Bona Dea

Die Göttin Bona Dea wurde im Rom etwa seit dem 3. Jahrhundert vor Christus verehrt. Zu den mit ihr verschmolzenen Göttinnen zählten wahrscheinlich die griechisch Göttin Hygieia, die für die Gesundheit der Frauen – und damit auch die Fruchtbarkeit – zuständig war.
Ein Tier, das mit all diesen Göttinnen in direkter oder indirekter Verbindung steht, ist die Schlange. Bona Dea Statuen und Abbildungen haben neben einer Schlange auch (meistens) ein „Füllhorn“, ein Gegenstand, der eigentlich der Göttin Fortuna zugeschrieben wird. Auch diese Göttin hat einen griechischen Urspung (Tyche) und mögliche Überschneidungen mit Bona Dea.
Es gibt weitere Bezüge und Verbindungen zu Fauna, Ceres, Terra, Ops, Kybele … ein Blogbeitrag dazu würde sich lohnen, in Anbetracht des Umfangs beschränke ich mich aber heute auf die zwei zunächst genannten Göttinnen: Hygieia und Fortuna und deren Hauptattribute, Schlange und Füllhorn.

Im Internet findet man – nebst Wikipedia – sehr viele Informationen über die Göttin und das, was „faktisch“ von ihr überliefert worden ist.

Beispiele für recht umfangreiche Zusammenstellungen gibt es hier (vorrangig Deutsch):

http://www.imperiumromanum.com/religion/antikereligion/bonadea_01.htm
https://artedeablog.wordpress.com/2017/02/05/santa-agatha-oder-die-brueste-der-goettin/
https://schwesternschaftderrose.wordpress.com/2015/12/03/bona-dea-die-goettin-der-fruchtbarkeit-heilung-jungfraeulichkeit-und-frauen/
https://www.thoughtco.com/bona-dea-roman-goddess-2562628
http://www.thaliatook.com/OGOD/bonadea.php

Man findet sogar den Anfang einer Dissertation zu Bona Dea und ihrem Kult online.

Es ist bemerkenswert, dass diese Göttin noch heutzutage – oder heutzutage wieder (im Zeitalter des Internets) – eine so große Resonanz erfährt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass man relativ viele und gesicherte Informationen über sie hat. So stand ihr Tempel in Rom vom 3. Jahrhundert vor Christus bis ins vierte Jahrhundert nach Christus, was einen Zeitraum von 700 Jahren umfasst.

Bona Dea (oder Ceres). By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – Marble statue of Demeter-Ceres or Bona Dea (The Good Goddess), Nîmes Archaeology Museum, France, CC BY-SA 2.0, Link

Weil ihr Kult geheim war, ranken sich viele Legenden um Bona Dea. Mal gilt sie als Frau des Faunus, mal als dessen Tochter. Angeblich war sie so schüchtern, dass sie nie das Haus verließ, sich aber daheim mit Wein betrank, weil ihr so langweilig war. Faunus war deswegen wütend und schlug sie mit Myrtenzweigen tot. Später bereute er seine Tat und vergöttlichte seine Frau.
Als Tochter des Faunus hatte Bona Dea es sogar noch schwerer. Denn der eigene Vater stellte ihr nach und sie war erst vor ihm sicher, als sie sich in eine Schlange verwandelte.
Es gibt auch die Variante, in der Bona Dea die Schwester von Faunus ist.

Aeskulap und Hygieia. By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/23/e8/bf37ac7142c9354f84444d1c23f5.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0036061.html, CC BY 4.0, Link

Hygieia war die Tochter von Aeskulap, also dem Gott der Heilkunst, und wird im Hippokratischen Eid angerufen. Der hippokratische Eid wird in Deutschland lediglich als moralisch-ethischer Maßstab herangezogen, seit der Antike und auch heute in den USA ist es jedoch auch ein feierlicher „Eid“ im klassischen Sinne, der bei der Promotion der Absolventen medizinischer Studiengänge vorgelesen wird.
Über Hygieia gibt es keine dramatischen Geschichten, aber auch diese Göttin hat „eigene“ Verbindungen zu z.B. Salus, Sirona, … bzw. zu all diesen hier. 🙂

Sowohl mit Hygieia, als auch Aeskulap (Aeskulap-Stab) waren Schlangen als Symboltiere verknüpft.
Im Tempel der Bona Dea soll es zahme Schlangen gegeben haben.

