Der goldene Esel

Der „Goldene Esel“ oder „Metamorphosen“, ist ein Roman von Apuleius aus Madaura, der als gemeinhin „ältester Roman“ überhaupt gilt und zur Weltliteratur zählt. Die Geschichte, die ich demnächst zu veröffentlichen gedenke – Amor und Psyche -, ist ein Teil dieses Romans.

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By Byzantinischer Mosaizist des 5. Jahrhunderts – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, Link

Das Mosaik hier steht vielleicht sogar in Zusammenhang mit dem Roman von Apuleius, denn es stammt aus dem 5. Jh. n. Chr. Die Geschichte selbst ist knapp 300 Jahre älter, sie wurde Mitte des zweiten Jahrhunderts geschrieben.

Worum geht es?

Kurz gesagt handelt die Geschichte von einem Mann, der aus Versehen in einen Esel verwandelt wird und als Esel allerlei Abenteuer erlebt.

Ob sich Apuleius dabei an König Midas orientiert hat?

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By Michelangelo Cerquozzihttp://www.christies.com/lotfinder/paintings/michelangelo-cerquozzi-king-midas-5022114-details.aspx, Public Domain, Link

Das Motiv Mann-Esel ist auf jeden Fall auch in anderen Werken zu finden, z.B. bei Shakespeare´s Komödie „Ein Mittsommernachtstraum“, in der der Elfenkönig Oberon die Elfenkönigin Titania damit ärgert, sich in einen (verwandelten) Eselsmann zu verlieben.

SelfhtmlBy Various – Scan from the original work, Public Domain, Link

Vielleicht kann man in dieser historischen Wiederholung der Geschichte eine Art kollektiven Zwang erkennen. Beruhen vielleicht all dieses Erzählungen auf dem unverarbeiteten Trauma der Geschichte von der Frau von König Minos (Achtung, nicht Midas!), die sich damals in einen Stier verliebte und so weiter und so fort …?

Na, wahrscheinlich ahnt ihr es schon. Auch im „Goldenen Esel“ geht es mitunter ganz schön schlüpfrig zur Sache.

Dadurch, dass der Roman auch als Apuleius „Metamorphosen“ bezeichnet wird, stellt sich der Autor in die Tradition von Ovid und anderen Autoren vor ihm, denn Geschichten, in denen sich gegen Ende der Protagonist (oder andere Figuren) in etwas Neues verwandeln, gab es in der Antike zuhauf.

Apuleius hat sich das alles also nicht selbst ausgedacht, sondern von anderen Autoren abgeschöpft. Geschieht ihm also nur Recht, dass ich mir einen Teil seines Werkes  als Roman genehmigte. 😉 Wahrscheinlich hatte Apuleius sogar eine sehr konkrete, griechische Romanvorlage, – einen Text von Lucius von Patrei.

Doch nun zur Geschichte selbst.

Inhaltlich geht es um einen Ich-Erzähler (Lucius), der sich total für Zauberei interessiert und nach Tessalien reist, weil er gehört hat, dass dort die mächtigsten Hexen leben.

SelfhtmlBy John DownmanGalerie Bassenge, Public Domain, Link

Tatsächlich macht er dort Bekanntschaft mit Hexen, die sich aber vor allem über ihn lustig machen. Durch ein Missgeschick verwandelt sich Lucius dann in einen Esel, wird von Räubern gefangen genommen und in eine Räuberhöhle gebracht.

SelfhtmlBy Maxfield ParrishAli-Baba.jpg, Public Domain, Link

In der Räuberhöhle trifft er auf die traurige Charite, eine junge Frau, die die Räuber von ihrer Hochzeit kidnappten.

SelfhtmlBy Rotary Photographic Series (198A) in the United Kingdom. [1]. – Transferred from en.wikipedia to Commons by FSII using CommonsHelper.http://robstevensblog.blogspot.com/2009/06/maude-fealy-romeo-julia-18981903.html, Public Domain, Link

Um Charite zu trösten, erzählt die Köchin der Räuber ihr das Märchen von „Amor und Psyche“.
„Amor und Psyche“ stellen also eine Art minikleinen -Exkurs dar, eine „Erzählung in der Erzählung“.

SelfhtmlBy Paul-Jacques-Aimé Baudry – [1], Public Domain, https://commons. wikimedia.org/w/index.php?curid=3216955

Nachdem Charite (und Lucius) die Geschichte gehört haben, freunden sie sich an und wollen fliehen. Sie schaffen es aber nicht und der Esel Lucius soll aufrund des Fluchtversuches getötet werden. Der Anführer der Räuber, entpuppt sich dann aber praktischerweise als Charites Bräutigam und alles ist gut.

Selfhtml By Louis Rhead – Rhead, Louis. “Bold Robin Hood and His Outlaw Band: Their Famous Exploits in Sherwood Forest”. New York: Blue Ribbon Books, 1912., Public Domain, Link

Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Lucius-Esel soll es eigentlich wohl ergehen, aber ein eifersüchtiger Mann tötet Charites Bräutigam, sie bringt den Mörder ihres Mannes um und danach sich selbst. Tragische Liebesgeschichte! – Auch schon so alt wie die Menschheit selbst. 😉

Selfhtml By Arĝenta NeĝoOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Esel Lucius ist nun gezwungen, mit heuchlerischen Wahrsagern umher zu ziehen, später gerät er an einen Müller, Gärtner, Legionär, … und an eine Frau, die sich in ihn verliebt und es auch schafft, eine körperliche Verbindung mit ihm einzugehen. (Womit wir  schon wieder bei Minos Gattin wären …)

Apuleius schreibt dazu:
„Unterdessen verdoppelte die Dame ihre Liebkosungen, herzte, küßte mich und girrte und verdrehte im Taumel stechender Begierden die Augen. Zuletzt rief sie: »Ha, nun hab ich Dich! hab ich Dich, mein Täubchen! mein Vögelchen!« Und mit den Worten zeigte sie, daß alle meine Besorgnis und Furcht töricht und überflüssig war; denn sie umschlang mich und nahm mich ganz, ganz sage ich, auf!
So oft ich, ihrer schonend, mein Hinterteil zurückzog, so oft flog sie elastisch in jähem Schwunge mir nach, und, je fester und fester mit ihren Armen mein Rückgrat umfassend, schloß, drückte, preßte, schmiegte sie sich brünstiger an mich, so daß ich, beim Herkules! gar glaubte, es mangle mir noch etwas zur Befriedigung ihrer Üppigkeit, und im Ernst auf den Argwohn geriet: die Mutter des Minotaurs müsse sich wohl nicht ohne Grund lieber einen brüllenden Liebhaber zur Kurzweil erkoren haben.“ Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-goldene-esel-5948/12
Nun ja … doch damit nicht genug!

Später soll Lucius das da oben Beschriebene an einer zum Tode Verurteilten in aller Öffentlichkeit wiederholen, allerdings flieht er, bevor es dazu kommt.

Selfhtml By Benutzer:BrunswykOwn work (Original text: Benutzer:Brunswyk), CC BY-SA 3.0 de, Link

Völlig traumatisiert wendet sich Lucius schließlich an die Muttergöttin, die ihm in der Gestalt der Isis erscheint und ihn endlich von seiner Odyssee im falschen Körper befreit und der er im Anschluss für den Rest seines Lebens als Priester dient.

SelfhtmlBy Wael MostafaOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Es ist nicht ganz sicher, ob es die Mysterien von Isis und Osiris zur Zeit Apuleius´ wirklich gab. Wenn ja, werden sie wahrscheinlich Ähnlichkeit mit anderen Mysterienkulten/religionen der Antike gehabt haben. – Wer mag, kann unter den folgenden Links noch mal nachlesen, ich hatte die immer mal wieder erwähnt.

https://lehmofen.wordpress.com/2017/10/12/kybele/
https://lehmofen.wordpress.com/2017/10/19/die-bacchanalien/ (!)
https://lehmofen.wordpress.com/2017/09/28/apollo/

Bei all dem stellt sich natürlich die Frage, wieso Apuleius diese Geschichte geschrieben hat und/oder was er damit aussagen möchte.

Interessant ist, dass die oben erwähnten Mysterien von Isis und Osiris nur bei Apuleius Erwähnung finden. Er ist also der einzige antike Autor, der davon schreibt. Wobei das mit den Überlieferungen aus der Antike ja so eine Sache ist …

Vielleicht ist also gerade dieser Bezug ein Schlüssel für die Interpretation. Vielleicht aber auch nicht. Das weiß man nach all der Zeit natürlich nicht mehr so genau und man muss sich ja bei Literatur grundsätzlich fragen, wie „bewusst“ dem Autor eigentlich ist, was er da tut und was er aussagen will – oder ob „das alles“ nicht einfach nur eine tolle Geschichte ist, die der Unterhaltung dient.

In der Szene, als Esel-Lucius sich hilfesuchend an Isis wendet, betrachtet er zunächst den Mond. Dann fängt er an zu beten und zwar mit folgenden Worten:

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„Königin des Himmels! Du seist nun die allernährende Ceres (Demeter), des Getreides erste Erfinderin, welche, in der Freude ihres Herzens über die wiedergefundene Tochter, dem Menschen, der gleich den wilden Tieren mit Eicheln sich nährte, eine mildere Speise gegeben hat und die eleusinischen Gefilde bewohnt, oder du seiest die himmlische Venus (Aphrodite), welche im Urbeginne aller Dinge durch ihr allmächtiges Kind, den Amor, die verschiedensten Geschlechter gegattet und also das Menschengeschlecht fortgepflanzt hat, von dem sie zu Paphos in dem meerumflossenen Heiligtume verehrt wird, oder des Phöbus Schwester (Artemis/Diana), welche durch den hilfreichen Beistand, den sie den Gebärerinnen leistet, so große Völkerschaften erzogen hat und in dem herrlichen Tempel zu Ephesus angebetet wird. Oder du seiest endlich die dreigestaltige Proserpina, die nachts mit grausigem Geheul angerufen wird, den tobenden Gespenstern gebietet und unter der Erde sie einkerkert, während sie entlegenen Haine durchirrt, wo ein mannigfacher Dienst ihr geweiht ist: Göttin! die du mit jungfräulichem Scheine alle Regionen erleuchtest, mit deinem feuchten Strahle der fröhlichen Saat Nahrung und Gedeihen gibst und nach der Sonne Umlauf dein wechselndes Licht einteilst; unter welchem Namen, unter welchen Gebräuchen, unter welcher Gestalt dir die Anrufung immer am wohlgefälligsten sein mag! Hilf mir in meinem äußersten Elende! Stehe mir bei, daß ich nicht gänzlich zugrunde gehe; nach so vielen, so schwer überstandenen Trübsalen verleihe mir endlich einmal Ruhe und Frieden! Ich habe genug des Jammers, genug der Gefahren! Nimm von mir hinweg die schändliche Tiergestalt! Laß mich wieder werden, was ich war; laß mich Lucius werden und gib mich den Meinigen wieder! Oder habe ich ja irgendeine unversöhnliche Gottheit ohne mein Wissen beleidigt: Ach, so sei lieber mir erlaubt, zu sterben denn so zu leben, o Göttin!“ Quelle: http://www.symbolon.de/downtxt/esel.htm

Kurze Zeit darauf erscheint ihm die Göttin im Traum und zwar folgendermaßen:

„Reiche, ungezwungene Locken spielen sanft in angenehmer Verwirrung um den Nacken der Göttin; ihren hohen Scheitel schmückte ein vielförmiger Kranz mit mancherlei Blumen. Über der Mitte der Stirn glänzte mit blassem Scheine eine flache Rundung nach Art eines Spiegels oder vielmehr der Scheibe des Mondes, darumher auf beiden Seiten sich gewundene Schlangen gleich Furchen zogen, und darüber hin, wie bei der Ceres, Kornähren gelegt waren.
Ihr Kleid war feines Zeug, das bald weiß, bald gelb, bald rosenrot wechselte. Es umhüllte sie ein Mantel von blendender Schwärze, der unter dem rechten Arm hindurch über die linke Schulter geschlagen war. Der Zipfel wie ein Schild eines Kriegers über den Rücken zurückgeworfen, fiel in mannigfachen Falten hinab, und die Fransen des Saumes flatterten zierlich im Winde. Sowohl auf der Verbrämung als auf dem Mantel selbst flimmerten zerstreute Sterne in deren Mitte der Vollmond in seiner ganzen Pracht glänzte, und eine schwere Kette allerlei künstlich zusammengeordneter Blumen und Früchte irrte allenthalben verloren darüber hin.
In ihren Händen führte die Göttin weit voneinander verschiedene Dinge; denn in der Rechten hielt sie eine goldene Klapper, durch deren schmales Blech, das sich wie ein Gürtel zusammenbog, einige Stäbe gezogen waren, die beim dreimaligen Schütteln des Armes einen hellen Klang gaben. Von der Linken aber hin ihr ein goldenes Trinkgeschirr herab, über dessen Handhabe an der Seite, wo sie sichtbar war, eine Schlange sich emporreckte mit hocherhobenem Haupte und geschwollenem Nacken.“
ebd.

