Zum Valentinstag!

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Hallo ihr Lieben!

Gerne hätte ich euch jetzt schon mein neues E-Booklein „Amor und Psyche“ präsentiert und kräftig dafür geworben, aber es ist immer noch „in der Mache“.

Es ist wirklich unbeschreiblich und sehr emotional, was bei einer Überarbeitung so anfällt. Ich hoffe, ich enttäusche niemanden, wenn ich sage, dass Psyche in der jetzigen Version (die dann auch irgendwann einmal die Endversion sein wird) nicht mehr hässlich, sondern doch sehr hübsch ist. So sagt es auch die antike Vorlage.

Ich bleibe also doch insgesamt viel näher am Original, als zuvor gedacht. An dieser Stelle empfehle ich auch jedem, der ein Buch schreibt, vorab eine möglichst konkrete Vorstellung davon zu entwickeln, was er oder sie zu schreiben gedenkt.

Die Überarbeitung macht (auch) Spaß, aber es ist echt eine Heidenarbeit, das jetzt in eine Form zu bringen, die mir – und hoffentlich auch anderen – gefällt. Da war es doch so viel einfacher, jede Woche ein paar Zeilen hier zu posten und euer liebes Feedback einzuheimsen. 😉

Das Schicksal hat mir übrigens eine sehr kompetente und passende Gefährtin geschickt, die mir mit Rat und Tat zur Seite steht. Nicht zuletzt kenne ich durch sie die wunderbar geniale Funktion und Wirkung/Fähigkeit von Google Documents.

Falls jemand von euch Lust hat, an der Überarbeitung des Werkes mitzumachen: fühlt euch herzlich eingeladen. Ich vertraue den Menschen und dem Schicksal, daher an dieser Stelle ein kleiner Aufruf: schickt mir eine kurze Nachricht, warum ihr mitmachen wollt, an runa.phaino@gmail.com

Und dann füge ich euch einfach zur Bearbeitung hinzu.

Übrigens ist das kein Muss. Man kann die Geschichte auch einfach nur (mit)lesen in ihrer neusten Version und sie beim weiteren Werde- und Entstehensvorgang beobachten.

 

Ich würde mich sehr freuen!

Viele liebe Grüße

Eure

Runa Phaino

 

PS. Und zum Valentinstag noch ein paar Hintergrundinfos hier. Von den katholischen Freunden. Alles Liebe!

 

 

 

Eure Wünsche für das Jahr 2017? – Oder: Ein persönliches Lehmofen-Orakel

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Huhu! Da bin ich schon wieder. 🙂

Mich würde interessieren, da ich gerade absolut keine Ahnung habe, wie es weitergehen könnte, nachdem Amors Abenteuer hier Vollendung fand, was ihr euch vom Lehmofen wünschen würdet.

Ehrlich gesagt hatte ich daran gedacht, mich etwas stärker auf das Schreiben zu konzentrieren, nachdem ich nun ja weiß, was ich und wohin ich will. Habt ihr also vielleicht Lust, das nächste Projekt wieder als Blogroman zu lesen?

Alternativ hatte ich gedacht, dass ich mehr „über“ das Schreiben berichte und das nächste Projekt ganz geheimniskrämerisch im stillen Kämmerlein entwickle. Ich habe gemerkt, dass das kontinuierliche Schreiben für euch (auch) mir (äußerst!) gut tut – Danke dafür-, aber da die nächste Geschichte sehr kreativ ist und noch keinem roten Faden folgt (wie Amor und Psyche, diese Geschichte gibt es ja schon fast 2000 Jahre), kann ich nicht versprechen, ob und wie ich einzelne Kapitel hier überhaupt veröffentlichen kann.

Rosa Schweino sollte eigentlich hinten überfallen, weil sie nichts mit dem Schreiben an sich zu tun hat. Ich habe sie aber sehr lieb … und möchte daher eigentlich diesen Part beibehalten. Marketing und Content kreischen laut „Oh Weh!“ – , aber was meint ihr?

Und last but not least: mein Name.

Es ist kein Geheimnis, Runa Phaino ist natürlich ein Pseudonym. Nach allerlei Überlegungen hatte ich es irgendwann gefunden und ich mag den Namen, weil er so schön altmythologisch anmutet und einen kleinen Kulturmix (Keltisch und Griechisch) bietet. Ja, ich hab mir was bei gedacht, aber so besonders eingängig ist der Name nicht. Hihi.

Ich hatte daher überlegt, ein anderes Pseudonym zu wählen. Was infrage kam war vor allem, Achtung: Eike H. Wulf.

Was haltet ihr davon? Oder soll alles bleiben, wie es ist, soweit das möglich ist?

 

Danke für euer Feedback, ich kann es gerade brauchen. Und warum nicht einfach fragen, ich mache das hier schließlich allein zu eurem und meinem Vergnüglichsein! 😀

Einen guten Rutsch euch allen!

Eure

Runa Phaino

 

*Das da oben ist übrigens der Tempel von Delphi. Einst mit Leitspruch von Apollo: „Erkenne dich selbst“ überschrieben. Toll!

 

 

 

 

 

 

Ein langer Weg zum Schluss

So ihr Lieben, es ist Donnerstag! Viel Freude beim Lesen und sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt. 😉 

