Soll ich´s wirklich machen?

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Quelle Pixabay (Danke!)

Immer, wenn Frau K. vor Entscheidungsschwierigkeiten stand, übergab sie ihr Anliegen einfach dem Schicksal, was sich darin äußerte, dass sie mehrere Menschen zu ihren Absichten befragte.

Natürlich geschah dies auf unterschiedliche Weise. Mal subtil, mal direkt konfrontativ, mal ganz allgemein, dann wieder sehr konkret. Mal war es die beste Freundin, mal der nette Nachbar, dann die Kassiererin im Supermarkt (-Wenn sie mir zwei zwei Euro-Stücke rausgibt, sollte ich es machen-) und eines schönes Tages verhielt es sich so:

Frau K. betrat den großen Raum, wusste gar nicht, wieso sie nun gerade hier war, aber wusste, dass die Menschen, sieben an der Zahl, die dort vor ihr standen, auf einem kleinen Podest im ansonsten leeren Dunkel des riesigen Saals von einem Spotlight angestrahlt, dass diese Personen so etwas wie die Sieben Weisen waren, die ihr nun, was ihr Vorhaben anbelangt, Rede und Antwort stehen würden.

Soll ich es also tun?“, fragte Frau K. Ihre Stimme klang ein bisschen piepsig, weil sie in Anbetracht der doch irgendwie feierlichen Atmosphäre leicht eingeschüchtert war.

Du solltest es auf jeden Fall tun“, sagte die erste Person, eine Frau mittleren Alters mit freundlichen Runzeln. „Du hast so viel Talent, ich liebe das, was du tust, schon vom ersten Blick an.“

Danke“, pieste Frau K. und wartete gespannt auf die nächste Antwort. (Das fängt gut an, finde ich, dachte sie bei sich.)

Nun“, brummte ein älterer Herr in einem karierten Anzug, „Ich denke, Sie haben auf jeden Fall das Zeug dazu. Sie müssen ein bisschen was dafür tun, aber das wird eine wie Sie doch nicht davon abhalten.“

Frau K. lächelte und freute sich. Nein, dachte sie, das wird mich, eine wie mich!, doch nicht abhalten.

Ein junges Mädchen in einer engen Jeans machte irgendeine Bewegung, die Frau K. zunächst irritierte, dann aber stellte sie aufgrund des Grinsens der jungen Frau fest, dass dies ihre Art war, Wohlbefinden und potentielle Unterstützung auszudrücken.

Und weil das junge Ding die Irritation von Frau K. nicht entging, sagte es noch: „Ey, geht voll klar, Alte!“

Voll klar“, wiederholte Frau K. zeigte einen Daumen hoch und musste ein wenig schmunzeln.

Die nächsten drei Antworten waren ebenfalls voller Zustimmung, Zutrauen und Zuversicht, kamen aus runden und freundlichen Mündern, die, wenn überhaupt, nur eine Haaresbreite von dem kritisierten, was Frau K. im Begriff war zu tun.

Doch dann bekam Frau K. Folgendes zu hören:

Ich finde, das ist eine ganz schlechte Idee.“

Die letzte Gestalt, die diese Worte sprach, war nicht wirklich als Person zu erkennen. Sie war ein wenig verpixelt, vielleicht auch verschwommen, möglicherweise war das Licht auch einfach nicht besonders professionell auf sie ausgerichtet. Es war unmöglich zu sagen, ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelte, unmöglich auszumachen, wie alt dieses Wesen war, das da so hart über Frau Ks. Pläne sprach.

Es war die letzte Stimme, die sprach. An dieser Stelle blieb Frau K. eine lange Zeit stehen, wohl um in Erfahrung zu bringen, ob die Stimme ihr noch etwas sagen würde. Nachzufragen traute sie sich aber nicht, obwohl sie gerne gewusst hätte, was genau denn „schlecht“ an der Idee war. Aber, dachte Frau K. bei sich, ich bin ja nicht blöd, ich kann das auch selber herausfinden.