Die Göttin – die hier tatsächlich in der Gestalt aller antiken Göttinnen zusammen erscheint,- gewährt Lucius seinen Wunsch und empfielt ihm, auf der Feier, die ihr zu Ehren stattfindet, Rosen zu essen, damit er sich zurückverwandelt.

SelfhtmlBy HamachidoriOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Gesagt, getan.

Alle dort anwesenden Menschen (eine bunte Schaar) sind erstaunt über Lucius´ Rückverwandlung hin zum Menschen. – Im Prinzip ist das “Happy End” erreicht.

Doch die Geschichte geht noch ein wenig weiter, Lucius hat eine weitere Traumbegegnung mit der Göttin „Isis“ (in verschiedenen Variationen) und schließlich wird Lucius in die Mysterien von Osiris eingeweiht.
Parallel wird Lucius zu einem Rechtsanwalt und zu einem „Pastophoren“.

Die Pastophoren waren im alten Ägypten Priester, die Zugang zu den kultischen Gegenständen hatten. Der Begriff wird noch heute in der byzantinischen, christlichen Kirche für Priester verwendet.

Ein wenig erinnert der Begriff auch an „Pastor“ (lat. Hirte), der ja eine Menge christliche Bezüge aufweist. Pastophoren leiten sich allerdings ab vom altgriechischen  παστοφόριον(pastophorion), παστὸς(pastos) Kapelle mit Götterbild und φορὸς (phoros) tragend).
SelfhtmlBy René SteyerOwn work, CC BY-SA 3.0 at, Link

By Charlie1965nrw at the German language Wikipedia, CC BY-SA 3.0, Link

Wie auch schon beim Gemälde von Boticelli, über das ich im Beitrag von Flora und Chloris schrieb, überlasse ich die Interpretation des Ganzen euch.

Der offensichtliche(?) Bezug zur einem meiner älteren Beiträge ist auf jeden Fall erwähnenswert.

Es gibt darüber hinaus aber natürlich schon Interpretationen der Geschichte des Goldenen Eselchens. Weg mag, darf sich gerne einlesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Apuleius#Metamorphosen [Abschnitt Deutung]

http://www.heinrich-tischner.de/50-ku/marchen/marchen/eselsrom.htm

http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/439/1/Moellendorf_Apuleius_Der_Goldene_Esel_2000.pdf

Ich werde die Erkenntnisse aus den Beiträgen der Reihe „komische Götter“ (vielleicht erinnert sich der ein oder andere, so hatte es vor ein paar Monaten begonnen) auf jeden Fall für mein nächstes Buch nutzen. 😉 Nächsten Donnerstag gibt es dann noch einen letzten Artikel über den werten Autoren des „Goldenen Esels“, bei dem ich so schändlich geklaut habe, um meinen Roman zu schreiben (oh, übrigens auch bei Ovids Metamorphosen, by the way.) Dessen Name in Zusammenhang mit der aktuellen Blogreihe übrigens schon über 50 Mal fiel. – Das muss Liebe sein. ❤

Und dann werde ich mich erstmal ein wenig zurückziehen, der Blog wird umziehen, alles wird anders werden, aber grämt euch nicht, denn:

Nichts ist beständiger als der Wandel.

Das sagte schon mein guter, alter Kumpel Heraklit. – Und er hat verdammt nochmal Recht.

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Diana – Göttin der Jagd

SelfhtmlBy Design by Géza Maróti (1875-1941), BudapestOwn work; Photo by Szilas in the Budapest Museum of Applied Arts; temporary exhibition of the Masters of the Art Nouveau, May 2013 – February 2014, Public Domain, Link

 

Die Göttin, um die es heute geht, – Diana –  könnte wie viele andere Frauen und Göttinnen der Antike heute bei der Kampagne #metoo mitmachen.

Allerdings stellte ihr nicht der Göttervater nach (der laut Postillon nach Belästigungsvorwürfen aus der griechischen Mythologie gestrichen worden sei), sondern ein Normalsterblicher namens Aktation – und sie wusste sich ganz trefflich zu wehren.

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By Nordisk familjebok – From http://runeberg.org/nfba/0250.html, Public Domain, Link

Diana verwandelte den Belästiger nämlich ganz einfach in einen Hirsch und ließ dessen Jagdkumpanen und Hunde dann den Rest erledigen. Sehr anschaulich und schön hat dies Ovid in den folgenden Zeilen beschrieben:

„Wie er (also Aktaion) jedoch das Gesicht und die Hörner im Wasser erblickte,
Wollt’ er rufen entsetzt: “Weh mir!” Nicht folgte die Stimme.
Dafür kam ein Gestöhn. Feucht ward von Tränen das Antlitz,
Welches das seinige nicht. Den Geist nur hatt’ er behalten.
Was nun soll er tun? Heimkehren zum Königspalaste

Oder sich bergen im Wald? Scham hinderte jenes, die Furcht dies.
Während er schwankt, ersehn ihn die Hund’, und das Zeichen mit Bellen
Gibt Melampus zuerst und Ichnobates trefflich im Spüren,
Dieser von gnosischem Stamm, von spartanischer Rasse Melampus.
Flüchtiger rennen herbei als sausende Winde die ändern:

Pamphagos, Dorkeus auch und Oribasos, Arkader alle;
Theron grimmig und wild, mit dem starken Nebrophonos Lailaps,
Pterelas hurtig im Lauf und die scharf auswitternde Agre
Und, von dem Eber gehaun unlängst, der kecke Hylaios,
Nape, gezeugt vom Wolf, und Poimenis, welche den Schafen

Achtsam folgt, und, begleitet von zweien der Söhne, Harpyia,
Ladon dazu mit schmächtigem Bauch, sikyonischer Herkunft,
Kanake, Dromas sodann und Stikte und Tigris und Alke,
Abolos schwarz von Haar und Leukon mit schneeigen Zotten,

Thoos und flink und behend mit dem kyprischen Bruder Lykiske
Und, an der dunklen Stirn mit schneeiger Mitte gezeichnet,
Harpalos, Melaneus auch und Lachne mit struppigem Leibe;
Labros, Agriodos dann, die Söhne lakonischer Mutter,
Vom Diktaier gezeugt, und mit gellender Stimme Hylaktor,

Und viele andre dazu. Die stürmen nach Beute begierig
Über Gestein und Felsen und unzugängliche Klippen,
Da, wo schwierig der Weg, und da, wo keiner gebahnt ist.
Selbst nun fliehet er dort, wo oft er Verfolger gewesen;
Ach, er flieht vor dem eignen Gefolg’! Gern hätt’ er gerufen:

“Ich, Aktaion, ja bin’s! Erkennt doch euren Gebieter!”
Worte gebrechen dem Wunsch. Vom Gebell hallt wieder der Aither.
Melanchaites zuerst verwundete jenem den Rücken,
Dann Theridamas auch; Oresitrophos biss sich am Bug ein.
Später begann ihr Lauf, doch über den Berg auf dem Richtpfad

Eilten dem Schwärm sie voraus. Indes den Gebieter sie hielten,
Drängt sich die Meute herzu und schlägt in den Körper die Zähne.
Schon zu Wunden gebricht es an Raum. Er stöhnet, und Töne,
Nicht wie ein Mensch, doch auch wie ein Hirsch niemals sie hervorbringt,
Stößt er aus und erfüllt das bekannte Gebirge mit Wehruf,

Und mit gebogenem Knie demütig und Bittenden ähnlich
Trägt er schweigend umher, als wären es Arme, die Blicke.
Aber den bissigen Trupp hetzt noch mit dem üblichen Zuruf
Sein argloses Gefolg’ und sucht mit den Augen Aktaion –
Und ruft laut, als wär’ er entfernt, um die Wette Aktaion –

Jener bewegt bei dem Namen das Haupt – und alle beklagen,
Dass er fern und des Fangs Schauspiel so lässig versäume.
Fern sein möcht’ er, allein er ist nah. Er möchte der Meute
Grimmiges Tun nur sehn und nicht auch selber empfinden.

Und zerfleischen den Herrn im Bilde des trügenden Hirsches.
Erst, wie am Ende geflohn durch vielfache Wunden das Leben,
Ruhte der Zorn, wie man sagt, der köchertragenden Göttin.“Quelle: http://www.gottwein.de/Lat/ov/met03de.php (2, 200-253)

 

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By Carole RaddatoOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

SelfhtmlBy Antonio Tempesta – Image: http://collections.lacma.org/sites/default/files/remote_images/piction/ma-31724028-O3.jpgGallery: http://collections.lacma.org/node/234460, Public Domain, Link

Leg Dich lieber nicht mit Diana an, könnte man da sagen.

Diana ist die Göttin der Jagd, des Mondes und der Geburt. Sie ist die Zwillingsschwester von Apollo, die Tochter von Zeus/Jupiter und Leto/Latona, und ihr wird nachgesagt, schon als frisch geborenes Baby ihrer Mutter bei der Entbindung von Apollo geholfen zu haben. In der griechischen Mythologie entspricht ihr Artemis. Ich denke, dass die Attribute “Mond” und “Geburt” erst später für Diana galten. Zunächst ist sie sehr wahrscheinlich vor allem eine Jagdgöttin gewesen.

Historisch betrachtet gab es viele Orte in Italien und Griechenland, an denen Diana verehrt wurde, allerdings lagen die römischen Stätten fast alle außerhalb von Rom, also außerhalb der Stadtgrenze. Einige Forscher vermuten, dass Diana daher möglicherweise von den heimkehrenden römischen Truppen verehrt wurde, die bis zum Ausruf des Triumphes draußen vor der Stadt zu warten hatten und die Grenze (Pomerium) nach Rom nicht überschreiten durften.

Besonders interessant ist das außerhalb von Rom gelegene Heiligtum der „Diana Nemorensis“.

SelfhtmlVon Pippo-b – eigenes Foto, CC BY-SA 3.0, Link

Wikipedia beschreibt sehr treffend:
„Zentrum des Heiligtums war eine der Göttin Diana (gleichgesetzt der griechischen Göttin Artemis) geweihte Eiche, die von einem Priesterkönig, dem rex nemorensis, bewacht wurde. Dieser war ein entlaufener Sklave, der Tag und Nacht den Baum bewachte. Er hatte sein Amt so lange inne, bis es einem anderen Entlaufenen gelang, ihn zu töten, einen Ast von der Eiche zu brechen und so seinerseits dieses gefährliche Amt zu übernehmen. Dieser Umstand war für die Antike so unüblich, dass (… vermutet wurde), der Kult könne aus vorgeschichtlicher Zeit stammen.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Heiligtum_der_Diana_Nemorensis

In dieser Erzählung findet sich, wenn man so will, lediglich das Motiv “Wald” (Eiche) und “Wache”, – noch kein Hinweis auf Mond oder Geburt.

