Die Bacchanalien

Bevor es ans Schreiben bzw. Lesen geht, erst einmal ein paar Bilder zur Einstimmung.

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By Pierre MignardCoyau, 25 March 2011, Public Domain, Link

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By Frederick William Macmonnies – Brooklyn Museum, No restrictions, Link

SelfhtmlBy JamesMacMillanOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

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By Annibale CarracciWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link

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By François Boucher (1703–1770)http://www.sothebys.com/en/auctions/ecatalogue/2013/old-master-paintings-n08952/lot.91.html, Public Domain, Link

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By Roland zhOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

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By Roland zhOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Wie man gut erkennen kann, waren die Baccanalien ein rauschendes Fest, das im antiken Rom im März gefeiert wurde, wahrscheinlich auch in Zusammenhang mit verschiedenen anderen Festen, die den Beginn des Frühlings zelebrierten.
Die Bacchanalien haben ihren Namen vom römischen Weingott Bacchus und ein griechisches Pendant, nämlich die Dionysien, vom griechischen Weingott Dionysus.

Während des Festes gab es in Athen einen großen, von verschiedenen Musikern begleiteten, Umzug, bei dem ein riesiger Phallus (repräsentativ für Dionysus) durch die Stadt getragen wurde. An den darauffolgenden zwei Tagen wurden zunächst Tragödien und dann Komödien im Dionysus-Theater aufgeführt. Dabei wurden auch Sieger ermittelt, je nachdem, auf welchen Autoren die Gunst der ausgelosten Richter fiel.

Selfhtml Das Dionysustheater. Von From the German 1891 encyclopedia Joseph Kürschner (editor): “Pierers Konversationslexikon”. Pierers Konversationslexikon. Siebente Auflage. Mit Universal-Sprachen-Lexikon nach Prof. Joseph Kürschners System. Union. (published by) Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart, 1891. herausgegeben von (edited by) Joseph Kürschner. – Wikified and scanned by —Immanuel Giel 12:02, 20 May 2005 (UTC), Gemeinfrei, Link

Unter den Siegern waren so bekannte Autoren wie Sophokles und Aischylos oder Aristophanes. Einige der Stücke findet man in sehr ähnlicher oder abgewandelter Form auch in der modernen Literatur wieder. So hat Beispielsweise Goethe ein Stück namens „Iphigenie auf Tauris“ geschrieben, das auf den griechischen Autor Euripides zurückgeht.

SelfhtmlBy Bertholet Flemallehttp://www.culture.gouv.fr/public/mistral/joconde_fr?ACTION=RETROUVER_TITLE&FIELD_5=REPR&VALUE_5=DIANE&GRP=1&SPEC=5&SYN=1&IMLY=&MAX1=1&MAX2=1&MAX3=100&REQ=%28%28DIANE%29%20%3aREPR%20%29&DOM=All&USRNAME=nobody&USRPWD=4%24%2534P, 2012-07-17, Public Domain, Link

In dieser Erzählung geht es um die Opferung von Iphigenie, die – um den trojanischen Krieg zu gewinnen – für ihr Vaterland (Griechenland) geopfert werden soll, und zwar der Göttin Diana.
Es fällt auf, dass es solche Opfer-Geschichten auch in der Bibel (Altes Testament) gibt, wenngleich in einer anderen Beziehungskonstellation (Vater-Sohn) und aus einem anderen Grund (Vertrauen).

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By workshop of RembrandtMrArifnajafov (Privatarchiv Foto von MrArifnajafov fotografiert), Public Domain, Link

Zum Glück retten in beiden Varianten die Götter die potentiellen Opfer!

Auch psychologische Erkrankungen werden in den griechischen Tragödien, die damals bei den Dionysien aufgeführt wurden, schon benannt, z.B. der Oedipus-Komplex im Stück „König Oedipus“ von Sophokles.

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By Bénigne Gagneraux – Nationalmuseum, Stockholm, Public Domain, Link

Oedipus ist jemand, der nichtsahnend seine Mutter heiratet und seinen Vater tötet und sich darüber dann aus Verzweiflung die Augen aussticht. Den Kindern, die er mit seiner Mutter gezeugt hat, ergeht es auch sehr tragisch (z.B. Antigone).
Bachhofen, ein Gelehrter aus dem 19. Jahrhundert, wollte insbesondere in der Geschichte der Antigone die mythische Verarbeitung der gesellschaftlichen Veränderung vom Matriarchat zum Patriarchat sehen. Die Geschichte in Kurzform: Antigone hat Probleme mit ihrem Onkel Kreon, der ihr nicht gestatte will, ihren Bruder zu bestatten, der im Krieg (gegen seinen Bruder) umgekommen war.
Bachhofen schreibt nun davon, dass diese „kriegerischen“ und „staatlichen“ Elemente (Krieg, König, Verbot der Beerdigung) etwas „Neues“ und „Partriarchales“ seien, da es in einer Gesellschaft, in der die Frauen frei entscheiden, von wem sie wann Kinder bekommen, eigentlich nur Geschwister gebe.
Na, ich finde es auf jeden Fall ganz erstaunlich, dass solche Aussagen von einem Gelehrten des 19. Jahrhundert stammen, wo doch tendenziell eher der Tenor von Weibern und Peitschen schwang. 😉
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96dipus#Aufnahme_des_Mythos_in_Psychoanalyse_und_Philosophie

Es gab darüber hinaus auch Stücke, die – das wird jetzt ein bisschen Mise en abyme hier- 😉 bei den Dionysien aufgeführt wurden und das Thema des heutigen Beitrags behandeln, so zum Beispiel „Die Bakchen“ von Euripides.

Selfhtml So sah er vermutlich aus, der gute Euripides. By Marie-Lan Nguyen (2006), Public Domain, Link

„Die Bakchen“ ist eine Tragödie und darin geht es eher drastisch zur Sache.

