Rosas Reise – Eure Reise!

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Ihr Lieben!

Was bin ich froh, zurück im Lehmofen zu sein! Das ist gerade fast so ein Gefühl, als ob man nach einer laaaaangen Reise nach Hause kommt. Es ist jetzt 19:00 Uhr und ich habe den ganzen Tag damit verbracht, mich in eine neue Internetseite und Youtube einzuarbeiten.

Meine Güüüüüüüüte ist das kompliziert!!! Ein Respekt an all die Youtuber, die ich zwar schon das ein oder andere Mal milde belächelte ob ihrer Unprofessionalität … aber hey holy shit! That´s fucking complicated!!! I did´nt  know that!!!! Aber Rosa hat mich soooooo gedrängt, denn sie wollte euch etwas ganz Besonderes zeigen.

Und neue Homepage … mein lieber Gott. Das ist auch alles soooo krass viel und neu und überhaupt … also es wird noch eine ganze Weile dauern, denke ich, bis Rosa dann wirklich „umziehen“ wird.

Erst einmal könnte ihr aber selber auf die Reise gehen.

Los geht es hier. 

Viel Spaß und Freude – eine gute Reise und fröhliches Raten. 😉 Wo ihr dann kommentiert, überlasse ich euch.  😉

Wenn Wünsche sich erfüllen …

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Pluto trat einen Schritt zurück und berührte Amor leicht am Arm. „Du hast sie gehört. Würdest du, bitte?“

Amor seufzte. Wahrscheinlich gab es niemanden, der Liebe nötiger hatte als dieses Paar. Er zog den Pfeil aus dem Köcher. Seine goldene Spitze erhellte die Dunkelheit. Es war lächerlich leicht, die beiden ins Herz zu treffen, aber der Schuss kostete ihn Überwindung.

In diesem Moment trat ihm das Bild vor Augen, wie er Psyche zum ersten Mal gesehen hatte. Psyche und ihren wunderschönen Bart.

Ich kann nicht“, sagte Amor und ließ den Pfeil wieder sinken.

Die Frau hustete und knüpfte sich das schmutzige Hemd auf. „Mach schon“, sagte sie leise. „Oder soll ich darum betteln?“

Tu, was mein Schatz verlangt!“, rief Pluto aufgeregt, stellte sich neben seine Frau und tat es ihr gleich.

Amor legte an und schoss.

Als der Pfeil in ihr Herz drang, faltete sie die Hände über der Brust und atmete tief aus. Pluto stolperte zurück, als hätte ihn ein Felsbrocken getroffen und sank auf die Knie.

Mein Schatz. Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen. Ich hätte dich nicht so behandeln sollen. Wie konnte ich nur! Ich meinte es nicht böse, ich bin … , ich wusste es nicht besser …“

Die Frau richtete sich auf und klopfte sich den Schmutz vom Kleid. Die verfilzten Haare strich sie hinters Ohr.

Die Tage im Kerker haben mich völlig unansehnlich werden lassen! Ich brauche meine Salbe. Beschaffe mir gemahlene Diamanten, Sternenstaub und erlesenes Rosenöl!“

Das ist teuer und schwer zu beschaffen“, murmelte Pluto, während er den Saum ihres Gewandes küsste.

Tu es, oder ich verlasse dich!“

Nein!“, rief Pluto entsetzt. „Ohne dich müsste ich sterben!“

Mach dich nicht lächerlich, du bist der Gott des Todes.“

Aber ich liebe dich so sehr!“

Dann beschaffe mir die Zutaten. Beschaffe mir alles, was ich brauche. Alles. Hörst du? Sorge außerdem dafür, dass dieses, unser Reich, etwas behaglicher wird. Es ist so dunkel hier. Ich will einen Palast aus weißem Alabastermarmor, ich will feine Stoffe, ich will Sonnenlicht, ich will einen Garten!“

Oh meine Liebste“, sagte Pluto kleinlaut.

Tu es, oder ich gehe!“

Meine Schönste, meine Klügste, meine Königin, ich werde alles tun, was ihr verlangt!“

Nenne mich „eure Majestät““.

Jawohl, eure Majestät.“

Amor schüttelte den Kopf. Was für ein verrücktes Paar.

Doch statt zu lachen, musste er plötzlich schluchzen. Denn er dachte an Psyche und daran, wie er sie verlassen hatte. Im Vergleich zu dem, was hier vorgefallen war, schien ihre Liebe leicht wie eine Feder und unschuldig wie frisch gefallener Schnee. Er fühlte sich kaltherzig und grausam und hasste sich für seinen Entschluss.

