Saturn

Heute geht es um den Gott Saturn und ein großes römisches Fest, das seinen Namen trägt, die „Saturnalien.“ – Und es geht gleich deftig zur Sache.

Hier sehen wir Saturn/Kronos und Zeus/Jupiter. By Anonymoushttp://bodley30.bodley.ox.ac.uk:8180/luna/servlet/detail/ODLodl~1~1~40328~108312:Le-roman-de-la-rose, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52963935“>Link

Das tat bestimmt weh. By Anonymoushttps://boondocksbabylon.com/2015/05/11/the-castration-of-uranus/, Public Domain, Link

Saturn als Gott hatte verschiedene Aufgabenbereiche. In der griechischen Antike ist er als „Kronos“ bekannt, der Sohn der Erde (Gaia) und des Himmels (Uranos).

By T2000 from pt, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3605290“>Link

Auf dem Bild zu sehen sind außerdem Pontos und Tartaros, also der Ozean und die Unterwelt, die im weitesten Sinne als Geschwister von Saturn/Kronos gelten können. Saturn/Kronos wird gemeinhin mit der Zeit assoziiert, aber ihm fielen auch noch Aufgaben zu wie zum Beispiel: Wohlstand, Ackerbau, Erneuerung, Freiheit …

Dieser Eigenschaften sind ihm mit der Zeit zuteil geworden. Welche Bestimmung seine anfängliche war, lässt sich schwer rekonstruieren. Vielleicht ist es richtig anzunehmen, dass er – im weitesten Sinne – zu den Fruchtbarkeitsgottheiten zählte, eine Mischung zwischenMutunus Tutunus und den Wettergöttern. Aber das ist spekulativ.

Interessant ist auf jeden Fall sein Verhältnis zu den Eltern (Gaia und Uranos) und den eigenen Kindern: Jupiter/Zeus und ein großer Teil des römisch-griechischen Pantheon.

Gaia und Uranos waren die Eltern der Titanen. Entweder hat Gaia Uranos aus sich selber heraus geboren (und geheiratet) oder Uranos hatte noch einen Vater, nämlich den Aether, der wiederum der Sohn der Dunkelheit (Erebus) und der Nacht (Nyx) war. Allerdings werden die Abstammungsverhältnisse immer ungenauer bzw. vieldeutiger, je genauer man sich mit ihnen beschäftigt, letztendlich landet man dann bei etwas, das als „kosmisches Ei“ beschrieben wird, nämlich die Vorstellung (wahrscheinlich ägyptischen Ursprungs), dass das Universum aus eben diesem Objekt entstanden sein soll – und dann natürlich all diese personifizierten Abstrakta, wie Zeit, Dunkelheit, Nacht, Tag usw.

Hier sehen wir „Geb“. By Anonymous (Egypt) – Walters Art Museum: Home page  Info about artwork, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18845554

Die Frage nach der Henne und dem Ei bleibt weiterhin unbeantwortet. „Geb“ ist sowohl der Name dieser Gans, die angeblich das kosmische Ei legte, aus dem alles entstand, als auch sein Kind (bzw. etwas, das aus dem Ei entstand), nämlich ein männlicher ägyptischer Erd-Gott namens Geb. Nut, sein Himmelspendant, war dagegen weiblich. (Man beachte die Umkehrung zu Gaia (Erde) und Uranos (Himmel) in der griechischen Antike.)

Die Vorstellung des kosmischen Eis bzw. Welten-Eis (womit ein EI und kein EIS gemeint ist) gibt es in sehr vielen Kulturen. Sogar im baltisch-finnischen Raum.

Saturn also, als letzter Sohn von Gaia und Uranos, sorgte dafür, dass er und seine Geschwister (zum Teil „normale“ Götter, zum Teil aber auch grauselige Ungeheuer) wieder aus dem Tartaros entkommen konnten, wohin sie Uranos geperrt hatte, da er fürchtete, seine Kinder würden ihm die Macht stehlen.