Die Geschichte:
Dionysus, der Gott des Weines und der Freude, kehrt in seine Heimatstadt Theben zurück, doch der dort ansässige König Pentheus will ihn nicht empfangen und verehren, sondern ganz im Gegenteil, er will Krieg gegen ihn führen.
Frauen begleiten und feiern mit Dionysus auf einem Berg in der Nähe der Stadt, Pentheus wird neugierig und schleicht sich (auf Rat von Dionysus) als Frau verkleidet auf die Party.
Dummerweise kriegen die Frauen aber mit, dass sich ein Mann unter ihnen befindet und dummerweise finden die das – in ihrer göttlichen und berauschten Stimmung – gar nicht gut und zerreißen ihn.
Besonders makaber ist, dass sich unter den feiernden Frauen sogar die Mutter von Pentheus, Agaue, befindet, die ihren Sohn aber nicht erkennt und ihm daher auch nicht hilft.

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By UnknownJastrow (2007), Public Domain, Link

In den „Bakchen“ findet man, – einer modernen Interpretation zufolge – ebenfalls die Auseinandersetzung mit dem „wilden, unstaatlichen Leben“. Quelle: Louise Bruit Zaidman / Pauline Schmitt Pantel: Die Religion der Griechen. Kult und Mythos. Beck Verlag, München 1994. S. 178.

Ein ganz ähnliches Todesschicksal wie Pentheus erleidet übrigens Orpheus, der als bester Musiker der Antike galt und um den sich verschiedene Erzählungen ranken. Angeblich hat er so gut gespielt, dass sogar die wilden Tiere kamen, um seiner Musik zuzuhören.

Selfhtml By Jacob HoefnageltgFGkixo83eXkQ at Google Cultural Institute, zoom level maximum, Public Domain, Link

Bekannt ist die Geschichte von Orpheus und Eurydike, in der der Sänger seine verstorbene Liebste aus der Unterwelt geleiten darf, weil er den Gott des Todes mit seinem Gesang so sehr berührt, dass der sich ausnahmsweise mal entschließt, von seinem Credo “Niemand kommt hier wieder raus” abzuweichen. Die einzige Bedingung, die Orpheus einhalten muss ist, dass er der Liebsten voranschreitet und sich nicht umdrehen darf. Leider tut er es kurz vor Ende des Aufstiegs dann doch und sie verschwindet zurück in Staub und Schatten.

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By Urheber: Erich SchicklingNutzungsrechtinhaberin: Erich-Schickling-Stiftung – Erich Schickling, CC BY-SA 4.0, Link

Es gibt eine interessante historische Verbindung zwischen Orpheus und Dionysus. Orpheus war der Sohn von der Muse Kalliope und einem Flussgott (oder Apollo). Historisch betrachtet gab es in der Antike tatsächlich einen „echten“ Kult um ihn, einen sogenannten Mysterienkult, genauso wie es auch für die Götter Bacchus/Dionysus zutraf, – von ihrem Fest ist hier die Rede. Die Orphiker, wie die Anhänger von Orpheus hießen, waren wahrscheinlich jüngeren Datums und haben sich möglicherweise als eine Art Gegenbewegung zum Bacchus-Kult gegründet.

Bei ihnen ging es um die Unsterblichkeit der Seele und in erhaltenen “orphischen Schriften”  ist oft von der Entstehung der Erde die Rede.
In der Spätantike (nach der Entstehung des Christentums), gibt es dann auch die theologische Verbindung von Orpheus und Jesus. Orpheus wird durch seinen Gang in die Unterwelt als so eine Art „Vor“Jesus angesehen. Man kennt diesen Erzählstrang aber auch schon aus den ganz alten Mythen, z.B.  Inanna und Dumuzi.

In den orphischen Schriften kann man dann auch (noch mal) etwas über die antike Vorstellung der Weltentstehung lesen, inklusive „orphischem Ei“ und Dionysus. Ich zitiere:

„In [einem] Überlieferungszweig erscheint die Zeit (Chronos) als das Prinzip, das den Ursprung von allem bildet. Chronos bringt zunächst zwei Prinzipien hervor, Aither und Chaos. Die zweite Phase der kosmischen Geschichte beginnt mit der Entstehung des silbrig glänzenden Welteis, das Chronos im Aither erschafft. Aus dem Weltei wird der geflügelte Lichtgott Phanesgeboren. Phanes ist eine Hauptgottheit der Orphiker, außerhalb orphischer Kreise scheint er nicht verehrt worden zu sein. Er wird in der spätantiken, vielleicht auch schon in der frühen Orphik mit Eros gleichgesetzt. Seine Gefährtin ist Nyx, die Nacht; ihr vertraut er sein Szepter an. Nyx gebiert den Gott Uranos, der als nächster die Welt regiert. Dies ist die dritte Phase. Uranos wird von seinem Sohn Kronos gestürzt; dieser Machtwechsel leitet die vierte Phase ein. Auf Kronos folgt Zeus, dessen Regierung die fünfte Phase bildet. Zeus verschlingt Phanes, womit er sich dessen gesamte Kraft und Macht aneignet. Mit seiner Mutter zeugt er die Tochter Persephone, mit Persephone den Sohn Dionysos. Später überlässt Zeus die Herrschaft dem noch kindlichen Dionysos, womit die sechste Phase beginnt. Gegen Dionysos stachelt Hera, die eifersüchtige Gattin des Zeus, die Titanen auf. Die Titanen locken Dionysos in eine Falle, töten und zerstückeln ihn. Dann kochen sie seinen Leichnam und beginnen ihn zu verzehren, wodurch sie etwas von seinem Wesen in sich aufnehmen. Zeus überrascht die Mörder jedoch und verbrennt sie mit seinem Blitz zu Asche. Aus der Asche, in der Titanisches mit Dionysischem gemischt ist, steigt Rauch auf und es bildet sich Ruß; daraus erschafft Zeus das Menschengeschlecht. Damit erklärt eine Variante des Mythos die Ambivalenz der menschlichen Natur, die zwei gegensätzliche Tendenzen aufweist: einerseits einen zerstörerischen, titanischen Zug, der zur Rebellion gegen die göttliche Ordnung anstachelt, andererseits aber auch ein dionysisches Element, das zum Göttlichen hinführt. Apollon sammelt die Stücke von Dionysos’ Leichnam ein, Athene bringt sein intaktes Herz zu Zeus, der nunmehr den Ermordeten zu neuem Leben erweckt.“ Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Orphiker#cite_ref-15

