Psyche und Proserpina

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Oder: was Proserpina zu Psyche sagt, als sie sich in der Unterwelt rumtreibt.

Ja, bald ist es fertig, denke ich. “Amor und Psyche”, ein schönes, kleines Büchlein mit derzeit schon 220 Normseiten Umfang. Es muss nur noch circa 1000 Mal überarbeitet werden, wie gehabt. Und deswegen werde ich, glaube ich, doch etwas Geld dafür nehmen. So 99 Cent sind bei gefühlt 10.000 Überarbeitungen und fast drei Jahren intensiver Arbeitszeit, glaube ich, okay.  😉

Ich sage Bescheid, wenn es soweit ist!

Liebste Grüße

Eure

Runa Phaino

Zeit für die Wahrheit

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Was ist das hier für ein Lärm!“, rief Venus. Ihr Schlüssel drehte sich im Schloss und sie betrat Amors Kinderzimmer. „Hör endlich auf, so einen Krach zu machen!“

Amor stürmte zur Tür und versuchte, sich an seiner Mutter vorbei zu schieben.

Venus verstellte ihm den Weg.

Lass mich, ich muss meine Liebste finden!“

Dazu besteht kein Anlass mehr. Sie ist hier.“

Hier?“ Wie im Namen aller Götter war Psyche in den Himmel gelangt?

Ja, du hast richtig gehört. Das Ding ist meiner Dienerin direkt in die Arme gelaufen. Und jetzt ist es im Kerker.“

Im Kerker?!“

Gewiss. Wo sollte es sonst sein?“

Im Kerker ist es dunkel und kalt … und es ist einsam dort! Lass mich zu ihr!“ Amor machte einen erneuten, verzweifelten Versuch, an seiner Mutter vorbeizukommen.

Kummer und Sorge sind bei ihr.“

Ma, das kannst du nicht machen!“, rief Amor entsetzt. „Sie hat genug gelitten!“

Und wie ich das machen kann!“, entgegnete Venus. „Dieses Ding hat dich übel verletzt. Kummer und Sorge werden sie lehren, was es heißt, meinen Sohn zu verraten!“

Ich habe ihr schon längst verziehen! Lass mich zu ihr!“

Damit sie dich wieder einwickelt? Ganz bestimmt nicht! Du legst dich jetzt sofort wieder ins Bett!“

Venus sah so entschlossen aus, dass Amor seine Wut unterdrückte und sich um einen ruhigen Tonfall bemühte.

Es ist alles halb so schlimm, guck nur, meine Verletzung ist geheilt.“

Die Wunde sieht noch ziemlich schlimm aus.“

Es ist nur ein kleiner Kratzer.“

Ein Kratzer, soso“, Venus rümpfte ihre schmale Nase. „Du konntest nicht einmal aufstehen die letzten Tage.“

Unruhig ging Amor im Zimmer auf und ab. Sollte er seiner Mutter sagen, was er dachte? Das, was er wirklich dachte?

Er hatte nichts zu verlieren.

Ma, bitte, ich will Psyche heiraten!“

Heiraten? Bist du übergeschnappt? Du bist noch ein Kind! Du treibst die ganze Zeit nur Unsinn – ja sogar mit mir, deiner eigenen Mutter! Und jetzt höre endlich auf, solche Forderungen zu stellen. Eher verstoße ich dich und suche mir einen anderen Sohn, dem ich deinen Bogen und deine Flügel schenke, als dass ich dich zu diesem Weibsbild lasse!“

Die meisten deiner Befehle habe ich ausgeführt, so wie du es wolltest. Und hast du nicht selber neulich noch gesagt, dass ich viel vernünftiger geworden wäre? Überlege mal, warum das so ist. Sie ist der Grund dafür. Psyche! Lass mich zu ihr!“

Amor war selbst ganz erstaunt über die vielen Argumente, die er seiner Mutter entgegenzusetzen hatte. Venus wirkte irritiert und so legte er noch einmal nach.