Und so kam Frau K. nach einigem Nachdenken zu dem Schluss, dass diese und jene Punkte bei ihrem Vorhaben noch nicht richtig zu Ende gedacht worden waren. Dass es an der einen und der anderen Ecke sehr, sehr hakte. Dass es sicherer wäre, einfach noch eine Weile zu warten und das, was sie eigentlich schon umsetzen konnte, lieber noch einmal in die Waagschale zu werfen, um genau zu prüfen, ob es sich denn überhaupt lohnen würde.

Danke“, sagte Frau K. zu der nicht näher personifizierbaren Person.

Du hast mir sehr geholfen.“

Kurzum:

Frau K. setzte ihr Vorhaben nicht in die Tat um.

An einem anderen Tag aber, ein paar Jahrhunderte später, befand sich Frau K. aufgrund mirakulöser Gegebenheiten wieder in dem Raum, der ihr eine Entscheidung ermöglichen sollte. Sie war ziemlich wütend über diesen Umstand, denn sie empfand die Anwesenheit dort als pure Zeitverschwendung und hatte keine Lust mehr, ihr Vorhaben genau zu erklären. Daher wunderte es sie nicht, dass alle Personen (es waren die selben, wie beim letzten Mal) auf ihr Vorhaben eher verhalten reagierten, ausgenommen der einen Person, die recht optimistisch gestimmt war.

Es war Frau K. egal.

Sie verließ den Raum so schnell sie konnte

und

machte es einfach.

