Flora und Chloris

SelfhtmlBy Harold H. Piffard (Original artist)Restoration by Adam CuerdenUniversity of Victoria Digital Collections, Public Domain, Link

Memento mori, Mensch.

Diese Worte sind vielen bekannt, wenige aber wissen, was sie bedeuten. Sie sind lateinischen Ursprungs und wurden im römischen Reich ständig wiederholt. Wie ein Mantra. Memento mori, memento mori, memento mori, …
Es gab einen festen Zeitpunkt, wann diese Worte gesprochen wurden und einen klaren Adressaten. Ein Priester (oder Sklave?) flüsterte sie dem Feldherren siegreicher Truppen ins Ohr.
Die Worte waren also eigentlich nix für die Allgemeinheit, auch wenn sie heute im kollektiven Bewusstsein rumschwirren, denn viele kennen sie. Ursprünglich galten sie nur einer einzigen, äußerst starken und mächtigen Person: Dem obersten Befehlshaber der römischen Legionen, der sie zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt hörte:

Am Tage seines Triumphes.

Was sind die Hintergründe?

Für einen Triumphzug war es den römischen Oberbefehlshabern ausnahmsweise erlaubt, ihr Heer in die Stadt zu führen. Caesar hat sich nicht mehr dran gehalten und sein Adoptivsohn Augustus wurde dann zum Regelbrecher schlechthin, aber das ist eine andere Geschichte.
Lange Zeit galt es, die militärischen Angelegenheiten, all diesen Tod und das Blut, aus Rom auszulagern. Zu einem Triumphzug aber durften alle Soldaten in die Stadt kommen.

Der Feldherr, der die Legionen in den Sieg geführt hatte, wurde an diesem Tag gefeiert wie ein Gott und seinen Untergebenen ging es auch nicht schlecht.
Es gab erstklassige und zweitklassige Triumphe. Die Erstklassigen führten über das römische Forum und mitten durch die Stadt. Da, wo der Marmor blitzte und glänzte, die Leute aus den oberen Reihen Blumen schmissen und sich reiche Senatorenfrauen die Lippen leckten.

Memento Mori.

Inmitten des Triumphzuges fuhr der Feldherr auf einer Quadriga, einem Viergespann (einem Wagen, mit vier Pferden davor). Sowas kann man heute zum Beispiel noch hier, aber auch an vielen anderen Orten der Welt, bewundern:

Selfhtml Berlin, Brandenburger Tor, Detail. By א (Aleph)Creator: Johann Gottfried Schadow – Own work, CC BY-SA 2.5, Link

Als allererstes schritten die ehrwürdigen Senatoren voran. Dahinter gingen Künstler, Musiker und Maler, die die wichtigsten Etappen der Schlacht auf großen Leinwänden darstellten und beschrieen, ihnen folgte die Beute des Raubzuges: wilde Tiere, Gefangene, Gold und Silber und andere Wertgegenstände.
Ein bisschen muss man sich das wohl vorstellen, wie bei einem Karnevalsumzug, allerdings galt eben das ganze Spektakel allein dem Feldherren, der in der Mitte des Triumphes war – und natürlich seinen Soldaten.

Memento mori.

Die Soldaten liefen ihrem Feldherrn auf der Quadriga hinterher, bildeten also den Schluss des Zuges.
Ihnen war es ausnahmsweise erlaubt … vielleicht kann man auch sagen: Vom Publikum ausdrücklich gewünscht …, dass sie ihren Chef einmal so richtig durch den Kakao zogen. Also verspotteten.

Von Caesar weiß man, dass er wohl schon in jungen Jahren sein Haupthaar verloren hatte. Sueteon überliefert folgenden Ausruf, den die Soldaten bei seinen Triumphen buhten:

„urbani, servate uxores: moechum calvum adducimus“

„Städter, sperrt die Frauen ein! Wir bringen euch den glatzköpfigen Lustmolch!!!“

Die Frage ist, wie man moechus übersetzt. Zu deutsch „Lustmolch“, oder „Ehebrecher“, passt schon ganz gut, aber ich vermute, da gibt es einen tieferen Zusammenhang, wenn man sich das mal bildlich vorstellt.

Memento mori.

Während des Triumphzuges hörte der Feldherr immer wieder diese Worte.

Bedenke, dass Du sterblich bist.
Mensch, gedenke deiner Sterblichkeit.
Du sollst dich erinnern, dass Du sterben wirst.

Na ja, und dann guckte man(n) halt wieder auf all die schönen Blumen und Blüten, die aus den oberen Etagen herabgeschmissen werden.

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By Margo AlisonOwn work, CC BY-SA 4.0, Link Flora, modern.

Selfhtml By Anselm Feuerbach – http://www.bildindex.de/document/obj00052914, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3245130

Selfhtml Flora 19. Jahrhundert.

By Edward Burne-Jones – repro from artbook, Public Domain, Link

Selfhtml Flora, 16. Jahrhundert.
By Enea Vico (Italy, Parma, 1523-1567) – Image: http://collections.lacma.org/sites/default/files/remote_images/piction/ma-31880853-O3.jpgGallery: http://collections.lacma.org/node/171059, Public Domain, Link

Selfhtml Chloris.

By Ntennis – English wikipedia, Public Domain, Link

Selfhtml Zephyr und Chloris.

By Sandro BotticelliWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link

Selfhtml Aus Chloris wird Flora.

By Sandro Botticelli – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.Extract to File:Sandro Botticelli 038.jpg, Public Domain, Link
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By Sandro Boticelli – Uffizi Gallery, Public Domain, Link

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Mosaik Flora(?), ohne Datum. By JerzystrzeleckiOwn work, CC BY 3.0, Link

Selfhtml Hochzeit von Zephyr und Chloris, ca. 50 n. Chr. By original file by Stefano BologniniFile:Affreschi romani – pompei – nozze zefiro e clori.JPG, Attribution, Link

SelfhtmlFlora, Fresco aus Stabiae, ca. 1 Jh. n. Chr. By unknownOwn work, Public Domain, Link

Flora, um die der Artikel heute handelt, ist die römische Göttin des Frühlings – und der Getreide-Blüte. 😉 Auf den obigen Bildern ist manchmal auch Chloris zu sehen. Flora und Chloris sind ursprünglich dieselbe, also Flora war mal Chloris – und wie man auf dem Bild von Botticelli sehr gut erkennen kann, verwandelt sich Chloris durch die Annäherung vom Zephyr (der in meinem Roman übrigens auch eine Rolle spielt) in Flora.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Irgendwann mal las ich, dass Botticellis Primavera (der Frühling), das am meisten gekaufte Bild überhaupt ist, aber so richtig interpretiert hat es noch keiner (auch wenn es einige Ansätze gibt).
Wer sich für die Entstehungsgeschichte und Interpretationsansätze des Bildes interessiert, der kann sich auf den folgenden Seiten dazu einlesen. Am meisten interessiert mich aber eure persönliche Ausdeutung des Bildes, ganz ohne Bezug zu den Interpretationen, wenn es eine gibt. Kurzum: wer mag, darf und soll mir bitte gerne einen Kommentar dazu hinterlassen! Ich bin soooo gespannt!!!

https://de.wikipedia.org/wiki/Primavera_(Botticelli)

http://www.kunstdirekt.net/Symbole/allegorie/botticelli/fruehling/allegorie-fruehling.htm

https://wize.life/themen/kategorie/kultur/artikel/34639/kunst-verstehen-mit-grazie-viel-erotik-und-sandro-botticelli-in-den-sanften-fruehling-…

Hier das Bild noch mal:

SelfhtmlBy Sandro Boticelli – Uffizi Gallery, Public Domain, Link

Bei all den Ausdeutungen, Blumen und Blüten, kommt mir übrigens noch ein anderer schöner Spruch (von Horaz) in den Sinn:

Carpe Diem.

Pflücke den Tag.

Ein paar abschließenden Worte.
Abschließend, weil die Reihe „komische Götter“, so langsam zu Ende geht. Am 11.12. erscheint, wenn alles klappt, mein Buch. Bis dahin gibt es noch drei Donnerstage und drei Beiträge zur Göttin Diana, zum Goldenen Esel und zu Apuleius. Der Goldene Esel, by the way, ist das Buch von Apuleius, aus dem auch „Amor und Psyche“ stammen.
Ich möchte gerne die historischen Hintergründe beleuchten und dann werde ich ein wenig in der Versenkung verschwinden. Ich plane einen Umzug (ich hatte es vor einem Jahr schon mal angekündigt, aber jetzt ist die Zeit) und außerdem werde ich – mit dem Wissen der “komischen Götter”-  ein neues Buch schreiben.