In dieser Erklärung zur Weltentstehung sind viele Elemente der bekannten Autoren Hesiod, Homer u.a. enthalten, aber Damaskios, auf den der Text zurückgeht, hat sich im 5. Jahrhundert nach Christus, als er den Text schrieb, auch ein paar Dinge dazu gedacht und damit eine eigene Deutung geschaffen: Weltentstehung auf Grundlage des dionysischen und titanischen Prinzips, womit sich wieder so ein schöner Dualismus findet, auf den ich bei meinen ersten Beiträgen im August schon einmal hingewiesen hatte.

In einer anderen der orphischen Schrift heißt es laut Damaskios: „[Anfangs gab es] zwei Prinzipien, das Wasser als Prinzip der Zerstreuung und die Erde als Prinzip der Zusammenfügung. Aus ihnen ist als drittes Prinzip ein Drache hervorgegangen, der zugleich den Namen des nicht alternden Chronos (Zeit) und des Herakles trägt. Dieses Wesen trägt Flügel auf den Schultern und ist dreiköpfig; neben einem Stier- und einem Löwenkopf hat es in der Mitte einen göttlichen. Seine Gefährtin ist Ananke, die weltumfassende Notwendigkeit. Chronos ist der Vater von Aither und Chaos. Später erzeugt Chronos aus Aither, Chaos und Erebos (der Finsternis) das Weltei.“ Quelle: ebd.

Selbstverständlich gibt es noch ein paar andere Varianten, wie die Welt entstanden sein soll – und das nur bei den Orphikern! Wer soll da denn noch wissen, was richtig ist? 🙂

Gerade mit Blick auf die erste Ausdeutung zur Weltentstehung wundert es mich übrigens, dass man an vielen Stellen lesen kann, Bacchus/Dionysus und Orpheus wären voneinander getrennte Kulte gewesen. Vielleicht hatten sie ja doch mehr gemeinsam, als bisher bekannt ist?
Den Orphikern wird auf jeden Fall abseits der Hymnen nachgesagt, dass sie streng vegetarisch lebten und selbst Eier (Kosmisches Ei) bei ihnen Tabu waren. Ein hoher Anteil Orphiker war weiblich. Alkohol war wohl zumindest in der Anfangszeit noch erlaubt. Der Kult existierte etwa vom 5. Jh. v. Chr. bis zum 5. Jh. n. Chr., aber auch in den Jahrhunderten danach ist immer mal wieder von Orpheus – und seiner Verbindung mit Jesus – die Rede.

Selfhtml Orpheus. By Gustave Surand – http://www.mutualart.com/Artist/Gustave-Surand/640C684E1ED61D52/AuctionResults, Public Domain, Link

Die Bacchanalien als Fest in Rom waren wie die Dionysien in Athen ebenfalls ein Frühlingsfest, die mit der Zeit aber eine Ausweitung erfuhren und zum Teil mehrere Nächte jeden Monat zelebriert wurden.
Der englischspachige Wikipedia-Artikel über die „Bacchanalia“ ist wirklich sehr gut und ausführlich. Unter Bezug auf Livius, einem römischen Historiker, kann man hier allerhand über die Bacchanalien erfahren. Beispielsweise sollen sie aus Griechenland stammen, zunächst ein eher moderates Fest gewesen sein, dem dann aber Wein hinzugefügt wurde. Meistens waren mehr Frauen anwesend als Männer und angeblich gab es keine Unterschiede, was die soziale Stellung der Mitglieder anbelangte. Die religiösen Praktiken dort waren wohl auch sexueller Natur, Livius schreibt auch von missbräuchlichen Geschehnissen.
Bacchus wurde bei diesen Feiern mit dem Liber Pater identifiziert, der einen Tempel auf dem Aventin besaß und als Gott für das einfache Volk galt (er teilte sich den Tempel u.a. mit Ceres).

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By Published by Guillaume Rouille (1518?-1589) – “Promptuarii Iconum Insigniorum”, Public Domain, Link

Im 2. Jahrhundert v. Chr. wurde dieser Kult dann stark eingeschränkt durch den „Senatus consultum de Bacchanalibus“, wahrscheinlich, weil die Feiern sich nach und nach ausweiteten und in ganz Rom verbreiteten und damit in Konkurrenz zur römischen Religion/Priesterschaft standen.
4000 Menschen wurden zum Tode verurteilt, darunter vor allem führende Priester und Priesterinnen des Kultes.
Man beachte, dass Livius lange nach diesem Verbot und den Ereignissen, nämlich erst im 1. Jh. v. Chr. schrieb. – Wer also weiß, was richtig ist.

Selfhtml Bacchus/Dionysus tröstet Ariadne. By Alessandro TurchiWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link

Ihren Ursprung haben die römischen Bacchanalien wahrscheinlich in den Dionysischen Feiern, von denen oben weiter die Rede war.

Wer sich für die mythische Geschichte von Bacchus/Dionysus interessiert, dem sei an dieser Stelle die unten angehängte, sehr gute, gut gemachte und interessante Aufarbeitung von Arte empfohlen. Dionysus/Bacchus ist übrigens auch der Gott, der dafür sorgt, dass die verlassene Ariadne (Theseus, Minotauros, Labyrinth) nicht ganz alleine bleiben musste.