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„Mars …“, stammelte Venus. „Und Vulkanos … wie kommt ihr hierher?“
„Wie kommt der hierher?“, fragte Mars und stieß Adonis ins Zimmer hinein. Im Vergleich mit den Göttern wirkte Adonis unnatürlich klein. Er war sehr verängstigt.
„Seid vorsichtig mit ihm!“, rief Venus und fing Adonis auf.
Vulkanos betrat den Raum und betrachtete Venus mit schmalen Augen. „Wie viele Liebhaber versteckst du hier im Schloss?“
„Nur den einen“, erwiderte Venus und strich Adonis eine Locke aus dem Gesicht. „Den anderen kennst du ja bereits.“ Sie nickte Richtung Mars und drehte sich kampfeslustig zurück zu Vulkanos.
„Das geziemt sich nicht für meine Ehefrau!“ Vulkanos stampfte auf den Boden und das ganze Schloss erzitterte. „Mit einem Liebhaber wäre ich ja noch fertig geworden, aber gleich zwei?“
„Und ich akzeptiere nur deinen Ehemann, wenn überhaupt!“, erklärte Mars und sah so verbittert aus, als ob er in einen sauren Granatapfel gebissen hätte. „Dieser Schönling hier, was soll das? Warum gibst du dich mit einem Menschen ab?“
„Das musst du gerade sagen“, fauchte Venus. „Wer hatte denn neulich ein Stelldichein mit einem Menschen? Ich sage nur „Rhea Silvia“, oder wie sie hieß.“
„Das war eine Priestern“, entgegnete Mars. „Und es war Schicksal. Unsere Zwillinge Romulus und Remus werden einst ein Weltreich erschaffen.“
„Das glaubst du doch selber nicht!“, keifte Venus und bewarf Mars wütend mit Amors Kopfkissen. „Aber eines kann ich dir sagen. Ich brauche für meine Liebe keine blöde Weltreichslegitimation. Ich mache es nur zum Spaß. Und es macht verdammt viel Spaß!“
Vulkanos rollte mit den Augen. „Jetzt siehst du mal, wie sie sein kann“, raunte er zu Mars.
Der Kriegsgott reagierte wie ein aggressiver Stier, aus dessen Nüstern schwarzer Rauch strömte. Unruhig zuckte er mit den Füßen.
„Papa!“, quiekte Amor bevor ein Unglück geschah. „Das ist meine Schuld … Ma kann nichts dafür!“
Mars rotglühender Zorn richtete sich auf ihn.
„Also äh, ich, äh …“
Stotternd erzählte er, wie und warum er Venus und Adonis miteinander verkuppelt hatte.
„Es ist alles wegen Psyche“, schloss Amor. „Ich liebe sie und nun bestraft mich, wie ihr wollt. Nur lasst mich endlich zu ihr.“
Vulkanos sah Amor ungläubig an. Mars schnaufte ein paar Mal. Dann erhob sich ein Gelächter, dass die Wolken bebten.
„Mit diesem Sohn“, feixte Vulkanos und hielt sich den Bauch, „bist du wahrlich bestraft genug!“
„Das ist mein Sohn!“, triumphierte Mars. „Wenn er auch kein Heerführer mehr wird, seine Strategie hat er von mir!“
Er strubbelte Amor durchs Haar und sagte mit einem Seitenblick zu Adonis: „War doch klar, dass dieser da mir nicht das Wasser reichen kann. Die ganze Liebschaft ist nur ein kleiner Trick.“
Venus zupfte an ihrem Gewand und blickte abwechselnd zu Adonis und zum Boden. Dann betrachtete sie ihre Fingernägel und knibbelte daran.
„Es macht trotzdem Spaß“, zischte sie.
Und dann geschah ein Wunder.
„Du hast unseren Sohn gehört?“, fragte Mars.
„Was soll das heißen?“
„Du hast ihn gehört“, sagte Mars und verschränkte die Arme. „Es geht hier um Liebe.“
„Na gut“, sagte Venus mit blitzenden Augen. „Ich gebe dem Menschlein eine Chance. Aber du, mein Sohn, bleibst hier!“
„Wir kommen mit“, sagten Vulkanos und Mars wie aus einem Mund.
Aufgewühlt blickte Amor ihnen hinterher. Dann hörte er, wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde.

Psyche hätte unmöglich sagen können, wie viel Zeit verstrichen war. Doch auf einmal öffnete sich die Tür zum Verließ und ein Funkeln erhellte die Dunkelheit. Aus halb geöffneten Augen erkannte Psyche Venus und hinter ihr schemenhaft zwei andere Gestalten. Die Göttin hielt eine goldene Schale in der Hand. Sie schien nicht alleine gekommen zu sein, doch ihre Begleiter blieben im Hintergrund.
„So höret denn meinen Götterspruch!“
Es war eher ein Keifen, als ein Rufen. Hätte Psyche nicht gewusst, dass es eine Göttin war, die sprach, hätte sie angenommen, es sei die menschliche Stimme eines kläffenden Hundes.
„Sie wird dreieinhalb Aufgaben erhalten, um zu beweisen, dass sie meines Sohnes Amor würdig ist.“
Es war, als ob das Verließ sich auf die zehnfache Größe weitete. Die Göttin wuchs und wuchs, bis sich Psyche so klein fühlte wie ein Floh. Aus weiter Ferne hörte sie Venus Stimme, deren Worte in einem Tonfall erklangen, als hätten sie den Mund der Göttin am liebsten nie verlassen:
„Dies also sollen deine Aufgaben sein, um zu beweisen, dass du mehr bist als ein Mensch.
Bringe mir die Wolle der goldenen Schafe. Bringe mir Wasser aus dem Fluss der Unterwelt. Bringe mir die Schönheitssalbe Proserpinas, denn ich habe morgen Abend einen Theaterbesuch. Und zuerst, denn ich bin eine gnadenreiche Göttin, erfülle diese kleine Aufgabe hier.“
Sie schüttete den Inhalt der Schale ins Verließ. Von oben regnete es auf Psyche hinab. Schützend hielt sie sich die Hände vors Gesicht, doch das, was auf sie niederprasselte, war winzig klein. Es waren Samen von Weizen, Gerste, Hirse, Mohn, Erbsen, Linsen und Bohnen. Sie sprangen bunt durcheinander über den felsigen Boden, in jede Ecke und jede Ritze.
„Ordne die Körner nach ihrer Art zu einzelnen Häufchen. Dann erst wird sich die Tür vom Verließ wieder öffnen. Kummer und Sorge, folgt mir!“
Damit schrumpfte Venus blitzschnell auf ihre ursprüngliche Größe und schlug die Tür zu.
Psyche blinzelte auf das Durcheinander. Ihr Körper war ausgelaugt und schlaff. Trotzdem begann sie, die Kerne mit spitzen Fingern aufzusammeln. Ihre müden Augen waren kaum imstande, sie voneinander zu unterscheiden. Es war unmöglich, doch sie wollte es versuchen. Venus hatte gesagt, sie solle sich als würdig erweisen. Es war nur ein winziger Hoffnungsschimmer, aber es war eine Chance.
Die Tür wurde wieder aufgerissen.
„Ach, da wäre noch etwas“, sagte Venus. Ihre Stimme klang jetzt ruhig und zufrieden. „Du musst alle drei Aufgaben erledigt haben, bis zu der Zeitspanne, in der am morgigen Tage der Mond unter- und die Sonne aufgeht. Oder ich werfe dich eigenhändig von dieser Wolke.“
Psyche sank in sich zusammen. Das waren keine Aufgaben. Keine Chance. Es war der blanke Hohn. Venus hatte ihr Todesurteil ausgesprochen.
„Sie hat was?“ Amor presste sein Ohr gegen die Tür seines Kinderzimmers. Venus hielt ihn weiterhin eingesperrt, ja sie hatte ihm sogar noch eine Wächterin ins Zimmer geschickt. Eine Dienerin namens „Nüchternheit“ sollte ihm zu Einsicht und Vernunft verhelfen.
Unruhig hörte er die Worte seines Vaters und die Ergänzungen von Vulkanos, die ihm durch das Schlüsselloch von Psyches Aufgaben berichteten.
„Das alles ist viel zu gefährlich!“, rief Amor und raufte sich die Haare. „Nicht einmal die Götter wissen, wohin Proserpina verschwunden ist! Wie soll sie nur all diese Aufgaben schaffen, die selbst für einen Gott zu groß sind! Sie ist doch kein Theseus, kein Odysseus und kein Herkules!“
„Nun ja …“, begann Mars zaghaft.
„Was?“, fragte Amor. „Sag schon! Noch mehr Aufgaben?“
„Nein, das ist es nicht …“, erwiderte Mars. „Nur, mein Sohn, … mir fehlen die Worte.“
„Sag schon!“
Vulkanos mischte sich ein. „Ich weiß, was dein Vater sagen will. Mars versteht nicht, warum du dich in sie verliebt hast. Gerade auf dem Weg hierher meinte er, dass sogar ich sie an Schönheit übertreffen würde.“
Amor hörte hinter der Tür, wie Mars Vulkanos einen Fausthieb verpasste.
„Halt doch einfach die Klappe!“
„Und du beherrsche dich mal. Gewalt ist jetzt keine Lösung …“
Verzweifelt raufte Amor sich die Haare.
„Wollte ihr damit sagen, Psyche sei nicht schön?? Warum behauptet das jeder? Habt ihr alle keine Augen im Kopf??? Sie ist klug, warmherzig, lustig … sie ist die Frau, die ich liebe! Und sie ist WUNDERSCHÖN!!!“
„Ganz richtig“, hörte er Vulkanos hinter der Tür murmeln. Er sprach die Worte undeutlich, so als würde er sich gleichzeitig das Kinn reiben. „Schönheit liegt eben im Auge des Betrachters.“
„Ich dachte nur, dass mein Sohn einen erleseneren Geschmack hat, wenn er sich schon mit Sterblichen einlässt. Eine Helena wäre die richtige für ihn. Aber diese … Psycho … oder wie auch immer sie heißt …“
Amor spürte eine solche Wut in sich, dass er fast zu platzen drohte. Ja, in diesem Moment fühlte er sich so aufgewühlt, dass es ihm ein leichtes schien, die Tür zu zerfetzen und seinem Vater ins Gesicht zu springen. Oh, er würde diese Worte aus Mars herausprügeln, und wenn es das letzte wäre, was er tat!

