Mutunus Tutunus

Mutinus Caninus Der Pilz Mutinus Caninus. By Sanja565658Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Dieser Pilz verdankt seinen lateinischen Namen „Mutinus Caninus“ (dt. „Hundsrute“) einer römischen Gottheit: Mutunus Tutunus.

Mutunus Tutunus ist eine phallische Gottheit. Häufiger findet man auch den Namen „Priapus“, wobei es sich um zwei verschiedene Gottheiten handelte, deren Aufgaben sich aber überschnitten.

Im folgenden Beitrag werden Name und Herkunft des Gottes Mutunus Tutunus vorgestellt und Bezüge zu anderen Göttern – soweit möglich – angerissen.

Vorab: die Thematik phallischer Gottheiten ist sozusagen unerschöpflich! Daher erhebt dieser Blogpost auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 🙂

Mutunus Tutunus Mutunus Tutunus, einzige (mögliche) Darstellung. By Unknown (coin) – [1], Gemeinfrei, Link

Der Name „Mutunus Tutunus“, oft auch als Mutinus Titinus wiedergegeben, leitet sich wahrscheinlich von den lateinischen Slang-Substantiven „muto“ (auch: mutto, später: mutonium) und „titus“ ab. Man findet die Worte beispielsweise in Klo-Graffiti aus Pompei.
Aber auch der altehrwürdige Satiriker und Dichter Horaz (1 Jh. v. Chr.) schreibt in seiner Satire 1.2. von „muttonis“. In der Satire geht es um Ehebruch und dessen Auswirkungen auf das gesellschaftliche Ansehen. So fragt der Verstand (animus) in einer sehr unangenehm ertappten Situation den mutto: „Was willst du denn noch alles von mir?“ Darauf antwortet der mutto bloß, dass die begehrte junge Dame doch immerhin die Tochter eines angesehenen Vaters sei und er somit zwei Fliegen mit einer Klappe schlüge.
In der Antike wurde dem männlichen Geschlechtsteil eine Art Eigenleben nachgesagt. [Btw: In Ägypten gab es diese Vorstellung auch für die Gebärmutter. So wurde Frauen mit Menstruationsbeschwerden geraten, sich über ein Räucherefäß mit Weihrauch zu stellen, um das „im Körper umherwandernde“ Organ wieder einzufangen.]

Augustinus Der Kirchenvater Augustinus. By Lua error in mw.wikibase.entity.lua at line 37: data.schemaVersion must be a number, got nil instead.Web Gallery of Art:   Image
Info about artwork, Public Domain, Link

Über Mutunus Tutunus als Gott ist leider nicht mehr sehr viel bekannt. Was man weiß, geht aus Beschreibungen hervor, die einige Jahrhunderte später verfasst wurden, in einer Zeit als vor allem christliche Intellektuelle schrieben. Wahrscheinlich spielte Mutunus Tutunus eine Rolle während römischer Hochzeitszeremonien, wohl um das Paar mit vielen Kindern zu segnen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auf jeden Fall die Ausdeutungen späterer Kirchenväter, wie z.B. Augustinus (4 Jh. n. Chr.), die bekanntermaßen zölibatär lebten. In seinem Buch „Über den Gottesstaat“ (De Civitate Dei) kann man seine Meinung und Vorstellung über die vermeintliche Hochzeitsnacht der Römer lesen. Der dort erwähnte Gott „Priapus“ entspricht weitgehend Mutunus Tutunus in seiner Funktion als „Hochzeitsgott“.

