Die Zwei-Zehn-Götter


Der Olymp. Von Charles-Amédée-Philippe van Looonline, Gemeinfrei, Link

Der folgende Beiträg enthält eine Übersicht über die Herkunft der zwölf olympischen Götter und ihren Auftritt in meinem im Dezember 2017 erscheinenden Roman „Amor und Psyche“. Abschließend gibt es einen Exkurs zur Zwei-Zehn oder Zwölf (12) – eine Zahl mit mythologischem Hintergrund.

Die Götter der Griechen und Römer waren überaus zahlreich. Es gab aber sowohl in Griechenland als auch in Rom ein festes Pantheon, also ein Verständnis davon, wer zu den Hauptgöttern zählte. Bereits von antiken Autoren werden 12 Götter zu den Hauptgöttern gezählt.
Die europäische Kultur-Geschichte begann allerdings weder mit den Römern (ca. 6. Jh. v. Chr.) noch mit den Griechen (ca. 9. Jh. v. Chr.), sondern mit solch weitgehend unbekannten Völkern wie den Hethitern, Assyrern, Urartäern, Babyloniern, Sumerern. Dies sind alte Hochkulturen, die ebenfalls mehrere Götter verehrten. Die Geschichte der Sumerer beginnt beispielsweise schon im Jahr 5000 vor Chr. Bekannter, aber nicht älter, sind nur die Ägypter.

Typisch für die Assyrer: Menschenköpfige, bärtige Flügelwesen. Von Austen Henry Layard 1817-1894. – (Originaltext: aus Layards Buch “Nineveh and Babylon; a narrative of a second expedition to Assyria during the years 1849, 1850, & 1851”), Gemeinfrei, Link

Keilschrift Keilschrift. Schriftzeichen dieser alten, eher unbekannten Kulturen. – Der Grund, warum auch der „Lehmofen“ seinen Namen trägt, denn die alten Texte wurden früher im Ofen wie Kekse „gebacken“. Von Hammurabi, King of Babylonia;Ungnad, Arthur, b. 1879 – https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14576489278/Source book page: https://archive.org/stream/briefeknighamm00hamm/briefeknighamm00hamm#page/n19/mode/1up, No restrictions, Link

Die Geschichte „vor” dem Jahre 0 mit den Menschen, die an viele Götter glaubten, dauerte also bereits viel „länger“ als die Geschichte nach dem Jahr 0, die – zumindest heute – erst in den achten von insgesamt 12 Monaten, also August 2017, reicht.

Man kann sagen, dass alle römisch-griechischen Götter schon in den Gottheiten der alten Kulturen angelegt sind. Ähnlich wie im Beitrag über Mutunus Tutunus  sind es zwar niemals dieselben Götter, aber ihre Eigenschaften überschneiden sich. So ist z.B. Venus die Göttin der Liebe bei den Römern, Aphrodite bei den Griechen, Ishtar bei den Babyloniern, Inanna bei den Sumerern.
Auf der Website http://www.diegoetter.de findet man dazu viele Hintergrundinformationen.

Venus Venus/Aphrodite in einer bildnerischen Version des frühen 20. Jh. By Herbert James Draperhttp://1.bp.blogspot.com/_-H-t Wz1VNU/SoBcp_6TLKI/AAAAAAAAFIc/oIs6S25o8C4/s1600-h/Draper_PearlsOfAphrodite_100.jpg (cropped), Public Domain, Link

Ishtar Ishtargravur auf einem Tongefäß. By © Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons, Public Domain, Link

Teil eines ehemaligen Inanna-Tempels in Uruk. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Doch nicht nur die Götter und ihre Eigenschaften, auch die Erzählungen von den Göttern überschneiden sich, verändern sich aber auch mit der Zeit. So gibt es einen sehr alten Mythos über Inanna und Dumuzi, wo – je nach Quelle – mal er, mal sie in die Unterwelt geschickt wird oder selber dorthin geht und später wieder rauskommt. Bei den Griechen/Römern findet sich die Geschichte in abgewandelter Form für Persephone/Proserpina und Hades/Pluto wieder.
Und auch im Christentum hat die Geschichte – in etwas anderer Form – Einzug gehalten und wird bis auf den heutigen Tag erzählt. An Karfreitag stirbt Jesus, am Ostersonntag darf er das Totenreich verlassen, ist „auferstanden von den Toten“. Und auch viele andere Kulturen kennen diese Art von Erzählung. Ein eigener Blog-Artikel dazu würde sich lohnen. 🙂

Unterwelt Hier ein Beispiel aus der nordischen Mythologie. Heimdall verlangt die Rückkehr Iduns aus der Unterwelt. By Carl Emil Doepler (1824-1905) – Wägner, Wilhelm. 1882. Nordisch-germanische Götter und Helden. Otto Spamer, Leipzig & Berlin. Page 285., Public Domain, Link

Diese Erzählung von “Tod und Auferstehung” hat also den Wandel der Zeiten bis auf den heutigen Tag überdauert. Warum das so ist, kann man nur vermuten. Ich denke: Zum Einen erleichtern diese Unterwelts-Rückkehr-Geschichten die Tatsache, dass der Mensch irgendwann einmal stirbt. Zum Anderen gibt es diesen Kreislauf von „Untergang“ und „(Wieder)Geburt“ auch ganz faktisch schon seit Menschengedenken, da sich die Sonne (oder auch der Mond) mal länger und mal kürzer am Himmel aufhält im Laufe unseres in 12 Abschnitte eingeteilten Jahres.

Tagundnachtgleiche Ein Astrologe beobachtet die Tag-und-Nachtgleiche. Im Hintergrund Adonis und Venus. (ca. 17. Jh. n. Chr.) By Domenicus van Wijnenpl.pinterest.com, Public Domain, Link

Dieser Erzählung – auf ihre Grundaspekte reduziert – ist auch kein europäisches, sondern ein weltweites Phänomen. Denn auch in anderen, alten und moderneren Gedankensystemen findet sich diese Spannung zwischen „Werden“ und „Vergehen“, „Tag“ und „Nacht“, „Frau“ und „Mann“.
Das bekannteste Symbol dafür ist wohl dieses hier:

Ying Yan Yin Yang. By Kenny Shen – Own work, Public Domain, Link

Für Spannungen ist auch das römisch-griechische Pantheon bekannt. Denn darin finden sich genau 6 Frauen und 6 Männer, verquere Beziehungen, Liebe und Triebe. Bzw. dieselbe Anzahl männlicher und weiblicher Gottheiten.