Ich bin kein Kind mehr! Ich bin dreihundert Jahre alt! Ich werde Vater! Ma, das musst du einsehen! Ich habe mich verliebt, unsterblich verliebt! Und ich will sie zurück, egal, was sie getan hat! Ich bin zur Vernunft gekommen! Siehst du das denn nicht?“

„Nein“, sagte Venus zu und lehnte sich an die Wand. „Die letzten Tage habe ich dich klagen gehört, habe dich weinen gehört … weinen! Das ziemt sich nicht für einen Gott. Es ist menschlich zu trauern. Nicht göttlich. Wir müssen über den Dingen stehen. Du bist zu weich geworden und diese Psyche trägt die Schuld daran. Ich als deine Mutter habe die Pflicht, dich wieder aufzupäppeln, dich an deine Ehre und an deinen Stolz zu erinnern. An deine Göttlichkeit!“

Bevor Amor zu einer Gegenantwort ansetzen konnte, wurde die Tür aufgerissen.

Dahinter standen Mars und Vulkanos, – und sie hatten Adonis im Schlepptau. 

Geschwisterliebe

Amor rätselte, warum Diana nicht Richtung Sonne fuhr. Dann sah er die weiß blitzende Bergspitze und ihm wurde klar, dass Diana den Olymp ansteuerte. Er wagte nicht zu fragen, warum.

„Raus mit ihm!“, befahl Diana ihren Nymphen. Die hoben Amor umständlich aus dem Wagen und stellten ihn auf seine Füße.
Apollo saß auf den marmornen Stufen vor Jupiters gewaltigem, schneefarbenen Palast. Er hatte den Kopf auf die Knie gelegt und seine Arme darum geschlungen. Der Sonnengott wirkte winzig klein.
„Guck, was du angerichtet hast“, zischte Diana. „Jupiter höchstpersönlich musste heute für ihn einspringen.“
Amor schluckte. „Kann ich mit ihm sprechen?“
Diana blitzte ihn böse an, nickte und löste seine Fesseln.
Amor ging langsam auf Apollo zu. Fieberhaft überlegte er, was er sagen sollte. Als er schließlich vor Apollo stand, brachte er kein Wort heraus.
Apollo blickte auf. Sah ihn aus rotgeränderten Augen an. Lächelte schwach. In der Hand hielt er einen kleinen Zweig.
„Äh, also ich …“, versuchte es Amor.
Apollo klopfte mit seiner Hand auf die Stufen.
„Soll ich mich setzen?“, fragte Amor.
Apollo nickte.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Und dann sagte Apollo einfach:
„Du hast gewonnen.“
„Wie bitte?“
„Ja, Kleiner“, sagte Apollo. „Du hast den Wettkampf für dich entschieden. Eindeutig.“
„Echt jetzt?“
„Mag mein Pfeil alles treffen, deiner traf mich. Wie du gesagt hast“, sagte Apollo. Er ließ den Zweig zwischen Daumen und Zeigefinger schnell drehen.
„Aber …“, Amor war verblüfft. „Du bist mir gar nicht böse?“
Apollo stand auf, straffte seine Schultern und räusperte sich. „Nun, ich verliere nicht gerne“, sagte er.
„Eigentlich“, sagte Amor. „Eigentlich hast du ja auch gewonnen, ich meine, den Mondhirsch hast du geschossen, – als Erster!“
„Stimmt“, sagte Apollo.
„Okay.“ Amor zwang sich ein Grinsen ab. „Also hast du gewonnen?“
„Sieht wohl so aus“, sagte Apollo und zeigte den Ansatz eines Lächelns. Aber seine Augen strahlten nicht.
„So!“, fuhr Diana dazwischen. „Hast du es ihm gezeigt? Oder muss ich das übernehmen?“
„Wir haben das geklärt, Diana“, sagte Apollo. „Es war nicht seine Schuld.“
„Oh doch!“, rief Diana aufgebracht. „Du wirst ihn nicht einfach davon kommen lassen!“
Apollo drehte sich zur Seite und blickte in den Himmel.
„Was meinst du, wann ist Vater wieder zurück? Ich vermisse meinen Wagen …“
„Lenk nicht ab! Dieser kleine Giftzwerg verdient eine Abreibung, die sich gewaschen hat! Hast du schon vergessen, wie es dir ging?“
Diana schien den „Lass gut sein. Ich will nicht darüber reden“-Blick von Apollo nicht zu bemerken. Unbeirrt fuhr sie fort: „Dieses „Ich bin ein Gott, der dich liebt“ und „liebste Daphne, erhöre mich“, und dann hast du ihr Allesmögliche versprochen und dann hast du angefangen zu weinen und dann hast du … “
„Hör auf, Diana!“, rief Amor. „Es tut mir leid! Ich bin schuld! Du hast Recht!“
„Ach ja, jetzt tut es dir also leid!“, fauchte Diana. „Als ob das reichen würde. Du wirst die Verantwortung übernehmen!“
„Diana, lass ihn“, sagte Apollo etwas lauter.
„Von wegen! Du hast gelitten wie ein Tier! Als ich dich heute Morgen fand, da konntest du kaum sprechen! Ich habe dir sogar verziehen, dass du meinen Mondhirsch getötet hast, so Leid hast du mir getan! Oh, mir wird richtig schlecht, wenn ich daran denke! Und jetzt soll alles wieder „okay“ sein?!“
Apollo kniff die Lippen zusammen und schüttelte seine Locken. „Du hast doch immer gemeckert, dass ich die Liebe nur als Spiel sehe! Jetzt weiß ich, wie sich wahre Liebe anfühlt!“
„Du bist doch … ihr seid doch!“, rief Diana und raufte sich die Haare. Die Mondgöttin konnte kaum an sich halten. „Also wenn dieses Gerenne, Gestammel und Geheule die wahre Liebe sein soll, dann … dann …“
„Platz da, …“, donnerte eine gewaltige Stimme über den Vorplatz des Olymp.
„Vater!“, rief Diana. „Endlich!“
Vier rauchende, schnaufende Pferde vollzogen eine scharfe Drehung, bäumten sich auf und quietschend kam der Sonnenwagen zum Stehen.