Aeskulap-Stab. By CFCFOwn work, CC0, Link

Die Schlange ist ein ausgesprochen interessantes Symboltier, geht ihre mythische Existenz doch sogar in vorweltliche – also paradisische – Zeiten zurück.
Sie war es, die Eva angeblich dazu angestiftet hat, in den Apfel der Erkenntnis zu beißen und ihn dann an den armen, unschuldigen Adam weiter zu reichen. 😉

Doch zuvor sei noch erwähnt, dass Herkules (ein antiker Held, von dem weiter unten noch die Rede sein wird) nachgesagt wird, als Kleinkind zwei Schlangen, die seine Stiefmutter Hera/Juno geschickt hatte, um ihn zu töten, mit bloßen Händen erwürgte.

Herkules als Baby.
By Internet Archive Book Imageshttps://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14763741315/Source book page: https://archive.org/stream/barclaysuniversa00barc/barclaysuniversa00barc#page/n501/mode/1up, No restrictions, Link

Der Sündenfall. By KopiersperreOwn work, Public Domain, Link

Das Alte Testamten bzw. die Geschichte im ersten Buch Mose wurde auf Hebräisch geschrieben, eine Sprache, in der „die Schlange“ maskulin ist. Sie heißt dort נחשׁ = nâchâsh, „was manchmal als Erklärung dafür dient, dass der „Schlang“ (so die Übersetzung von Seebass, 98) sich an die Frau wendet und nicht an Adam (…)“.
Quelle: Bibelwissenschaft
Auch Adams erste Frau, Lilith, wird häufig mit Schlangen assoziiert.


Lilith. By John CollierOwn work, Public Domain, Link

Dass Adam eine erste Frau hatte, wird im Talmud (einer Art Kommentar zum Tanach/Altes Testament) erzählt. Die Geschichte – so absurd wie wahr – geht wie folgt: Da es in der Bibel zwei Schöpfungsberichte gibt (einmal werden Mann/Frau gleichzeitig erschaffen 1 Mose 1, 27, einmal entsteht Eva aus der Rippe von Adam 1 Mose 2,26), brauchte es eine Erklärung. Die Erklärung lautete so: Adam hatte eine erste Frau, Lilith, mit der er sich aber gestritten hatte. Angeblich ging es darum, wer von beiden die Oberhand (beim Sex) haben durfte. Lilith wollte oben sein, Adam auch, das ging aber nicht, also entschied Lilith, das Paradies zu verlassen und Adam sich selbst zu überlassen. – Es ging also darum, wer über wen herrscht, wer das Sagen hat.

Adam, Eva und Lilith (die Schlange). By Hugo van der Goes – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, Link

Der Kern dieser biblischen Geschichte, wenn man so will, findet sich auch bei der Göttin Bona Dea wieder. Denn ihre Feierlichkeiten waren nur für Frauen zugänglich – und es findet sich auch die Besonderheit, dass die feiernden Frauen sich weigerten dem Helden Herkules etwas zu trinken zu geben (vielleicht, weil er als Baby zwei Schlangen tötete?). Woraufhin Herkules befahl, Frauen fortan von den Festlichkeiten an seinem Altar (ara maxima) auszuschließen.
Die Opfergaben für Herkules waren auch erstmals(?) nur an ihn selbst gerichtet, da keine anderen Götter angebetet werden durften. Im Laufe der Zeit wurden dann von reichen Patrizierfamilien am ara maxima vor allem Opfer für Geldangelegenheiten gemacht, man spendete bis zu 10% vom Gewinn des Handels. Es gab riesige Festgelage, von denen insbesondere die des Crassus (eines sehr reichen Römers, der auch mit Pompeius und Cäsar verbündet war) im Gedächtnis geblieben sind, da er die römischen Bürger drei Monate lang bewirtete.

