Die Zwei-Zehn-Götter


Der Olymp. Von Charles-Amédée-Philippe van Looonline, Gemeinfrei, Link

Der folgende Beiträg enthält eine Übersicht über die Herkunft der zwölf olympischen Götter und ihren Auftritt in meinem im Dezember 2017 erscheinenden Roman „Amor und Psyche“. Abschließend gibt es einen Exkurs zur Zwei-Zehn oder Zwölf (12) – eine Zahl mit mythologischem Hintergrund.

Die Götter der Griechen und Römer waren überaus zahlreich. Es gab aber sowohl in Griechenland als auch in Rom ein festes Pantheon, also ein Verständnis davon, wer zu den Hauptgöttern zählte. Bereits von antiken Autoren werden 12 Götter zu den Hauptgöttern gezählt.
Die europäische Kultur-Geschichte begann allerdings weder mit den Römern (ca. 6. Jh. v. Chr.) noch mit den Griechen (ca. 9. Jh. v. Chr.), sondern mit solch weitgehend unbekannten Völkern wie den Hethitern, Assyrern, Urartäern, Babyloniern, Sumerern. Dies sind alte Hochkulturen, die ebenfalls mehrere Götter verehrten. Die Geschichte der Sumerer beginnt beispielsweise schon im Jahr 5000 vor Chr. Bekannter, aber nicht älter, sind nur die Ägypter.

Typisch für die Assyrer: Menschenköpfige, bärtige Flügelwesen. Von Austen Henry Layard 1817-1894. – (Originaltext: aus Layards Buch “Nineveh and Babylon; a narrative of a second expedition to Assyria during the years 1849, 1850, & 1851”), Gemeinfrei, Link

Keilschrift Keilschrift. Schriftzeichen dieser alten, eher unbekannten Kulturen. – Der Grund, warum auch der „Lehmofen“ seinen Namen trägt, denn die alten Texte wurden früher im Ofen wie Kekse „gebacken“. Von Hammurabi, King of Babylonia;Ungnad, Arthur, b. 1879 – https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14576489278/Source book page: https://archive.org/stream/briefeknighamm00hamm/briefeknighamm00hamm#page/n19/mode/1up, No restrictions, Link

Die Geschichte „vor” dem Jahre 0 mit den Menschen, die an viele Götter glaubten, dauerte also bereits viel „länger“ als die Geschichte nach dem Jahr 0, die – zumindest heute – erst in den achten von insgesamt 12 Monaten, also August 2017, reicht.

Man kann sagen, dass alle römisch-griechischen Götter schon in den Gottheiten der alten Kulturen angelegt sind. Ähnlich wie im Beitrag über Mutunus Tutunus  sind es zwar niemals dieselben Götter, aber ihre Eigenschaften überschneiden sich. So ist z.B. Venus die Göttin der Liebe bei den Römern, Aphrodite bei den Griechen, Ishtar bei den Babyloniern, Inanna bei den Sumerern.
Auf der Website http://www.diegoetter.de findet man dazu viele Hintergrundinformationen.

Venus Venus/Aphrodite in einer bildnerischen Version des frühen 20. Jh. By Herbert James Draperhttp://1.bp.blogspot.com/_-H-t Wz1VNU/SoBcp_6TLKI/AAAAAAAAFIc/oIs6S25o8C4/s1600-h/Draper_PearlsOfAphrodite_100.jpg (cropped), Public Domain, Link

Ishtar Ishtargravur auf einem Tongefäß. By © Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons, Public Domain, Link

Teil eines ehemaligen Inanna-Tempels in Uruk. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Doch nicht nur die Götter und ihre Eigenschaften, auch die Erzählungen von den Göttern überschneiden sich, verändern sich aber auch mit der Zeit. So gibt es einen sehr alten Mythos über Inanna und Dumuzi, wo – je nach Quelle – mal er, mal sie in die Unterwelt geschickt wird oder selber dorthin geht und später wieder rauskommt. Bei den Griechen/Römern findet sich die Geschichte in abgewandelter Form für Persephone/Proserpina und Hades/Pluto wieder.
Und auch im Christentum hat die Geschichte – in etwas anderer Form – Einzug gehalten und wird bis auf den heutigen Tag erzählt. An Karfreitag stirbt Jesus, am Ostersonntag darf er das Totenreich verlassen, ist „auferstanden von den Toten“. Und auch viele andere Kulturen kennen diese Art von Erzählung. Ein eigener Blog-Artikel dazu würde sich lohnen. 🙂

Unterwelt Hier ein Beispiel aus der nordischen Mythologie. Heimdall verlangt die Rückkehr Iduns aus der Unterwelt. By Carl Emil Doepler (1824-1905) – Wägner, Wilhelm. 1882. Nordisch-germanische Götter und Helden. Otto Spamer, Leipzig & Berlin. Page 285., Public Domain, Link

Diese Erzählung von “Tod und Auferstehung” hat also den Wandel der Zeiten bis auf den heutigen Tag überdauert. Warum das so ist, kann man nur vermuten. Ich denke: Zum Einen erleichtern diese Unterwelts-Rückkehr-Geschichten die Tatsache, dass der Mensch irgendwann einmal stirbt. Zum Anderen gibt es diesen Kreislauf von „Untergang“ und „(Wieder)Geburt“ auch ganz faktisch schon seit Menschengedenken, da sich die Sonne (oder auch der Mond) mal länger und mal kürzer am Himmel aufhält im Laufe unseres in 12 Abschnitte eingeteilten Jahres.

Tagundnachtgleiche Ein Astrologe beobachtet die Tag-und-Nachtgleiche. Im Hintergrund Adonis und Venus. (ca. 17. Jh. n. Chr.) By Domenicus van Wijnenpl.pinterest.com, Public Domain, Link

Dieser Erzählung – auf ihre Grundaspekte reduziert – ist auch kein europäisches, sondern ein weltweites Phänomen. Denn auch in anderen, alten und moderneren Gedankensystemen findet sich diese Spannung zwischen „Werden“ und „Vergehen“, „Tag“ und „Nacht“, „Frau“ und „Mann“.
Das bekannteste Symbol dafür ist wohl dieses hier:

Ying Yan Yin Yang. By Kenny Shen – Own work, Public Domain, Link

Für Spannungen ist auch das römisch-griechische Pantheon bekannt. Denn darin finden sich genau 6 Frauen und 6 Männer, verquere Beziehungen, Liebe und Triebe. Bzw. dieselbe Anzahl männlicher und weiblicher Gottheiten.

Namentlich sind es griechisch/römisch:

Zeus/Jupiter
Hera/Juno
Poseidon/Neptun
Demeter/Ceres
Minerva/Athene
Apollon/Apollo
Artemis/Diana
Ares/Mars
Aphrodite/Venus
Hephaistos/Vulkanus
Hermes/Merkur
Hestia/Vesta

Hochzeit Hier ein Schnappschuss von ihnen auf der Hochzeit von Amor und Psyche. (16. Jh. n. Chr.) By Creator:Raphael (Raffaello Sanzio or Santi)http://www.metmuseum.org/art/collection/search/692282This file was donated to Wikimedia Commons by as part of a project by the Metropolitan Museum of Art. See the Image and Data Resources Open Access Policy Deutsch | English | Esperanto | Português | +/−, CC0, Link

Der Einfachheit halber bleibe ich bei der Namensverwendung in der römischen Variante. So habe ich es auch in “Amor und Psyche” gehandhabt.

Jupiter ist der Göttervater und wurde im Großen und Ganzen in seiner ursprünglichen, antiken Variante belassen. Als letztgeborener Sohn des Titanenpaares Kronos und Rhea, erhält er von seiner Mutter die Aufgabe, all seine Geschwister, die der Vater aus Angst vor Entmachtung gefressen hatte, zu befreien und dann über die Erde zu herrschen.
Nicht alle Olympier sind aber die Geschwister Jupiters. Und sein Bruder Pluto, der Gott der Unterwelt, der in meinem Buch eine ganz entscheidende Rolle spielt, zählt historisch betrachte nicht einmal zu den großen 12 Göttern, die über die Erde herrschen. – Er ist eben ein Unterweltsgott.