 

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Kybele

By Internet Archive Book Imageshttps://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14559595539/Source book page: https://archive.org/stream/greekmythologysy00scul/greekmythologysy00scul#page/n64/mode/1up, No restrictions, Link

Heute geht es um Kybele, bzw. Rhea, bzw. Magna Mater … und wer weiß, wie sie noch genannt wurde.

Ihre Entstehung geht weit zurück in die mythische Geschichte und es wurden schon allerlei Versuche unternommen, die Göttin und den Kult um sie zu klären, da vieles, wie so oft, nicht mehr verstanden werden kann.

Recht sicher scheint zu sein, dass Kybele eine Art manifestierte Weiblichkeit darstellt, da in ihrem mythischen Kontext fast immer ein (definitiv) männlicher Gegenpart auftaucht. Die Geschichte handelt von besagter Kybele und ihrem Gegenpart, einem jungen Mann namens Attis, doch zuvor seien noch ein paar andere Mann-Frau Mythen genannt, die historisch weiter(?) zurückreichen und einige Parallelen zum Mythos Kybele-Attis aufweisen.

Inanna und Dumuzi

Gemeinfrei, Link

Isis und Osiris

By Internet Archive Book Imageshttps://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14783343912/Source book page: https://archive.org/stream/diepanbabylonist00jereuoft/diepanbabylonist00jereuoft#page/n49/mode/1up, No restrictions, Link

Venus und Adonis.

By after Guercino – Quelle: SLUB Dresden, Public Domain, Link

Jeder, der mag, kann sich die Details in den entsprechenden Wikipedia-Artikeln durchlesen. Ganz kurz zusammengefasst geht es in allen Mythen darum, dass die Männer Dumuzi, Osiris und Adonis sterben. Wie das geschieht ist ganz unterschiedlich, teilweise gibt es auch noch andere Varianten der Erzählung, aber was auch allen Geschichten gemeinsam ist: die Frauen erwecken ihre toten Männer wieder zum Leben.

Historisch betrachtet entwickelten sich dann aus diesen Mythen(?) sogenannte Mysterienkulte, geheime Gesellschaften also, die verschiedene religiöse Praktiken teilten.

So war es auch bei Kybele, deren Kult zeitlich parallel zu den Kulten aus den oben dargestellten Varianten liegt (Orpheus/Orphiker,  Mysterien von Eleusis, die samothrakischen Mysterien, der Dionysoskult, der Kult des Liber Pater in Rom und in Süditalien, der Mithraskult, der Isis- und Osiriskult.)

Einige dieser Mysterienkulte beziehen sich nicht auf die Variante „toter Mann“, sondern beinhalten, beispielsweise wie die Mysterien von Eleusis, die Erzählung von Pluto und Proserpina (in der der Gott des Todes eine lebendige Frau von der Erde raubt). Ich gehe davon aus, dass diese jüngeren Datums sind, da sich hier die Verhältnisses umgekehrt haben.

Pluto und Proserpina. By reganiOwn work, Public Domain, Link

Tempel/Altar der Kybele, ca. 7 Jh. v. Chr. Midasstadt/Türkei. By Zeynel CebeciOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Tempel/Altar der Kybele, ca. 7 Jh. v. Chr. Midasstadt/Türkei. Von MEH BergmannEigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, Link

Wir erinnern uns, dass Kybele/Rhea auch mit der Frau von Saturn gleichgesetzt wurde. So wundert es nicht, dass ihr Mythos und Kult recht blutig daherkommt und wieder einmal von Entmannungen die Rede sein wird.

Der Mythos (in Grundzügen)

Der Legende nach schlief Jupiter/Zeus einst auf dem Berg Agdos (Phrygien) ein und verlor während des Schlafs seinen Samen. Daraus entstand das abscheuliche Wesen Agdistis, eine Art Zwergenzwitterding, das die Götter so hässlich fanden, dass sie es kastrierten.
Aus dem abgetrennten Glied entstand der gutaussehende Attis, von dem schon oben die Rede war, und aus dem entmannten Körper wurde die Göttin Kybele. In manchen Varianten gibt es auch noch eine Zwischenerzählung, in der ein Mandelbaum eine Rolle spielt und in der Attis durch eine Nymphe ausgetragen wird.
Kybele und Attis waren aber in allen Varianten ursprünglich ein und dieselbe Person. Aus diesem Grund waren sie natürlich besonderes interessiert aneinander und daran, wieder zusammen zu kommen. Nachdem sie sich gefunden haben, sind sie auch eine Zeitlang ausgesprochen glücklich miteinander, doch dann möchte Attis mehr Selbstständigkeit und plant, eine andere Frau zu heiraten.
Kybele ist natürlich total von den Socken und schlägt sowohl Attis als auch die gesamte Hochzeitsgesellschaft mit Wahnsinn.

Attis – total crazy in the head – rennt in den Wald und kastriert sich unter einer Pinie, wo er dann elendig verblutet.

Kybele bereut ihre Tat daraufhin und dann gibt es verschiedene Varianten, wie die Geschichte endet.
Attis verwandelt sich in eine Pinie.
Kybele bestattet Attis, dessen Körper aufgrund der Hilfe von Zeus/Jupiter niemals verwesen wird, in einem Berg und lässt ihn von Priestern beweinen.
Kybele erweckt Attis von den Toten und beide werden als Götter verehrt

Es gibt, wie oben schon angedeutet, noch weitere Varianten des Mythos und es würde wahrscheinlicher einer Doktorarbeit (oder zumindest einer sehr ausführlichen Abschlussarbeit) bedürfen, um die verschiedenen Quellen und Inhalte miteinander zu vergleichen.
Deutlich wird auf jeden Fall selbst bei einer oberflächlichen Betrachtung, dass wesentliche Elemente (Liebespaar, Tod, Wiedererweckung) anderer vorantiker Mythen hier wieder auftauchen.

Kybele ist eine Göttin, für die es auch noch andere Ursprungsmythen gibt als den oben erwähnten.