Plutos fester Griff riss ihn aus seinen Gedanken.

Hör auf zu heulen! Ich besorg jetzt diese Zutaten für die Salbe und du, mein Freundchen, gehst schön zurück zu deiner Mama.“

Halt, nein!“, rief Amor. „Bring mich zu Psyche!“

Doch da hatte Pluto ihn schon in sich aufgesaugt und zurück in sein Kinderzimmer gespuckt. Die Tür war noch immer verschlossen und ließ sich nicht erweichen, egal wie oft Amor dagegentrat.

Das Geschenk von Ceres

cake-1306874_1920„Es tut mir leid wegen deiner Tochter“, sagte Psyche. Ihr Herz klopfte so stark, dass ihr schwindelig wurde. Am liebsten hätte sie Ceres tröstend umarmt, doch aus Ehrfurcht vor der Göttin ließ sie ihre Hände wieder sinken und sagte:

„Ich wünschte, ich könnte dir helfen.“

„Das kannst du nicht“, sagte Ceres traurig. „Denn selbst die Götter wissen nicht, wo sie ist. Ach. Und ich sitze hier und werde getröstet von der Feindin einer Freundin. Die Nornen haben einen seltsamen Sinn für Humor.“

„Die Nornen?“, fragte Psyche.

„Die Schicksalsspinnerinnen. Drei alte Weiber, eine frecher als die andere.“

„Oh ja“, Psyche nickte bekräftigend. Sie kannte die Nornen aus den Geschichten, hatte sie aber für eine Erfindung gehalten. Doch nach dem zu urteilen, was Ceres sagte, waren selbst die Götter einer höheren Macht unterworfen.

„Ich sollte jetzt weitergehen“, sagte Psyche. „Ich möchte nicht, dass du Streit mit Venus bekommst.“

„Was wirst du jetzt tun?“, fragte Ceres.

„Ich werde zu ihr gehen“, sagte Psyche.

„Wie bitte?“ Ceres sah Psyche mit ihren kornblumenblauen Augen an.

„Ja“, sagte Psyche. „Das erscheint mir die beste … nein, die einzige Möglichkeit zu sein. Ich werde zu ihr gehen und dann soll sie machen, was immer sie für richtig hält.“

Ceres schüttelte den Kopf. „Das wäre dein Tod. Verstecke dich lieber oder fliehe.“

„Du hast mir alles gesagt, was ich wissen musste“, entgegnete Psyche. „Amor liebt mich immer noch und das ist das einzige, was zählt. Wenn ich ihn zurückhaben will, dann geht das nur mit dem Einverständnis seiner Mutter.“

Psyche erhob sich.

„Du sagst, ich könnte sterben. Doch ohne Amor bin ich längst tot. Ich werde zu Venus gehen.“

„Du bist mutig“, sagte Ceres anerkennend. „Und auch, wenn ich dir nicht helfen kann, so will ich dir wenigstens etwas mitgeben, damit du deinen Hunger stillen kannst. Denn dass du hungrig bist, das sehe ich.“

Sie drückte Psyche ein kleines Bündel in die Hand. Psyche roch daran. Es roch süßlich und würzig zugleich. Der Stoff klebte leicht daran, ließ sich aber gut ablösen.

Es waren zwei kleine Honigkuchen.

Psyche bedankte sich und steckte sie ein. Und dann ging sie weiter.

Die Geister, die man rief …

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„Was kann denn gegen diesen Kummer helfen?“

„Nun“, sagte Pan und sah Psyche fest in die Augen. „Gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Nur manch eines ist schwer zu finden. Doch heute ist dein Glückstag. Das, was du brauchst, ist eine neue Liebe.“

Pan setzte die Flöte ab und streichelte ihr mit den Fingerspitzen über den Rücken, federleicht. „Du könntest hierbleiben. Du wärest willkommen in unserem Kreis der Liebenden. Du würdest eine neue Liebe finden, gewiss. Vielleicht einen Satyr, vielleicht einen Stern, vielleicht jemanden wie mich …“

Hunderte Augenpaare sahen Psyche erwartungsvoll an. Sie spürte die Erleichterung, die im Vorschlag von Pan lag. Wie reizvoll es wäre, hier Zuhause zu sein und zu vergessen. Zu lachen, zu tanzen, zu feiern und zu trinken. Tagein tagaus und jede Nacht mit dieser lustigen Schar durch die Wälder zu ziehen.