Seid herzlichst gegrüßt!

Eure

Runa
Phaino

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Die Lupercalien

Bereits ein paar Tage vor dem Fest der Bacchanalien, nämlich am 15. Februar, feierten die Römer die sogenannten Lupercalien, ein Reinigungs- und Fruchtbarkeitsfest.

Die Feier fand statt in einer Art Grotte/Höhle – einem sogenannten „Lupercal“- auf dem/in dem römischen Hügel Palatin, von dem man aber heute nicht mehr genau weiß, wo es sich befand und wie es aussah. Allerdings könnte es Ähnlichkeiten mit diesem Gebilde hier, einem Nymphäum, gehabt haben, wobei es wahrscheinlich noch tiefer im Gestein verborgen war.

SelfhtmlCC BY-SA 3.0, Link

Möglicherweise handelt es sich bei dieser im Jahr 2007 entdeckten, reich geschmückten Höhle um das Lupercal, – das ist aber noch nicht abschließend erforscht.

SelfhtmlFair use, Link

Im Begriff Lupercalien steckt das lateinische Wort Lupa, zu Deutsch: „Wölfin“ (bzw. lupus = Wolf). Die Wölfin hatte für Rom eine besondere mythische Bedeutung, war sie doch das Tier, das den Gründer der Stadt Romulus gesäugt hatte, – und natürlich auch seinen später unwichtigen, da ermordet-toten Zwillingsbruder Remus.

Selfhtml Romulus und Remus und die Wölfin. By Benutzer:Wolpertinger on WP de – Own book scan from Emmanuel Müller-Baden (dir.), Bibliothek des allgemeinen und praktischen Wissens, I, Deutsches Verlaghaus Bong & Co, Berlin-Leipzig-Wien-Stuttgart, 1904. Image copied from de:Bild:Kapitolinische-woelfin 1b-640×480.jpg, Public Domain, Link

Der Ablauf des Festes begann mit verschiedenen Bocksopfern, deren Blut und Fell von jungen, lachenden Männern benutzt wurden, die sich in einer Zeremonie – ausgeführt durch den sogenannten „flamen dialis“ (Jupiter/Zeus Oberpriester) und den Vestalinnen (Priesterinnen der Göttin Vesta)- damit bemalten und bekleideten (blutiger Lendenschurz … nun ja) und durch die römischen Straßen zogen. Dabei stellten sich ihnen gerne verheiratete Frauen in den Weg und ließen sich von sogenannten „Fellriemen“ (also abgeschnittenen, dünnstreifigen Teilen der frisch gehäuteten Böcke) auf die Hände schlagen, da dies angeblich Glück in der Ehe brachte.
Man fragt sich, was für eine Crux diese Ehe sein muss, wenn einem nur gehäutete Schafsbockriemen dabei Glück bringen können. 😉

SelfhtmlBy Andrea Camasseihttp://www.museodelprado.es/imagen/alta_resolucion/P00122.jpg, Public Domain, Link

Ein „Bock“ ist übrigens per definitionem das männliche Tier von Ziege, Schaf und/oder Reh. – Bei den Lupercalien wurden aller Wahrscheinlichkeit nach Ziegen geopfert.

Das Fest war wohl ein sehr beliebtes Spektakel bei den Römern, denn es konnte erst im 5. Jahrhundert nach Christus – als letztes heidnisches Fest – von der christlichen Kirche (die sich ab dem 3. Jahrhundert in Rom etablierte) verboten werden.

Die Lupercalien hatten, wie kann es anders sein, einen antiken Vorläufer in Griechenland, die sogenannten Lykaien, von lykos = Wolf. Es gibt noch heute den Berg/Hügel, auf dem sie angeblich stattgefunden haben, den Berg Lykaion in Arkadien, – natürlich in Griechenland lokalisiert.

SelfhtmlBy Danno1Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Über die Lykaien weiß man noch weniger als über die Lupercalien. Es ist auf jeden Fall die Rede von Kannibalismus und jungen „Werwolf“-Männern, und auch  – laut Platon – von Menschenopfern.

Das Fest der Lykaien geht zurück auf einen Mythos, der von einer kannibalistischen Opferungsgeschichte handelt, von der mehrere Varianten vorliegen.

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By Hendrik Goltziushttp://instruct1.cit.cornell.edu/courses/shum404/gallery.htm, Public Domain, Link

Wie man auf dem Bild sehen kann, geht es ums Essen (Tisch), um die Verwandlung in einen Wolf (ganz rechts) und um Zeus/Jupiter, den Göttervater, (ganz links). In allen überlieferten Varianten setzt Lycaon, König der Arkadier, den Göttern Menschenfleisch zum Essen vor und denkt, sie merken es nicht. Tun sie aber doch und dafür wird Lykaon zur Strafe in einen Wolf verwandelt. In manchen Varianten ist das Essen sogar sein eigener Sohn, in manchen Varianten der Sohn von Zeus/Jupiter und Kallisto – ein junger Bursch´ namens Arcas.

Die Geschichte dieses Jungen namens Arcas verdient ebenfalls eine nähere Betrachtung.

Selfhtml By Peter Paul RubensOwn work, Elinore, 2015-07-09 00:11:01, Public Domain, Link

Auf diesem Bild sehen wir zwei Frauen: Kallisto und … Jupiter.
Jupiter hatte sich in eine Frau verwandelt, um Kallisto zu verführen. Die gehörte nämlich zur Nymphenschar von Diana und war so gar nicht interessiert an Männern. Allerdings mochte sie Diana wohl ganz gerne, so dass Jupiter sich entschied, ihr in dieser Gestalt zu begegnen und so auch erfolgreich bei seinen Annäherungsversuchen war.
Beide bekommen dann ein Kind, den bereits erwähnten Arkas, was der Vater von Kallisto – namentlich unser wolfiger Lykaon – dann Jupiter ins Essen mixt. (In dieser Version also Jupiters Kind und Lykaons Enkel.)
Lykaion wird dann, wie gesagt, zur Strafe in einen Wolf verwandelt, Arkas allerdings wird von Jupiter wieder zum Leben erweckt und entwickelt sich zu einem geschickten Jäger.
Allerdings jagt er eines Tages seine eigene Mutter Kallisto, die zuvor von Juno/Hera (der Ehefrau Jupiters/Zeus´) aus Eifersucht in einen Bären verwandelt wurde.
Damit es nicht zum Schlimmsten kommt, setzt Jupiter sowohl Arkas als auch Kallisto als Sternenbild an den Nachthimmel, und dort sind sie noch heute.

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Von Till CrednerEigenes Werk: AlltheSky.com, CC BY-SA 3.0, Link

Die Indianer sahen in dem Sternbild übrigens ebenfalls einen Bären, die Kirgisen einen bzw. mehrere Wölfe. Im Alten Ägypten war das Sternbild als „Schenkel des Seth“, Gott des Chaos und Verderbens, bekannt.

Interessant ist an dieser Stelle ein Blick in den ägyptischen Mythos von Seth. Es ist nämlich eine Kampfgeschichte: Horus (Lichtgott) gegen Seth (Onkel von Horus), ein Motiv (Götterkampf), das wir im Ansatz schon im Beitrag über Saturn kennegelernt haben. Die Geschichte hat als Motiv u.a. auch Homosexualität (gerade thematisiert bei Jupiter-Kallisto/Sternbild) und einige sehr verwirrende Elemente. Ich zitiere:

„Horus fing jedoch den Samen des Seth auf und brachte ihn seiner Mutter Isis. Diese schnitt ihm daraufhin die Hand ab und warf sie ins Wasser. Doch anschließend ließ Isis die Hand des Horus wieder nachwachsen und benutzte nunmehr den Samen des Horus für eine List, in dem sie ihn auf die Lattiche goss, die Seth täglich aß. Dadurch wurde Seth nun unwissentlich geschwängert.“ Quelle

(Ich kenn ja ein paar krude Mythen, aber WHAT THE FUCK?????) 🙂

Selfhtml Seth. By NeithsabesOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Die Lupercalien als Fest bezogen sich auch auf eine Gottheit, nämlich den Gott Faunus, der für Natur, Hirten, Bauern und Äcker verantwortlich war.
Faunus Gattin Fauna wird bisweilen mit Bona Dea identifiziert. Faunus selbst galt als „Wolfsabwehrer“, später wurde er dann zu einer Art lüstern-charmantem Waldgreis – ähnlich einem Satyr. Im Griechischen entspricht ihm Pan.

