Vater Morgana

 

Psyche kannte mittlerweile alle Nuancen der Dunkelheit. Sie öffnete die Augen und fühlte ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Es war noch finstere Nacht, doch das Untier war fort.
Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. War es falsch gewesen, dem Untier die Wahrheit zu sagen? Es war weggelaufen. Sie hätte ihm nichts sagen sollen. Sie kannte es gar nicht. Quälend wurde der Gedanke laut, dass das Untier an diesem Abend nicht zurückkehren würde, dass sie als hässliches Monster mit ihrem Kind leben müsste, allein in diesem menschenleeren Schloss.
Als die Sonne langsam aufging, erhellten die Strahlen das riesige Zimmer, in dem Psyche auf einem Bett lag, das so groß war, als könne es zehn Menschen einen Schlafplatz bieten. Und die seltsamen Winde raschelten durch die Vorhänge und forderten Psyche auf, ihr Frühstück einzunehmen.
Psyche betrachtete das kleine Tischchen, auf dem sich ihr Frühstück entfaltete. Die Tassen mit Blumenmustern und goldenen Henkeln, die perfekt zusammengestellten Häppchen, die kleinen, dampfenden Schüsseln mit Milch, Honig und Mus. Heute wirkte es grau und unappetitlich. Psyche ignorierte das Frühstück und ließ sich von den Winden ankleiden.
Als ihr schwindelig wurde, setzte sie sich auf einen Stuhl, den die Lüfte eiligst herangeschoben hatten. Besorgt huschte es links und rechts an ihr vorbei, wirbelte das Gewandt ein wenig auf und pustete ihr ins Gesicht. Psyches Blick fiel in den Garten, wo ein paar Vögel ihr Gefieder badeten.
„Die Vögel“, sagte Psyche, „die sind frei. Aber ich, ich bin nur ein kleiner Spatz in einem goldenen Käfig. Oder … vielleicht bin ich auch nur ein dummes Huhn in einem goldenen Käfig.“
Und dann rannte sie los, so als ob sie jemand oder etwas verfolgte. Die Winde hatten Mühe, die Flügeltüren schnell genug zu öffnen. Psyches Füße flitzten die leeren, gähnenden Gänge hinab bis zum Eingangsportal des Schlosses. Psyche stolperte hinaus, lief keuchend weiter, bis sich ihr Atem mehrmals überschlug und sie gezwungen war anzuhalten.
Langsam, ganz langsam, kam sie wieder zu sich. Das Blut wallte durch den Körper. Ihre Gedanken waren jetzt klarer, leiser.
„Hatschi!“
Sie stand mitten auf der Wiese, an dem Ort, wo sie zum ersten Mal das Schloss gesehen hatte. Damals hatte sie große Angst verspürt, die sich als unbegründet herausstellte. „Ich dachte, das Untier würde mich fressen“, überlegte Psyche.
„Bestimmt wird das Untier heute Nacht wiederkommen“, sagte Psyche zu sich selbst. Und zu ihrem Bauch gewandt sagte sie: „Es hat gesagt, dass es mich liebt, also liebt es auch dich. Bestimmt.“
Und wieder musste Psyche niesen. Tränen traten ihr in die Augen und erinnerten sie daran, warum sie es normalerweise vermied, das Schloss zu verlassen.
„Die Tatsache, dass ich immer niesen muss, wenn ich euch sehe, kann selbst ein verzaubertes Schloss nicht verändern“, sagte Psyche zu den hübschen Blumen und tupfte sich mit einem Tüchlein die Tränen vom Gesicht.
Da nahm sie auf einmal ein leises, hohes Geräusch wahr. Es schien von weither zu kommen und war Psyche doch auf eine unbestimmte Art vertraut. Sie spitzte die Ohren. Das Geräusch wurde lauter, ebbte dann wieder ab. Es war ein unterbrochenes Keuchen, ein Schniefen, ein Schluchzen.
Verwundert folgte Psyche den seltsamen Tönen, da erschien hinter den Wolken am Horizont auf einmal ein klares Bild. Psyche erkannte die Bergspitze, auf die sie einst geklettert war, kurz bevor sie ohnmächtig wurde. Dort saßen zwei Gestalten, gehüllt in schwarzen Stoff, umring von Soldaten und allerlei Gerätschaften. Sie kauerten aneinander, genau in der Felsnische, in der Psyche einst auf ihren Tod gewartet hatte. Das Bild erschien so klar und deutlich vor ihr, das Psyche fast das Gefühl hatte, sie stünde mitten darin. Und als sie noch etwas genauer hinsah, da erkannte sie: es waren Tessa und Gorda, die dort in der Felsnische saßen und weinten. Sie weinten um ihre jüngste Schwester. Sie weinten um Psyche.
Psyche winkte, nieste und Tränen liefen ihr in Strömen über die Wange. Sie spürte eine tiefe Sehnsucht nach ihren Schwestern, wollte sie trösten, ihnen sagen, dass es ihr gut ging. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, so laut sie rief, – ihre Schwestern hörten sie nicht. Als die Sonne langsam unterging und das Bild verblasste, machte sich Psyche verzweifelt auf den Weg zurück zum Schloss.