„Da stellt sich ein die Göttin Virginiensis und der Gott Vater Subigus und die Göttin Mutter Prema und die Göttin Pertunda, dazu Venus und Priapus. Was soll das sein? Wenn überhaupt der Mann bei diesem Werk eine Hilfe von Göttern brauchte, würde nicht irgend einer oder irgend eine genügen? Wäre hier Venus allein nicht ausreichend, die sogar davon ihren Namen haben soll, daß ohne Kraftanwendung ein Weib seine Jungfrauschaft nicht verliert? Wenn sich bei Menschen noch ein Rest von Schamhaftigkeit findet, die den Göttern abgeht, müssen sie nicht in ihrer Vereinigung bei dem Gedanken, daß soviele Götter beiderlei Geschlechtes zugegen sind und sich um das Werk zu schaffen machen, so von Scham ergriffen werden, daß der Mann weniger erregt wird und das Weib sich heftiger widersetzt? Und jedenfalls, wenn die Göttin Virginiensis da ist, um der Jungfrau den Gürtel zu lösen, wenn der Gott Subigus da ist, damit sie sich dem Manne hingebe, wenn die Göttin Prema da ist, damit sie sich, ohne sich zu rühren, umarmen lasse, was hat noch die Göttin Pertunda dabei zu leisten? Sie soll sich schämen und wegheben; etwas wird doch auch der Mann zustande bringen. Es wäre sehr unanständig, wenn das, wonach sie benannt ist, jemand anderer als er vollbrächte. Aber vielleicht duldet man sie deshalb, weil sie angeblich eine Göttin ist und nicht ein Gott. Denn würde man diese Gottheit für männlichen Geschlechtes halten und Pertundus nennen, so müßte sich der Gemahl wider ihn für die Keuschheit seiner Frau noch um eine kräftigere Hilfe umsehen als die Wöchnerin wider Silvanus. Aber wozu diese Bemerkung? Ist doch auch Priapus anwesend, der übermännliche, auf dessen ungeheuerliches und abscheuliches Glied sich die Neuvermählte setzen mußte, nach der höchst ehrbaren und frommen Sitte der Matronen.“
(De Civitate Dei 6,9 http://www.unifr.ch/bkv/kapitel1924-9.htm)

Augustus
Kaiser Augustus. By Unknown – Santo Attilio, Augusto, Milano 1902., Public Domain, Link

Auf der Velia, einem Hügel Roms, gab es einen Tempel für Mutunus Tutunus, der aber schon zu Kaiser Augustus Zeiten (um das Jahr 0) nicht mehr existierte. Der Gelehrte Festus (2. Jh. n. Chr.) erwähnt dies in seinem Wörterbuch und schreibt auch davon, dass der Tempel von Frauen, die in die toga praetexta gehüllt waren, besucht wurde.
Das Besondere daran: Die toga praetexta war eigentlich ein Kleidungsstück, das im alten Rom hochangesehenen und männlichen Menschen vorbehalten war. Was wohl diese Frauen dort gemacht haben? Augustinus (siehe oben) schreibt von einer „höchst ehrbaren und frommen Sitte der Matronen“.
(Btw: Kaiser August (um 0) und der Kirchenvater Augustinus (4 Jh. n. Chr.) sind trotz des ähnlichen Namens zwei ganz unterschiedliche Menschen gewesen. 😉 )

Forum Romanum
Das Forum Romanum auf dem römischen Hügel Palatin. CC BY-SA 3.0, Link

Caesar
Gaius Julius Caesar. By UnknownRoma Musei Vaticani (Museo Pio Clementino), Public Domain, Link

Möglicherweise gab es sogar einen Schrein auf dem Palatin für Mutunus Tutunus, an dem Caesar kurz vor seiner Ermordung opferte. Für Augustus (den Nachfolger Caesars) war dies Anlass, den ungeliebten, frivolen Gott aus dem kollektiven Gedächtnis zu bannen und seinen Tempel anders zu verwenden. Augustus war ohnehin ein Kaiser, der sehr viel veränderte im römischen Reich. Nicht zuletzt machte er den gesamten Senat um einen Kopf kürzer und so gelang ihm das, was Caesar nicht schaffte: eine Art Diktatur aufzubauen unter Wahrung der äußeren Form der Republik.

Silen
Silen. Eine Art Satyrvater. By SailkoOwn work, CC BY 3.0, Link

Satyrvorstellung nach der Renaissance Satyr-, bzw. Faunskulptur nach der Renaissance (15 Jh. n. Chr.) By Edmé Bouchardon (French, 1698–1762)Jastrow (2006), Public Domain, Link

Bacchanal Ein ebenfalls post-Renaissance entstandenes Gemälde eines bacchanalischen Festes. By Cornelis van HaarlemMuseum of Fine Arts, Budapest, Domini públic, Link

Priapus Darstellung des Gottes Priapus aus Pompei (1 Jh. v. Chr.) Von Wolfgang Rieger – John R. Clarke: Ars Erotica. Darmstadt: Primus 2009, Gemeinfrei, Link

