The last king / Der letzte König

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Wanderer above the Sea

By Caspar David Friedrich – The photographic reproduction was done by Cybershot800i. (Diff), Public Domain, Link

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The last king

Once upon a time, there was a king who ruled over a beautiful and great empire. But he was annoyed because there were around him six other kingdoms, dominated by great and beautiful kings, who did everything else than he did. Moreover, he found that there were far too many subjects in all, and since the subjects moved into a different empire from some areas, whether to work or because they liked the smell of the air, this king decided: only his own subjects should go well, only his subjects were worth living a beautiful life and they should be ruled by him as the only king in the whole territory of the seven kingdoms.

The king sent out his messengers, and they proclaimed the message on every square in every city. But since there were also people from the other realms, or because a paper was lost, or because the wind simply carried the words with it, the kings of the other realms also heard that a king intended to become the greatest and only ruler of the entire territory.
Annoyed, they talked with their consultants.
“We won’t put up with that!”, said ones.
“If we do nothing, we will lose!”, said others.
One came and said, “He who does not fight can still negotiate.”
But then everyone said, “He who does not fight has already lost.”

And so they quickly agreed, especially since every king could count on the support of his population, which suddenly began to surpass each other in the design of arms. The smithies burned, glowing iron hissed in cold waters, the hammers hammered incessantly, and smoke rose into the skies.

The wise counselor, however, began to form a network of advisors working in various kingdoms. And he managed to persuade the advisers of the kings to negotiate as long as they were not yet fighting. Thus, for several years, the advisers held the kings back, while the knights and warlords armed and at the same time sold the weapons among themselves.

“We need this war machine, for others have that”, said the one.
“If we do nothing, we will lose!”, said others.
One came and said, “We must be first, otherwise we will be last.”
And all said, “Nothing ventured, nothing gained!”

This happened in the royal house of the king, who once ruled over a beautiful and great empire whose sky was now covered with smoke-black clouds.
And scarcely had he dismissed the machinery of death from her cage, she sprang over the seven realms, and ate all that was alive. The flowers, the bees, the bushes – and the people.
And when she had grinded everything, she was still hungry and returned to the king, knowing that there were some leftovers.
In one night, she devoured all the subjects of the seventh kingdom, the last counselors, and the entire royal family.
She only spared the king, for she bowed to his desire, which had given her such a rich feast.

Since then the king has ruled alone.

 

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Der letzte König

Es war einmal ein König, der herrschte über ein schönes und großes Reich. Doch er ärgerte sich, weil es um ihn herum sechs andere Reiche gab, die von großen und schönen Königen beherrscht wurden, die alles anders machten als er. Außerdem fand er, dass es insgesamt viel zu viele Untertanen gab, und da aus manchen Gebieten die Untertanen in ein anderes Reich wanderten, sei es, um zu arbeiten oder weil sie die Luft dort lieber rochen, beschloss dieser König, dass es eigentlich nur seinen Untertanen richtig gut gehen sollte, dass nur seine Untertanen es wert waren, ein schönes Leben zu führen und dass sie es wären, die er als einziger König auf dem gesamten Gebiet der sieben Reiche beherrschen würde.
Der König ließ seine Boten ausreiten und diese verkündeten die Botschaft auf jedem Marktplatz in jeder Stadt. Doch da es dort auch Menschen aus den anderen Reichen gab, oder weil ein Papier verlustig ging, oder auch, weil der Wind die Worte einfach mit sich trug, hörten auch die Könige der anderen Reiche, dass ein König beabsichtigte, der größte und einzige König des gesamten Gebiets zu werden und sie sprachen mit ihren Beratern.
“Wir können uns das nicht bieten lassen”, sagten die Einen.
“Wenn wir nichts tun, dann werden wir verlieren!”, sagten die Anderen.
Einer kam daher und sagte: “Wer nicht kämpft, kann noch verhandeln.”
Doch dann sagten alle: “Wer nicht kämpft, hat schon verloren.”

Und so wurden sie sich schnell einig, zumal ein jeder König mit dem Rückhalt in seiner Bevölkerung rechnen konnte, die auf einmal anfing, sich in der Gestaltung von Waffen gegenseitig zu übertreffen. Die Schmiedefeuer brannten, glühende Eisen zischten in kalten Wassern, die Hammer hämmerten unaufhörlich und Rauch stieg zum Himmel empor.