„Ich suche schon seit einiger Zeit eine dauerhafte Gefährtin“, sagte Pan. „Eine einfache Frage, eine ehrliche Antwort: Willst du oder willst du nicht?“

Psyche wandte ihren Kopf zur Seite und hauchte:

„Nein. Es tut mir leid, ich kann nicht. Ich liebe ihn.“

Ein enttäuschtes Murmeln erklang von unten. Enttäuscht schürzte auch Pan die Lippen und zog seine Hand zurück.

„Nun, wenn du unbedingt leiden willst, dann willst du eben unbedingt leiden“, schloss Pan. Grinsend setzte er die Flöte wieder an. „Aber heute Nacht gehörst du zu uns.“

Und dann spielte er eine Melodie, die so fröhlich war, dass Psyche wie von selbst vom Stein in die wogende Masse der tanzenden Faune, Nymphen und Satyrn glitt.

 

 

„Amor! Wach auf!!!“ Das Zimmer zitterte, Pluto schlug so kräftig an die Tür, dass sie fast zu bersten drohte. „Wir haben eine Abmachung!“  Wieder wurde das Zimmer von berstenden Schlägen erschüttert.

„Liebesgott! Mach! Auf!“

Amor blinzelte verschlafen und richtete sich auf. In seiner Schulter pochten quälende Schmerzen. „Au“, wimmerte Amor und presste eine Hand auf den Verband.

„Tu nicht so wehleidig! Du entkommst mir nicht! Keiner entkommt mir!“

„Das ist gut“, keuchte Amor. „Ich bin bereit zu sterben …“

„Öffne die Tür!“

„Die Tür ist verschlossen, meine Ma hat den Schlüssel … “

Draußen herrschte einen Augenblick Stille. Dann beobachtete Amor, wie sich ein dunkler Nebel vom Türspalt her ausbreitete, feine Kreise zog und sich zu verwandeln begann. Und der Nebel wurde eine dunkle Gestalt mit einer Kapuze und einem strudelnden Gesicht.

„Hast du rausgekriegt, was mit Pyramus und Thisbe geschehen ist?“, blaffte Pluto.

„Wenn ich es dir sage, nimmst du mich dann trotzdem mit zu den Toten?“

„Auf jeden Fall“, entgegnete Pluto.

„Sie leben ewiglich in irgendwelchen Büchern, weil ihre Liebe ja soooo groß war.“ Amor rollte mit den Augen.

„Ein Liebespaar, hm?“ Hätte Pluto eine Stirn gehabt, er hätte sie sicherlich gerunzelt. Doch seine Stimme klang fröhlich.

„Na, dann lassen wir die beiden mal dort, wo sie sind. Denn die Liebe ist doch das schönste, was es gibt!“

Amor zog sich das Kissen über den Kopf. Das alles durfte nicht wahr sein!

„Was ist los mit dir?“, frage Pluto. „Bist du krank oder was?“

Amor linste unter dem Kissen hervor und deutete schwach auf seine Schulter. „Schwer verletzt.“

„Pah, das ist doch gar nichts!“

Pluto schnippte mit seinen Fingern und statt eines Strudels erschien auf einmal ein nahezu menschliches Gesicht unter der Kapuze.

„Wie findest du es?“, fragte Pluto. Seine Stimme strömte nun aus einem wirklichen Mund und sein Blick war viel leichter zu deuten. Neugierig sah er Amor an.

„Ähh …“ Amor war verblüfft über die plötzliche Verwandlung.

„Oder lieber so?“ Pluto schnippte noch einmal und sein Gesicht veränderte erneut die Form. Es war auf einmal bärtig mit dichten, buschigen Augenbrauen.

„Kantiger“, seufzte Amor.

„Kantiger?“, wiederholte Pluto und zwirbelte die Spitzen seiner Augenbrauen. „Das gefällt mir! Wie findest du mein Gewandt?“

Amor blickte Pluto skeptisch an. Warum verhielt er sich auf einmal wie Venus?

„Darf ich jetzt sterben?“, rief Amor verzweifelt.

Pluto schüttelte den Kopf.

„Sag mir erst, wie findest du es?“

Amor zog sich die Bettdecke bis zum Kinn und rollte mit den Augen.

„Sieht toll aus. Superschick. Ganz klasse.“

„Findest du? Meinst du das auch ernst? Sie ist nämlich wunderschön, musst du wissen“, fuhr Pluto fort, während er an seinem Kleidungsstück zupfte.

Plutos Gesicht verlor für kurze Zeit seine Form und Amor meinte, im Gewirbel unter der Kapuze einige Herzchen ausmachen zu können.