Mondhirsche oder “Der Wettkampf (2)”

 

Amor hastete durch den waldigen Hain, den Bogen gespannt, mit den Augen die Gegend absuchend, ob sich irgendwo in der Dunkelheit das weiße Fell von Dianas Tieren zeigen würde.
Wenn er es schneller fand als Apollo, hätte er gewonnen. Doch bisher versteckten sich die Viecher ziemlich gut. Keines zu sehen, weit und breit. Nur dunkle Zweige, dichtes Moos und ab und zu ertönte das leise Geraschel der Wipfel oder das Knacken eines Zweiges.
Genauso wie Apollo besaß Diana einen Wagen, mit dem sie den Mond über den Himmel zog. Während Apollos Wagen vier gewaltige Rösser anführten, aus deren Nüstern Rauch flammte, bestand die Vorhut von Diana aus einer stattlichen Anzahl weißer Hirschkühe, die silberne Geweihe hatten.
Diana liebte diese Hirsche über alles, sie durften in ihren Wäldern grasen und sich frei vermehren.
Apollo hatte sich in den Kopf gesetzt, dass der Wettkampf darin bestand, eine davon zu erlegen.
„Die passen gar nicht mehr vor ihren Wagen, so viele sind es schon. Ich wette, sie merkt nicht mal, dass eine fehlt!“
Amor hatte es geschafft, Apollo davon zu überzeugen, dass ein winziges Stück vom silbernen Geweih ebenfalls den Sieger ermitteln würde.
So hatten sie sich also darauf geeinigt, den Hirschkühen lediglich eine Spitze vom Horn abzuschießen.
Schon jetzt war dieser Wettkampf heikel genug, fand Amor. Nicht auszudenken, was Diana mit ihnen anstellte, wenn sie herausfand, dass einem ihrer Lieblinge ein wenig Geweih fehlte.
Amor musste an Aktaion denken und biss sich auf die Lippen. Er wollte nicht nachgeben. Nicht heute. Möge die Mondgöttin niemals davon erfahren.
Zweige knackten unter seinen Füßen, die Luft roch würzig nach dem Harz der Bäume. Die Nacht war dicht und feucht. Hin und wieder zitterte ein Irrlicht über die moosigen Moore. Doch nirgendwo ein Geweih in Sicht.
Das Geraschel im Gebüsch ließ Amor ruckartig herumfahren. Was war das? Ein paar kleinere Waldbewohner. Unbedeutendes Getier.
Wo waren die Hirsche? Hatte Apollo bereits einen erspäht? Gar seinen Bogen angelegt?
Amor schüttelte die Gedanken ab. Er musste seine Energie darauf verwenden, einen davon zu finden. Und diese helle Ebene, die sich vor ihm im Wald auftat, schien ein idealer Futterort für die Mondhirsche zu sein.
In diesem Moment brach etwas durch das Unterholz. Geschwind richtete Amor seinen Bogen in die Richtung. Doch es war kein Hirsch. Es war ein … Gebüsch. Ein Gebüsch, das aus dem Gebüsch gekrochen kam.
Amor betrachtete den Blätterhaufen.
Der erhob sich, breitete Arme aus und eine Stimme sprach:
„Halte ein, junger Jäger! Du bist in einem heiligen Hain!“
Amor senkte seinen Pfeil. Der Busch hatte Hände, ein Gesicht und einen Mund, aus dem er sprach.
„Wie bitte?“, fragte Amor.
„Halte ein! Halte ein!“, rief das Gestrüpp noch einmal und drehte sich im Kreis. „Dies ist ein heiliger, heiliger Hain!“
„Schickt dich Diana oder was?“
„Ich bin Daphne, die Hüterin dieses Hains!“
„Hüterin des Hains … ?“