Nüchternheit erhob sich von ihrem Stuhl und wackelte auf Amor zu. Sie war eine der ältesten Dienerinnen von Venus, doch jahrhundertlang hatte ihre Hauptaufgabe darin bestanden, in der Küche bei der Zubereitung von Nektar und Ambrosia zu helfen. Eine viel zu geringe Tätigkeit, wie Nüchternheit nüchtern feststellte. Venus mochte sie nicht besonders. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann ihre eigentlichen Fähigkeiten das letzte Mal zum Einsatz gekommen waren. Ruhig legte sie Amor ihre faltige Hand auf die Schulter.
Eine angenehme Kühle breitete sich dort über seiner Wunde aus und besänftigte jede Aufregung, ließ alle Wut erkalten.
Ruhe und Klarheit erfassten seinen Geist.
Und auf einmal wusste er, was zu tun war.
„Was auch immer ihr über sie denken mögt: ich liebe Psyche. Und ich habe einen Plan, wie wir sie retten können. Ich zähle auf eure Hilfe.“
Ein feines Kratzen ließ Psyche die Augen wieder öffnen. Ungläubig beobachtete sie, wie die Körner sich selbst bewegten, hierhin und dorthin zogen und kleine, geordnete Haufen bildeten.
Als eine Erbse über ihren Fuß krabbelte, erkannte Psyche, dass sie von einer stattlichen Ameise getragen wurde. Ihr Körper glänzte in der Dunkelheit, so als ob sie eine Rüstung tragen würde.
Unzählige der kleinen Tierchen überschwemmten das Verließ und ordneten die Körner nach ihrer Art. Psyche bewegte sich nicht. Sie saß atemlos da und betrachtete die fleißigen Krieger, die nach wenigen Augenblicken fertig waren und so schnell verschwanden, wie sie gekommen waren.
Mit einem Klicken öffnete sich die Tür.
Psyche wartete noch einige Atemzüge, bevor sie aufstand, denn sie wollte sichergehen, dass sie die kleinen Helfer nicht zertrampelte. Dann schlich sie auf Zehenspitzen aus ihrem Gefängnis.
Und als sie sich fragte, wohin sie sich wenden sollte, strich eine kühle Brise über ihre Handfläche. Psyche lächelte. Der Zephyr war zurückgekehrt.
Der Wind führte sie aus dem Schloss, hob sie von der Wolke und brachte sie an einen Fluss, an dessen Ufern Schafe weideten, deren Fell im Mondlicht schimmerte. Tief schon stand der Mond am Himmel. Sie aber hatte nicht einmal die zweite Aufgabe erledigt.
Rasch wollte sie zu den Schafen gehen, um an ihr Fell zu gelangen, da flüsterte eine Stimme im Schilf:
„Hüte dich vor den Schafen, sie sind von Tollwut befallen und ihre Bisse sind giftig. Doch wenn du dich zur linken Seite wendest, findest du den Platz, an dem sie heute Nachmittag ruhten. Dort überall im Gebüsch hängen die Goldflocken, du brauchst sie nur vom Laub abzuschütteln.“
„Hab Dank, wer auch immer du bist“, antwortete Psyche, raffte die Lumpen ihres Kleides und lief so schnell sie konnte in die genannte Richtung.
Sie fand das Feld und Büsche überdeckt mit der goldenen Wolle. Mit beiden Händen pflückte sie die Fellbüschel von den Blättern. Dann riss sie einen Teil ihres Kleides entzwei und wickelte die Flocken in den Stoff. Ängstlich betrachtete sie den Mond. Er stand kurz vor seinem Untergang.
„Zephyr“, flüsterte Psyche ängstlich. „Zephyr! Wir müssen uns beeilen!“
Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen, da brauste der Zephyr auf und wirbelte Psyche durch die frühen Morgenstunden den Fluss entlang bis zu einem Gebirge, wo das Wasser mit Tosen und Toben in eine Schlucht hinabstürzte. Sanft setzte der Zephyr Psyche auf einem Felsvorsprung ab.
Feine Tropfen stoben in Psyches Gesicht und der Schlund, in dem das Wasser brodelte, wirkte wie ein sicheres Grab. Doch die Welt um sie erhellte sich und es blieb kaum noch Zeit. Also nahm Psyche Anlauf, fest entschlossen, sich hinabzustürzen, um an das Wasser zu gelangen, das Venus begehrte.
Doch als sie den Rand erreichte, wurde sie vom Flügelschlag eines gewaltigen Adlers zurückgeworfen. „Du armes Menschenkind“, sprach der Adler, „Weißt du denn nicht, dass diese Grube von bösartigen Wesen nur so wimmelt? Dass selbst Jupiter, der mächtigste aller Götter, diesen Ort scheut? – Hier schwören die Götter … ?“
Mit klopfendem Herzen reichte Psyche dem Adler die Flasche. Er griff sie mit seinem Schnabel und glitt in den Schlund hinab. Es zischte und spritzte und von unten erklang ein Gebrüll, das selbst das Tosen des Wassers übertönte. Riesige, echsenartige Wesen wimmelten im Wasser und hinderten den Adler daran, die Flasche zu füllen.
Der Adler aber flog mit elegantem Flügelschlag über ihnen und füllte die Flasche am sprudelnden Wasserfall. Sogleich flog er zurück und reichte Psyche die Flasche. Dankbar nahm Psyche sie entgegen.
„Was bist du für ein Wundertier, dass du sprechen kannst?“, fragte Psyche. Der Adler zwinkerte ihr zu und sprach: „Ich bin der Liebling Jupiters, das soll vorerst genügen.“
Dann flog er in den Himmel davon und Psyche stellte mit Schrecken fest, dass der Morgen graute.
Der Wind kam und umwirbelte sie. Allerdings machte er keine Anstalten, sie anzuheben.
„Sie nur, der Mond!“, rief Psyche verzweifelt. „Ich muss diese Salbe finden, ansonsten ist alles verloren!“
Ängstlich beobachtete Psyche den hellen Himmelskörper, der sich unaufhaltsam gen Horizont senkte. Und war dort nicht auch schon die Morgenröte zu sehen?
„Ach“, seufzte Psyche und sank zu Boden. „Niemand weiß, wo die Frau ist, deren Salbe ich holen soll. Nicht einmal die Götter.“