Namentlich sind es griechisch/römisch:

Zeus/Jupiter
Hera/Juno
Poseidon/Neptun
Demeter/Ceres
Minerva/Athene
Apollon/Apollo
Artemis/Diana
Ares/Mars
Aphrodite/Venus
Hephaistos/Vulkanus
Hermes/Merkur
Hestia/Vesta

Hochzeit Hier ein Schnappschuss von ihnen auf der Hochzeit von Amor und Psyche. (16. Jh. n. Chr.) By Creator:Raphael (Raffaello Sanzio or Santi)http://www.metmuseum.org/art/collection/search/692282This file was donated to Wikimedia Commons by as part of a project by the Metropolitan Museum of Art. See the Image and Data Resources Open Access Policy Deutsch | English | Esperanto | Português | +/−, CC0, Link

Der Einfachheit halber bleibe ich bei der Namensverwendung in der römischen Variante. So habe ich es auch in “Amor und Psyche” gehandhabt.

Jupiter ist der Göttervater und wurde im Großen und Ganzen in seiner ursprünglichen, antiken Variante belassen. Als letztgeborener Sohn des Titanenpaares Kronos und Rhea, erhält er von seiner Mutter die Aufgabe, all seine Geschwister, die der Vater aus Angst vor Entmachtung gefressen hatte, zu befreien und dann über die Erde zu herrschen.
Nicht alle Olympier sind aber die Geschwister Jupiters. Und sein Bruder Pluto, der Gott der Unterwelt, der in meinem Buch eine ganz entscheidende Rolle spielt, zählt historisch betrachte nicht einmal zu den großen 12 Göttern, die über die Erde herrschen. – Er ist eben ein Unterweltsgott.

Jupiter Adler. Jupiter und Ganymed. Und Prometheus. (16. Jh.) By Christian Griepenkerl – found online [2], James Steakley, Public Domain, Link

Hades Pluto und Proserpina. Und der Zerberus. (19. Jh.) By Publisher: Eduard Trewendt, Atelier für Holzschnittkunst von August Gaber in Dresden – Mythologie der Griechen und Römer für die reifere und gebildete weibliche Jugend,Von Julie Hoffmann; 264 Seiten, Breslau 1864, Public Domain, Link

Apollo und Diana kommt in meinem Roman eine besondere Stellung zu. Diana, die Mondgöttin, habe ich in ihren Eigenschaften ebenfalls sehr „natürlich“ übernommen. An Apollo, Amors bestem Freund, habe ich mich schriftstellerisch allerdings ausgetobt.
Klassischerweise ist er der Gott der Erkenntnis und des Lichts, in meinem Roman „Amor und Psyche“ wird er zum Sonnengott erhoben.
Das mag unter anderem an Bildern wie diesen liegen:

Phaeton Phaeton auf dem Wagen von Apollo. (18 Jh.) By Nicolas Bertin, Public Domain, Link

Apollo Apollo in seinem Wagen. By Cosmas Damian AsamHQFUx1ynbAZohw at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Aurora und Apollo Aurora und Apollo. By Costantino Cedini – Sotheby’s, Sale N08952 (New York, 2013-01-31–2013-02-01), Public Domain, Link

Venus und Mars spielen als Amors Eltern eine ebenfalls wichtige Rolle. Daneben auch Vulkanos, der beziehungstechnisch betrachtet der Stiefvater von Amor ist.

Venus und Mars Venus und Mars (antikes Fresco mit Magd und Amor). By SailkoOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Venus und Mars Venus, Mars und Amor. By SailkoOwn work, CC BY 3.0, Link

Vulkanos und Venus und Mars Vulkanos genervt von Venus und Mars Affaire. By Guillemot, Alexandre Charles (1786 – 1831) – Artist (French)Details of artist on Google Art ProjectNgFVL6Vteg3K6Q at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Juno (Muttergöttin), Ceres (Göttin des Getreides), Neptun (Gott des Meeres), Athene (Göttin der Weisheit), Merkur (Götterbote) und Vesta (Göttin des ewigen Herdfeuers) spielen bei „Amor und Psyche“ keine umfangreiche Rolle, kommen aber als Nebenfiguren vor.

Hera Juno. By VaskryOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Demeter Ceres. By SteffenheilfortOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Poseidon Neptun. By No machine-readable author provided. Neuceu assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 3.0, Link

Minerva Athene. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Hermes Merkur. By Phidias (?) – original photo by Marie-Lan Nguyen (September 2009), CC BY 2.5, Link

Hestia Vesta. By Unknown[1], Public Domain, Link

Dafür finden sich in „Amor und Psyche“ einige andere Figuren der Antike, z.B. diese hier:

Pan Pan. Hier mit Venus und Amor. By Tilemahos Efthimiadis from Athens, Greece – Group of Aphrodite, Pan and Eros. About 100BCUploaded by Marcus Cyron, CC BY-SA 2.0, Link

Musen Die Musen. By Pierre Puvis de Chavannes – Pierre Puvis de Chavannes, 1884-1889, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584966

Und nicht zuletzt gebührt eine besondere Ehre den beiden Protagonisten, die allerdings nicht zu den Hauptgöttern des Olymp zählen.

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Reinhold Begas (1831-1911) – Alte Nationalgalerie, CC0, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Ernst Roeber (1849-1915) – Dorotheum, Public Domain, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Adamo Tadolini (Skulptur), Carlo Brogi (Fotografie) – Eigener Scan, Mediathek des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Public Domain, Link

In meiner Interpretation handelt es sich bei ihnen um die beiden “Urprinzipien” von “Herz” und “Verstand” oder Liebe und Geist (Gedanken), einem göttlichen und einem menschlichen Aspekt, die eigentlich zusammen gehören, sich aber erst dann erkennen, wenn sie einander verlieren.

Was hat es nun mit der Zahl 12 auf sich?

Wenn man sich die Entstehung von Zahlsystemen ganz allgemein ansieht, landet man unweigerlich wieder bei den frühen Hochkulturen. Auf die Babylonier geht beispielsweise unsere – noch heute gültige – Einteilung der Stunde in 60 Minuten zu je 60 Sekunden zurück. Sehr wahrscheinlich ist dies ein Ansatz, den auch schon die Sumerer verfolgten.