Der kluge Berater aber begann, ein Netz aus Beratern zu bilden, die in den verschiedenen Königreichen arbeiten. Und er schaffte es, die Berater der Könige davon zu überzeugen, dass man noch verhandeln könne, solange man noch nicht kämpfe. So geschah es und über mehrere Jahre hielten die Berater die Könige zurück, während sich zeitgleich die Ritter und Kriegsherren rüsteten und die Waffen untereinander verkauften.

“Wir brauchen diese Todesmaschine, denn die anderen haben jene”, sagten die Einen.
“Wenn wir nichts tun, dann werden wir verlieren!”, sagten die Anderen.
Einer kam daher und sagte: “Wir müssen die Ersten sein, ansonsten sind wir die letzten!”
Und alle sagten: “Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!”

Dies geschah im Königshaus des besagten Königs, der einst über ein schönes und großes Reich herrschte, dessen Himmel nun von rauchgeschwärzten Wolken verhangen war.
Und kaum hatte er die Todesmaschinerie aus ihrem Käfig entlassen, da sprang sie über die sechs Reiche hinweg und aß alles auf, was lebendig war. Die Blumen, die Bienen, die Büsche – und die Menschen.
Und als nachdem sie alles abgegrast hatte, war sie noch immer hungrig und kehre zurück zum König, wohlwissend, dass es dort noch etwas zu essen gab.
Dann fraß sie in nur einer Nacht all die Untertanen des siebten Reiches, die letzten Berater und die gesamte königliche Familie.
Nur den König verschonte sie, denn sie verneigte sich vor seinem Wunsch, der ihr ein so reiches Festmahl beschert hatte.

Seitdem herrscht der König allein.

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Kummer und Sorge

sculpture-1801600_1920Als die Sicht wieder klar wurde, erkannte Psyche eine riesige, rosafarbene Wolke, auf die ein riesiger Palast gebaut worden war.

Wie ist das möglich?“, fragte Psyche.

Vorwärts!“, rief Liebeständelei und gab Psyche einen Stoß in den Rücken.

Mit großen Schritten bewegten sie sich auf das Schloss zu. Auf einer Empore über dem Eingang stand die Göttin. Ihre Schönheit war so gewaltig, dass sie den Sonnenuntergang überstrahlte. Doch nichts täuschte darüber hinweg, dass sie zornig war.

Was bist du nur für ein hässliches, widerwärtiges Ding!“, rief Venus vom Balkon hinab. „Glaube ja nicht, dass ich mich erweichen lasse, weil du meinen Enkel unter dem Herzen trägst. Kummer! Sorge! Ins Verließ mit ihr! Lasst sie genauso leiden, wie mein Sohn es tut!“

Die Flügeltüren des Palastes öffneten sich und hinaus trat ein junges Mädchen. Das Haar fiel ihm lose ins Gesicht, sein Gewand war fleckig und zerrissen. Es kümmerte sich nicht darum, was es von sich zeigte. Gebückt ging es, als ob es eine gewaltige Last tragen würde. Immer wieder wischte es sich die Augen.

Ihm folgte eine alte Frau. Sie blickte gerade heraus und stützte sich beim Gehen auf einen Stock. Ihre Stirn wirkte zerfurcht, ihr Gesicht von tiefen Falten durchzogen. Obwohl sie den Mund zu einer Art Lächeln verzog, zeigten die Mundwinkel hinab.

Hastig band Liebeständelei Psyches Arme los und wich ein paar Schritte zurück. Das kleine Mädchen nahm Psyches Hand, die alte Frau legte eine Hand auf ihre Schulter.

Und in diesem Moment schwand Psyches Mut und jede Hoffnung. Sie fühlte sich schwach und leblos. Ihr Vorhaben war zum Scheitern verurteilt. Was sollte sie schon ausrichten gegen den Willen einer Göttin? Sie hatte Amor zutiefst gekränkt. Nie würde er ihr verzeihen. Nichts war sie im Vergleich zu all dem, was sie umgab. Selbst der Schmutz im Verließ war wertvoller als sie. Und schöner.

Psyche sank gegen die kalte Mauer des Kerkers. Kummer und Sorge überwältigten sie und sie hatte nicht einmal mehr die Kraft zu weinen.