„Kybele soll aus einem der Steine gewachsen sein, die Deukalion und Pyrrha nach der Sintflut geworfen hatten. Oder ihr Vater war Meon (bzw. Protogonus), König in Phrygien und Lydien, ihre Mutter Dindyma. Meon wollte keine Tochter und ließ das Mädchen nach seiner Geburt auf dem Berg Kybelus aussetzen. Dort wurde sie von wilden Tieren aufgezogen, Panther und andere Raubtiere gaben dem Kind ihre Milch, bis einige Hirtinnen die Kleine fanden und zu sich nahmen.
Kybele wuchs zu einer schönen Jungfer heran, hielt sich dabei sittsam und erfand lieber Pfeifen, Trommeln und Cymbeln, die später im Kult der Göttin bedeutsam wurden, außerdem befaßte sie sich mit Heilkunde, besonders zugunsten des Viehs und der Kinder, welche sie mit ihren Worten heilte. Wegen dieses besonderen Verhältnisses nannte man sie „gebirgische Mutter”. Ein enger Freund war Marsyas, ihre Liebe der schöne Attis.“ Quelle: http://www.imperiumromanum.net/wiki/index.php/Kybele

Hier ist auf jeden Fall bemerkenswert, dass ein typischer Erzählstrang, wie er sonst nur von männlichen Nachkommen (v.a. Romulus und Remus) bekannt ist, auf eine Frau angewendet wird.
Tatsächlich finden sich in der Geschichte auch andere Mythen, in denen eine Frau von Tieren genährt und dann von Hirten und/oder Weisen gefunden wird.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Königin Semiramis.

By Ernest Wallcousins (1883–1976) – From Myths of Babylonia and Assyria by D. MacKenzie (1915-now in the public domain).Originally uploaded to en.wikipedia; description page was here., Public Domain, Link

Woher stammt der Mythos?

Viele Elemente des Mythos sind aller Wahrscheinichkeit nach phrygischen Ursprungs, wie man auch an den zahlreichen Attis-Darstellung (Phrygische Kleidung und insbesondere: die Mütze!) gut sehen kann.

CC BY-SA 3.0, Link

Die Phryger waren ein Königreich, das sich im Gebiet der heutigen Türkei um das 8. Jahrhundert vor Christus befand. Ein paar Jahrhunderte zuvor wohnten dort noch die Hethiter – und dann gibt es eine Zeit um das Jahr 1000 v. Chr., wo man nicht genau weiß, was passierte.
Bei den Phrygern war die Göttin Kybele so eine Art Hauptgöttin. Nebst Midasstadt wurde sie auch in anderen Städten verehrt, so zum Beispiel in Pessinus, wo der Legende nach auch der Palast von König Midas gestanden haben soll.

König Midas war wahrscheinlich eine historische existente Person, ein (erster?) König der Phryger. Auch über ihn gibt es verschiedene Legenden. So soll er ein Sohn von Kybele und Gordios gewesen sein, auf den wiederum, der Legende nach, der gordische Knoten zurückzuführen ist, den dann Alexander der Große im 3. Jahrhundert vor Christus mit einem schnöden Schwertschlag „löste“.

Midas war auch derjenige, der angeblich den törichten Wunsch hatte, dass sich alles, was er berührte in Gold verwandelt.

By Walter Crane (1845-1915) – http://www.reusableart.com/d/2974-2/midas-01.jpgGallery page http://www.reusableart.com/v/mythology/greek/midas/midas-01.jpg.html, Public Domain, Link

Die Gabe erwies sich als äußerst unpraktisch, weil er auch das, was er essen und trinken wollte, in Gold verwandelte – und sogar seine eigene Tochter -, doch nach einem Bad im Fluss Paktolos war er zum Glück wieder davon befreit.

Midas soll auch beim musikalischen Wettstreit zwischen Apoll und Pan als Schiedsrichter aufgetreten sein. In manchen Versionen findet man ihn auch als Schiedsrichter beim Streit zwischen Apoll und Marsyas.
Zur Strafe für seine falsche Entscheidung (er entschied sich in allen Varianten nicht für den Gott Apoll, sondern befand, dass Marsyas der bessere Musiker sei) hexte ihm Apollo Eselsohren an, die Midas dann unter der possierlichen phrygischen Mütze verbarg.

By Michelangelo Cerquozzihttp://www.christies.com/lotfinder/paintings/michelangelo-cerquozzi-king-midas-5022114-details.aspx, Public Domain, Link

By Anonymoushttp://www.pizan.lib.ed.ac.uk/otea.html, Public Domain, Link

By Andrea Vaccaro – http://www.dorotheum.com, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16084069

Der römische Dichter Ovid (um das Jahr 0) schreibt dazu:

„Midas verhehlet es zwar und sucht zu verhüllen die Schläfen,
Denen der hässliche Schimpf anhaftet, in purpurner Mütze.
Aber ein Diener, gewohnt mit dem Stahl ihm zu kürzen das Haupthaar,
Hatt’ es gesehn. Weil der die gesehene Schmach zu verraten
Nicht sich getraut, wie gern er zu Tage sie hätte gefördert,

Aber zu schweigen vermag auch nicht, gräbt endlich den Boden
Heimlich er auf, und was er für Ohren erblickt an dem König,
Meldet er leis und flüstert es zu dem gegrabenen Erdloch.
Wieder verscharrt er mit Erde sodann das entdeckte Geheimnis,
Geht stillschweigend hinweg und verlässt die verschüttete Grube.