In diesem Moment brauste der Zephyr auf und schleuderte Psyche quer durch die Luft. Er brachte sie in eine schroffe Felsenlandschaft. Kein Strauch und kein Kraut wuchs hier, alles war übersäht von grauen Steinen und Staub. An einer Stelle war die Erde gespalten. Dort klaffte ein tiefes Loch, aus dem stinkende Dämpfe entwichen.
Psyche hielt sich die Nase zu und taumelte darauf zu. Ihr war noch schwindelig vom Flug, doch sie durfte keine Zeit verlieren. Immer wieder blickte sie gen Himmel, um zu prüfen, wie weit die Gestirne sich bewegten. Der Mond war fast versunken und im Osten erhellte sich die Nacht.
Hektisch kletterte Psyche in das Loch hinab, tiefer und tiefer und immer tiefer, bis sie fast gänzlich von Dunkelheit umgeben war.
Es stank unerträglich, doch je weiter Psyche hinabstieg, desto leichter fiel ihr das Atmen. Schließlich verzweigten sich die Wege. Da erkannte sie an der Wand eine Markierung, ein kleines Herz, die jemand vor einiger Zeit in den Felsen geritzt hatte.
Psyche entschied sich für diese Abzweigung.
Sie war kaum ein paar Schritte gegangen, als der Weg in ein riesiges Gewölbe mündete. Ein schummriges, graugrünes Licht flackerte, unmöglich zu sagen, von wo es kam.
Psyche blickte nach links und rechts, dort ragten steile Wände empor, zerklüftete Felsen mit schwarzen, gefährlichen Spitzen. Am Ende der Halle aber entdeckte sich einen gewaltigen Schatten. Und dieser Schatten raste auf sie zu.
Psyche blieb fast das Herz stehen, als sie den riesigen, dreiköpfigen Hund erkannte. Es war der Zerberos, der Höllenhund, der den Eingang zur Unterwelt bewachte. Seine drei Mäuler schäumten, er fletschte die Zähne und bellte gellend. Psyche drückte sich gegen die Felsen und nestelte mit zitternden Fingern an ihrem Gewand. Es war ein absurder Gedanke, aber es war etwas, an das sie sich in ihrer Todesangst klammerte. Endlich bekam sie das Stück zu fassen und schleuderte es von sich, dem Zerberus direkt zwischen die Pfoten.
Der Hund stoppte und schnüffelte neugierig daran. Todesmutig drückte sich Psyche an der Felswand entlang, bevor die Bestie es sich anders überlegte. Der Zerberus knabberte an dem trockenen Honigkuchen, als Psyche sich durch die kleine Pforte zwängte.
Vor ihr ragte ein Steg ins Wasser, über dem dichter Nebel aufstieg. Psyche betrat den Steg und aus den Nebelschwaden glitt lautlos eine Barke. Der Charon, dachte Psyche. Eine unheimliche, hagere Gestalt, deren Gesicht sie nicht erkennen konnte, weil es von einer Kapuze verhangen war. Was sie erkennen konnte, erschien ihr immer unwirklicher. War tatsächlich dabei, das Reich des Todes zu betreten?
Stumm streckte der Charon ihr seine knorrige Hand entgegen. Psyche legte ihm einen Obolus auf die Innenfläche und bestieg den Kahn.  Er schwankte ein wenig und aus dem Augenwinkel erkannte Psyche die seltsamen Drachenwesen, die auch hier im Wasser der Unterwelt lebten.
Der Charon stieß das Boot vom Steg ab und führte es mit einem Stab durch die Nebelschwaden.
„Ich bin hier, um eine Schönheitssalbe zu bekommen“, sagte Psyche. Der Charon zeigte keine Regung. Lautlos glitten sie über das Wasser.
Auf einmal lichtete sich der Nebel und Psyche erkannte einen großen Palast. Hier war es heller als anderswo, denn in der Decke gab es ein paar Stellen, durch ein wenig Licht schimmerte.
Der Charon gebot Psyche, das Boot zu verlassen. Psyche raffte die Reste ihres Rockes und betrat die marmornen Stufen.
Über den Stufen befand sich eine Art Wandelgang von Säulen umsäumt und in seiner Mitte lag ein großes Tor. Psyche ging dorthin, öffnete das Tor und musste niesen.
Hinter dem Tor lag ein Garten, in dem sonderbare Pflanzen wuchsen. Die meisten wirkten dunkel und bedrohlich, hatten spitze, zackige Blätter und riesige Dornen. Einige leuchteten grünlich im dämmrigen Licht.
„Gefällt dir mein Garten?“, fragte eine Stimme.
Psyche erschrak.
Zwischen den Büschen stand eine Frau die ein buntes Kleid trug. Sie hatte dunkle Haare, schneeweiße Haut und ihre Lippen waren so rot wie Blut. Die leuchtenden Farben ihres Gewandes bildeten einen starken Kontrast zum gräulichen Grün der Pflanzen.
„Es ist erstaunlich, dass hier unten etwas wächst“, antwortete Psyche und nieste erneut.
„Nicht so erstaunlich, wenn man bedenkt, dass ich, Proserpina, die Gärtnerin bin“, sagte die Frau lächelnd.
„Du bist Proserpina?!“
Psyche erinnerte sich gut an die Göttin mit den kornblumenblauen Augen, die so traurig war über den Verlust ihrer Tochter.
„Ja“, sagte Proserpina und sah Psyche skeptisch an. „Stimmt etwas nicht?“
„Deine Mutter sucht dich“, sagte Psyche. „Ich habe sie vor einiger Zeit getroffen. Ihr ging es nicht gut.“
Proserpina strich über die graugrünen Blütenblätter. „Dann wird es wohl Zeit, dass ich zu ihr zurückkehre. Bist du gekommen, um mir das zu sagen?“
Psyche schüttelte den Kopf. „Ich bin hier, um eine Schönheitssalbe zu holen. Venus schickt mich.“
Proserpina kam ein paar Schritte näher und sah Psyche aufmerksam an.
„Venus?“, fragte sie. „Die hat meine Salbe doch gar nicht nötig. Aber wenn ich mir dich so angucke …“
Beschämt blickte Psyche auf ihre Füße. Schon wieder. Sie wusste ja, dass sie selbst für irdische Verhältnisse unansehnlich war, aber für die unsterblichen Götter musste ihr Anblick eine wahre Beleidigung sein.
„Tut mir leid“, brachte sie zähneknirschend hervor. „Aber Venus hat mich geschickt. Ich muss ihr die Salbe bringen, ansonsten bin ich bald euer Dauergast.“
„Ach ja?“, fragte Proserpina. „Was hast du denn angestellt?“
„Ich …“, Psyche suchte nach Worten. Wie sollte sie alles, was ihr wiederfahren war, erklären?
„Ich habe mich in ihren Sohn verliebt. Und er sich, glaube ich, auch in mich.“
„In dich?“ Proserpinas Augen weiteten sich.
„Ja“, knurrte Psyche, drauf und dran die Unterwelt auf dem Fuße wieder zu verlassen. Proserpinas Erstaunen war so grundtief ehrlich, dass Psyche selber zu zweifeln begann, ob das alles mit rechten Dingen zuging. Aber ohne die Salbe konnte sie nicht gehen.
„Sagen wir mal so“, sagte Psyche. „Ich weiß es doch selber nicht. Aber dass er mich liebt, das hoffe ich. Das ist alles schwer zu erklären.“
„Die Wege der Liebe sind unergründlich“, befand Proserpina. „Aber ich mag deinen Freund. Er hat mir einst sehr geholfen. Und deswegen helfe ich jetzt dir.“
Sie drehte sich Richtung Palast, während Psyche erleichtert ausatmete.
„Schatz!“, brüllte Proserpina.