Saturn schaffte dies, indem er auf Geheiß seiner Mutter Gaia seinen Vater entmannte, wie man auf den obigen Bildern gut erkennen kann.

Allerdings ging es Saturn dann fast genauso, da er – selbst an der Macht – ebenfalls einige Fehler begann. Zum Beispiel befreite er seine eingesperrten Geschwister nicht, sondern ließ sie weiter in der Erde schmoren, was seiner Mutter Gaia (die Erde selbst) natürlich nicht so gut gefiel. Sie war es dann auch, die sagte, dass es Saturn mit seinen eigenen Kindern auch nicht leicht haben würde.

Um aber etwaige Probleme einfach im Keim zu ersticken, entschloss sich Saturn, seine Kinder einfach aufzuessen, wie man auf dem folgenden Bild gut erkennen kann.

Von Peter Paul Rubens[1], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1723595“>Link

Doch Saturns Frau Rhea konnte das nicht länger mit ansehen und beschloss dann, ihr letztes Kind – Zeus/Jupiter, vor dem gefräßigen Vater zu verstecken. Zeus gelangte so auf die Erde und wurde von einer Ziege bzw. Amme gesäugt, der ja nachgesagt wird, auch etwas mit dem Füllhorn zu tun zu haben.

Als Zeus/Jupiter alt genug ist, fordert er von seinem Vater die Herrschaft über Himmel und Erde und zwei gewaltige Schlachten entbrennen, die als Titanomachie und Gigantomachie bekannt und vielfach bildnerisch festgehalten worden sind.

By Cornelis van Haarlemwww.smk.dk and soeg.smk.dk, Public Domain, Link

By GryffindorOwn work, Public Domain, Link

By Guido ReniOwn worksailko, Public Domain, Link

By Ethiop Painter – Jastrow (2006), Public Domain, Link

Nach diesen Kriegen teilen die Geschwister Zeus/Jupiter, Poseidon/Neptun und Hades/Pluto die Erde unter sich auf. Jupiter bekommt den Himmel, Neptun das Meer und Pluto die Unterwelt.

Geschichten von Götterkämpfen gibt es übrigens, wie auch die vom Ur-Ei, in vielen europäischen und südöstlichen Kulturen. Die skandinavischen Asen kämpfen mit den Wanen, in Babylon kämpft Marduk gegen Tiamat, bei den Hurritern kämpft Kumarbi gegen Anu, der hinduistische Indra kämpft gegen die Asuras, ..

Für den europäischen römisch-griechischen Raum wurden die Götterkampfgeschichten vor allem von Hesiod überliefert.

Hier mit seiner Muse.
By Gustave Moreau – Gustave Moreau, 1826-1898 : catalogue de l’exposition à Paris, Galeries nationales du Grand Palais, 29 septembre 1998-4 janvier 1999, à Chicago, the Art institute, 13 février-25 avril 1999, à New York, the Metropolitan museum of art, 24 mai-22 août 1999. Paris : Réunion des Musées Nationaux, 1996. ISBN 2711835774, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10748736“>Link

Von Hesiod wissen wir wenig, wahrscheinlich lebte er im 7. Jahrhundert vor Christus in Boiotien, eine Landschaft, die ihren Namen vom griechischen Wort für Rind hat. Seine bekanntesten Werke sind „Werke und Tage“ und die eben genannten Göttererzählungen stammen aus der „Theogonie“.

In „Werke und Tage“ lobt Hesiod den Wert der Arbeit und beschreibt die Abfolge der menschlichen Geschichte als eine Abfolge von immer schlechter werdenden Zeitaltern.

Saturn soll über das goldene Zeitalter der Menschen geherrscht haben. – Und ab da wurde alles nur noch schlechter. (Silbern, ehern/bronzen, eisern …)

Dieses Denken war in der Antike übrigens auch schon weit verbreitet, so sagt ein babylonischer Spruch aus dem Jahre 3000 v. Chr.

Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“.

  • Was möglicherweise einiges an der heutigen Situation erklärt. 😉

Und ist das vielleicht auch der Grund, warum zumindest mythisch betrachtet die Kinder ihre Eltern entmannen und entmachten?

Das goldene Zeitalter. Von Lucas Cranach der Ältere – 1. Unbekannt2. Nasjonalgalleriet, Presse, aktuelle Utstillinger i Oslo, Gemeinfrei, Link

Im goldenen Zeitalter, als Saturn herrschte, entstanden der Legende nach auch die Saturnalien. Justin, ein Historiker aus dem ca. 3. Jahrhunder nach Christus schreibt dazu:

Die ersten Bewohner Italiens waren die Aborigines [ab origine], deren König Saturnus ein Mann von solch außerordentlicher Gerechtigkeit gewesen sein soll, dass niemand ein Sklave in seiner Herrschaft war oder irgendein Privateigentum besaß, sondern dass alle Dinge allen gemeinsam waren und ungeteilt, als ein Anwesen für den Gebrauch eines jeden; in Erinnerung dieser Lebensweise wurde es angeordnet, dass sich bei den Saturnalien Sklaven mit ihren Herren zu Tisch begeben sollten.“

Die Saturnalien waren also ihrem Ursprung nach ein Fest, das direkt auf das goldene Zeitalter zurückzuführen war, in welchem die Menschen in paradiesischen Zuständen lebten und für ihre Nahrung keinen Finger zu krümmen brauchten, da die Erde ihnen ihre Früchte bereitwillig gab. Natürlich waren zu diesem Zeitpunkt auch alle Menschen gleich gestellt und es gab keinerlei Besitz und somit auch keinerlei Streitigkeiten. Während der Saturnalien kam es daher dann auch durchaus vor, dass die römischen Senatoren ihre eigenen Sklaven bewirteten. 

Im römischen Reich gab es vier große Feste:

Die Saturnalien 

Die Baccanalien

Die Lupercalien 

und die Feierlichkeiten um die Göttin Bona Dea.

Die Saturnalien fanden statt vom 17. Dezember bis zum 23. Dezember und überschneiden sich also weitgehend mit unserer heutigen Advents- bzw. Weihnachtszeit, interessanterweise einer Zeit, in der es ja angeblich auch eher um das Geben als um das Nehmen geht und hoffentlich paradiesische Zustände herrschen.

By Guido Reni – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=157954“>Link

Saturn hatte möglicherweise auch einen historischen Vorläufer, nämlich einen etruskischen Gott, der so ähnlich heißt wie ein neuzeitlicher Philosoph, nämlich Satre. Die Etrusker lebten vor und zeitgleich mit den Römern, stellten beispielsweise auch die ersten Könige Roms, und der Gott Satre stand bei ihnen für eine eher dunkle, unberechenbare Gottheit, deren Himmelsrichtung der Nordwesten war. Ihm kommt auch eine Bedeutung bei der Eingeweideschau zu, eine Wahrsagemethode, die die Römer von den Etruskern übernommen haben. Die Etrusker hatten dafür sogar ein eigenes Deutungswerkzeug.

By LokilechOwn work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1804667“>Link

Diese Form der Wahrsagung ist allerdings schon viel älter als die Etrusker, denn auch die Sumerer machten davon schon Gebrauch.

By UnknownJastrow (2005), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=466940“>Link

Um das Jahr 2000 v. Chr. gab es einen regelrechten Kult um die Eingeweideschau, in der vor allem der Leber eine besondere Bedeutung zukam. Es wurden mehrere Keilschrifttäfelchen beschrieben, die genaue Angaben darüber enthielten, welcher wie geformte Teil der Leber wie zu deuten sei. An jedem Hof, der etwas auf sich hielt, gab es einen sogenannten „Haruspex“, bzw. Barutu (babylonisch). Auch bei den Azteken gab es solcherlei Zeremonien.