„Gewiss“, sagte Daphne und reckte das blättrige Kinn. „Ich beschütze die Tiere. Gib mir deinen Bogen, damit kein Tier durch ihn zu Schaden kommt!“
„Sorry, das geht nicht, Daphne, Hüterin des Hains.“
„Du musst.“
„Nein, sorry!“
„Gib den Bogen her oder ich muss andere Maßnahmen anwenden.“
Amor musterte sie skeptisch. Daphne gehörte möglicherweise zu Dianas militanter Bewegung von Nymphen, die ihr Leben dem Schutz der Flora und Fauna verschrieben hatte. Vielleicht aber war sie auch harmlos. Das wusste man bei diesen Nymphen nie so genau.
„Hör mal“, sagte er. „Ich muss einen Wettkampf gewinnen, dazu brauche ich den Bogen.“
„Du musst deinen Bogen abgeben. Und den Pfeil da, den du in der Hand hältst.“
„Also, wie gesagt, ich muss hier was gewinnen. Das ist echt wichtig. Aber ich werde den Tieren nichts tun, nur ein Stückchen Geweih abschießen, mehr nicht. Ich bin ein guter Bogenschütze, der Beste … ich muss jetzt echt weiter, sorry, Daphne.“
„Du gehst nirgendwo hin!“
„Doch.“
„Nein! Gib mir dein Geschoss!“
Amor beschloss, die Nymphe einfach zu ignorieren und drehte sich um. Fast schmerzhaft fiel ihm auf, dass er zwischen den Flügeln seinen Köcher trug. Seinen Köcher voller Pfeile, der jetzt direkt vor Daphnes Gesicht baumelte.
„Wie viele Tiere wirst du töten, Mörder!“, kreischte die Nymphe aufgebracht und riss an Amors Köcher.
„Ey, lass das!“, rief Amor. Doch Daphne hatte sich so in seinen Köcher gekrallt, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als ihn abzustreifen.
„Haha!“, rief die Nymphe triumphierend, „Jetzt kannst du niemanden mehr töten, mit all diesen vielen, bösen Pfeilen!“ Und geschwind wie der Wind floh sie mitsamt dem Köcher über den moosigen Waldboden der nahen Lichtung.
Amor sah ihr kopfschüttelnd hinterher. Immerhin ein Pfeil war ihm noch geblieben – und der Bogen. Während er noch überlegte, wieso die Nymphe so wahnsinnig schnell laufen konnte, bemerkte er aus dem Augenwinkel das leuchtende, silbrige Geweih eines Mondhirsches, der auf die Waldlichtung trat. Endlich! Amor atmete langsam aus und rührte sich nicht. Er spürte den Pfeil in seiner Hand. Ein bleiernes Ding, das die Liebe vertrieb. Sein letztes Exemplar. Noch zwei, drei Schritte und der Hirsch würde ein perfektes Ziel abgeben. Er legte an. Er durfte sich keinen Fehler erlauben.
Der Schuss war grandios. Der Pfeil surrte in einer konischen Linie Richtung Geweih, Amor konnte fast schon den Knorpel splittern hören, spürte die aufkeimende Lust des überwältigenden Erfolgs, wenn er Apollo den silbrigen Splitter des Geweihs präsentierte, er, Amor, der einzige, der Sieger, der beste Bogenschütze zwischen Erde und Himmel –
Da warf sich diese verdammte Nymphe zwischen den Pfeil und den Hirsch, und der Pfeil, wie es seine Art war, verschwand in Daphnes Brustkorb und vertrieb dort jedes Gefühl von Liebe. Die Nymphe taumelte und fiel der Länge nach auf den Boden.
„Ach du Scheiße!“, rief Amor panisch. Der Hirsch war fast außer Blickweite. Er jagte auf die Lichtung und schnappte nach seinem Köcher, legte nach und schoss dem Tier hinterher, das in diesem Moment von einem gleißenden Lichtstrahl getroffen wurde. Amors  Liebespfeil flog mitten durch die schnaubenden Feuerpferden, die der Sonnengott auf die Lichtung lenkte.