„Wo seid ihr, meine Königin?“, dröhnte eine dunkle Stimme aus dem Gemäuer.
„Im Garten. Bring mir meine Salbe. Sofort!“
Schwere Schritte waren zu vernehmen, die immer schneller wurden. Dann öffnete sich eine Tür zum Garten und heraus kam ein schwarz gekleideter, bärtiger Mann, der eine kleine Schatulle in der Hand hielt, die im Dunkel der Unterwelt dumpf blitzte.
„Das“, sagte Proserpina, „ist Psyche, Amors Freundin.“
Der bärtige Mann rümpfte die Nase. „Ich kenne sie. Amor war einst der Auffassung, ich solle mich in sie verlieben.“
Psyche runzelte die Stirn. Sollte sie je wieder hier rauskommen, müsste Amor ihr das auf jeden Fall erklären.
„Keine Bange“, sagte Proserpina milde. „Er hat ja jetzt mich.“
„Die eindeutig bessere Wahl“, befand Pluto grinsend.
Am liebsten hätte Psyche mit dem Fuß aufgestampft. Welche Gefahren hatte sie auf sich genommen! All die Aufgaben, die sie erfüllt hatte! Sie war ein Mensch, der es bis in die Unterwelt geschafft hatte! Doch alles, was sie zu hören bekam, war, dass sie hässlich war. Sie zwang sich zu einem Lächeln. Sie brauchte die Salbe.
„Ich muss mich beeilen, ich habe nur bis Sonnenaufgang Zeit, also wenn ihr jetzt so freundlich wärt …“
Pluto lachte dunkel. „Dein kleiner Freund muss halt noch ein wenig an den Sternen drehen. Mag ja sein, dass die Liebe den Tod überwindet … aber ob sie auch die Zeit besiegt?“
„Du bist Amors Freundin und unser Gast. Können wir dir nichts anbieten?“
Psyche seufzte und trat unruhig auf der Stelle. „Ja, gerne“, sagte sie. „Ich hätte gerne ein Stück Schwarzbrot.“
„Pah!“, empört blies Proserpina ihren Atem in die Luft. Dann setzte sie hinterher: „Die Wahl passt ganz vorzüglich zu dir.“ Und zu Pluto gewandt fuhr sie fort: „Warum bist du noch hier, unser Gast hat Hunger.“
Und das stimmte. Psyches Hunger war so gewaltig, dass ihr sogar die modrigen Pfllanzen als schmackhaft erschienen …
„Mylady“, sagte Pluto mit einer tiefen Verbeugung, huschte ins Schloss und brachte ein Tablett mit … und einer trockenen Scheibe Brot.
Proserpinas Augen formten sich zu zwei kleinen Schlitzen.
„Du bist kein guter Gast“, sagte sie … , nahm Pluto die Dose aus der Hand und reichte sie Psyche.
„Ich würde dir übrigens empfehlen, sie zu öffnen“, fügte Proserpina hinzu.
Psyche nahm das Kästchen an sich, bedankte sich und ging hastig zurück zum Steg. Sie blickte nicht zurück. Auch nicht, als Proserpina ihr hinterherrief: „An deiner Stelle würde ich die Salbe benutzen!“
Der Charon schien eine Unendlichkeit für die Überfahrt zu brauchen, dem Zerberos warf sie das zweite Kuchenstück hin und verließ mit klopfendem Herzen die Halle.
Als sie den Aufstieg aus der Unterwelt begann, vorbei an den dichten Schwefelschwaden, die aus den Steinen strömten, hielt Psyche inne.
Auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie alle Aufgaben erfüllt hatte. Es waren nur noch wenige Schritte bis zur Oberwelt und in ihren Händen hielt sie den letzten Gegenstand, den sie für Venus besorgen musste. Und dies war nicht irgendeine unwichtige Sache, sondern die Schatulle enthielt ein Schönheitsmittel, eine kostbare, göttliche Salbe, die wahrscheinlich selbst die Steine der Unterwelt in glänzende Diamanten wandeln würde.
Proserpina hatte gesagt, sie solle die Dose öffnen. Mit einem hämischen Grinsen, so kam es Psyche zumindest rückblickend vor. Sie konnte Proserpina nicht trauen. Sie hatte alle Aufgaben erfüllt. Jetzt müsste sie nur noch ein paar Schritte gehen. Der Ausgang zur Oberwelt war bereits zu erkennen, etwas von der Morgendämmerung fiel in den Schacht.
Warum nur, fragte sich Psyche, dämmerte der Morgen immer noch? Galt in der Unterwelt eine andere Zeit? Sie hatte Stunden dort verbracht, so schien es ihr zumindest. Und dort, hinter den Felsen, draußen vor dem Ausgang, erkannte sie noch den Mond, der nun beinahe die Spitzen des Horizonts berührte.
Psyche seufzte. Die Schatten an der Wand schienen ihr zu flüstern, es nicht zu tun. Sie wusste, dass es eine Falle war. Amor liebte sie, liebte sie immer noch. Liebte sie so, wie sie war. Pluto hatte gesagt, dass Amor dafür verantwortlich sei, dass selbst die Gestirne auf sie warteten.
„Aber ich“, sagte Psyche, „Ich liebe mich nicht.“
Und dann öffnete sie die Schatulle.