Bei Diana handelt es sich also um eine Göttin, deren Ursprünge recht weit zurückliegen. Dies wird auch deutlich, wenn man sich die Verbindungen zu anderen Gottheiten ansieht.
So findet sich beispielsweise eine Gottheit namens Britomartis, die angeblich eine Vorform von Diana/Artemis war und auf Kreta verehrt wurde. Den Ursprungsmythos von Britomartis zu rekonstruieren ist so gut wie unmöglich, – angeblich stellte Minos ihr nach und sie rettete sich durch einen Sprung ist Meer, woraufhin die Göttin Artemis ihr beistand. (Hier ist historisch aber unklar, wie Artemis, die doch eigentlich eine weitere Ausdeutung bzw. spätere Entwicklung von Britomartis ist, „sich selbst“ in dieser Situation hätte helfen können. – Vermutlich wurde die Gestalt von Britomartis in spätere Mythen über Diana wieder eingebunden. Kompliziert das Ganze. ;))
Historisch einleuchtend ist die Vermutung, dass Britomartis in der frühen minoischen Zeit einen Tempel hatte, der mit „wilden Tieren“ (Hunden, ggf. Bären) assoziiert war. Dass sie also eine Art Jagdgöttin darstellte. Selbiges trifft auf eine indogermanische Gottheit namens „Artio“ zu, die schon vom Wortlaut her Ähnlichkeiten mit „Art“emis aufweist. Es gibt auch Annahmen, die Artemis auf ein altes Wort für “Bär” zurückführen. Dem Religionswissenschaftler George Dumézil zufolge ist Diana eine Art „Rahmen-Gottheit“, die viele archaische Elemente vereint und daher sehr alt sein muss. Er vergleicht Diana in ihrer Funktion mit dem nordischen Gott Heimdall, der Asgard bewacht. James Frazer (ein anderer Religionswissenschaftler) sieht eher eine Verbindung zwischen Diana und Janus.

Es ist sicherlich nicht falsch, „Diana“ vorrangig als sehr, sehr alte Jagdgöttin zu sehen, in die andere weibliche Jagdgottheiten „aufgegangen“ sind. Auch ein Diana geopferte Votivstein, in dem sich jemand für die reiche Bärenjagd bedankt, belegt diese Vermutung. Zudem gab es an einer anderen Kultstätte, in Brauron, noch lange Zeit die Tradition, dass sich junge Mädchen zu Ehren Dianas in Safran-Farbene Gewänder hüllten und eine Bärenjagd nachstellten.

Selfhtml Britomartis wird von Edmund Spenser im 16. Jahrhundert als englische Tugendfrau beschrieben. – Ein Bestseller. Von photo: C J Thomson – photo: Special:Contributions/SusanWynneThomson, GFDL, Link

SelfhtmlDie Göttin Artio, – 19. Jahrhundert.  Von Own photograph by Sandstein, CC BY 3.0, Link

Selfhtml Votivstein mit Dank für Bärenjagd. Von den SEX CAPTIS (UR)SIS sieht man allerdings nur das “SIS”.  Von Diagram LajardEigenes Werk, CC0, Link

Für das „mythische Alter“ der Göttin spricht auch eine Geschichte, die sehr stark an alte Themen wie „Inanna und Dumuzi“ erinnert. – Also Mann/Frau, Tod und Wiederauferstehung im weitesten Sinn.

Ich zitiere: „In römischer Zeit war die Legende verbreitet, der Hain von Nemi sei die Heimstatt der Nymphe Egeria, deren Obhut Diana ihren von den Toten erweckten Jagdgefährten Hippolytos anvertraute. Hippolytos, ein schöner Jüngling, hatte die Begehrlichkeit der Liebesgöttin Venus geweckt (die wiederum der griechischen Göttin Aphrodite entsprach). Hippolytos sah sich allerdings als Jünger der Diana der Jagd wie der Keuschheit verpflichtet und blieb gegenüber dem Liebeswerben der Venus standhaft. Diese sann auf Rache und verzauberte seine Stiefmutter Phädra dergestalt, dass sie für Hippolytos entflammte. Wiederum wies Hippolytos seine Verehrerin ab. Phädra schwärzte ihn daraufhin bei seinem Vater (und ihrem Gatten) Theseus an und behauptete, Hippolytos habe versucht, sie zu vergewaltigen, und beging sodann Selbstmord. Theseus wiederum verstieß seinen Sohn und beauftragte Poseidon, Hippolytos zu töten. Der Meeresgott vollbrachte dies, indem er ein Seeungeheuer losließ, das Hippolytos’ Streitwagen zu Fall brachte.
Diana wiederum wandte sich an Asklepios, der den Jüngling wieder zum Leben erweckte – nach göttlicher Auffassung ein Frevel, und aus Verärgerung darüber verbannte der Göttervater Jupiter Äskulap in den Hades. Damit Hippolytos nicht ähnliches widerfahre, versteckte Diana ihn bei ihrer Nymphe Egeria, gab ihm zudem ein paar Altersfalten, damit er nicht allzu leicht zu erkennen sei, und umnebelte ihn zudem mit einer Wolke. Der auferstandene Hippolytos nahm den Namen Virbius an und zeugte mit Egeria einen Sohn, der ebenso genannt wurde. Virbius war neben Diana daher eine der in Nemi verehrten Gottheiten.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Heiligtum_der_Diana_Nemorensis
Diana erweckt also ihren Geliebten Hippolytos mit Hilfe von Asklepios wieder zum Leben. Ähnliche Züge weist auch der Mythos um Diana und Orion auf. – Wobei das mit Diana und den Männern so eine Sache ist. In erster Linie waren es wohl nicht ihre “Geliebten”, sondern lediglich “Jagdgefährten”, denn die Göttin war nicht gerade für ihr ausschweifendes Liebesleben bekannt.

Diana steht auch in Verbindung mit der Euripides Erzählung „Iphigenie in Tauris“. Von Iphigenie war hier schon mal kurz die Rede, es ist die Frau, die für ihr Vaterland in Zusammenhang mit dem Trojanischen Krieg der Göttin Diana geopfert werden soll, dann aber von der Göttin “ex machina” gerettet wird. Später errichtet Iphigenie der Sage nach im oben erwähnten Brauron einen Tempel für Diana, in dem sich junge Mädchen als Bären verkleiden.

Selfhtml By Anonymous Ophelia2, Public Domain, Link

SelfhtmlBy Jens Cederskjold, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52601662

Im Mittelalter bzw. eher der frühen Neuzeit, wo vornehmlich Verfolgungen stattfanden, wurde Diana zur Göttin der Hexen, wurde also von der Jägerin zur Gejagten.

Selfhtml By Nye, Edgar Wilson “Bill” (1850-1896) – https://archive.org/details/billnyeshistoryo00nyebrich, Public Domain, Link

In der Antike war allerdings noch Hekate für Magie und Zauberei zuständig.

SelfhtmlBy The original uploader was Medos at German Wikipedia – Transferred from de.wikipedia to Commons by Ireas using CommonsHelper., Public Domain, Link

SelfhtmlBy Maximilián Pirnerhttps://lehmofen.files.wordpress.com/2017/11/954a8-hekate1901.jpg, Public Domain, Link

SelfhtmlBy ZdeOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Am wahrscheinlichsten ist, dass eine biblische Erwähnung vom Artemis-Tempel in Ephesos zu dieser Annahme führte, dass Diana/Artemis mit Hexen im Bunde stünde. Denn als Paulus und seine Männer dort in Ephesos christianisieren und missionieren, gab es einen riesigen Aufstand, Schlägereien und Paulus landete schließlich sogar im Gefängnis. Die Epheser hatten nämlich keine Lust auf eine neue Lehre und wollten lieber weiterhin Geld mit ihren hübschen Artemis-Figürchen für den Tempel verdienen, der der Sage nach übrigens von der Amazonen-Königin Ortrere gegründet wurde.
Das konnte ja nur Hexenwerk sein!

SelfhtmlBy DC Extended Universe Wiki – http://dcextendeduniverse.wikia.com/wiki/File:JL_Wonder_Woman.jpg, CC0, Link

Da ist sie wieder. “Diana” Prince, aka Wonderwoman. 😉

 

 

Woher kommt das Wissen über die Antike?

– Von Runa Phaino natürlich!
– Und von Wikipedia!

🙂

Ganz so einfach ist es natürlich nicht …
Die Antike ist ein Zeitraum, der ungefähr 1000 Jahre umfasst und – je nach Anfangs- oder Endpunkt – zwischen 2500 und 1500 Jahren zurück liegt. Grob gesagt begann die Antike mit den griechischen Philosophen (ca. 500 v. Chr.) und endete mit dem Untergang des römischen Reiches (ca. 500 n. Chr.)
Wie aber ist es möglich, dass wir heute dazu in der Lage sind, uns über Anfang, Inhalt und Ende dieser Epoche Gedanken zu machen? Woher und wieso wissen wir eigentlich, was damals vorgefallen ist?
Es gibt, wie so oft, keine genauen Eckdaten. So kann man auch behaupten, die Antike habe mit den Schriften Homers ihren Anfang gefunden (ca. 900 v. Chr.) und sei mit dem Erstarken des Christentums (etwa 300 n. Chr.) zu Ende gewesen. Bei all den Überlegungen sollte man auch nicht vergessen, dass es bereits vor der Antike schon eine ganze Menge Zivilisations-Zeugs gab.

Akropolis, Athen. By Leo von Klenze – Pinakothek Museum, Munich, Public Domain, Link

Grob unterscheidet man auch zwischen griechischer und römischer Antike. Die Griechen gab es schon etwas eher als die Römer – und ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. hat dann ein gewisser Ennius (Quintus Ennius) viel griechisches Kulturgut nach Rom importiert. Er war in Griechenland ausgebildet worden (wie auch viele römische Schriftsteller nach ihm) und hat dafür gesorgt, dass die griechischen Sagen/Theaterstücke/Erzählungen usw. latinisiert und in Rom populär wurden. Er gilt als „Vater der römischen Dichtung“.

Forum Romanum. Gemeinfrei, Link

Ennius. Mit Kranz (!). Public Domain, Link

Vielleicht kennt jemand die Spekulationen über Karl den Großen. In den letzten Jahren gab es Behauptungen, dass dieser König nie gelebt habe und dass alles nur eine Erfindung gewesen sei.

Für die Antike könnte selbiges gelten. Doch bevor die Antike wie eine Seifenblase zerplatzt, soll fernab von diesen Spekulationen versucht werden, die „Überlieferungsgeschichte“ antiken Wissens zu rekonstruieren.

 Public Domain, Link

In Rom und Griechenland gab es viele Autoren (Philosophen, Historiker, Schriftsteller von Komödien/Tragödien, Naturwissenschaftler (im weitesten Sinne)). Sie schrieben meistens auf Papyrus, da es damals noch kein Papier gab, und ihre Werke wurden in verschiedenen Bibliotheken aufbewahrt.

Public Domain, Link So ungefähr sah das aus.
 Zwei Varianten einer Papyrus-Rolle. By AudihOwn work, GFDL, Link

Es gab eine Menge an Bibliotheken in der Antike, irgendwo las ich mal was von knapp 50.000. Ein paar waren berühmt, wie z.B. die Bibliothek in Alexandria (heute Kairo). Herrscher hatten eigene Bibliotheken, genauso wie manche Kaufleute oder Gelehrte. Es gab private Bibliotheken und öffentliche.

Celsus-Bibliothek in Ephesos. Von Benh LIEU SONGEigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

(Mögliches) Innenleben der Bibliothek von Alexandria. By O. Von Corven – Tolzmann, Don Heinrich, Alfred Hessel and Reuben Peiss. The Memory of Mankind. New Castle, DE: Oak Knoll Press, 2001, Public Domain, Link

Nachbau der Papyrus-Villa aus Herkulaneum (Neapel) in Los Angeles. Hier wurden vor wenigen Jahren Papyrus-Fragmente gefunden, die den Ausbruch des Vesuv halbwegs überstanden haben. Sie werden immer noch entschlüsselt. Von Bobak Ha’EriEigenes Werk, CC BY 3.0, Link

Mit dem Ende des römischen Reiches verschwanden auch die Bibliotheken, doch es ist schwer, ein genaues „Datum“ oder genaue Ursachen für „das Ende“ festzumachen, noch schwerer ist es, das für die unzähligen Bibliotheken zu tun. Bei Herkulaneum ist die Sache relativ klar: 79 nach Christus brach der Vesuv aus und begrub alles unter sich, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

In den anderen Fällen ist nicht ganz so klar, warum Bibliotheken geschlossen wurden oder verschwanden.
Die Celsus-Bibliothek ist möglicherweise von den Goten zerstört worden oder wurde im Laufe der Zeit einfach für andere Dinge genutzt.
Die Bibliothek in Alexandria ist wahrscheinlich im Zusammenhang mit Krieg zerstört worden (Römer gegen Ptolemäer), eventuell aber hatte sie bis ins Mittelalter noch einen kleinen „Ableger“ unweit vom Haupthaus entfernt, das „Serapeion“, das unter anderem auch die Araber nutzten.