„SIEG!“, hörte Amor die Stimme hinter den Flammen brüllen. „Ich hab die Hirschkuh erlegt! Ich bin der Sieger, der beste Schütze, zwischen Himmel und Erde! Hast du es gesehen?“
„Äh“, stammelte Amor. „Apollo? Ich meine, äh, ich hätte ja auch fast das Geweih, wenn nicht … äh …“
„Komm her und huldige mir! Mein Pfeil trifft alles! Ich bin der größte Bogenschütze überhaupt!“ Die Pferde wieherten wie zur Bestätigung und schüttelten ihre feurigen Mähnen.
Amor linste rüber zu Daphne, die noch immer erstarrt am Boden lag. Auf Zehenspitzen tapste er um die Pferde herum zu Apollos Wagen. Vielleicht konnte er das Schlimmste ja noch verhindern. „Äh, Apollo, vielleicht solltest du besser verschwinden …“, hob Amor an.
„Guck dir dieses Prachtexemplar an!“, rief Apollo und zeigte auf die Hirschkuh. Sie lag tot am Boden.
„Musstest du sie unbedingt töten?“, fragte Amor und schluckte.
„Amor, werde erwachsen, werde endlich ein Mann!“, grollte Apollo. Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Du bist doch schon längst dabei, ein Mann zu werden, gib es zu! Ich meine, auch wenn du heute verloren hast, dein Pfeil wird seinen Weg schon finden! Hahaha!“
Amor neigte den Kopf. „Was?“
„Komm, du kannst es mir ruhig sagen, hast du schon oder noch nicht?“
„Wie bitte?“
Aus dem Augenwinkel nahm Amor wahr, dass Daphne langsam wieder zu Bewusstsein kam. Sie regte sich. Sie erhob sich.
Lachend fuhr Apollo fort: „Na, ich weiß ja nicht, was in dich gefahren ist, aber dieses potthässliche Ungeheuer, was du in diesem merkwürdigen Schloss gefangen hältst – jetzt guck nicht so, ich bin die Sonne, ich sehe alles– also ich kann zwar beim besten Willen nicht verstehen, was du an diesem Ungetüm attraktiv findest, aber …“
Amor schlug die Hände vors Gesicht, als Daphne in das Licht der brennenden Pferde trat. Er konnte nichts mehr tun. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Flüsternd sank Amor auf den Boden der Lichtung. „Mag dein Pfeil alles treffen, Apollo, meiner traf dich.“
Noch ganz benommen erkannte die Nymphe, was sie abgrundtief verachtete. Und der Sonnengott sah, was er immer vermisst hatte und immer vermissen würde, wenn er es nicht bekäme. Eine blättrige Nymphe, die in diesem Moment ihre Fersen im Gras drehte und rannte, während Apollo seine Pferde peitschte, als würde ein Leben davon abhängen.
Taumelnd kehrte Amor zurück zum Palast, zurück zu Psyche. In seinem Kopf herrschte ein stummes Rauschen, ihm fehlte jede Erklärung für das Geschehen.
Doch da war eine Hand, die sein Gesicht berührte. Da waren Arme, die ihn umfingen und die ihm Halt gaben. Da war ein Mund, der liebliche Worte murmelte, dicht an seinem Ohr, die von Vermissen und Gernhaben erzählten. Und da waren Lippen, ihre Lippen, die so perfekt zu seinen passte. Nichts gab es mehr als dunkle Weichheit, bis der Morgen graute und die Sonne aufging. Später als jemals zuvor.