Selfhtml Pan. By Arnold Böcklin – 1. artonline.it2. echos-de-mon-grenier.blogspot.de, Public Domain, Link

SelfhtmlBy Annibale CarraccinAHM7NeACl7Xpg at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Übrigens, der oben erwähnte Lykaion (der König, der Kinder verfüttert und dann in einen Wolf verwandelt wird), ist der Sohn von König Pelasgos, der in manchen antiken Quellen gar als eine Art „Adam“ (bzw. erster Mensch) daher kommt.
König Pelasgos hat den Menschen angeblich die Landwirtschaft beigebracht und sie davon überzeugt nur gesundes Zeug zu essen. Außerdem gibt es ein Stück von Aischylos über ihn, das wie ein Spiegelbild zum „Raub der Sabinerinnen“ wirkt, zumindest, wenn man dem grundlegenden Erzählstrang folgt.
Die Sabinerinnen, wir erinnern uns, wurden von den Römern so mehr oder weniger gekidnappt, weil sie gerne auch ein paar Frauen und nicht nur Krieger sein wollten.

Aischylos nun schreibt (noch zeitlich vor der Geschichte mit den Sabinerinnen übrigens) ein Stück mit dem Namen „Danaiden“ oder „Die Schutzflehenden“.

SelfhtmlBy Auguste Rodin, French, 1840 – 1917.Own work by Ad Meskens., CC BY-SA 3.0, Link

Die Danaiden kommen zu König Pelasgos, oder besser gesagt, sie fliehen vor einer Zwangsheirat mit ihren Vettern. König Pelasgos ist hin und hergerissen zwischen der Gefahr eines Krieges und seinem Gewissen, denn er müsste „Schutzflehenden“ eigentlich Gastfreundschaft und Schutz anbieten. Sofern ich die Geschichte richtig verstanden habe, erhalten die Danaiden am Ende der Erzählung diesen Schutz.

Aber.

Was ein wenig verrückt anmutet ist Folgendes.
Es gibt einen sehr alten Ausdruck namens „Danaiden-Arbeit“. Der eine sehr anspruchsvolle und mühevolle (und sinnlose) Arbeit bezeichnet, wie zum Beispiel die auf dem Bild unten gezeigte: Wasser in einen hohlen Kessel schütten.
Wie passt das mit der Geschichte von Aischylos zusammen?

Selfhtml Waterhouse, The Danaids. Von John William Waterhousehttp://www.art-reproductions.net/images/Artists/James-Waterhouse/The-Danaides.jpg, Gemeinfrei, Link

Die Autoren, auf die die etwas andere Art der Danaiden-Geschichte zurückgeht, sind ein wenig jünger als Aischylos.
Auffällig ist, dass diese jüngeren Autoren die Danaiden als Mörderinnen ihrer Ehemänner darstellen, die dann ebenfalls nach Griechenland fliehen, aber zur Strafe im Tartaros Wasser in hohle Kessel füllen müssen.

Selfhtml Die Danaiden töten ihre Männer. By Robinet Testardhttp://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b10532597d/f346.item, Public Domain, Link

Besonders spannend wird es, wenn man sich bei diesen Autoren die Namen der – angeblich – 50 Danaiden durchliest. Darunter sind nämlich so bekannte Namen wie Kleopatra, Philomela, Skylla … (gut, manche sind nicht sooo bekannt, aber für Antike-Kenner durchaus mal schon so vom Hörensagen zumindest). 😉
Ich belasse es aber erstmal dabei, der Artikel dreht sich ja um das schöne Wolfsfest.

Selfhtml Evander. By Published by Guillaume Rouille (1518?-1589) – “Promptuarii Iconum Insigniorum”, Public Domain, Link

Evander (Euandros; Evander von Pallantion (Stadt)), war ein Königssohn aus Arkadien, dem in manchen Mythen sogar göttliche Abstammung zuteil wird (Sohn von Hermes/Merkur, Botengott und der Nymphe, bzw. späteren Göttin Carmenta (carmen, inis n. = Gedicht)). Einige Quellen nennen ihn auch als (Mit)Gründer der Stadt Rom, die ja heute noch einen Hügel hat (Palatin), der augenscheinlich Ähnlichkeit mit dem Namen und der Herkunft Evanders aufweist (siehe: “Pallantion”).
Darin steckt etymologisch ein und dasselbe, mythisch sehr faszinierende, Wort, vermute ich zumindest, nämlich: „PALLAS“. Das wiederum bedeutet „Kriegerin“ und ist auch in “Pallas Athene” enthalten.

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By Bartholomeus Spranger[1], Public Domain, Link

Pallas und Athene waren ursprünglich zwei voneinander unterschiedene Geschöpfe.
Sie mochten sich und kämpften bzw. übten ab und zu miteinander, was Jupiter/Zeus (der Vater von Athene) in große Sorge versetzte. Er entschied sich, seine Tochter zu schützen und griff in den Kampf ein – und zwar mit einem Ziegenfell, also ein Bocksfell, wie es bei den Lupercalien zerschnitten wurde(!) -, das über einen Schild gespannt war.
Diesen Schild nannte man “die Aigis” und er wurde häufiger dafür verwendet, wenn die Götter jemanden schützen wollten. – Vom Motiv „Schutz“ war ja auch bei den Danaiden schon die Rede.
Bei Pallas und Athene erwies sich dieser Schutz aber als nutzlos. Pallas starb und seither trägt Athene ihren Namen.

In vielen Quellen gilt Evander als Stifter und Gründer der Lupercalien. Der damalige König Faunus (ist die Namensgleichheit mit dem Gott Faunus ein Zufall?) hatte Evander das Gebiet des Palatin geschenkt, auf dem er dann seine Stadt gründete. Das alles soll übrigens einige Jahrzehnte vor dem Trojanischen Krieg geschehen sein.

Selfhtml Carmenta. Von Published by Guillaume Rouille (1518?-1589) – “Promptuarii Iconum Insigniorum”, Gemeinfrei, Link

Über Evanders Frau (bzw. Mutter, wie sie in einigen Quellen auch bezeichnet wird) kann man folgendes lesen:

„Die römischen Frauen feierten ihr zu Ehren am 11. und 15. Januar das Fest der Carmentalia. In der Nähe der nach ihr benannten porta Carmentalis befanden sich zwei Altäre, an denen ihr geopfert wurde. Der jüngere dieser Altäre wurde gestiftet, nachdem den Matronen seitens des Senatsdie Benutzung von Wagen (carpenta)verboten worden war. Sie reagierten mit Entzug des ehelichen Geschlechtsverkehrs, bis das Verbot wieder aufgehoben wurde. In der Folge kam es zu einem reichen Kindersegen, für den die Frauen zu Ehren der Carmenta einen Altar errichteten.
Der spätere Mythos machte sie zur Mutter des Euandros und sie wurde mit dessen anderen Müttern gleichgesetzt, mit Themis und Tyburs, der Stadtgöttin von Tibur, vor allem aber mit Nicostrata (altgriechischΝικοστράτη Nikostrátē). Nur Plutarch sah sie als Gattin des Euandros. Als dessen Mutter wurde Carmenta in die Legendenbildung um die Gründung Roms aufgenommen. Sie soll mit Euandros den Palatin erstiegen haben. Dabei kam ihr die Vision der späteren Stadt Rom. Als sie ein Alter von 110 Jahren erreicht hatte, soll ihr Sohn sie getötet haben. Unterhalb des Kapitols errichtete er ihr den ersten Altar.“ Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Carmenta

In dieser Erzählung liegen bekannte Motive vor: „Kein Sex (wenn Krieg)“, kennt man schon aus Aristophanes noch heute gerne aufgeführtem Stück Lysistrata.
Der Muttermord ist vor allem ein Motiv in Aischylos´ Orestie. … Es wäre interessant, darüber nachzudenken, warum diese Mythen sich gerade in diesem Mythos wiederfinden, zumal es ja auch gerade bei Arkas um einen beinahe Muttermord geht, der von Jupiter durch die Erschaffung eines Sternbilds verhindert wird.

