Amor und Psyche – Nichtcover

Keines dieser Cover wird in zwei Wochen das Titelbild von Amor und Psyche zieren. Aber … man lernt ja nie aus. 🙂

© Runa Phaino Mai 2017

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© Runa Phaino Happy Halloween (Oktober 2017)

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© Runa Phaino November 2017

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Ein verdutztes Gefühl

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Gut, das Foto passt nicht so 100%, aber es ist megasüß und wahr … so wie mein bald erscheinendes Büchlein, das FERTIG IST!

Also nicht ganz fertig, aber ziemlich fertig und es muss jetzt nur noch ein paar Mal überarbeitet werden und gelesen und probegelesen und und und … und dann es ist wirklich fertig.

Will sagen: Vielleicht.

Will sagen: Ich habe heute den letzten Satz geschrieben. Mein Gefühl war darüber äußerst verdutzt.

Will sagen: in den nächsten Wochen werdet ihr hier die versprochenen Schlusskapitel von “Amor und Psyche” finden, ich werde euch das Cover vorstellen und sicherlich auch ein wenig Werbung machen, wenn es das komplette Exemplar dann käuflich zu erwerben gibt.

Übrigens: Nebenbei stricke ich gerade an einer neuen Identität, aber pssst, dazu dann demnächst an dieser Stelle mehr.

Gehabt euch wohl!

Eure

Runa Phaino

 