Vom Trinken und vom Sterben

Trotzig wischte Psyche sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie ging zum Fenster, öffnete es weit und blickte dem Morgenlicht entgegen, das die Welt hinter den Bergen erhellte. Frische Luft strich angenehm kühlend über ihre erhitzten Wangen.
Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan und sich ihrer Verzweiflung hingegeben. Doch im Licht der aufgehenden Sonne formten ihre Gedanken neue Figuren:
„Vielleicht“, dachte Psyche, „ist der Tod gar kein Ende. Vielleicht ist der Tod nur ein Übergang in ein anderes Leben. Ein besseres Leben.“
Psyche atmete tief ein. Der Burghof begann langsam zu erwachen. Gänse schnatterten, einzelne Stimmen wurden laut.
„In diesem Leben“, überlegte Psyche, „habe ich mich nie zu Hause gefühlt. Für meine Eltern bin ich eine Last. Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.“
Dienerinnen betraten den Raum. Psyche nickte ihnen zu und ließ sich ankleiden.
Als Psyche den Thronsaal betrat, hörte sie wie die Eltern ihr „Verschwinden“ besprachen. Ein wenig von der Wut, die sie in der letzten Nacht so intensiv gespürt hatte, keimte in ihr auf.
„Ich bin noch nicht einmal tot, da überlegt ihr schon, was ihr dem Volk erzählen wollt?“
Zornig blickte sie ihre Eltern an.
Der König und die Königin saßen an der Tafel im Thronsaal und hielten sich an den Händen. Ihre Augen waren rotgeweint, die Gesichter aschfahl.
„Verstehe doch, Kind, wir dürfen dem Volk nichts von diesem Unglück sagen. Wir müssen an das Königreich denken. Wir müssen ihnen sagen, dass du bei einer entfernten Verwandten lebst.“
Psyche betrachtete ihre Eltern, wie sie dasaßen, verzweifelt und verängstigt.
„Für die, die bleiben“, dachte Psyche, „scheint es schwerer zu sein als für die, die gehen.“
Und ihre Wut zerfiel zu Staub.
„Ihr lebt“, sagte Psyche. „Und ihr müsst weiterleben. So sagt also über mein Verschwinden, was euch richtig scheint. Doch versprecht mir, irgendwann, wenn es möglich ist, dann kommt und holt meine Überreste. Beerdigt mich an einem schönen Ort, vielleicht im Garten, nahe der Grotte. Das würde ich mir wünschen.“
Und als ihre Eltern daraufhin in Tränen ausbrachen, fügte Psyche noch hinzu:
„Vielleicht stimmt es, was die Priester sagen. Und wir sehen uns wieder in den elysischen Gefilden der Unterwelt.“