Babylonisches Zahlsystem Babylonische Zahlen. Von Josell7File:Babylonian_numerals.jpg, GFDL, Link

60 besteht aus 5 x 12. Der Tag besteht aus 2 x 12 Stunden. Das Jahr aus 12 Monaten (der Mond umrundet die Erde in einem Jahr meistens 12 Mal, manchmal auch 13 Mal, dazu gkazakou).
Das römisch-griechische Pantheon besteht, wie oben beschrieben, aus 12 Hauptgöttern.

Daneben findet man diese Zahl in vielen anderen Gedankensystemen:

Odin hatte 12 Söhne.

Das heidnische Fest der „Rauhnächte“ dauert(e) 12 Tage. (Nacht Wintersonnenwende/etwa Weihnachten bis 6. Januar.)

Jesus hatte 12 Jünger.

Jakob (eine Figur des Alten Testaments/Bibel) hatte 12 Söhne, die die 12 Stämme Israels (Judentum) begründeten.

Die Stadt Jerusalem hat (immer noch) 12 Tore, die von 12 Engeln bewacht werden (wer weiß?).

Mohammed hatte – in einer Richtung des Islam (Shia, 12er-Shiiten, heute v.a. im Iran ansässig) – 12 ihm nachfolgende Imame. Ein Imam ist ein muslimisches Oberhaupt, an das man sich mit religiösen Fragen wenden kann. Sie sind also als eine Art Priester tätig, haben aber auch politische/weltliche Aufgaben.

In China gibt es die Einteilung der Zeit in einen 12-Jahres-Rhythmus, sogenannte „Erdzweige“. (Vergleichbar mit unseren Sternzeichen, Horoskopen.)

Die Ritter der Tafelrunde hatten die Anzahl 12.

Mit etwa12 Jahren galten Menschen im Mittelalter (und auch in der Antike) als „erwachsen“. Heutzutage beginnt etwa dann die Pubertät.

Die Gebrüder Grimm haben die Zahl in einigen Märchen verwendet. (Dornröschen, Die 12 Brüder …)

Im römischen Reich gab es 12 Liktoren (Bodyguards für damalige Politiker), die Rutenbündel (teils 12 Ruten + Beil) als Zeichen ihrer Macht getragen haben.

Im 12. Monat des Jahres 2012 sollte – dem Maya-Kalender zufolge – die Welt untergehen.

Und last but not least:

Es gibt 12 Jyotirlinga(m)s: die 12 heiligsten indischen Tempel für den Gott Shiva.  – Ein letzter, aktueller Bezug zu: Mutunus Tutunus 🙂 

Fest zu Ehren Shivas mit Lingam-Repräsentationen. By ChaubalsOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

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Der Tod und die Liebe (2)

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Die Frau kauerte in der Ecke der Kammer. Ihr Haar war verfilzt, die Haut fleckig, das Gewandt zerrissen. Als Pluto die Tür zum Verließ öffnete, zuckte sie leicht. Sie war so schmutzig, dass sie kaum mehr als Mensch zu erkennen war. Und es roch … unangenehm.

„Oh ihr Götter!“, keuchte Amor. „Was ist das?“

„Ist sie nicht wunderschön?“, fragte Pluto strahlend.

„Ist das deine Liebste?“, stammelte Amor. „Wie lange ist sie schon so?“ Je näher er kam, desto genauer konnte er den Zustand der Frau erkennen. Die Haare klebten an ihrem Nacken und kleine Insekten krabbelten über ihren Körper. Die Lippen waren aufgesprungen und überall an ihren Beinen und Armen waren kleine, rote Stiche.

„Ach, wen kümmert die Zeit, wenn man verliebt ist! – Liebling!“, rief Pluto und beugte sich hinab zu der Frau. „Ich bin zurück!“

Die Frau drehte den Kopf von Pluto weg. Er gab ihr einen Kuss auf die verschwitzte Stirn.

„Ich glaube“, sagte Pluto und wandte sich zu Amor, „sie mag mich nicht.“

„Du kannst sie doch nicht einfach einsperren!“

„Wieso denn“, fragte Pluto. „Du hast es doch genauso gemacht.“

„Wie bitte?“, entrüstet verschränkte Amor die Arme. „Ich habe Psyche ein Schloss gebaut, ich habe sie nicht in ein Verließ gesperrt!“

Pluto reckte sein menschliches Kinn. „Aber sie wollte weglaufen. Du wolltest weglaufen. Nicht wahr, mein kleiner Schatz? Das war nicht nett von dir. Außerdem darfst du mich nie mehr verlassen, denn du hast von dem Granatapfel gegessen.“

„Ja, aber …“ Amors Stimme überschlug sich vor Empörung. „Guck sie dir doch an. Kein Wunder, dass sie dich nicht mag. So funktioniert das nicht. Einfach einsperren … was hast du dir bloß dabei gedacht?“

Pluto blickte von der Frau zu Amor und wieder zurück. Er legte seine menschlichen Finger ans Kinn und dachte nach. „Du meinst, ich habe etwas falsch gemacht?“

Die Frau in der Ecke regte sich. Sie öffnete ihre Augen und hustete leise. Dann murmelte sie deutlich: „Du hast alles falsch gemacht, alles, aber auch alles.”

„Mein Schatz!“, rief Pluto und augenblicklich strotzte seine Mimik vor Entzücken. „Du sprichst wieder! Sage mir, was du verlangst, ich werde dir die Welt zu Füßen legen und dir jeden Wunsch erfüllen und …“

„Ist das der, um den ich gebeten hatte?“, unterbrach ihn ihre dünne Stimme.

„Das ist Amor“, sagte Pluto. „Ich habe ihn hergeholt, ganz wie du es verlangt hast. Es war gar nicht so einfach, weißt du, denn seine Mutter hält ihn gefangen, aber für dich würde ich alles tun …“

Die Augen der Frau richteten sich auf Amor. Sie blinzelte ihn an. „Setze meinem Leiden ein Ende. Ich halte das hier keinen Augenblick länger aus.“

Der Zorn der Göttin

 