Historisch betrachtet lösten die Lupercalien die sogenannten Februalien/Februalia ab, ein wahrscheinlich noch älteres Reinigungsfest. Der Name unseres Monats Februar geht  darauf zurück.
Es ist fraglich, ob die Lupercalien auch etwas mit dem Valentinstag zu tun haben könnten. Zeitlich liegen/lagen beide Termine fast auf demselben Tag, zum Valentinstag ist allerdings zu sagen, dass dieser auf einen christlichen Bischof in Rom zurückgeht, der trotz des Verbotes (das Christentum war ja erst ab dem 3. Jahrhundert offiziell Staatsreligion und vorher wurden Christen in Rom verfolgt und getötet) christliche Liebespaare verheiratete.
Eine mögliche Verbindung könnte darin bestehen, dass auch bei den Lupercalien für „Glück in der Liebe/Ehe“ gesorgt wurde, durch eben diese abgeschnittenen und zerteilen Bocksfellriemen.
Gibt es eine schönere Art, seine Liebe zu zeigen??? 🙂

Die Zwei-Zehn-Götter


Der Olymp. Von Charles-Amédée-Philippe van Looonline, Gemeinfrei, Link

Der folgende Beiträg enthält eine Übersicht über die Herkunft der zwölf olympischen Götter und ihren Auftritt in meinem im Dezember 2017 erscheinenden Roman „Amor und Psyche“. Abschließend gibt es einen Exkurs zur Zwei-Zehn oder Zwölf (12) – eine Zahl mit mythologischem Hintergrund.

Die Götter der Griechen und Römer waren überaus zahlreich. Es gab aber sowohl in Griechenland als auch in Rom ein festes Pantheon, also ein Verständnis davon, wer zu den Hauptgöttern zählte. Bereits von antiken Autoren werden 12 Götter zu den Hauptgöttern gezählt.
Die europäische Kultur-Geschichte begann allerdings weder mit den Römern (ca. 6. Jh. v. Chr.) noch mit den Griechen (ca. 9. Jh. v. Chr.), sondern mit solch weitgehend unbekannten Völkern wie den Hethitern, Assyrern, Urartäern, Babyloniern, Sumerern. Dies sind alte Hochkulturen, die ebenfalls mehrere Götter verehrten. Die Geschichte der Sumerer beginnt beispielsweise schon im Jahr 5000 vor Chr. Bekannter, aber nicht älter, sind nur die Ägypter.

Typisch für die Assyrer: Menschenköpfige, bärtige Flügelwesen. Von Austen Henry Layard 1817-1894. – (Originaltext: aus Layards Buch “Nineveh and Babylon; a narrative of a second expedition to Assyria during the years 1849, 1850, & 1851”), Gemeinfrei, Link

Keilschrift Keilschrift. Schriftzeichen dieser alten, eher unbekannten Kulturen. – Der Grund, warum auch der „Lehmofen“ seinen Namen trägt, denn die alten Texte wurden früher im Ofen wie Kekse „gebacken“. Von Hammurabi, King of Babylonia;Ungnad, Arthur, b. 1879 – https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14576489278/Source book page: https://archive.org/stream/briefeknighamm00hamm/briefeknighamm00hamm#page/n19/mode/1up, No restrictions, Link

Die Geschichte „vor” dem Jahre 0 mit den Menschen, die an viele Götter glaubten, dauerte also bereits viel „länger“ als die Geschichte nach dem Jahr 0, die – zumindest heute – erst in den achten von insgesamt 12 Monaten, also August 2017, reicht.

Man kann sagen, dass alle römisch-griechischen Götter schon in den Gottheiten der alten Kulturen angelegt sind. Ähnlich wie im Beitrag über Mutunus Tutunus  sind es zwar niemals dieselben Götter, aber ihre Eigenschaften überschneiden sich. So ist z.B. Venus die Göttin der Liebe bei den Römern, Aphrodite bei den Griechen, Ishtar bei den Babyloniern, Inanna bei den Sumerern.
Auf der Website http://www.diegoetter.de findet man dazu viele Hintergrundinformationen.

Venus Venus/Aphrodite in einer bildnerischen Version des frühen 20. Jh. By Herbert James Draperhttp://1.bp.blogspot.com/_-H-t Wz1VNU/SoBcp_6TLKI/AAAAAAAAFIc/oIs6S25o8C4/s1600-h/Draper_PearlsOfAphrodite_100.jpg (cropped), Public Domain, Link

Ishtar Ishtargravur auf einem Tongefäß. By © Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons, Public Domain, Link

Teil eines ehemaligen Inanna-Tempels in Uruk. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Doch nicht nur die Götter und ihre Eigenschaften, auch die Erzählungen von den Göttern überschneiden sich, verändern sich aber auch mit der Zeit. So gibt es einen sehr alten Mythos über Inanna und Dumuzi, wo – je nach Quelle – mal er, mal sie in die Unterwelt geschickt wird oder selber dorthin geht und später wieder rauskommt. Bei den Griechen/Römern findet sich die Geschichte in abgewandelter Form für Persephone/Proserpina und Hades/Pluto wieder.
Und auch im Christentum hat die Geschichte – in etwas anderer Form – Einzug gehalten und wird bis auf den heutigen Tag erzählt. An Karfreitag stirbt Jesus, am Ostersonntag darf er das Totenreich verlassen, ist „auferstanden von den Toten“. Und auch viele andere Kulturen kennen diese Art von Erzählung. Ein eigener Blog-Artikel dazu würde sich lohnen. 🙂

Unterwelt Hier ein Beispiel aus der nordischen Mythologie. Heimdall verlangt die Rückkehr Iduns aus der Unterwelt. By Carl Emil Doepler (1824-1905) – Wägner, Wilhelm. 1882. Nordisch-germanische Götter und Helden. Otto Spamer, Leipzig & Berlin. Page 285., Public Domain, Link

Diese Erzählung von “Tod und Auferstehung” hat also den Wandel der Zeiten bis auf den heutigen Tag überdauert. Warum das so ist, kann man nur vermuten. Ich denke: Zum Einen erleichtern diese Unterwelts-Rückkehr-Geschichten die Tatsache, dass der Mensch irgendwann einmal stirbt. Zum Anderen gibt es diesen Kreislauf von „Untergang“ und „(Wieder)Geburt“ auch ganz faktisch schon seit Menschengedenken, da sich die Sonne (oder auch der Mond) mal länger und mal kürzer am Himmel aufhält im Laufe unseres in 12 Abschnitte eingeteilten Jahres.

Tagundnachtgleiche Ein Astrologe beobachtet die Tag-und-Nachtgleiche. Im Hintergrund Adonis und Venus. (ca. 17. Jh. n. Chr.) By Domenicus van Wijnenpl.pinterest.com, Public Domain, Link

Dieser Erzählung – auf ihre Grundaspekte reduziert – ist auch kein europäisches, sondern ein weltweites Phänomen. Denn auch in anderen, alten und moderneren Gedankensystemen findet sich diese Spannung zwischen „Werden“ und „Vergehen“, „Tag“ und „Nacht“, „Frau“ und „Mann“.
Das bekannteste Symbol dafür ist wohl dieses hier:

Ying Yan Yin Yang. By Kenny Shen – Own work, Public Domain, Link

Für Spannungen ist auch das römisch-griechische Pantheon bekannt. Denn darin finden sich genau 6 Frauen und 6 Männer, verquere Beziehungen, Liebe und Triebe. Bzw. dieselbe Anzahl männlicher und weiblicher Gottheiten.

Namentlich sind es griechisch/römisch:

Zeus/Jupiter
Hera/Juno
Poseidon/Neptun
Demeter/Ceres
Minerva/Athene
Apollon/Apollo
Artemis/Diana
Ares/Mars
Aphrodite/Venus
Hephaistos/Vulkanus
Hermes/Merkur
Hestia/Vesta

Hochzeit Hier ein Schnappschuss von ihnen auf der Hochzeit von Amor und Psyche. (16. Jh. n. Chr.) By Creator:Raphael (Raffaello Sanzio or Santi)http://www.metmuseum.org/art/collection/search/692282This file was donated to Wikimedia Commons by as part of a project by the Metropolitan Museum of Art. See the Image and Data Resources Open Access Policy Deutsch | English | Esperanto | Português | +/−, CC0, Link

Der Einfachheit halber bleibe ich bei der Namensverwendung in der römischen Variante. So habe ich es auch in “Amor und Psyche” gehandhabt.

Jupiter ist der Göttervater und wurde im Großen und Ganzen in seiner ursprünglichen, antiken Variante belassen. Als letztgeborener Sohn des Titanenpaares Kronos und Rhea, erhält er von seiner Mutter die Aufgabe, all seine Geschwister, die der Vater aus Angst vor Entmachtung gefressen hatte, zu befreien und dann über die Erde zu herrschen.
Nicht alle Olympier sind aber die Geschwister Jupiters. Und sein Bruder Pluto, der Gott der Unterwelt, der in meinem Buch eine ganz entscheidende Rolle spielt, zählt historisch betrachte nicht einmal zu den großen 12 Göttern, die über die Erde herrschen. – Er ist eben ein Unterweltsgott.