Jupiter Adler. Jupiter und Ganymed. Und Prometheus. (16. Jh.) By Christian Griepenkerl – found online [2], James Steakley, Public Domain, Link

Hades Pluto und Proserpina. Und der Zerberus. (19. Jh.) By Publisher: Eduard Trewendt, Atelier für Holzschnittkunst von August Gaber in Dresden – Mythologie der Griechen und Römer für die reifere und gebildete weibliche Jugend,Von Julie Hoffmann; 264 Seiten, Breslau 1864, Public Domain, Link

Apollo und Diana kommt in meinem Roman eine besondere Stellung zu. Diana, die Mondgöttin, habe ich in ihren Eigenschaften ebenfalls sehr „natürlich“ übernommen. An Apollo, Amors bestem Freund, habe ich mich schriftstellerisch allerdings ausgetobt.
Klassischerweise ist er der Gott der Erkenntnis und des Lichts, in meinem Roman „Amor und Psyche“ wird er zum Sonnengott erhoben.
Das mag unter anderem an Bildern wie diesen liegen:

Phaeton Phaeton auf dem Wagen von Apollo. (18 Jh.) By Nicolas Bertin, Public Domain, Link

Apollo Apollo in seinem Wagen. By Cosmas Damian AsamHQFUx1ynbAZohw at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Aurora und Apollo Aurora und Apollo. By Costantino Cedini – Sotheby’s, Sale N08952 (New York, 2013-01-31–2013-02-01), Public Domain, Link

Venus und Mars spielen als Amors Eltern eine ebenfalls wichtige Rolle. Daneben auch Vulkanos, der beziehungstechnisch betrachtet der Stiefvater von Amor ist.

Venus und Mars Venus und Mars (antikes Fresco mit Magd und Amor). By SailkoOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Venus und Mars Venus, Mars und Amor. By SailkoOwn work, CC BY 3.0, Link

Vulkanos und Venus und Mars Vulkanos genervt von Venus und Mars Affaire. By Guillemot, Alexandre Charles (1786 – 1831) – Artist (French)Details of artist on Google Art ProjectNgFVL6Vteg3K6Q at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Juno (Muttergöttin), Ceres (Göttin des Getreides), Neptun (Gott des Meeres), Athene (Göttin der Weisheit), Merkur (Götterbote) und Vesta (Göttin des ewigen Herdfeuers) spielen bei „Amor und Psyche“ keine umfangreiche Rolle, kommen aber als Nebenfiguren vor.

Hera Juno. By VaskryOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Demeter Ceres. By SteffenheilfortOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Poseidon Neptun. By No machine-readable author provided. Neuceu assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 3.0, Link

Minerva Athene. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Hermes Merkur. By Phidias (?) – original photo by Marie-Lan Nguyen (September 2009), CC BY 2.5, Link

Hestia Vesta. By Unknown[1], Public Domain, Link

Dafür finden sich in „Amor und Psyche“ einige andere Figuren der Antike, z.B. diese hier:

Pan Pan. Hier mit Venus und Amor. By Tilemahos Efthimiadis from Athens, Greece – Group of Aphrodite, Pan and Eros. About 100BCUploaded by Marcus Cyron, CC BY-SA 2.0, Link

Musen Die Musen. By Pierre Puvis de Chavannes – Pierre Puvis de Chavannes, 1884-1889, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584966

Und nicht zuletzt gebührt eine besondere Ehre den beiden Protagonisten, die allerdings nicht zu den Hauptgöttern des Olymp zählen.

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Reinhold Begas (1831-1911) – Alte Nationalgalerie, CC0, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Ernst Roeber (1849-1915) – Dorotheum, Public Domain, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Adamo Tadolini (Skulptur), Carlo Brogi (Fotografie) – Eigener Scan, Mediathek des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Public Domain, Link

In meiner Interpretation handelt es sich bei ihnen um die beiden “Urprinzipien” von “Herz” und “Verstand” oder Liebe und Geist (Gedanken), einem göttlichen und einem menschlichen Aspekt, die eigentlich zusammen gehören, sich aber erst dann erkennen, wenn sie einander verlieren.

Was hat es nun mit der Zahl 12 auf sich?

Wenn man sich die Entstehung von Zahlsystemen ganz allgemein ansieht, landet man unweigerlich wieder bei den frühen Hochkulturen. Auf die Babylonier geht beispielsweise unsere – noch heute gültige – Einteilung der Stunde in 60 Minuten zu je 60 Sekunden zurück. Sehr wahrscheinlich ist dies ein Ansatz, den auch schon die Sumerer verfolgten.

Babylonisches Zahlsystem Babylonische Zahlen. Von Josell7File:Babylonian_numerals.jpg, GFDL, Link

60 besteht aus 5 x 12. Der Tag besteht aus 2 x 12 Stunden. Das Jahr aus 12 Monaten (der Mond umrundet die Erde in einem Jahr meistens 12 Mal, manchmal auch 13 Mal, dazu gkazakou).
Das römisch-griechische Pantheon besteht, wie oben beschrieben, aus 12 Hauptgöttern.

Daneben findet man diese Zahl in vielen anderen Gedankensystemen:

Odin hatte 12 Söhne.

Das heidnische Fest der „Rauhnächte“ dauert(e) 12 Tage. (Nacht Wintersonnenwende/etwa Weihnachten bis 6. Januar.)

Jesus hatte 12 Jünger.

Jakob (eine Figur des Alten Testaments/Bibel) hatte 12 Söhne, die die 12 Stämme Israels (Judentum) begründeten.

Die Stadt Jerusalem hat (immer noch) 12 Tore, die von 12 Engeln bewacht werden (wer weiß?).

Mohammed hatte – in einer Richtung des Islam (Shia, 12er-Shiiten, heute v.a. im Iran ansässig) – 12 ihm nachfolgende Imame. Ein Imam ist ein muslimisches Oberhaupt, an das man sich mit religiösen Fragen wenden kann. Sie sind also als eine Art Priester tätig, haben aber auch politische/weltliche Aufgaben.

In China gibt es die Einteilung der Zeit in einen 12-Jahres-Rhythmus, sogenannte „Erdzweige“. (Vergleichbar mit unseren Sternzeichen, Horoskopen.)

Die Ritter der Tafelrunde hatten die Anzahl 12.

Mit etwa12 Jahren galten Menschen im Mittelalter (und auch in der Antike) als „erwachsen“. Heutzutage beginnt etwa dann die Pubertät.

Die Gebrüder Grimm haben die Zahl in einigen Märchen verwendet. (Dornröschen, Die 12 Brüder …)

Im römischen Reich gab es 12 Liktoren (Bodyguards für damalige Politiker), die Rutenbündel (teils 12 Ruten + Beil) als Zeichen ihrer Macht getragen haben.

Im 12. Monat des Jahres 2012 sollte – dem Maya-Kalender zufolge – die Welt untergehen.

Und last but not least:

Es gibt 12 Jyotirlinga(m)s: die 12 heiligsten indischen Tempel für den Gott Shiva.  – Ein letzter, aktueller Bezug zu: Mutunus Tutunus 🙂 

Fest zu Ehren Shivas mit Lingam-Repräsentationen. By ChaubalsOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Explosion

