Der Wettkampf (1) oder “Amor besiegt alles”

Heute ist Valentinstag –  da darf der kleine Liebesgott nicht fehlen! Ausnahmsweise gibt es schon heute  das nächste Kapitel vom Blogroman “Amors Abenteuer”. Viel Freude beim Lesen und bis Donnerstag!

Herzlichst

Runa Phaino

Amor Herz Valentinstag

Amor nippte gedankenverloren am Wein. Es war kein schlechter Tropfen, ein volles Bouquet, würzig, herb … eigentlich so, wie er ihn mochte. Trotzdem schmeckte er nicht. Was Psyche wohl gerade tat?

Der Sonnenuntergang war schon eine Weile her. Apollo ließ auf sich warten und Amor dachte die ganze Zeit an Psyche. Am liebsten wäre er zu ihr geflogen. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass er eine Frau dem Treffen mit seinem besten Kumpel vorziehen würde.

Doch so war es. Er war verliebt. Hals über Kopf und Fuß über Bein. Und wenn er ehrlich war, hatte er eigentlich überhaupt keine Lust auf einen Wettkampf.

Als Apollo den Wagen vor seine Wolke lenkte, musste Amor sich zusammen reißen.

„Warum hast du mich so lange warten lassen?“

Apollo grinste. „Ich musste die Sonne ins Bettchen bringen. Und dann gab es da noch die ein oder andere nette Dame. Wieso regst du dich auf? Hast du heute noch was vor?“

Amor errötete. „Äh, nee“, sagte er und räusperte sich: „Wir hatten nur gesagt: nach Sonnenuntergang. Jetzt ist es schon viel später …“

„Hast du Angst im Dunkeln?“

„Nee, Blödsinn.“

Apollo beäugte ihn neugierig. „Kann ich mir auch nicht vorstellen, oder?“

„Okay“, sagte Amor seufzend. „Dann lass uns loslegen. Möge der Bessere gewinnen.“

„Das bin natürlich ich“, sagte Apollo und fuhr sich durch die Haare. „Und du musst heute eine Niederlage in Kauf nehmen.“

Amor kniff die Lippen zusammen. Apollo konnte echt nervig sein, wenn es ums Gewinnen ging. Aber er würde schon sehen. Niemand konnte ihm etwas vormachen. Das Spiel mit Pfeil und Bogen beherrschte keiner besser als er. Amor stellte sich aufrecht hin und schüttelte seinen Köcher.

Apollo warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Jetzt guck nicht so, als hätte Jupiter dich mit einem Blitz getroffen.“

Schmunzelnd suchte er mit den Augen den Horizont ab, um ein geeignetes Ziel zu finden. „Siehst du den Tannenzapfen da oben im Wipfel, direkt hinter den drei Hügeln auf der siebten Erhebung, dritter Baum von Links?“, fragte er.

„Klar“, sagte Amor schulterzuckend. „Wenn es nur das ist,  hätten wir uns das Treffen sparen können.“

„Man, bist du schlecht drauf heute!“

„Bin ich gar nicht“, sagte Amor gequält und legte den Pfeil an.  Er brauchte nur den kleinen Finger, um die Sehne zu spannen. Ließ los. Der Pfeil schnurrte Richtung Hügel.

Apollo ließ die Peitsche knallen und stürzte dem Pfeil hinterher. Einen Augenblick später umrundete er die Tanne mit einer galanten Rechtskurve.

„Erster!“, brüllte Apollo.

„Nur weil du so einen schnellen Wagen hast“, rief Amor, der in einigem Abstand auf der Wolke folgte. „Aber hier geht es ums Bogenschießen. Und ich habe getroffen.“

Amor streckte seinen Arm in das Gehölz und pflückte den Zapfen von der Tanne. Der Pfeil steckte mitten in ihrem Herzen.

„Tja“, sagte Amor und schwang den Pfeil, an dessen Ende der Tannenzapfen wippte. „Ich sage ja, dass ich das kann. Und ich mache keine leeren Versprechungen. Du bist dran.“

Apollo lehnte sich zurück und zog die Brauen hoch. „Nicht schlecht, Kleiner, aber ich werde es dir schon zeigen.“

Amor zuckte mit den Schultern. „Na gut. Also. An der Stelle, die wir gerade verlassen haben, habe ich einen Pfeil in die Erde gesteckt. Triff sein Ende.“

„Nichts leichter als das!“, rief Apollo und ließ den Sonnenwagen steigen, um mit zusammengekniffenen Augen die Erde abzusuchen.

Amor machte es sich derweil auf seiner Wolke gemütlich und warf den Tannenzapfen hinter sich.  (Man sagt, dass sich dieser in eine Kastanie verliebte und so die Pinien entstanden seien).

„Hast du es endlich?“, fragte Amor. „Oder möchtest du erst die Sonne holen, damit du den Pfeil überhaupt finden kannst?“

„Fresse jetzt!“, sagte Apollo, erhob sich und legte seinen mit Schnitzereien verzierten, vergoldeten Bogen an. Die Pfeile schimmerten hell in der Dunkelheit und um sie herum staubte es wie Puder. Apollo schoss. Eine Linie aus glitzernden Punkten folgte dem Pfeil.

 

„Ich sagte: Das Ende.“

Amor präsentierte Apollo das Ergebnis des Schusses. Langsam begann dieser Wettkampf ihm richtig Spaß zu machen. Apollo sah so verdattert aus, als ob er vergessen hatte, eines Morgens die Sonne an seinem Wagen zu befestigen.

„Das ist nicht genau gezielt“, grinste Amor. „Womit dann wohl entschieden wäre, wer der bessere Bogenschütze ist.“

Ungläubig betrachtete Apollo das Fleckchen Erden, in dem die beiden Pfeile steckten.

„Ich habe sein Ende getroffen, wie du gesagt hast, Kleiner“, sagte Apollo dann und schlug Amor kräftig auf die Schulter.

Amor schüttelte den Kopf.

„Wenn ich sage: „Das Ende“, dann meine ich natürlich „Die Mitte“. Ich meine, dass der Pfeil mittig gespalten werden muss.“

„Ich habe das Ende getroffen“, wiederholte Apollo und kniff die Augen zusammen. „Das sieht man jawohl deutlich.“

Der Pfeil steckte in Amors Pfeil, hatte ihn sogar gespalten, aber nicht mittig, sondern am Rand.

Es war eine ziemliche Spitzfindigkeit. Doch als Amor zu Apollo sah, überkam ihn das Gefühl, dass Apollo nur nicht zugeben wollte, dass er verloren hatte!

Amor verschränkte die Arme und hob das Kinn. Er trat einen Schritt auf Apollo zu, blickte ihm fest in die Augen und sagte: „Der Pfeil ist nicht mittig gespalten. Gib schon zu, dass du verloren hast.“

Apollo drehte sich zu Amor. Er sah etwas ungläubig aus, dann lachte er. „Ich habe den Python besiegt, ein schreckliches Ungeheuer. Da lagst du noch in den Windeln!“

„Ich kann nichts dafür, dass ich erst dreihundert Jahre alt bin“, fauchte Amor. „Ich habe gewonnen. Und du solltest das jetzt akzeptieren.“

„Warum denn?“, fragte Apollo. „Der Abend hat doch gerade erst begonnen. Oder willst du unbedingt weiter Horden knutschender Menschen erschaffen? Geht dir dabei einer ab, oder was?“

Amor schüttelte sich. Was auch immer Apollo damit meinte, es war offensichtlich, dass er ihn provozieren wollte. Darauf würde er sich nicht einlassen.

„Okay“, seufzte Amor. „Wenn du es nicht einsehen willst: Dann spielen wir noch eine Runde. Die letzte.“

„Gut, Kleiner“, sagte Apollo gönnerhaft, „aber wir machen das jetzt wie richtige Männer. Nicht diese albernen Pfeilspielchen. Wir gehen in den Hain meiner Schwester und jagen dort.“

Amor erschauderte. Diana liebte ihre Tiere. Sie waren ihr heilig. Niemand durfte sie ohne die Erlaubnis der Göttin jagen. Wenn Amor daran dachte, wie es Aktaion ergangen war, wollte er sich lieber nicht mit Diana anlegen. Andererseits konnte er Apollo jetzt unmöglich nachgeben.