 

Das Geschenk von Ceres

cake-1306874_1920„Es tut mir leid wegen deiner Tochter“, sagte Psyche. Ihr Herz klopfte so stark, dass ihr schwindelig wurde. Am liebsten hätte sie Ceres tröstend umarmt, doch aus Ehrfurcht vor der Göttin ließ sie ihre Hände wieder sinken und sagte:

„Ich wünschte, ich könnte dir helfen.“

„Das kannst du nicht“, sagte Ceres traurig. „Denn selbst die Götter wissen nicht, wo sie ist. Ach. Und ich sitze hier und werde getröstet von der Feindin einer Freundin. Die Nornen haben einen seltsamen Sinn für Humor.“

„Die Nornen?“, fragte Psyche.

„Die Schicksalsspinnerinnen. Drei alte Weiber, eine frecher als die andere.“

„Oh ja“, Psyche nickte bekräftigend. Sie kannte die Nornen aus den Geschichten, hatte sie aber für eine Erfindung gehalten. Doch nach dem zu urteilen, was Ceres sagte, waren selbst die Götter einer höheren Macht unterworfen.

„Ich sollte jetzt weitergehen“, sagte Psyche. „Ich möchte nicht, dass du Streit mit Venus bekommst.“

„Was wirst du jetzt tun?“, fragte Ceres.

„Ich werde zu ihr gehen“, sagte Psyche.

„Wie bitte?“ Ceres sah Psyche mit ihren kornblumenblauen Augen an.

„Ja“, sagte Psyche. „Das erscheint mir die beste … nein, die einzige Möglichkeit zu sein. Ich werde zu ihr gehen und dann soll sie machen, was immer sie für richtig hält.“

Ceres schüttelte den Kopf. „Das wäre dein Tod. Verstecke dich lieber oder fliehe.“

„Du hast mir alles gesagt, was ich wissen musste“, entgegnete Psyche. „Amor liebt mich immer noch und das ist das einzige, was zählt. Wenn ich ihn zurückhaben will, dann geht das nur mit dem Einverständnis seiner Mutter.“

Psyche erhob sich.

„Du sagst, ich könnte sterben. Doch ohne Amor bin ich längst tot. Ich werde zu Venus gehen.“

„Du bist mutig“, sagte Ceres anerkennend. „Und auch, wenn ich dir nicht helfen kann, so will ich dir wenigstens etwas mitgeben, damit du deinen Hunger stillen kannst. Denn dass du hungrig bist, das sehe ich.“

Sie drückte Psyche ein kleines Bündel in die Hand. Psyche roch daran. Es roch süßlich und würzig zugleich. Der Stoff klebte leicht daran, ließ sich aber gut ablösen.

Es waren zwei kleine Honigkuchen.

Psyche bedankte sich und steckte sie ein. Und dann ging sie weiter.

Die Geister, die man rief …

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„Was kann denn gegen diesen Kummer helfen?“

„Nun“, sagte Pan und sah Psyche fest in die Augen. „Gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Nur manch eines ist schwer zu finden. Doch heute ist dein Glückstag. Das, was du brauchst, ist eine neue Liebe.“

Pan setzte die Flöte ab und streichelte ihr mit den Fingerspitzen über den Rücken, federleicht. „Du könntest hierbleiben. Du wärest willkommen in unserem Kreis der Liebenden. Du würdest eine neue Liebe finden, gewiss. Vielleicht einen Satyr, vielleicht einen Stern, vielleicht jemanden wie mich …“

Hunderte Augenpaare sahen Psyche erwartungsvoll an. Sie spürte die Erleichterung, die im Vorschlag von Pan lag. Wie reizvoll es wäre, hier Zuhause zu sein und zu vergessen. Zu lachen, zu tanzen, zu feiern und zu trinken. Tagein tagaus und jede Nacht mit dieser lustigen Schar durch die Wälder zu ziehen.

„Ich suche schon seit einiger Zeit eine dauerhafte Gefährtin“, sagte Pan. „Eine einfache Frage, eine ehrliche Antwort: Willst du oder willst du nicht?“

Psyche wandte ihren Kopf zur Seite und hauchte:

„Nein. Es tut mir leid, ich kann nicht. Ich liebe ihn.“

Ein enttäuschtes Murmeln erklang von unten. Enttäuscht schürzte auch Pan die Lippen und zog seine Hand zurück.

„Nun, wenn du unbedingt leiden willst, dann willst du eben unbedingt leiden“, schloss Pan. Grinsend setzte er die Flöte wieder an. „Aber heute Nacht gehörst du zu uns.“

Und dann spielte er eine Melodie, die so fröhlich war, dass Psyche wie von selbst vom Stein in die wogende Masse der tanzenden Faune, Nymphen und Satyrn glitt.