Bei Bedarf konnte man es aber auch weniger blutig haben, zum Beispiel bei Orakelmethoden mit schnödem Hausmehl, Rauch oder Öl.

Ein sehr beliebtes und sowohl damals auch heute weit verbreitetes Orakel ist das Ei. (Wir erinnern uns an das „Weltenei“, aus dem angeblich alles entstanden sein soll, und an seine VaterMutter „Geb“.)

Ich kann jedem, der sich dafür interessiert, diesen wunderbaren Wikipedia Artikel zum Eierorakel ans Herz legen.

Scheinbar ist diese Art der Orakelmethode bestens geeignet für die dunkle Jahreszeit und selbstverständlich, wen wundert es, zu Ostern.

By Stan Shebs, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65109“>Link

Ostara. By Unknown – Transferred from de.wikipedia to Commons. original upload date 2004-01-30. Original uploader was Rumpenisse at de.wikipedia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1914652“>Link

Geb und die Himmelsgöttin Nut. Von E. A. Wallis Budge (1857-1937) – The Gods of the Egyptians Vol. II, colour plate facing page 96, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11976865“>Link

Die Frau von Saturn wird in den meisten Quellen als „Ops“ bezeichnet, eine sabinische Göttin für Wohlstand, Ernte und Arbeit. Ihr zu Ehren gab es zwei Festtage, ein Erntedankfest und ein Fest, das während der Saturnalien abgehalten wurde. Sie zeigt viele Parallelen mit der späteren römischen Getreidegöttin Ceres auf, so ist ein gemeinsames Attribut beider Göttinnen beispielsweise das Füllhorn.

Manche Quellen nennen auch Lua als Saturns Gattin, die wahrscheinlich etruskischen Ursprungs ist. Ihr opferte man die erbeuteten Waffen der Feinde.

Eventuell waren Lua und Ops auch ein und dieselbe Göttin.

In der altgriechischen Variante Saturn = Chronos entspricht Ops/Lua = Rhea. Als Göttinnenmutter gibt es hier viele Parallelen zu Gaia, Magna Mater und Cybele.

Dies macht sich auch bei ihrem Kult bemerkbar. Denn Rhea wurde ursprünglich auf Kreta verehrt und ihr scheinen sehr rauschende und klangvolle Feste zuteil geworden zu sein.

By Jacques BlanchardUnknown, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4399546“>Link

Spannend ist auch die Namensgleichheit zu Rhea Silvia, der Frau, der Gott Mars einen Besuch abstattet um mit ihr ein ganzes Imperium zu erschaffen. … Doch um Rhea und Kybele geht es dann vor allem nächste Woche.

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Mut und Liebeständelei

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In der Nähe der kleinen Stadt Lindos gab es einen alten Tempel, welcher der Göttin Venus geweiht war. Es war ein Weg von drei Tagen, der durch eine karge Landschaft führte. Psyche trank nicht, sie aß nicht, machte nirgendwo Halt. Sie achtete nicht auf ihre schmerzenden Füße, sie kümmerte sich nicht um ihre kaputten Glieder.

Ich bin glücklicher, als ich es im Schloss war“, stellte Psyche dabei fest. „Es tut gut zu wissen, was man will.“

Am Abend des dritten Tages stand sie endlich vor den gewaltigen Marmorsäulen, die den Eingang zu Venus Heiligtum markierten. Tapfer betrat sie den Tempel.

Innen war es leer und still, die Priester hatten sich von dem Tagesgeschäft zurückgezogen. In einer Kuhle in der Mitte loderte ein Feuer. Ringsum standen Gaben für die Göttin. Große Amphoren mit Wein, Kleider und Papyrusblätter, auf die Menschen ihre Wünsche geschrieben hatten.