Noch diese eine Runde und dann würde hoffentlich geklärt sein, wer der Sieger war. Vielleicht, dachte Amor, hätte er Apollo auch einfach gewinnen lassen können, dann wäre er jetzt schon wieder bei Psyche. Von der Sache mit Dianas Hain mal ganz abgesehen.

Aber nein. Die Tage, in denen er klein und schwach war, waren vorbei. Er war der bessere Bogenschütze, definitiv. Und das musste Apollo heute einsehen.

Advertisements

Bücher und Freundschaft

 

Die laue Luft leitete Psyche durch die Gänge des Schlosses, bis sie schließlich an eine große Tür gelangte.
„Dort soll ich hinein?“, fragte Psyche.
Statt einer Antwort öffnete sich die Tür und der Wind flog hinein. Psyche strich ihr Haar zurück und betrat den Raum.
Er war riesig.
Sie stand auf einer Empore, von der eine Treppe hinabführte, deren Ende sich irgendwo in der Ferne verlor. Von der Treppe zweigten Wege ab, nach oben und nach unten und kreuz und quer durch das gewaltige Gewölbe. Durch große Fenster schien das Tageslicht und erleuchtete alles hell.
Die Wege wurden gesäumt von hohen Schränken, die keine Türen zu haben schienen. Darin waren unzählige, eckige Gegenstände aufbewahrt, die sich dicht aneinander schmiegten und die Schränke füllten.
Psyche schritt die Treppe hinab und blickte nach links und rechts. Die eckigen Dinger waren teils handlich, teils aber so dick und schwer, dass sie, vermutete Psyche, unmöglich gehalten werden konnten.
Etwa auf der Mitte der Treppe hielt Psyche an und zog ein Exemplar heraus.
Es war bei weitem nicht so fest, wie es von außen wirkte. Es öffnete sich und fiel flatternd zu Boden. Dort lag es und bewegte sich nicht.
Psyche war erschrocken zurück gesprungen. Nun äugte sie kritisch, bückte sich und hob es wieder auf. Das Ding offenbarte eine stattliche Anzahl viereckiger, dünner Tücher. Allerdings waren sie zu fest, um wirklich als Tücher durchzugehen.
Ein jedes davon aber war bemalt mit kleinen, sorgsam angefertigten Zeichen, die sich auf einmal zu verselbstständigen schienen, die … Psyche erschrak noch einmal … mit ihr sprachen! Die Zeichen formten sich zusammen und sprachen mit ihr! Und Folgendes sagten sie:
„Mr. und Mrs. Dursley, im Ligusterweg Nr. 4, waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein. Sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.
Mr. Dursley war Direktor einer Firma namens Grunnings, die Bohrmaschinen herstellte …“
Kopfschüttelnd klappte Psyche das viereckige Ding zu und stellte es zurück in den Schrank. Was sollte das denn?
Dabei entdeckte sie, dass es auf seiner Rückseite eine kleine Gravur hatte, „Harry Potter“ stand darauf.
Seltsam, dachte Psyche. Auf jedem Ding gab es Zeichen, die sich in ihren Gedanken zu Worten formten.
„Grimms Märchen“
„Der Goldene Esel“
„Die Odyssee“
Die letzten Worte sagten ihr etwas. Es war der Titel einer Geschichte, die der Erzähler am Hofe ihres Vaters sehr oft erzählen musste. Psyche hatte sie geliebt.
Neugierig öffnete Psyche das viereckige Ding namens „Odyssee“. Zunächst erschienen die Zeichen ungeordnet, aber dann verschwammen sie und begannen, auf vertraute Weise von Odysseus und seinen Abenteuern zu erzählen.
Psyche stellte fest, dass die Geschichte in großen Teilen den Worten des Hoferzählers ähnelte. Hier und da wurde ein anderer Name genannt, hier und da fehlte etwas oder war hinzugekommen. Im Großen und Ganzen aber war es exakt die Geschichte, die der weißhaarige Mann am Hofe ihres Vaters so spannend zu berichten wusste.
Nach einer Weile taten Psyche die Beine weh. Sie blickte umher und fand ein kleines Sofa, das direkt am Fenster stand. Psyche setzte sich und nahm die Zeichen auf. Sie fühlte sich geborgen und wohl, fast so, als wäre sie wieder ein Kind und würde zu den Füßen ihrer älteren Schwestern spielend, den Worten des greisen Erzählers lauschen. Das war eine Zeit, in der sich Psyche noch nicht verschleiern musste, in der es keine Sorgen und Probleme gab, eine Zeit, die Psyche warm umhüllte, bis sich Dunkelheit über die Zeichen legte und Psyche erschrocken feststellte, dass sie den Weg zurück in ihr Zimmer unmöglich alleine finden würde.