„Wo bist du?“, rief Psyche. „Ungeheuer, wo bist du?“ Psyche bückte sich, um unter den großen Tisch zu sehen, der in der Mitte des Raumes stand. Sie schüttelte die Vorhänge, öffnete jede Schranktür und selbst die Schubladen.
Sie fand viele sonderbare Dinge, die sie noch nie gesehen hatte, aber vom Untier gab es keine Spur. Dabei war dieses Wesen ihr noch einige Erklärungen schuldig.
Schließlich ließ Psyche sich erschöpft auf einen Stuhl fallen.
Die Winde umschwirrten sie und vor Psyche auf dem Tisch erschienen wie von Zauberhand duftende Speisen, die köstlich aussahen.
Psyche zuckte mit den Schultern und begann zu essen.
„Das Untier ist nicht hier, oder?“, fragte sie zwischen zwei Bissen.
Die Winde ließen die Vorhänge rascheln, was Psyche als Kopfschütteln deutete.
„Na gut“, sagte Psyche, „es hat ja auch gesagt, dass ich es nicht sehen darf. Und momentan ist es taghell. Aber heute Abend kommt es wieder?“
Die Winde ließen das Geschirr ein wenig klappern.
„Ist das ein Ja?“, fragte Psyche und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Wisst ihr, das alles hier ist so seltsam. Aber ich könnte mich dran gewöhnen, glaube ich.“
Das Tischtuch wickelte sich selbst ein und verschwand. Psyche spürte, wie ein leichter Luftzug ihre Hand streifte.
„Soll ich mitkommen?“, fragte Psyche.
Der Luftzug strich erneut über ihre Hand.
„Ich deute das mal als ein Ja.“
Und sie stand auf und folgte dem Wirbel, der sich warm anfühlte wie ein lauer Frühlingswind.

Amor fand Diana in ihrem Waldhain. Die Göttin schlief auf einem Fleckchen Moos und schnarchte ein wenig. Amor ließ sich neben ihr nieder und seufzte. Sollte er Diana wecken? Es war gefährlich, sich ihr bei vollem Mond zu nähern. Wie oft hatte sie gesagt, dass dies ihre Zeit sei, in der sie ihre Ruhe haben wollte. Aber Amor musste mit Diana reden. Sie war die einzige, der er von gestern Nacht erzählen konnte. Und sie war eine Frau, was sie zu einer besseren Beraterin machte, als ihren Zwillingsbruder Apollo.
„Diana?“, flüsterte Amor.
Die Göttin wälzte sich auf die andere Seite.
„Diana …“, probierte es Amor noch ein wenig lauter.
Wind raschelte durch die Bäume des Waldes. Amor sah in die Baumwipfel und seufzte.
„Was willst du?“, fauchte die Göttin ihn plötzlich an.
„Ich … äh. Es tut mir leid. Aber es ist wichtig. Bist du wach?“
Diana reckte und streckte sich.
„Jetzt schon.“
„Hm. Okay, also gut. Diana … ich will ehrlich sein. Ich weiß ja, dass du ein Geheimnis für dich behalten kannst. Also, um es kurz zu machen, vorgestern, da habe ich …“
Amor erzählte Diana alles. Die Augen der Göttin wurden schmal und kritisch, dann wieder groß und staunend. Als Amor geendet hatte, herrschte eine Zeitlang Stille. Nur das Rauschen der Blätter war zu hören.
„Du hast dich also verliebt“, schloss Diana.
„Und wie!“, seufzte Amor.
„Und was erwartest du von mir?“
„Hilfe.“
Diana verzog das Gesicht. Verwundert beobachtete Amor das Spiel ihrer Mimik. Fast schien es, als würde sie eine Maske tragen, ein verzerrtes Abbild ihres eigentlich schönen Gesichts. Dann erkannte Amor, dass die Göttin grinste. Sie brach in tosendes Gelächter aus. Oder war es ein Kreischen?
Amor hielt sich die Ohren zu.
„Alles … alles in Ordnung?“
„Du hast Nerven!“, rief Diana. „Hier her zu kommen und mich nach der Liebe zu fragen. Du bist doch der Experte in diesen Dingen … oder solltest es zumindest sein. Dass ich nicht lache!“
Amor verschränkte die Arme und ärgerte sich. Er hätte Diana wirklich nicht bei Vollmond besuchen sollen. Sie war dann so anders, so unberechenbar.
„Ich bin kein Experte“, verteidigte er sich. „Aber du bist eine Expertin für Frauen. Ich will doch nur wissen, was ich falsch gemacht habe!“
Dianas Augen blitzen böse. „Du willst wissen, was du falsch gemacht hast? Du solltest froh sein, dass Psyche dir nicht den Schädel eingeschlagen hat. Sich einfach so nachts anzuschleichen, sie mit einem Ring zu ködern … hat dir das mein Bruder geraten?“
„Das mit dem Ring war meine Idee!“, rief Amor. Er konnte sich nicht erklären, was Diana so in Rage versetzte. „Was soll falsch daran sein?“
„Alles daran ist falsch! So funktioniert das nicht! Ihr Männer seid doch alle gleich, immer nur das Eine im Sinn!“
Diana schüttelte den Kopf.
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst!“
„Aktaion von Theben, sagt dir das noch was?“
„Äh … dieser Typ, den du gut findest?“
„Den ich gut fand. Ich habe mich so getäuscht. Das mit der Liebe, Amor, vergiss es einfach. Wir Götter sind nicht dafür geschaffen. Mein Bruder macht das ganz richtig mit seinen offenen Beziehungen … “
Amor begriff die Welt nicht mehr. Gerade noch hatte Diana ihn angebrüllt, jetzt auf einmal sprach sie leise und, wenn er es richtig erkannte, rollte sogar eine kleine Träne über ihre Wange.
„Was ist denn los?“, fragte er bekümmert.
„Ach, ihr Männer!“, schniefte Diana. „Aktaion von Theben, er hat mich gestern beim Baden überrascht. Hat sich einfach so angeschlichen, so wie du.“
„Aber Psyche war schon fertig gebadet.“
Diana rollte mit den Augen. „Es war dunkel, sie hatte bestimmt Angst, genauso, wie ich.“
„Du hattest Angst?“
„Ja.“
„Aber du magst ihn doch, oder nicht?“
„Nein. Nicht, nicht so. Männer sollten freundlich sein, aufmerksam, liebevoll. Er stand einfach nur da und hat mich angeglotzt, dieser Spanner!“
Da war so viel Wut in Dianas Stimme, dass Amor erschauderte.
„Aber ich will dir was sagen“, sagte Diana herrisch. „Ich weiß mich zu wehren. Und das habe ich getan.“
Amor verspürte den Impuls, sich erneut die Ohren zuzuhalten. Wenn Diana sich wehrte, ging das meistens nicht ohne Todesopfer vonstatten.
„Was, was hast du denn getan?“, stammelte Amor.
„Ich habe ihn in einen Hirsch verwandelt.“
Amor war verblüfft. Doch keine Bluttat? „Das ist ja … also … ach so, kein Grund zur Sorge. Verwandle ihn doch einfach zurück, er hat bestimmt gemerkt, dass sein Verhalten nicht so toll war.“
„Zu spät.“ Diana griff ins Moos und rupfte es aus. „Wie es das Schicksal so wollte, haben ihn seine Jagdkumpanen kurze Zeit später erlegt.“
„Bitte was?“
„Aktaion war auf der Jagd. Hatte ich das nicht erwähnt? Warum sonst sollte er sich in meinem Wald aufhalten?“
„Ach so, ja klar.“
Vor Amors innerem Auge poppte das Bild eines Hirsches auf, der von Hunden gejagt wurde. Jagdhunde hatten unterschiedliche Talente, das wusste Amor, denn er interessierte sich sehr dafür. Da gab es die, die gut Fährten lesen konnten und jene, die sogar Wildschweine verletzten. Ein Hirsch hatte keine Chance gegen eine Meute. Und es waren Hunde, deren Namen und Fähigkeiten Aktaion kannte …
Amor schüttelte die Gedanken fort.
„Das war … extrem“, schloss er.
„Mag sein“, sagte Diana und legte sich zurück auf ihren Schlafplatz. „Aber jetzt weißt du, warum ich bestimmt keine gute Beraterin in Liebesdingen bin. Wir Götter sollten uns davon fernhalten. Das endet nur in einer Katastrophe.“
„Aber …“
„Nun hast du meinen Rat. Lass mich schlafen!“
Als Amor sich erhob, fühlte er sich, als hätte er seine Wolke durch einen Sturm lenken müssen. Dass Liebe so gefährlich sein konnte, hatte er nicht bedacht.