Es gab sicherlich mehrere Gründe, warum die Bibliotheken im Laufe der Zeit verschwanden.
Plünderungen, neue Herrscher, Feuer, Umwidmung der Gebäude, Desinteresse, Profit, Krieg, … um nur ein paar Ursachen zu nennen.
Ein wichtiger Punkt ist sicherlich auch die Entstehung des Christentums. Manche antiken Schriften passten inhaltlich nicht so besonders gut zu der neuen Lehre und wurden daher auch ganz gerne mal ins Feuer gehalten (oder so).

Trotzdem waren es dann doch die christlichen Klöster, die etwa 10% der antiken Texte „retteten“.

90% des antiken Wissens sind also verloren gegangen und von den 10% die „überlebt haben“ gibt es keine originale „Handschrift“ mehr. Wir wissen also nicht, wie Cicero, Ovid, Vergil – und wie sie alle hießen-, wirklich geschrieben haben, denn es gibt keinen Text auf einem Stück Papyrus (oder Pergament) aus der Lebzeit der antiken Autoren. (Mal abgesehen von den kohlrabenschwarzen Papyrus-Fragmenten aus Herkulaneum, wer weiß, was bei deren Entzifferung noch rauskommt.)
Das, was zum Beispiel Vergil geschrieben hat, kennen wir vor allem aus einem Buch aus dem vierten Jahrhundert nach Christus. Vergil lebte aber im ersten Jahrhundert vor Christus.
Wie kann das sein?

Zum Ende der Antike wurden ein paar der antiken Texte „gerettet“, die – wie auch immer – in christliche Klöster gelangten und nicht in die Flammen gehalten wurden.
In den Klöstern gab es Skriptorien. Skriptorien sind nichts anderes als Schreibwerkstätten in Klöstern. Nicht jedes Kloster hatte eine, aber in jedem Fall die, die etwas auf sich hielten.
In den Skriptorien wurden die Texte gehegt und gepflegt und auf dickes Pergament überschrieben (Pergament besteht aus Tierhaut und hält sich länger als Papyrus, ist aber auch deutlich teurer) und reich bebildert, zudem auch vervielfältigt, da die Mönche und Nonnen ja sonst nicht so viel zu tun hatten, – außer zu arbeiten und zu beten.

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By Peter Paul Rubens – [1], Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5096194

By Unknownhttp://www.bassenge.com/, Public Domain, Link

Ovids Metamorphosen. 15. Jahrhundert. Public Domain, Link

Vergilius Vaticanus. Älteste Variante von Vergils Aeneis. Von Der ursprünglich hochladende Benutzer war Bibhistor in der Wikipedia auf Deutsch – Übertragen aus de.wikipedia nach Commons durch PHansen., Gemeinfrei, Link

In sehr vielen Klöstern wurden antike und christliche Schriften transkribiert (St. Gallen, Citeaux, Frankenthal, Montecassino), … innerhalb der verschiedenen Orden (Benediktiner, Zisterzienser, Augustiner) … man muss sagen: das alles geschah über komplett Europa verteilt, auch und gerade in östlicheren Gefilden (wo sich die orthodoxe Tradition vom Christentum entwickelte). Überall wurden Texte abgeschrieben.  – Wobei es sich wohl zu 99%(?) um christliche Literatur handelte, aber eben auch um antiken Texte.

So kommt es, dass wir heute zwar keine Originalhandschrift von Vergil (und all den anderen) mehr haben, aber dafür verschiedene Varianten ein und desselben Werkes (z.B. der Aeneis oder den Metamorphosen), die in unterschiedlichen Klöstern von unterschiedlichen Schreibern abgeschrieben wurden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass manche Mönche und Nonnen in Skriptorien arbeiteten, die gar nicht verstanden, was sie dort abschrieben. Wie bei dem Spiel „stille Post“ entstanden bei der Weitergabe von Informationen Fehler – und darüber versucht man heutzutage die „älteste“ Handschrift und die „originale“ Variante der antiken Texte zu rekonstruieren.

Manche Mönche und Nonnen waren so fleißige oder bekannte Abschreiber, dass man sie heutzutage identifizieren kann. Manche waren auch so selbstbewusst, dass sie sich ihr eigenes Schreiberzeichen ausdachten und unter ihren Texten abbildeten. Bei manchen Texten vermuten die Wissenschaftler nur, dass sie „aus derselben Hand“ stammen.
Es gibt auch sogenannte Stemma (Stammbäume) für die Rekonstruktion eines Textes. Man sucht alle Handschriften eines Textes zusammen und guckt anhand der Fehler, welcher der älteste ist und wie die Zusammenhänge sind. Wer sich dafür interessiert, einfach mal hier klicken.

Selbstportrait des Skriptors „Rufilius“.

Von Frater Rufillus (wohl tätig im Weißenauer Skriptorium) – http://www.e-codices.unifr.ch/en/list/one/cb/0127, Gemeinfrei, Link

Kleinere Figur links: der Schreiber Gero.
Von Buchmaler der Reichenauer Schule – Übertragen aus de.wikipedia nach Commons., Gemeinfrei, Link

Bis auf die Mönche und Nonnen, die die Texte abschrieben und vielleicht den ein oder anderen christlichen Gebildeten, der sie lesen konnte, waren die Schriften aber für lange Zeit vergessen. Bis zu dem Tag – oder besser „dem Zeitraum“, als auf einmal ein neuer Wind durch das Denken vieler Köpfe wehte, als eine neue Epoche begann, die man gemeinhin als „Neuzeit“ bezeichnet.
Auch hier ist schwierig zu bestimmen, wann die Neuzeit denn nun eigentlich anfängt. Einige Eckdaten und Ereignisse werden häufiger für den Zeitraum des Beginnens benannt:

Eroberung von Konstantinopel 1453
Humanismus
Buchdruck 1450

Kopernikus` heliozentrisches Weltbild (Sonne im Zentrum, nicht Erde)
Entdeckung Amerikas 1492
Reformation 1517

Grob kann man sagen, dass die Neuzeit ab 1500 beginnt. (Womit das Mittelalter den Zeitraum von ca. 500-1500 umfasst.)

Eine tolle, grafische Übersicht über den Anteil von Literatur in Bibliotheken im Laufe der Zeit. Erinnert irgendwie ein wenig an einen Aktien-Chart. Hm. Sollte man jetzt noch kaufen? 😉 By Bibhistor at the German language Wikipedia, CC BY-SA 3.0, Link

Ein anderer Begriff für eine etwas kleinere Zeiteinheit in dieser „Neuzeit“, eine Mini-Epoche sozusagen, war „Renaissance“ (dt. Wiedergeburt). Das, was wiedergeboren wurde, waren vor allem Erkenntnisse aus den Schriften der Antike.
Es fing an mit ein paar gelehrten Schriftstellern wie Petrarca, Dante und Boccaccio, die in ihren Werken auf antike Autoren Bezug nahmen. Es gibt auch die Meinung, dass die antiken Schriften die Neuzeit erst möglich machten. Mit der Zeit gewannen die alten Ideen nämlich an Bekanntheit und andere Autoren bemühten sich darum, ihrer habhaft zu werden. Man muss sagen, dass es eine Zeitlang wohl nichts tolleres gab als behaupten zu können, man habe in irgendeinem Kloster einen antiken Text wieder entdeckt. Durch den Buchdruck wurden die Schriften dann entsprechend verbreitet und erlangten eine immer größere Bekanntheit.

Petrarca. By nach einem Stahlstich, herausgegeben von Gustav Schauer Photographische Kunstanstalt, Grosse Friedrichs Str. 188 Berlin. – Carte de Visite – Foto 5,6 x 8,3 cm., Public Domain, Link

Dante. By Sandro Botticellitelegraphhttp://www.pileface.com/sollers/article.php3?id_article=312, Public Domain, Link

Boccaccio. By Engraved by Raffaello Sanzio Morghen (1758-1833) after Vincenzo Gozzini – The Best Portraits in Engraving at Project Gutenberg, Public Domain, Link

Es war Zufall und ist auch nicht bei jeder Abbildung der Fall, aber augenscheinlich haben alle diese Gelehrten einen Kranz auf dem Kopf. Damit nehmen sie (bzw. die Künstler, die die Bilder erstellt haben) möglicherweise Bezug auf den Gott Apollo. (Es gibt einen schönen Mythos, warum Apollo einen Kranz trägt. Den habe ich aber schon im Artikel über Apollo nicht verraten, da er Bestandteil meines Buches – Amor und Psyche – ist.)

Apollo, Gott des Lichts, der Weissagung und der (Schreib)Künste.
By maarjaara – originally posted to Flickr as Apollo with his laurel wreath, CC BY 2.0, Link

Nun gibt es, wie im Fall von Karl dem Großen, die Behauptung, dass die Antike in letzter Konsequenz eine Erfindung dieser Leute war, die die angeblich antiken Schriften in Klöstern wiederentdeckt haben. Theoretisch könnte man wirklich meinen, dass sich ein paar Gelehrte hingesetzt haben und „das alles“ erfanden, viele Bücher schrieben und als antik deklarierten. Wer weiß, vielleicht ist das in dem ein oder anderen Fall ja sogar so. 😉

Dante meditiert. Oben die Inschrift: Amor condusse noi ad una morte = Die Liebe verführte uns zu einem gemeinsamen Tod.
By Joseph Noel Patonhttp://www.liveinternet.ru/users/nadynrom/post74333253/comments#comment483390274, Public Domain, Link

Ich persönlich glaube übrigens nicht daran, dass „das alles“ nur erfunden sei. Es gibt ja neben den Schriftquellen genügend archäologische Zeugnisse (Ruinen usw.), die übrigens ab dem frühen 18. Jahrhundert „entdeckt“ und wissenschaftlich erforscht wurden. Diese Bauwerke kann man mittels verschiedener Techniken sehr genau datieren. Schwer vorstellbar, dass Menschen, die solche Bauten und Statuen erschufen, keinerlei Vorstellungen von Schrift, Kultur usw. gehabt haben.
Allerdings gehe ich davon aus, dass vieles von dem, was wir heute aus der Antike vermeintlich wissen, über die Jahrhunderte eine ziemliche Verfälschung abbekommen hat. Da wurde ganz sicher (je nach Zeitgeist), etwas hinzugedichtet oder weggelassen. Auf der anderen Seite glaube ich aber, dass insbesondere Mythen oder „vollständige Geschichten“ noch immer einen Kern der damaligen Wahrheit – also des ursprünglichen Zeitgeistes – enthalten.
Wissen also, das die Zeiten überdauert.

By Luc-Olivier MersonArt Renewal Center, Public Domain, Link

Links zum Thema „Erfundene Antike“

http://diepresse.com/home/zeitgeschichte/5276781/NeoChronologie_Ist-die-ganze-Antike-eine-Erfindung

Ist unsere Antike nur eine Erfindung der Rennaissancezeit?

https://zeitgeist-online.de/printausgabe/32-printausgabe/heft-nr-22-1-2004/431-das-altertum-eine-erfindung-der-renaissance.html

Und Karl der Große

https://www.stephan-matthiesen.de/texte-blog/geschichte/31-erfundenes-mittelalter-illig.html

https://www.welt.de/geschichte/article135827634/Hat-Karl-der-Grosse-wirklich-gelebt.html

Die Lupercalien

Bereits ein paar Tage vor dem Fest der Bacchanalien, nämlich am 15. Februar, feierten die Römer die sogenannten Lupercalien, ein Reinigungs- und Fruchtbarkeitsfest.

Die Feier fand statt in einer Art Grotte/Höhle – einem sogenannten „Lupercal“- auf dem/in dem römischen Hügel Palatin, von dem man aber heute nicht mehr genau weiß, wo es sich befand und wie es aussah. Allerdings könnte es Ähnlichkeiten mit diesem Gebilde hier, einem Nymphäum, gehabt haben, wobei es wahrscheinlich noch tiefer im Gestein verborgen war.