Amor tastete sich vorsichtig durch die dunklen Gänge des Schlosses.
„Psyche?“, rief er. Und noch einmal „Psyche?“
„Hier bin ich“, hörte er Psyches Stimme aus einiger Ferne. Schritt für Schritt bewegte sich Amor in die Richtung, aus der die Worte ertönten. Er ärgerte sich über die Dunkelheit, wusste aber, dass dies die einzige Möglichkeit war, um überhaupt in Psyches Nähe zu sein.
Irgendetwas ging klirrend zu Bruch und Amor schnaufte verächtlich. Dann stieß er sich den Kopf an einer Tür.
„Au!“
„Hier!“, rief Psyche. Sie klang etwas verzweifelt, fand Amor.
Er erspürte die Klinke, drückte sie nach unten. Es musste die Bibliothek sein, wenn ihn seine Sinne nicht betrogen. Hier gab es viele Treppen, Sitzmöbel und andere Stolperfallen. Irgendwie schaffte er es, sich die Treppe hinunter zu tasten.
„Guten Abend, Psyche“, sagte Amor und setzte sich auf den nächstbesten Stuhl, der ihm in den Weg kam.
„Wie gut, dass du da bist“, sagte Psyche. „Ich habe hier völlig die Zeit vergessen und weiß gar nicht mehr, wie ich hier rauskomme!“
Amor grinste. „Klar, stets zu Diensten!“
Er konnte Psyches Atem hören. Es klang so lieblich, wenn sie die Luft bewegte. Er musste mit der Prinzessin reden, aber das hatte vielleicht noch ein bisschen Zeit.
„Hier, nehmt meine Hand“, sagte Amor, so galant er es vermochte.
Er fühlte, wie sich Psyches Finger in seine Handfläche legten. Täuschte er sich oder hatte sie den Ring angelegt?
„Und jetzt folgt mir!“
Mit stolzgeschwellter Brust führte Amor Psyche aus der Bibliothek. Wie durch ein Wunder fand er den Weg, ohne dass etwas zu Bruch ging.
„Danke!“, hauchte Psyche, als sie auf ihrem Bett Platz nahm.
Okay, dachte Amor. Jetzt muss ich es ihr sagen. Aber wie? Und was? Und, ach, Psyche …
„Was ist das überhaupt für ein wunderbarer Ort, an dem ich mich verloren habe?“, unterbrach Psyche seine Gedanken.
Amor setzte sich auf das Bett.
„Das ist eine Bibliothek.“
„Eine Bebilo… – was?“
„Bibliothek.“ Amor kratzte sich am Kopf. „Als ich das Schloss gemacht habe, da habe ich versucht, einen Ort zu erschaffen, der dir jeden Wunsch von den Augen abliest. Magst du Erzählungen?“
„Ja“, sagte Psyche verwundert. „Aber ich dachte, dass es dafür Erzähler braucht und nicht solche kleinen, viereckigen Dinger …“
„Viereckigen Dinger?“
„Ja“, sagte Psyche. „Mit Tüchern … oder sowas … da drin.“
„Oh“, sagte Amor. „Vielleicht Schriftrollen?“
„Nein“, sagte Psyche. „Aber es ähnelt dem schon sehr. Eine kompaktere Version einer Schriftrolle, könnte man sagen. Ich wusste nicht, dass es so viele gibt“, sagte Psyche erregt. „Aber … ich mag die Geschichten darin. Das heißt, wenn ich sie verstehe. Die Geschichten erzählten von “Fabriken“ und “Bohrmaschinen“. Ich kann mir nichts darunter vorstellen … du?“
„Nun“, begann Amor, „das weiß ich auch nicht. Vielleicht ist da etwas durcheinander geraten.“
Er biss sich auf die Lippe. Wahrscheinlich, vermutete er, hatte er es beim Bau des Schlosses etwas übertrieben. Möglicherweise waren verschiedene Zeiten durcheinander geraten. Das war überhaupt nicht gut!
Amor schüttelte den Gedanken ab.
„Also, äh, Psyche, hör mal, wir müssen reden …“
„Ja, unbedingt müssen wir reden!“, fiel Psyche ihm ins Wort. „Oh mein Gott, ich kann dir gar nicht sagen, wie … wie gut ich mich fühle! Ich glaube zwar immer noch, dass ich träume, aber, wenn ich ehrlich bin, ich habe mich noch nie so wohl gefühlt und ich würde diesen Traum gerne weiter träumen.“
„Psyche …“, versuchte es Amor.
„Nein, warte“, sagte Psyche. „Das alles ist so unglaublich, weißt du, so unglaublich, aber auch so gut! Ich freu mich so sehr, dass ich an einen solchen Ort gelangt bin. Gestern gab es leckeres Essen. Heute war ich in dieser, in dieser … Bibliothek. Ich wusste nicht mal, dass es einen solchen Ort gibt. Dort liegen so viele Geschichten. Viele von denen verstehe ich nicht, aber es ist, es ist einfach großartig! Und deswegen, liebes Untier, möchte ich Dir danken! Und wenn du mich heiraten willst, oder was auch immer, ich sage: Ja.“
Amor schluckte schwer.
„Zumal du ja eh nur ein Traumgespinst bist …“, fügte Psyche kichernd hinzu. Sie stand auf und hüpfte durch den dunklen Raum.
„Psyche, jetzt lass mich auch mal was sagen …“, bat Amor.
„Wieso, was gibt es da noch zu sagen?“, fragte Psyche und versuchte Amor, vom Bett zu ziehen. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie immer noch …, das habe ich heute gelesen. Tanz mit mir! So funktioniert das doch!“
„Psyche …“ Amors Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Es konnte nicht wahr sein. Die Worte, die er sich gestern noch so sehr gewünscht hatte, sprach sie heute aus. Doch er konnte nicht so einfach mit ihr tanzen.
„Psyche, warte. Das, was du tust, das, was wir tun … es ist gefährlich. Ich möchte dich nicht verletzten. Und das könnte geschehen.
„Wie soll das geschehen?“, fragte Psyche lachend. „Ich träume doch nur!“
„Nein, das tust du nicht“, sagte Amor, bezweifelte aber, dass Psyche ihm glaubte.
„Also keine Hochzeit?“, fragte Psyche.
„Ja“, sagte Amor und war froh, dass Psyche nicht sehen konnte, wie er errötete.
„Dann … Freunde?“, fragte Psyche.
„Na ja“, sagte Amor. „Freunde reden miteinander, helfen sich, machen so dies und das … manchmal ärgern sie sich auch … aber auf jeden Fall ist es nicht ganz so gefährlich, wie eine Beziehung.“
„Okay“, sagte Psyche. „Das ist wirklich der verrückteste Traum, den ich je hatte! Lass uns also Freunde sein.“
„Äh … okay!“, rief Amor, allerdings spürte er einen Stich der Enttäuschung, dass Psyche überhaupt keine Bedenken hatte, ihn nicht zu heiraten.
„Morgen Abend kann ich übrigens nicht kommen“, sagte Amor.
„Macht nichts“, sagte Psyche. „Ich versuche, mich dann morgen nicht zu verlaufen.“
„Gut“, sagte Amor trocken. „Dir macht es also gar nichts aus?“
„Nein“, sagte Psyche. „Warum sollte es?“
„Ach, ich dachte nur …“, sagte Amor. Die Enttäuschung stach tiefer.
„Ich bin im schönsten Schloss, mit den besten Geschichten, dem leckersten Essen … ich könnte Jahrzehnte hier verbringen, ganz alleine …“
„Dann hast du bestimmt nichts dagegen, wenn ich jetzt schon gehe“, fauchte Amor und rannte wütend aus dem Schloss.

Der Zorn der Göttin

 

„Wo bist du?“, rief Psyche. „Ungeheuer, wo bist du?“ Psyche bückte sich, um unter den großen Tisch zu sehen, der in der Mitte des Raumes stand. Sie schüttelte die Vorhänge, öffnete jede Schranktür und selbst die Schubladen.
Sie fand viele sonderbare Dinge, die sie noch nie gesehen hatte, aber vom Untier gab es keine Spur. Dabei war dieses Wesen ihr noch einige Erklärungen schuldig.
Schließlich ließ Psyche sich erschöpft auf einen Stuhl fallen.
Die Winde umschwirrten sie und vor Psyche auf dem Tisch erschienen wie von Zauberhand duftende Speisen, die köstlich aussahen.
Psyche zuckte mit den Schultern und begann zu essen.
„Das Untier ist nicht hier, oder?“, fragte sie zwischen zwei Bissen.
Die Winde ließen die Vorhänge rascheln, was Psyche als Kopfschütteln deutete.
„Na gut“, sagte Psyche, „es hat ja auch gesagt, dass ich es nicht sehen darf. Und momentan ist es taghell. Aber heute Abend kommt es wieder?“
Die Winde ließen das Geschirr ein wenig klappern.
„Ist das ein Ja?“, fragte Psyche und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Wisst ihr, das alles hier ist so seltsam. Aber ich könnte mich dran gewöhnen, glaube ich.“
Das Tischtuch wickelte sich selbst ein und verschwand. Psyche spürte, wie ein leichter Luftzug ihre Hand streifte.
„Soll ich mitkommen?“, fragte Psyche.
Der Luftzug strich erneut über ihre Hand.
„Ich deute das mal als ein Ja.“
Und sie stand auf und folgte dem Wirbel, der sich warm anfühlte wie ein lauer Frühlingswind.