Was sieht “der Mensch”?

Der antike Philosoph Protagoras schrieb einmal auf: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“

 

Und seitdem denken Philosophen und wirre Geister darüber nach, was genau dieser „Mensch“ eigentlich ist.

 

Meinte Protagoras „den (einzelnen) Menschen“ oder „die Menschheit“ oder „das Menschliche“?

Ich glaube (geprägt durch das, was ich selber denke), Protagoras meinte „das Individuum“, also den einzelnen Menschen.

Sonst hätte er ja schreiben können. „Die Menschheit“ oder „das Menschliche an sich“ sei “das Maß aller Dinge”.

 

Folgt man der Annahme, kommt man zu dem Schluss, dass die Sicht des Individuums auf die Welt, die individuelle Wahrnehmung, demnach das „Maß“ der Dinge für den einzelnen Menschen ist.

Anders gesagt: so, wie der Einzelne die Welt wahrnimmt, erscheint sie ihm auch. Die Welt wäre also ein Abbild dessen, was der Mensch selbst für wahr hält. Oder kann von dem Menschen nur so erfahren werden, “wie” er sie für wahr/echt/real/wahrnehmbar hält.

 

Aber was halten Menschen für wahr und: wieso? Oder anders: Was nehmen Menschen wahr und: wieso?

(Darauf gibt es viele Antwortmöglichkeiten, sehr individuelle, evtl. kategorisierbar durch Psychologie.)

 

Und was mich viel mehr interessiert:

 

Gibt es einen „Funken“, den vielleicht alle Menschen „für wahr“ halten – oder für wichtig?

 

Ist das dann „das Menschliche“?

 

Was meint ihr?

Vom Trinken und vom Sterben

Trotzig wischte Psyche sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie ging zum Fenster, öffnete es weit und blickte dem Morgenlicht entgegen, das die Welt hinter den Bergen erhellte. Frische Luft strich angenehm kühlend über ihre erhitzten Wangen.
Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan und sich ihrer Verzweiflung hingegeben. Doch im Licht der aufgehenden Sonne formten ihre Gedanken neue Figuren:
„Vielleicht“, dachte Psyche, „ist der Tod gar kein Ende. Vielleicht ist der Tod nur ein Übergang in ein anderes Leben. Ein besseres Leben.“
Psyche atmete tief ein. Der Burghof begann langsam zu erwachen. Gänse schnatterten, einzelne Stimmen wurden laut.
„In diesem Leben“, überlegte Psyche, „habe ich mich nie zu Hause gefühlt. Für meine Eltern bin ich eine Last. Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.“
Dienerinnen betraten den Raum. Psyche nickte ihnen zu und ließ sich ankleiden.
Als Psyche den Thronsaal betrat, hörte sie wie die Eltern ihr „Verschwinden“ besprachen. Ein wenig von der Wut, die sie in der letzten Nacht so intensiv gespürt hatte, keimte in ihr auf.
„Ich bin noch nicht einmal tot, da überlegt ihr schon, was ihr dem Volk erzählen wollt?“
Zornig blickte sie ihre Eltern an.
Der König und die Königin saßen an der Tafel im Thronsaal und hielten sich an den Händen. Ihre Augen waren rotgeweint, die Gesichter aschfahl.
„Verstehe doch, Kind, wir dürfen dem Volk nichts von diesem Unglück sagen. Wir müssen an das Königreich denken. Wir müssen ihnen sagen, dass du bei einer entfernten Verwandten lebst.“
Psyche betrachtete ihre Eltern, wie sie dasaßen, verzweifelt und verängstigt.
„Für die, die bleiben“, dachte Psyche, „scheint es schwerer zu sein als für die, die gehen.“
Und ihre Wut zerfiel zu Staub.
„Ihr lebt“, sagte Psyche. „Und ihr müsst weiterleben. So sagt also über mein Verschwinden, was euch richtig scheint. Doch versprecht mir, irgendwann, wenn es möglich ist, dann kommt und holt meine Überreste. Beerdigt mich an einem schönen Ort, vielleicht im Garten, nahe der Grotte. Das würde ich mir wünschen.“
Und als ihre Eltern daraufhin in Tränen ausbrachen, fügte Psyche noch hinzu:
„Vielleicht stimmt es, was die Priester sagen. Und wir sehen uns wieder in den elysischen Gefilden der Unterwelt.“