Blinde Passagiere

Für Psyche dauerten die Stunden so lange wie Wochen. Ungeduldig ersehnte sie die Dunkelheit und das süße Gefühl, sich mit dem fremden Vertrauten zu verlieren, um sich gegenseitig zwischen den Laken zu entdecken. Das Schloss allein bei Tageslicht war kaum auszuhalten. Das einzige, was Psyche in dieser Zeit etwas Ablenkung verschaffte, waren die seltsamen Vierecke, deren Inneres sich zu Geschichten formte.
Das Untier nannte die eckigen Exemplare Bücher und hatte ihr erklärt, dass sie genauso verzaubert waren, wie das gesamte Schloss. Verwundert stellte Psyche eines Tages fest, dass sie eine Geschichte las, in der ein Mädchen, Bella genannt, in ein verwunschenes Schloss zu einem Ungeheuer gelangte. Dieses Buch las Psyche in einem Zug. Zu deutlich waren die Parallelen zwischen ihren Erlebnissen und der Geschichte von Bella. Nur eines stimmte nicht. Bella war ein wunderschönes Mädchen und keine hässliche Kröte wie sie, Psyche. Dagegen war das Ungeheuer furchtbar aussehend mit Klauen und einem Löwenkopf. Bella aber hatte sich in das Ungeheuer verliebt trotz seiner Hässlichkeit. Vielleicht, überlegte Psyche, wollte diese verzauberte Geschichte ihr also mittteilen, dass selbst die hässlichsten Wesen geliebt werden konnten. Anderseits aber verwandelte sich das Ungeheuer direkt nach Bellas Kuss in einen schönen Prinzen. Das war also kein wirklicher Beweis.
Bella hatte wirklich Glück, fand Psyche. Für ihren Kuss wurde sie mit einem schönen Prinzen belohnt. Doch am meisten beneidete Psyche das Ungeheuer. Denn sie selbst hatte sich trotz einer Unzahl an Küssen überall auf ihrem Körper nicht verändert. Kein Stück.
Psyche stand also den Geschichten eher skeptisch gegenüber. In manchen Büchern nämlich las sie auch von Zwergen, Feen und Elfen, Wesen, die sich Psyche kaum vorzustellen vermochte.
Und wieder andere Erzählungen berichteten von „Autos“, „Hochhäusern“ und „Versicherungsvertretern“. Für Psyche ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Bücher legte sie sofort zurück ins Regal, denn nicht einmal ansatzweise formten sich die Beschreibungen in ihrem Kopf zu einem Gedankenbild.
Eines Abends erzählte sie dem Ungeheuer von ihren Beobachtungen.
„Es ist so“, sagte Amor, „dass die Bücher in dieser Bibliothek größtenteils noch nicht geschrieben wurden. Sie werden es einmal sein, in ferner Zukunft.“
„Du bist so klug. Woher weißt du all diese Dinge?“, fragte Psyche.
„Ich weiß es einfach. Ich bin der Herr dieses Schlosses.“
Amor fühlte sich prächtig, dass er Psyche die Welt erklären konnte. Wie gut, dass er neulich Kalliope und Thalia über die Vorkommnisse befragt hatte. Die Musen der Schreibkunst hatten ihn zwar entsetzt angeguckt und gemeint, er hätte da ein Luftschloss erschaffen, ein Traumgebilde, das irgendwann platzen würde, aber das kümmerte Amor wenig. Psyche liebte Bücher, Psyche bewunderte ihn. Das war die Hauptsache.
„Glaubst du denn, dass die Geschichten wahr sind? Dass es irgendwann einmal „Versicherungsvertreter“ und „Feen“ auf der Erde geben wird?“, fragte Psyche.
„Auf jeden Fall“, sagte Amor.
„Und was ist mit den Liebesgeschichten?“, fragte Psyche.
„Die stimmen selbstverständlich auch alle“, sagte Amor stolz.
„Die meisten von ihnen gehen aber schlecht aus.“
„Auf keinen Fall!“ Entrüstet richtete Amor sich auf. „Niemand ist stärker als die Liebe, nicht einmal der Tod!“
„Aber die Geschichten gehen schlecht aus“, beharrte Psyche.
„Wie das?“
„Na ja, bei Romeo und Julia zum Beispiel …“ – Psyche erzählte ihm die Geschichte der beiden Liebenden, die aus verfeindeten Familien stammten. „Und dann gab es da noch Tristan und Isolde und … Pyramus und Thisbe …“
„Was hast du gesagt?“, entsetzt richtete sich Amor auf.
„Na, diese ganzen Liebespaare, die nicht zusammen kommen … Romeo und Julia, Tristan und Isolde …“
„Und?“
„Pyramus und Thisbe.“
„Woher kennst du sie?“
„Habe ich doch gerade gesagt, ich habe ihre Geschichte gelesen. Was ist denn bloß los mit dir?“
„Das hört sich an, wie mein Liebespaar“, murmelte Amor gedankenverloren. Vor sein inneres Auge traten die Bilder der sich erdolchenden Thisbe, neben ihr der blutüberströmte Pyramus.
Psyche horchte auf. „Dein Liebespaar? Was meinst du damit?“
„Äh“, sagte Amor und zog sich die Decke bis zum Kinn. Er hätte sich ohrfeigen können. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so unvorsichtig verhalten. Oder vielleicht auch doch, aber noch nie war es so heikel gewesen. Psyche durfte nicht erfahren, wer er war. Nicht einmal den Hauch einer Ahnung sollte sie haben. Also stammelte er: „Ich … ich, ach ehrlich gesagt, ich habe die Geschichte geschrieben!“
„Du?“, fragte Psyche.
„Ja, die Geschichte von Pyramus und Tisbe. Deswegen war ich so verblüfft. Hat sie dir gefallen?“
Einen Moment lang war nur Psyches Atem zu hören, so still war es.
Dann rief sie: „Oh Ungeheuer! Jetzt macht das alles Sinn, all die Bücher, wie du sie nennst, und dieses Schloss!“
Erleichtert atmete Amor aus. Das war die richtige Notlüge im richtigen Moment gewesen.
„Na klar macht das Sinn.“
„Du musst der größte Geschichtenerzähler der Welt sein! Und der berühmteste. Kein Wunder, dass ich dich nicht sehen darf!“
„Äh … ja.“
Amor schluckte. Hauptsache, Psyche folgte der falschen Fährte. Er würde das später irgendwann richtigstellen, nach dem Gespräch mit seiner Mutter. Und was seine beiden Liebenden anbelangte … er musste nachforschen, immerhin war er Pluto noch eine Erklärung schuldig.
„Untier“, flüsterte Psyche und schmiegte sich an ihn. „Hast du denn auch Liebesgeschichten geschrieben, die gut ausgehen?“
„Klar“, sagte Amor und biss sich auf die Lippe. „Gerade bin ich an einer dran.“
„Das ist gut“, seufzte Psyche. „Ich glaube nämlich, dass ich schwanger bin.“

 

Herz und Märchen – für nur 1,49 €

Herzcover

 

Das Herzmärchen der Spinnerin passt ganz vorzüglich zu den derzeitigen kalten Temperaturen, beginnt es doch mit Schnee und Eis … und dann geht es auf in wärmere Gefilde, wo es sogar einen sprechenden Kaktus gibt.