Priapus Noch einmal Priapus, hier besser zu erkennen. By Золоторёв Павелсобственная работа, CC0, Ссылка

antiker Satyr Antiker Satyr. By xeronesFlickr, CC BY 2.0, Link

Bacchanalien Bacchanalien mit einem betrunkenen Dionysus (Mitte). By World ImagingEigen werk, CC BY-SA 3.0, Link

Wie schon oben erwähnt und durch die Bilder zum Teil auch ersichtlich: es gab die Gottheit Mutunus Tutunus nicht nur in einer, sondern in sehr verschiedenen Formen. Über die genauen Bezüge, Verbindungen und Parallelen würde es sich gewiss lohnen, eine Doktorarbeit zu schreiben. Hier sei nur ein paar Verweise genannt.
Der Gott Liber (pater liber), dem Caesar möglicherweise als Mutunus Tutunus opferte, war eine römische Gottheit für Wein, Fruchtbarkeit und Freiheit. Er steht in enger Verbindung mit dem bekannteren römischen Gott des Weines Bacchus oder griechisch: Dionysus.
Bacchus und Dionysus sind übrigens auch nicht „ein und derselbe“ Gott, sondern hatten einen unterschiedlichen Kult, der sich teils auch regional voneinander unterschied.
Die deutlichste Parallele zu den phallischen Gottheiten findet man in einem Fest, den sogenannten „Bacchanalien“. Da es dazu noch einen eigenen Artikel geben wird, sei hier nur exemplarisch der „Thyrsos-Stab“ herausgegriffen, der in Verbindung mit dem Gott und dem Fest stand.

Der Thyrsos besteht aus einem Stengel von einem Riesenfenchel. Er wurde mit Weinreben geschmückt und obendrauf steckte ein Pinienzapfen. Riesenfenchel wird ca. zwei Meter groß, den Stab kann man sich als eine Art „Wanderzepter“ vorstellen. Er diente den Bacchantinnen vermutlich als Stütze, so nannte man die Frauen, die sich zu Anlass der Bacchanalien in den Wäldern mit Wein betranken. Und es gibt andere Mythen, die sich darum ranken.
Von Bacchus/Dionysus ist es nicht mehr weit zum Hirtengott Pan, der mit Faunen, Satyrn und Nymphen in den Landschaften Arkadiens zu feiern pflegte. Seinem Völkchen wird, ähnlich den Bacchantinnen (auch: Mänaden) die Bacchus (Dionysus) begleiteten, eine große Fröhlichkeit, Leichtigkeit und Freizügigkeit nachgesagt.
Der Gott Pan ist ein Mischwesen aus einem Menschen (Oberkörper) und einem Ziegenbock (Unterkörper). Und in ihrer dunkelsten Stunde trifft Psyche auf genau diesen Gott und seine lustige Schar. Pan ist übrigens einer der wenigen Götter, die die gleiche römische und griechische Bezeichnung haben.

Priapus, so erzählt der römische Dichter Ovid (um das Jahr 0), war – wie so oft in der Antike – ursächlich dafür, dass Nymphen in Bäume verwandelt wurden. Als die Nymphe Lotis ihren Rausch ausschlief, wollte Priapus über sie herfallen, aber ein Esel des Silen (eine Art „Satyrvater“) weckte sie mit lautem „I-A“. Dann verwandelte sie sich sicherheitshalber in einen Lotus und Priapus konnte ihrer nicht mehr habhaft werden. Zur Strafe dafür prügelte Priapus den Esel mit seinem riesigen Penis zu Tode.

Lingam Lingam und Yoni in trauter Zweisamkeit.By எஸ். பி. கிருஷ்ணமூர்த்தி at Tamil Wikipedia – Transferred from ta.wikipedia to Commons., GFDL, Link

Auch im Hinduisms ist des öfteren von phallischen Gott-Attributen die Rede. So repräsentiert der Lingam beispielsweise die Macht des Gottes Shiva als Zerstörer und Erneuerer. Sein Gegenstück ist die Yoni, welche das Attribut der weiblichen Gottheit Shakti ist. Shakti steht für gewaltige, ewige Energie, die das Universum durchströmt.
Historisch intressant ist an dieser Stelle die wahrscheinliche Verbindung zwischen den antiken Welten Mittelmeerraum und Indien. Oft wird angenommen, die Menschen damals wussten nichts voneinander, doch allein die Existenz der Seidenstraße zeigt ein anderes Bild.
Wohlmöglich hatten bzw. haben all die Gottheiten einen gemeinsamen Ursprung.