Dort wuchs bald ein Gebüsch, dicht stehend von schwankendem Rohre;
Das tat kund, sobald es gereift nach vollendetem Jahre,
Wer den Acker bestellt. Denn jene vergrabenen Worte
Raunt es, erregt vom Süd, und bezichtigt die Ohren des Herren.“
Quelle: http://www.gottwein.de/Lat/ov/met11de.php

Kurz zusammengefasst: Midas versteckt seine Eselsohren, aber sein Friseur bekommt sie zu sehen und kann das Geheimnis nicht für sich behalten. Anstatt es einfach weiterzuerzählen, gräbt er ein Loch in den Boden und flüstert es dort hinein.
An dieser Stelle wächst dann Schilfrohr bzw. Binsen, das/die das Geheimnis an die Bauern ausplauderten.
Mag sein, dass unser heutiges Wort „Binsenweisheit“ darauf zurück zu führen ist. 🙂

Alles in allem bleibt also festzuhalten, dass die Phryger und insbesondere der erste große Herrscher Midas im Laufe der Geschichte eine gewisse Verhonepipelung erfahren haben.
Es wird nicht zu weit gedacht sein, wenn man behauptet, dass dies auch den Kult um Kybele betreffen könnte. Die unterschiedlichen Varianten ihres Mythos und weitere Details, die unten genannt werde, lassen so etwas auf jede Fall vermuten.
Dass die historischen Verlierer der Geschichte verunglimpft werden, ist auch etwas, das man fast immer beobachten kann, denn die Geschichte wird ja bekanntermaßen von den Siegern geschrieben, die kein Interesse daran haben, die Besiegten – wie auch immer – zu erinnern.
Schon Livius wies darauf hin (Livius war ein römischer Historiker), als er den Gallierkönig Brennus sagen ließ: „Vae victis“, also „Ihr armen Besiegten“.
Auch beim Sieg Roms über Karthago (Aeneas und Dido) kann man solcherlei Verhalten mutmaßen, wobei Kybele bei diesem Sieg eine wichtige Rolle zukommt.

Doch zuvor seien noch kurz ein paar Worte über den Kult um Kybele verloren.

Die Korybanten. By Roscher, Wilhelm Heinrich, 1845-1923 – http://ia360615.us.archive.org/2/items/ausfhrlichesle0201rosc/ausfhrlichesle0201rosc.pdf, Public Domain, Link

Bei den Feierlichkeiten zu Ehren der Göttin Kybele tanzten sogenannte Korybanten. Zwar heißt es im Mythos, dass die Feste vor allem in Erinnerung an ihren verstorbenen Liebsten Attis abgehalten wurden, jedoch hat sich aus dieser Trauerfeier dann alsbald eine sehr orgiastische Feier entwickelt, die große Ähnlichkeiten zur Party-Time der Bacchantinnen aufweist, wovon noch die Rede sein wird.
Übrigens, den männlichen Priestern der Kybele wird nachgesagt, dass sie sich selbst kastriert haben sollen während solch orgiastischer Feiern. – Um mal wieder auf Kastration zu sprechen zu kommen.

Im römischen Reich wird Kybele vor allem nach der Schlacht bei Zama verehrt. Der Karthager Hannibal hatte Rom über Jahrzehnte in Angst und Schrecken versetzt, und Cornelius Scipio – wie es sich für einen guten Römer gehört – konsultierte gemeinsam mit dem Senat das Orakel in Delphi, bevor er in die Schlacht gegen Hannibal zog.
Dort wurde ihnen geweissagt, dass Rom Karthago zerstören könne, wenn sie die „Große Mutter“ (Magna Mater) aus Phrygien importierten.
Gesagt getan, Kybele wurde als Magna Mater identifiziert, nach Rom verschifft und der Rest ist Geschichte. Ich denke, dass darin auch die wahrscheinlichste Antwort liegt, sie dann (auch) mit der Titanin Rhea zu identifizieren.

By Globetrotter19Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Saturn

Heute geht es um den Gott Saturn und ein großes römisches Fest, das seinen Namen trägt, die „Saturnalien.“ – Und es geht gleich deftig zur Sache.

Hier sehen wir Saturn/Kronos und Zeus/Jupiter. By Anonymoushttp://bodley30.bodley.ox.ac.uk:8180/luna/servlet/detail/ODLodl~1~1~40328~108312:Le-roman-de-la-rose, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52963935“>Link

Das tat bestimmt weh. By Anonymoushttps://boondocksbabylon.com/2015/05/11/the-castration-of-uranus/, Public Domain, Link

Saturn als Gott hatte verschiedene Aufgabenbereiche. In der griechischen Antike ist er als „Kronos“ bekannt, der Sohn der Erde (Gaia) und des Himmels (Uranos).

By T2000 from pt, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3605290“>Link

Auf dem Bild zu sehen sind außerdem Pontos und Tartaros, also der Ozean und die Unterwelt, die im weitesten Sinne als Geschwister von Saturn/Kronos gelten können. Saturn/Kronos wird gemeinhin mit der Zeit assoziiert, aber ihm fielen auch noch Aufgaben zu wie zum Beispiel: Wohlstand, Ackerbau, Erneuerung, Freiheit …

Dieser Eigenschaften sind ihm mit der Zeit zuteil geworden. Welche Bestimmung seine anfängliche war, lässt sich schwer rekonstruieren. Vielleicht ist es richtig anzunehmen, dass er – im weitesten Sinne – zu den Fruchtbarkeitsgottheiten zählte, eine Mischung zwischenMutunus Tutunus und den Wettergöttern. Aber das ist spekulativ.

Interessant ist auf jeden Fall sein Verhältnis zu den Eltern (Gaia und Uranos) und den eigenen Kindern: Jupiter/Zeus und ein großer Teil des römisch-griechischen Pantheon.

Gaia und Uranos waren die Eltern der Titanen. Entweder hat Gaia Uranos aus sich selber heraus geboren (und geheiratet) oder Uranos hatte noch einen Vater, nämlich den Aether, der wiederum der Sohn der Dunkelheit (Erebus) und der Nacht (Nyx) war. Allerdings werden die Abstammungsverhältnisse immer ungenauer bzw. vieldeutiger, je genauer man sich mit ihnen beschäftigt, letztendlich landet man dann bei etwas, das als „kosmisches Ei“ beschrieben wird, nämlich die Vorstellung (wahrscheinlich ägyptischen Ursprungs), dass das Universum aus eben diesem Objekt entstanden sein soll – und dann natürlich all diese personifizierten Abstrakta, wie Zeit, Dunkelheit, Nacht, Tag usw.