Seit ein paar Tagen kann das Märchen für 1,49 Euro hier bei Amazon und bei allen anderen bekannten Stores (Googleplay, Thalia, Weltbild … ) gekauft und heruntergeladen werden.

Vielleicht wird das Büchlein sogar einst die kostenpflichtigen Top-Charts erklimmen. Das wäre doch was.   😀

Herzlichst!

Runa Phaino

 

 

 

 

 

Die Versammlung der Götter

Als Amor erwachte, spürte er starke Schmerzen in seinem rechten Ellenbogen. Ein furchtbarer Muskelkater zog sich von dort tief in seinen Rücken. Er reckte und streckte sich und erblickte den Stapel Pfeile, der schon sichtbar geschrumpft war. Ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit erfüllte ihn.
Heute würde er damit fortfahren, die noch übrigen kämpfenden Truppen seines Vaters miteinander zu versöhnen. Amor schmunzelte.
Da erblickte er die rosafarbene Wolke seiner Mutter Venus.
„Was will die denn hier?“, grummelte Amor. Der Tag hatte so aussichtsreich begonnen. Warum musste seine Mutter ihm jetzt einen Besuch abstatten?
Venus winkte ihm schon von weitem zu. Kaum hatte ihre Wolke gestoppt, klappten sich Wattestufen aus und Venus eilte hinab. Sie umarmte ihren Sohn und drückte ihm einen dicken Kuss auf den Kopf.
„Ma“, murmelte Amor, sein Gesicht gepresst in den roten Stoff von Venus Gewand, „lass mich los!“
Venus ließ Amor frei. Er fuhr sich durch die Haare und sah seine Mutter ungläubig an. Venus seufzte und schickte sich an, ihren Sohn erneut zu umarmen.
Amor wich ein paar Schritte zurück.
„Äh, stopp mal: Was ist los?“
„Ach.“ Venus hielt theatralisch eine Hand an ihre Stirn. „Ach, mein kleiner Cupido! Ich habe dich so grausam und so falsch behandelt. Es tut mir unendlich leid. Ich weiß jetzt, dass das alles nicht deine Schuld war …“
Amor spitzte die Ohren. Das waren ja ganz neue Töne!
„Wie kommst du darauf?“
„Die Opfergaben“, sagte Venus. Sie stand auf und griff nach Amors Hand. „Du trägst keine Schuld daran. Es gibt auf der Erde eine Prinzessin, die sich für mich ausgegeben hat. Sie ist ein ganz fieses, hinterhältiges Ding.“
Amor riss erstaunt die Augen auf.
„Ein Mensch hat deine Opfergaben erhalten? Wie ist das möglich?“
„Ich weiß es nicht“, murmelte Venus verdrossen. „Aber ich weiß, was zu tun ist. Ich will, dass du dieses Ding findest und es mit dem schrecklichsten Ungeheuer verbindest, was sich auf der Erde findet. Bestrafe sie! Bestrafe sie so, dass niemand mehr auf die Idee kommt, meinen Platz einnehmen zu wollen! Tust du das, mein Schätzchen?“
Amor grinste. „Klar, kein Problem, Ma.“ Er wusste genau, in wen sich die Prinzessin verlieben würde. Was für ein genialer Tag! All seine Probleme schienen sich in Luft aufzulösen, – ganz nebenbei hatte er die perfekte Braut für Pluto gefunden!
„Danke“, sagte Venus und strich ihm lächelnd über die Wange. „Wie habe ich nur je an dir zweifeln können? Du bist so ein Guter!“
Amor strahlte über das ganze Gesicht. Es kam so selten vor, dass seine Mutter ihn lobte. Und noch seltener war er selbst stolz auf sich. Aber jetzt hatte er, fand er, allen Grund dazu.
„So und jetzt müssen wir zum Olymp“, fuhr Venus fort. „Mars ist außer sich. Jupiter hat alle Götter einberufen. Gestern Nacht haben sich merkwürdige Dinge ereignet.“
Schlagartig fiel Amors gute Laune in sich zusammen. „Was denn für Dinge?“, fragte er kleinlaut.
„Ich weiß es nicht, aber wir sollten uns beeilen.“

