Zeit für die Wahrheit

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Was ist das hier für ein Lärm!“, rief Venus. Ihr Schlüssel drehte sich im Schloss und sie betrat Amors Kinderzimmer. „Hör endlich auf, so einen Krach zu machen!“

Amor stürmte zur Tür und versuchte, sich an seiner Mutter vorbei zu schieben.

Venus verstellte ihm den Weg.

Lass mich, ich muss meine Liebste finden!“

Dazu besteht kein Anlass mehr. Sie ist hier.“

Hier?“ Wie im Namen aller Götter war Psyche in den Himmel gelangt?

Ja, du hast richtig gehört. Das Ding ist meiner Dienerin direkt in die Arme gelaufen. Und jetzt ist es im Kerker.“

Im Kerker?!“

Gewiss. Wo sollte es sonst sein?“

Im Kerker ist es dunkel und kalt … und es ist einsam dort! Lass mich zu ihr!“ Amor machte einen erneuten, verzweifelten Versuch, an seiner Mutter vorbeizukommen.

Kummer und Sorge sind bei ihr.“

Ma, das kannst du nicht machen!“, rief Amor entsetzt. „Sie hat genug gelitten!“

Und wie ich das machen kann!“, entgegnete Venus. „Dieses Ding hat dich übel verletzt. Kummer und Sorge werden sie lehren, was es heißt, meinen Sohn zu verraten!“

Ich habe ihr schon längst verziehen! Lass mich zu ihr!“

Damit sie dich wieder einwickelt? Ganz bestimmt nicht! Du legst dich jetzt sofort wieder ins Bett!“

Venus sah so entschlossen aus, dass Amor seine Wut unterdrückte und sich um einen ruhigen Tonfall bemühte.

Es ist alles halb so schlimm, guck nur, meine Verletzung ist geheilt.“

Die Wunde sieht noch ziemlich schlimm aus.“

Es ist nur ein kleiner Kratzer.“

Ein Kratzer, soso“, Venus rümpfte ihre schmale Nase. „Du konntest nicht einmal aufstehen die letzten Tage.“

Unruhig ging Amor im Zimmer auf und ab. Sollte er seiner Mutter sagen, was er dachte? Das, was er wirklich dachte?

Er hatte nichts zu verlieren.

Ma, bitte, ich will Psyche heiraten!“

Heiraten? Bist du übergeschnappt? Du bist noch ein Kind! Du treibst die ganze Zeit nur Unsinn – ja sogar mit mir, deiner eigenen Mutter! Und jetzt höre endlich auf, solche Forderungen zu stellen. Eher verstoße ich dich und suche mir einen anderen Sohn, dem ich deinen Bogen und deine Flügel schenke, als dass ich dich zu diesem Weibsbild lasse!“

Die meisten deiner Befehle habe ich ausgeführt, so wie du es wolltest. Und hast du nicht selber neulich noch gesagt, dass ich viel vernünftiger geworden wäre? Überlege mal, warum das so ist. Sie ist der Grund dafür. Psyche! Lass mich zu ihr!“

Amor war selbst ganz erstaunt über die vielen Argumente, die er seiner Mutter entgegenzusetzen hatte. Venus wirkte irritiert und so legte er noch einmal nach.

Ich bin kein Kind mehr! Ich bin dreihundert Jahre alt! Ich werde Vater! Ma, das musst du einsehen! Ich habe mich verliebt, unsterblich verliebt! Und ich will sie zurück, egal, was sie getan hat! Ich bin zur Vernunft gekommen! Siehst du das denn nicht?“

„Nein“, sagte Venus zu und lehnte sich an die Wand. „Die letzten Tage habe ich dich klagen gehört, habe dich weinen gehört … weinen! Das ziemt sich nicht für einen Gott. Es ist menschlich zu trauern. Nicht göttlich. Wir müssen über den Dingen stehen. Du bist zu weich geworden und diese Psyche trägt die Schuld daran. Ich als deine Mutter habe die Pflicht, dich wieder aufzupäppeln, dich an deine Ehre und an deinen Stolz zu erinnern. An deine Göttlichkeit!“

Bevor Amor zu einer Gegenantwort ansetzen konnte, wurde die Tür aufgerissen.

Dahinter standen Mars und Vulkanos, – und sie hatten Adonis im Schlepptau. 

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Baumblick

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Ich bin ein Baum und dies ist mein Raum. Seit einhundert Jahren schon. Mit meinen Wipfeln spielt der Wind, fliegt sie durchpflügend über die Wellen, die plätschern unten an den Stamm.

Herum um mich ist Weite, ist Wasser, ist eine Wand. Gräser und Blumen, ein schmaler Weg und ein Backsteinhaus, dabei: ein kleiner Streifen Land. Nicht alles war schon immer da. Ach, – die Blumen. Doch sind sie anderes, jedes Mal.

Neben mir geht die Sonne auf, Tag für Tag. Und neben mir geht sie unter, auf der anderen Seite und dann ist es Nacht. Mal ist´s der Schnee, mal die Blätter, dann viele Früchte, die meine Zweige nach unten beugen. Es schmilzt, es weht davon, mit der Zeit wird alles anders.

Doch die Blätter, sie streiten und verwirren meine fruchtigen Kinder.

So sprechen die Blätter, die das Wasser sehen:

„Dieser See, das einzig Wahre, das Ewige, das Beständige. Auch regnet es auf euch herab, auf uns alle. Also glaubt dem Wasser.“

„So wollen wir den Blätter glauben, die dort wachsen, wo die Sonne untergeht“, sagen meine Kinder.

Jene Blätter aber, die das Backhaus sehen, sprechen:

„Es gibt wohl Wasser von oben, doch keines von unten. Eine Sammlung von Wasser existiert nur in kleinen Flächen, niemals aber ist es so, wie die anderen Blätter sagen. Bestand hat nur dieses Haus, sein Gras und die Blumen vor dem Haus.“

Dann entzweien sich meine Kinder, ein manches wird gar faul dabei und fällt ab.

Die Blätter aber, die ins Weite sehen, sagen:

„Wohl gibt es Wasser und Blumen, doch ein Haus, – was soll das sein? Wir sehen es nicht, also gibt es kein Haus. Und das Wasser in seiner Sammlung, wir können es erahnen. Mag es möglich sein. Doch zu behaupten, es gäbe ein Haus – das ist eine Lüge!“

Und meine Kinder erröten wegen ihrer Unwissenheit, werden reif und schwer.

Die Blätter aber streiten über die Wahrheit, über Richtig und Falsch, über den einzigen Blick.

Und wenn es Herbst wird, dann verlassen sie mich. Lassen mich kahl und nackt zurück.

Meint doch ein jedes, ihm sei die Richtung gegeben. Meint doch ein jedes, sein Weg wäre klüger. Meint doch ein jedes, die Sonne scheine nur für sich.

Einst war ich klein, ein Samenkorn allein. Licht und Wasser ließen mich entstehen, machten mich zu dem, der ich jetzt bin: alt und groß. Nie brauchte ich viel, war immer genügsam. Meine dunkle Rinde ein guter Schutz.

Törichte Blätter. Wissen nichts vom Stamm und Zweigen, wissen nichts von der Erde, die sie nährt. Haben vergessen, dass sie alle am gleichen Baum hängen, dass sie alle dieselben Wurzeln haben. Erzählen meinen Kindern nur die Wahrheit, die sie sehen.

Doch wenn die Früchte sich lösen und ihr Samen auf guten Grund fällt, ja, dann …