Herkules. By SailkoOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Herkules trinkt. By Massimo Pallottino, The Etruscans, Indiana University Press, 1975 (1st edition: Etruscologia, Milan: Hoepli, 1942).References:Online commentary;Jean Bayet, Herclé, op. cit. p. 150 et pl. IV;A. J. Pfiffig, Herakles in der Bilderwelt der etruskischen Spiegel, 1980, p. 19., Public Domain, Link

Der Ursprung der Milchstraße. By Peter Paul Rubens[1], Public Domain, Link

Also die Frage, die sich gerade aufdrängt: was wollte Herkules wohl trinken beim Fest der Bona Dea? 🙂 🙂 🙂

Obwohl es eindeutig gesichert scheint, dass „Bona Dea“ die Göttin für einen reinen Frauenkult war, weist Brouwer in seiner obene genannten Dissertation darauf hin, dass möglicherweise auch Kaiser Augustus als Priester involviert war (Introduction, p. XXIII.) Auch ist auffällig, dass viele Männer der Göttin etwas schenkten oder widmeten, z.B. einen Altar, ihre Wünsche/Gebete, oder Statuen anfertigen ließen.

Eine Göttin, mit der Bona Dea ebenfalls verknüpft wird, ist nebst der oben genannten Hygieia die Göttin Fortuna.

Hier Fortuna in einer mittelalterlichen Darstellung links vom Rad des Schicksals. By Universidade Federal do Espírito SantoVitória [1], Public Domain, Link

Fortuna (griechisch Tyche) antik. By DaderotOwn work, Public Domain, Link

Füllhorn. By bukkOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Das Füllhorn ist ein ebenfalls interessantes antikes Symbol, das für Reichtum, Überfluss und „Fülle“ steht. Das Füllhorn wird auch sehr häufig in Verbindung mit Ceres (Göttin des Getreides und Wachstums) und Plutos (Gott des Reichtums) gebracht.

Es geht auf die Nymphe (oder Ziege) Amalthea zurück, die mit dem Horn einer Ziege den kleinen Zeus fütterte oder eben selbst diese Ziege war. Sie ist darüber hinaus auch die Mutter (oder Ehefrau) von Pan, dem Hirten- und Ziegengott.

Zeus/Jupiter verewigte die Ziege(?) Amalteia aus Dank über seine Rettung (sie hatte ihn ja mit ihrer Milch ernährt/Füllhorn) am nächtlichen Firmament als Sternbild.
Das Sternbild Capricornus bzw. „Ziege“. CC BY-SA 3.0, Link

Auch findet sich hier wieder eine Verbindung zu Herkules, denn die antiken Autoren berichten auch davon, dass Herkules beim Ringen mit dem Flussgott Acheloos diesem ein Horn abgebrochen habe, was dann zum Füllhorn wurde.

Warum Herkules das tat, ist wiederum eine interessante Geschichte.
Acheloos war nämlich genauso an der schönen Deianeira interessiert wie Herkules. Er kämpft mit Herkules um die Hand der schönen Deianeira (deren Name übrigens „Männerhasserin“ bedeutet), verwandelt sich in eine Schlange und in einen Stier, aber all das half ihm nix, Herkules tötete ihn.

Beeindruckend in Szene gesetzt hat diesen Kampf Thomas Hart Benton (1947).

By Thomas Hart BentonThis file was provided to Wikimedia Commons by the Smithsonian American Art Museum as part of a cooperation project., Public Domain, Link

Doch auch die alten Etrusker hatten schon einen ganz fidelen Blick auf die Problematik. By www.androphile.org, Gemeinfrei, Link

Es geht sogar noch etwas weiter. Denn die Geschichte „Kampf mit Fluss/Wesen“ wiederholt sich in der Geschichte von Herkules.
Als er und Deianeira einen Fluss überqueren müssen, bietet sich der Kentaur Nessos an, Deianeira hinüber zu tragen. Das tut er natürlich nicht ohne Hintergedanken, denn er will Deianeira für sich.

Hier Deianeira, die Schöne, und Nessos. – Was hat sich Arnold Böcklin dabei nur gedacht??? 🙂 Von Arnold Böcklin – 1. pfalzgalerie.de2. lessing-photo.com, Gemeinfrei, Link

Auch hier greif Herkules ein und gewinnt, indem er Nessos tötet. Doch hat Nessos zuvor Deianeira noch eine List ins Ohr gepflanzt. Er riet ihr, sollte Herkules ihr jemals untreu werden, ihm einen Mantel von Nessos zu geben, der ihr ewige Treue garantieren würde.
Viele Jahre später guckt sich Herkules tatsächlich mal nach anderen Frauen um.
Was tut Deianeira?
Sie gibt Herkules den Mantel, der daraufhin an elendigen Qualen (nicht) stirbt.