Jupiter Adler. Jupiter und Ganymed. Und Prometheus. (16. Jh.) By Christian Griepenkerl – found online [2], James Steakley, Public Domain, Link

Hades Pluto und Proserpina. Und der Zerberus. (19. Jh.) By Publisher: Eduard Trewendt, Atelier für Holzschnittkunst von August Gaber in Dresden – Mythologie der Griechen und Römer für die reifere und gebildete weibliche Jugend,Von Julie Hoffmann; 264 Seiten, Breslau 1864, Public Domain, Link

Apollo und Diana kommt in meinem Roman eine besondere Stellung zu. Diana, die Mondgöttin, habe ich in ihren Eigenschaften ebenfalls sehr „natürlich“ übernommen. An Apollo, Amors bestem Freund, habe ich mich schriftstellerisch allerdings ausgetobt.
Klassischerweise ist er der Gott der Erkenntnis und des Lichts, in meinem Roman „Amor und Psyche“ wird er zum Sonnengott erhoben.
Das mag unter anderem an Bildern wie diesen liegen:

Phaeton Phaeton auf dem Wagen von Apollo. (18 Jh.) By Nicolas Bertin, Public Domain, Link

Apollo Apollo in seinem Wagen. By Cosmas Damian AsamHQFUx1ynbAZohw at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Aurora und Apollo Aurora und Apollo. By Costantino Cedini – Sotheby’s, Sale N08952 (New York, 2013-01-31–2013-02-01), Public Domain, Link

Venus und Mars spielen als Amors Eltern eine ebenfalls wichtige Rolle. Daneben auch Vulkanos, der beziehungstechnisch betrachtet der Stiefvater von Amor ist.

Venus und Mars Venus und Mars (antikes Fresco mit Magd und Amor). By SailkoOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Venus und Mars Venus, Mars und Amor. By SailkoOwn work, CC BY 3.0, Link

Vulkanos und Venus und Mars Vulkanos genervt von Venus und Mars Affaire. By Guillemot, Alexandre Charles (1786 – 1831) – Artist (French)Details of artist on Google Art ProjectNgFVL6Vteg3K6Q at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Juno (Muttergöttin), Ceres (Göttin des Getreides), Neptun (Gott des Meeres), Athene (Göttin der Weisheit), Merkur (Götterbote) und Vesta (Göttin des ewigen Herdfeuers) spielen bei „Amor und Psyche“ keine umfangreiche Rolle, kommen aber als Nebenfiguren vor.

Hera Juno. By VaskryOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Demeter Ceres. By SteffenheilfortOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Poseidon Neptun. By No machine-readable author provided. Neuceu assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 3.0, Link

Minerva Athene. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Hermes Merkur. By Phidias (?) – original photo by Marie-Lan Nguyen (September 2009), CC BY 2.5, Link

Hestia Vesta. By Unknown[1], Public Domain, Link

Dafür finden sich in „Amor und Psyche“ einige andere Figuren der Antike, z.B. diese hier:

Pan Pan. Hier mit Venus und Amor. By Tilemahos Efthimiadis from Athens, Greece – Group of Aphrodite, Pan and Eros. About 100BCUploaded by Marcus Cyron, CC BY-SA 2.0, Link

Musen Die Musen. By Pierre Puvis de Chavannes – Pierre Puvis de Chavannes, 1884-1889, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584966

Und nicht zuletzt gebührt eine besondere Ehre den beiden Protagonisten, die allerdings nicht zu den Hauptgöttern des Olymp zählen.

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Reinhold Begas (1831-1911) – Alte Nationalgalerie, CC0, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Ernst Roeber (1849-1915) – Dorotheum, Public Domain, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Adamo Tadolini (Skulptur), Carlo Brogi (Fotografie) – Eigener Scan, Mediathek des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Public Domain, Link

In meiner Interpretation handelt es sich bei ihnen um die beiden “Urprinzipien” von “Herz” und “Verstand” oder Liebe und Geist (Gedanken), einem göttlichen und einem menschlichen Aspekt, die eigentlich zusammen gehören, sich aber erst dann erkennen, wenn sie einander verlieren.

Was hat es nun mit der Zahl 12 auf sich?

Wenn man sich die Entstehung von Zahlsystemen ganz allgemein ansieht, landet man unweigerlich wieder bei den frühen Hochkulturen. Auf die Babylonier geht beispielsweise unsere – noch heute gültige – Einteilung der Stunde in 60 Minuten zu je 60 Sekunden zurück. Sehr wahrscheinlich ist dies ein Ansatz, den auch schon die Sumerer verfolgten.

Babylonisches Zahlsystem Babylonische Zahlen. Von Josell7File:Babylonian_numerals.jpg, GFDL, Link

60 besteht aus 5 x 12. Der Tag besteht aus 2 x 12 Stunden. Das Jahr aus 12 Monaten (der Mond umrundet die Erde in einem Jahr meistens 12 Mal, manchmal auch 13 Mal, dazu gkazakou).
Das römisch-griechische Pantheon besteht, wie oben beschrieben, aus 12 Hauptgöttern.

Daneben findet man diese Zahl in vielen anderen Gedankensystemen:

Odin hatte 12 Söhne.

Das heidnische Fest der „Rauhnächte“ dauert(e) 12 Tage. (Nacht Wintersonnenwende/etwa Weihnachten bis 6. Januar.)

Jesus hatte 12 Jünger.

Jakob (eine Figur des Alten Testaments/Bibel) hatte 12 Söhne, die die 12 Stämme Israels (Judentum) begründeten.

Die Stadt Jerusalem hat (immer noch) 12 Tore, die von 12 Engeln bewacht werden (wer weiß?).

Mohammed hatte – in einer Richtung des Islam (Shia, 12er-Shiiten, heute v.a. im Iran ansässig) – 12 ihm nachfolgende Imame. Ein Imam ist ein muslimisches Oberhaupt, an das man sich mit religiösen Fragen wenden kann. Sie sind also als eine Art Priester tätig, haben aber auch politische/weltliche Aufgaben.

In China gibt es die Einteilung der Zeit in einen 12-Jahres-Rhythmus, sogenannte „Erdzweige“. (Vergleichbar mit unseren Sternzeichen, Horoskopen.)

Die Ritter der Tafelrunde hatten die Anzahl 12.

Mit etwa12 Jahren galten Menschen im Mittelalter (und auch in der Antike) als „erwachsen“. Heutzutage beginnt etwa dann die Pubertät.

Die Gebrüder Grimm haben die Zahl in einigen Märchen verwendet. (Dornröschen, Die 12 Brüder …)

Im römischen Reich gab es 12 Liktoren (Bodyguards für damalige Politiker), die Rutenbündel (teils 12 Ruten + Beil) als Zeichen ihrer Macht getragen haben.

Im 12. Monat des Jahres 2012 sollte – dem Maya-Kalender zufolge – die Welt untergehen.

Und last but not least:

Es gibt 12 Jyotirlinga(m)s: die 12 heiligsten indischen Tempel für den Gott Shiva.  – Ein letzter, aktueller Bezug zu: Mutunus Tutunus 🙂 

Fest zu Ehren Shivas mit Lingam-Repräsentationen. By ChaubalsOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Die Hoffnung stirbt zuletzt