Rosa Schweinos Reisen – In welcher Stadt ist Rosa? (4)

Heute war und ist alles ganz leicht! Rosa ist glücklicher denn je, endlich hat sie es geschafft, in die angeblich älteste Stadt Deutschlands zu fahren. Womit vielleicht schon alles gesagt ist, aber: seht selbst!

Zunächst gab es ein wenig Industrieromantik, dann ...
Zunächst gab es ein wenig Industrieromantik, dann …
... wurde allerdings sehr deutlich: DIE RÖMER WAREN HIER!!! ... Doch nicht nur die Römern, nein ...
… wurde allerdings deutlich: DIE RÖMER WAREN HIER!!! … Doch nicht nur die Römern, nein …
... auch kleine, Rote Männer, zu denen Rosa kaum aufschauen mag, dennnoch ...
… auch kleine, rote Männer, deren Fußstapfen größer als Rosa sind, aber …
.... Euroshop statt Interkontinentale. Tja, diese Ideen aber auch ...
…. Euroshop statt Interkontinentale. Tja, diese Ideen aber auch.
... Rosa kletterte dann auf einen Baum (das kann sei gut) und betrachtete Maria ...
Rosa ließ sich nicht beirren und kletterte auf einen Baum (das kann sie gut), um Maria zu betrachten. Die Gute hat es bis oben auf den Hügel geschafft!
Dann fand sie den kalydonischen Eber ...
An einem anderen, rosa Ort fand sie den erlegten, kalydonischen Eber. Das betrübte sie ein wenig, denn der Eber war ihrer Meinung nach ein toller Hecht, ganz im Gegensatz zu seinem Jäger, und so suchte Rosa noch ein wenig weiter und fand …
... und schließlich noch den Eingang zur Unterwelt! Panta Rhei, selbst da unten.
… den Eingang zur Unterwelt. Dort istRosa kurz mal rein, um dem gefallenen Eber-Helden “Hallo” zu sagen. Und siehe da: selbst da unten lautet das Motto “Panta Rhei”. Das fand Rosa sehr beruhigend und fuhr guten Gewissens zurück in die Stadt der Spinnerei.

Na, in welcher Stadt war Rosa heute? Viel Spaß beim Raten! 🙂

Amors Abenteuer (1)

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„Amor, mein Honigschätzchen, Amor!“

„Nur noch fünf Strahlen“, murmelte ich. Mein Kopf dröhnte. Die Scheißsonne kitzelte meine Nasenspitze. Apollon war also schon wieder auf seinem Wagen. Es war erstaunlich. Egal, wie viel wir den Abend vorher gesoffen hatten, egal, was wir geräuchert hatten, er zog die Sonne pünktlich übers Firmament. Er war ein Übergott. Und mein bester Freund.

„Amor, wo bist du?“, schallte ihre Stimme durch den Himmel.

Ich drehte mich auf die andere Seite und verbarg mein Gesicht in der Wolkenwatte. Dann spürte ich, dass Wolke sich langsam in Bewegung setzte.

„Wolke, bleib hier, bitte!“, stöhnte ich in die Watte und versuchte, sie festzuhalten. Das erwies sich als sinnlos, weil sie durch den Himmel flog und ich auf ihr lag.

Dunkele Erinnerungen traten in mein Bewusstsein. Weinkrüge über Weinkrüge, die Apollon und ich gestern leerten, diverse Kräuter, die wir in kleinen Tongefäßen räucherten. Auf meiner Wolke musste es aussehen wie auf einem Schlachtfeld.

Scheiße. Wenn Mutter das sah, wäre sie bestimmt nicht amüsiert.

Also aufstehen. Ich holte tief Luft. Aufstehen. Jetzt. Oh ihr Götter, das würde nicht einfach werden!

Irgendwie schaffte ich es, meinen Körper aufzurichten. Mein Kopf explodierte vor Schmerzen. Ich presste meine Hände auf die Schläfen. Der Wein, der Wein … lass ihn lieber sein … pochten die Gedanken.

»Amor, mein Liebling, komm zu deiner Mama!«

Unter Qualen klaubte ich Krüge, Kräuter und die Statuetten mit den üppigen Brüsten zusammen und schmiss sie aus vollen Händen runter gen Erde.