„Un´sie issauch sssöööön“, lallte Amor und machte ein paar Saltos in der Luft. „Ich habne FFFFrau für dichefunden, Onkelchen!“
Pluto blickte Amor kopfschüttelnd hinterher, der wie eine verrückt gewordene Nymphe durch die Eingangshalle der Unterwelt purzelte.
„Ich glaube, du hast ein wenig über den Durst getrunken.“
„Nain, Nain!“, rief Amor, „Neinneinnein! Nie!“
Mit einer grazilen Drehung landete er direkt vor Plutos Füßen. „Hier, guck!“
Er zog einen Pfeil aus seinem Köcher und hielt ihn Pluto direkt vor sein strudelndes Gesicht.
„Guckstu! Echtes Gold. Konisch geformt. So spitz wie eine … Sssspitze! Bessstarbeit!“
Amor schwankte ein wenig und deutete auf die Pfeilspitze. Als Pluto sich hinabbeugte, flatterte er aufgeschreckt zurück:
„Niiich anfassen! Niiich anfassen. Iss gefährlich! Isss mein Bester!“
„Du meintest doch, ich solle ihn mir angucken“, sagte Pluto und nahm Amor vorsichtig den Pfeil aus der Hand. Er betrachtete das perfekte Ende und wog ihn in seiner Hand.
„Und sie ist auch wirklich schön?“, fragte Pluto.
„Klaro“, erwiderte Amor. „Die Leudde sagen, fast so sssschön wie meine Ma. … Oh, meine Mama!“
Amors Augen füllten sich mit Tränen, er schluchzte und schniefte.
„Deine Mutter wird sich schon wieder beruhigen“, sagte Pluto mit einem Seitenblick zu Amor.
„Das ist, ist es ja!“, rief Amor. „So ruhuig war sie noch nihie!“
„Dann wird sie sich halt wieder über dich aufregen, irgendwann.“
„Meinst du?“
Amor schnäuzte sich die Nase.
„Es ist deine Mutter“, sagte Pluto und Amor schien es, als würden seine Gesichtsstrudel einmal im Kreis rollen. „Also: Ja. Und was diese Psyche anbelangt … Ansehen können wir sie uns ja mal.“
„Oh ssssuper!“, rief Amor und schnellte in die Höhe. „Dann wird bald alles wieder gut!“ Er sich den Kopf an der Decke der Eingangshalle und plumpste hinab.
„Autsch!“
Sterne tobten vor Amors Augen. Pluto seufzte und hob den kleinen Gott vom Boden auf.
„Wir nehmen meine Wolke.“