„Ich habe eine Frau gefunden. Die Frau, für die ich Blumen pflücken würde.“

„Ich will jetzt endlich sterben!“, japste Amor. Hatte sich denn alles gegen ihn verschworen?

 

Die Prüfung

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Es ist mitten in der Nacht, mein Handy klingelt. Ich hab es extra neben das Bett gelegt, hebe es auf – Staubflusen, Haare, igitt!- pusten und putzen.
„Hallo Claudi“, gähne ich.
„Hallo …“, flüstert Claudi am anderen Ende.
„Alles klar?«
„Ich pack´ das nicht.“
Das wird ein längeres Gespräch. Ich dreh mich auf die Seite, Handy unters Ohr, zieh mir die Decke über den Kopf und schließe die Augen.
„Na, dann …“, seufze ich.
Die Worte sprudeln aus ihr raus wie Wasser aus einer frischen Quelle. Und das mitten in der Nacht.
„Oh Mann, danke, dass du das mitmachst. Ich hab solche Angst. Morgen, ich kann nicht, wie soll ich das schaffen? Ich glaub, ich verkacke, ich …“
Claudi erzählt und erzählt, ich hör mir alles an, geduldig, abwartend. Irgendwann eine Atempause, in die ich hineinflüstere:
„Das wird schon.«
„Meinst du wirklich?“
Claudi legt wieder los, sie habe sich gut vorbereitet, alles gelernt, den kompletten Reader in und auswendig, Seite sowieso bis sowieso, Modell xy und z, aber dann gäbe es Momente, wo sie den gesamten Scheiß, äh Stoff, vergessen würde.
„Das ist wie ein schwarzes Loch“, erklärt sie panisch. „Dann erinnere ich mich an gar nichts mehr!“
„Das ist doch normal“, murmel ich. „Jeder ängstigt sich vor Prüfungen. Da spielen die Nerven verrückt. Beruhige dich, versuche zu schlafen.“
„Ich kann nicht pennen, Marie!“, japst Claudi. „Ich dreh echt durch. Ich glaube, ich muss mich morgen krankmelden …“
Nein, denke ich und bin mit einem Mal wieder hellwach.
„Nein, mach das nicht!“
Ich versuche, meine Stimme so vernünftig wie möglich klingen zu lassen. Wenn sie das morgen nicht durchzieht, dann wiederholt sich dieses Drama wohlmöglich bis in alle Ewigkeit.
„Das sind nette Prüfer. Professor Kümmerling, von dem hab ich gehört, dass er sehr fair prüfen soll. Weißt du noch, Natalie konnte sich kaum vorbereiten und ist trotzdem durchgekommen.“
„Aber mir passiert sowas nicht“, sagt Claudi und knirscht mit den Zähnen.
„Du hast dich ja auch gut vorbereitet“, sag ich. „Das wird morgen bestimmt super.“
„Meinst du?“, fragt Claudi mit leiser Stimme.
„Ja“, antworte ich und setze mich wie zur Bestätigung im Bett auf.
„Außerdem, wenn du das morgen nicht machst, dann kommst du vielleicht zu Professor Fieser.“
Claudi denkt nach.
„Du hast Recht, Marie.“
„Klar, hab ich immer. Ich leg jetzt auf.“
„Warte!“
„Was denn?“
„Und was ist, wenn sich morgen bei der Prüfung der Boden unter mir auftut und ich in ein riesiges Loch falle, vor lauter Scham, weil ich die einfachsten Antworten nicht mehr weiß?“
Ich lache leise. „Dann bestehst du die Prüfung trotzdem, weil du die schwierigen Fragen beantworten kannst.“
»Sicher?«
»Klar«, sag ich, »Ich habe immer Recht.«
Ich treffe Claudi vor dem Seminarraum wenige Minuten vor der Prüfung. Unter ihren Augen dicken Ringe, überall aufgekratzte Pickel, auf denen zu viel Camouflage pappt. Sie sieht aus wie ein verwunschener Gnom.
Verzweifelt guckt sie mich an.
„Ach, komm her“, sag ich und umarme sie fest.