Hier sehen wir „Geb“. By Anonymous (Egypt) – Walters Art Museum: Home page  Info about artwork, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18845554

Die Frage nach der Henne und dem Ei bleibt weiterhin unbeantwortet. „Geb“ ist sowohl der Name dieser Gans, die angeblich das kosmische Ei legte, aus dem alles entstand, als auch sein Kind (bzw. etwas, das aus dem Ei entstand), nämlich ein männlicher ägyptischer Erd-Gott namens Geb. Nut, sein Himmelspendant, war dagegen weiblich. (Man beachte die Umkehrung zu Gaia (Erde) und Uranos (Himmel) in der griechischen Antike.)

Die Vorstellung des kosmischen Eis bzw. Welten-Eis (womit ein EI und kein EIS gemeint ist) gibt es in sehr vielen Kulturen. Sogar im baltisch-finnischen Raum.

Saturn also, als letzter Sohn von Gaia und Uranos, sorgte dafür, dass er und seine Geschwister (zum Teil „normale“ Götter, zum Teil aber auch grauselige Ungeheuer) wieder aus dem Tartaros entkommen konnten, wohin sie Uranos geperrt hatte, da er fürchtete, seine Kinder würden ihm die Macht stehlen.

Saturn schaffte dies, indem er auf Geheiß seiner Mutter Gaia seinen Vater entmannte, wie man auf den obigen Bildern gut erkennen kann.

Allerdings ging es Saturn dann fast genauso, da er – selbst an der Macht – ebenfalls einige Fehler begann. Zum Beispiel befreite er seine eingesperrten Geschwister nicht, sondern ließ sie weiter in der Erde schmoren, was seiner Mutter Gaia (die Erde selbst) natürlich nicht so gut gefiel. Sie war es dann auch, die sagte, dass es Saturn mit seinen eigenen Kindern auch nicht leicht haben würde.

Um aber etwaige Probleme einfach im Keim zu ersticken, entschloss sich Saturn, seine Kinder einfach aufzuessen, wie man auf dem folgenden Bild gut erkennen kann.

Von Peter Paul Rubens[1], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1723595“>Link

Doch Saturns Frau Rhea konnte das nicht länger mit ansehen und beschloss dann, ihr letztes Kind – Zeus/Jupiter, vor dem gefräßigen Vater zu verstecken. Zeus gelangte so auf die Erde und wurde von einer Ziege bzw. Amme gesäugt, der ja nachgesagt wird, auch etwas mit dem Füllhorn zu tun zu haben.

Als Zeus/Jupiter alt genug ist, fordert er von seinem Vater die Herrschaft über Himmel und Erde und zwei gewaltige Schlachten entbrennen, die als Titanomachie und Gigantomachie bekannt und vielfach bildnerisch festgehalten worden sind.

By Cornelis van Haarlemwww.smk.dk and soeg.smk.dk, Public Domain, Link

By GryffindorOwn work, Public Domain, Link

By Guido ReniOwn worksailko, Public Domain, Link

By Ethiop Painter – Jastrow (2006), Public Domain, Link

Nach diesen Kriegen teilen die Geschwister Zeus/Jupiter, Poseidon/Neptun und Hades/Pluto die Erde unter sich auf. Jupiter bekommt den Himmel, Neptun das Meer und Pluto die Unterwelt.

Geschichten von Götterkämpfen gibt es übrigens, wie auch die vom Ur-Ei, in vielen europäischen und südöstlichen Kulturen. Die skandinavischen Asen kämpfen mit den Wanen, in Babylon kämpft Marduk gegen Tiamat, bei den Hurritern kämpft Kumarbi gegen Anu, der hinduistische Indra kämpft gegen die Asuras, ..

Für den europäischen römisch-griechischen Raum wurden die Götterkampfgeschichten vor allem von Hesiod überliefert.

Hier mit seiner Muse.
By Gustave Moreau – Gustave Moreau, 1826-1898 : catalogue de l’exposition à Paris, Galeries nationales du Grand Palais, 29 septembre 1998-4 janvier 1999, à Chicago, the Art institute, 13 février-25 avril 1999, à New York, the Metropolitan museum of art, 24 mai-22 août 1999. Paris : Réunion des Musées Nationaux, 1996. ISBN 2711835774, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10748736“>Link

Von Hesiod wissen wir wenig, wahrscheinlich lebte er im 7. Jahrhundert vor Christus in Boiotien, eine Landschaft, die ihren Namen vom griechischen Wort für Rind hat. Seine bekanntesten Werke sind „Werke und Tage“ und die eben genannten Göttererzählungen stammen aus der „Theogonie“.

In „Werke und Tage“ lobt Hesiod den Wert der Arbeit und beschreibt die Abfolge der menschlichen Geschichte als eine Abfolge von immer schlechter werdenden Zeitaltern.

Saturn soll über das goldene Zeitalter der Menschen geherrscht haben. – Und ab da wurde alles nur noch schlechter. (Silbern, ehern/bronzen, eisern …)

Dieses Denken war in der Antike übrigens auch schon weit verbreitet, so sagt ein babylonischer Spruch aus dem Jahre 3000 v. Chr.

Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“.

  • Was möglicherweise einiges an der heutigen Situation erklärt. 😉

Und ist das vielleicht auch der Grund, warum zumindest mythisch betrachtet die Kinder ihre Eltern entmannen und entmachten?