Sie selbst aber denkt, dass Herkules gestorben ist und bringt sich daraufhin um. Die Parallelen zu Didosind offenkundig.

Deianeira verzweifelt. By Evelyn De Morgan[1], Public Domain, Link

Herkules stirbt (doch nicht). By Francisco de Zurbarán – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, Link

Herkules wird nämlich kurz vor seinem Tod von den Göttern in den Olymp aufgenommen. Dort versöhnt er sich dann auch mit seiner Stiefmutter Hera/Juno und heiratet eine andere Frau: Hebe, die Göttin der rosigen Wangen = der Jugend. (Also keine Männerhasserin mehr.)

Faktisch und historisch gesichert schafft es Herkules als Gott sogar in den Buddhismus:

Er steht mit seiner Keule rechts hinter Buddha.
CC BY-SA 3.0, Link</

Bona Dea – und die dazu gehörigen Göttinnen – lebten und leben(?) insbesondere einigen weiblichen Heiligenfiguren weiter.

Heilige mit dem Attribut „Schlange“ sind unter anderem: Goar, Phillipus der Apostel, Wilburgis, Amandus von Maastricht, Hilarius von Poitiers, Jakobos von der Mark.
Diese Heilige haben die Schlange „nur“ als Symboltier, teils auch noch andere Symbole, stehen aber in keiner erzählerischen Verbindung zu dem Tier.

Für einige Heilige mit dem Attribut Schlange gibt es aber längere oder kürzere Geschichten, in denen die Schlangen mal in einem positiven, mal in einem negativen Licht erscheinen.

Notburga von Hochhausen erhält von einer Schlange heilende Kräuter, nachdem sie durch ihren gewalttätigen Vater einen Arm verliert.

Patrick von Irland wird nachgesagt, dass bei seiner Ankunft in Irland sämtliche Schlangen die Insel verlassen haben. Die letzte Schlange Irlands aber wurde von ihm in eine Kiste gelockt mit dem Versprechen, sie „morgen“ wieder frei zu lassen. Als die Schlange dann am nächsten Tag nach ihrer Befreiung fragte, antwortete er: „Morgen.“

Thekla von Ikonium weigerte sich, einen „Heiden“ zu heiraten, weil sie Christin geworden war. Da sie im noch heidnischen Rom lebte und als Christin damals sehr benachteiligt war, führte man sie in einen Kerker voller giftiger Schlangen, aber ein Blitzstrahl tötete die Reptilien. Thekla erfährt noch ein paar andere Gemeinheiten, diese gehen aber immer gut aus, da sie von Gott beschützt wird.

Benedikt von Nursia, der Gründer des Benediktinerordens, dem der schöne Spruch ora et labora zugeschrieben wird (dt. „bete und arbeite“), sollte von seinen eigenen Mönchen vergiftet werden. Doch das Gift entwich als Schlange aus dem Kelch, in dem es sich befand, als Benedikt ein Kreuzzeichen darüber machte.

Das Füllhorn scheint es nicht in die christliche Gedankenwelt geschafft zu haben. Allerdings scheinen der Prophet Joel (Altes Testament) und der Heilige Kajetan von Tiene ein Füllhorn als Attribut (allerdings ohne dahinter liegende Erzählung) zu haben.

Abschließend sei noch auf das Martyrium von Christina von Bolsena verwiesen, die von Schlangen gepflegt wird, nachdem sie unendliches Leid erlitt.