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Zerrissen

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Stolz wie eine Königin schritt Psyche ihren Schwestern voran. Das Schloss von außen verblüffte, doch als Tessa und Gorda den Innenraum betraten, entfuhr beiden ein spitzer Schrei.
„Sind das Edelsteine?“, keuchte Gorda.
Psyche nickte. Der Fußboden glitzerte und funkelte im Sonnenlicht und selbst sie war erstaunt über das Blitzen und Blinken.
„Habe ich euch zu viel versprochen?“, fragte Psyche.
Tessa tippte Gorda ans Kinn, die daraufhin ihren Mund schloss.
„Und es gibt noch mehr zu sehen!“, rief Psyche und zog ihre Schwestern durch die Räume. „Hier ist der Speiseraum! Hier das Bad! Hier ist mein Zimmer … und hier … das ist mein Lieblingsraum!“
Psyche schritt die Treppe zur Bibliothek hinab und bemühte sich zu erklären, was genau es mit den „Büchern“ auf sich hatte.
Tessa und Gorda sahen sie mit großen Augen an.
„Seht doch“, sagte Psyche und hielt ihnen ein Buch entgegen. „Da stehen Geschichten drin!“
Gorda und Tessa steckten ihre Nase zwischen die Buchseiten, aber schüttelten den Kopf.
„Was soll das sein?“
„Das ist meine Lieblingsgeschichte, sie handelt von einem Mädchen, das in ein verwunschenes Schloss kommt. Fast so wie hier.“ Psyche schmunzelte. „Ich muss unbedingt meinen Mann fragen, warum ihr das nicht lesen könnt.“
„Wie ist er eigentlich so, dein Mann?“, fragte Tessa.
Psyche klappte das Buch zu und stellte es zurück ins Regal. „Was wollt ihr denn wissen?“
„Na, wie er aussieht zum Beispiel. Wie alt er ist. Was er so macht. Er muss ja steinreich sein, wenn er sich das hier alles leisten kann.“
Psyche zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“
„Was weißt du nicht?“, fragte Gorda.
„Also“, sagte Psyche, „ich weiß eigentlich nichts über ihn.“
„Du weißt nichts über ihn?“, staunte Tessa.
„Na ja“, beschwichtigte Psyche. „Ich weiß, dass er hier wohnt, dass er nett ist, dass er zärtlich ist … dass er … dass er mich liebt.“
„Wo ist er denn beispielsweise jetzt?“, fragte Tessa.
„Das weiß ich nicht.“
„Wie kann das sein?“, fragte Tessa. „Stört dich das gar nicht?“
„Doch …“, sagte Psyche. „Aber ich vertraue ihm.“
„Er hat bestimmt etwas vor dir zu verbergen.“ Gordas Blick verfinsterte sich. „Als ich eine Zeitlang nicht wusste, wo sich mein Mann aufhielt, da habe ich eines Tages nach ihm gesucht und ihn in der Speisekammer gefunden. Mit der Sklavin.“
„Ich weiß nicht …“ Psyche griff an das Geländer der Treppe. Ihre Schwestern weckten mit den Fragen Gedanken, die am Grunde ihres Bewusstseins schlummerten. „Also er hat keine andere, das ist es nicht. Ich glaube, er spricht gerade mit seinen Eltern, weil …“
Psyche brach ab und biss sich auf die Lippe.
„Weil?“, hakte Tessa nach.
Seufzend sagte Psyche. „Weil sie noch nichts von mir wissen.“
„Seine Eltern wissen nichts von Dir?!“ Tessa fasste sich an die Brust. „Das heißt, ihr seid hier, zusammen … ohne … oh ihr Götter!“
„Na ja“, Psyche krallte ihre Finger in das Holz. „Vielleicht … ich glaube, er will mich vielleicht einfach nicht herzeigen.“
Psyche wandte das Gesicht ab, doch ihre Schwestern kannten sie gut.
„Nicht weinen, Psyche“, sagte Gorda und nahm Psyche in den Arm. „Nicht weinen.“
„Doch!“, schniefte Psyche. „Doch. Ihr habt ja Recht. Ich bin mir einfach nicht sicher. Er sagt zwar, dass er mich liebt. Er tut alles für mich. Aber er hat mich noch nicht einmal seinen Eltern vorgestellt. Dabei bin ich … ich bin …“
Psyche legte eine Hand auf ihren Bauch.
„Du bist schwanger?!“, keuchte Tessa entsetzt. Auch Gorda schüttelte ungläubig mit dem Kopf. „Oh Psyche! Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder weinen soll! Psyche … das ist … das ist gegen den Willen der Götter …“
„Ja“, schniefte Psyche. „Ich weiß! Und er ist einfach abgehauen, hat mich alleine gelassen. Ich weiß es doch auch nicht … ich meine jetzt, danach, er hat mir erlaubt, euch zu besuchen. Er war sehr nett.“