Dann kommt, ich glaub, Ines heißt sie, gefolgt von Professor Kümmerling aus dem Büro. Die strahlt wie ein Goldpokal. Das war bestimmt ’ne gute Prüfung, denke ich, und dass es sicherlich schwer wird, ihre Glanzleistung zu überbieten.
Herr Kümmerling winkt uns ins Büro.
„Guten Tag, Frau Mai, herzlich willkommen!“
„Ja“, haucht Claudi aus blutleeren Lippen. Taumelnd geht sie auf ihn zu. Ich fürchte, sie ist der Ohnmacht nahe.
„Und Sie bringen Zuschauer mit!“
„Ich bin Marie“, sag ich, dirigiere Claudi mit der einen und reiche Herrn Kümmerling die freie Hand.
„Na, dann kommen Sie herein, Frau Mai und Marie.“
Drinnen sitzen noch ein paar andere Doktoranden und Professoren, die ich nicht kenne. Ich nehme in der Ecke Platz und Claudi tapst in die Mitte des Raumes, direkt vor die Prüfungskommission.

Und dann fängt sie an, die Prüfung. Die werten Herren Professoren stellen leichte Fragen. Die könnte sogar ich beantworten, finde ich, aber ich muss mir auf die Zunge beißen. Claudi sagt nichts. Keinen Ton kriegt sie raus. Stattdessen spielt sie mit ihrer Haarsträhne und guckt aus dem Fenster.
Herr Kümmerling hakt noch einmal nach, freundlich, aber bestimmt.
Claudi sitzt stumm da und zappelt mit den Beinen, als wäre sie ein Fisch auf dem Trockenen oder eine ähnliche bemitleidenswerte Kreatur. Die Situation ist furchtbar. Ach, könnte ich ihr irgendetwas auf den Kopf hauen!
Die Gesichter der Kommission werden länger.
Jetzt bekomme ich es mit der Angst zu tun. Hätte ich ihr besser zureden sollen? Bin ich eine schlechte Freundin? Arme Claudi! Die einfachsten Fragen – und nicht mal die kann sie beantworten.
Auf einmal ertönt ein seltsames Geräusch, das ich noch nie gehört habe. Irgendwas zwischen Schaben und Hämmern. Dann vibriert es leicht, ruckelt, ruckelt stärker, stärker, rüttelt und schüttelt den gesamten Raum. Ein Erdbeben? Hier bei uns?
Der Fußboden wölbt sich, Claudis Stuhl sinkt einen Meter nach unten, Holz knackst und splittert, der Boden kracht, Claudi kreischt und verschwindet samt Teppich in einem gewaltigen Loch.

Die Kommission guckt mich an, ich gucke die Kommission an, Staub auf unseren Häuptern. Ratlosigkeit in unseren Gesichtern. Herr Kümmerling sieht außerdem bekümmert aus. Überall wirbeln Flusen durch die Luft.
Vorsichtig stehe ich auf und nähere mich dem Rand des Einbruchs. Claudi ist unverletzt. Mit verschränkten Armen steht sie da und sieht hoch. Ihr Gesicht ist ganz rot, energisch pustet sie sich eine Haarsträhne von der Nase.
„Frau Mai …“, stammelt Herr Kümmerling und klopft sich den Staub von seinem Jackett. „Geht es Ihnen gut?“
„ICH KANN SIE NICHT HÖREN“, schreit Claudi. „SPRECHEN SIE LAUTER UND STELLEN SIE MIR ENDLICH SCHWIERIGE FRAGEN!“

Die Professoren und Doktoren wechseln Blicke, Herr Kümmerling runzelt die Stirn. Zögernd greift er zu Papier und Stift, dann geht alles ganz schnell:
Die nächsten fünfzehn Minuten schreien sich Herr Kümmerling und Claudi an, als gäbe es kein Morgen. Seine Fragen knallen in die Grube, ihre Antworten stemmt sie mit Rufen in die Höhe, direkt auf den Tisch der Kommission.
Mir klingen die Ohren, ich halte sie mir daher zu.

Während Herr Kümmerling und Konsorten die Note besprechen, werde ich losgeschickt, um vom Hausmeister eine Leiter für Claudi zu holen.
„SIE HABEN UNS EINEN GANZ SCHÖNEN SCHRECKEN EINGEJAGT!“, höre ich Herrn Kümmerling schreien.
„ABER INSGESAMT SIND WIR ZU DEM ERGEBNIS GEKOMMEN, DASS IHRE LEISTUNG NOCH IM SEHR GUTEN BEREICH ANZUSETZEN IST!“

Höchst zufrieden klettert Claudi aus der Grube. Sie wischt sich den Schmutz aus dem Gesicht, tänzelt den Rand des Einbruchs entlang, reicht allen Prüfern galant die Hand und schwebt förmlich aus dem Gebäude.

„Du hattest Recht, Marie, wie immer“, säuselt Claudi elfengleich. »Das war ganz leicht.“