„Un´sie issauch sssöööön“, lallte Amor und machte ein paar Saltos in der Luft. „Ich habne FFFFrau für dichefunden, Onkelchen!“
Pluto blickte Amor kopfschüttelnd hinterher, der wie eine verrückt gewordene Nymphe durch die Eingangshalle der Unterwelt purzelte.
„Ich glaube, du hast ein wenig über den Durst getrunken.“
„Nain, Nain!“, rief Amor, „Neinneinnein! Nie!“
Mit einer grazilen Drehung landete er direkt vor Plutos Füßen. „Hier, guck!“
Er zog einen Pfeil aus seinem Köcher und hielt ihn Pluto direkt vor sein strudelndes Gesicht.
„Guckstu! Echtes Gold. Konisch geformt. So spitz wie eine … Sssspitze! Bessstarbeit!“
Amor schwankte ein wenig und deutete auf die Pfeilspitze. Als Pluto sich hinabbeugte, flatterte er aufgeschreckt zurück:
„Niiich anfassen! Niiich anfassen. Iss gefährlich! Isss mein Bester!“
„Du meintest doch, ich solle ihn mir angucken“, sagte Pluto und nahm Amor vorsichtig den Pfeil aus der Hand. Er betrachtete das perfekte Ende und wog ihn in seiner Hand.
„Und sie ist auch wirklich schön?“, fragte Pluto.
„Klaro“, erwiderte Amor. „Die Leudde sagen, fast so sssschön wie meine Ma. … Oh, meine Mama!“
Amors Augen füllten sich mit Tränen, er schluchzte und schniefte.
„Deine Mutter wird sich schon wieder beruhigen“, sagte Pluto mit einem Seitenblick zu Amor.
„Das ist, ist es ja!“, rief Amor. „So ruhuig war sie noch nihie!“
„Dann wird sie sich halt wieder über dich aufregen, irgendwann.“
„Meinst du?“
Amor schnäuzte sich die Nase.
„Es ist deine Mutter“, sagte Pluto und Amor schien es, als würden seine Gesichtsstrudel einmal im Kreis rollen. „Also: Ja. Und was diese Psyche anbelangt … Ansehen können wir sie uns ja mal.“
„Oh ssssuper!“, rief Amor und schnellte in die Höhe. „Dann wird bald alles wieder gut!“ Er sich den Kopf an der Decke der Eingangshalle und plumpste hinab.
„Autsch!“
Sterne tobten vor Amors Augen. Pluto seufzte und hob den kleinen Gott vom Boden auf.
„Wir nehmen meine Wolke.“

Psyche hatte sich noch auf der Burg von ihrer Mutter und ihren Schwestern verabschieden müssen. Sie waren dort geblieben, um den Anschein zu wahren.
So ritt Psyche nun auf einem Pferd neben ihrem Vater, gehüllt in ein schlichtes Gewand, das Gesicht von einem Fell verdeckt, der wie ein Bart aussah. Auch der König war gekleidet wie ein einfacher Mann, damit niemand Verdacht schöpfte.
Sie verließen die Burg durch einen Nebeneingang, vermieden die Stadt und gelangten schließlich auf den Pfad, der sich langsam den Berg hinaufschlängelte. Bald waren sie umgeben von dichtem Wald, in dem es angenehm kühl war. Zikaden zirpten und ab und an huschte der Wind durch die Wipfel der Pinien.
Der Weg wurde immer steiler und die Pferde hatten Mühe, die Hufen auf den Boden zu setzen.
Psyche glitt von ihrem Pferd.
„Ihr solltet die Tiere schonen“, sagte sie und hoffte, dass ihr Vater die Andeutung verstehen würde.
„Dann werde ich dich zu Fuß begleiteten“, entgegnete der König und stieg ebenfalls ab.
„Es ist mein Schicksal, nicht das Eure“, sagte Psyche. „Der Wald lichtet sich. Der Gipfel ist nicht mehr weit. Ihr müsst umkehren.“
Der König schüttelte den Kopf.
„Vater, du weißt, was das Orakel gesagt hat. Lass mich gehen, jetzt, allein!“
„Ich kann das nicht zulassen, mein Kind“, sagte der König.
„Es ist beschlossen“, sagte Psyche. „Von Mächten die über Euch stehen.“
Der König wirkte um Jahre gealtert.
„Ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich tu. Dass ich dich, meine jüngste Tochter, einem Untier opfere …“
„Deine hässlichste Tochter“, sagte Psyche und lächelte traurig. „Ich bin froh, dass ich es bin. Nicht Gorda, nicht Tessa, nicht Mutter oder Ihr. Ich bin diejenige, die man am wenigsten vermissen wird.“
„Psyche!“
Verzweiflung lag im Blick der Königs.
„Ihr wisst es“, sagte Psyche ruhig. „Ihr wisst, dass ich Recht habe. Und nun nehmt Euer Pferd und geht.“
„Nein“, stammelte der König.
„Also werde ich gehen. Und Ihr werdet mir nicht folgen. Lebt wohl.“
Psyche stapfte entschlossen durch die Reihen der Pinien den Berg hinauf. Der Weg war steil, gab ihr keinen Raum nachzudenken. Dornen rissen an ihrem Gewand, der Boden war weich, gab nach, dann wieder trat sie auf harten Fels. Psyche nutzte ihre Hände, hielt sich an Zweigen fest, zog sich empor, Stück für Stück.
Kurz bevor sie den Waldrand erreicht hatte, hielt sie inne und blickte zurück.
Ihr Vater war nicht mehr zu sehen.
Psyche biss die Zähne zusammen und begann den letzten Teil des Aufstiegs auf den kahlen Gipfel. Keuchend und stöhnend kroch sie empor, der Wind heulte, und irgendwo darin vernahm sie eine Stimme, eine schräge, wilde Melodie, die folgende Worte tönte:

„Welch reizend Ding ist nicht die Liebe?
Mit diesem anmutsvollen Triebe,
Sind Jahre wie ein Augenblick,
Wie eine Sommernacht verschwunden,
und ewig wünscht man sich die Stunden,
Der ersten Zärtlichkeit zurück
Wer sich in Amors Netz verlieret,
Wen je ein schönes Aug gerühret,
Singt täglich voll von seinem Glühüüüüück!“

„Kannst du bitte damit aufhören?“, bat Pluto ungeduldig.
„Klaro!“, Amor hickste. „Oder auch nich … WELCH REIZEND DING IST NICHT DIE LIEB…“
„Ruhe jetzt!“, rief Pluto.
„Thalia“, plapperte Amor und nahm noch einen Schluck Wein. „Hat ssie mir früher immer vorgesungen. Meint, das wird mal geschrieben über mich. Keine Ahnung. Die isssso klug, fast wie Diana … was die allet weeeeß …“
„Soso“, murmelte Pluto. „Weißt du mittlerweile etwas über Pyramus und Thisbe?“
„Nö“, sagte Amor und hickste erneut. „Sollte ich?“
„Mich würde ja schon interessieren, wohin sie verschwunden sind“, sagte Pluto grimmig.
„Mir egal“, sagte Amor. „Iss mir egal …“
Auf einmal war es ganz still.
„Amor?“, fragte Pluto und drehte sich um.
Der Liebesgott lag auf der Seite und schnaufte selig.
„Nicht schlafen!“, rief Pluto. „Wir sind gleich da.“

Kalt peitschte der Wind. Psyche war froh um ihren künstlichen Bart, der ihr Gesicht gut schützte. Sie knetete die gefrorenen Hände, hockte in einer Felsspalte und lauschte.
Liebe, Sommernacht … sie war wohl nicht mehr ganz bei Trost. Was waren das für Worte? Sie musste sich verhört haben.
Ängstlich blickte sie um sich. Ihre Furcht wurde mit jedem Augenblick größer.
Als sich vor ihr eine riesige, pechschwarze Wolke erhob, brach die Angst sich Bahn.
Psyche schrie und der Wind raubte ihr die Stimme von den Lippen.