Ich bin hier!“, rief Psyche. „Ich bin hier und ich bin die, die du suchst, Venus!“

Aus dem Gemäuer löste sich ein dunkles Etwas. „Hab ich dich!“, rief es. „Da wird sich meine Herrin freuen!“

Das Wesen hatte grelle, rote Lippen und kohlrabenschwarz umrandete Augen. Es trug eine knappe Tunika mit tiefem Ausschnitt.

Bist du eine Priesterin?“, fragte Psyche verwirrt.

Weit gefehlt“, rief das Wesen, stürzte zu Psyche und fesselte ihr die Arme auf den Rücken. „Mein Name ist „Liebeständelei“ und ich bin der Liebling von Venus!“

Dann bringe mich zu ihr, denn deswegen bin ich hier.“

Liebeständelei zupfte an Psyches Haar und kicherte vergnügt. „Diese kleine Heldeneinlage wird dir nichts nützen. Sie wird dich bestrafen. Ganz böse bestrafen! Und mich wird sie belohnen, ganz gut belohnen!“

Sie ließ ein eigenartiges Trällern verlauten und aus dem Nichts entstand ein Nebel, der sie einhüllte und in die Höhe hob.

Wenn Wünsche sich erfüllen …

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Pluto trat einen Schritt zurück und berührte Amor leicht am Arm. „Du hast sie gehört. Würdest du, bitte?“

Amor seufzte. Wahrscheinlich gab es niemanden, der Liebe nötiger hatte als dieses Paar. Er zog den Pfeil aus dem Köcher. Seine goldene Spitze erhellte die Dunkelheit. Es war lächerlich leicht, die beiden ins Herz zu treffen, aber der Schuss kostete ihn Überwindung.

In diesem Moment trat ihm das Bild vor Augen, wie er Psyche zum ersten Mal gesehen hatte. Psyche und ihren wunderschönen Bart.

Ich kann nicht“, sagte Amor und ließ den Pfeil wieder sinken.

Die Frau hustete und knüpfte sich das schmutzige Hemd auf. „Mach schon“, sagte sie leise. „Oder soll ich darum betteln?“

Tu, was mein Schatz verlangt!“, rief Pluto aufgeregt, stellte sich neben seine Frau und tat es ihr gleich.

Amor legte an und schoss.

Als der Pfeil in ihr Herz drang, faltete sie die Hände über der Brust und atmete tief aus. Pluto stolperte zurück, als hätte ihn ein Felsbrocken getroffen und sank auf die Knie.

Mein Schatz. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen. Ich hätte dich nicht so behandeln sollen. Wie konnte ich nur! Ich meinte es nicht böse, ich bin … , ich wusste es nicht besser …“

Die Frau richtete sich auf und klopfte sich den Schmutz vom Kleid. Die verfilzten Haare strich sie hinters Ohr.

Die Tage im Kerker haben mich völlig unansehnlich werden lassen! Ich brauche meine Salbe. Beschaffe mir gemahlene Diamanten, Sternenstaub und erlesenes Rosenöl!“

Das ist teuer und schwer zu beschaffen“, murmelte Pluto, während er den Saum ihres Gewandes küsste.

Tu es, oder ich verlasse dich!“

Nein!“, rief Pluto entsetzt. „Ohne dich müsste ich sterben!“

Mach dich nicht lächerlich, du bist der Gott des Todes.“

Aber ich liebe dich so sehr!“

Dann beschaffe mir die Zutaten. Beschaffe mir alles, was ich brauche. Alles. Hörst du? Sorge außerdem dafür, dass dieses, unser Reich, etwas behaglicher wird. Es ist so dunkel hier. Ich will einen Palast aus weißem Alabastermarmor, ich will feine Stoffe, ich will Sonnenlicht, ich will einen Garten!“

Oh meine Liebste“, sagte Pluto kleinlaut.

Tu es, oder ich gehe!“

Meine Schönste, meine Klügste, meine Königin, ich werde alles tun, was ihr verlangt!“

Nenne mich „eure Majestät““.

Jawohl, eure Majestät.“

Amor schüttelte den Kopf. Was für ein verrücktes Paar.

