen Palast. Er hatte den Kopf auf die Knie gelegt und seine Arme darum geschlungen. Der Sonnengott wirkte winzig klein.
„Guck, was du angerichtet hast“, zischte Diana. „Jupiter höchstpersönlich musste heute für ihn einspringen.“
Amor schluckte. „Kann ich mit ihm sprechen?“
Diana blitzte ihn böse an, nickte und löste seine Fesseln.
Amor ging langsam auf Apollo zu. Fieberhaft überlegte er, was er sagen sollte. Als er schließlich vor Apollo stand, brachte er kein Wort heraus.
Apollo blickte auf. Sah ihn aus rotgeränderten Augen an. Lächelte schwach. In der Hand hielt er einen kleinen Zweig.
„Äh, also ich …“, versuchte es Amor.
Apollo klopfte mit seiner Hand auf die Stufen.
„Soll ich mich setzen?“, fragte Amor.
Apollo nickte.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Und dann sagte Apollo einfach:
„Du hast gewonnen.“
„Wie bitte?“
„Ja, Kleiner“, sagte Apollo. „Du hast den Wettkampf für dich entschieden. Eindeutig.“
„Echt jetzt?“
„Mag mein Pfeil alles treffen, deiner traf mich. Wie du gesagt hast“, sagte Apollo. Er ließ den Zweig zwischen Daumen und Zeigefinger schnell drehen.
„Aber …“, Amor war verblüfft. „Du bist mir gar nicht böse?“
Apollo stand auf, straffte seine Schultern und räusperte sich. „Nun, ich verliere nicht gerne“, sagte er.
„Eigentlich“, sagte Amor. „Eigentlich hast du ja auch gewonnen, ich meine, den Mondhirsch hast du geschossen, – als Erster!“
„Stimmt“, sagte Apollo.
„Okay.“ Amor zwang sich ein Grinsen ab. „Also hast du gewonnen?“
„Sieht wohl so aus“, sagte Apollo und zeigte den Ansatz eines Lächelns. Aber seine Augen strahlten nicht.
„So!“, fuhr Diana dazwischen. „Hast du es ihm gezeigt? Oder muss ich das übernehmen?“
„Wir haben das geklärt, Diana“, sagte Apollo. „Es war nicht seine Schuld.“
„Oh doch!“, rief Diana aufgebracht. „Du wirst ihn nicht einfach davon kommen lassen!“
Apollo drehte sich zur Seite und blickte in den Himmel.
„Was meinst du, wann ist Vater wieder zurück? Ich vermisse meinen Wagen …“
„Lenk nicht ab! Dieser kleine Giftzwerg verdient eine Abreibung, die sich gewaschen hat! Hast du schon vergessen, wie es dir ging?“
Diana schien den „Lass gut sein. Ich will nicht darüber reden“-Blick von Apollo nicht zu bemerken. Unbeirrt fuhr sie fort: „Dieses „Ich bin ein Gott, der dich liebt“ und „liebste Daphne, erhöre mich“, und dann hast du ihr Allesmögliche versprochen und dann hast du angefangen zu weinen und dann hast du … “
„Hör auf, Diana!“, rief Amor. „Es tut mir leid! Ich bin schuld! Du hast Recht!“
„Ach ja, jetzt tut es dir also leid!“, fauchte Diana. „Als ob das reichen würde. Du wirst die Verantwortung übernehmen!“
„Diana, lass ihn“, sagte Apollo etwas lauter.
„Von wegen! Du hast gelitten wie ein Tier! Als ich dich heute Morgen fand, da konntest du kaum sprechen! Ich habe dir sogar verziehen, dass du meinen Mondhirsch getötet hast, so Leid hast du mir getan! Oh, mir wird richtig schlecht, wenn ich daran denke! Und jetzt soll alles wieder „okay“ sein?!“
Apollo kniff die Lippen zusammen und schüttelte seine Locken. „Du hast doch immer gemeckert, dass ich die Liebe nur als Spiel sehe! Jetzt weiß ich, wie sich wahre Liebe anfühlt!“
„Du bist doch … ihr seid doch!“, rief Diana und raufte sich die Haare. Die Mondgöttin konnte kaum an sich halten. „Also wenn dieses Gerenne, Gestammel und Geheule die wahre Liebe sein soll, dann … dann …“
„Platz da, …“, donnerte eine gewaltige Stimme über den Vorplatz des Olymp.
„Vater!“, rief Diana. „Endlich!“
Vier rauchende, schnaufende Pferde vollzogen eine scharfe Drehung, bäumten sich auf und quietschend kam der Sonnenwagen zum Stehen.