Keinen Sonnenstrahl zu früh, wie es schien, denn auch wenn Wolke normalerweise ein eher behäbiges Tempo flog, wenn meine Mutter nach ihr rief, war sie kaum zu bremsen.

„Mein kleiner Cupido!“

Venus lächelte verzückt und warf mir eine Kusshand zu. Sie stand am Rand ihrer rosafarbenen Wolke und blickte auf mich herab. Hinter ihr blitzte ein goldener Palast im Licht der aufgehenden Sonne. Zwischen meinen Kopfschmerzen nagte genauso schmerzhaft die Frage, warum ich eigentlich immer noch mit dieser kleinen, widerspenstigen Ausstattung einer Cumuluswolke versehen war, kaum größer als ein King-Size Bett.

„Guten Morgen, Ma“, sagte ich. „Du bist heute so wunder-, wunderschön, Ma.“

Immer weckte sie mich wegen irgend so einem langweiligen Schwachsinn, ob ihr das Gewand gut stände –Pastellrosa oder doch lieber Himmelblau?-, ob sie „die Schönste im Götterhimmel und auf Erden“ sei, und ob sie „die Allerschönste im Götterhimmel und auf Erden“ sei.

Venus warf sich in Pose und lächelte verzückt.

„Findest du? Das Kleid ist erst vor ein paar Stunden in meinen Detoto-vonalien erschienen!“

„Äh, was?“

„In meinen Detoto-votialien oder wie das heißt.“ Mutter klatschte in die Hände und drehte sich einmal im Kreis.

„Nenn es doch einfach: Opfergaben“, schlug ich vor.

„Wie findest du es?“

Apollon sollte mich später mit einem süffisanten Lächeln aufklären, dass es Devotionalien hieß. Apollon wusste alles.

Ma besaß unten auf der Erde – im- Gegensatz zu mir – jede Menge Tempel, Altäre, Priester und alles, was dazugehörte. Die Menschen opferten ihr beständig irgendwas, das in ihrem Opferschrank landete, ein großes, braunes Ungetüm aus Zedernholz, mit vielen magischen Zeichen.

Mir war ja am liebsten, wenn die Menschen Wein oder Kräuter opferten, weil ich davon am meisten profitierte. Davon kam jedoch weniger als ein Viertel nach oben. Die Priester waren ebenfalls keine Kostverächter. Besonders gierige Exemplare beschoss ich hin und wieder mit einem Liebespfeil, dann hatte deren Karriere im Tempel zumeist ein jähes Ende. An Kleider waren die meisten wie ich, nicht besonders interessiert.

„Jaja“, sagte ich. „Ganz fantastisch. Dieses Purpur. Grandios.“

„Das sind Korallensplitter“, tadelte Venus.

„Oh, wie konnte ich das übersehen? Natürlich, Korallensplitter. Entzückend! Hast Du es Pa und Vulcanus schon gezeigt?“

Natürlich interessierten Mars oder mein Stiefvater Vulcanus sich nicht im geringsten für Mas Outfit, aber ich wurde nicht müde, mehr Unterstützung einzufordern. Meine Mutter war unglaublich eitel und brauchte ständig Bestätigung. Wäre das nicht eigentlich die Aufgabe meiner Väter? Statt meine? Mich morgens früh aus dem wohlverdienten Schlaf zu wecken! Wegen sowas!

„Ach, Dein Vater“, Venus machte eine abfällige Handbewegung. „Der lebt doch nur für den Krieg. Und Vulkanos …“, Venus kicherte, wobei sie sich die Hand vor den Mund hielt.

„Allein die Vorstellung, dass Vulcanus irgendwas von Schönheit weiß …, ach, du verstehst es, mich aufzumuntern!“

„Aber Vulcanus kann echt tolle Karren bauen.“

Ich witterte die Chance, das Thema mal wieder auf meinen derzeit größten Wunsch zu lenken: Einen Wagen, so wie Apollon ihn fuhr. Dann wäre die Unterredung mit Ma wenigstens zu etwas nutze.