Amor fand Diana in ihrem Waldhain. Die Göttin schlief auf einem Fleckchen Moos und schnarchte ein wenig. Amor ließ sich neben ihr nieder und seufzte. Sollte er Diana wecken? Es war gefährlich, sich ihr bei vollem Mond zu nähern. Wie oft hatte sie gesagt, dass dies ihre Zeit sei, in der sie ihre Ruhe haben wollte. Aber Amor musste mit Diana reden. Sie war die einzige, der er von gestern Nacht erzählen konnte. Und sie war eine Frau, was sie zu einer besseren Beraterin machte, als ihren Zwillingsbruder Apollo.
„Diana?“, flüsterte Amor.
Die Göttin wälzte sich auf die andere Seite.
„Diana …“, probierte es Amor noch ein wenig lauter.
Wind raschelte durch die Bäume des Waldes. Amor sah in die Baumwipfel und seufzte.
„Was willst du?“, fauchte die Göttin ihn plötzlich an.
„Ich … äh. Es tut mir leid. Aber es ist wichtig. Bist du wach?“
Diana reckte und streckte sich.
„Jetzt schon.“
„Hm. Okay, also gut. Diana … ich will ehrlich sein. Ich weiß ja, dass du ein Geheimnis für dich behalten kannst. Also, um es kurz zu machen, vorgestern, da habe ich …“
Amor erzählte Diana alles. Die Augen der Göttin wurden schmal und kritisch, dann wieder groß und staunend. Als Amor geendet hatte, herrschte eine Zeitlang Stille. Nur das Rauschen der Blätter war zu hören.
„Du hast dich also verliebt“, schloss Diana.
„Und wie!“, seufzte Amor.
„Und was erwartest du von mir?“
„Hilfe.“
Diana verzog das Gesicht. Verwundert beobachtete Amor das Spiel ihrer Mimik. Fast schien es, als würde sie eine Maske tragen, ein verzerrtes Abbild ihres eigentlich schönen Gesichts. Dann erkannte Amor, dass die Göttin grinste. Sie brach in tosendes Gelächter aus. Oder war es ein Kreischen?
Amor hielt sich die Ohren zu.
„Alles … alles in Ordnung?“
„Du hast Nerven!“, rief Diana. „Hier her zu kommen und mich nach der Liebe zu fragen. Du bist doch der Experte in diesen Dingen … oder solltest es zumindest sein. Dass ich nicht lache!“
Amor verschränkte die Arme und ärgerte sich. Er hätte Diana wirklich nicht bei Vollmond besuchen sollen. Sie war dann so anders, so unberechenbar.
„Ich bin kein Experte“, verteidigte er sich. „Aber du bist eine Expertin für Frauen. Ich will doch nur wissen, was ich falsch gemacht habe!“
Dianas Augen blitzen böse. „Du willst wissen, was du falsch gemacht hast? Du solltest froh sein, dass Psyche dir nicht den Schädel eingeschlagen hat. Sich einfach so nachts anzuschleichen, sie mit einem Ring zu ködern … hat dir das mein Bruder geraten?“
„Das mit dem Ring war meine Idee!“, rief Amor. Er konnte sich nicht erklären, was Diana so in Rage versetzte. „Was soll falsch daran sein?“
„Alles daran ist falsch! So funktioniert das nicht! Ihr Männer seid doch alle gleich, immer nur das Eine im Sinn!“
Diana schüttelte den Kopf.
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst!“
„Aktaion von Theben, sagt dir das noch was?“
„Äh … dieser Typ, den du gut findest?“
„Den ich gut fand. Ich habe mich so getäuscht. Das mit der Liebe, Amor, vergiss es einfach. Wir Götter sind nicht dafür geschaffen. Mein Bruder macht das ganz richtig mit seinen offenen Beziehungen … “
Amor begriff die Welt nicht mehr. Gerade noch hatte Diana ihn angebrüllt, jetzt auf einmal sprach sie leise und, wenn er es richtig erkannte, rollte sogar eine kleine Träne über ihre Wange.
„Was ist denn los?“, fragte er bekümmert.
„Ach, ihr Männer!“, schniefte Diana. „Aktaion von Theben, er hat mich gestern beim Baden überrascht. Hat sich einfach so angeschlichen, so wie du.“
„Aber Psyche war schon fertig gebadet.“
Diana rollte mit den Augen. „Es war dunkel, sie hatte bestimmt Angst, genauso, wie ich.“
„Du hattest Angst?“
„Ja.“
„Aber du magst ihn doch, oder nicht?“
„Nein. Nicht, nicht so. Männer sollten freundlich sein, aufmerksam, liebevoll. Er stand einfach nur da und hat mich angeglotzt, dieser Spanner!“
Da war so viel Wut in Dianas Stimme, dass Amor erschauderte.
„Aber ich will dir was sagen“, sagte Diana herrisch. „Ich weiß mich zu wehren. Und das habe ich getan.“
Amor verspürte den Impuls, sich erneut die Ohren zuzuhalten. Wenn Diana sich wehrte, ging das meistens nicht ohne Todesopfer vonstatten.
„Was, was hast du denn getan?“, stammelte Amor.
„Ich habe ihn in einen Hirsch verwandelt.“
Amor war verblüfft. Doch keine Bluttat? „Das ist ja … also … ach so, kein Grund zur Sorge. Verwandle ihn doch einfach zurück, er hat bestimmt gemerkt, dass sein Verhalten nicht so toll war.“
„Zu spät.“ Diana griff ins Moos und rupfte es aus. „Wie es das Schicksal so wollte, haben ihn seine Jagdkumpanen kurze Zeit später erlegt.“
„Bitte was?“
„Aktaion war auf der Jagd. Hatte ich das nicht erwähnt? Warum sonst sollte er sich in meinem Wald aufhalten?“
„Ach so, ja klar.“
Vor Amors innerem Auge poppte das Bild eines Hirsches auf, der von Hunden gejagt wurde. Jagdhunde hatten unterschiedliche Talente, das wusste Amor, denn er interessierte sich sehr dafür. Da gab es die, die gut Fährten lesen konnten und jene, die sogar Wildschweine verletzten. Ein Hirsch hatte keine Chance gegen eine Meute. Und es waren Hunde, deren Namen und Fähigkeiten Aktaion kannte …
Amor schüttelte die Gedanken fort.
„Das war … extrem“, schloss er.
„Mag sein“, sagte Diana und legte sich zurück auf ihren Schlafplatz. „Aber jetzt weißt du, warum ich bestimmt keine gute Beraterin in Liebesdingen bin. Wir Götter sollten uns davon fernhalten. Das endet nur in einer Katastrophe.“
„Aber …“
„Nun hast du meinen Rat. Lass mich schlafen!“
Als Amor sich erhob, fühlte er sich, als hätte er seine Wolke durch einen Sturm lenken müssen. Dass Liebe so gefährlich sein konnte, hatte er nicht bedacht.

Der Kuss

Amor fühlte sich bestens vorbereitet. Er hatte den perfekten Köder gefunden. Es gab nichts, das eine Erdenfrau mehr faszinierte als dieses winzige Etwas. Amor wusste zwar nicht, warum gerade dieses Objekt so anziehend wirkte, allerdings musste er zugeben, dass es sich sehr angenehm anfühlte.
Vorsichtig tapste er durch das dunkle Schloss. Es war finster wie die Nacht, genauso wie er es geplant hatte.
In der Hand hielt er das kleine Ding, das ihm als Köder dienen würde. Daran befestigt war eine lange, dünne Kette. Sobald die Prinzessin danach schnappte, würde er sie an sich ziehen und dann …
Der Gedanke verursachte ein prickelndes Gefühl in seinem Bauch.
Amor grinste glücklich.

Voller Angst lauschte Psyche. Gewiss war es das Ungeheuer, das sich dort im Flug bewegte. Oh, sie war so dumm! Den ganzen Tag über hatte sie die Bedrohung ignoriert, nur ab und zu war die Erkenntnis wie ein Schrecken über sie gefallen. Aber gleich darauf hatte sie sich einlullen lassen von all den Wunderdingen dieses Schlosses. Wenn sie doch geflohen wäre! Jetzt war es zu spät. Sie konnte nichts mehr tun.
Die Schritte näherten sich.
Psyche umklammerte die Vase. Sie würde sich nicht kampflos ergeben. Im Raum war es stockfinster. Sollte sie sich verstecken? Würde ihre Hässlichkeit sie schützen? Konnte das Ungeheuer in der Dunkelheit sehen?
„Oh Mist!“, rief da eine Stimme und etwas im Flur ging klirrend zu Bruch.
Das Ungeheuer war also genauso blind wie sie, schloss Psyche. Nicht einmal ihre Hässlichkeit würde sie retten. Psyches Herzschlag übertönte fast das leise Knarren der Tür. Sie hielt den Atem an.
Mit einem leise „Pling“ landete etwas auf dem Boden. Direkt neben ihr. Ein feines, schleifendes Geräusch ertönte. Psyche hielt sich schützend den Arm vors Gesicht und erwartete das Schlimmste.
Das schleifende Geräusch wiederholte sich. Ruckartig. Oder war es vielmehr ein Klingen? Weiter geschah nichts. Kein hereinstürmendes Ungetüm, kein Angriff.
Psyche nahm wahr, dass ihre Finger schmerzten. So fest hielt sie die Vase umklammert.
Und wieder ertönte ein klingendes Geräusch.
Stirnrunzelnd hockte sich Psyche auf den Boden und stellte die Vase ab.
„Wer ist da?“, flüsterte sie.
Keine Antwort. Dafür aber bewegte sich das Klingen jetzt schnell springend fort. Psyche griff danach und fühlte etwas Kleines, Rundes, das in der Mitte ein Loch hatte.
„Ein Ring“, stellte Psyche verwundert fest. Was sollte das denn?
Sie bemerkte, dass an dem Ring noch etwas befestigt war. Es war hauchdünn, fast nicht zu spüren, vielleicht ein Spinnengewebe, nein, dafür war es zu fest. Was war es?
Mit einem Ruck wurde Psyche fortgezogen und fand sich im selben Moment wieder in einer Umarmung, gepresst an einen Körper, von dem ein so betörender Duft ausging, dass ihr Schrecken sich mit einem Atemzug verlor.
„Du gehörst jetzt mir“, flüsterte eine Stimme in ihr Ohr.
Dann spürte sie einen weichen Mund auf ihren Lippen. Der Geruch war noch stärker als zuvor, er vernebelte ihren Geist.