Um den Gipfel des Olymps drängten sich die Wolken der Götter. Fast jeder war der Einladung gefolgt. Die Versammlungen boten eine erheiternde Abwechslung zu den übrigen göttlichen Aufgaben. Vor allem, wenn es zu Streit kam. Und das war fast immer der Fall.
Die Plätze im großen, runden Saal Jupiters waren dicht besetzt. Ganz oben tobte die bunte Gefolgschaft des Hirtengottes Pan: Faune, Satyrn und ein paar Nymphen. Darunter saßen die neun Musen, unter ihnen entdeckte Amor Thalia und Kalliope. Es folgten fast alle wichtigen Götter des Pantheons. Ein aufgeregtes Plappern erfüllte die Luft.
Amor schob sich durch die Reihen, erwiderte Dianas Gruß und setzte sich zwischen Venus und Vulkanos, seinem Stiefvater. Vulkanos zog eine düstere Miene. Er schätzte es nicht, wenn seine Gattin Venus auf seinen Nebenbuhler Mars traf.
Aus der untersten Reihe löste sich die ehrwürdige Gestalt des alternden Göttervaters Jupiter. Er trat an die marmorne Säule in der Mitte des Halbkreises. Augenblicklich wurde es still im Saal. Jupiter begrüßte die Anwesenden und gebot Mars, sein Anliegen vorzutragen.
Das Gesicht des Kriegsgottes war verzerrt von Zorn, sein roter Umhang wehte, obwohl es windstill war. Seine Muskeln waren angespannt und drohten den eisernen Brustpanzer zu sprengen. Venus blickte verzückt auf das Geschehen und ignorierte Vulkanos eifersüchtigen Blick. Als Mars anhob zu sprechen, erfüllte seine gewaltige Stimme den gesamten Raum.
Amor sank ein wenig tiefer in seinen Platz.
„Unvorstellbare, unaussprechliche Dinge ereigneten sich in dieser Nacht. Ja, fast fehlen mir die Worte, die Geschehnisse zu beschreiben.“
Erregt fuhr Mars sich durch die Haare. Er hatte Schweißperlen auf der Stirn. Venus griff nach Amors Hand. „Dein armer Vater, so habe ich ihn noch nie gesehen!“
Das warnende Räuspern von Vulkanos entging zumindest Amor nicht.
„Ach, wird so schlimm schon nicht sein“, murmelte Amor beschwichtigend. Venus starrte wie hypnotisiert auf Mars. Sie leckte sich die Lippen und fasste sich keuchend an die Brust. Vulkanos Blick wurde immer finsterer.
Mars kämpfte um Worte. Schließlich spuckte er sie von sich, als wären es gefährliche Geschosse.
„Die Krieger, viele … fast alle … sie kämpfen nicht mehr. Im Gegenteil. Sie … lieben sich!“
Einen Moment lang sagte niemand ein Wort. Die Götter schüttelten verwundert die Köpfe. Hier und da zeigte sich ein Schmunzeln. Aus den oberen Reihen erklang leises Gelächter.
Venus hingegen hielt es nicht mehr auf ihrem Platz. Entrüstet rief sie: „Da gibt es nichts zu lachen! Das ist eine ernste Sache! Wahrscheinlich steckt etwas ganz Übles dahinter!“
„Ihr sagt es!“, rief Mars und warf ihr eine Kusshand zu. „Das Verhalten der Männer ist ungehörig, unschicklich, unsittlich! Wahrscheinlich droht ein Weltuntergang!“
„Es ist ein Geschehen wider der Natur!“, rief Venus errötend. „Nur Männer und Frauen sollten zusammen sein!“
„Ganz richtig!“, rief Mars. „ Frauen und Männer gehören zusammen! So ist es immer schon gewesen!“
Beide klatschten eifrig, bis ihnen auffiel, dass kaum jemand in den Applaus mit einstimmte.
In diesem Moment erhob sich Vulkanos, im Gesicht ganz schwarz vor Zorn.
„Ich wusste immer schon, dass du eine Memme bist!“, rief er in Richtung Mars.
Es folgten verschiedene Beleidigungen zwischen Vulkanos und Mars, während Venus versuchte zu beschwichtigen.
Aus den obersten Reihen juchzte es vergnüglich. Es waren die Satyrn, Faune und Nymphen, die sichtlich Spaß am Geschehen hatten. Als Vulkanos Mars mit eine Stück Kohle bewarf, gab es auch unter den Göttern kein Halten mehr.