 

 

„Amor! Wach auf!!!“ Das Zimmer zitterte, Pluto schlug so kräftig an die Tür, dass sie fast zu bersten drohte. „Wir haben eine Abmachung!“  Wieder wurde das Zimmer von berstenden Schlägen erschüttert.

„Liebesgott! Mach! Auf!“

Amor blinzelte verschlafen und richtete sich auf. In seiner Schulter pochten quälende Schmerzen. „Au“, wimmerte Amor und presste eine Hand auf den Verband.

„Tu nicht so wehleidig! Du entkommst mir nicht! Keiner entkommt mir!“

„Das ist gut“, keuchte Amor. „Ich bin bereit zu sterben …“

„Öffne die Tür!“

„Die Tür ist verschlossen, meine Ma hat den Schlüssel … “

Draußen herrschte einen Augenblick Stille. Dann beobachtete Amor, wie sich ein dunkler Nebel vom Türspalt her ausbreitete, feine Kreise zog und sich zu verwandeln begann. Und der Nebel wurde eine dunkle Gestalt mit einer Kapuze und einem strudelnden Gesicht.

„Hast du rausgekriegt, was mit Pyramus und Thisbe geschehen ist?“, blaffte Pluto.

„Wenn ich es dir sage, nimmst du mich dann trotzdem mit zu den Toten?“

„Auf jeden Fall“, entgegnete Pluto.

„Sie leben ewiglich in irgendwelchen Büchern, weil ihre Liebe ja soooo groß war.“ Amor rollte mit den Augen.

„Ein Liebespaar, hm?“ Hätte Pluto eine Stirn gehabt, er hätte sie sicherlich gerunzelt. Doch seine Stimme klang fröhlich.

„Na, dann lassen wir die beiden mal dort, wo sie sind. Denn die Liebe ist doch das schönste, was es gibt!“

Amor zog sich das Kissen über den Kopf. Das alles durfte nicht wahr sein!

„Was ist los mit dir?“, frage Pluto. „Bist du krank oder was?“

Amor linste unter dem Kissen hervor und deutete schwach auf seine Schulter. „Schwer verletzt.“

„Pah, das ist doch gar nichts!“

Pluto schnippte mit seinen Fingern und statt eines Strudels erschien auf einmal ein nahezu menschliches Gesicht unter der Kapuze.

„Wie findest du es?“, fragte Pluto. Seine Stimme strömte nun aus einem wirklichen Mund und sein Blick war viel leichter zu deuten. Neugierig sah er Amor an.

„Ähh …“ Amor war verblüfft über die plötzliche Verwandlung.

„Oder lieber so?“ Pluto schnippte noch einmal und sein Gesicht veränderte erneut die Form. Es war auf einmal bärtig mit dichten, buschigen Augenbrauen.

„Kantiger“, seufzte Amor.

„Kantiger?“, wiederholte Pluto und zwirbelte die Spitzen seiner Augenbrauen. „Das gefällt mir! Wie findest du mein Gewandt?“

Amor blickte Pluto skeptisch an. Warum verhielt er sich auf einmal wie Venus?

„Darf ich jetzt sterben?“, rief Amor verzweifelt.

Pluto schüttelte den Kopf.

„Sag mir erst, wie findest du es?“

Amor zog sich die Bettdecke bis zum Kinn und rollte mit den Augen.

„Sieht toll aus. Superschick. Ganz klasse.“

„Findest du? Meinst du das auch ernst? Sie ist nämlich wunderschön, musst du wissen“, fuhr Pluto fort, während er an seinem Kleidungsstück zupfte.

Plutos Gesicht verlor für kurze Zeit seine Form und Amor meinte, im Gewirbel unter der Kapuze einige Herzchen ausmachen zu können.

„Ich habe eine Frau gefunden. Die Frau, für die ich Blumen pflücken würde.“

„Ich will jetzt endlich sterben!“, japste Amor. Hatte sich denn alles gegen ihn verschworen?

 

Meine blaue Zelle

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Ich lebe in einem blauen Gefängnis. In einem Zimmer, fünf Quadratmeter klein. Ich sehe Vorhänge, dahinter ein Fenster. Ich habe es nicht geöffnet, seit ich hier einzog. Nie habe ich nach draußen gesehen – und ich werde es nicht tun. Denn ich habe Angst. Ich habe Angst, dass das, was ich draußen sehen könnte, so schön ist, dass es mein Dasein auf den blauen Metern herabwürdigt. Oder, was ich genauso fürchte, es könnte hässlich sein.