Endlos zog sich der Sonnenaufgang über den morgendlichen Himmel. Wie lange würden Apollo und Diana noch aushalten? Amor versuchte, sich zu beherrschen. Er hatte alles gut geplant. Doch Psyche hätte längst zurück sein müssen. Irgendetwas war geschehen. Irgendetwas, das nichts Gutes bedeutete.
Nüchternheit zuckte kurz zusammen, als Amor die Tür in Splitter zerfetzte.
Er breitete seine Flügel aus und rief den Zephyr herbei. Binnen eines Wimperschlages landete er am Eingang der Unterwelt. Die Erde erzitterte und eine feine Staubschicht hob sich leicht vom Boden ab.
Amor flatterte in den Eingang hinein.
Psyche lag auf dem Boden, als ob sie schlafen würde. Amor lief zu ihr, kniete sich neben sie und rüttelte sie.
„Psyche!“, rief er. „Psyche!“
Doch sie regte sich nicht. Es war, als ob sie schlafen würde. Panisch blickte Amor sich um. Er fand die Dose, nahm sie an sich und roch daran.
Es roch nach Müdigkeit. Und er erkannte, dass sich um Psyche einzelne dunkle Schlieren wandten, so als ob sie in einem Kokon läge.
„Zurück in deine Schachtel“, befahl Amor und scheuchte den Schlaf mit den Flügeln zurück in sein Kästchen.
Dann hob er Psyche auf und flog mit ihr in Windeseile zurück zum Palast seiner Mutter.

Die Tragödie hatte sich im gesamten Himmel herumgesprochen und auf Venus Wolke waren alle Götter versammelt, die aufgeregt miteinander plapperten. Als sie Amor am Himmel erkannten, verstummten sie. Amor landete mit Psyche auf der Wolke und durch die Gasse, die die Götter ihm bereitwillig boten, führte er sie hin zum Palast, wo Venus auf ihrer Empore stand.
Psyche wog leicht wie eine Feder.
Die Salbe warf er von sich auf den wolkigen Boden.
„Sie hat alle Aufgaben erfüllt. Alle“, rief Amor. „Und jetzt sieh dir an, was mit ihr geschehen ist!“
„Mit Trickserei!“, entgegnete Venus. „Wie kannst du es wagen, sie hierher zu bringen?“
„Das war keine Trickserei, das waren meine Freunde“, sagte Amor und wandte sich zu den Göttern. „Diana hat den Mond so lange am Himmel gehalten, wie es möglich war, Apollo hat seine Pferde so stark gezügelt, dass die Sonne nicht aufgehen konnte. Mars hat seine Krieger in Ameisen verwandelt, um die Körner zu sortieren. Und Vulkanos hat den Adler gerufen, der einst auch Ganymed zu Jupiter brachte.“
„Ein grandioser Plan!“, sagte Jupiter und klatschte in die Hände. Er schritt durch die Götter auf Amor zu. „Es wird Zeit, dass wir deine Liebste kennenlernen.“
In diesem Moment blinzelte Psyche und öffnete die Augen.
„Du lebst!“, keuchte Amor und drückte sie fest an sich. „Ich gebe dich nie mehr her!“
„Was ist geschehen?“, fragte Psyche verwirrt. „Wo bin ich?“
„Du hast alles geschafft“, sagte Amor. „Und du bist bei mir.“
Vorsichtig setzte er Psyche ab, ließ sie aber nicht aus seinen Armen.
Als Psyche stand und sich in Richtung der Götter wendete, wurde ein Raunen laut. Einige der Unsterblichen bedeckten ihre Augen. Und unter den Göttern erkannte Psyche Ceres, die sich mit einem Tuch ein paar Tränen abtupfte.
„Ich weiß, wo deine Tochter ist“, sagte Psyche.
„Ich weiß es auch“, antwortete Ceres. „Eine .. konnte es mir sagen. Und es gefällt mir nicht.“
„Was gefällt dir nicht, Mutter?“ Proserpina und schob sich durch die Reihen der Götter nach vorne.
Neugierig wandte sich die Menge hin zu Ceres und Proserpina.
Ceres lief auf ihre Tochter zu und umarmte sie.
„Wie bist du diesem Scheusal nur entkommen?“
„Nun, ich wollte mir nicht entgehen lassen, wie es Amor und Psyche ergehen wird. Ich bin gespannt, was unser aller Göttervater entscheidet“, sagte Proserpina.
„Ich verlange ebenfalls eine Entscheidung“, sagte Ceres zu Jupiter. „Ich verlange, dass Proserpina ab sofort wieder bei mir bleiben wird!“
„Ich bin die Ehefrau von Pluto“, entgegnete Proserpina.
„Du bist was? Du hast dich doch nicht mit diesem Ungeheuer eingelassen! Jupiter, das kann ich nicht zulassen!“
Unter den Göttern entstand ein aufgeregtes Murmeln.
Gerade als Jupiter zu einem Räuspern ansetzte, schälte sich aus den Wolken ein dunkles Gespann mit vier pechschwarzen Rossen, deren Zügel Pluto lenkte.
„Bruder, du wirst sie mir schon überlassen, oder ich werde deine geliebte Erde mit Krankheiten strafen! Ich schwöre, ich werde alles vernichten, wenn du nicht zu mir zurückkehrst, Proserpina!“
„Nein!“, kreischte Ceres, „das ist meine Tochter! Und das ist Erpressung!“
„Gebt sie mir zurück oder ich zerstöre alles!“
„Beruhigt euch“, beschwichtigte Proserpina, „wie ich schon gesagt habe: ich bin nur hier, um zu sehen, wie es mit Amor und Psyche ausgeht.“
„Und dann bleibst du hier!“, rief Ceres.
„Nein, du kommst mit mir!“, hielt Pluto dagegen.
„Ruhe jetzt!“, brüllte der Göttervater. Amor klangen die Ohren und er hielt Psyche ganz fest, denn seine Worte ließen die Wolke zittern, so laut waren sie.
„Um mich dem Fall von Amor und Psyche widmen zu können müssen wir erst einmal dieses Problem aus der Welt schaffen. Ich entscheide: Proserpina wird ein halbes Jahr lang in der Unterwelt wohnen und ein halbes Jahr auf der Erde. Sie wird dafür sorgen, dass es auf der Erde Frühling wird, dass alles wächst und gedeiht. Und wenn sie geht, dann wird es Herbst und Winter.“
Pluto und Ceres sahen nicht so aus, als ob ihnen Jupiters Entscheidung Vergnügen bereiten würden. Allein Proserpina neigte ihr Haupt, nahm die Hand ihrer Mutter und ihres Mannes und sagte: „Ein weises Urteil. Ich kann gut damit leben.“ Und so fügte man sich in das Schicksal.
„Und nun zu euch – Amor und Psyche“, hob Jupiter an. „Venus hatte mir schon erzählt von einer angeblich unwürdigen Schwiegertochter. Aber meine Schwiegerenkelin ist doch ganz bezaubernd anzusehen!“
„Bin ich?“, fragte Psyche erstaunt.
Die Götter ringsum nickten, während Amor die Stirn in Falten legte und das Geschehen verwundert musterte. Gab es wirklich niemanden, der Psyche, wie so oft, als hässlich bezeichnete?
Doch die Götter schienen es ehrlich zu meinen. Amor entdeckte Apollo, der ihm einen Daumen hoch zeigte und dabei ein fragendes Gesicht machte, so als ob er sich die neue Situation selbst nicht erklären konnte.
Schließlich sah Amor Psyche noch einmal genau an, der die Verblüffung ins Gesicht geschrieben stand, und stellte fest: „Du hast dich nicht verändert.“
Und in diesem Moment erkannte Psyche am neckischen Lächeln von Proserpina, dass mit ihr durchaus eine Verwandlung vonstattengegangen war, ob Amor sie nun sehen konnte oder nicht. Er war blind, so sehr liebte er sie.
Und Psyche errötete ein wenig, was sie noch schöner machte.
„Sagt mir“, fuhr Jupiter fort: „Ist diese Menschenfrau eine würdige Ehefrau für meinen Enkel?“
„Sie ist die schönste Frau auf Erden!“
„Selten habe ich eine solche Schönheit gesehen!“
„Sie sollte eine Göttin sein!“
Venus verkniff angesäuert ihren Mund, sagte aber nichts.
Jupiter rief: „So sei es!“
Dankbar nickte Psyche Proserpina zu. Und sie hörte diese Stimmen und sah all die Gesichter, dieser unsterblichen, weisen und gezeichneten Wesen und fühlte sich, als ob sie aus einem langen Schlaf erwachte, so als ob sie in diesem Moment ihren ersten Atemzug täte.
An ihrem Rücken aber spürte sie eine kleine Bewegung und dann die die Berührung von Amors Flügeln. Doch sie berührten sich nicht Rücken an Flügel, sondern Flügel an Flügel, und als Psyche ihren Kopf ein wenig zurückdrehte, erkannte sie, dass sie riesige, bunte Schmetterlingsschwingen trug.
„Wollen wir fliegen?“, fragte Amor.
Psyche nickte.
Und er verschloss ihre Lippen mit einem Kuss.