„Christina wurde geschoren und nackt vor eine Apollo-Statue geschleift, diese zerfiel zu Staub, der Richter starb vor Schreck. Sein Nachfolger sperrte sie fünf Tage in einen glühenden Ofen, sie wandelte darin und sang mit den Engeln. Schlangen wurden gebracht – sie leckten ihren Schweiß ab und legten sich kühlend um ihren Hals. Als ein Zauberer nun die Schlangen reizen sollte, stürzen sich diese auf ihn und töten ihn; Christina aber gebot den Schlangen, an einen wüsten Ort zu entweichen und erweckte den toten Zauberer. Schließlich wurden ihr die Brüste abgeschnitten, sie verströmten Milch statt Blut. Als ihr die Zunge abgeschnitten wurde, behielt Christina die Sprache, und sie warf die Zunge dem Richter ins Gesicht, worauf der erblindete. Von den Pfeilen, die er nun auf sie abschoss, trafen sie zwei und töteten sie.“
Quelle: Heiligenlexikon.

Noch heute gibt es in Italien Feierlichkeiten, die das Schicksal von Christina reinszenieren. Einen tollen Artikel mit vielen Fotos darüber findet man bei Bizzarrobazar.
Wirklich toll gemacht, klare Leseempfehlung.

Advertisements

Mut und Liebeständelei

bikini-148764

In der Nähe der kleinen Stadt Lindos gab es einen alten Tempel, welcher der Göttin Venus geweiht war. Es war ein Weg von drei Tagen, der durch eine karge Landschaft führte. Psyche trank nicht, sie aß nicht, machte nirgendwo Halt. Sie achtete nicht auf ihre schmerzenden Füße, sie kümmerte sich nicht um ihre kaputten Glieder.

Ich bin glücklicher, als ich es im Schloss war“, stellte Psyche dabei fest. „Es tut gut zu wissen, was man will.“

Am Abend des dritten Tages stand sie endlich vor den gewaltigen Marmorsäulen, die den Eingang zu Venus Heiligtum markierten. Tapfer betrat sie den Tempel.

Innen war es leer und still, die Priester hatten sich von dem Tagesgeschäft zurückgezogen. In einer Kuhle in der Mitte loderte ein Feuer. Ringsum standen Gaben für die Göttin. Große Amphoren mit Wein, Kleider und Papyrusblätter, auf die Menschen ihre Wünsche geschrieben hatten.

Ich bin hier!“, rief Psyche. „Ich bin hier und ich bin die, die du suchst, Venus!“

Aus dem Gemäuer löste sich ein dunkles Etwas. „Hab ich dich!“, rief es. „Da wird sich meine Herrin freuen!“

Das Wesen hatte grelle, rote Lippen und kohlrabenschwarz umrandete Augen. Es trug eine knappe Tunika mit tiefem Ausschnitt.

Bist du eine Priesterin?“, fragte Psyche verwirrt.

Weit gefehlt“, rief das Wesen, stürzte zu Psyche und fesselte ihr die Arme auf den Rücken. „Mein Name ist „Liebeständelei“ und ich bin der Liebling von Venus!“

Dann bringe mich zu ihr, denn deswegen bin ich hier.“

Liebeständelei zupfte an Psyches Haar und kicherte vergnügt. „Diese kleine Heldeneinlage wird dir nichts nützen. Sie wird dich bestrafen. Ganz böse bestrafen! Und mich wird sie belohnen, ganz gut belohnen!“

Sie ließ ein eigenartiges Trällern verlauten und aus dem Nichts entstand ein Nebel, der sie einhüllte und in die Höhe hob.