Wenn ich nicht gucke, kann ich Hoffnung haben. Diese Tatsache lebe ich.
Meiner Zelle gegenüber liegt eine andere Zelle. Nach dem Flur, der uns trennt, direkt hinter dem Gitter, wohnt Herr Videns.
Seine Zelle sieht genauso aus wie meine. Ein tiefes Blau, in dem eine Glühbirne von der Decke baumelt. Er besitzt Pritsche, Stuhl und Tischchen, in der hinteren Ecke eine Toilette und Waschbecken. Dieselben grauen Gardinen, dahinter dasselbe geschlossene Fenster.

Ich kenne Herr Videns, seitdem ich hier wohne. Er lebte schon vor mir hier. Einst schenkte er mir Zettel und Stift, damit ich festhalten kann, was ich jetzt schreibe.
„Guten Morgen“, wünscht Herr Videns eines Morgens.
„Ist das ein guter Morgen?“, murmle ich.

„Gewiss“, sagt er. „Heute werde ich den Vorhang öffnen. Ich habe es satt, ja, ich habe es satt.“
„Sie haben es satt?“, frage ich und mein Interesse erwacht. Ich erhebe mich von der Pritsche, auf der ich Nacht um Nacht ruhe. Ich sehe Herrn Videns, angekleidet und frisiert. Er blickt froh.
„Ständig dieses Einerlei. Meine blaue Zelle, Ihre blaue Zelle, Sie in Ihrer Zelle. Es ist Zeit.“
„Überlegen Sie gut!“, rufe ich. „Sie könnten die Hoffnung verlieren!“ Mein Herz klopft, meine Hände zittern. Oft haben wir uns über die Vorhänge unterhalten und waren derselben Meinung. Sie zu lüften würde in jedem Fall Enttäuschung nach sich ziehen. Selbst, wenn dort etwas sein sollte, das erfreut, – es wäre unerreichbar und damit schmerzvoll anzusehen.
Herr Videns schreitet entschlossen zur Tat.
Eine Welle aus Neugier überwältigt meinen Protest. „Seien Sie vorsichtig …“, wispere ich und beobachte mit grauenvollem Behagen, wie Herr Videns den Vorhang anhebt. Seitlich lugt er hindurch. Licht fällt auf sein faltiges Gesicht. Er flüstert, runzelte die Stirn, reibt sich die Augen.
Vor Spannung halte ich den Atem an. Und ein Gedanke durchzieht meinen Geist: Wie alt mag er sein, frage ich mich. Sein Haar, das ich grau in Erinnerung hatte, leuchtet weiß, als der Vorhang fällt.

„Was haben Sie gesehen?“, keuche ich.
Herr Videns dreht sich zu mir. Seine Augen funkeln.
„Och, ich fand nichts Besonderes …“, sagt er, setzt sich auf den Stuhl und faltet die Hände.
„Sie sehen … zufrieden aus!“, protestiere ich.
„Das war nichts“, wehrt Herr Videns ab, doch sein Lächeln straft ihn einer Lüge.
„Erzählen Sie!“
„Wollen Sie nicht gucken?“
„Aus Ihrem Fenster? Das geht nicht!“
„Nein“, sagt er und winkt ab. „Aus Ihrem Fenster.“
„Niemals!“, rufe ich entrüstet.
„Machen Sie es, trauen Sie sich. Es ist leicht.“
„Herr Videns“, ich stehe auf und laufe unruhig hin und her. „Herr Videns. Sie kennen meinen Standpunkt. Ich kann und ich werde nicht gucken. Unmöglich, dass es mir ergeht wie Ihnen. Es sei denn, ich schaue aus Ihrem Fenster!“
„Sie selbst haben eines.“
„Wir haben dieses Thema besprochen. Ich könnte es nicht ertragen. Akzeptieren Sie das.“
Herr Videns seufzt.
„Sagen Sie mir, was Sie gesehen haben!“
„Gut“, sagt er. „Ich will Ihnen etwas von Ihrer Angst nehmen. Die Befürchtung, dass das Bild zu schön oder zu hässlich ist, können wir verwerfen. Alles, was ich vorfand, sehe ich, wenn ich Sie betrachte. Eine hübsche Dame in einer dunkelblauen Zelle, mit exakt einer Pritsche, Stuhl und Tisch. Und ein Fenster.“