Alles hat ein Ende … (schon wieder)

 

Ihr Lieben!

Bevor die heiligen Tage zu ende gehen, möchte ich, wie schon angekündigt, ein kleines Geschenk aussprechen:

Am nächsten Donnerstag werden hier die übrigen Kapitel vom Manuskript „Amors Abenteuer“ erscheinen. Das heißt, es wird ein langer Abschnitt sein, in dem, so viel darf ich vielleicht schon mal verraten, alles gut wird. 😉

Trotzdem ist das kein einfaches Happy End, denn es gibt dann keine Donnerstagsgeschichten, keinen Fortsetzungsroman mehr.

Und dennoch gibt es Grund zur Freude, denn was ich hier im Lehmofen verspreche, setze ich fast immer in die Tat um, also:

In ein paar Wochen werde ich mit der Überarbeitung der Geschichte fertig sein. Sie wird unter dem Titel „Amor und Psyche“ als Ebook und als Hardcover erscheinen und ich würde mich riesig freuen, wenn ihr mit den mir zugewandten Menschen, denen ich per E-Mail (wie altmodisch!) davon berichten werde, die Amazon Verkaufscharts für das Büchlein in die Höhe treibt.

Hehe.

Die Menschheit muss gebildet werden und Liebe siegt bekanntlich immer!

An dieser Stelle sei auch angemerkt, dass die hier erscheinenden Kapitel noch nicht überarbeitet sind und ich dann mit grummelig verzogenem Blick auf „Veröffentlichen“ klicken werde, da ich natürlich extrem unzufrieden bin mit dem Rohentwurf. (Das ist kein Fishing for Compliments, sondern die pure Wahrheit. Falls ihr Anmerkungen oder Hinweise habt, immer her damit.)

Und jetzt schnell noch „Frohe Weihnachten“, denn in 35 Minuten ist diese Zeit schon wieder vorbei.

 

Eure

Runa Phaino

(Die ein gesegnetes Weihnachtsfest hatte und gerade sogar eine Sternschnuppe sah. Ooooohhhhh! :))

 

 

 

 

 

 

 

Zeit für die Wahrheit

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Was ist das hier für ein Lärm!“, rief Venus. Ihr Schlüssel drehte sich im Schloss und sie betrat Amors Kinderzimmer. „Hör endlich auf, so einen Krach zu machen!“

Amor stürmte zur Tür und versuchte, sich an seiner Mutter vorbei zu schieben.

Venus verstellte ihm den Weg.

Lass mich, ich muss meine Liebste finden!“

Dazu besteht kein Anlass mehr. Sie ist hier.“

Hier?“ Wie im Namen aller Götter war Psyche in den Himmel gelangt?

Ja, du hast richtig gehört. Das Ding ist meiner Dienerin direkt in die Arme gelaufen. Und jetzt ist es im Kerker.“

Im Kerker?!“

Gewiss. Wo sollte es sonst sein?“

Im Kerker ist es dunkel und kalt … und es ist einsam dort! Lass mich zu ihr!“ Amor machte einen erneuten, verzweifelten Versuch, an seiner Mutter vorbeizukommen.

Kummer und Sorge sind bei ihr.“

Ma, das kannst du nicht machen!“, rief Amor entsetzt. „Sie hat genug gelitten!“

Und wie ich das machen kann!“, entgegnete Venus. „Dieses Ding hat dich übel verletzt. Kummer und Sorge werden sie lehren, was es heißt, meinen Sohn zu verraten!“

Ich habe ihr schon längst verziehen! Lass mich zu ihr!“

Damit sie dich wieder einwickelt? Ganz bestimmt nicht! Du legst dich jetzt sofort wieder ins Bett!“

Venus sah so entschlossen aus, dass Amor seine Wut unterdrückte und sich um einen ruhigen Tonfall bemühte.

Es ist alles halb so schlimm, guck nur, meine Verletzung ist geheilt.“

Die Wunde sieht noch ziemlich schlimm aus.“

Es ist nur ein kleiner Kratzer.“

Ein Kratzer, soso“, Venus rümpfte ihre schmale Nase. „Du konntest nicht einmal aufstehen die letzten Tage.“

Unruhig ging Amor im Zimmer auf und ab. Sollte er seiner Mutter sagen, was er dachte? Das, was er wirklich dachte?