An diesem Morgen verließ Amor Psyche kurz vor Sonnenaufgang, indem er sie küsste. „Ich werde heute mit meiner Mutter sprechen. Bald werden wir zusammen sein. Bis dahin lasse dich von deinen Schwestern trösten.“
„Geh nicht“, flüsterte Psyche, denn auf einmal war ihr ganz traurig zumute. Eine Träne stahl sich ihre Wange hinab und floss beinahe bis zu Amors Lippen. Doch die verschwanden, Flügel über Bein, und Amor schwang sich auf seine Wolke.
Venus bewohnte eine riesige, rosafarbenen Wolke, auf der ein gewaltiger, gold glitzernder Palast stand mit vielen kleinen Türmchen und Zinnen. Auf der höchsten von ihnen ließ Amor die Wolke landen.
„Ma!“, rief er und rannte so schnell er konnte die Wendeltreppe hinab, direkt vor Venus Schlafgemach. „Ma!“
„Amor?“, gab Venus verschlafen von sich.
„Ja, Ma, ich bin es!“, rief Amor. „Ich wünsche dir einen wunderschönen guten Morgen! Darf ich reinkommen?“
Er flitzte in den Raum, zog die Vorhänge zurück und schüttelte Venus Bett auf.
„Hast Du gut geschlafen, Ma? Lust zu frühstücken? Schau nur, was für ein herrlicher Tag das wird!“
Venus setzte sich im Bett auf und gähnte. Eine Haarsträhne umspielte ihr Gesicht.
„Du siehst toll aus, Ma!“, sagte Amor.
Venus sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. „Ich bin noch gar nicht zurechtgemacht!“
„Doch, ehrlich, Ma. Ich finde, ohne diese ganzen Cremes und Öle … bist du richtig hübsch.“
Venus runzelte die Stirn, lächelte dann aber. „Das soll wohl ein Kompliment sein?“
„Na klar!“
„Gut, ich bitte dich trotzdem, noch etwas zu warten. Ich möchte mich erst einmal frisch machen. Bist du so gut, Cupido, und nimmst im Speiseraum Platz?“
„Aber sicher doch! Dein Cupido macht alles, was du von ihm verlangst!“, rief Amor.
„Und Danke für diesen geilen Bogen! Du bist die beste Mutter überhaupt!“
„Und du machst derzeit gute Arbeit“, entgegnete Venus kopfschüttelnd. „Was ist nur in dich gefahren?“
„Natürlich, Ma, ich verschwinde schon!“
Venus schloss die Tür zu ihrem Gemach und Amor flog ins Speisezimmer. Er fühlte sich großartig. Die Voraussetzungen für ein Gespräch waren einfach perfekt. Allerdings würde er nicht sofort mit der Sprache rausrücken. Man konnte nie wissen.
Im Speisesaal standen verschiedene Sitzmöbel und Tische. Amor ließ sich in einen der pinken Sessel sinken. Ein Satyr brachte ihm einen Krug mit Nektar und eine Schale mit Ambrosia. Amor nahm ein paar große Schlucke und merkte im selben Moment, dass ihm die Götterspeisen immer noch nicht schmeckte. Er spuckte alles in seine hohle Hand und legte es zurück in die Schale.
Und während er noch darüber sinnierte, wie sich zerkaute und unzerkaute Ambrosia voneinander unterschied, wurden die Schatten des Mobiliars allmählich länger und länger. Irgendwann trommelte Amor ungeduldig auf die Tischplatte. Er blickte nach links und nach rechts, lauschte, aber es war nichts zu hören. Wo blieb seine Mutter? Wieso ließ sie ihn so lange warten?
Endlich erschien Venus, aufgeputzt und in einem pinkten Rüschenkleid.
„Cupido!“, rief sie und breitete die Arme aus. „Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen!“
„Zuletzt vor fünf Stunden“, murmelte Amor leise. Er hätte es sich denken können, ihre Schönheit war Venus eben wichtiger als alles andere. Wichtiger als ihr eigener Sohn. Am liebsten hätte er auf den Tisch gehauen und seinen Ärger freigelassen, aber eine Stimme in seinem Herzen erinnerte ihn daran, dass es um mehr ging.
„Komm her und lass dich drücken, mein Schatz!“
Eine Wolke aus Parfum drang in seine Lungen.
„Du siehst anders aus“, stellte Venus fest und sah Amor ins Gesicht. „Bist du gewachsen?“
Amor nickte hustend.
„Und so muskulös. Anscheinen kommst du doch nach deinem Vater Mars. Das wurde auch mal Zeit.“
„Kannst du mich bitte loslassen?“
„Ach, jetzt lass dich noch einmal richtig drücken.“
„Ma, ich kriege keine Luft …“
„Jetzt hab dich nicht so!“
Aus purer Verzweiflung spannte Amor seine Arme an und versuchte sich zu befreien.
„Huch!“, rief Venus und ließ Amor augenblicklich los. „Du bist ja fast so stark wie dein Vater!“
„Also äh, Ma, eigentlich bin ich ja gekommen und mit dir über unseren Streit zu reden.“
„Ach ja?“, fragte Venus, setzte eine leidvolle Miene auf und nahm auf einem der Sessel Platz. „Worum ging es da noch mal? Ich hatte es schon total vergessen ….“
„Es ging um die Liebe“, sagte Amor.
„Ach ja?“, sagte Venus und legte ihr Kleid in Falten. „Das ist doch gar nicht so wichtig …“
„Wie findest Du Jupiters Erlaubnis, dass Götter und Menschen gleichgeschlechtliche Beziehungen eingehen dürfen?“
„Ach, jetzt lass doch dieses alte, langweilige Thema …“
„Mir ist es aber wichtig! Was denkst du darüber? Sprich!“
Amor betrachtete die Gesichtszüge seiner Mutter genau. Er brauchte eine klare und endgültige Antwort, etwas, worauf er bauen konnte. Nur dann – und nur dann – wollte er den Schritt weitergehen und ihr von Psyche erzählen.
„Nun, es ist die Entscheidung meines Vaters. Daher akzeptiere ich sie.“
„Du akzeptierst es also?“, hakte Amor nach.
„Ja“, sagte Venus und lächelte. „Und jetzt will ich über etwas Anderes sprechen.“
„Also findest du sie gut?”, fragte Amor.
„Ich stelle Jupiters Entscheidung nicht infrage.“
„Ehrlich? Also das hätte ich ja nicht gedacht. Ich dachte, du findest das vielleicht … seltsam“, führte Amor weiter aus. „Aber ich sehe, dass du jetzt damit einverstanden bist, was ich gut finde, denn ich will ich dich eigentlich was ganz anderes fra…“
Venus schnitt ihm das Wort ab und stampfte wütend mit dem Fuß auf.
„Selbstverständlich bin ich nicht damit einverstanden!“, rief sie empört. „Ich möchte nicht, dass wir deswegen streiten, aber lass mich offen sprechen: Ich finde Jupiters Entscheidung unterirdisch. Zu Pluto würde sie vielleicht passen. Aber zu unserem höchsten Gott? Dass ich nicht lache!“
„Ach so?“, fragte Amor verdattert.
„Ja, vor allem, weil wir uns jetzt alle daran halten sollen. Frechheit! Ich war von Anfang an dagegen. Männer und Männer. All diese Unwägbarkeiten! Ich darf gar nicht daran denken wohin das führt! Und damit hört es ja nicht auf! Du weißt es bestimmt selber …“
„Was denn?“ Amor schob sich in seinen Sessel zurück. Wie hatte er nur einen Moment hoffen können, dass seine Mutter die Dinge mittlerweile anderes sah?
„Na, das mit Apollo! Wahrscheinlich hat er dir gar nichts davon erzählt, weil er sich so sehr schämt. Eine Nymphe. Das ist wirklich unterstes Niveau. Man munkelt ja, dass du deine Finger da im Spiel hättest, aber das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Apollo ist dein bester Freund und du würdest ihm niemals so etwas antun.“
„Nein nein, ich war das nicht“, log Amor und drückte sich noch tiefer in den Sessel. Wie um alles in der Welt hatte sie davon erfahren?
„Eine Nymphe. Unterirdisch!“
„Nymphen leben aber gar nicht in der Unterwelt“, wagte Amor einzuwenden.
„Nein!“, rief Venus. „Sie leben auf der Erde. Genauso, wie diese Menschen. Na, es hätte Apollo noch schlechter treffen können: angenommen, er hätte sich in einen Menschen verliebt. Das wäre wirklich widerlich! Nein, ekelhaft! Wieso nicht gleich alles erlauben? Menschen und Tiere zum Beispiel, da kämen sicherlich interessante Mischwesen bei rum, eine wahre Bereicherung für die Flora und Fauna und nicht zuletzt für uns Götter!“
„Ja, widerlich …“, wiederholte Amor und fühlte sich, als hätte ihn ein Pferd getreten. „Tut mir leid, Ma“, flüsterte er.
„Ach, das muss dir doch nicht leid tun“, sagte Venus. Sie stand mittlerweile direkt vor ihm. „Das ist doch nicht deine Schuld. Dinge passieren und wie du siehst: schlimmer geht immer!“ Sie lachte spitz und wuschelte Amor durchs Haar.
„Es tut mir leid“, wiederholte Amor noch einmal und schluckte schwer. Dann streckte er sich und schenkte Venus sein strahlenstes “Ich-bin-ein-guter-Junge”-Lächeln. „Ma, würdest du bitte mit mir kommen? Ich muss dir unbedingt etwas zeigen!“

Geschwisterliebe

Amor rätselte, warum Diana nicht Richtung Sonne fuhr. Dann sah er die weiß blitzende Bergspitze und ihm wurde klar, dass Diana den Olymp ansteuerte. Er wagte nicht zu fragen, warum.