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Die Winde trugen Psyche hinaus aus dem Schloss, über die Wiese bis zur Bergspitze, direkt zu ihren Schwestern Gorda und Tessa.
Die beiden blickten so erschrocken, als wäre ihnen eine Göttin erschienen.
„Ich bin es“, sagte Psyche. Sie musste lachen und gleichzeitig fielen Tränen auf ihr Kleid. „Ich bin es, ich bin es wirklich!“
Gorda war die erste, die sich aus ihrer Erstarrung befreite. Vorsichtig ging sie auf Psyche zu, umrundete sie ohne den Blick von ihr zu lösen. „Wir sind hierhergekommen, um deinen Leichnam zu suchen. Du … das ist nicht wahr“, murmelte Gorda, noch völlig benommen.
„Doch“, sagte Psyche und nickte kräftig. „Ich bin es, eure hässliche Psyche.“
Und im nächsten Moment fielen sich die Schwestern in die Arme, juchzten und schluchzten.
„Aber wie kann das sein?“, stammelte Gorda. „Wir dachten, du seist tot!“
„Es ist alles ganz anders …“, sagte Psyche. „Ganz anders … ihr könnt euch nicht vorstellen, was mir passiert ist …“
„Das glaube ich auch“, sagte Tessa. „Woher kommst du so plötzlich?“
„Das ist … das ist … schwer zu erklären …“
„Was ist mit deinem Haar geschehen? Es sieht so … so unglaublich kostbar aus.“
„So viele Edelsteine habe ich noch nie an einem Kleid gesehen!“, staunte Gorda.
„Ist euch sonst noch was an mir aufgefallen?“, fragte Psyche und drehte sich einmal im Kreis. Schon länger hatte sie in keinen Spiegel mehr gesehen, und in Anbetracht der Geschichten, die sie gelesen hatte, hoffte sie immer noch auf ein Wunder, was ihr Aussehen anbelangte.
„Du siehst ordentlicher aus“, sagte Gorda.
„Bin ich nicht auch hübscher?“, fragte Psyche hoffnungsvoll.
Tessa kniff die Augen zusammen. „Deine Haut ist besser geworden, finde ich.“
Psyche beschloss, nicht weiter nachzufragen. Sie hatte sich scheinbar in keine Schönheit verwandelt. Erstaunt stellte Psyche fest, dass es sie gar nicht mehr bekümmerte.
„Jetzt erzähle uns, was dir geschehen ist!“
„Also es ist so … “, kicherte Psyche. Voller Freude erzählte sie ihren Schwestern alles, was ihr in den letzten Wochen widerfahren war. Sie konnte ihre Zunge kaum zügeln.
„Dieses Ungeheuer ist also ein Mann?“, staunte Tessa.
„Ja“, sagte Psyche und in diesem Moment fühlte sie sich so wohl, dass laut rief: „Ich habe einen Mann, der mich liebt! Mein größter Wunsch hat sich erfüllt! Ist das nicht wunderbar? Tessa, Gorda, ist das nicht wunderbar?“
Tessa und Gorda wechselten einen kurzen Seitenblick.
„Und er hat ein Schloss?“, fragte Gorda.
„Ja, ein Schloss, ganz anders als die Burg auf der wir aufgewachsen sind. Prächtiger, größer … der Boden ist aus Juwelen, …“ Bis ins Detail beschrieb Psyche das wundersame Schloss. Wie gut es tat,ihre Erlebnisse endlich einmal teilen zu können. „Ist das nicht großartig? Ihr müsst unbedingt Mutter und Vater davon erzählen! Sie sollen sich keine Sorgen mehr machen! Sie sollen sich freuen! Endlich habe ich einen Mann! Und was für einen!“
„Gewiss …“, murmelte Tessa und runzelte die Stirn.
„Was ist denn los mit euch?“, fragte Psyche. „Freut ihr euch denn gar nicht?“
„Es tut mir leid, Psyche“, seufzte Tessa.. „Aber ich glaube, du bist verrückt geworden.“
„Das habe ich auch zu Anfang gedacht!“, rief Psyche. „Ach, wie konnte ich das vergessen. Es ist alles so unglaublich, oder? Aber es ist wahr. Es ist wirklich wahr. Wie sonst sollte ich zu so einem Kleid kommen?“
„Es stimmt, das ist wirklich außergewöhnlich“, sagte Tessa. Schweigend befühlte sie den Stoff. Und dann fügte sie hinzu: „Wenn es so ist, wie du sagst, dann zeige uns doch diesen wunderbaren Ort.“  Gorda, die die ganze Zeit staunend neben Tessa gestanden hatte, nickte heftig.
Erstaunt blickte Psyche ihre Schwestern an. Damit hatte sie nicht gerechnet, auch hatte sie das Untier nicht danach gefragt, aber sie konnte keinen Grund finden, der gegen einen Besuch sprach.
„Warum eigentlich nicht?“, sagte sie also und klatschte in die Hände. Sogleich wurden die Schwestern von den Winden umhüllt und landeten auf der Wiese vor dem Schloss.

 

***
Venus stand mit verbundenen Augen auf der Waldlichtung, wo Adonis zu jagen pflegte, wenn sich die Sonne senkte. Amor hockte im Gebüsch und wartete. Seine Mutter ergab ein perfektes Ziel. Jetzt musste nur noch Adonis pünktlich sein.
„Kann ich die Augenbinde abnehmen, Cupido, Schätzchen?“
„Noch einen Moment, Ma!“
Amor und atmete tief durch. Wollte er das wirklich tun? Das mit Apollo war ein Versehen gewesen, aber jetzt handelte er bewusst. Einen solchen Streich hatte er Venus noch nie gespielt. Was würde sein Vater dazu sagen? Oder sein Stiefvater Vulkanos? Amor dachte an Psyche und daran, dass Venus sie niemals als Schwiegertochter akzeptieren würde, weil sie ein Mensch war. Es war an der Zeit, dass Venus die Menschen besser kennenlernte.
„Was willst du mir denn zeigen?“, fragte Venus neugierig.
„Hat was mit Myrrha zu tun …“, antwortete Amor und hob den Bogen an.
Adonis, der Sohn von Myrrha und ihrer unglücklichen Liebschaft, stapfte durch das Unterholz auf die Lichtung zu. Amor entdeckte ihn, sah muskulöse Beine, schmale Hüften. Sah die weichen Locken, die Adonis ins Gesicht fielen und sein elegantes Kinn umspielten. Über diesem Kinn sah Amor einen Mund, einen wohlgeformten, schönen Mund …
Irritiert riss Amor den Blick von Adonis. Dieser Kerl war wirklich das attraktivste, männliche Exemplar, das er je gesehen hatte.
„Wer ist Myrrha?“, rief Venus. „Ich kenne niemanden mit diesem Namen!“
„Das war das Mädchen, das du in seinen Vater verliebt gemacht hast. Ich war ziemlich sauer auf dich. Ich fand das grausam von dir …”
„Du warst sauer auf mich? Cupido, was geht hier vor?“
In diesem Moment betrat Adonis die Waldlichtung. Er hielt inne, als wäre er auf der Stelle angewurzelt. Da stand diese wunderschöne, überirdische Erscheinung in der Mitte der Lichtung. Ihr Augen waren mit einem Tuch verbunden.
Amor zog einen Pfeil aus dem Köcher und legte an. Er überprüfte die Richtung von Pfeilspitze und Venus Körpermitte.
„Ma, du kannst die Augen jetzt öffnen!“
„Das wird auch Zeit, Cupido, Schätzchen …“
Surrend flog der Pfeil davon. Venus erblickte Adonis und ihr Herz explodierte.

 

 