Amor war das unendlich unangenehm. Seine Eltern machten sich zum Gespött dieser Versammlung. Und er trug die Schuld daran.
Jupiters weißes Haupt und ein kräftiger Donnerschlag sorgte dafür, dass der Streit ein abruptes Ende fand. Er trat an das Pult und gebot den Göttern zu schweigen.
„Kehren wir zurück zu deinem eigentlichen Anliegen, Mars“, sagte er, „Soweit ich mich entsinne, gibt es hier nur einen unter uns, der das Verhalten deiner Krieger erklären könnte, sofern es sich dabei wirklich um Liebe handelt.“
Amor hätte sich am liebsten unter dem roten Kleid seiner Mutter versteckt.
„Amor“, sagte Jupiter. „Würdest du deine Eltern bitte aufklären?“
Venus wurde schlagartig kalkweiß, selbst ihren Lippen entwich jegliche Farbe. Ihr Gesicht ähnelte dem einer Marmorstatue. „Amor?“, hauchte sie ungläubig.
Mars starrte seinen Sohn mit offenem Mund an. Die gesamte Spannung wich mit einem Mal aus seinem Körper und er sackte ein paar Zentimeter in sich zusammen.
Amor erhob sich zitternd. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Jupiter nickte ihm ermutigend zu.
„Also, äh, ja. Ich hab das gemacht. Ich fand das nett. Liebe statt Krieg. Dachte, das ist gut. Tut mir leid, Pa, sorry, Ma!“
Stockend erklärte Amor, wie er darauf gekommen war, seine vielen Pfeile unter die Krieger zu bringen.
Die Faune, Satyrn und Nymphen stießen sich gegenseitig in die Seiten und kicherten vergnügt. Einige Götter klatschten Beifall.
Jupiter ließ ein Schmunzeln erkennen. Doch Amor plagten furchtbare Gewissensbisse. Er ballte seine Fäuste und schämte sich. Es war ihm unerträglich, dass seine Eltern so vorgeführt wurden.
„Das war bestimmt falsch! Bestraft mich!“, rief Amor. „Bitte!“
„Ich werde ein Urteil fällen“, sprach Jupiter und dachte kurz nach. „Du, Amor, sollst niemals wieder deine Pfeile in solchen Mengen unter die Truppen deines Vaters mischen. Es gibt ein unausgesprochenes Gebot, das besagt, die Arbeit eines anderen Gottes nicht zu stören.“
Jupiter fuhr grinsend fort: „Aber was die Liebe zwischen Männern generell anbelangt …Warum sollten die Menschen nicht in denselben Genuss kommen, wie euer aller Göttervater?“
Ein Raunen ging durch die Halle.
Jupiter nickte zufrieden.
„Ja, ihr habt richtig gehört. Es war zu einer Zeit, als die meisten von euch kaum ins Sein gerufen waren, da gab es einen jungen Mann namens Ganymed, der mir sehr zugetan war und ich ihm …“
„Genug davon“, fiel Juno ihrem Mann ins Wort. „Niemand hier will etwas von deinen Eskapaden hören!“
„Doch wir!“, riefen die Satyrn aufgeregt. „Ich auch!“, ließ der ein oder andere Gott seine Stimme verlauten.
„Unverschämtheit!“, kreischte Juno, „Raus! Alle miteinander!“
Jupiters Frau tobte. Das Gebäude begann zu wackeln.
„Ma, komm, es ist Zeit zu gehen.“ Amor zupfte Venus an ihrem Gewand. Seine Mutter wirkte wie versteinert, ließ sich aber aus dem Saal führen. Amor geleitete sie schuldbewusst zu ihrer Wolke. Er musste irgendetwas sagen.
„Ma, das ist doch … Liebe! Ich … Du kriegst bestimmt viele Opfergaben  … Ich habe mir nichts dabei gedacht … Ma, bitte verzeih mir! Es tut mir so leid! Ich werde dich nie wieder enttäuschen. Ich verspreche es. Ich habe einen Plan … Ich … “
Doch Venus schien ihren Sohn nicht zu hören. Sie stieg auf ihre Wolke und flog davon. Amor blickte ihr verzweifelt hinterher, während Junos zornige Stimme den gesamten Olymp erbeben ließ.