Liebe und Tod

Amor hatte der Wolke befohlen, den Eingang zur Unterwelt anzusteuern. Dort hatte er seine Pfeile versteckt. Die musste er holen, um wieder zu arbeiten.
Unter sich sah Amor kleine Schaumkronen blitzen. Er befand sich über dem Meer. Kein Schiff in Sicht.
Gut, dachte Amor und knackte seine Finger, dann kann es ja losgehen!
Mit einem gewaltigen Kick flog die erste Amphore von der Wolke. Wie er seine Arbeit hasste! Venus` Hohn klang in seinen Ohren. „Selbstständig?“ … „Mach deine Arbeit!“ … „Meine Schönheit verträgt keinen weiteren Ärger“.
Seine Mutter. Diese Harpyie!
Eine weitere Amphore folgte der ersten und zischte durch einen Schwarm aufgeregt krächzender Möwen. Warum hatte Venus ihm nicht zugehört? Es gab einen Grund dafür, dass er nicht mehr arbeitete.
Sein Job war … unsinnig. Liebe war der nichtsnutzigste Auftrag im Götterhimmel. Und auf der Erde sowieso. Männer und Frauen passten einfach nicht zusammen. Götter und Göttinnen übrigens auch nicht. Alle waren ohne dieses ganze Liebesgedöns besser dran.
Amor trat gegen die dritte Amphore und verknackste sich den Fuß.
„Au!“
Das Gefäß wog schwer. Anscheinend war noch Wein darin. Erschöpft sank Amor in die Wolkenwatte. Sein Fuß schmerzte. Er hatte keine andere Wahl. Die Aussicht, dass die Opfergaben sonst weniger würden, war düster. Götter, die keine Geschenke von den Menschen erhielten, verschwanden in Bedeutungslosigkeit.
Amor langte nach der Amphore. Er nahm einen großen Schluck und spürte zufrieden, wie der süße Wein seine Kehle hinabrann.
Latona zum Beispiel, die Mutter von Diana und Apollo, war total nett und konnte gut kochen. Bei ihr hatte er das erste Mal Fleisch gegessen und Wein getrunken, denn sie hielt nicht viel von Nektar und Ambrosia. Vor Unzeiten war Latona aus dem Osten eingewandert. Wo sie herkam, war sie in Vergessenheit geraten. Und hier hatte sie nie richtig Anschluss gefunden. Ohne ihre Zwillingskinder könnte sie sich gar nichts leisten.
Diana und Apollo waren von Geburt an strebsam, fleißig und sehr erfolgreich. Sie besaßen unzählige Tempel, bekamen unendlich viele Opfergaben und konnte ihre Mutter unterstützen. Doch Amor selbst war ohne den Ruhm von Venus nichts. Denn er besaß keinen Tempel, er erhielt keine Opfergaben. Er bekam sie von Venus.
Was Diana und Apollo zu seiner Misere sagen würden, daran wollte er gar nicht denken. Er musste das irgendwie wieder in Ordnung bringen.
Amor nahm einen weiteren, kräftigen Schluck und blickte von seiner Wolke hinab. Unter ihm befand sich das Kap Tenaro, eine schroffe Felslandschaft mit einem unscheinbaren Loch, aus dem stinkende Dämpfe emporstiegen.
Amor leerte die Amphore bis auf den letzten Tropfen. So ein Unterweltsbesuch war kein Zuckerschlecken, auch wenn er es bloß in die Vorhalle schaffen musste. Mit einem Satz sprang er von der Wolke. Mühelos flog er vorbei an den Rauchschwaden, leicht beschwipst vom Wein.
Vorsichtig blickte er in den Abgrund. Tief aus dem Innern hörte er ein unheimliches, grollendes Bellen. War das Kerberos, der Höllenhund? Amor seufzte. Warum hatte er sich kein neutraleres Versteck ausgesucht? Das Labyrinth vom Minotaurus vielleicht oder irgendeinen gottverlassenen Hain.
Mit ungutem Gefühl kletterte er hinein und folgte den eingeritzten Markierungen zum Versteck seiner Pfeile.
Als er die Vorhalle zur Unterwelt betrat, bot sich ihm ein erschreckendes Bild. Seine Pfeile lagen überall verteilt. Und mitten drin saß ein Schatten, gehüllt in dunkle Seide. Es war sein Großonkel Pluto. Der Gott des Todes höchstpersönlich.
Um ihn herum tollte der dreiköpfige Kerberos, in jedem Maul einen Pfeil.
„Fang die Stöckchen!“, rief Pluto. Die Liebespfeile und der Kerberos schossen kreuz und quer durch den Raum.
Vorsichtig tapste Amor rückwärts, bemüht, keinen Mucks zu machen. Doch die schwarze Figur begann, sich langsam in seine Richtung zu drehen.
„Bist du gekommen, um deinen Onkel zu besuchen?“
„Ich hab mich verlaufen“, keuchte Amor. „Bin schon wieder weg.“
„Du hast hier etwas verloren“, raunte Pluto.
„Äh …“
„Nun mach schon, sammele deine Pfeile zusammen.“ Pluto ließ einen seltsamen Pfiff ertönen und der Kerberos trollte sich zurück an das andere Ende der Halle.
Amor runzelte die Stirn. War das eine Falle? Eigentlich war dem Gott des Todes daran gelegen, jeden, der sein Reich betrat, für immer darin festzuhalten.
„Äh, nee, das mach ich ein Andermal. Tschüss dann …“
„BLEIB HIER.“
Amor hielt in seiner Bewegung inne. Nicht auch das noch. Nun würde er auf Ewigkeit im Reich des Todes verweilen … andererseits, vielleicht war das nicht die schlechteste Wendung für sein Schicksal.
„Okay.“
„SAMMEL DIE PFEILE“, Pluto räusperte sich, „ich meine: sammele die Pfeile auf.“