Venus hob tadelnd den Finger. „Fang ja nicht wieder mit diesem kindischen Wunsch an.“

»Aber Apollo hat auch einen.«

»Amor, Du kannst selber fliegen.«

»Aber, … ich könnte viel schneller fliegen, wenn …«

»Wenn du schneller fliegen willst, dann steht dir der Zephyr zur Seite.«

»Aber das ist nur ein blöder Wind! Ich will ne richtige Karre, so mit Gold und Felgen und so!«

Venus verdrehte die Augen. „Jetzt hör endlich auf mit diesem kindischen Wünschen!“

„Das ist nicht kindisch.“

„Doch. Das ist ein kindischer Wunsch, kleiner Cupido!“

Ich hasste es, wenn sie mich „Cupido“ nannte. Dieser verdammte Name. Ich weiß nicht, wie oft ich meiner Mutter in den letzten hundert Sonnenläufen gesagt habe, dass ich so nicht mehr genannt werden möchte. Ihre stete Antwort darauf war, dass ich ja immer noch und bis in alle Ewigkeit ihr kleiner Cupido sein würde und dass ich immer noch Babyspeck hätte, wobei sie mich meistens Waden oder Unterarm kniff. Sowas von peinlich.

„Ma …“

Ihre Miene verfinsterte sich und ich verschluckte den weiteren Protest. Meine Zeit würde kommen. Auf hundert Sonnenläufe mehr oder weniger kam es dabei nicht mehr an. Ich knipste also mein „Ich bin ein lieber Junge“-Lächeln an.

„Ich habe dich übrigens nicht rufen lassen, um mir Komplimente zu machen. Auch wenn ich das sehr schätze, Cupido.“

Es dauerte ein paar Sekunden, dann war mir klar, was sie wollte. Mutter sagte häufig nicht einfach, was sie dachte, sondern versuchte mich dazu zu bringen, ihre Gedanken zu lesen.

„Was ist los?“, fragte ich also. Eine Frage, die sich bisher sehr bewährt hatte.

Mit einem Satz sprang sie runter zu mir und kniff mir in die Waden.

„Aua! Lass das!“

„Cupido“, sagte sie, packte meine Schultern und versuchte unter ihren langen Wimpern einen ernsthaften Blick auszusenden.

„Cupido, es ist was Ernstes.“

Der Griff an meinen Schultern verstärkte sich.

„Guck mal, dieses Kleid, es ist wirklich schick. Aber …“ Sie blickte nach links und rechts, so als ob uns niemand hören dürfte.  „Es ist das erste seit ein paar Tagen! Die Menschen bringen mir keine Opfergaben mehr dar. Meine Altäre rauchen nicht mehr!“

„Vielleicht sind die Priester schuld?“

Vor meinem inneren Auge zeigte sich das Bild, das ich bei einer der letzten Visiten auf der Erde beobachten konnte. Einer der jungen Novizen trug tatsächlich die Kleider meiner Mutter! Ein pausbäckiger Junge in einem purpurnen Prinzessinnenkleid. Wie er dastand und posierte, hätte er meiner Mutter fast Konkurrenz machen können. Umgeben von Fackeln, mitten in der Nacht, ganz allein.

Hauptsache er ließ die Finger vom Wein.

„Das ist es ja …“, flüsterte Ma, „die meisten Priester sind verschwunden!“

Ich fühlte, dass mir flau im Magen wurde und das lag nicht an der Tatsache, dass ich gestern ordentlich gebechert hatte.

„Bist du dir sicher?“, fragte ich. „Du hast doch dieses hübsche Kleid …“

„Ja“, wisperte Mutter, „das erste seit Tagen.“

„Ich kümmere mich drum, Ma“, sagte ich. Natürlich hatte ich keinen blassen Schimmer, wo ich anfangen sollte, aber die Sache schien mir bedenkenswert.

„Woher soll ich denn jetzt schöne Kleider bekommen?“, jammerte Mutter.

„Ich kümmere mich …“, wiederholte ich. Dabei dachte ich an die Weinvorräte im Palast meiner Mutter, die sicherlich auch schon seit Tagen nicht mehr angefüllt worden waren.

Mutter hauchte einen Kuss auf meine Stirn.

„Danke, mein Kleiner. Aber pass bitte auf, dass sich das nicht rumspricht unter den Göttern. Wie stehen wir denn sonst da?“

Ich nickte ihr tapfer zu. Wäre doch gelacht, wenn ich das Problem nicht in den Griff kriegen würde. Immerhin kannte ich den schlausten aller Götter: Apollon. Er wusste bestimmt Rat, auch wenn das der Bitte meiner Mutter widersprach, niemandem etwas davon zu erzählen. Aber wozu sonst hat man Freunde? Ich musste nur geschickt genug vorgehen.

(…)