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Die Hoffnung stirbt zuletzt

An diesem Morgen verließ Amor Psyche kurz vor Sonnenaufgang, indem er sie küsste. „Ich werde heute mit meiner Mutter sprechen. Bald werden wir zusammen sein. Bis dahin lasse dich von deinen Schwestern trösten.“
„Geh nicht“, flüsterte Psyche, denn auf einmal war ihr ganz traurig zumute. Eine Träne stahl sich ihre Wange hinab und floss beinahe bis zu Amors Lippen. Doch die verschwanden, Flügel über Bein, und Amor schwang sich auf seine Wolke.
Venus bewohnte eine riesige, rosafarbenen Wolke, auf der ein gewaltiger, gold glitzernder Palast stand mit vielen kleinen Türmchen und Zinnen. Auf der höchsten von ihnen ließ Amor die Wolke landen.
„Ma!“, rief er und rannte so schnell er konnte die Wendeltreppe hinab, direkt vor Venus Schlafgemach. „Ma!“
„Amor?“, gab Venus verschlafen von sich.
„Ja, Ma, ich bin es!“, rief Amor. „Ich wünsche dir einen wunderschönen guten Morgen! Darf ich reinkommen?“
Er flitzte in den Raum, zog die Vorhänge zurück und schüttelte Venus Bett auf.
„Hast Du gut geschlafen, Ma? Lust zu frühstücken? Schau nur, was für ein herrlicher Tag das wird!“
Venus setzte sich im Bett auf und gähnte. Eine Haarsträhne umspielte ihr Gesicht.
„Du siehst toll aus, Ma!“, sagte Amor.
Venus sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. „Ich bin noch gar nicht zurechtgemacht!“
„Doch, ehrlich, Ma. Ich finde, ohne diese ganzen Cremes und Öle … bist du richtig hübsch.“
Venus runzelte die Stirn, lächelte dann aber. „Das soll wohl ein Kompliment sein?“
„Na klar!“
„Gut, ich bitte dich trotzdem, noch etwas zu warten. Ich möchte mich erst einmal frisch machen. Bist du so gut, Cupido, und nimmst im Speiseraum Platz?“
„Aber sicher doch! Dein Cupido macht alles, was du von ihm verlangst!“, rief Amor.
„Und Danke für diesen geilen Bogen! Du bist die beste Mutter überhaupt!“
„Und du machst derzeit gute Arbeit“, entgegnete Venus kopfschüttelnd. „Was ist nur in dich gefahren?“
„Natürlich, Ma, ich verschwinde schon!“
Venus schloss die Tür zu ihrem Gemach und Amor flog ins Speisezimmer. Er fühlte sich großartig. Die Voraussetzungen für ein Gespräch waren einfach perfekt. Allerdings würde er nicht sofort mit der Sprache rausrücken. Man konnte nie wissen.
Im Speisesaal standen verschiedene Sitzmöbel und Tische. Amor ließ sich in einen der pinken Sessel sinken. Ein Satyr brachte ihm einen Krug mit Nektar und eine Schale mit Ambrosia. Amor nahm ein paar große Schlucke und merkte im selben Moment, dass ihm die Götterspeisen immer noch nicht schmeckte. Er spuckte alles in seine hohle Hand und legte es zurück in die Schale.
Und während er noch darüber sinnierte, wie sich zerkaute und unzerkaute Ambrosia voneinander unterschied, wurden die Schatten des Mobiliars allmählich länger und länger. Irgendwann trommelte Amor ungeduldig auf die Tischplatte. Er blickte nach links und nach rechts, lauschte, aber es war nichts zu hören. Wo blieb seine Mutter? Wieso ließ sie ihn so lange warten?
Endlich erschien Venus, aufgeputzt und in einem pinkten Rüschenkleid.
„Cupido!“, rief sie und breitete die Arme aus. „Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen!“
„Zuletzt vor fünf Stunden“, murmelte Amor leise. Er hätte es sich denken können, ihre Schönheit war Venus eben wichtiger als alles andere. Wichtiger als ihr eigener Sohn. Am liebsten hätte er auf den Tisch gehauen und seinen Ärger freigelassen, aber eine Stimme in seinem Herzen erinnerte ihn daran, dass es um mehr ging.
„Komm her und lass dich drücken, mein Schatz!“
Eine Wolke aus Parfum drang in seine Lungen.
„Du siehst anders aus“, stellte Venus fest und sah Amor ins Gesicht. „Bist du gewachsen?“
Amor nickte hustend.
„Und so muskulös. Anscheinen kommst du doch nach deinem Vater Mars. Das wurde auch mal Zeit.“
„Kannst du mich bitte loslassen?“
„Ach, jetzt lass dich noch einmal richtig drücken.“
„Ma, ich kriege keine Luft …“
„Jetzt hab dich nicht so!“
Aus purer Verzweiflung spannte Amor seine Arme an und versuchte sich zu befreien.
„Huch!“, rief Venus und ließ Amor augenblicklich los. „Du bist ja fast so stark wie dein Vater!“
„Also äh, Ma, eigentlich bin ich ja gekommen und mit dir über unseren Streit zu reden.“
„Ach ja?“, fragte Venus, setzte eine leidvolle Miene auf und nahm auf einem der Sessel Platz. „Worum ging es da noch mal? Ich hatte es schon total vergessen ….“
„Es ging um die Liebe“, sagte Amor.
„Ach ja?“, sagte Venus und legte ihr Kleid in Falten. „Das ist doch gar nicht so wichtig …“
„Wie findest Du Jupiters Erlaubnis, dass Götter und Menschen gleichgeschlechtliche Beziehungen eingehen dürfen?“
„Ach, jetzt lass doch dieses alte, langweilige Thema …“
„Mir ist es aber wichtig! Was denkst du darüber? Sprich!“
Amor betrachtete die Gesichtszüge seiner Mutter genau. Er brauchte eine klare und endgültige Antwort, etwas, worauf er bauen konnte. Nur dann – und nur dann – wollte er den Schritt weitergehen und ihr von Psyche erzählen.
„Nun, es ist die Entscheidung meines Vaters. Daher akzeptiere ich sie.“
„Du akzeptierst es also?“, hakte Amor nach.
„Ja“, sagte Venus und lächelte. „Und jetzt will ich über etwas Anderes sprechen.“
„Also findest du sie gut?”, fragte Amor.
„Ich stelle Jupiters Entscheidung nicht infrage.“
„Ehrlich? Also das hätte ich ja nicht gedacht. Ich dachte, du findest das vielleicht … seltsam“, führte Amor weiter aus. „Aber ich sehe, dass du jetzt damit einverstanden bist, was ich gut finde, denn ich will ich dich eigentlich was ganz anderes fra…“
Venus schnitt ihm das Wort ab und stampfte wütend mit dem Fuß auf.
„Selbstverständlich bin ich nicht damit einverstanden!“, rief sie empört. „Ich möchte nicht, dass wir deswegen streiten, aber lass mich offen sprechen: Ich finde Jupiters Entscheidung unterirdisch. Zu Pluto würde sie vielleicht passen. Aber zu unserem höchsten Gott? Dass ich nicht lache!“
„Ach so?“, fragte Amor verdattert.
„Ja, vor allem, weil wir uns jetzt alle daran halten sollen. Frechheit! Ich war von Anfang an dagegen. Männer und Männer. All diese Unwägbarkeiten! Ich darf gar nicht daran denken wohin das führt! Und damit hört es ja nicht auf! Du weißt es bestimmt selber …“
„Was denn?“ Amor schob sich in seinen Sessel zurück. Wie hatte er nur einen Moment hoffen können, dass seine Mutter die Dinge mittlerweile anderes sah?
„Na, das mit Apollo! Wahrscheinlich hat er dir gar nichts davon erzählt, weil er sich so sehr schämt. Eine Nymphe. Das ist wirklich unterstes Niveau. Man munkelt ja, dass du deine Finger da im Spiel hättest, aber das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Apollo ist dein bester Freund und du würdest ihm niemals so etwas antun.“
„Nein nein, ich war das nicht“, log Amor und drückte sich noch tiefer in den Sessel. Wie um alles in der Welt hatte sie davon erfahren?
„Eine Nymphe. Unterirdisch!“
„Nymphen leben aber gar nicht in der Unterwelt“, wagte Amor einzuwenden.
„Nein!“, rief Venus. „Sie leben auf der Erde. Genauso, wie diese Menschen. Na, es hätte Apollo noch schlechter treffen können: angenommen, er hätte sich in einen Menschen verliebt. Das wäre wirklich widerlich! Nein, ekelhaft! Wieso nicht gleich alles erlauben? Menschen und Tiere zum Beispiel, da kämen sicherlich interessante Mischwesen bei rum, eine wahre Bereicherung für die Flora und Fauna und nicht zuletzt für uns Götter!“
„Ja, widerlich …“, wiederholte Amor und fühlte sich, als hätte ihn ein Pferd getreten. „Tut mir leid, Ma“, flüsterte er.
„Ach, das muss dir doch nicht leid tun“, sagte Venus. Sie stand mittlerweile direkt vor ihm. „Das ist doch nicht deine Schuld. Dinge passieren und wie du siehst: schlimmer geht immer!“ Sie lachte spitz und wuschelte Amor durchs Haar.
„Es tut mir leid“, wiederholte Amor noch einmal und schluckte schwer. Dann streckte er sich und schenkte Venus sein strahlenstes “Ich-bin-ein-guter-Junge”-Lächeln. „Ma, würdest du bitte mit mir kommen? Ich muss dir unbedingt etwas zeigen!“