Möglichst unauffällig versuchte Amor, die Pfeile zusammen zu klauben und Pluto dabei nicht zu nah zu kommen. Immer wieder guckte er ängstlich in die Richtung seines Großonkels. Verblüfft stellte Amor fest, dass der versonnen den Sabber des Kerberos von einem Pfeil strich. Der Gott der Unterwelt schien ganz in die Betrachtung vertieft.
„Eine wirklich schöne Arbeit“, murmelte Pluto.
„Ähh, jaja“, brachte Amor hervor, der eifrig die Geschosse vom felsigen Boden pflückte. Vor allem zu schön, um damit „Fang-den-Stock“ zu spielen, dachte er bei sich. Ein wenig Empörung mischte sich in seiner Angst.
„Wirklich exzellent austariert …“, sagte Pluto und wog den Pfeil in seiner Schattenhand.
Ein bisschen geschmeichelt platzte es aus Amor heraus: „Die mache ich selber!“
„So?“, fragte Pluto und drehte sich in Amors Richtung. Amor hatte seinen Großonkel noch nie direkt angesehen. Nun stellte er fest, dass Pluto gar nichts zum Ansehen hatte. Unter dem Kapuzengewand zeigte sich ein dunkler Sog schwärzester Masse, gesprenkelt mit ein paar hellen Tupfern. So ein bisschen wie der nächtliche Sternenhimmel, aber gruselig.
„Jaja …“, rief Amor und flatterte aufgeregt durch die Halle. Es waren nur noch wenige Pfeile, die er fassen musste, dann würde er diesen unheimlichen Ort wieder verlassen. Irgendwie.
Plutos unendlicher Blick folgte ihm. Mit seiner ruhigen, tiefen Stimme fragte er:
„Ist Liebe … so wie dieser Pfeil?“
Amor verhedderte seine Flügel.
„Bitte was?“
„Was ist das, diese … Liebe?“, fragte Pluto.
„Liebe ist Schwachsinn“, antwortete Amor und landete mit einem Plumpsen auf dem Boden.
„Schwachsinn …“, murmelte Pluto. Er erhob sich. „Dann sind zwei Schatten aufgrund von ´Schwachsinn` aus meinem Reich verschwunden?“
Augenblicklich ließ Amor seine Sammlung fallen und floh in die nächstbeste Felsspalte. Pluto war riesengroß, wenn er stand, und dieser dunkle Strudel, wo eigentlich ein Kopf sein sollte, verhieß nichts Gutes.
„Was … was willst du von mir?“
„Zwei Schatten. Ein Mann und eine Frau. Sie sind verschwunden. Ich will wissen, warum.“
„Ich … ich weiß nicht!“, rief Amor. „Ich habe nichts damit zu tun!“
„Du musst etwas wissen. Es war ein Liebespaar.“
„Ein Liebespaar?“, fragte Amor erstaunt. „Meinst du etwa Pyramus und Thisbe?“
„Sie sind kurz nacheinander hier eingetroffen, vor etwa zwei Monden.“
„Dann waren es Pyramus und Thisbe!“, rief Amor. „Das heißt: sie leben wieder? Hast du sie frei gelassen?“
„Nein“, sagte Pluto und beugte sich hinab zu Amor. „Wie ich schon sagte, sie sind verschwunden. Sie sind nicht unter den Toten, nicht unter den Lebenden. Was weißt du?“
„Ich …“ Amor quetschte sich noch ein wenig tiefer in die Ritze. „ERZÄHLE!“
Amor zitterte am ganzen Leib. Er rang um Worte. Es war dramatisch gewesen, grausam. Manchmal war er nachts aufgewacht, schweißgebadet. Und dann sah er wieder den blutigen Schal und den knurrenden Löwen. Glücklicherweise lockerte der Wein seine Zunge.
„Also …“, hob Amor an, „die beiden, sie stammten aus verfeindeten Familien. Aber sie mochten sich. Und ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn sie sich verlieben. So Frieden, Happy End und so.“
„Wie meinst du das?“
„Na, ich dachte, dass die beiden heiraten und sich ihre Familien dann wieder vertragen. Aber es kam ganz anders.“ Amor hoffte, dass Pluto den Vorwurf gehört hatte, den er in die letzten Worte gelegt hatte.
„Wie sind sie gestorben?“, fragte Pluto unbeeindruckt.
„Sie hatten sich verabredet. Ein heimliches Treffen. Auf einem Friedhof. Kein schöner Ort, wenn du mich fragst. Dort hat Thisbe auf Pyramus gewartet. Sie sah so hübsch aus im Mondlicht! Plötzlich kam ein Löwe vorbei und Thisbe hat sich in einer Gruft versteckt. Als Pyramus kam, sah er den Löwen und Thisbes Tuch, das sie auf der Flucht verloren hatte …“
Amor hielt inne und wischte sich den Augenwinkel.
„Und dann?“, fragte Pluto.
Amor musste blinzeln. Irgendwie schien es in der Unterwelt viele Fliegen zu geben. Eine war ihm ins Auge geflogen.
„Er … er hat sich umgebracht!“, schniefte Amor.
„Und sie?“, fragte Pluto mit ausdrucksloser Miene.
„Sie hat sich auch umgebracht! Weil, als sie zurückkam, da hat sie Pyramus gefunden. Tot!“
„So?“, fragte Pluto.
„Ja!“, rief Amor. „Die größte Liebe überhaupt! Meine besten Pfeile habe ich hergegeben! Und dann das! Siehst du jetzt, wie schwachsinnig das alles ist?“
Amor atmete tief ein. Irgendwie fühlte er sich besser. Wer hätte gedacht, dass es so gut tun würde, mal all den Kummer rauszulassen?
Doch der Blick in Plutos wirbelndes Antlitz, das jetzt direkt über ihn schwebte, erschreckte ihn zu Tode.
„Eine nette Anekdote“, sagte Pluto. „Mich aber interessiert vor allem, wie stark diese … Liebe ist.“
Amor konnte den Puls der Zeit an seinem Körper spüren, als Pluto ihn einsog.
Dann war da nichts mehr.

Den ersten Teil gibt es hier.

Und hier die Audioversion.