Ich setze mich, überwältigt von seinen Worten. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Wenn dies zuträfe, dann wäre es tatsächlich nicht so schlimm, wie befürchtet – oder gar zu schön. Oder wäre es schlimm? Wenn alles so ist, wie das, was wir ohnehin schon kennen?
„Das gibt es doch nicht! Also fürchteten wir umsonst, falls dort, hinter dem Vorhang, alles ist wie hier!“
Doch da ist etwas, das nicht so sein kann, wie unsere Zellen. Es nagt in mir, also rufe ich:
„Erzählen Sie von der Frau!“

„Die Frau?“, fragt Herr Videns, „Ach, die ist nicht besonders …“

„Dann sagen Sie mir, was sie Ihnen gesagt hat! Sie haben doch geflüstert!“

Herr Videns räuspert sich und streicht sein Kinn.
„Nun, sie sagte mir, dass sie gerne aus ihrem Fenster sieht.“
„Sie tut es?“, frage ich. Ob Herr Videns mich zum Narren halten will? „Was kann sie sehen? Eine Frau in einer Zelle?“
Herr Videns fährt fort mit ruhiger Stimme, sitzend auf dem Stuhl, die Hände gefaltet, manchmal spreizt er einen Finger ab.
„Das will sie mir erzählen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich das wissen will.“
„Sie müssen sie fragen“, sage ich. Vielleicht, um mich zu vergewissern, dass Herr Videns die Wahrheit sagt, vielleicht, weil meine Neugier brennt.
„Sehen und hören Sie selbst!“, sagte Herr Videns.
„Nein!“
Ich drehe ihm den Rücken zu und verschränke die Arme.
„Gut“, sagt Herr Videns. „Ich weiß, was Sie zu tun imstande sind. Ich möchte keinen Streit mit Ihnen. Ich werde die Frau fragen.“
Erleichtert drehe ich mich zurück und lächle. Herr Videns steht auf und geht ans Fenster.

Gatter quietschen, der Korridor hallt von Schritten, schwere Stiefel, die in unsere Richtung laufen.
Haferbrei im ungünstigsten Moment.
Eigentlich mag ich den Haferbrei. Drei Mal am Tag zur selben Zeit, dieselbe hellbraune Suppe, mit derselben gleichförmigen Temperatur. Ich fühle mich geborgen, wenn ich den Löffel in den Mund schiebe und den Brei dort langsam zergehen lasse. Es gibt nur eine Sache, die meine Zunge mehr reizen würde, aber die bekommen wir hier nur selten: Orangen.
Der Wärter schiebt das Tablett unter Herrn Videns Gatter hindurch. Dann dreht er sich zu mir und sagt: „Lassen Sie es sich schmecken“, während er den Haferbrei hereinschiebt.
Ich betrachte den Haferbrei und warte ungeduldig darauf, dass die Schritte des Wärters nicht mehr zu hören sind. Gleicher Haferbrei auf demselben Tablett. Dasselbe Einerlei. Eine graue Soße mit fetten Klumpen. Öde und langweilig. Die Schritte verhallen.

„Jetzt machen Sie!“, zische ich zu Herrn Videns. „Fragen Sie die Frau!“
Herr Videns ist schon dabei, den Brei zu verspeisen. Er rückt seinen Stuhl ans Fenster und verschwindet samt Löffel und Schälchen unter der Gardine. Der Stoff verdeckt ihn, ich höre ihn schmatzen und kichern. Den Haferbrei rühre ich nicht an.

„Die Dame heißt Anima und sie erzählte mir Folgendes: Draußen vor ihrem Fenster ist eine Straße. Auf der anderen Straßenseite befindet sich eine Bank. Dort hat sie in der letzten Zeit einen Mann sitzen sehen.“
„Und?“, frage ich.
„Und seit ein paar Tagen spaziert dort eine junge Frau.“
„Weiter!“
„Anima meinte, dass die beiden sich Blicke zuwerfen.“
„Blicke?“
„Von Auge zu Auge. So wie wir.“
„Mehr nicht?“
„Mehr nicht.“
„Der Mann sollte sie ansprechen!“

„Die Frau könnte ebenfalls etwas wagen“, sagt Herr Videns.
„Ansonsten passiert nichts?“, hake ich nach.
„Nichts“, sagt Herr Videns. „Außer, dass Anima meinte, es sei ein schöner Tag.“
„Das ist gut, allerdings klingt es ausgesprochen langweilig“, sage ich. Um ehrlich zu sein, ich bin erstaunt, dass Frau Anima etwas anderes aus ihrem Fenster sehen kann. Gar diese interessanten Dinge, Liebe und Schönheit und so. Und ich frage mich, was hinter meinem Vorhang sein könnte. Ich erinnere mich, dass ich mich so oft dabei ertappt habe, dorthin zu blicken, zu träumen, mir vorzustellen, was dahinter liegt. Königreiche, dunkle Wälder, vielleicht ein Garten. Aber ich habe es bereits erklärt. Für mich besteht der Reiz darin, Hoffnung zu haben, nicht darin zu handeln. Eine Enttäuschung würde ich nicht verkraften. Sie würde meine Seele brechen. Ich weiß es.