Oh Wunderwerk der Konjunktionen!

 

Descartes-moncornet

Rene Descartes: “Ich denke, also bin ich.”

Ich denke, wenn ich bin. Ich bin, wenn ich denke.

Ich denke, obwohl ich bin. Ich bin, obwohl ich denke.

Ich denke, bis ich bin. Ich bin, bis ich denke.

Ich denke und ich bin. Ich bin und ich denke.

Ich denke, nachdem ich bin. Ich bin, nachdem ich denke.

Ich denke, während ich bin. Ich bin, während ich denke.

Ich denke, als ich bin. Ich bin, als ich denke.

Ich denke, wie ich bin. Ich bin, wie ich denke.

Ich denke, damit ich bin. Ich bin, damit ich denke.

Ich denke, indem ich bin. Ich bin, indem ich denke.

Ich denke, da ich bin. Ich bin, da ich denke.

Ich denke, um zu sein. Ich bin, um zu denken.

Ich denke, weil ich bin. Ich bin, weil ich denke.

Ich denke, dass ich bin. Ich bin, dass ich denke. Das, was ich denke.

 

 

Liebe und Tod

Amor hatte der Wolke befohlen, den Eingang zur Unterwelt anzusteuern. Dort hatte er seine Pfeile versteckt. Die musste er holen, um wieder zu arbeiten.
Unter sich sah Amor kleine Schaumkronen blitzen. Er befand sich über dem Meer. Kein Schiff in Sicht.
Gut, dachte Amor und knackte seine Finger, dann kann es ja losgehen!
Mit einem gewaltigen Kick flog die erste Amphore von der Wolke. Wie er seine Arbeit hasste! Venus` Hohn klang in seinen Ohren. „Selbstständig?“ … „Mach deine Arbeit!“ … „Meine Schönheit verträgt keinen weiteren Ärger“.
Seine Mutter. Diese Harpyie!
Eine weitere Amphore folgte der ersten und zischte durch einen Schwarm aufgeregt krächzender Möwen. Warum hatte Venus ihm nicht zugehört? Es gab einen Grund dafür, dass er nicht mehr arbeitete.
Sein Job war … unsinnig. Liebe war der nichtsnutzigste Auftrag im Götterhimmel. Und auf der Erde sowieso. Männer und Frauen passten einfach nicht zusammen. Götter und Göttinnen übrigens auch nicht. Alle waren ohne dieses ganze Liebesgedöns besser dran.
Amor trat gegen die dritte Amphore und verknackste sich den Fuß.
„Au!“
Das Gefäß wog schwer. Anscheinend war noch Wein darin. Erschöpft sank Amor in die Wolkenwatte. Sein Fuß schmerzte. Er hatte keine andere Wahl. Die Aussicht, dass die Opfergaben sonst weniger würden, war düster. Götter, die keine Geschenke von den Menschen erhielten, verschwanden in Bedeutungslosigkeit.
Amor langte nach der Amphore. Er nahm einen großen Schluck und spürte zufrieden, wie der süße Wein seine Kehle hinabrann.
Latona zum Beispiel, die Mutter von Diana und Apollo, war total nett und konnte gut kochen. Bei ihr hatte er das erste Mal Fleisch gegessen und Wein getrunken, denn sie hielt nicht viel von Nektar und Ambrosia. Vor Unzeiten war Latona aus dem Osten eingewandert. Wo sie herkam, war sie in Vergessenheit geraten. Und hier hatte sie nie richtig Anschluss gefunden. Ohne ihre Zwillingskinder könnte sie sich gar nichts leisten.
Diana und Apollo waren von Geburt an strebsam, fleißig und sehr erfolgreich. Sie besaßen unzählige Tempel, bekamen unendlich viele Opfergaben und konnte ihre Mutter unterstützen. Doch Amor selbst war ohne den Ruhm von Venus nichts. Denn er besaß keinen Tempel, er erhielt keine Opfergaben. Er bekam sie von Venus.
Was Diana und Apollo zu seiner Misere sagen würden, daran wollte er gar nicht denken. Er musste das irgendwie wieder in Ordnung bringen.
Amor nahm einen weiteren, kräftigen Schluck und blickte von seiner Wolke hinab. Unter ihm befand sich das Kap Tenaro, eine schroffe Felslandschaft mit einem unscheinbaren Loch, aus dem stinkende Dämpfe emporstiegen.