„Was tu ich hier?“, fragte sich Psyche. Ich küsse. Wie denn? Ich küsse? Ist das eine Zunge? Wie soll ich die Lippen bewegen? Wie atmen? Küssen. Es funktionierte einfach so. Seltsam. Und irgendwie …
Bevor sich Psyche völlig verlor, löste sie ihre Lippen.
„Wow“, sagte die fremde Stimme. „Das ist ja besser als fliegen.“
Psyche versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. „Fliegen?“
„Klar! Ich zeig es dir!“
Sogleich wurde Psyche hochgehoben und spürte für einen kurzen Moment, wie sie in den Armen des Fremden tatsächlich flog.
Dann stieß er sich den Kopf an der Decke und beide fielen unsanft zu Boden. Direkt neben die Blumenvase. „Hatschi!“, schnaubte Psyche.
„Wer –hatschi- oder was bist du überhaupt?“, brachte Psyche zwischen ihrem Nießen hervor.
„Das ist doch nicht wichtig!“, sagte der Fremde und lachte. „Lass uns lieber noch einmal küssen!“
Psyche musste wieder niesen. Sie brauchte unbedingt ein Tuch, um sich die Nase zu schnäuzen.
„Moment mal …“, sagte sie und tastete in der Dunkelheit. „Warum ist das hier so finster?“, murrte sie. „Gibt es keine Fackeln?“
„Nein!“, sagte der Fremde. „Das habe ich extra so eingerichtet!“
Psyche erspürte das Laken und schnäuzte sich die Nase. Der Fremde rückte an sie heran. „Sowas passiert mir öfter. Ich meine, dass ich mich irgendwo stoße. Aber ich bin auch selbstbewusst. Und behaart. Und ich möchte dich noch einmal küssen. Ich liebe dich nämlich!“
Psyche wischte sich die tränenden Augen und rückte weg. „Ich … ich muss nachdenken“, sagte sie. „Das ist alles so … verwirrend!“
„Dann … äh … klar, denke! Du kannst alles denken und mir dann alles sagen, Psyche. Das ist so, wenn man sich liebt.“
Der Fremde versuchte, ihre Hand zu finden. Psyche zog sie vorsichtig zurück. Was war das für ein Wesen? So etwas hatte sie noch nie erlebt. Hatte es gerade gesagt, dass es sie liebte?
„Du sprichst von Liebe?“, fragte Psyche. „Ist das dein Ernst?“
„Ich schwöre es bei meinem Leben!“
„Bis vor ein paar Minuten habe ich noch gedacht, du willst mich töten …“
„Wie bitte?“ Die Stimme klang ehrlich entsetzt. „Warum hast du das gedacht? Was hätte ich tun können, es zu verhindern? War etwas nicht zu deiner Zufriedenheit?“
Psyche erinnerte einzelne Bilder des Tages. Der leckere Kuchen, das schaumige Bad …
„Nein, es war alles … gut. Aber ich wusste nicht, was mich erwartet.“
„Es tut mir leid“, gab die Stimme zu. „Daran habe ich nicht gedacht.“
„Wer oder was bist du?“, beharrte Psyche.
„Ich kann es dir nicht sagen. Ich werde alles tun, alles, was du willst, aber das kann ich dir nicht sagen.“
„Warum nicht?“
„Es geht nicht. Psyche, bitte, frag nicht weiter. Ich … ich liebe dich!“
Das fremde Wesen machte den Versuch, sich ihr wieder zu nähern. Sein Geruch war einfach zu gut. Psyche hielt sich die Nase zu, bevor sie wieder den Verstand verlor.
„Gut, dann sage mir, was dieses Schloss ist. Ich habe so etwas noch nie gesehen.“
„Es ist ein Traumschloss. Ich habe es für dich erschaffen.“
„Das ist unmöglich!“
„Gefällt es dir nicht?“
„Darum geht es nicht!“, rief Psyche aufgebracht. „Das alles kann einfach nicht wahr sein!“
„Wieso sagst du so etwas?“, fragte die Stimme. „Es ist wahr, warum glaubst du das nicht?“
Das fremde Wesen sprach auf einmal ganz leise. „Du hast den Köder gefunden. Du hast den Ring … Komm zu mir, bitte!“
Es klang so verzweifelt, dass Psyche einen Moment stutzig wurde.
„Wieso?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht …“, sagte das Wesen und Psyche konnte hören, wie die Stimme leicht zitterte: „Liebst du mich denn nicht?“
Psyche schüttelte den Kopf. Das alles war viel zu absurd, um wahr zu sein. Aber wie verrückt sie auch geworden war, sie wollte niemandem eine Erklärung schuldig bleiben.
Also sagte sie:
„Ich weiß doch überhaupt nicht, wer oder was du bist. Ich kenne dich nicht. Um jemanden zu lieben … das dauert. Das ist nicht einfach so da. Glaube ich zumindest. Und all diese Dinge hier … wahrscheinlich träume ich nur. Das ist ein Trugschloss, es wird zerplatzen, sobald ich die Augen öffne. Außerdem ist es stockfinster. Wenn du mich sehen würdest, dann würdest du … “
„Ich habe dich gesehen“, unterbrach das Wesen ihre Gedanken. „Und im selben Moment habe ich mich in dich verliebt.“
„Ha!“, Psyche lachte trocken auf. „Ich wusste, dass hier etwas nicht stimmt. Das kann unmöglich sein! Niemand würde das tun. Keiner. Verstehst du? Irgendwas läuft hier gehörig schief, ich bin doch nicht bescheuert. Vielleicht ist das ein lange gehegter Plan … irgendwas Gemeines. Oder ich bin einfach nur verrückt geworden. Ich bin verrückt geworden …“

Amor versuchte ein paar Mal, Psyche zu beruhigen, aber sie schien ihn nicht zu hören. Also verließ er schlurfend das Zimmer. Er war so betrübt, dass er nicht einmal fliegen konnte. Auf seinem Weg stieß er gegen so ziemlich jede Vase und jede Kostbarkeit, die im Schloss aufgestellt war. Klirrend zerbrachen sie auf dem Boden. Egal. Egal. Es war ihm egal.
Was hatte er falsch gemacht? Der Kuss war das Schönste, was er bisher erlebt hatte. Psyches Lippen hatten sich so wundervoll angefühlt, einfach perfekt, und doch, nur einen Moment später, hatten diese harten Worte sie verlassen. Worte, die ihn getroffen hatten, wie Steine.
Er hatte alles so gemacht, wie Apollo es gesagt hatte. Aber er hatte versagt. Psyche würde ihn niemals lieben. Der Pfeil würde seine Wirkung nur tun, wenn sie ihn sah. Und das war unmöglich.
Er musste etwas tun! Er konnte ohne Psyche nicht leben. Dieser Kuss … und hatte sie ihn nicht erwidert? Hatte sie sich nicht an ihn geklammert, ja, ihn umarmt, ein wenig festgehalten, wenigstens ebenfalls berührt?
Hinter Amor schlossen sich die großen Flügeltüren. Am Himmel zeigte sich der Mond. Er machte ein trauriges Gesicht, fand Amor. Es war Vollmond und keine günstige Zeit, um Diana einen Besuch abzustatten, aber er brauchte ihren Rat. Er hatte etwas falsch gemacht, aber er wusste nicht, was es war. Er brauchte den Rat einer Frau. Und dann dachte er wieder an diesen Kuss. Dieser Kuss …