„Ein schöner Tag“, beginnt Herr Videns und kommt unter dem Vorhang hervor. „Ein schöner Tag, das ist laut Anima ein Tag, an dem die Sonne scheint. Es ist allerdings nicht der Schein, sondern vielmehr das, was das Licht mit den Menschen macht. Anima sagt, dass sie anders über die Straße gehen. Viel beschwingter, als hätten sie weniger Angst.“
„Hm“, gebe ich von mir, hebe den Haferbrei vom Boden und setze mich auf meinen Stuhl. Ein Löffel folgt dem anderen. Erst jetzt spüre ich meinen Hunger.
„Anima hat mir noch etwas gesagt“, sagt Herr Videns leise.
„Was?“, frage ich, während der Haferbrei langsam in meinem Mund schmilzt und mich in ein Gefühl von Wärme hüllt.
„Dass es einen Weg nach draußen gibt.“
Ich verschlucke mich und huste.
„Ihre Anima ist gefährlich“, stelle ich fest und wische mir über den Mund.
„Hören Sie“, sagt Herr Videns. Er steht dicht an seinem Gitter. „Wir können dieses Gefängnis verlassen. Es stimmt, ich weiß es. Es gibt nur eine Sache, die Sie tun müssten, dann werden Sie sehen, dass …“
„Nein!“, kreische ich. „Denken Sie an die Orange. Lassen Sie mich in Ruhe!“
Ich drehe mich weg. Einst habe ich Stunden so gesessen und ihn keines Blickes gewürdigt. Er wollte mir eine Orange, die aus meiner Zelle versehentlich in die seine gerollt war, nicht zurückgeben. Nach drei Stunden kullerte das Obst zurück an meine Füße. Ich nahm es, pellte es, aß – und redete drei Tage kein Wort mit dem Alten.
Wir bekommen Orangen zu Weihnachten und an unserem Geburtstag. Sie leuchten schön in dem dunklen Blau der Zelle. Wie eine kleine Sonne. Und sie duften herrlich zitronig. Ich liebe sie. Ich würde sie niemals teilen.

Genüsslich schlecke ich mir den Brei von den Fingern. Der Plastikteller und das Tablett vom Abend werden gleich abgeholt. Ich schiebe sie unter dem Gatter durch. Herr Videns sieht mich so seltsam an. Er winkt. Ich putze meine Zähne. Ich habe seit Tagen kein Wort mit ihm gesprochen. Ich gedenke nicht, das zu ändern. Genug ist genug. Ich lege mich auf die Pritsche. Vor mir verschmilzt der Vorhang mit der Wand der Gefängniszelle.

Herr Videns hat mich verraten. Er hat das, was wir uns beide vorgenommen haben, nicht eingehalten. Je mehr Gekicher ich höre, je mehr Tage vergehen, desto mehr widert er mich an. Doch hat er Recht. Ich sollte aus dem Fenster sehen.
Herr Videns räuspert sich.
Ich reagiere nicht.
Er räuspert sich noch einmal.
Ich dreh mich auf die andere Seite und lege mit das Kissen aufs Ohr.
Das Licht geht aus und Herr Videns bekommt einen heftigen Anfall. Er hustet, er schnappt nach Luft, er röchelt. Das kann ich durchs Kissen hören.
Bei meiner Einweisung, die Jahre zurückliegt, erhielt ich ein paar Ratschläge, wie zu handeln sei. Sinnvoll wäre es, laut und deutlich um Hilfe zu rufen. Die Stimme würde über den Gang hallen und jemandes Aufmerksamkeit erregen.
Ich vergaß den roten Knopf zu erwähnen, der außerhalb der Zellen angebracht ist. Ich könnte aufstehen, meinen Arm ausstrecken, an der bröckligen Mauer entlang fühlen und den Schalter drücken.
Ich könnte Herrn Videns retten.
Ich habe eigene Pläne.
Es geht schnell.