Gespräche unter Freunden

Für Amor verflogen die Wochen wie Stunden. Er hielt es kaum aus, den Tag ohne Psyche zu verbringen, schoss dafür aber in die Herzen der Menschen, was das Zeug hielt. Er hatte sich vorgenommen, besonders gut zu schießen und nur auf Pärchen zu zielen, die augenscheinlich perfekt zusammenpassten. Ab und zu traf er sich mit Apollo auf einer Klippe, unter der das Meer rauschte. Kalliope und Thalia waren meistens dabei.
„Du bist ein ziemlicher Workaholic geworden“, stellte Apollo eines Tages fest.
„Ja, ich muss mich halt irgendwie ablenken“, erklärte Amor. „Und außerdem, ich habe festgestellt, dass Liebe viel zu kostbar ist, um nur damit zu spielen.“
„Oh wie süß“, rief Thalia.
Kalliope blickte von ihrer Schriftrolle auf. „Du wirkst reifer“, sagte sie.
„Ja, die Liebe“, murmelte Apollo und blickte nachdenklich auf die Wellen.
„Denk nicht an sie“, sagte Thalia und legte ihre Hand auf seine Schulter. „Das mit Daphne ist vorbei.“
„Es wird nie vorbei sein“, antwortete Apollo und tippte an den Lorbeerkranz, den er auf seinen Locken trug. „Also: auf die Liebe!“, rief er und prostete Thalia zu.
„Und trotz meiner Bemühungen ist es schwierig! Ich ziele häufig daneben oder schlafe ein“, beklagte sich Amor. „Das ist gar nicht meine Absicht, aber es passiert einfach.“
„Wieso denn das?“, fragte Kalliope. „Habe ich etwas verpasst?“
„Also, ich äh…“ Amor lief knallrot an.
„Er schläft nachts nicht mehr“, feixte Apollo.
„So ist das also“, schloss Kalliope grinsend. „Ich hatte mich schon gewundert, warum du auf einmal so anders bist. Größer, muskulöser, weiser …Ich hätte es mir denken können.“
Amor konnte nicht verhindern, dass er lächelte.
„Wer ist es denn?“, wollte Thalia wissen.
„Seine Süße muss ein Geheimnis bleiben“, sagte Apollo verschmitzt.
„Ein Geheimnis“, wiederholte Amor und presste die Lippen aufeinander. „Es ist wegen meiner Ma. Sie darf das nicht wissen. Und daher sage ich es keinem, weil ehe man sich versieht …“
„Schon klar“, sagte Thalia und legte einen Finger an ihr Kinn. „Ist sie eine Waldnymphe?“
„Nein.“
„Ist sie eine Baumnymphe?“
„Nein.“
„Ist sie vielleicht eine Muse?“
„Nein. – Und jetzt hör auf. Ich werde nichts mehr dazu sagen.“
„Aber Amor!“, Thalia machte ein trauriges Gesicht. „Du kannst doch deine Freundin nicht einfach so verheimlichen. Nicht vor uns! Vielleicht können wir helfen!“
Amor schüttelte den Kopf. „Übrigens, der ist ganz neu.“
Er lenkte die Blicke auf seinen Bogen, kunstvoll geschnitzt und verziert mit Edelsteinen.
„Du versuchst doch nur, das Thema zu wechseln“, sagte Thalia empört, bewunderte dann aber den Bogen und seine kostbaren Ornamente. Auch Kalliope warf einen Blick darauf.
„Also, es ist so“, sagte Amor. „Der ist von meiner Ma. Und sie hat mich zum Essen eingeladen.“
„Sie hat dir also verziehen?“
„Ich denke, sie kriegt jetzt einfach nur wieder genug Opfergaben von unglücklich Verliebten. Außerdem hat sie wahrscheinlich Langeweile.“
„Ach was“, sagte Kalliope. „Sie hat dir bestimmt verziehen oder will es tun. Sie ist deine Mutter.“
„Meinst du, Venus hat Jupiters Beschluss verkraftet, dass jeder jeden lieben darf?“, fragte Thalia skeptisch.
„Vielleicht ist Venus auf dem Weg, diese neue Art der Liebe zu akzeptieren. Der Bogen für Amor ist doch schon mal ein Anfang“, sagte Kalliope.
„Also ich bin auf jeden Fall froh, dass Jupiter es erlaubt hat“, sagte Amor. Und in diesem Moment fragte er sich, ob Jupiter es vielleicht auch erlauben würde, dass er mit einer Sterblichen zusammenlebte. Nicht mehr lange, überlegte Amor, dann würde er Psyche seiner Mutter vorstellen. Vielleicht sogar schon bei seinem nächsten Besuch. Obwohl, er sollte erst einmal abchecken, inwiefern sie die Sache mit der gleichgeschlechtlichen Liebe verdaut hatte.
„Jetzt weiß ich es!“, riss ihn Thalia aus seinen Überlegungen. „Du liebst einen Mann!“
Amor verdrehte die Augen. „Nein.“
Apollo hingegen gluckste. „Man könnte es fast meinen …“
„Was willst du damit sagen?“, fuhr Amor ihn an.
„Nichts nichts“, sagte Apollo und hob beschwichtigend die Hände.
„Wie dem auch sei“, sagte Amor. „Ich habe auf jeden Fall einen Plan. Wenn alles klappt, dann kann ich meiner Ma bald davon erzählen. Und dann werdet auch ihr wissen, wer meine Liebste ist.“