Gorda und Tessa blickten sich an. „Psyche, du bist eine Prinzessin. Du solltest dich nicht so behandeln lassen. Es gibt Rituale, die vollzogen werden müssen, bevor Mann und Frau … zusammen sein sollten.“
Psyche und wischte die Tränen von den Wangen. „Ihr habt ja Recht. Ich bin so unsicher. Ich weiß gar nicht mehr, was ich von all dem halten soll. Es ist wie ein Traum, aber ich habe Angst.“
„Also wenn du mich fragst“, sagte Gorda und streichelte Psyche eine Haarsträhne hinter die Ohren. „Die hätte ich an deiner Stelle auch.“
Und Tessa nickte bestätigend. „Irgendetwas ist hier faul. Gewaltig faul.“
„Aber warum sagte ihr denn sowas?“, fragte Psyche leise.
„Na, guck dich doch mal um!“, sagte Tessa. „All das hier … es ist viel zu pompös, zu gewaltig … es ist zu gut, um wahr zu sein.“
„Meint ihr … es ist zu gut für … für mich?“ Psyche ließ den Kopf hängen und blickte zu Boden.
„Nein … nein“, sagte Gorda sanft.
Tessa widersprach. „Du musst zugeben, dass es seltsam ist. Niemand wollte Psyche haben und jetzt …“
Psyche hob ihr Gesicht. Sie blickte ihren Schwestern in die Augen und nickte langsam. „Ist schon gut“, sagte sie. „Ich weiß.“
Irgendwie erleichterte es sie, dass ihre Schwestern die Dinge genauso sahen wie sie selbst. Sie hatte dem Untier gerne glauben wollen, doch jetzt, bei Tageslicht, durch die Augen ihrer Schwestern, begriff sie endlich das Ausmaß der Unwirklichkeit.
„Ich weiß ja nicht einmal, wie er aussieht“, platzte es aus ihr heraus. „Er kommt nur her, wenn es dunkel ist. Stockfinster.“
Tessa schluckte schwer und trat neben sie. „Du weißt nicht einmal, wie er aussieht?“
Psyche schüttelte den Kopf. Die Nähe ihrer Schwestern beruhigte sie. Sie spürte Gordas Hand, die ihr tröstend den Rücken streichelte, während Tessa ihren Arm sanft drückte.
„Und diesem Mann vertraust du? Einem, dessen Gesicht du nicht kennst? Der nicht einmal die wichtigsten Rituale vollzieht, bevor er dich zu seiner Frau macht? Psyche, bist du wahnsinnig geworden? Haben dir die Diamanten neben deinem Stolz sogar deinen Verstand geraubt?“
„Ich …“, Psyche brach ab. Vor Scham konnte sie kaum noch atmen.
„Bedenke, dass das Orakel von einem Ungeheuer sprach“, sagte Gorda. „Vielleicht ist das die Erklärung für all das hier.“
„Ich hatte es schon vermutete, als ich hineingekommen bin. Dieses Schloss ist eine Falle!“, wisperte Tessa.
Psyche zuckte erschrocken zusammen. „Aber das kann nicht sein!“ Ihre Stimme zitterte. „Wenn ihr ihn kennenlernen würdet, ihr würdet verstehen …“
„Psyche, sei nicht so naiv“, unterbrach sie Tessa. „Was, wenn dieses Wesen dich dazu auserkoren hat, ihm ein Kind zu gebären, damit er es fressen kann? Es gibt so viel schlechtes auf der Welt, man kann gar nicht vorsichtig genug sein!“
Psyche suchte nach einer Verteidigung, einem Argument, dass sie den Tatsachen entgegenstellen konnte. Sie fand nichts. Das einzige, was sie spürte, war bodenlose Angst.
„Mir ist unheimlich zumute“, flüsterte Gorda und nahm Psyches Hand. „Ich möchte zurück! Komm mit!“
Psyche geleitete die Schwestern zum Tor. Der Flur mit den Edelsteinen glänzte noch immer, aber zum ersten Mal sah Psyche die scharfen Kanten und Spitzen. Das dunkle Rot der Rubine, das im Licht der Dämmerung aussah wie Blut.
„Ich kann das einfach nicht glauben …“, sagte Psyche endlich. Eine kühle Brise Abendluft wehte durch das Tor. „Ich bleibe hier.“
Tessa streichelte Psyche über die Wange. „Vergewissere dich.“
„Wie soll ich mich vergewissern?“, fragte Psyche und lehnte sich an den Rahmen des Tores.
„Es wird doch in deinem Schloss irgendwo ein Lämpchen geben, ein Zunderholz … Sieh ihn dir an. Vergewissere dich.“
Und dann verschwanden die Schwestern über die Wiese, so schnell, wie sie gekommen waren. Psyche blickte ihnen lange hinterher.