Am Morgen entdecke ich seinen verrenkten Körper und die geschwollenen Adern. Ich rufe um Hilfe, damit kein Verdacht aufkommt. Männer kommen und transportieren Herrn Videns Überreste aus der Zelle. Sehnsüchtig blicke ich in den leeren Raum. Reinungskräfte kommen und putzen Tisch und Stuhl, Pritsche, Waschbecken und Toilette. Schrubber kratzen über den Boden. Dort könnte ich nun bestimmt mein Spiegelbild erkennen, zumindest ein verzerrtes Abbild. Spiegel gibt es hier nicht. Ich sah immer nur sein Gesicht.
Andere kommen, die mich fragen, ob ich etwas gesehen oder gehört hätte. Ich antworte, dass ich nichts sah, nichts hörte.
„Er war alt“, sagen die Leute, kritzeln auf ein Blatt, das ich unterzeichne. Sie gehen. Den ganzen Tag betrachte ich mein neues Zuhause.
Ich warte bereits am Gitter, als der Wärter kommt.
„Können sie mir helfen?“, frage ich zaghaft.
Er sieht mich an, leicht verdutzt.
„Wissen Sie, …“ Ich zeige mit dem Finger in die Zelle. Er sieht hinüber.
„Tragisch.“
Ich spiele mit dem obersten Knopf des Nachtgewands, um den Köder auszulegen. Sein Blick bleibt dort hängen. Ich seufze.
„Ich wünschte, ich könnte in seine Zelle ziehen. Um bei ihm zu sein, wissen Sie? Ich würde es nicht ertragen, jemand anderes darin zu sehen.“
Der Knopf ist offen. Die Falle schnappt zu.
„Ich kann“, sagt der Wärter und durchbohrt mich mit seinen Augen. Dann öffnet er mein Schloss.

Ich wagte nie zu träumen, dass Wünsche in Erfüllung gehen. Ich bin am Ziel meiner Reise. Ich habe den Gipfel betreten und werde bald die Aussicht genießen.
Ich bin in Herrn Videns Zelle. Ich habe alles geschafft, was ich wollte.
So lüfte ich, um den letzten Akt zu begehen, behutsam den Vorhang des Fensters. Dieselbe graue Gardine, die in meiner Zelle hängt, aber mit einem sicheren Ausgang. Meine Augen sind geschlossen, doch flüstere ich ihren Namen: „Anima.“
„Bist du da?“
Ich komm mir vor, wie ein Liebender am Fenster seiner Angebeteten. Mein Herz rast, meine Hände zittern, ich wage kaum zu atmen. Die Lider wollen sich nicht öffnen, erwartungsfrohe Freude hält sie geschlossen. Ich will bis zum letzten Moment davon kosten. Dieser Augenblick, bevor der Gipfel erreicht ist, diese zwei, drei Schritte. Es sind die schwersten von allen.
Drei.
Zwei.
Eins.
Auf.
Dort ist ein Raum. Ein Lagerraum. Ein zitroniger Geruch strömt mir entgegen. Ich sehe eine Farbe: Orange in kleinen Kügelchen.
„Anima!“, rufe ich wieder, obwohl sich das böse Gefühl in mir ausbreitet, dass dort nichts weiter sein wird, als Berge aus Orangen.
Sie duften dort,
sind zu weit fort,
fern, an einem anderen Ort.
Oh weh!
Und diese Erkenntnis zerstört mich, lässt mich zerfallen, als hätte es mich nie gegeben.

„Wie heißen Sie?“, fragt eine Dame aus der gegenüberliegenden Zelle.
Eine Zelle. Eine Dame. Ein Name. Alles sieht aus wie hier, nur spiegelverkehrt. Dunkelblau gestrichen, Pritsche, Toilette und Stuhl falsch herum.
Wer wohnt in dieser Zelle?
„Herr Videns.“
„Freut mich, Herr Videns“, sagt die Dame und lächelt. „Wir kennen uns kaum, ich habe dennoch eine Bitte. Ob ich Zettel und Stift von Ihnen leihen könnte?“
„Ich werde sie Ihnen schenken, auch wenn es das letzte wäre, was ich täte. Was wollen Sie schreiben?“, fragt Herr Videns.
„Eine Geschichte“, sage ich. „Ich will Ihnen nicht zu viel verraten. Ich habe meine Prinzipien. Den Anfang will ich Ihnen nennen.
Ich beginne:
„Ich lebe in einem blauen Gefängnis. In einem Zimmer, fünf Quadratmeter klein …“