SelfhtmlCC BY-SA 3.0, Link

Möglicherweise handelt es sich bei dieser im Jahr 2007 entdeckten, reich geschmückten Höhle um das Lupercal, – das ist aber noch nicht abschließend erforscht.

SelfhtmlFair use, Link

Im Begriff Lupercalien steckt das lateinische Wort Lupa, zu Deutsch: „Wölfin“ (bzw. lupus = Wolf). Die Wölfin hatte für Rom eine besondere mythische Bedeutung, war sie doch das Tier, das den Gründer der Stadt Romulus gesäugt hatte, – und natürlich auch seinen später unwichtigen, da ermordet-toten Zwillingsbruder Remus.

Selfhtml Romulus und Remus und die Wölfin. By Benutzer:Wolpertinger on WP de – Own book scan from Emmanuel Müller-Baden (dir.), Bibliothek des allgemeinen und praktischen Wissens, I, Deutsches Verlaghaus Bong & Co, Berlin-Leipzig-Wien-Stuttgart, 1904. Image copied from de:Bild:Kapitolinische-woelfin 1b-640×480.jpg, Public Domain, Link

Der Ablauf des Festes begann mit verschiedenen Bocksopfern, deren Blut und Fell von jungen, lachenden Männern benutzt wurden, die sich in einer Zeremonie – ausgeführt durch den sogenannten „flamen dialis“ (Jupiter/Zeus Oberpriester) und den Vestalinnen (Priesterinnen der Göttin Vesta)- damit bemalten und bekleideten (blutiger Lendenschurz … nun ja) und durch die römischen Straßen zogen. Dabei stellten sich ihnen gerne verheiratete Frauen in den Weg und ließen sich von sogenannten „Fellriemen“ (also abgeschnittenen, dünnstreifigen Teilen der frisch gehäuteten Böcke) auf die Hände schlagen, da dies angeblich Glück in der Ehe brachte.
Man fragt sich, was für eine Crux diese Ehe sein muss, wenn einem nur gehäutete Schafsbockriemen dabei Glück bringen können. 😉

SelfhtmlBy Andrea Camasseihttp://www.museodelprado.es/imagen/alta_resolucion/P00122.jpg, Public Domain, Link

Ein „Bock“ ist übrigens per definitionem das männliche Tier von Ziege, Schaf und/oder Reh. – Bei den Lupercalien wurden aller Wahrscheinlichkeit nach Ziegen geopfert.

Das Fest war wohl ein sehr beliebtes Spektakel bei den Römern, denn es konnte erst im 5. Jahrhundert nach Christus – als letztes heidnisches Fest – von der christlichen Kirche (die sich ab dem 3. Jahrhundert in Rom etablierte) verboten werden.

Die Lupercalien hatten, wie kann es anders sein, einen antiken Vorläufer in Griechenland, die sogenannten Lykaien, von lykos = Wolf. Es gibt noch heute den Berg/Hügel, auf dem sie angeblich stattgefunden haben, den Berg Lykaion in Arkadien, – natürlich in Griechenland lokalisiert.

SelfhtmlBy Danno1Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Über die Lykaien weiß man noch weniger als über die Lupercalien. Es ist auf jeden Fall die Rede von Kannibalismus und jungen „Werwolf“-Männern, und auch  – laut Platon – von Menschenopfern.

Das Fest der Lykaien geht zurück auf einen Mythos, der von einer kannibalistischen Opferungsgeschichte handelt, von der mehrere Varianten vorliegen.

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By Hendrik Goltziushttp://instruct1.cit.cornell.edu/courses/shum404/gallery.htm, Public Domain, Link

Wie man auf dem Bild sehen kann, geht es ums Essen (Tisch), um die Verwandlung in einen Wolf (ganz rechts) und um Zeus/Jupiter, den Göttervater, (ganz links). In allen überlieferten Varianten setzt Lycaon, König der Arkadier, den Göttern Menschenfleisch zum Essen vor und denkt, sie merken es nicht. Tun sie aber doch und dafür wird Lykaon zur Strafe in einen Wolf verwandelt. In manchen Varianten ist das Essen sogar sein eigener Sohn, in manchen Varianten der Sohn von Zeus/Jupiter und Kallisto – ein junger Bursch´ namens Arcas.

Die Geschichte dieses Jungen namens Arcas verdient ebenfalls eine nähere Betrachtung.

Selfhtml By Peter Paul RubensOwn work, Elinore, 2015-07-09 00:11:01, Public Domain, Link

Auf diesem Bild sehen wir zwei Frauen: Kallisto und … Jupiter.
Jupiter hatte sich in eine Frau verwandelt, um Kallisto zu verführen. Die gehörte nämlich zur Nymphenschar von Diana und war so gar nicht interessiert an Männern. Allerdings mochte sie Diana wohl ganz gerne, so dass Jupiter sich entschied, ihr in dieser Gestalt zu begegnen und so auch erfolgreich bei seinen Annäherungsversuchen war.
Beide bekommen dann ein Kind, den bereits erwähnten Arkas, was der Vater von Kallisto – namentlich unser wolfiger Lykaon – dann Jupiter ins Essen mixt. (In dieser Version also Jupiters Kind und Lykaons Enkel.)
Lykaion wird dann, wie gesagt, zur Strafe in einen Wolf verwandelt, Arkas allerdings wird von Jupiter wieder zum Leben erweckt und entwickelt sich zu einem geschickten Jäger.
Allerdings jagt er eines Tages seine eigene Mutter Kallisto, die zuvor von Juno/Hera (der Ehefrau Jupiters/Zeus´) aus Eifersucht in einen Bären verwandelt wurde.
Damit es nicht zum Schlimmsten kommt, setzt Jupiter sowohl Arkas als auch Kallisto als Sternenbild an den Nachthimmel, und dort sind sie noch heute.

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Von Till CrednerEigenes Werk: AlltheSky.com, CC BY-SA 3.0, Link

Die Indianer sahen in dem Sternbild übrigens ebenfalls einen Bären, die Kirgisen einen bzw. mehrere Wölfe. Im Alten Ägypten war das Sternbild als „Schenkel des Seth“, Gott des Chaos und Verderbens, bekannt.

Interessant ist an dieser Stelle ein Blick in den ägyptischen Mythos von Seth. Es ist nämlich eine Kampfgeschichte: Horus (Lichtgott) gegen Seth (Onkel von Horus), ein Motiv (Götterkampf), das wir im Ansatz schon im Beitrag über Saturn kennegelernt haben. Die Geschichte hat als Motiv u.a. auch Homosexualität (gerade thematisiert bei Jupiter-Kallisto/Sternbild) und einige sehr verwirrende Elemente. Ich zitiere:

„Horus fing jedoch den Samen des Seth auf und brachte ihn seiner Mutter Isis. Diese schnitt ihm daraufhin die Hand ab und warf sie ins Wasser. Doch anschließend ließ Isis die Hand des Horus wieder nachwachsen und benutzte nunmehr den Samen des Horus für eine List, in dem sie ihn auf die Lattiche goss, die Seth täglich aß. Dadurch wurde Seth nun unwissentlich geschwängert.“ Quelle

(Ich kenn ja ein paar krude Mythen, aber WHAT THE FUCK?????) 🙂

Selfhtml Seth. By NeithsabesOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Die Lupercalien als Fest bezogen sich auch auf eine Gottheit, nämlich den Gott Faunus, der für Natur, Hirten, Bauern und Äcker verantwortlich war.
Faunus Gattin Fauna wird bisweilen mit Bona Dea identifiziert. Faunus selbst galt als „Wolfsabwehrer“, später wurde er dann zu einer Art lüstern-charmantem Waldgreis – ähnlich einem Satyr. Im Griechischen entspricht ihm Pan.

Selfhtml Pan. By Arnold Böcklin – 1. artonline.it2. echos-de-mon-grenier.blogspot.de, Public Domain, Link

SelfhtmlBy Annibale CarraccinAHM7NeACl7Xpg at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Übrigens, der oben erwähnte Lykaion (der König, der Kinder verfüttert und dann in einen Wolf verwandelt wird), ist der Sohn von König Pelasgos, der in manchen antiken Quellen gar als eine Art „Adam“ (bzw. erster Mensch) daher kommt.
König Pelasgos hat den Menschen angeblich die Landwirtschaft beigebracht und sie davon überzeugt nur gesundes Zeug zu essen. Außerdem gibt es ein Stück von Aischylos über ihn, das wie ein Spiegelbild zum „Raub der Sabinerinnen“ wirkt, zumindest, wenn man dem grundlegenden Erzählstrang folgt.
Die Sabinerinnen, wir erinnern uns, wurden von den Römern so mehr oder weniger gekidnappt, weil sie gerne auch ein paar Frauen und nicht nur Krieger sein wollten.

Aischylos nun schreibt (noch zeitlich vor der Geschichte mit den Sabinerinnen übrigens) ein Stück mit dem Namen „Danaiden“ oder „Die Schutzflehenden“.

SelfhtmlBy Auguste Rodin, French, 1840 – 1917.Own work by Ad Meskens., CC BY-SA 3.0, Link

Die Danaiden kommen zu König Pelasgos, oder besser gesagt, sie fliehen vor einer Zwangsheirat mit ihren Vettern. König Pelasgos ist hin und hergerissen zwischen der Gefahr eines Krieges und seinem Gewissen, denn er müsste „Schutzflehenden“ eigentlich Gastfreundschaft und Schutz anbieten. Sofern ich die Geschichte richtig verstanden habe, erhalten die Danaiden am Ende der Erzählung diesen Schutz.

Aber.

Was ein wenig verrückt anmutet ist Folgendes.
Es gibt einen sehr alten Ausdruck namens „Danaiden-Arbeit“. Der eine sehr anspruchsvolle und mühevolle (und sinnlose) Arbeit bezeichnet, wie zum Beispiel die auf dem Bild unten gezeigte: Wasser in einen hohlen Kessel schütten.
Wie passt das mit der Geschichte von Aischylos zusammen?

Selfhtml Waterhouse, The Danaids. Von John William Waterhousehttp://www.art-reproductions.net/images/Artists/James-Waterhouse/The-Danaides.jpg, Gemeinfrei, Link

Die Autoren, auf die die etwas andere Art der Danaiden-Geschichte zurückgeht, sind ein wenig jünger als Aischylos.
Auffällig ist, dass diese jüngeren Autoren die Danaiden als Mörderinnen ihrer Ehemänner darstellen, die dann ebenfalls nach Griechenland fliehen, aber zur Strafe im Tartaros Wasser in hohle Kessel füllen müssen.

Selfhtml Die Danaiden töten ihre Männer. By Robinet Testardhttp://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b10532597d/f346.item, Public Domain, Link

Besonders spannend wird es, wenn man sich bei diesen Autoren die Namen der – angeblich – 50 Danaiden durchliest. Darunter sind nämlich so bekannte Namen wie Kleopatra, Philomela, Skylla … (gut, manche sind nicht sooo bekannt, aber für Antike-Kenner durchaus mal schon so vom Hörensagen zumindest). 😉
Ich belasse es aber erstmal dabei, der Artikel dreht sich ja um das schöne Wolfsfest.

Selfhtml Evander. By Published by Guillaume Rouille (1518?-1589) – “Promptuarii Iconum Insigniorum”, Public Domain, Link

Evander (Euandros; Evander von Pallantion (Stadt)), war ein Königssohn aus Arkadien, dem in manchen Mythen sogar göttliche Abstammung zuteil wird (Sohn von Hermes/Merkur, Botengott und der Nymphe, bzw. späteren Göttin Carmenta (carmen, inis n. = Gedicht)). Einige Quellen nennen ihn auch als (Mit)Gründer der Stadt Rom, die ja heute noch einen Hügel hat (Palatin), der augenscheinlich Ähnlichkeit mit dem Namen und der Herkunft Evanders aufweist (siehe: “Pallantion”).
Darin steckt etymologisch ein und dasselbe, mythisch sehr faszinierende, Wort, vermute ich zumindest, nämlich: „PALLAS“. Das wiederum bedeutet „Kriegerin“ und ist auch in “Pallas Athene” enthalten.