„Raus mit ihm!“, befahl Diana ihren Nymphen. Die hoben Amor umständlich aus dem Wagen und stellten ihn auf seine Füße.
Apollo saß auf den marmornen Stufen vor Jupiters gewaltigem, schneefarbenen Palast. Er hatte den Kopf auf die Knie gelegt und seine Arme darum geschlungen. Der Sonnengott wirkte winzig klein.
„Guck, was du angerichtet hast“, zischte Diana. „Jupiter höchstpersönlich musste heute für ihn einspringen.“
Amor schluckte. „Kann ich mit ihm sprechen?“
Diana blitzte ihn böse an, nickte und löste seine Fesseln.
Amor ging langsam auf Apollo zu. Fieberhaft überlegte er, was er sagen sollte. Als er schließlich vor Apollo stand, brachte er kein Wort heraus.
Apollo blickte auf. Sah ihn aus rotgeränderten Augen an. Lächelte schwach. In der Hand hielt er einen kleinen Zweig.
„Äh, also ich …“, versuchte es Amor.
Apollo klopfte mit seiner Hand auf die Stufen.
„Soll ich mich setzen?“, fragte Amor.
Apollo nickte.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Und dann sagte Apollo einfach:
„Du hast gewonnen.“
„Wie bitte?“
„Ja, Kleiner“, sagte Apollo. „Du hast den Wettkampf für dich entschieden. Eindeutig.“
„Echt jetzt?“
„Mag mein Pfeil alles treffen, deiner traf mich. Wie du gesagt hast“, sagte Apollo. Er ließ den Zweig zwischen Daumen und Zeigefinger schnell drehen.
„Aber …“, Amor war verblüfft. „Du bist mir gar nicht böse?“
Apollo stand auf, straffte seine Schultern und räusperte sich. „Nun, ich verliere nicht gerne“, sagte er.
„Eigentlich“, sagte Amor. „Eigentlich hast du ja auch gewonnen, ich meine, den Mondhirsch hast du geschossen, – als Erster!“
„Stimmt“, sagte Apollo.
„Okay.“ Amor zwang sich ein Grinsen ab. „Also hast du gewonnen?“
„Sieht wohl so aus“, sagte Apollo und zeigte den Ansatz eines Lächelns. Aber seine Augen strahlten nicht.
„So!“, fuhr Diana dazwischen. „Hast du es ihm gezeigt? Oder muss ich das übernehmen?“
„Wir haben das geklärt, Diana“, sagte Apollo. „Es war nicht seine Schuld.“
„Oh doch!“, rief Diana aufgebracht. „Du wirst ihn nicht einfach davon kommen lassen!“
Apollo drehte sich zur Seite und blickte in den Himmel.
„Was meinst du, wann ist Vater wieder zurück? Ich vermisse meinen Wagen …“
„Lenk nicht ab! Dieser kleine Giftzwerg verdient eine Abreibung, die sich gewaschen hat! Hast du schon vergessen, wie es dir ging?“
Diana schien den „Lass gut sein. Ich will nicht darüber reden“-Blick von Apollo nicht zu bemerken. Unbeirrt fuhr sie fort: „Dieses „Ich bin ein Gott, der dich liebt“ und „liebste Daphne, erhöre mich“, und dann hast du ihr Allesmögliche versprochen und dann hast du angefangen zu weinen und dann hast du … “
„Hör auf, Diana!“, rief Amor. „Es tut mir leid! Ich bin schuld! Du hast Recht!“
„Ach ja, jetzt tut es dir also leid!“, fauchte Diana. „Als ob das reichen würde. Du wirst die Verantwortung übernehmen!“
„Diana, lass ihn“, sagte Apollo etwas lauter.
„Von wegen! Du hast gelitten wie ein Tier! Als ich dich heute Morgen fand, da konntest du kaum sprechen! Ich habe dir sogar verziehen, dass du meinen Mondhirsch getötet hast, so Leid hast du mir getan! Oh, mir wird richtig schlecht, wenn ich daran denke! Und jetzt soll alles wieder „okay“ sein?!“
Apollo kniff die Lippen zusammen und schüttelte seine Locken. „Du hast doch immer gemeckert, dass ich die Liebe nur als Spiel sehe! Jetzt weiß ich, wie sich wahre Liebe anfühlt!“
„Du bist doch … ihr seid doch!“, rief Diana und raufte sich die Haare. Die Mondgöttin konnte kaum an sich halten. „Also wenn dieses Gerenne, Gestammel und Geheule die wahre Liebe sein soll, dann … dann …“
„Platz da, …“, donnerte eine gewaltige Stimme über den Vorplatz des Olymp.
„Vater!“, rief Diana. „Endlich!“
Vier rauchende, schnaufende Pferde vollzogen eine scharfe Drehung, bäumten sich auf und quietschend kam der Sonnenwagen zum Stehen.