Psyche hatte sich noch auf der Burg von ihrer Mutter und ihren Schwestern verabschieden müssen. Sie waren dort geblieben, um den Anschein zu wahren.
So ritt Psyche nun auf einem Pferd neben ihrem Vater, gehüllt in ein schlichtes Gewand, das Gesicht von einem Fell verdeckt, der wie ein Bart aussah. Auch der König war gekleidet wie ein einfacher Mann, damit niemand Verdacht schöpfte.
Sie verließen die Burg durch einen Nebeneingang, vermieden die Stadt und gelangten schließlich auf den Pfad, der sich langsam den Berg hinaufschlängelte. Bald waren sie umgeben von dichtem Wald, in dem es angenehm kühl war. Zikaden zirpten und ab und an huschte der Wind durch die Wipfel der Pinien.
Der Weg wurde immer steiler und die Pferde hatten Mühe, die Hufen auf den Boden zu setzen.
Psyche glitt von ihrem Pferd.
„Ihr solltet die Tiere schonen“, sagte sie und hoffte, dass ihr Vater die Andeutung verstehen würde.
„Dann werde ich dich zu Fuß begleiteten“, entgegnete der König und stieg ebenfalls ab.
„Es ist mein Schicksal, nicht das Eure“, sagte Psyche. „Der Wald lichtet sich. Der Gipfel ist nicht mehr weit. Ihr müsst umkehren.“
Der König schüttelte den Kopf.
„Vater, du weißt, was das Orakel gesagt hat. Lass mich gehen, jetzt, allein!“
„Ich kann das nicht zulassen, mein Kind“, sagte der König.
„Es ist beschlossen“, sagte Psyche. „Von Mächten die über Euch stehen.“
Der König wirkte um Jahre gealtert.
„Ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich tu. Dass ich dich, meine jüngste Tochter, einem Untier opfere …“
„Deine hässlichste Tochter“, sagte Psyche und lächelte traurig. „Ich bin froh, dass ich es bin. Nicht Gorda, nicht Tessa, nicht Mutter oder Ihr. Ich bin diejenige, die man am wenigsten vermissen wird.“
„Psyche!“
Verzweiflung lag im Blick der Königs.
„Ihr wisst es“, sagte Psyche ruhig. „Ihr wisst, dass ich Recht habe. Und nun nehmt Euer Pferd und geht.“
„Nein“, stammelte der König.
„Also werde ich gehen. Und Ihr werdet mir nicht folgen. Lebt wohl.“
Psyche stapfte entschlossen durch die Reihen der Pinien den Berg hinauf. Der Weg war steil, gab ihr keinen Raum nachzudenken. Dornen rissen an ihrem Gewand, der Boden war weich, gab nach, dann wieder trat sie auf harten Fels. Psyche nutzte ihre Hände, hielt sich an Zweigen fest, zog sich empor, Stück für Stück.
Kurz bevor sie den Waldrand erreicht hatte, hielt sie inne und blickte zurück.
Ihr Vater war nicht mehr zu sehen.
Psyche biss die Zähne zusammen und begann den letzten Teil des Aufstiegs auf den kahlen Gipfel. Keuchend und stöhnend kroch sie empor, der Wind heulte, und irgendwo darin vernahm sie eine Stimme, eine schräge, wilde Melodie, die folgende Worte tönte:

„Welch reizend Ding ist nicht die Liebe?
Mit diesem anmutsvollen Triebe,
Sind Jahre wie ein Augenblick,
Wie eine Sommernacht verschwunden,
und ewig wünscht man sich die Stunden,
Der ersten Zärtlichkeit zurück
Wer sich in Amors Netz verlieret,
Wen je ein schönes Aug gerühret,
Singt täglich voll von seinem Glühüüüüück!“

„Kannst du bitte damit aufhören?“, bat Pluto ungeduldig.
„Klaro!“, Amor hickste. „Oder auch nich … WELCH REIZEND DING IST NICHT DIE LIEB…“
„Ruhe jetzt!“, rief Pluto.
„Thalia“, plapperte Amor und nahm noch einen Schluck Wein. „Hat ssie mir früher immer vorgesungen. Meint, das wird mal geschrieben über mich. Keine Ahnung. Die isssso klug, fast wie Diana … was die allet weeeeß …“
„Soso“, murmelte Pluto. „Weißt du mittlerweile etwas über Pyramus und Thisbe?“
„Nö“, sagte Amor und hickste erneut. „Sollte ich?“
„Mich würde ja schon interessieren, wohin sie verschwunden sind“, sagte Pluto grimmig.
„Mir egal“, sagte Amor. „Iss mir egal …“
Auf einmal war es ganz still.
„Amor?“, fragte Pluto und drehte sich um.
Der Liebesgott lag auf der Seite und schnaufte selig.
„Nicht schlafen!“, rief Pluto. „Wir sind gleich da.“

Kalt peitschte der Wind. Psyche war froh um ihren künstlichen Bart, der ihr Gesicht gut schützte. Sie knetete die gefrorenen Hände, hockte in einer Felsspalte und lauschte.
Liebe, Sommernacht … sie war wohl nicht mehr ganz bei Trost. Was waren das für Worte? Sie musste sich verhört haben.
Ängstlich blickte sie um sich. Ihre Furcht wurde mit jedem Augenblick größer.
Als sich vor ihr eine riesige, pechschwarze Wolke erhob, brach die Angst sich Bahn.
Psyche schrie und der Wind raubte ihr die Stimme von den Lippen.