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By Bartholomeus Spranger[1], Public Domain, Link

Pallas und Athene waren ursprünglich zwei voneinander unterschiedene Geschöpfe.
Sie mochten sich und kämpften bzw. übten ab und zu miteinander, was Jupiter/Zeus (der Vater von Athene) in große Sorge versetzte. Er entschied sich, seine Tochter zu schützen und griff in den Kampf ein – und zwar mit einem Ziegenfell, also ein Bocksfell, wie es bei den Lupercalien zerschnitten wurde(!) -, das über einen Schild gespannt war.
Diesen Schild nannte man “die Aigis” und er wurde häufiger dafür verwendet, wenn die Götter jemanden schützen wollten. – Vom Motiv „Schutz“ war ja auch bei den Danaiden schon die Rede.
Bei Pallas und Athene erwies sich dieser Schutz aber als nutzlos. Pallas starb und seither trägt Athene ihren Namen.

In vielen Quellen gilt Evander als Stifter und Gründer der Lupercalien. Der damalige König Faunus (ist die Namensgleichheit mit dem Gott Faunus ein Zufall?) hatte Evander das Gebiet des Palatin geschenkt, auf dem er dann seine Stadt gründete. Das alles soll übrigens einige Jahrzehnte vor dem Trojanischen Krieg geschehen sein.

Selfhtml Carmenta. Von Published by Guillaume Rouille (1518?-1589) – “Promptuarii Iconum Insigniorum”, Gemeinfrei, Link

Über Evanders Frau (bzw. Mutter, wie sie in einigen Quellen auch bezeichnet wird) kann man folgendes lesen:

„Die römischen Frauen feierten ihr zu Ehren am 11. und 15. Januar das Fest der Carmentalia. In der Nähe der nach ihr benannten porta Carmentalis befanden sich zwei Altäre, an denen ihr geopfert wurde. Der jüngere dieser Altäre wurde gestiftet, nachdem den Matronen seitens des Senatsdie Benutzung von Wagen (carpenta)verboten worden war. Sie reagierten mit Entzug des ehelichen Geschlechtsverkehrs, bis das Verbot wieder aufgehoben wurde. In der Folge kam es zu einem reichen Kindersegen, für den die Frauen zu Ehren der Carmenta einen Altar errichteten.
Der spätere Mythos machte sie zur Mutter des Euandros und sie wurde mit dessen anderen Müttern gleichgesetzt, mit Themis und Tyburs, der Stadtgöttin von Tibur, vor allem aber mit Nicostrata (altgriechischΝικοστράτη Nikostrátē). Nur Plutarch sah sie als Gattin des Euandros. Als dessen Mutter wurde Carmenta in die Legendenbildung um die Gründung Roms aufgenommen. Sie soll mit Euandros den Palatin erstiegen haben. Dabei kam ihr die Vision der späteren Stadt Rom. Als sie ein Alter von 110 Jahren erreicht hatte, soll ihr Sohn sie getötet haben. Unterhalb des Kapitols errichtete er ihr den ersten Altar.“ Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Carmenta

In dieser Erzählung liegen bekannte Motive vor: „Kein Sex (wenn Krieg)“, kennt man schon aus Aristophanes noch heute gerne aufgeführtem Stück Lysistrata.
Der Muttermord ist vor allem ein Motiv in Aischylos´ Orestie. … Es wäre interessant, darüber nachzudenken, warum diese Mythen sich gerade in diesem Mythos wiederfinden, zumal es ja auch gerade bei Arkas um einen beinahe Muttermord geht, der von Jupiter durch die Erschaffung eines Sternbilds verhindert wird.

Historisch betrachtet lösten die Lupercalien die sogenannten Februalien/Februalia ab, ein wahrscheinlich noch älteres Reinigungsfest. Der Name unseres Monats Februar geht  darauf zurück.
Es ist fraglich, ob die Lupercalien auch etwas mit dem Valentinstag zu tun haben könnten. Zeitlich liegen/lagen beide Termine fast auf demselben Tag, zum Valentinstag ist allerdings zu sagen, dass dieser auf einen christlichen Bischof in Rom zurückgeht, der trotz des Verbotes (das Christentum war ja erst ab dem 3. Jahrhundert offiziell Staatsreligion und vorher wurden Christen in Rom verfolgt und getötet) christliche Liebespaare verheiratete.
Eine mögliche Verbindung könnte darin bestehen, dass auch bei den Lupercalien für „Glück in der Liebe/Ehe“ gesorgt wurde, durch eben diese abgeschnittenen und zerteilen Bocksfellriemen.
Gibt es eine schönere Art, seine Liebe zu zeigen??? 🙂

Die Bacchanalien

Bevor es ans Schreiben bzw. Lesen geht, erst einmal ein paar Bilder zur Einstimmung.

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By Pierre MignardCoyau, 25 March 2011, Public Domain, Link

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By Frederick William Macmonnies – Brooklyn Museum, No restrictions, Link

SelfhtmlBy JamesMacMillanOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

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By Annibale CarracciWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link

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By François Boucher (1703–1770)http://www.sothebys.com/en/auctions/ecatalogue/2013/old-master-paintings-n08952/lot.91.html, Public Domain, Link

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By Roland zhOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

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By Roland zhOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Wie man gut erkennen kann, waren die Baccanalien ein rauschendes Fest, das im antiken Rom im März gefeiert wurde, wahrscheinlich auch in Zusammenhang mit verschiedenen anderen Festen, die den Beginn des Frühlings zelebrierten.
Die Bacchanalien haben ihren Namen vom römischen Weingott Bacchus und ein griechisches Pendant, nämlich die Dionysien, vom griechischen Weingott Dionysus.

Während des Festes gab es in Athen einen großen, von verschiedenen Musikern begleiteten, Umzug, bei dem ein riesiger Phallus (repräsentativ für Dionysus) durch die Stadt getragen wurde. An den darauffolgenden zwei Tagen wurden zunächst Tragödien und dann Komödien im Dionysus-Theater aufgeführt. Dabei wurden auch Sieger ermittelt, je nachdem, auf welchen Autoren die Gunst der ausgelosten Richter fiel.

Selfhtml Das Dionysustheater. Von From the German 1891 encyclopedia Joseph Kürschner (editor): “Pierers Konversationslexikon”. Pierers Konversationslexikon. Siebente Auflage. Mit Universal-Sprachen-Lexikon nach Prof. Joseph Kürschners System. Union. (published by) Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart, 1891. herausgegeben von (edited by) Joseph Kürschner. – Wikified and scanned by —Immanuel Giel 12:02, 20 May 2005 (UTC), Gemeinfrei, Link

Unter den Siegern waren so bekannte Autoren wie Sophokles und Aischylos oder Aristophanes. Einige der Stücke findet man in sehr ähnlicher oder abgewandelter Form auch in der modernen Literatur wieder. So hat Beispielsweise Goethe ein Stück namens „Iphigenie auf Tauris“ geschrieben, das auf den griechischen Autor Euripides zurückgeht.

SelfhtmlBy Bertholet Flemallehttp://www.culture.gouv.fr/public/mistral/joconde_fr?ACTION=RETROUVER_TITLE&FIELD_5=REPR&VALUE_5=DIANE&GRP=1&SPEC=5&SYN=1&IMLY=&MAX1=1&MAX2=1&MAX3=100&REQ=%28%28DIANE%29%20%3aREPR%20%29&DOM=All&USRNAME=nobody&USRPWD=4%24%2534P, 2012-07-17, Public Domain, Link

In dieser Erzählung geht es um die Opferung von Iphigenie, die – um den trojanischen Krieg zu gewinnen – für ihr Vaterland (Griechenland) geopfert werden soll, und zwar der Göttin Diana.
Es fällt auf, dass es solche Opfer-Geschichten auch in der Bibel (Altes Testament) gibt, wenngleich in einer anderen Beziehungskonstellation (Vater-Sohn) und aus einem anderen Grund (Vertrauen).

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By workshop of RembrandtMrArifnajafov (Privatarchiv Foto von MrArifnajafov fotografiert), Public Domain, Link

Zum Glück retten in beiden Varianten die Götter die potentiellen Opfer!

Auch psychologische Erkrankungen werden in den griechischen Tragödien, die damals bei den Dionysien aufgeführt wurden, schon benannt, z.B. der Oedipus-Komplex im Stück „König Oedipus“ von Sophokles.

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By Bénigne Gagneraux – Nationalmuseum, Stockholm, Public Domain, Link

Oedipus ist jemand, der nichtsahnend seine Mutter heiratet und seinen Vater tötet und sich darüber dann aus Verzweiflung die Augen aussticht. Den Kindern, die er mit seiner Mutter gezeugt hat, ergeht es auch sehr tragisch (z.B. Antigone).
Bachhofen, ein Gelehrter aus dem 19. Jahrhundert, wollte insbesondere in der Geschichte der Antigone die mythische Verarbeitung der gesellschaftlichen Veränderung vom Matriarchat zum Patriarchat sehen. Die Geschichte in Kurzform: Antigone hat Probleme mit ihrem Onkel Kreon, der ihr nicht gestatte will, ihren Bruder zu bestatten, der im Krieg (gegen seinen Bruder) umgekommen war.
Bachhofen schreibt nun davon, dass diese „kriegerischen“ und „staatlichen“ Elemente (Krieg, König, Verbot der Beerdigung) etwas „Neues“ und „Partriarchales“ seien, da es in einer Gesellschaft, in der die Frauen frei entscheiden, von wem sie wann Kinder bekommen, eigentlich nur Geschwister gebe.
Na, ich finde es auf jeden Fall ganz erstaunlich, dass solche Aussagen von einem Gelehrten des 19. Jahrhundert stammen, wo doch tendenziell eher der Tenor von Weibern und Peitschen schwang. 😉
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96dipus#Aufnahme_des_Mythos_in_Psychoanalyse_und_Philosophie

Es gab darüber hinaus auch Stücke, die – das wird jetzt ein bisschen Mise en abyme hier- 😉 bei den Dionysien aufgeführt wurden und das Thema des heutigen Beitrags behandeln, so zum Beispiel „Die Bakchen“ von Euripides.

Selfhtml So sah er vermutlich aus, der gute Euripides. By Marie-Lan Nguyen (2006), Public Domain, Link

„Die Bakchen“ ist eine Tragödie und darin geht es eher drastisch zur Sache.

Die Geschichte:
Dionysus, der Gott des Weines und der Freude, kehrt in seine Heimatstadt Theben zurück, doch der dort ansässige König Pentheus will ihn nicht empfangen und verehren, sondern ganz im Gegenteil, er will Krieg gegen ihn führen.
Frauen begleiten und feiern mit Dionysus auf einem Berg in der Nähe der Stadt, Pentheus wird neugierig und schleicht sich (auf Rat von Dionysus) als Frau verkleidet auf die Party.
Dummerweise kriegen die Frauen aber mit, dass sich ein Mann unter ihnen befindet und dummerweise finden die das – in ihrer göttlichen und berauschten Stimmung – gar nicht gut und zerreißen ihn.
Besonders makaber ist, dass sich unter den feiernden Frauen sogar die Mutter von Pentheus, Agaue, befindet, die ihren Sohn aber nicht erkennt und ihm daher auch nicht hilft.

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By UnknownJastrow (2007), Public Domain, Link

In den „Bakchen“ findet man, – einer modernen Interpretation zufolge – ebenfalls die Auseinandersetzung mit dem „wilden, unstaatlichen Leben“. Quelle: Louise Bruit Zaidman / Pauline Schmitt Pantel: Die Religion der Griechen. Kult und Mythos. Beck Verlag, München 1994. S. 178.

Ein ganz ähnliches Todesschicksal wie Pentheus erleidet übrigens Orpheus, der als bester Musiker der Antike galt und um den sich verschiedene Erzählungen ranken. Angeblich hat er so gut gespielt, dass sogar die wilden Tiere kamen, um seiner Musik zuzuhören.

Selfhtml By Jacob HoefnageltgFGkixo83eXkQ at Google Cultural Institute, zoom level maximum, Public Domain, Link

Bekannt ist die Geschichte von Orpheus und Eurydike, in der der Sänger seine verstorbene Liebste aus der Unterwelt geleiten darf, weil er den Gott des Todes mit seinem Gesang so sehr berührt, dass der sich ausnahmsweise mal entschließt, von seinem Credo “Niemand kommt hier wieder raus” abzuweichen. Die einzige Bedingung, die Orpheus einhalten muss ist, dass er der Liebsten voranschreitet und sich nicht umdrehen darf. Leider tut er es kurz vor Ende des Aufstiegs dann doch und sie verschwindet zurück in Staub und Schatten.