Liebe und Tod

Amor hatte der Wolke befohlen, den Eingang zur Unterwelt anzusteuern. Dort hatte er seine Pfeile versteckt. Die musste er holen, um wieder zu arbeiten.
Unter sich sah Amor kleine Schaumkronen blitzen. Er befand sich über dem Meer. Kein Schiff in Sicht.
Gut, dachte Amor und knackte seine Finger, dann kann es ja losgehen!
Mit einem gewaltigen Kick flog die erste Amphore von der Wolke. Wie er seine Arbeit hasste! Venus` Hohn klang in seinen Ohren. „Selbstständig?“ … „Mach deine Arbeit!“ … „Meine Schönheit verträgt keinen weiteren Ärger“.
Seine Mutter. Diese Harpyie!
Eine weitere Amphore folgte der ersten und zischte durch einen Schwarm aufgeregt krächzender Möwen. Warum hatte Venus ihm nicht zugehört? Es gab einen Grund dafür, dass er nicht mehr arbeitete.
Sein Job war … unsinnig. Liebe war der nichtsnutzigste Auftrag im Götterhimmel. Und auf der Erde sowieso. Männer und Frauen passten einfach nicht zusammen. Götter und Göttinnen übrigens auch nicht. Alle waren ohne dieses ganze Liebesgedöns besser dran.
Amor trat gegen die dritte Amphore und verknackste sich den Fuß.
„Au!“
Das Gefäß wog schwer. Anscheinend war noch Wein darin. Erschöpft sank Amor in die Wolkenwatte. Sein Fuß schmerzte. Er hatte keine andere Wahl. Die Aussicht, dass die Opfergaben sonst weniger würden, war düster. Götter, die keine Geschenke von den Menschen erhielten, verschwanden in Bedeutungslosigkeit.
Amor langte nach der Amphore. Er nahm einen großen Schluck und spürte zufrieden, wie der süße Wein seine Kehle hinabrann.
Latona zum Beispiel, die Mutter von Diana und Apollo, war total nett und konnte gut kochen. Bei ihr hatte er das erste Mal Fleisch gegessen und Wein getrunken, denn sie hielt nicht viel von Nektar und Ambrosia. Vor Unzeiten war Latona aus dem Osten eingewandert. Wo sie herkam, war sie in Vergessenheit geraten. Und hier hatte sie nie richtig Anschluss gefunden. Ohne ihre Zwillingskinder könnte sie sich gar nichts leisten.
Diana und Apollo waren von Geburt an strebsam, fleißig und sehr erfolgreich. Sie besaßen unzählige Tempel, bekamen unendlich viele Opfergaben und konnte ihre Mutter unterstützen. Doch Amor selbst war ohne den Ruhm von Venus nichts. Denn er besaß keinen Tempel, er erhielt keine Opfergaben. Er bekam sie von Venus.
Was Diana und Apollo zu seiner Misere sagen würden, daran wollte er gar nicht denken. Er musste das irgendwie wieder in Ordnung bringen.
Amor nahm einen weiteren, kräftigen Schluck und blickte von seiner Wolke hinab. Unter ihm befand sich das Kap Tenaro, eine schroffe Felslandschaft mit einem unscheinbaren Loch, aus dem stinkende Dämpfe emporstiegen.
Amor leerte die Amphore bis auf den letzten Tropfen. So ein Unterweltsbesuch war kein Zuckerschlecken, auch wenn er es bloß in die Vorhalle schaffen musste. Mit einem Satz sprang er von der Wolke. Mühelos flog er vorbei an den Rauchschwaden, leicht beschwipst vom Wein.
Vorsichtig blickte er in den Abgrund. Tief aus dem Innern hörte er ein unheimliches, grollendes Bellen. War das Kerberos, der Höllenhund? Amor seufzte. Warum hatte er sich kein neutraleres Versteck ausgesucht? Das Labyrinth vom Minotaurus vielleicht oder irgendeinen gottverlassenen Hain.
Mit ungutem Gefühl kletterte er hinein und folgte den eingeritzten Markierungen zum Versteck seiner Pfeile.
Als er die Vorhalle zur Unterwelt betrat, bot sich ihm ein erschreckendes Bild. Seine Pfeile lagen überall verteilt. Und mitten drin saß ein Schatten, gehüllt in dunkle Seide. Es war sein Großonkel Pluto. Der Gott des Todes höchstpersönlich.
Um ihn herum tollte der dreiköpfige Kerberos, in jedem Maul einen Pfeil.
„Fang die Stöckchen!“, rief Pluto. Die Liebespfeile und der Kerberos schossen kreuz und quer durch den Raum.
Vorsichtig tapste Amor rückwärts, bemüht, keinen Mucks zu machen. Doch die schwarze Figur begann, sich langsam in seine Richtung zu drehen.
„Bist du gekommen, um deinen Onkel zu besuchen?“
„Ich hab mich verlaufen“, keuchte Amor. „Bin schon wieder weg.“
„Du hast hier etwas verloren“, raunte Pluto.
„Äh …“
„Nun mach schon, sammele deine Pfeile zusammen.“ Pluto ließ einen seltsamen Pfiff ertönen und der Kerberos trollte sich zurück an das andere Ende der Halle.
Amor runzelte die Stirn. War das eine Falle? Eigentlich war dem Gott des Todes daran gelegen, jeden, der sein Reich betrat, für immer darin festzuhalten.
„Äh, nee, das mach ich ein Andermal. Tschüss dann …“
„BLEIB HIER.“
Amor hielt in seiner Bewegung inne. Nicht auch das noch. Nun würde er auf Ewigkeit im Reich des Todes verweilen … andererseits, vielleicht war das nicht die schlechteste Wendung für sein Schicksal.
„Okay.“
„SAMMEL DIE PFEILE“, Pluto räusperte sich, „ich meine: sammele die Pfeile auf.“
Möglichst unauffällig versuchte Amor, die Pfeile zusammen zu klauben und Pluto dabei nicht zu nah zu kommen. Immer wieder guckte er ängstlich in die Richtung seines Großonkels. Verblüfft stellte Amor fest, dass der versonnen den Sabber des Kerberos von einem Pfeil strich. Der Gott der Unterwelt schien ganz in die Betrachtung vertieft.
„Eine wirklich schöne Arbeit“, murmelte Pluto.
„Ähh, jaja“, brachte Amor hervor, der eifrig die Geschosse vom felsigen Boden pflückte. Vor allem zu schön, um damit „Fang-den-Stock“ zu spielen, dachte er bei sich. Ein wenig Empörung mischte sich in seiner Angst.
„Wirklich exzellent austariert …“, sagte Pluto und wog den Pfeil in seiner Schattenhand.
Ein bisschen geschmeichelt platzte es aus Amor heraus: „Die mache ich selber!“
„So?“, fragte Pluto und drehte sich in Amors Richtung. Amor hatte seinen Großonkel noch nie direkt angesehen. Nun stellte er fest, dass Pluto gar nichts zum Ansehen hatte. Unter dem Kapuzengewand zeigte sich ein dunkler Sog schwärzester Masse, gesprenkelt mit ein paar hellen Tupfern. So ein bisschen wie der nächtliche Sternenhimmel, aber gruselig.
„Jaja …“, rief Amor und flatterte aufgeregt durch die Halle. Es waren nur noch wenige Pfeile, die er fassen musste, dann würde er diesen unheimlichen Ort wieder verlassen. Irgendwie.
Plutos unendlicher Blick folgte ihm. Mit seiner ruhigen, tiefen Stimme fragte er:
„Ist Liebe … so wie dieser Pfeil?“
Amor verhedderte seine Flügel.
„Bitte was?“
„Was ist das, diese … Liebe?“, fragte Pluto.
„Liebe ist Schwachsinn“, antwortete Amor und landete mit einem Plumpsen auf dem Boden.
„Schwachsinn …“, murmelte Pluto. Er erhob sich. „Dann sind zwei Schatten aufgrund von ´Schwachsinn` aus meinem Reich verschwunden?“
Augenblicklich ließ Amor seine Sammlung fallen und floh in die nächstbeste Felsspalte. Pluto war riesengroß, wenn er stand, und dieser dunkle Strudel, wo eigentlich ein Kopf sein sollte, verhieß nichts Gutes.
„Was … was willst du von mir?“
„Zwei Schatten. Ein Mann und eine Frau. Sie sind verschwunden. Ich will wissen, warum.“
„Ich … ich weiß nicht!“, rief Amor. „Ich habe nichts damit zu tun!“
„Du musst etwas wissen. Es war ein Liebespaar.“
„Ein Liebespaar?“, fragte Amor erstaunt. „Meinst du etwa Pyramus und Thisbe?“
„Sie sind kurz nacheinander hier eingetroffen, vor etwa zwei Monden.“
„Dann waren es Pyramus und Thisbe!“, rief Amor. „Das heißt: sie leben wieder? Hast du sie frei gelassen?“
„Nein“, sagte Pluto und beugte sich hinab zu Amor. „Wie ich schon sagte, sie sind verschwunden. Sie sind nicht unter den Toten, nicht unter den Lebenden. Was weißt du?“
„Ich …“ Amor quetschte sich noch ein wenig tiefer in die Ritze. „ERZÄHLE!“
Amor zitterte am ganzen Leib. Er rang um Worte. Es war dramatisch gewesen, grausam. Manchmal war er nachts aufgewacht, schweißgebadet. Und dann sah er wieder den blutigen Schal und den knurrenden Löwen. Glücklicherweise lockerte der Wein seine Zunge.
„Also …“, hob Amor an, „die beiden, sie stammten aus verfeindeten Familien. Aber sie mochten sich. Und ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn sie sich verlieben. So Frieden, Happy End und so.“
„Wie meinst du das?“
„Na, ich dachte, dass die beiden heiraten und sich ihre Familien dann wieder vertragen. Aber es kam ganz anders.“ Amor hoffte, dass Pluto den Vorwurf gehört hatte, den er in die letzten Worte gelegt hatte.
„Wie sind sie gestorben?“, fragte Pluto unbeeindruckt.
„Sie hatten sich verabredet. Ein heimliches Treffen. Auf einem Friedhof. Kein schöner Ort, wenn du mich fragst. Dort hat Thisbe auf Pyramus gewartet. Sie sah so hübsch aus im Mondlicht! Plötzlich kam ein Löwe vorbei und Thisbe hat sich in einer Gruft versteckt. Als Pyramus kam, sah er den Löwen und Thisbes Tuch, das sie auf der Flucht verloren hatte …“
Amor hielt inne und wischte sich den Augenwinkel.
„Und dann?“, fragte Pluto.
Amor musste blinzeln. Irgendwie schien es in der Unterwelt viele Fliegen zu geben. Eine war ihm ins Auge geflogen.
„Er … er hat sich umgebracht!“, schniefte Amor.
„Und sie?“, fragte Pluto mit ausdrucksloser Miene.
„Sie hat sich auch umgebracht! Weil, als sie zurückkam, da hat sie Pyramus gefunden. Tot!“
„So?“, fragte Pluto.
„Ja!“, rief Amor. „Die größte Liebe überhaupt! Meine besten Pfeile habe ich hergegeben! Und dann das! Siehst du jetzt, wie schwachsinnig das alles ist?“
Amor atmete tief ein. Irgendwie fühlte er sich besser. Wer hätte gedacht, dass es so gut tun würde, mal all den Kummer rauszulassen?
Doch der Blick in Plutos wirbelndes Antlitz, das jetzt direkt über ihn schwebte, erschreckte ihn zu Tode.
„Eine nette Anekdote“, sagte Pluto. „Mich aber interessiert vor allem, wie stark diese … Liebe ist.“
Amor konnte den Puls der Zeit an seinem Körper spüren, als Pluto ihn einsog.
Dann war da nichts mehr.

Den ersten Teil gibt es hier.

Und hier die Audioversion.