Doch statt zu lachen, musste er plötzlich schluchzen. Denn er dachte an Psyche und daran, wie er sie verlassen hatte. Im Vergleich zu dem, was hier vorgefallen war, schien ihre Liebe leicht wie eine Feder und unschuldig wie frisch gefallener Schnee. Er fühlte sich kaltherzig und grausam und hasste sich für seinen Entschluss.

Plutos fester Griff riss ihn aus seinen Gedanken.

Hör auf zu heulen! Ich besorg jetzt diese Zutaten für die Salbe und du, mein Freundchen, gehst schön zurück zu deiner Mama.“

Halt, nein!“, rief Amor. „Bring mich zu Psyche!“

Doch da hatte Pluto ihn schon in sich aufgesaugt und zurück in sein Kinderzimmer gespuckt. Die Tür war noch immer verschlossen und ließ sich nicht erweichen, egal wie oft Amor dagegentrat.

Das Geschenk von Ceres

cake-1306874_1920„Es tut mir leid wegen deiner Tochter“, sagte Psyche. Ihr Herz klopfte so stark, dass ihr schwindelig wurde. Am liebsten hätte sie Ceres tröstend umarmt, doch aus Ehrfurcht vor der Göttin ließ sie ihre Hände wieder sinken und sagte:

„Ich wünschte, ich könnte dir helfen.“

„Das kannst du nicht“, sagte Ceres traurig. „Denn selbst die Götter wissen nicht, wo sie ist. Ach. Und ich sitze hier und werde getröstet von der Feindin einer Freundin. Die Nornen haben einen seltsamen Sinn für Humor.“

„Die Nornen?“, fragte Psyche.

„Die Schicksalsspinnerinnen. Drei alte Weiber, eine frecher als die andere.“

„Oh ja“, Psyche nickte bekräftigend. Sie kannte die Nornen aus den Geschichten, hatte sie aber für eine Erfindung gehalten. Doch nach dem zu urteilen, was Ceres sagte, waren selbst die Götter einer höheren Macht unterworfen.

„Ich sollte jetzt weitergehen“, sagte Psyche. „Ich möchte nicht, dass du Streit mit Venus bekommst.“

„Was wirst du jetzt tun?“, fragte Ceres.

„Ich werde zu ihr gehen“, sagte Psyche.

„Wie bitte?“ Ceres sah Psyche mit ihren kornblumenblauen Augen an.

„Ja“, sagte Psyche. „Das erscheint mir die beste … nein, die einzige Möglichkeit zu sein. Ich werde zu ihr gehen und dann soll sie machen, was immer sie für richtig hält.“

Ceres schüttelte den Kopf. „Das wäre dein Tod. Verstecke dich lieber oder fliehe.“

„Du hast mir alles gesagt, was ich wissen musste“, entgegnete Psyche. „Amor liebt mich immer noch und das ist das einzige, was zählt. Wenn ich ihn zurückhaben will, dann geht das nur mit dem Einverständnis seiner Mutter.“

Psyche erhob sich.

„Du sagst, ich könnte sterben. Doch ohne Amor bin ich längst tot. Ich werde zu Venus gehen.“

„Du bist mutig“, sagte Ceres anerkennend. „Und auch, wenn ich dir nicht helfen kann, so will ich dir wenigstens etwas mitgeben, damit du deinen Hunger stillen kannst. Denn dass du hungrig bist, das sehe ich.“

Sie drückte Psyche ein kleines Bündel in die Hand. Psyche roch daran. Es roch süßlich und würzig zugleich. Der Stoff klebte leicht daran, ließ sich aber gut ablösen.

Es waren zwei kleine Honigkuchen.

Psyche bedankte sich und steckte sie ein. Und dann ging sie weiter.