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By Urheber: Erich SchicklingNutzungsrechtinhaberin: Erich-Schickling-Stiftung – Erich Schickling, CC BY-SA 4.0, Link

Es gibt eine interessante historische Verbindung zwischen Orpheus und Dionysus. Orpheus war der Sohn von der Muse Kalliope und einem Flussgott (oder Apollo). Historisch betrachtet gab es in der Antike tatsächlich einen „echten“ Kult um ihn, einen sogenannten Mysterienkult, genauso wie es auch für die Götter Bacchus/Dionysus zutraf, – von ihrem Fest ist hier die Rede. Die Orphiker, wie die Anhänger von Orpheus hießen, waren wahrscheinlich jüngeren Datums und haben sich möglicherweise als eine Art Gegenbewegung zum Bacchus-Kult gegründet.

Bei ihnen ging es um die Unsterblichkeit der Seele und in erhaltenen “orphischen Schriften”  ist oft von der Entstehung der Erde die Rede.
In der Spätantike (nach der Entstehung des Christentums), gibt es dann auch die theologische Verbindung von Orpheus und Jesus. Orpheus wird durch seinen Gang in die Unterwelt als so eine Art „Vor“Jesus angesehen. Man kennt diesen Erzählstrang aber auch schon aus den ganz alten Mythen, z.B.  Inanna und Dumuzi.

In den orphischen Schriften kann man dann auch (noch mal) etwas über die antike Vorstellung der Weltentstehung lesen, inklusive „orphischem Ei“ und Dionysus. Ich zitiere:

„In [einem] Überlieferungszweig erscheint die Zeit (Chronos) als das Prinzip, das den Ursprung von allem bildet. Chronos bringt zunächst zwei Prinzipien hervor, Aither und Chaos. Die zweite Phase der kosmischen Geschichte beginnt mit der Entstehung des silbrig glänzenden Welteis, das Chronos im Aither erschafft. Aus dem Weltei wird der geflügelte Lichtgott Phanesgeboren. Phanes ist eine Hauptgottheit der Orphiker, außerhalb orphischer Kreise scheint er nicht verehrt worden zu sein. Er wird in der spätantiken, vielleicht auch schon in der frühen Orphik mit Eros gleichgesetzt. Seine Gefährtin ist Nyx, die Nacht; ihr vertraut er sein Szepter an. Nyx gebiert den Gott Uranos, der als nächster die Welt regiert. Dies ist die dritte Phase. Uranos wird von seinem Sohn Kronos gestürzt; dieser Machtwechsel leitet die vierte Phase ein. Auf Kronos folgt Zeus, dessen Regierung die fünfte Phase bildet. Zeus verschlingt Phanes, womit er sich dessen gesamte Kraft und Macht aneignet. Mit seiner Mutter zeugt er die Tochter Persephone, mit Persephone den Sohn Dionysos. Später überlässt Zeus die Herrschaft dem noch kindlichen Dionysos, womit die sechste Phase beginnt. Gegen Dionysos stachelt Hera, die eifersüchtige Gattin des Zeus, die Titanen auf. Die Titanen locken Dionysos in eine Falle, töten und zerstückeln ihn. Dann kochen sie seinen Leichnam und beginnen ihn zu verzehren, wodurch sie etwas von seinem Wesen in sich aufnehmen. Zeus überrascht die Mörder jedoch und verbrennt sie mit seinem Blitz zu Asche. Aus der Asche, in der Titanisches mit Dionysischem gemischt ist, steigt Rauch auf und es bildet sich Ruß; daraus erschafft Zeus das Menschengeschlecht. Damit erklärt eine Variante des Mythos die Ambivalenz der menschlichen Natur, die zwei gegensätzliche Tendenzen aufweist: einerseits einen zerstörerischen, titanischen Zug, der zur Rebellion gegen die göttliche Ordnung anstachelt, andererseits aber auch ein dionysisches Element, das zum Göttlichen hinführt. Apollon sammelt die Stücke von Dionysos’ Leichnam ein, Athene bringt sein intaktes Herz zu Zeus, der nunmehr den Ermordeten zu neuem Leben erweckt.“ Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Orphiker#cite_ref-15

In dieser Erklärung zur Weltentstehung sind viele Elemente der bekannten Autoren Hesiod, Homer u.a. enthalten, aber Damaskios, auf den der Text zurückgeht, hat sich im 5. Jahrhundert nach Christus, als er den Text schrieb, auch ein paar Dinge dazu gedacht und damit eine eigene Deutung geschaffen: Weltentstehung auf Grundlage des dionysischen und titanischen Prinzips, womit sich wieder so ein schöner Dualismus findet, auf den ich bei meinen ersten Beiträgen im August schon einmal hingewiesen hatte.

In einer anderen der orphischen Schrift heißt es laut Damaskios: „[Anfangs gab es] zwei Prinzipien, das Wasser als Prinzip der Zerstreuung und die Erde als Prinzip der Zusammenfügung. Aus ihnen ist als drittes Prinzip ein Drache hervorgegangen, der zugleich den Namen des nicht alternden Chronos (Zeit) und des Herakles trägt. Dieses Wesen trägt Flügel auf den Schultern und ist dreiköpfig; neben einem Stier- und einem Löwenkopf hat es in der Mitte einen göttlichen. Seine Gefährtin ist Ananke, die weltumfassende Notwendigkeit. Chronos ist der Vater von Aither und Chaos. Später erzeugt Chronos aus Aither, Chaos und Erebos (der Finsternis) das Weltei.“ Quelle: ebd.

Selbstverständlich gibt es noch ein paar andere Varianten, wie die Welt entstanden sein soll – und das nur bei den Orphikern! Wer soll da denn noch wissen, was richtig ist? 🙂

Gerade mit Blick auf die erste Ausdeutung zur Weltentstehung wundert es mich übrigens, dass man an vielen Stellen lesen kann, Bacchus/Dionysus und Orpheus wären voneinander getrennte Kulte gewesen. Vielleicht hatten sie ja doch mehr gemeinsam, als bisher bekannt ist?
Den Orphikern wird auf jeden Fall abseits der Hymnen nachgesagt, dass sie streng vegetarisch lebten und selbst Eier (Kosmisches Ei) bei ihnen Tabu waren. Ein hoher Anteil Orphiker war weiblich. Alkohol war wohl zumindest in der Anfangszeit noch erlaubt. Der Kult existierte etwa vom 5. Jh. v. Chr. bis zum 5. Jh. n. Chr., aber auch in den Jahrhunderten danach ist immer mal wieder von Orpheus – und seiner Verbindung mit Jesus – die Rede.

Selfhtml Orpheus. By Gustave Surand – http://www.mutualart.com/Artist/Gustave-Surand/640C684E1ED61D52/AuctionResults, Public Domain, Link

Die Bacchanalien als Fest in Rom waren wie die Dionysien in Athen ebenfalls ein Frühlingsfest, die mit der Zeit aber eine Ausweitung erfuhren und zum Teil mehrere Nächte jeden Monat zelebriert wurden.
Der englischspachige Wikipedia-Artikel über die „Bacchanalia“ ist wirklich sehr gut und ausführlich. Unter Bezug auf Livius, einem römischen Historiker, kann man hier allerhand über die Bacchanalien erfahren. Beispielsweise sollen sie aus Griechenland stammen, zunächst ein eher moderates Fest gewesen sein, dem dann aber Wein hinzugefügt wurde. Meistens waren mehr Frauen anwesend als Männer und angeblich gab es keine Unterschiede, was die soziale Stellung der Mitglieder anbelangte. Die religiösen Praktiken dort waren wohl auch sexueller Natur, Livius schreibt auch von missbräuchlichen Geschehnissen.
Bacchus wurde bei diesen Feiern mit dem Liber Pater identifiziert, der einen Tempel auf dem Aventin besaß und als Gott für das einfache Volk galt (er teilte sich den Tempel u.a. mit Ceres).

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By Published by Guillaume Rouille (1518?-1589) – “Promptuarii Iconum Insigniorum”, Public Domain, Link

Im 2. Jahrhundert v. Chr. wurde dieser Kult dann stark eingeschränkt durch den „Senatus consultum de Bacchanalibus“, wahrscheinlich, weil die Feiern sich nach und nach ausweiteten und in ganz Rom verbreiteten und damit in Konkurrenz zur römischen Religion/Priesterschaft standen.
4000 Menschen wurden zum Tode verurteilt, darunter vor allem führende Priester und Priesterinnen des Kultes.
Man beachte, dass Livius lange nach diesem Verbot und den Ereignissen, nämlich erst im 1. Jh. v. Chr. schrieb. – Wer also weiß, was richtig ist.

Selfhtml Bacchus/Dionysus tröstet Ariadne. By Alessandro TurchiWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link

Ihren Ursprung haben die römischen Bacchanalien wahrscheinlich in den Dionysischen Feiern, von denen oben weiter die Rede war.

Wer sich für die mythische Geschichte von Bacchus/Dionysus interessiert, dem sei an dieser Stelle die unten angehängte, sehr gute, gut gemachte und interessante Aufarbeitung von Arte empfohlen. Dionysus/Bacchus ist übrigens auch der Gott, der dafür sorgt, dass die verlassene Ariadne (Theseus, Minotauros, Labyrinth) nicht ganz alleine bleiben musste.

 

Apollo

Heute geht es um den Sonnengott Apollo.

Erst einmal ein wenig warnende Werbung vorab: Apollo nimmt in meinem in 74 Tagen erscheinenden Buch „Amor und Psyche“ eine tragende Rolle ein. Er ist der beste Freund von Amor, aber natürlich viel cooler und auch fähiger als der kleine Liebesgott, der in meinem Buch zwar Protagonist, aber auch gerade erst mit seinem Aufgabenbereich betraut worden ist.
Erst heute habe ich eine spannende Szene überarbeitet, in der Apollo und Amor sich in einem Wettkampf messen. Mehr schreibe ich dazu aber nicht, denn ich will euch ja neugierig machen. 😉

Ist also heute ein etwas schwieriger Beitrag (Wie erklärt man etwas gut, das man eigentlich gar nicht soooo ausführlich erklären möchte?), aber trotzdem: es ist jetzt Zeit für Apollo!

Das kommt dem schon nahe, wie ich ihn mir vorstelle. By Jacob Matham (Holland, Haarlem, 1571-1631) – Image: http://collections.lacma.org/sites/default/files/remote_images/piction/ma-31877059-O3.jpgGallery: http://collections.lacma.org/node/170982, Public Domain, Link

By Stanisław Wyspiańskihttp://www.pinakoteka.zascianek.pl/Wyspianski/Wysp_Iliada.htm, Public Domain, Link

Das ist doch Amor neben ihm! By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/91/26/4827208a9f6c82795ee9cff825b3.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0035796.html, CC BY 4.0, Link

Auf dem letzten Bild ist Apollo mit einem Drachenwesen (und Amor) zu sehen. Wer mehr darüber wissen will, muss sich noch ein wenig gedulden, denn diese Geschichte wurde auf den ersten 30 Seiten von Amor und Psyche „eingewebt“. Sie ist auch der Grund, warum Amor Apollo ganz großartig findet und selber mit dem Bogenschießen anfängt – oder zumindest damit, Pfeile zu schnitzen, denn sowohl Apollo als auch Amor waren begnadete und begeisterte Bogenschützen. – Und auch Diana, Apollos Zwillingsschwester übrigens.

Das „Quiz“ stammt nicht von mir, dennoch sei hier gefragt: was hat Apollo hier wohl angestellt? Stichwort „Marsyas“, bitte merken. 😉 By Melchior Meier (Swiss, active in Italy between 1572 and 1582) – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Melchior_Meier_-_Apolo,_Marsias,_Midas_e_Pan,_1581.jpg, Public Domain, Link

Die Geschichte hinter diesem Bild kann ich ruhig erzählen, obwohl es keine „ruhige“ Geschichte ist. In Punkto Grausamkeit steht Apollo seiner Zwillingsschwester Diana (ihres Zeichens eine Mondgöttin) nichts nach. Ihre Eskapaden werden übrigens – zumindest indirekt – in Amor und Psyche benannt, denn Diana ist in meiner Variante eine, sagen wir mal, etwas kühlere Dame, die zu gewissen Mondphasen auch ganz schön brachial sein kann, bei ihrem Bruder Apollo habe ich mich da aber etwas zurückgehalten, denn ich wollte ja keinen Horrorroman schreiben. Aber, bevor die Geschichte vom Bild gelöst wird, mal eine mythische Begebenheit, in der Apollo und Diana gemeinsam wüten, hier oben rechts im Bild.