Mehr als ein Kuss

Psyche wartete schon seit Stunden. Wartete auf das Untier, das ihr versprochen hatte, nach Sonnenuntergang bei ihr zu sein. Das liebe, weiche, kuschlige Untier, das ihr seine Liebe gestanden hatte und sie die gesamte letzte Nacht über küsste, als würde es kein Morgen geben. Dann war es verschwunden wie jeden Tag.
Heute Nacht aber schien es nicht zu kommen. Ob ihm etwas passiert war? Unruhig schritt Psyche auf und ab. Sie konnte aufgrund der Dunkelheit längst nicht mehr erkennen, wohin sie trat, aber sie hatte sich die Gegebenheiten des Raumes gut eingeprägt und Überflüssige zur Seite geräumt.
Hier stand eine Kommode, da in der Mitte der Tisch, daran zwei Stühle. Auf dem Tisch duftete ein köstliches Mahl. Psyche hatte viel Zeit darauf verwendet, Speisen zu probieren, die die unsichtbaren Winde hervorzauberten, bis sie die schmackhaftesten Leckerbissen herausgeschmeckt hatte. Sie wollte ihr Untier damit überraschen. Sie wollte herausfinden, wie es hieß. Wie er hieß. Denn dass es männlich war, daran bestand keinen Zweifel. Sie wollte …
Psyche biss sich auf die Lippen. Ja, was wollte sie eigentlich? Auf jeden Fall spürte sie eine gewaltige Ungeduld in sich, so als ob sie platzen müsste, wenn das Untier nicht bald käme.
Sie tastete nach der Stuhllehne. Setzte sich. Fühlte über den Tisch, bis sie die Schale erreichte. Sie zog die Schale zu sich heran und tauchte den Finger hinein.
„Wir sind ein Liebespaar, würde ich sagen“, sagte Psyche und probierte die Speise.
Stille.
„Es ist so still hier“, sagte Psyche. „Könntet ihr nicht etwas lauter sein? Mit Geschirr klappern zum Beispiel, oder vielleicht kann auch mal ein Tor quietschen oder eine Tür? Es ist wirklich sehr still hier.“
Stille.
„Jetzt raschelt doch mal, ihr Winde!“
Ein Luftzug durchzog den Raum und gab ein leises Säuseln von sich.
„Oh, da seid ihr! Aber wo ist das Untier? Was meint ihr, wann das Untier heute kommt? Oder kommt es vielleicht gar nicht? Meint ihr, es kommt nicht, weil …“
Vor Psyches innerem Auge tauchte das Bild auf, das sie heute im Spiegel gesehen hatte. An Stelle des Untieres würde sie nicht zu diesem Ding zurückkehren, doch diesen Gedanken fand sie so entsetzlich, dass sie die Fäuste ballte und aufsprang.
„Nein!“, rief Psyche. „Ich will das nicht. Ich will das einfach nicht denken!“
Das Zersplittern von Tongefäßen, einige „Auas“ und „Autschs“ und ein eifriges Tapsen ließen Psyches Herz federleicht schlagen.
„Untier!“, rief sie und eilte zur Tür.
Und direkt auf der Schwelle fand sie das Untier, ließ sich von seinen Armen umschließen und an seine Brust drücken und atmete den warmen, würzigen Duft. Ließ sich die Stirn küssen und dann die Lippen.
„Es tut mir leid, meine Liebste“, flüsterte er. „Es tut mir so leid.“
Psyches lächelte bis sie über das ganze Gesicht grinste.
“Jetzt bist du da!“, sagte sie. „Ich habe dich so vermisst!“
„Ich dich auch“, wisperte das Untier und drückte seine Nase in ihr Haar. „Und du riechst so gut.“
„Du auch“, raunte Psyche. „Und ich habe etwas für dich vorbereitet!“
Psyche nahm die Hand des Untiers und führte es zum Tisch.
„Setz` dich“, sagte sie. „Wenn ich könnte, würde ich dir jetzt die Augen verbinden. Aber es ist stockfinster, daher brauche ich das nicht.“
„Was hast du vor?“, fragte das Untier. Psyche konnte die wohlige Spannung in seiner Stimme hören.
„Probier` mal“, sagte Psyche. Sie hatte sich gut eingeprägt, wo die verschiedenen Speisen standen. Vom würzigen Kuchen, den sie am ersten Tag im Schloss gegessen hatte, schnitt sie ein Stück ab und steckte es dem Untier in den Mund.
„Mh“, sagte es kauend. „Das schmeckt gut!“
„Wenn du das magst“, freute sich Psyche, „wirst du das hier lieben!“
Sie nahm etwas von der süßen Paste und strich sie auf ein dünnes Brot.
„Hier.“
Das Unter kostete bereitwillig auch diese Speise. „Süß“, sagte es. „Fast so süß wie deine Küsse.“
„Dann willst du vermutlich“, sagte Psyche, „diese Speise als nächstes ausprobieren.“
Und sie küsste das Untier, das sie auf seinen Schoß zog.
Als sich ihre Lippen berührten, wusste Psyche, was das Untier dachte. Es dachte nur an sie. Sie war überwältigt von der Liebe, die es für sie empfand. Und auch Psyche spürte dieses Gefühl, fühlte es fremd und schön, tauchte darin ein und wusste bald nicht mehr, wer sie war. Sie vergaß sich selbst. Immer dichter drängten sie aneinander. Ihre Münder verschmolzen zu einem Mund und bald atmeten sie denselben Atem. Ein und aus.