Amor leerte die Amphore bis auf den letzten Tropfen. So ein Unterweltsbesuch war kein Zuckerschlecken, auch wenn er es bloß in die Vorhalle schaffen musste. Mit einem Satz sprang er von der Wolke. Mühelos flog er vorbei an den Rauchschwaden, leicht beschwipst vom Wein.
Vorsichtig blickte er in den Abgrund. Tief aus dem Innern hörte er ein unheimliches, grollendes Bellen. War das Kerberos, der Höllenhund? Amor seufzte. Warum hatte er sich kein neutraleres Versteck ausgesucht? Das Labyrinth vom Minotaurus vielleicht oder irgendeinen gottverlassenen Hain.
Mit ungutem Gefühl kletterte er hinein und folgte den eingeritzten Markierungen zum Versteck seiner Pfeile.
Als er die Vorhalle zur Unterwelt betrat, bot sich ihm ein erschreckendes Bild. Seine Pfeile lagen überall verteilt. Und mitten drin saß ein Schatten, gehüllt in dunkle Seide. Es war sein Großonkel Pluto. Der Gott des Todes höchstpersönlich.
Um ihn herum tollte der dreiköpfige Kerberos, in jedem Maul einen Pfeil.
„Fang die Stöckchen!“, rief Pluto. Die Liebespfeile und der Kerberos schossen kreuz und quer durch den Raum.
Vorsichtig tapste Amor rückwärts, bemüht, keinen Mucks zu machen. Doch die schwarze Figur begann, sich langsam in seine Richtung zu drehen.
„Bist du gekommen, um deinen Onkel zu besuchen?“
„Ich hab mich verlaufen“, keuchte Amor. „Bin schon wieder weg.“
„Du hast hier etwas verloren“, raunte Pluto.
„Äh …“
„Nun mach schon, sammele deine Pfeile zusammen.“ Pluto ließ einen seltsamen Pfiff ertönen und der Kerberos trollte sich zurück an das andere Ende der Halle.
Amor runzelte die Stirn. War das eine Falle? Eigentlich war dem Gott des Todes daran gelegen, jeden, der sein Reich betrat, für immer darin festzuhalten.
„Äh, nee, das mach ich ein Andermal. Tschüss dann …“
„BLEIB HIER.“
Amor hielt in seiner Bewegung inne. Nicht auch das noch. Nun würde er auf Ewigkeit im Reich des Todes verweilen … andererseits, vielleicht war das nicht die schlechteste Wendung für sein Schicksal.
„Okay.“
„SAMMEL DIE PFEILE“, Pluto räusperte sich, „ich meine: sammele die Pfeile auf.“
Möglichst unauffällig versuchte Amor, die Pfeile zusammen zu klauben und Pluto dabei nicht zu nah zu kommen. Immer wieder guckte er ängstlich in die Richtung seines Großonkels. Verblüfft stellte Amor fest, dass der versonnen den Sabber des Kerberos von einem Pfeil strich. Der Gott der Unterwelt schien ganz in die Betrachtung vertieft.
„Eine wirklich schöne Arbeit“, murmelte Pluto.
„Ähh, jaja“, brachte Amor hervor, der eifrig die Geschosse vom felsigen Boden pflückte. Vor allem zu schön, um damit „Fang-den-Stock“ zu spielen, dachte er bei sich. Ein wenig Empörung mischte sich in seiner Angst.
„Wirklich exzellent austariert …“, sagte Pluto und wog den Pfeil in seiner Schattenhand.
Ein bisschen geschmeichelt platzte es aus Amor heraus: „Die mache ich selber!“
„So?“, fragte Pluto und drehte sich in Amors Richtung. Amor hatte seinen Großonkel noch nie direkt angesehen. Nun stellte er fest, dass Pluto gar nichts zum Ansehen hatte. Unter dem Kapuzengewand zeigte sich ein dunkler Sog schwärzester Masse, gesprenkelt mit ein paar hellen Tupfern. So ein bisschen wie der nächtliche Sternenhimmel, aber gruselig.
„Jaja …“, rief Amor und flatterte aufgeregt durch die Halle. Es waren nur noch wenige Pfeile, die er fassen musste, dann würde er diesen unheimlichen Ort wieder verlassen. Irgendwie.
Plutos unendlicher Blick folgte ihm. Mit seiner ruhigen, tiefen Stimme fragte er:
„Ist Liebe … so wie dieser Pfeil?“
Amor verhedderte seine Flügel.
„Bitte was?“
„Was ist das, diese … Liebe?“, fragte Pluto.
„Liebe ist Schwachsinn“, antwortete Amor und landete mit einem Plumpsen auf dem Boden.
„Schwachsinn …“, murmelte Pluto. Er erhob sich. „Dann sind zwei Schatten aufgrund von ´Schwachsinn` aus meinem Reich verschwunden?“
Augenblicklich ließ Amor seine Sammlung fallen und floh in die nächstbeste Felsspalte. Pluto war riesengroß, wenn er stand, und dieser dunkle Strudel, wo eigentlich ein Kopf sein sollte, verhieß nichts Gutes.
„Was … was willst du von mir?“
„Zwei Schatten. Ein Mann und eine Frau. Sie sind verschwunden. Ich will wissen, warum.“
„Ich … ich weiß nicht!“, rief Amor. „Ich habe nichts damit zu tun!“
„Du musst etwas wissen. Es war ein Liebespaar.“
„Ein Liebespaar?“, fragte Amor erstaunt. „Meinst du etwa Pyramus und Thisbe?“
„Sie sind kurz nacheinander hier eingetroffen, vor etwa zwei Monden.“
„Dann waren es Pyramus und Thisbe!“, rief Amor. „Das heißt: sie leben wieder? Hast du sie frei gelassen?“
„Nein“, sagte Pluto und beugte sich hinab zu Amor. „Wie ich schon sagte, sie sind verschwunden. Sie sind nicht unter den Toten, nicht unter den Lebenden. Was weißt du?“
„Ich …“ Amor quetschte sich noch ein wenig tiefer in die Ritze. „ERZÄHLE!“
Amor zitterte am ganzen Leib. Er rang um Worte. Es war dramatisch gewesen, grausam. Manchmal war er nachts aufgewacht, schweißgebadet. Und dann sah er wieder den blutigen Schal und den knurrenden Löwen. Glücklicherweise lockerte der Wein seine Zunge.
„Also …“, hob Amor an, „die beiden, sie stammten aus verfeindeten Familien. Aber sie mochten sich. Und ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn sie sich verlieben. So Frieden, Happy End und so.“
„Wie meinst du das?“
„Na, ich dachte, dass die beiden heiraten und sich ihre Familien dann wieder vertragen. Aber es kam ganz anders.“ Amor hoffte, dass Pluto den Vorwurf gehört hatte, den er in die letzten Worte gelegt hatte.
„Wie sind sie gestorben?“, fragte Pluto unbeeindruckt.
„Sie hatten sich verabredet. Ein heimliches Treffen. Auf einem Friedhof. Kein schöner Ort, wenn du mich fragst. Dort hat Thisbe auf Pyramus gewartet. Sie sah so hübsch aus im Mondlicht! Plötzlich kam ein Löwe vorbei und Thisbe hat sich in einer Gruft versteckt. Als Pyramus kam, sah er den Löwen und Thisbes Tuch, das sie auf der Flucht verloren hatte …“
Amor hielt inne und wischte sich den Augenwinkel.
„Und dann?“, fragte Pluto.
Amor musste blinzeln. Irgendwie schien es in der Unterwelt viele Fliegen zu geben. Eine war ihm ins Auge geflogen.
„Er … er hat sich umgebracht!“, schniefte Amor.
„Und sie?“, fragte Pluto mit ausdrucksloser Miene.
„Sie hat sich auch umgebracht! Weil, als sie zurückkam, da hat sie Pyramus gefunden. Tot!“
„So?“, fragte Pluto.
„Ja!“, rief Amor. „Die größte Liebe überhaupt! Meine besten Pfeile habe ich hergegeben! Und dann das! Siehst du jetzt, wie schwachsinnig das alles ist?“
Amor atmete tief ein. Irgendwie fühlte er sich besser. Wer hätte gedacht, dass es so gut tun würde, mal all den Kummer rauszulassen?
Doch der Blick in Plutos wirbelndes Antlitz, das jetzt direkt über ihn schwebte, erschreckte ihn zu Tode.
„Eine nette Anekdote“, sagte Pluto. „Mich aber interessiert vor allem, wie stark diese … Liebe ist.“
Amor konnte den Puls der Zeit an seinem Körper spüren, als Pluto ihn einsog.
Dann war da nichts mehr.

Den ersten Teil gibt es hier.

Und hier die Audioversion.