Liebe und Tod

Amor hatte der Wolke befohlen, den Eingang zur Unterwelt anzusteuern. Dort hatte er seine Pfeile versteckt. Die musste er holen, um wieder zu arbeiten.
Unter sich sah Amor kleine Schaumkronen blitzen. Er befand sich über dem Meer. Kein Schiff in Sicht.
Gut, dachte Amor und knackte seine Finger, dann kann es ja losgehen!
Mit einem gewaltigen Kick flog die erste Amphore von der Wolke. Wie er seine Arbeit hasste! Venus` Hohn klang in seinen Ohren. „Selbstständig?“ … „Mach deine Arbeit!“ … „Meine Schönheit verträgt keinen weiteren Ärger“.
Seine Mutter. Diese Harpyie!
Eine weitere Amphore folgte der ersten und zischte durch einen Schwarm aufgeregt krächzender Möwen. Warum hatte Venus ihm nicht zugehört? Es gab einen Grund dafür, dass er nicht mehr arbeitete.
Sein Job war … unsinnig. Liebe war der nichtsnutzigste Auftrag im Götterhimmel. Und auf der Erde sowieso. Männer und Frauen passten einfach nicht zusammen. Götter und Göttinnen übrigens auch nicht. Alle waren ohne dieses ganze Liebesgedöns besser dran.
Amor trat gegen die dritte Amphore und verknackste sich den Fuß.
„Au!“
Das Gefäß wog schwer. Anscheinend war noch Wein darin. Erschöpft sank Amor in die Wolkenwatte. Sein Fuß schmerzte. Er hatte keine andere Wahl. Die Aussicht, dass die Opfergaben sonst weniger würden, war düster. Götter, die keine Geschenke von den Menschen erhielten, verschwanden in Bedeutungslosigkeit.
Amor langte nach der Amphore. Er nahm einen großen Schluck und spürte zufrieden, wie der süße Wein seine Kehle hinabrann.
Latona zum Beispiel, die Mutter von Diana und Apollo, war total nett und konnte gut kochen. Bei ihr hatte er das erste Mal Fleisch gegessen und Wein getrunken, denn sie hielt nicht viel von Nektar und Ambrosia. Vor Unzeiten war Latona aus dem Osten eingewandert. Wo sie herkam, war sie in Vergessenheit geraten. Und hier hatte sie nie richtig Anschluss gefunden. Ohne ihre Zwillingskinder könnte sie sich gar nichts leisten.
Diana und Apollo waren von Geburt an strebsam, fleißig und sehr erfolgreich. Sie besaßen unzählige Tempel, bekamen unendlich viele Opfergaben und konnte ihre Mutter unterstützen. Doch Amor selbst war ohne den Ruhm von Venus nichts. Denn er besaß keinen Tempel, er erhielt keine Opfergaben. Er bekam sie von Venus.
Was Diana und Apollo zu seiner Misere sagen würden, daran wollte er gar nicht denken. Er musste das irgendwie wieder in Ordnung bringen.
Amor nahm einen weiteren, kräftigen Schluck und blickte von seiner Wolke hinab. Unter ihm befand sich das Kap Tenaro, eine schroffe Felslandschaft mit einem unscheinbaren Loch, aus dem stinkende Dämpfe emporstiegen.
Amor leerte die Amphore bis auf den letzten Tropfen. So ein Unterweltsbesuch war kein Zuckerschlecken, auch wenn er es bloß in die Vorhalle schaffen musste. Mit einem Satz sprang er von der Wolke. Mühelos flog er vorbei an den Rauchschwaden, leicht beschwipst vom Wein.
Vorsichtig blickte er in den Abgrund. Tief aus dem Innern hörte er ein unheimliches, grollendes Bellen. War das Kerberos, der Höllenhund? Amor seufzte. Warum hatte er sich kein neutraleres Versteck ausgesucht? Das Labyrinth vom Minotaurus vielleicht oder irgendeinen gottverlassenen Hain.
Mit ungutem Gefühl kletterte er hinein und folgte den eingeritzten Markierungen zum Versteck seiner Pfeile.
Als er die Vorhalle zur Unterwelt betrat, bot sich ihm ein erschreckendes Bild. Seine Pfeile lagen überall verteilt. Und mitten drin saß ein Schatten, gehüllt in dunkle Seide. Es war sein Großonkel Pluto. Der Gott des Todes höchstpersönlich.
Um ihn herum tollte der dreiköpfige Kerberos, in jedem Maul einen Pfeil.
„Fang die Stöckchen!“, rief Pluto. Die Liebespfeile und der Kerberos schossen kreuz und quer durch den Raum.
Vorsichtig tapste Amor rückwärts, bemüht, keinen Mucks zu machen. Doch die schwarze Figur begann, sich langsam in seine Richtung zu drehen.
„Bist du gekommen, um deinen Onkel zu besuchen?“
„Ich hab mich verlaufen“, keuchte Amor. „Bin schon wieder weg.“
„Du hast hier etwas verloren“, raunte Pluto.
„Äh …“
„Nun mach schon, sammele deine Pfeile zusammen.“ Pluto ließ einen seltsamen Pfiff ertönen und der Kerberos trollte sich zurück an das andere Ende der Halle.
Amor runzelte die Stirn. War das eine Falle? Eigentlich war dem Gott des Todes daran gelegen, jeden, der sein Reich betrat, für immer darin festzuhalten.
„Äh, nee, das mach ich ein Andermal. Tschüss dann …“
„BLEIB HIER.“
Amor hielt in seiner Bewegung inne. Nicht auch das noch. Nun würde er auf Ewigkeit im Reich des Todes verweilen … andererseits, vielleicht war das nicht die schlechteste Wendung für sein Schicksal.
„Okay.“
„SAMMEL DIE PFEILE“, Pluto räusperte sich, „ich meine: sammele die Pfeile auf.“
Möglichst unauffällig versuchte Amor, die Pfeile zusammen zu klauben und Pluto dabei nicht zu nah zu kommen. Immer wieder guckte er ängstlich in die Richtung seines Großonkels. Verblüfft stellte Amor fest, dass der versonnen den Sabber des Kerberos von einem Pfeil strich. Der Gott der Unterwelt schien ganz in die Betrachtung vertieft.
„Eine wirklich schöne Arbeit“, murmelte Pluto.
„Ähh, jaja“, brachte Amor hervor, der eifrig die Geschosse vom felsigen Boden pflückte. Vor allem zu schön, um damit „Fang-den-Stock“ zu spielen, dachte er bei sich. Ein wenig Empörung mischte sich in seiner Angst.
„Wirklich exzellent austariert …“, sagte Pluto und wog den Pfeil in seiner Schattenhand.
Ein bisschen geschmeichelt platzte es aus Amor heraus: „Die mache ich selber!“
„So?“, fragte Pluto und drehte sich in Amors Richtung. Amor hatte seinen Großonkel noch nie direkt angesehen. Nun stellte er fest, dass Pluto gar nichts zum Ansehen hatte. Unter dem Kapuzengewand zeigte sich ein dunkler Sog schwärzester Masse, gesprenkelt mit ein paar hellen Tupfern. So ein bisschen wie der nächtliche Sternenhimmel, aber gruselig.
„Jaja …“, rief Amor und flatterte aufgeregt durch die Halle. Es waren nur noch wenige Pfeile, die er fassen musste, dann würde er diesen unheimlichen Ort wieder verlassen. Irgendwie.
Plutos unendlicher Blick folgte ihm. Mit seiner ruhigen, tiefen Stimme fragte er:
„Ist Liebe … so wie dieser Pfeil?“
Amor verhedderte seine Flügel.
„Bitte was?“
„Was ist das, diese … Liebe?“, fragte Pluto.
„Liebe ist Schwachsinn“, antwortete Amor und landete mit einem Plumpsen auf dem Boden.
„Schwachsinn …“, murmelte Pluto. Er erhob sich. „Dann sind zwei Schatten aufgrund von ´Schwachsinn` aus meinem Reich verschwunden?“
Augenblicklich ließ Amor seine Sammlung fallen und floh in die nächstbeste Felsspalte. Pluto war riesengroß, wenn er stand, und dieser dunkle Strudel, wo eigentlich ein Kopf sein sollte, verhieß nichts Gutes.
„Was … was willst du von mir?“
„Zwei Schatten. Ein Mann und eine Frau. Sie sind verschwunden. Ich will wissen, warum.“
„Ich … ich weiß nicht!“, rief Amor. „Ich habe nichts damit zu tun!“
„Du musst etwas wissen. Es war ein Liebespaar.“
„Ein Liebespaar?“, fragte Amor erstaunt. „Meinst du etwa Pyramus und Thisbe?“
„Sie sind kurz nacheinander hier eingetroffen, vor etwa zwei Monden.“
„Dann waren es Pyramus und Thisbe!“, rief Amor. „Das heißt: sie leben wieder? Hast du sie frei gelassen?“
„Nein“, sagte Pluto und beugte sich hinab zu Amor. „Wie ich schon sagte, sie sind verschwunden. Sie sind nicht unter den Toten, nicht unter den Lebenden. Was weißt du?“
„Ich …“ Amor quetschte sich noch ein wenig tiefer in die Ritze. „ERZÄHLE!“
Amor zitterte am ganzen Leib. Er rang um Worte. Es war dramatisch gewesen, grausam. Manchmal war er nachts aufgewacht, schweißgebadet. Und dann sah er wieder den blutigen Schal und den knurrenden Löwen. Glücklicherweise lockerte der Wein seine Zunge.
„Also …“, hob Amor an, „die beiden, sie stammten aus verfeindeten Familien. Aber sie mochten sich. Und ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn sie sich verlieben. So Frieden, Happy End und so.“
„Wie meinst du das?“
„Na, ich dachte, dass die beiden heiraten und sich ihre Familien dann wieder vertragen. Aber es kam ganz anders.“ Amor hoffte, dass Pluto den Vorwurf gehört hatte, den er in die letzten Worte gelegt hatte.
„Wie sind sie gestorben?“, fragte Pluto unbeeindruckt.
„Sie hatten sich verabredet. Ein heimliches Treffen. Auf einem Friedhof. Kein schöner Ort, wenn du mich fragst. Dort hat Thisbe auf Pyramus gewartet. Sie sah so hübsch aus im Mondlicht! Plötzlich kam ein Löwe vorbei und Thisbe hat sich in einer Gruft versteckt. Als Pyramus kam, sah er den Löwen und Thisbes Tuch, das sie auf der Flucht verloren hatte …“
Amor hielt inne und wischte sich den Augenwinkel.
„Und dann?“, fragte Pluto.
Amor musste blinzeln. Irgendwie schien es in der Unterwelt viele Fliegen zu geben. Eine war ihm ins Auge geflogen.
„Er … er hat sich umgebracht!“, schniefte Amor.
„Und sie?“, fragte Pluto mit ausdrucksloser Miene.
„Sie hat sich auch umgebracht! Weil, als sie zurückkam, da hat sie Pyramus gefunden. Tot!“
„So?“, fragte Pluto.
„Ja!“, rief Amor. „Die größte Liebe überhaupt! Meine besten Pfeile habe ich hergegeben! Und dann das! Siehst du jetzt, wie schwachsinnig das alles ist?“
Amor atmete tief ein. Irgendwie fühlte er sich besser. Wer hätte gedacht, dass es so gut tun würde, mal all den Kummer rauszulassen?
Doch der Blick in Plutos wirbelndes Antlitz, das jetzt direkt über ihn schwebte, erschreckte ihn zu Tode.
„Eine nette Anekdote“, sagte Pluto. „Mich aber interessiert vor allem, wie stark diese … Liebe ist.“
Amor konnte den Puls der Zeit an seinem Körper spüren, als Pluto ihn einsog.
Dann war da nichts mehr.