Vater Morgana

 

Psyche kannte mittlerweile alle Nuancen der Dunkelheit. Sie öffnete die Augen und fühlte ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Es war noch finstere Nacht, doch das Untier war fort.
Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. War es falsch gewesen, dem Untier die Wahrheit zu sagen? Es war weggelaufen. Sie hätte ihm nichts sagen sollen. Sie kannte es gar nicht. Quälend wurde der Gedanke laut, dass das Untier an diesem Abend nicht zurückkehren würde, dass sie als hässliches Monster mit ihrem Kind leben müsste, allein in diesem menschenleeren Schloss.
Als die Sonne langsam aufging, erhellten die Strahlen das riesige Zimmer, in dem Psyche auf einem Bett lag, das so groß war, als könne es zehn Menschen einen Schlafplatz bieten. Und die seltsamen Winde raschelten durch die Vorhänge und forderten Psyche auf, ihr Frühstück einzunehmen.
Psyche betrachtete das kleine Tischchen, auf dem sich ihr Frühstück entfaltete. Die Tassen mit Blumenmustern und goldenen Henkeln, die perfekt zusammengestellten Häppchen, die kleinen, dampfenden Schüsseln mit Milch, Honig und Mus. Heute wirkte es grau und unappetitlich. Psyche ignorierte das Frühstück und ließ sich von den Winden ankleiden.
Als ihr schwindelig wurde, setzte sie sich auf einen Stuhl, den die Lüfte eiligst herangeschoben hatten. Besorgt huschte es links und rechts an ihr vorbei, wirbelte das Gewandt ein wenig auf und pustete ihr ins Gesicht. Psyches Blick fiel in den Garten, wo ein paar Vögel ihr Gefieder badeten.
„Die Vögel“, sagte Psyche, „die sind frei. Aber ich, ich bin nur ein kleiner Spatz in einem goldenen Käfig. Oder … vielleicht bin ich auch nur ein dummes Huhn in einem goldenen Käfig.“
Und dann rannte sie los, so als ob sie jemand oder etwas verfolgte. Die Winde hatten Mühe, die Flügeltüren schnell genug zu öffnen. Psyches Füße flitzten die leeren, gähnenden Gänge hinab bis zum Eingangsportal des Schlosses. Psyche stolperte hinaus, lief keuchend weiter, bis sich ihr Atem mehrmals überschlug und sie gezwungen war anzuhalten.
Langsam, ganz langsam, kam sie wieder zu sich. Das Blut wallte durch den Körper. Ihre Gedanken waren jetzt klarer, leiser.
„Hatschi!“
Sie stand mitten auf der Wiese, an dem Ort, wo sie zum ersten Mal das Schloss gesehen hatte. Damals hatte sie große Angst verspürt, die sich als unbegründet herausstellte. „Ich dachte, das Untier würde mich fressen“, überlegte Psyche.
„Bestimmt wird das Untier heute Nacht wiederkommen“, sagte Psyche zu sich selbst. Und zu ihrem Bauch gewandt sagte sie: „Es hat gesagt, dass es mich liebt, also liebt es auch dich. Bestimmt.“
Und wieder musste Psyche niesen. Tränen traten ihr in die Augen und erinnerten sie daran, warum sie es normalerweise vermied, das Schloss zu verlassen.
„Die Tatsache, dass ich immer niesen muss, wenn ich euch sehe, kann selbst ein verzaubertes Schloss nicht verändern“, sagte Psyche zu den hübschen Blumen und tupfte sich mit einem Tüchlein die Tränen vom Gesicht.
Da nahm sie auf einmal ein leises, hohes Geräusch wahr. Es schien von weither zu kommen und war Psyche doch auf eine unbestimmte Art vertraut. Sie spitzte die Ohren. Das Geräusch wurde lauter, ebbte dann wieder ab. Es war ein unterbrochenes Keuchen, ein Schniefen, ein Schluchzen.
Verwundert folgte Psyche den seltsamen Tönen, da erschien hinter den Wolken am Horizont auf einmal ein klares Bild. Psyche erkannte die Bergspitze, auf die sie einst geklettert war, kurz bevor sie ohnmächtig wurde. Dort saßen zwei Gestalten, gehüllt in schwarzen Stoff, umring von Soldaten und allerlei Gerätschaften. Sie kauerten aneinander, genau in der Felsnische, in der Psyche einst auf ihren Tod gewartet hatte. Das Bild erschien so klar und deutlich vor ihr, das Psyche fast das Gefühl hatte, sie stünde mitten darin. Und als sie noch etwas genauer hinsah, da erkannte sie: es waren Tessa und Gorda, die dort in der Felsnische saßen und weinten. Sie weinten um ihre jüngste Schwester. Sie weinten um Psyche.
Psyche winkte, nieste und Tränen liefen ihr in Strömen über die Wange. Sie spürte eine tiefe Sehnsucht nach ihren Schwestern, wollte sie trösten, ihnen sagen, dass es ihr gut ging. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, so laut sie rief, – ihre Schwestern hörten sie nicht. Als die Sonne langsam unterging und das Bild verblasste, machte sich Psyche verzweifelt auf den Weg zurück zum Schloss.