Der Sieger

***Heute etwas später als sonst am Abend, das neuste Kapitel von “Amors Abenteuern”. Rosa Schweino ist schuld. Viel Freude beim Lesen!***

„Was für ein Ritt, was für ein Tag!“, rief Jupiter, streckte seinen Arm in die Höhe und ließ Blitze zucken. „Ich fühle mich um tausend Jahr verjüngt! Deinen Job, mein lieber Sohn, möchte ich haben!“

Galant sprang er aus der Kutsche und übergab Apollo Peitsche und Zügel, küsste ihn links und rechts auf die Wange und klopfte ihm auf die Schulter. Dann wandte er sich zu Amor.

„Amor, sei gegrüßt!“

Jupiter schüttelte ihm die Hand. „Sohn meiner schönsten Tochter Venus! Welche Freude, dich hier zu sehen! Und Diana natürlich, meine Holde“, sagte Jupiter und verneigte sich leicht.

„Vater, du willst bestimmt wissen, warum du heute Morgen für Apollo einspringen musstest. Also: Amor hat einen Liebespfeil auf Apollo und das Gegenteil auf so eine Nymphe geschossen. Er hat dafür gesorgt, dass sich mein armer Bruder, dein Sohn, bis auf die Knochen blamiert hat!“

„Sie hieß Daphne“, sagte Apollo trocken.

„Es ist eine Freude euch alle hier zu sehen!“, rief Jupiter und drehte sich im Kreis. „Ja, ein gänzlich unverhofftes, aber freudvolles Treffen!“

„Aber Vater!“, rief Diana.

„Aber Diana!“, Jupiter klatschte in die Hände. „Keine Beschwerden, zumindest vorerst. Lasst uns diesen Abend mit Nektar, Ambrosia und Wein vollenden, denn so jung wie heute kommen wir nicht mehr zusammen!“

Verwundert schlurfte Amor hinter Vater und Sohn in den olympischen Palast. Apollo und Jupiter fachsimpelten über Lenktechniken und Feuerpferdpflege. Hinter sich hörte er Diana fluchen.

Der Palast bestand fast gänzlich aus weißem Marmor. Hier und da standen ein paar Stelen auf denen massige Fratzen thronten.

Amor musste an Psyche denken, die jetzt, nach Sonnenuntergang, mit seiner Rückkehr rechnete. Er seufzte sehnsüchtig.

„Das ist die Galerie unserer Ahnen“, sagte Jupiter und drehte sich nach ihm um. „Dieser alte Haudegen hier, mein Vater Saturn, hatte alle meine Geschwister verspeist.  Hätte meine Mutter mich damals nicht vor ihm versteckt und ihm statt meiner einen Stein zu fressen gegeben: wir alle würden nicht existieren.“

Die Statuen zogen an ihnen vorbei. Im nächsten Raum, riesengroß und strahlend weiß, fand sich in der Mitte eine gedeckte Tafel. Jupiter geleitete Amor, Diana und Apollo dorthin und befahl ihnen, sich zu setzen.

Auf einen Fingerzeig Jupiters füllten sich die Kelche mit einer roten Flüssigkeit.

„Dann lasst uns anstoßen“, sagte Jupiter. „Auf das Wohl meines Sohnes Apollo und seine erste große Liebe!“

„Vater, bitte, das ist doch kein Grund …“, sagte Apollo.

„Doch. Prost!“, unterbrach Jupiter und die Kelche stießen klangvoll zusammen. Amor nahm einen kräftigen Schluck.

„Wisst ihr“, sagte der Göttervater und richtete sich auf. „Bevor es Amor gab, fand die Liebe die Götter auf seltsamen Wegen, einen Weg aber fand sie immer. Ich fürchtete schon, in den heutigen Tagen sei sie für die Wolkenbewohner verloren. Also, freu dich einfach, dass du auch mal von ihr heimgesucht wurdest. Nebenbei gefragt: wie war es? Wild, leidenschaftlich, besessen?“

„So ungefähr“, sagte Apollo. Er schmunzelte verlegen.

„Aber die Angebetete hat dich nicht erhört?“

Apollo schüttelte den Kopf.