Den ersten Teil gibt es hier.

Und hier die Audioversion.

Himmel und Erde

cover mit schrift und pfeilen
Cover mit Pfeilen

Amor schlief auf seiner Wolke, als er spürte, wie ein Sonnenstrahl seine Nasenspitze kitzelte. Unruhig wälzte er sich auf die Seite. Der Strahl strich über die Stirn auf seine Wange. Dort stach er zu.
„Lass das!“, schnaufte Amor und zog sich die Wolkenwatte über den Kopf. „Ist noch viel zu früh.“
Der Sonnenstrahl wanderte über die Watte, entdeckte einen nackten Fuß und piekste hinein.
Amor zuckte zurück und blinzelte in die Sonne. „Lass das, Apollo“, schimpfte er.
Direkt vor dem gleißend hellen Punkt entdeckte Amor den Sonnengott in seinem Wagen, der wild winkte.
„Was ist denn los, Mann?“
Amor rieb sich die Augen und erschrak.
Direkt über ihm schwebte die rosa Wolke seiner Mutter Venus. Die Göttin straffte mit den Händen ihre Gesichtszüge. Sie keuchte. Ihr pinker Umhang flatterte im Wind.
Amor rappelte sich auf.
„Das … ist Apollos Schuld … “, stammelte er, woraufhin ihn ein Sonnenstrahl in die Schulter zwackte.
„Au!“
Venus blies sich eine Locke aus dem Gesicht und befahl ihre Wolke mit ausgestrecktem Finger zu Amor. Sie überragte ihren Sohn um eine Haupteslänge.
Trotzig reckte Amor das Kinn. Er war kein kleiner Junge mehr. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Irgendwann musste seine Mutter das einsehen. Vielleicht war heute der Tag gekommen.
In Venus Augen funkelte es bedrohlich.
„Du riechst wie eine ganze Taverne! Was ist hier vorgefallen? Woher kommt dieses Durcheinander?“
„Äh.“
Sogleich ärgerte Amor sich, dass ihm nichts Besseres als „Äh“ eingefallen war.
Venus stapfte mit gerafftem Kleid auf seine Wolke. Mit ihrem feinen, weißen Schuh berührte sie eine Amphore. Dann noch eine. Und noch eine.
„Hast du die alle alleine getrunken?“
„Apollo …“
Venus hielt Amor eine Hand entgegen. Ihre Augen waren zusammengekniffen.
„Spar dir deine Ausreden! Das ist so grauenvoll … Argh! Was ist das?“
Venus sprang erschrocken zurück. „Es hat geknackt! Was ist das? Was ist das, Cupido?“
„Ma …“
„ZEIG ES MIR!“
Sofort kniete Amor sich nieder und nestelte in Wolkes Watte. Venus hatte ihn „Cupido“ genannt. Wie er diesen Namen hasste! Es wäre besser, wenn Venus das, was er zu fassen bekam, nicht sehen würde. Aber in seinem Kopf herrschte nur Leere, kein genialer Einfall weit und breit. Verlegen stand er wieder auf.
„Ein Knochen? Bist du verrückt geworden?“
„Apollo und ich … wir haben gejagt“, entgegnete Amor. „Das macht Spaß … und Fleisch … Fleisch ist echt lecker.“
Ehrlich währt am Längsten, dachte Amor. Er war ganz zufrieden mit seiner Antwort. Erstaunt beobachtete er, wie Venus die gesamte Mimik entglitt.
„Igitt!!! Wie könnt ihr nur! Und was sagt überhaupt Diana dazu … und … und was ist das hier?“
Venus Fuß zeigte auf eine kleine, tönerne Schale, in der sich verkohlte Überreste befanden.
„Das ist Asche“, sagte Amor und verschränkte die Arme. Er war alt genug, bald dreihundert Jahre. Er hatte eigene Vorstellungen, einen eigenen Kopf! Fieberhaft suchte er nach Worten, mit denen er sich seiner Mutter verständlich machen konnte.
„Ich glaube es nicht!“, kreischte Venus. Sie raffte ihre Röcke und kehrte spitzfüßig zurück auf ihre Wolke. Sie hielt kurz inne, nahm einen Spiegel zur Hand und strich sich über die Stirn und die Augenpartie.
Als sie Amor wieder ansah, war ihr Gesicht ganz glatt, aber aus ihren Augen blitzte es.
„Wir Götter trinken Nektar, wir essen Ambrosia und wir lassen uns von den Menschen beräuchern! Du, mein Sohn bist ein Trunkenbold, ein Fleischfresser und ein Dichselbstbeweihräuchernder! Das erklärt alles!“
„Ma, es ist doch so …“, hob Amor an.
Venus ließ sich in ihre Wolke sinken.
„Ich bin verloren!“
Nun übertreibt sie es aber gewaltig, fand Amor. Nur weil er und Apollo mal eine Nacht lang gefeiert hatten, ging doch nicht gleich die Welt unter. Perplex stellte er fest, dass Venus schluchzte.
„Äh, Ma“, versuchte es Amor, „alles okay?“
Sie wandte sich ab und schnäuzte in ein rosa Taschentuch.
„Nein!“, rief Venus. In ihrem Blick lag solch ein Vorwurf, dass Amor erschauderte.
„Wie lange geht das schon so?“, fragte Venus.
„Was?“, fragte Amor.
„Stell dich nicht dümmer an, als du bist!“, schimpfte Venus aufgebracht. „Seit wann säufst du, rauchst du, und vernachlässigst all deine Aufgaben?“
„Äh …“
„Du weißt es nicht mehr? Oh, ich kann es dir genau sagen! Seit zwei Monden. Seit du von zu Hause ausgezogen bist! Du hast dich nie gemeldet und jetzt … jetzt sehe ich DAS HIER!“
„Sorry, Ma“, sagte Amor kleinlaut. Ihm wurde gerade bewusst, wie schnell die Zeit vergangen war.
„Du hättest wenigstens Mal zum Essen vorbeikommen können!“, klagte Venus.
Ein geniales Argument poppte in Amors Gedanken auf.
„Du siehst doch, dass ich mich selber versorgen kann. Ich bin … selbstständig.“
Er zeigte auf den Knochen.
Venus verzog spöttisch den Mund.
„Tatsächlich, schlanker bist du nicht geworden.“
„Ma!“ Amor war empört. Eine Frechheit war es, dass sie ihn mit seiner Figur neckte.
Venus warf ihr Haar zurück und lachte.
„Selbstständig … hahaha!“
Tränen liefen ihre Wangen hinab. „Mein kleiner Cupido … selbstständig …“
Vorsichtig betupfte sie ihr Gesicht und erhob sich. Das Rosa der Wolke verdunkelte sich mit einem Mal in ein tiefes Rot und aus seiner Mitte entfaltete sich ein Unwetter.
„Du Taugenichts! Du Faulpelz! Du … Menschgewordener! Wie erklärst du, dass ich seit zwei Monden kaum noch Opfergaben erhalte?“
„W… was?“
„Du hast richtig gehört, mein Kleiner! Die Gaben werden weniger, von Tag zu Tag! Und du bist der Grund dafür! Ich frage mich, ob sich da unten überhaupt noch jemand verliebt. Ab sofort ist alles gestrichen. Alles. Du kriegst nichts mehr von mir, nichts! Bis … bis das da unten wieder in Ordnung ist!“
„Ma“, stammelte Amor entsetzt. „Das kannst du nicht machen!“
„Doch, kann ich“, sagte Venus seelenruhig, während es in ihrer Wolke knallte und blitzte, als gehöre sie Jupiter persönlich.
„Aber …!“
„Da lässt man dich einmal alleine und dann … so was. Ich wusste von Anfang an, dass du noch zu jung dafür bist. Aber du wolltest es ja nicht anders. Du willst alles alleine machen. Jetzt sieh auch alleine zu, dass sich die Menschen ineinander verlieben und mir opfern. Mach deine Arbeit.“
„Aber Ma, ich kann nicht … es war tragisch!“, quiekte Amor verzweifelt.
„Was war tragisch?“
„Das mit Pyramus und Thisbe! Sie sind tot!“
Venus verdrehte die Augen. „Werde erwachsen, Cupido.“
„Aber …“
„Ich bin die Göttin der Liebe und du bist derjenige, der für die Liebe sorgt. Mach deine Arbeit und enttäusche mich nicht. Meine Schönheit verträgt keinen weiteren Ärger.“