Schuld und Sühne

„Psyche!“, „Psyche!“, hörte sie ihren Namen. War das Gorda, die da sprach?
Psyche schlug die Augen auf. Sie saß auf einem Stuhl an der Tafel im Thronsaal. Durch den Schleier sah sie Gorda über ein geöffnetes Fläschchen fächeln, aus dem ein herber Duft strömte. Langsam drehte Psyche den Kopf zur Seite.
Am anderen Ende des Tisches erkannte sie den König und die Königin. Tessa schenkte dem König gerade Wein ein und Psyches erster klarer Gedanke war, warum das nicht, wie üblich, eine Sklavin erledigte.
„Wo sind die Diener?“, murmelte Psyche verwirrt.
„Sie ist wach!“, rief Gorda.
Augenblicklich drehten der König und die Königin sich in Psyches Richtung.
„Psyche, kannst du mich hören?“, fragte der König über die Tafel hinweg.
Psyche nickte.
„Kannst du sprechen?“
„Ja“, hauchte Psyche.
Der König nahm einen kräftigen Schluck Wein. Er wischte sich die Tropfen vom Bart, faltete die Hände und blickte Psyche ernst an.
„Wir haben nicht viel Zeit. Ich muss mit dir reden. Mit euch allen muss ich reden. Die Diener dürfen rein gar nichts davon zu Ohren bekommen, deshalb habe ich sie weggeschickt.“
Er machte eine bedeutungsschwere Pause und fuhr dann fort:
„Eure Mutter hat mir berichtet von eurem Versuch, einen Ehemann für dich zu finden. Wenngleich ich die Entscheidung nicht gut heiße, so kann ich sie dennoch verstehen.“
Die Königin drückte die Hand ihres Mannes. „Es war nur zu Psyches Bestem. Zum Besten für uns alle. Und fast hätte es geklappt …“
Der König nickte seiner Gattin zu. „Unter den gegebenen Umständen ist es …“
Der König brach ab und räusperte sich. In seinem Blick lag etwas, das Psyche nur schwer zu deuten vermochte. Dunkle Schatten überzogen seine Augen.
„Oh Psyche, warum nur hast du den Prinzen verscheucht?“, fragte die Königin anklagend.
Psyche war froh um ihren Schleier, denn niemand konnte sehen, wie sie errötete. Die Erinnerung an das Geschehene war ihr schmerzhaft peinlich.
Stockend berichtete sie von ihrem Erlebnis mit Aktaion.
Die Königin wurde blass. Tessa und Gorda sahen sich entsetzt an. Nur der König zeigte unter seinem Bart so etwas wie ein Schmunzeln. „Du hast es ihm gezeigt, würde ich sagen.“
Psyche nickte, erleichtert und erstaunt darüber, dass ihr Vater so reagierte.
„Hätte ich das gewusst, oh ihr Götter, was habe ich nur getan?“, stammelte die Königin.
„Lasst gut sein“, sagte der König. „Wir alle machen Fehler.“
Die Königin blickte ihren Mann zweifelnd an. „Was ist bloß los mit Euch?“, fragte sie. „Ich habe die Ehre unserer Tochter aufs Spiel gesetzt und Ihr … verzeiht das einfach so?“
Das Weinglas knackste. So fest wurde es von den Fingern des Königs umschlossen.
„Ich hatte euch nicht über den Grund meiner Reise informiert. So wisst nun, dass auch ich über Psyches … Situation … besorgt war. Ich wollte in Erfahrung bringen, welche Ursache es hat, dass sie keinen Ehemann findet.“
„Wo wart Ihr?“, „Warum ist das so?“, „Habt Ihr etwas herausgefunden?“
Gorda, Tessa und die Königin bestürmten den König mit Fragen. Psyche hingegen hatte ein ganz seltsames Gefühl. Am liebsten wäre sie einfach verschwunden, doch wie angeklebt blieb sie auf ihrem Stuhl sitzen und krallte die Nägel in die Lehnen.
„Ich habe einen Ehemann für Psyche gefunden.“
Die Aussage des Königs ließ alle Fragen verstummen. Einen Moment lang herrschte Totenstille.
Dann begann die Königin mit zitternder Stimme: „Das ist ja gro… großartig!“
„Wer ist es?“, wollte Tessa wissen.
Doch der König hob abwehrend die Hand.
„Es ist kein Grund zur Freude. Dennoch hoffe ich, dass …“
Er brach wieder ab.
„Vater, wo wart Ihr?“, fragte Gorda langsam.
Der König senkte den Blick.
„Ich war beim Orakel in Milet. Es soll angeblich eines der Besten sein. Das Orakel vom Sonnengott Apollo. Dort habe ich geopfert, heilige Rituale vollzogen und wurde von den Priestern in den Raum geführt, wo ich meine Frage stellen konnte.“
Psyche lauschte den Worten ihres Vater, die so unwirklich klangen, dass sie kaum zu glauben waren. Ihr Vater hatte niemals viel auf Götter oder Orakel gegeben. Es musste schlimm um sie bestellte sein, wenn der König ihretwegen einen solchen Ort aufgesucht hatte.
„Das Orakel gab mit folgende Antwort”, sagte der König:
» Stelle die Maid auf des Berges ragenden Gipfel,
Düsteren Schmuck des Grabs gib ihr als bräutlich Gewand.
Nimmer erwarte, dir werde zum Eidam ein sterblich Gebor’ner:
Grausam ist er und wild, giftig, ein böser Gesell.
Hoch zu dem Aether schwebt er, das All sucht heim er mit Plagen,
Jegliches Wesen der Welt lähmt er mit Feuer und Schwert.
Jupiter selbst erzittert vor ihm, er schreckt die Dämonen,
Furchtbar steigt er ins Meer und in die höllische Nacht.«