„Tja …“, Jupiter legte seine Stirn in Falten. „Dabei bist du ein Gott. Diese Frauen … unberechenbar.“

Diana verdrehte die Augen.

„Wie ich schon sagte, das war Amor. Es war sein Pfeil, ein falscher Pfeil! Es war nicht die Schuld einer Frau!“, rief Diana.

„Es lag am Pfeil?“, fragte Jupiter.

„Ja! Hörst du mir überhaupt zu? Und abgesehen davon, wollte sie … sie wollte das wirklich nicht, diese Nymphe, sie hat ihren Vater um Hilfe angefleht, wollte, dass er sie verwandelt,-  und Apollo hat einfach nicht aufgehört … es war schauderhaft!“

„Wie du sagtest, es lag am Pfeil“, schloss Jupiter. „Eigentlich wollte sie es auch.“

Apollo nickte.

„Das glaube ich nicht!“, rief Diana. „Das glaube ich einfach nicht.“ Die Wangen der Göttin leuchteten  Rot.

„Das ist einfach mal wieder so typisch … Männer!“

Sie nahm einen kräftigen Schluck, wischte sich mit dem Handgelenk über die Lippen und sagte mit fester Stimme: „Ich verstehe. Ihr seid einfach nicht mehr bei Trost. Da kann man nichts machen.“

Sie atmete tief ein und grollte dann, als wäre sie eine Donnergöttin: „Ich für meinen Teil wünsche, Vater, dass du diesem da“, – sie zeigte auf Amor – „für immer verbietest, Pfeile auf mich zu schießen. Denn ich, ich will mich niemals verlieben!“

Amor wäre am liebsten unter dem Tisch verschwunden, um sich vor den Blitzen aus Dianas Augen zu verstecken.

„Schwöre es!“, kreischte Diana.

„Also, äh, gut“, keuchte Amor. „Ich tu´s nicht, versprochen. Hätt ich eh nicht, ich meine …“

„Gut“, sagte Diana und faltete die Hände vor ihrem Gewand. „Vater, du hast seinen Schwur vernommen?“, fragte Diana.

„Gewisse, mein Kind“, sagte Jupiter und prostete ihr nickend zu.

“Dann werde ich jetzt gehen”, sagte sie. Sie ließ einen kurzen Pfiff ertönen und die Mondhirsche kamen mit der Kutsche durch den Lichtschacht des Speiseraumes getrappelt. Ohne ein weiteres Wort schwang sich die Göttin auf ihre Kutsche. Jupiter, Apollo und Amor blickten Diana schweigend hinterher.

„Vater, ich habe auch eine Bitte an dich“, sagte Apollo nach einer Weile. „Die Nymphe, die ich liebte, hat sich in einen Baum verwandelt. Einen Lorbeerbaum. Und ich möchte gerne, im Andenken an sie, dass dieser Baum geehrt wird. Es soll ein heiliger Baum sein, dem sich jeder nur mit Ehrfurcht nähert. Jeder soll wissen, dass dieser Baum einst Daphne war, meine erste große Liebe. – Hier.“

Apollo übergab Jupiter den grünen Zweig, den er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte.

„Ein wirklich schönes Exemplar“, sagte Jupiter. „Um welche Art von Baum handelt es sich?“

„Es ist ein Lorbeer“, antwortete Apollo.

„Hm“, sagte Jupiter und betrachtete den Zweig genau. Dann hauchte er ihn mit seinem Atem an. Aus dem Zweig sprossen weitere Blätter hervor, er bog sich und verwandelte sich in einen Kranz. Jupiter legte Apollo den Kranz auf den Kopf.

„Mag Liebe dich besiegt haben, so bist doch du der Sieger. Denn wer liebt, siegt immer. Verlierer sind die, die niemals lieben. So soll dieser Kranz das Zeichen eines Siegers sein und du sollst ihn tragen, bis in alle Ewigkeit.“