Einfach mal so …

Am heutigen Tage möchte ich, unabhängig jedweder Literaturvorgabe, meine persönlichen Schreibtipps zum Besten geben.

1. Spreche mit deinem Material

Das mag sich erstmal merkwürdig lesen. Wie oder wieso sollte man mit einem Thema “sprechen” oder – womit überhaupt soll man sprechen?

Relativ verständlich ist dieser Vorschlag bei Figuren. Man hat also Figur x,y und z und an mancher Stelle weiß man nicht, wieso sie dies oder das tun – oder: was sie überhaupt tun.

Fragt sie! Redet mit ihnen! Schreibt mit ihnen!

Es gibt die Möglichkeit, einen Steckbrief auszufüllen. Das Internet ist voller Vorschäge (Steckbrief Figur, Charakterisierung), aber ich glaube, das ist nur eine und vielleicht sogar eine “schlechte” Variante, um herauszubekommen, was und wer und wie die Figur eigentlich ist.

Ich mag Interviews. Eigene Fragen, geschriebene Antworten – die ich mir “selbst” gebe, durch die Figur. Kommt viel bei rum, finde ich. Wobei es immer noch eine Weile dauert.

Aber gerade wenn man vielleicht noch nicht in der Lage ist, seine Figuren in einen Steckbrief zu “stecken”, sollte man sich vielleicht einfach mal mit ihnen unterhalten – auf schriftlicher Ebene.

2. Sex

Wie sähe – für Dich persönlich – die beste Liebesnacht Deines Lebens aus? Was müsste passieren? Wer müsste dabei sein und wie würde “man” vorgehen?

Ich finde, um die Rhythmik und Spannung einer guten Geschichte zu eruieren – um diese herauszubekommen – sollte man sich “back to the roots” aufmachen und darüber nachdenken – und nachschreiben – wie eine perfekte Liebesnacht auszusehen hätte.

Das mag auf den ersten Blick wenig mit “der Geschichte” zu tun haben, aber – hey – subcontious it has! Oder anders gesagt: im Unbewussten wird das seine Wirkung tun.

Womit wir schon bei Punkt 3. wären:

3. Esoterik

Es gibt, laut Freud, sowas wie das Unbewusste. Nichts in den großen Romanen ist dem Zufall überlassen. Alles, was dort geschrieben steht, und sei es nur die stupide Beschreibung einer Vase, hat etwas mit unserem Unbewussten zu tun. Mag sein, dass es auch den ein oder anderen Autoren gibt, der sich da nicht 100% drauf verlässt. Aber grundsätzlich gilt: wenn z.B. von einer “Tür” die Rede ist, dann ist das immer eine Möglichkeit, neue Wege zu beschreiten.

Oder wenn von “Tunneln” oder “Höhlen” geschrieben wird: hier sind reinkarnierende Kräfte am Werk! (Reinkarnation = Wiedergeburt; oder im übertragenen Sinn auch einfach: ein Neuanfang).

4. Musik

Schreiben, in letzer Konsequenz, ist meiner Meinung nach Musik. Oder “wie” Musik.

Um sich dessen zu behelfen, kann es sinnvoll sein  – aber das ist eine Typfrage – beim Schreiben Musik zu hören. Diese muss gar nicht mal zum Thema passen, solange sie den Vibe des Themas zu transportieren vermag.

Also: hört Musik und schreibt!

Nun zum letzten und wichtigsten Punkt:

5. Schreiben

Wer schreiben will, sollte schreiben. Ich habe festgestellt, dass es eigentlich egal ist, was geschrieben wird. Z.B. mein Blog hat schon sehr viel in mir ausgelöst … vielleicht auch die Gegebenheit, dass ich durch den Blog viel lese (das als Tipp 5.1. Lesen ist superwichtig), was andere Blogger so schreiben.

Das war es für heute. Morgen gibt es was über den Kaktus. Versprochen.

Beste Grüße und bis bald

Runa