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Hilfe zur Selbsthilfe

„Diana! Du musst mir helfen!“

Wie von Sinnen hämmerte Amor gegen das Tor von Dianas Baumpalast. Er hatte die Nacht kein Auge zugetan, denn etwas in seiner Brust schlug Purzelbäume und machte ihn ganz wahnsinnig. Sobald er Psyche schlafend wähnte, raste Amor auf seiner Wolke zur Waldlichtung von Diana.
„Hör auf so einen Lärm zu machen!“, hörte Amor Dianas Stimme aus dem Palast. „Ich will dich hier nicht sehen!“
„Bitte!“, rief Amor und schlug noch kräftiger gegen die Tür, „Bitte! Ich brauche Deinen Rat! Ich höre nicht auf, bis du mich reinlässt!“
Als Amor hörte, dass sich das Tor öffnete, atmete er erleichtert aus. Diana blickte ihn zornig an. „Ich hoffe, du hast wirklich einen guten Grund. Und glaube ja nicht, dass ich dir schon verziehen hätte. Das mit meinem Bruder …“
„Psyche ist schwanger!“, platzte es aus Amor heraus.
Überrascht sah Diana ihn an. Noch bevor die Göttin etwas sagen konnte fuhr Amor fort: „Du kennst dich doch aus mit Geburten und so. Vielleicht kannst du ihr einen Trank brauen oder …“
Unverständnis blitzte in Dianas blassblauen Augen auf. „Psyche ist schwanger, sie ist nicht krank. Es sei denn, du willst, dass ich ihr etwas mixe, damit sie das Kind verliert.“
„Bist du wahnsinnig? Das kommt überhaupt nicht in Frage!“ Vor lauter Schreck wich Amor ein paar Schritte zurück.
„Na dann … herzlichen Glückwunsch. Du wirst Vater, Amor“, sagte Diana und lehnte sich in den Türrahmen. „Was aber habe ich damit zu tun?“
„Ja, du … aber …“, aufgeregt schnappte Amor nach Luft. „Das ist so … so … “
„Ja?“, Diana gähnte in ihre hohle Hand. „Lass mich raten: Du freust dich total, aber du hast auch gewaltige Angst.“
„Ich? Angst? Niemals!“ Amor reckte seine Brust und spannte seinen Oberarm an. „Wovor sollte ich Angst haben? Ich bin ziemlich stark geworden.“
„Das ist albern“, sagte Diana. „Aber, es geht den meisten Männern so.“
„Ja?“ Amor sank wieder in sich zusammen. „Bist du dir sicher?“
Diana nickte. „Ja. Das, was dir – oder besser euch – gerade passiert, ist etwas ganz Besonderes. Alles wird sich ändern. Zeit, Verantwortung zu übernehmen.“
„Ja, du hast Recht!“, rief Amor. „Es ist etwas ganz Besonderes. Alles wird sich ändern! Das ist es!“ Am liebsten hätte er Diana umarmet, nur ihr skeptischer Blick hielt ihn davon ab.
„Gut“, sagte Diana, „Was gedenkst du nun zu tun?“
„Ich habe einen Plan“, sagte Amor und reckte sein Kinn.
„Na, da bin ich aber gespannt.“
Unruhig knetete Amor seine Hände, die immer noch schmerzten. So heftig hatte er gegen das Tor von Dianas Baumpalast gepocht.
„Ich werde meine Mutter besuchen.“
„Aha. Und weiter?
„Ich werde ihr sagen, dass ich Psyche liebe.“
„Und du meinst, Venus erlaubt das? Alles wird gut?“