Die Worte haben sich eingebrannt“, schloss der König. „Hier.“
Er tippte mit einem Finger an seine Stirn. „Und hier.“ Er fasste sich an die Brust. „Was war ich für ein Narr, die Götter um Hilfe zu bitten. Psyche, es tut mir so leid.“
„Was hat das alles zu bedeuten?“, rief die Königin aufgebracht. „Kein sterblicher `Eidam`?“
„Es bedeutet“, sagte Tessa leise, „dass Psyches Ehemann kein Mensch sein wird. Eidam ist ein altes Wort für Bräutigam.“
„Kein Mensch …“, wiederholte die Königin ungläubig. „Sondern ein schreckliches, böses Ungeheuer? Das darf nicht wahr sein!“
Gorda traten Tränen in die Augen. Eilig lief sie zu Psyche, umarmte ihre Schwester und schluchzte.
Psyche fühlte sich, als wäre die Welt um sie herum auf einmal von einer dichten Wolke vernebelt. „Wann…“, hörte sie sich selbst fragen.
„Schon morgen, mein Kind“, sprach der König mit Grabesstimme.
„Warum …“
„Weil es eine Strafe ist.“
Ein wisperndes „Wofür?“ verließ Psyches Lippen.
„Für unredliches Verhalten, dafür, dass du dich wie eine Göttin verhälst.“
„Wie bitte?“, fauchte Tessa. „Das stimmt nicht! Das ist ein Missverständnis! Psyche ist keine Göttin und sie verhält sich auch nicht so!“
Der König blickte zweifelnd in die Richtung seiner Gattin.
„Oh nein!“, rief die Königin. „Das kann nicht der Ernst dieses Orakels sein!“
„Ihr seht, wie ernst es ist.“
„Ihr seid uns wohl eine Erklärung schuldig!“ Tessa stemmte die Hände in die Hüften. „Was ist hier vorgefallen?“
Die Königin schüttelte energisch ihr Haupt. „Das kann nicht sein … nicht deswegen …“
„Doch“, sagte der König. „Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl bei der Sache. Dieser Orakelspruch ist nun die Quittung.“
„Nun redet endlich!“, rief Tessa aufgebracht. Und auch Gorda trocknete ihre Tränen und warf einen fragenden Blick in die Richtung der Eltern.
„Wir haben …“, hob der König an. „Psyche hat, durch ihr … besonderes Äußeres … die Neugier des Volkes geweckt. Seit einiger Zeit stehen die Menschen tagein, tagaus vor der Burg und wollen sie sehen. Selbstverständlich kriegt sie keiner wirklich zu Gesicht, sie ist immer verschleiert. Und seit ein paar Wochen bringen die Menschen verschiedene Geschenke für Psyche mit.“
„Geschenke?“ Psyche war auf einmal wieder ganz bei sich. „Welche Geschenke?“
„Wir wollten dich nicht beunruhigen“, erklärte die Königin. „Wir haben dir nichts davon gesagt.“
„Was sind das für … Geschenke?“, wollte Tessa wissen.
„Nichts Besonderes …“, versuchte die Königin auszuweichen.
„Nun sagt schon, oder ich werde es euch aus der Nase ziehen!“
Der König schenkte sich Wein nach, trank einen Schluck und seufzte. „Was macht das schon … Was macht das schon in Anbetracht dieses Urteils. Erzählt es ihnen. Erzähle alles.“
Die Königin bedachte ihren Mann mit einem traurigen Blick.
„Getreide, Gold und Silber – sehr kleine Mengen wohlgemerkt, Wein, Gewürze, Kräuter, Fleisch …“
„Das sind Gaben für die Götter!“, keuchte Gorda entsetzt.
„Richtig“, sagte die Königin. „Genauso aber sind es Dinge, die wir gut brauchen können. Die Dürre hat uns eine sehr magere Ernte beschert. Es gibt so viele Menschen im Reich, die Hunger leiden.“
Tränen rannen der Königin übers Gesicht, als sie zu Ende gesprochen hatte.
Der König fasste sich an die Stirn. „Nie hätte ich gedacht, dass es so weit kommen würde. Es tut mir so leid.“
Psyche erhob sich und ihr war, als ob sich alles um sie herum zu drehen begann. Sie musste sich an der Stuhllehne festhalten. Ungekannte Wut durchflutete sie, stärker als die Angst, die sie noch vor ein paar Stunden verspürt hatte.
„Ihr habt mich benutzt!“, rief sie zornig. „Ihr, meine eigenen Eltern! Was bin ich für euch? Oh, ich kann es euch sagen: eine hässliche Witzfigur, die keinen Mann abkriegt, die man zur Schau stellen kann! Mit der man die Staatskasse aufpoliert!
Und jetzt tut es euch also leid. Hättet ihr nur einen Moment früher daran gedacht, wie frevelhaft euer Verhalten war! Jetzt ist es zu spät … Oh, lieber vermähle ich mich mit einem Ungeheuer, als weiter in eurer Gegenwart zu weilen! Lasst mich bloß in Ruhe!“
Auf dem Absatz machte Psyche kehrt und rannte in ihre Gemächer. Tausend Gedanken mischten sich in den rotglühenden Zorn, zu schnell flogen sie dahin, waren nicht greifbar. Psyche starrte in die Dunkelheit der Nacht, während ihr Herz raste. Tessa und Gorda schickte sie fauchend fort. Sie ignorierte die Mutter, die leise schluchzend an ihre Tür pochte. Irgendwann hörte sie die Schritte des Königs vor ihrem Gemach stoppen, doch der Vater wagte nicht zu klopfen.
Als die ersten Sonnenstrahlen das Zimmer erhellten, wurde Psyche von der Trauer über den Verlust ihres ungelebten, ungeliebten Lebens überwältigt.
Heute würde sie sterben.

 

 

 

 