Psyche zog den Mantel eng um sich und knetete ihre tauben Finger. Vom Morgengrauen an hatte sie im kalten Burghof gesessen, unbeweglich wie eine Statue, das Gesicht von einem Schleier verdeckt.
Beim ersten Sonnenstrahl öffneten die Sklaven das Tor und Menschen strömten hinein, umrundeten die Königstochter, wisperten und staunten. Mit einem Schaudern dachte Psyche daran, dass heute jemand versucht hatte, ihr den Schleier vom Gesicht zu reißen. Zum Glück hatten die Wachen ihn rechtzeitig eingefangen.
„Ich bin so froh, dass ihr da seid“, sagte sie zu ihren Schwestern Gorda und Tessa.
„Das ist doch selbstverständlich“, antwortete Tessa.
„Heute Abend findest du einen Ehemann!“, sagte Gorda und zwinkerte Psyche zu. Durch den dünnen Stoff sah Psyche die beiden auf ihrer Lagerstatt sitzen, um sie herum unzählige Gefäße mit Wassern, Ölen und Pulvern in den verschiedensten Farben, die sie eifrig kombinierten und vermischten.
„Mutter hat das ganz richtig gemacht“, plauderte Gorda. „Dass sie diesen Ball organisiert, jetzt, wo Vater fort ist. Wäre doch gelacht, wenn da kein Mann für dich dabei wäre. Und dann kommt Vater zurück und wir haben einen Bräutigam für dich gefunden. Da wird er aber Augen machen!“
„Ich hoffe es so sehr“, seufzte Psyche, „dass es dieses Mal klappen wird.“
„Wir haben einen Plan“, sagte Tessa zuversichtlich. „Obwohl es schon schade ist, dass du deiner Tätigkeit nach einer Hochzeit nicht mehr nachgehen könntest. Das, was das Volk hier lässt, ist durchaus profitabel.“
Psyche lächelte. Ihre Schwester Tessa hatte sich kaum verändert. Immer den Gewinn im Blick.
Es waren Jahre vergangen, seit sie Gorda und Tessa das letzte Mal gesehen hatte. Beide waren verheiratet und lebten mit ihren Gatten weit entfernt. Längst war es überfällig, dass sie, die Jüngsten, es ihnen gleich tat.
„Es ist Psyches Herzenswunsch!“, sagte Gorda sanft. „Sie wünscht sich doch so sehr einen Mann …“
Verlegen senkte Psyche den Blick. Ja, sie wünschte sich nichts sehnlicher, als jemanden zu finden, der sie akzeptierte, wie sie war, der sie vielleicht sogar lieben konnte.
„Ich tu mein Bestes“, sagte Tessa und vermengte in einem weiteren Tongefäß Pulver und Paste. „Das wird allerdings etwas stinken, fürchte ich.“
„Hauptsache, es hilft …“, murmelte Psyche.
„Hier, rühr weiter, es muss ganz sämig sein“, sagte Gorda und drückte Psyche ein Schälchen mit Stößel in die Hand.
„Ich mach dir jetzt noch was für die Haare …“
Gedankenverloren rührte Psyche in der Schale. Sie war ihren Schwestern so dankbar, dass sie gekommen waren. Schon früher hatte Psyche ihre kohlschwarz gerahmten Augen bewundert, ihre roten Lippen, die zarte, weiße Haut. Niemand wusste besser, mit Farben umzugehen, als sie.
„Gut so“, sagte Gorda und nahm Psyche das Schälchen aus der Hand. „Dann wollen wir mal sehen, was wir für dich tun können.“
„Muss ich dafür …“, fragte Psyche und hielt ihren Schleier fest.
„Liebes“, wisperte Gorda, „natürlich musst du dafür den Schleier abnehmen.“
„Ich weiß nicht …“, sagte Psyche zögernd.
„Stell dich nicht so an!“ Tessa grinste. „So furchtbar kann es doch nicht sein.“
„Ich weiß nicht …“, seufzte Psyche.
„Wir sind deine Schwestern, Psyche“, sagte Gorda.
Psyche nickte. Sie hob das Tuch auf das Schlimmste gefasst und das Schlimmste ereignete sich.
„Oh ihr Götter!“, stöhnte Gorda und wich einen Schritt zurück. Tessa sprang erschrocken von der Schlafstatt auf. Ein Tonschälchen zerbrach und das rote Pulver spritzte auf den Lehmboden.
Sofort zog Psyche den Schleier wieder über ihr Gesicht. Selbst ihre Schwestern schienen sie nicht wieder zu erkennen. Wie sie dasaßen, wie entsetzt sie guckten. Als wären sie Pluto, dem Gott der Unterwelt, persönlich begegnet. Oder seinem Höllenhund Zerberus, einem dreiköpfigen Ungeheuer. Wenn selbst ihre Schwestern sie nicht mehr ansehen konnten, dann war alles verloren …
Da stemmte Tessa die Hände in die Hüften und marschierte geradewegs auf Psyche zu.
„Darf ich?“, fragte sie.
Psyche seufzte traurig.
Tessa fasste beherzt an das Tuch und hob es hoch. Sie kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, während sie Psyches Antlitz betrachtete.
„Das ist unmöglich“, sagte Tessa.
„Nichts ist unmöglich“, sagte Gorda, die sich mittlerweile von ihrem Schock erholt hatte. „Wir kriegen das hin.“
„Meint ihr?“, fragte Psyche hoffnungsvoll.
„Gewiss“, murmelte Tessa.
Der Blick, den sie sich zuwarfen, entging Psyche nicht.
Beide begannen, die Pasten und Öle vorsichtig in das Gesicht ihrer Schwester einzuarbeiten. Psyche schloss die Augen und versuchte, den Gestank zu ignorieren. Sie wollte versuchen, ihren Schwestern zu vertrauen. Niemand verstand sich besser auf das Mischen von Farben als sie. Der Ball an diesem Abend war vielleicht ihre letzte Chance, einen Mann zu finden.
„Die Gäste sind da“, hörte Psyche die Stimme ihrer Mutter. „Wie weit seid ihr?“
„Noch ein paar Tupfer“, antwortete Gorda. „Psyche, stillhalten!“
„Lasst mich sie sehen!“, forderte die Königin.
Psyches Herz klopfte. Wie würde ihre Mutter reagieren? Hatten die Schwestern gute Arbeit geleistet?
Die gespannte Neugier im Gesicht der Königin verwandelte sich in helle Freude. Entgegen ihrer üblichen, beherrschten Art, musste sie um Worte ringen. Sie drückte die Hände von Gorda und Tessa. Dann wandte sie sich zu ihrer jüngsten Tochter.
Die Augen der Königin glitzerten tränennass.
„Psyche“, sagte sie, „du siehst ja aus wie … wie ein Mensch! Heute Abend wirst du einen Bräutigam finden!“