„Ich hoffe es“, sagte Amor und begann hin und her zu laufen. „Es gibt doch schon gute Anzeichen. Sie hat mir einen Bogen geschenkt. Ich glaube, sie regt sich nicht mehr sooo sehr darüber auf, dass Männer Männer und Frauen Frauen lieben.“
„Du glaubst das“, sagte Diana. „Aber du weißt es nicht. Und ganz davon abgesehen geht es hier um die Liebe zwischen Göttern und Menschen.“
„Ja“, sagte Amor. „Na und? Ich werde Vater.“
Diana lachte hell auf. „Und Venus wird Oma. Das wird sie bestimmt freuen, wo sie sich ja gar keine Gedanken um Jugend und Schönheit macht.“
Missmutig kickte Amor einen Stein von sich. „Sollte sie zumindest. Er wird doch ihr Enkel!“
Diana zog die Brauen hoch. „Wieso denn ein „er“?“
„Weiß nicht, ist auch nicht so wichtig“, wiegelte Amor ab.
„Doch, das ist wichtig“, stichelte Diana. „Selbst du denkst in Schubladen, Amor. Selbst du hast bestimmte Vorstellungen davon, wie die Dinge sein sollen. Du bist deiner Mutter gar nicht so unähnlich. Du willst, dass dein Kind ein Sohn ist. Und ein Gott. Habe ich Recht oder ist es die Wahrheit?“
„Ein Halbgott wird es jawohl werden“, schnaufte Amor und verschränkte seine Arme. Diese ganze Fragerunde hatte ihn wütend gemacht. „Als ob du keine Fehler machen würdest. Ich sage nur Aktaion. Du hast ihn einfach so zerfetzt!“
„Zerfetzen lassen, wenn ich bitten darf!“ Dianas Blick wurde eiskalt. „Selbstverständlich mache ich „Fehler“, wenn du das so nennen willst. Ich erfülle meine Aufgaben, wandelbar wie der Mond und genauso wankelmütig. Wie ist es mit dir? Willst du wieder Pfeile auf meinen Bruder schießen?“
„Ich mache meine Arbeit gut“, rief Amor und stampfte mit dem Fuß auf. „Es ist mit sehr ernst damit geworden, seitdem ich Psyche kenne. Und außerdem … ich habe mich schon tausend Mal wegen Apollo entschuldigt!“
„Das macht es nicht wieder gut. Ich glaube, du solltest jetzt gehen. Ich habe zu tun.“
„Genau das werde ich tun“, rief Amor ihr hinterher. „Und glaube nicht, dass ich dich jemals wieder um Rat frage.“
„Gut“, sagte Diana und drehte sich mit blitzenden Augen nach Amor um, „denn es wird Zeit, dass du dir die Ratschläge selbst gibst.“
Mit wallender Wut kehrte Amor auf seine Wolke zurück. Er entdeckte eine alte Weinamphore, langte danach und leerte sie in einem Zug. Ihm war die ganze Angelegenheit unglaublich peinlich. Er verfluchte sich dafür, dass er jammernd und klagend an Dianas Tür geklopft hatte. Warum nur hatte er sie aufgesucht? Was bildete die sich ein, über seine Arbeit zu urteilen? Diana war ein Scheusal!
In einem Punkt aber gab er Diana wiederwillig Recht. Seine Mutter war sicherlich nicht leicht davon zu überzeugen, bald eine menschliche Schwiegertochter zu haben. Aber es gab einen Weg, wie er Venus von seiner Liebe zu einer Sterblichen überzeugen konnte. Seine Mutter musste sich in einen Sterblichen verlieben!