Liebe und Tod

Amor hatte der Wolke befohlen, den Eingang zur Unterwelt anzusteuern. Dort hatte er seine Pfeile versteckt. Die musste er holen, um wieder zu arbeiten.
Unter sich sah Amor kleine Schaumkronen blitzen. Er befand sich über dem Meer. Kein Schiff in Sicht.
Gut, dachte Amor und knackte seine Finger, dann kann es ja losgehen!
Mit einem gewaltigen Kick flog die erste Amphore von der Wolke. Wie er seine Arbeit hasste! Venus` Hohn klang in seinen Ohren. „Selbstständig?“ … „Mach deine Arbeit!“ … „Meine Schönheit verträgt keinen weiteren Ärger“.
Seine Mutter. Diese Harpyie!
Eine weitere Amphore folgte der ersten und zischte durch einen Schwarm aufgeregt krächzender Möwen. Warum hatte Venus ihm nicht zugehört? Es gab einen Grund dafür, dass er nicht mehr arbeitete.
Sein Job war … unsinnig. Liebe war der nichtsnutzigste Auftrag im Götterhimmel. Und auf der Erde sowieso. Männer und Frauen passten einfach nicht zusammen. Götter und Göttinnen übrigens auch nicht. Alle waren ohne dieses ganze Liebesgedöns besser dran.
Amor trat gegen die dritte Amphore und verknackste sich den Fuß.
„Au!“
Das Gefäß wog schwer. Anscheinend war noch Wein darin. Erschöpft sank Amor in die Wolkenwatte. Sein Fuß schmerzte. Er hatte keine andere Wahl. Die Aussicht, dass die Opfergaben sonst weniger würden, war düster. Götter, die keine Geschenke von den Menschen erhielten, verschwanden in Bedeutungslosigkeit.
Amor langte nach der Amphore. Er nahm einen großen Schluck und spürte zufrieden, wie der süße Wein seine Kehle hinabrann.
Latona zum Beispiel, die Mutter von Diana und Apollo, war total nett und konnte gut kochen. Bei ihr hatte er das erste Mal Fleisch gegessen und Wein getrunken, denn sie hielt nicht viel von Nektar und Ambrosia. Vor Unzeiten war Latona aus dem Osten eingewandert. Wo sie herkam, war sie in Vergessenheit geraten. Und hier hatte sie nie richtig Anschluss gefunden. Ohne ihre Zwillingskinder könnte sie sich gar nichts leisten.
Diana und Apollo waren von Geburt an strebsam, fleißig und sehr erfolgreich. Sie besaßen unzählige Tempel, bekamen unendlich viele Opfergaben und konnte ihre Mutter unterstützen. Doch Amor selbst war ohne den Ruhm von Venus nichts. Denn er besaß keinen Tempel, er erhielt keine Opfergaben. Er bekam sie von Venus.
Was Diana und Apollo zu seiner Misere sagen würden, daran wollte er gar nicht denken. Er musste das irgendwie wieder in Ordnung bringen.
Amor nahm einen weiteren, kräftigen Schluck und blickte von seiner Wolke hinab. Unter ihm befand sich das Kap Tenaro, eine schroffe Felslandschaft mit einem unscheinbaren Loch, aus dem stinkende Dämpfe emporstiegen.
Amor leerte die Amphore bis auf den letzten Tropfen. So ein Unterweltsbesuch war kein Zuckerschlecken, auch wenn er es bloß in die Vorhalle schaffen musste. Mit einem Satz sprang er von der Wolke. Mühelos flog er vorbei an den Rauchschwaden, leicht beschwipst vom Wein.
Vorsichtig blickte er in den Abgrund. Tief aus dem Innern hörte er ein unheimliches, grollendes Bellen. War das Kerberos, der Höllenhund? Amor seufzte. Warum hatte er sich kein neutraleres Versteck ausgesucht? Das Labyrinth vom Minotaurus vielleicht oder irgendeinen gottverlassenen Hain.
Mit ungutem Gefühl kletterte er hinein und folgte den eingeritzten Markierungen zum Versteck seiner Pfeile.
Als er die Vorhalle zur Unterwelt betrat, bot sich ihm ein erschreckendes Bild. Seine Pfeile lagen überall verteilt. Und mitten drin saß ein Schatten, gehüllt in dunkle Seide. Es war sein Großonkel Pluto. Der Gott des Todes höchstpersönlich.
Um ihn herum tollte der dreiköpfige Kerberos, in jedem Maul einen Pfeil.
„Fang die Stöckchen!“, rief Pluto. Die Liebespfeile und der Kerberos schossen kreuz und quer durch den Raum.
Vorsichtig tapste Amor rückwärts, bemüht, keinen Mucks zu machen. Doch die schwarze Figur begann, sich langsam in seine Richtung zu drehen.
„Bist du gekommen, um deinen Onkel zu besuchen?“
„Ich hab mich verlaufen“, keuchte Amor. „Bin schon wieder weg.“
„Du hast hier etwas verloren“, raunte Pluto.
„Äh …“
„Nun mach schon, sammele deine Pfeile zusammen.“ Pluto ließ einen seltsamen Pfiff ertönen und der Kerberos trollte sich zurück an das andere Ende der Halle.
Amor runzelte die Stirn. War das eine Falle? Eigentlich war dem Gott des Todes daran gelegen, jeden, der sein Reich betrat, für immer darin festzuhalten.
„Äh, nee, das mach ich ein Andermal. Tschüss dann …“
„BLEIB HIER.“
Amor hielt in seiner Bewegung inne. Nicht auch das noch. Nun würde er auf Ewigkeit im Reich des Todes verweilen … andererseits, vielleicht war das nicht die schlechteste Wendung für sein Schicksal.
„Okay.“
„SAMMEL DIE PFEILE“, Pluto räusperte sich, „ich meine: sammele die Pfeile auf.“
Möglichst unauffällig versuchte Amor, die Pfeile zusammen zu klauben und Pluto dabei nicht zu nah zu kommen. Immer wieder guckte er ängstlich in die Richtung seines Großonkels. Verblüfft stellte Amor fest, dass der versonnen den Sabber des Kerberos von einem Pfeil strich. Der Gott der Unterwelt schien ganz in die Betrachtung vertieft.
„Eine wirklich schöne Arbeit“, murmelte Pluto.
„Ähh, jaja“, brachte Amor hervor, der eifrig die Geschosse vom felsigen Boden pflückte. Vor allem zu schön, um damit „Fang-den-Stock“ zu spielen, dachte er bei sich. Ein wenig Empörung mischte sich in seiner Angst.
„Wirklich exzellent austariert …“, sagte Pluto und wog den Pfeil in seiner Schattenhand.
Ein bisschen geschmeichelt platzte es aus Amor heraus: „Die mache ich selber!“
„So?“, fragte Pluto und drehte sich in Amors Richtung. Amor hatte seinen Großonkel noch nie direkt angesehen. Nun stellte er fest, dass Pluto gar nichts zum Ansehen hatte. Unter dem Kapuzengewand zeigte sich ein dunkler Sog schwärzester Masse, gesprenkelt mit ein paar hellen Tupfern. So ein bisschen wie der nächtliche Sternenhimmel, aber gruselig.
„Jaja …“, rief Amor und flatterte aufgeregt durch die Halle. Es waren nur noch wenige Pfeile, die er fassen musste, dann würde er diesen unheimlichen Ort wieder verlassen. Irgendwie.
Plutos unendlicher Blick folgte ihm. Mit seiner ruhigen, tiefen Stimme fragte er:
„Ist Liebe … so wie dieser Pfeil?“
Amor verhedderte seine Flügel.
„Bitte was?“
„Was ist das, diese … Liebe?“, fragte Pluto.
„Liebe ist Schwachsinn“, antwortete Amor und landete mit einem Plumpsen auf dem Boden.
„Schwachsinn …“, murmelte Pluto. Er erhob sich. „Dann sind zwei Schatten aufgrund von ´Schwachsinn` aus meinem Reich verschwunden?“
Augenblicklich ließ Amor seine Sammlung fallen und floh in die nächstbeste Felsspalte. Pluto war riesengroß, wenn er stand, und dieser dunkle Strudel, wo eigentlich ein Kopf sein sollte, verhieß nichts Gutes.
„Was … was willst du von mir?“
„Zwei Schatten. Ein Mann und eine Frau. Sie sind verschwunden. Ich will wissen, warum.“
„Ich … ich weiß nicht!“, rief Amor. „Ich habe nichts damit zu tun!“
„Du musst etwas wissen. Es war ein Liebespaar.“
„Ein Liebespaar?“, fragte Amor erstaunt. „Meinst du etwa Pyramus und Thisbe?“
„Sie sind kurz nacheinander hier eingetroffen, vor etwa zwei Monden.“
„Dann waren es Pyramus und Thisbe!“, rief Amor. „Das heißt: sie leben wieder? Hast du sie frei gelassen?“
„Nein“, sagte Pluto und beugte sich hinab zu Amor. „Wie ich schon sagte, sie sind verschwunden. Sie sind nicht unter den Toten, nicht unter den Lebenden. Was weißt du?“
„Ich …“ Amor quetschte sich noch ein wenig tiefer in die Ritze. „ERZÄHLE!“
Amor zitterte am ganzen Leib. Er rang um Worte. Es war dramatisch gewesen, grausam. Manchmal war er nachts aufgewacht, schweißgebadet. Und dann sah er wieder den blutigen Schal und den knurrenden Löwen. Glücklicherweise lockerte der Wein seine Zunge.
„Also …“, hob Amor an, „die beiden, sie stammten aus verfeindeten Familien. Aber sie mochten sich. Und ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn sie sich verlieben. So Frieden, Happy End und so.“
„Wie meinst du das?“
„Na, ich dachte, dass die beiden heiraten und sich ihre Familien dann wieder vertragen. Aber es kam ganz anders.“ Amor hoffte, dass Pluto den Vorwurf gehört hatte, den er in die letzten Worte gelegt hatte.
„Wie sind sie gestorben?“, fragte Pluto unbeeindruckt.
„Sie hatten sich verabredet. Ein heimliches Treffen. Auf einem Friedhof. Kein schöner Ort, wenn du mich fragst. Dort hat Thisbe auf Pyramus gewartet. Sie sah so hübsch aus im Mondlicht! Plötzlich kam ein Löwe vorbei und Thisbe hat sich in einer Gruft versteckt. Als Pyramus kam, sah er den Löwen und Thisbes Tuch, das sie auf der Flucht verloren hatte …“
Amor hielt inne und wischte sich den Augenwinkel.
„Und dann?“, fragte Pluto.
Amor musste blinzeln. Irgendwie schien es in der Unterwelt viele Fliegen zu geben. Eine war ihm ins Auge geflogen.
„Er … er hat sich umgebracht!“, schniefte Amor.
„Und sie?“, fragte Pluto mit ausdrucksloser Miene.
„Sie hat sich auch umgebracht! Weil, als sie zurückkam, da hat sie Pyramus gefunden. Tot!“
„So?“, fragte Pluto.
„Ja!“, rief Amor. „Die größte Liebe überhaupt! Meine besten Pfeile habe ich hergegeben! Und dann das! Siehst du jetzt, wie schwachsinnig das alles ist?“
Amor atmete tief ein. Irgendwie fühlte er sich besser. Wer hätte gedacht, dass es so gut tun würde, mal all den Kummer rauszulassen?
Doch der Blick in Plutos wirbelndes Antlitz, das jetzt direkt über ihn schwebte, erschreckte ihn zu Tode.
„Eine nette Anekdote“, sagte Pluto. „Mich aber interessiert vor allem, wie stark diese … Liebe ist.“
Amor konnte den Puls der Zeit an seinem Körper spüren, als Pluto ihn einsog.
Dann war da nichts mehr.

Den ersten Teil gibt es hier.

Und hier die Audioversion.