Die ihnen zugewandte Frau im schwarzen Kleid: Niobe. By Jan Boeckhorsthttp://www.kmska.be/nl/collectie/catalogus/, Public Domain, Link

Apollo und Diana sind die Kinder von Leto/Latona und Zeus. Zum Geburtsvorgang will ich auch nicht so viel sagen, da mein Buch … WERBUNG WERBUNG WERBUNG 😉
Auf jeden Fall hatte Leto/Latona nur diese zwei Kinder und keine weiteren. Das war für die Antike schon ungewöhnlich und so kam es, dass sich irgendwann eine Königin damit brüstete, mehr Kinder zu haben als Leto/Latona.
Königin Niobe hatte nämlich 7 Söhne und 7 Töchter.
Kaum hatten Apollo und Diana davon gehört, dass ihre Mutter sozusagen beleidigt worden war, flogen sie zur Erde und töteten die Söhne von Niobe. Aus unerfindlichen Gründen – vielleicht, weil sie so verzweifelt und wütend war? – goss Niobe Öl ins Feuer und sagte, dass sie ja immer noch mehr Kinder als Leto/Latona hätte (nämlich 7 statt 2) – und schwupps erlegten die Zwillingskinder sechs von Niobes Töchtern mit ihren Pfeilen.
Scheinbar realisierte Niobe dann, was gerade geschah und bat flehentlich, die beiden mögen ihr wenigstens die jüngste Tochter lassen.

Taten sie aber leider nicht. Von Ruchhöft-PlauEigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Marsyas. By Elihu VedderSothebys, New York, 11 April 2013, lot 63, Public Domain, Link

Auf Marsyas grausames Ende deutet das Quiz-Bild hin.
Marsyas erinnert schon optisch an diese hier, woraus möglicherweise ein paar Rückschlüsse gezogen werden könnten, wenn man sich mit der Entstehungsgeschichte von Sonnengöttern an sich auseinander setzt.
Marsyas war ein Satyr, ein halbgöttliches Wesen und wahrscheinlich auch der Begleiter von Kybele (über die es zu gegebener Zeit auch einen Blogartikel geben wird). Er liebte die Musik und insbesondere das Flötenspiel auf der Doppelflöte.
Der Legende nach soll die Doppelflöte von Athene/Minerva erfunden worden sein, die warf sie allerdings nach einiger Zeit weg, weil ihr langweilig geworden war. Marsyas fand sie und begann zu spielen.
Irgendwann war er selbst so begeistert von seinem Spiel, dass er Apollo zum Wettkampf aufforderte. Die Musen, welche eigens als Schiedsrichterinnen herbei bestellt worden waren (und eigentlich sehr parteiisch hätten sein müssen, denn Apollo hatte Liebesbeziehungen zu fast jeder Muse!), fanden tatsächlich zunächst, dass Marsyas besser spielen könne. Daraufhin legte sich Apollo natürlich richtig ins Zeug und überzeugte mit der Kithara (einer Art Harfengitarre) und Gesang.

Der Wettbewerb. By Cornelius van PoelenburghJens Mohr –  LSH 86741 (hm_dig4505_3713), Public Domain, Link

Marsyas hatte also verloren und, als hätten sie damals nix bessere zu tun gehabt, wurde er daraufhin an einer Fichte aufgehängt (der heilige Baum der Kybele) und von Apollo … gehäutet.
Wie gesagt, ich bin wirklich gespannt, wie und ob man diesen Vorfall mythologisch in der Entstehungsgeschichte von Sonnengöttern deuten könnte.

Häutungen, so ganz generell, geschehen ja auch beispielsweise Schlangen und denen passiert das ganz schmerzlos.

Es gibt in der Wikipedia verschiedene Deutungen darüber, warum Marsyas so ein grausames Schicksal wiederfährt. Die Haupterklärung ist die Bestrafung seiner „Hybris“, also seiner – jetzt mal sehr platt übersetzt- „Selbstüberschätzung“. (Hybris war übrigens auch eine Nymphe, aber ich schweife ab.)
Hybris kommt nämlich vom Verb ὑβρίζειν (hybrízein), das so viel bedeutet wie ein sich haltloses Ausufern (z.B. bei Pflanzen oder überschwellende Flüsse), dem auch eine gewisse Gewalttätigkeit innewohnt.
Dieses Phänomen kommt in vielen antiken Erzählungen vor, z.B. auch in der oben erwähnten Geschichte von Niobe. Auf die Hybris folgt Nemesis, eine göttliche Bestrafung.
Dennoch ist es fraglich, wieso Marsyas gerade für so eine simple Sache wie das Flötenspiel bestraft wurde. Möglicherweise liegt die Antwort nahe, dass es sich beim Musizieren mit der Flöte um ein allegorisches Mittel handelt, dass „die Flöte“ also repräsentativ für den Schaffensbereich des Gottes steht (z.B. die Musik generell), ggf. aber noch mehr, worauf die anwesenden Musen hindeuten, die ja noch andere kulturell-schaffende Bereiche vertreten als nur den Musischen.

Die Flöte ist auf jeden Fall ein sehr altes Musikinstrument, vielleicht sogar das älteste überhaupt. Das folgende Exemplar ist 40.000 Jahre alt und besteht aus Gänsegeierknochen. Von MuseopediaEigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, Link

Mozart hat einer „Flöte“ sogar eine gesamte Oper gewidmet, deren Interpretation (von Erich Neumann )viele mythische Bezüge aufweist.

Er schreibt u.a.:„[I]n den Worten der Liebenden: «Wir wandeln durch der Töne Macht froh durch des Todes düstre Nacht», wird die Musik der Zauberflöte zur höchsten Offenbarung der Vereinigung des Männlichen mit dem Weiblichen im Zeichen einer Weisheit des Herzens, die das Mysterium von Isis und Osiris andeutet.”

Kein Wunder also, dass Apollo not amused war, als Marsyas sich dieser Fähigkeiten rühmte.

By Texas A&M University-Commerce Marketing Communications Photography15031-Magic Flute Production-0465, CC BY 2.0, Link

Auf diesem Foto sieht man eine Neuaufführung der Zauberflöte, genauer gesagt eine Szene mit Sarastro, der in dem Stück ebenfalls eine Art „Sonnengott“ bzw. besser einen guten „Sonnenkönig“ repräsentiert. Ihm entgegen steht die „Königin der Nacht“, die sich ganz wunderbar aufregen kann.

Wenn man sich mit der Entstehung von Sonnengöttern beschäftigt, fällt zunächst auf, dass es sie  in Hülle und Fülle gibt.
Ich werde hier nur auf die älteste Variante eingehen.

Der älteste bekannte Sonnengott war der sumerische Gott Utu. Er stand für die Sonne und für Gerechtigkeit.

Hier mal in einer etwas jüngeren Variante als „Shamash“. By PriorymanOwn work, GFDL, Link

Utu hatte eine Zwillingsschwester wie Apollo, aber auch noch weitere Geschwister.
Inanna, seine Zwillingsschwester, war zuständig für Liebe, Sex und Krieg.
Ereshkigal, seine ältere Schwester, war sozusagen eine Göttin der Unterwelt.
Iskur, sein Bruder, war eine Art Wettergott, auch bekannt unter dem Namen Hadad/Adad

Seine Eltern waren die Mondgötter Nanna und Ningal, die vor allem von Kuhhirten verehrt wurden.

Wie ich ja schon häufig erwähnt habe, gibt es unter den vielen antiken Göttern (Antike = fast 2000 Jahre später als die Sumerer und die gerade genannten Götter) einige Überschneidungen und Gemeinsamkeiten (auch zu anderen Göttern auf der (damaligen) Welt). Gerade fällt mir auf, dass sich die Genealogie (also die Familiengeschichte) der Götter in den zweitausend Jahren bis zur Antike einmal komplett gedreht zu haben scheint. Kinder werden zu Eltern und umgekehrt.

Gut zu sehen ist das an Nanna und Ningal (Mondgötter), deren Eigenschaften in der Antike von Diana vertreten werden. Diana ist zu diesem antiken Zeitpunkt aber das Kind von Jupiter, einer Art Wettergott, der in der sumerischen Variante noch das Kind (Iskur), der Mondgottheiten ist.

… Irgendwann werden sie eben mal groß, die Kleinen. 😉

By Bundesarchiv, Bild 183-1984-0807-017 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Möglicherweise hat dieser Wechsel aber auch etwas mit der Änderung der Zeitrechnung weg vom Mond- hin zum Sonnenkalender zu tun oder vielleicht bedingte dieser Wechsel sogar den „neuen“ Sonnenkalender?

Über Utu (bzw. Shamash) gibt es eine mythische Erzählung, die im Original so aussieht:

By Timo RollerOwn work, CC BY 3.0, Link

Es ist der sogenannte „Gilgamesch-Epos“, eine der ältesten Erzählungen der Menschheit, eine Heldenreise, die wiederum bekannteren Versionen wie die Odyssee, Illias, Aeneis u.a. beeinflusst haben wird. Die Grobstruktur der Heldenreise lässt sich noch heute in vielen modernen Romanen finden.

Worum geht es in dem Mythos?

Datiert auf das 3. Jahrtausend v. Chr. handelt diese Geschichte von einem möglichen König (oder einer literarisch erfundenen Figur namens Gilgamesch), seinem Freund Enkidu, der im Verlauf der Geschichte stirbt, und der Suche Gilgameschs nach der Unsterblichkeit, die er aber nicht findet.

Utu/Schamasch tritt an einigen entscheidenden Stellen in Erscheinung. Er scheint eine Art Protegé für Gilgamesch zu sein, der sich im Laufe der Geschichte mit Inanna anlegt. Nachdem Enkidu und Gilgamesch den Himmelsstier erlegt haben (den Inanna gerne haben wollte), nehmen sie sein Herz heraus „und legten es vor Schamasch hin.“
Enkidu wird dann krank und stirbt, Gilgamesch legte daraufhin Schamasch verschiedene Gegenstände vor, die an die Götter der Unterwelt weitergeleitet werden sollen. Unter anderem einen Flakon aus Lapislazuli (für Ereschkigal), eine Flöte aus Karneol (Für Dumuzi), einen Thron und ein Szepter aus Lapislazuli (für Namtar), usw. [vgl. Maul, Stefan, Das Gilgamesch-Epos, Beck 2012, ibs. S. 140f.]

By Veldkamp, Gabriele and Maurer, Markus – Veldkamp, Gabriele. Zukunftsorientierte Gestaltung informationstechnologischer Netzwerke im Hinblick auf die Handlungsfähigkeit des Menschen. Aachener Reihe Mensch und Technik, Band 15, Verlag der Augustinus Buchhandlung, Aachen 1996, Germany, CC BY-SA 3.0, Link

Noch ein abschließender Bezug zu einer philosophischen Beschäftigung mit dem Thema „Sonne“.

Das obige Bild stellt einen Ausschnitt aus Platos Höhlengleichnis dar. Wir sehen die Sonne ganz oben im Bild und die Menschen, die gefesselt an die Wand vor sich starren und die Schatten der Dinge, die hinter ihnen über die Mauer laufen, als „Realität“ wahrnehmen.
Das Gleichnis kann ganz verschieden gedeutet werden, Platon nennt allerdings die Sonne als einzig „wahren und guten“ Erkenntnispunkt.
Also: wenn jemand von den Gefangenen raus käme und die Welt – und insbesondere die Sonne erkennen würde, dann hätte er „die Wahrheit“ gefunden.

So verwundert es nicht, dass Apollo – neben seiner Funktion als „Lichtbringer“ auch der Gott der Erkenntnis war.

By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/98/f5/ccc98899824d086d41fd05084969.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/L0002748.html, CC BY 4.0, Link