Er hatte nichts zu verlieren.

Ma, bitte, ich will Psyche heiraten!“

Heiraten? Bist du übergeschnappt? Du bist noch ein Kind! Du treibst die ganze Zeit nur Unsinn – ja sogar mit mir, deiner eigenen Mutter! Und jetzt höre endlich auf, solche Forderungen zu stellen. Eher verstoße ich dich und suche mir einen anderen Sohn, dem ich deinen Bogen und deine Flügel schenke, als dass ich dich zu diesem Weibsbild lasse!“

Die meisten deiner Befehle habe ich ausgeführt, so wie du es wolltest. Und hast du nicht selber neulich noch gesagt, dass ich viel vernünftiger geworden wäre? Überlege mal, warum das so ist. Sie ist der Grund dafür. Psyche! Lass mich zu ihr!“

Amor war selbst ganz erstaunt über die vielen Argumente, die er seiner Mutter entgegenzusetzen hatte. Venus wirkte irritiert und so legte er noch einmal nach.

Ich bin kein Kind mehr! Ich bin dreihundert Jahre alt! Ich werde Vater! Ma, das musst du einsehen! Ich habe mich verliebt, unsterblich verliebt! Und ich will sie zurück, egal, was sie getan hat! Ich bin zur Vernunft gekommen! Siehst du das denn nicht?“

„Nein“, sagte Venus zu und lehnte sich an die Wand. „Die letzten Tage habe ich dich klagen gehört, habe dich weinen gehört … weinen! Das ziemt sich nicht für einen Gott. Es ist menschlich zu trauern. Nicht göttlich. Wir müssen über den Dingen stehen. Du bist zu weich geworden und diese Psyche trägt die Schuld daran. Ich als deine Mutter habe die Pflicht, dich wieder aufzupäppeln, dich an deine Ehre und an deinen Stolz zu erinnern. An deine Göttlichkeit!“

Bevor Amor zu einer Gegenantwort ansetzen konnte, wurde die Tür aufgerissen.

Dahinter standen Mars und Vulkanos, – und sie hatten Adonis im Schlepptau. 

Kummer und Sorge

sculpture-1801600_1920Als die Sicht wieder klar wurde, erkannte Psyche eine riesige, rosafarbene Wolke, auf die ein riesiger Palast gebaut worden war.

Wie ist das möglich?“, fragte Psyche.

Vorwärts!“, rief Liebeständelei und gab Psyche einen Stoß in den Rücken.

Mit großen Schritten bewegten sie sich auf das Schloss zu. Auf einer Empore über dem Eingang stand die Göttin. Ihre Schönheit war so gewaltig, dass sie den Sonnenuntergang überstrahlte. Doch nichts täuschte darüber hinweg, dass sie zornig war.

Was bist du nur für ein hässliches, widerwärtiges Ding!“, rief Venus vom Balkon hinab. „Glaube ja nicht, dass ich mich erweichen lasse, weil du meinen Enkel unter dem Herzen trägst. Kummer! Sorge! Ins Verließ mit ihr! Lasst sie genauso leiden, wie mein Sohn es tut!“

Die Flügeltüren des Palastes öffneten sich und hinaus trat ein junges Mädchen. Das Haar fiel ihm lose ins Gesicht, sein Gewand war fleckig und zerrissen. Es kümmerte sich nicht darum, was es von sich zeigte. Gebückt ging es, als ob es eine gewaltige Last tragen würde. Immer wieder wischte es sich die Augen.

Ihm folgte eine alte Frau. Sie blickte gerade heraus und stützte sich beim Gehen auf einen Stock. Ihre Stirn wirkte zerfurcht, ihr Gesicht von tiefen Falten durchzogen. Obwohl sie den Mund zu einer Art Lächeln verzog, zeigten die Mundwinkel hinab.

Hastig band Liebeständelei Psyches Arme los und wich ein paar Schritte zurück. Das kleine Mädchen nahm Psyches Hand, die alte Frau legte eine Hand auf ihre Schulter.

Und in diesem Moment schwand Psyches Mut und jede Hoffnung. Sie fühlte sich schwach und leblos. Ihr Vorhaben war zum Scheitern verurteilt. Was sollte sie schon ausrichten gegen den Willen einer Göttin? Sie hatte Amor zutiefst gekränkt. Nie würde er ihr verzeihen. Nichts war sie im Vergleich zu all dem, was sie umgab. Selbst der Schmutz im Verließ war wertvoller als sie. Und schöner.

Psyche sank gegen die kalte Mauer des Kerkers. Kummer und Sorge überwältigten sie und sie hatte nicht einmal mehr die Kraft zu weinen.

 

Mut und Liebeständelei

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In der Nähe der kleinen Stadt Lindos gab es einen alten Tempel, welcher der Göttin Venus geweiht war. Es war ein Weg von drei Tagen, der durch eine karge Landschaft führte. Psyche trank nicht, sie aß nicht, machte nirgendwo Halt. Sie achtete nicht auf ihre schmerzenden Füße, sie kümmerte sich nicht um ihre kaputten Glieder.

Ich bin glücklicher, als ich es im Schloss war“, stellte Psyche dabei fest. „Es tut gut zu wissen, was man will.“

Am Abend des dritten Tages stand sie endlich vor den gewaltigen Marmorsäulen, die den Eingang zu Venus Heiligtum markierten. Tapfer betrat sie den Tempel.

Innen war es leer und still, die Priester hatten sich von dem Tagesgeschäft zurückgezogen. In einer Kuhle in der Mitte loderte ein Feuer. Ringsum standen Gaben für die Göttin. Große Amphoren mit Wein, Kleider und Papyrusblätter, auf die Menschen ihre Wünsche geschrieben hatten.

Ich bin hier!“, rief Psyche. „Ich bin hier und ich bin die, die du suchst, Venus!“

Aus dem Gemäuer löste sich ein dunkles Etwas. „Hab ich dich!“, rief es. „Da wird sich meine Herrin freuen!“

Das Wesen hatte grelle, rote Lippen und kohlrabenschwarz umrandete Augen. Es trug eine knappe Tunika mit tiefem Ausschnitt.

Bist du eine Priesterin?“, fragte Psyche verwirrt.

Weit gefehlt“, rief das Wesen, stürzte zu Psyche und fesselte ihr die Arme auf den Rücken. „Mein Name ist „Liebeständelei“ und ich bin der Liebling von Venus!“

Dann bringe mich zu ihr, denn deswegen bin ich hier.“

Liebeständelei zupfte an Psyches Haar und kicherte vergnügt. „Diese kleine Heldeneinlage wird dir nichts nützen. Sie wird dich bestrafen. Ganz böse bestrafen! Und mich wird sie belohnen, ganz gut belohnen!“

Sie ließ ein eigenartiges Trällern verlauten und aus dem Nichts entstand ein Nebel, der sie einhüllte und in die Höhe hob.