Das goldene Zeitalter. Von Lucas Cranach der Ältere – 1. Unbekannt2. Nasjonalgalleriet, Presse, aktuelle Utstillinger i Oslo, Gemeinfrei, Link

Im goldenen Zeitalter, als Saturn herrschte, entstanden der Legende nach auch die Saturnalien. Justin, ein Historiker aus dem ca. 3. Jahrhunder nach Christus schreibt dazu:

Die ersten Bewohner Italiens waren die Aborigines [ab origine], deren König Saturnus ein Mann von solch außerordentlicher Gerechtigkeit gewesen sein soll, dass niemand ein Sklave in seiner Herrschaft war oder irgendein Privateigentum besaß, sondern dass alle Dinge allen gemeinsam waren und ungeteilt, als ein Anwesen für den Gebrauch eines jeden; in Erinnerung dieser Lebensweise wurde es angeordnet, dass sich bei den Saturnalien Sklaven mit ihren Herren zu Tisch begeben sollten.“

Die Saturnalien waren also ihrem Ursprung nach ein Fest, das direkt auf das goldene Zeitalter zurückzuführen war, in welchem die Menschen in paradiesischen Zuständen lebten und für ihre Nahrung keinen Finger zu krümmen brauchten, da die Erde ihnen ihre Früchte bereitwillig gab. Natürlich waren zu diesem Zeitpunkt auch alle Menschen gleich gestellt und es gab keinerlei Besitz und somit auch keinerlei Streitigkeiten. Während der Saturnalien kam es daher dann auch durchaus vor, dass die römischen Senatoren ihre eigenen Sklaven bewirteten. 

Im römischen Reich gab es vier große Feste:

Die Saturnalien 

Die Baccanalien

Die Lupercalien 

und die Feierlichkeiten um die Göttin Bona Dea.

Die Saturnalien fanden statt vom 17. Dezember bis zum 23. Dezember und überschneiden sich also weitgehend mit unserer heutigen Advents- bzw. Weihnachtszeit, interessanterweise einer Zeit, in der es ja angeblich auch eher um das Geben als um das Nehmen geht und hoffentlich paradiesische Zustände herrschen.

By Guido Reni – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=157954“>Link

Saturn hatte möglicherweise auch einen historischen Vorläufer, nämlich einen etruskischen Gott, der so ähnlich heißt wie ein neuzeitlicher Philosoph, nämlich Satre. Die Etrusker lebten vor und zeitgleich mit den Römern, stellten beispielsweise auch die ersten Könige Roms, und der Gott Satre stand bei ihnen für eine eher dunkle, unberechenbare Gottheit, deren Himmelsrichtung der Nordwesten war. Ihm kommt auch eine Bedeutung bei der Eingeweideschau zu, eine Wahrsagemethode, die die Römer von den Etruskern übernommen haben. Die Etrusker hatten dafür sogar ein eigenes Deutungswerkzeug.

By LokilechOwn work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1804667“>Link

Diese Form der Wahrsagung ist allerdings schon viel älter als die Etrusker, denn auch die Sumerer machten davon schon Gebrauch.

By UnknownJastrow (2005), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=466940“>Link

Um das Jahr 2000 v. Chr. gab es einen regelrechten Kult um die Eingeweideschau, in der vor allem der Leber eine besondere Bedeutung zukam. Es wurden mehrere Keilschrifttäfelchen beschrieben, die genaue Angaben darüber enthielten, welcher wie geformte Teil der Leber wie zu deuten sei. An jedem Hof, der etwas auf sich hielt, gab es einen sogenannten „Haruspex“, bzw. Barutu (babylonisch). Auch bei den Azteken gab es solcherlei Zeremonien.

Bei Bedarf konnte man es aber auch weniger blutig haben, zum Beispiel bei Orakelmethoden mit schnödem Hausmehl, Rauch oder Öl.

Ein sehr beliebtes und sowohl damals auch heute weit verbreitetes Orakel ist das Ei. (Wir erinnern uns an das „Weltenei“, aus dem angeblich alles entstanden sein soll, und an seine VaterMutter „Geb“.)

Ich kann jedem, der sich dafür interessiert, diesen wunderbaren Wikipedia Artikel zum Eierorakel ans Herz legen.

Scheinbar ist diese Art der Orakelmethode bestens geeignet für die dunkle Jahreszeit und selbstverständlich, wen wundert es, zu Ostern.

By Stan Shebs, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65109“>Link

Ostara. By Unknown – Transferred from de.wikipedia to Commons. original upload date 2004-01-30. Original uploader was Rumpenisse at de.wikipedia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1914652“>Link

Geb und die Himmelsgöttin Nut. Von E. A. Wallis Budge (1857-1937) – The Gods of the Egyptians Vol. II, colour plate facing page 96, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11976865“>Link

Die Frau von Saturn wird in den meisten Quellen als „Ops“ bezeichnet, eine sabinische Göttin für Wohlstand, Ernte und Arbeit. Ihr zu Ehren gab es zwei Festtage, ein Erntedankfest und ein Fest, das während der Saturnalien abgehalten wurde. Sie zeigt viele Parallelen mit der späteren römischen Getreidegöttin Ceres auf, so ist ein gemeinsames Attribut beider Göttinnen beispielsweise das Füllhorn.

Manche Quellen nennen auch Lua als Saturns Gattin, die wahrscheinlich etruskischen Ursprungs ist. Ihr opferte man die erbeuteten Waffen der Feinde.

Eventuell waren Lua und Ops auch ein und dieselbe Göttin.

In der altgriechischen Variante Saturn = Chronos entspricht Ops/Lua = Rhea. Als Göttinnenmutter gibt es hier viele Parallelen zu Gaia, Magna Mater und Cybele.

Dies macht sich auch bei ihrem Kult bemerkbar. Denn Rhea wurde ursprünglich auf Kreta verehrt und ihr scheinen sehr rauschende und klangvolle Feste zuteil geworden zu sein.

By Jacques BlanchardUnknown, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4399546“>Link

Spannend ist auch die Namensgleichheit zu Rhea Silvia, der Frau, der Gott Mars einen Besuch abstattet um mit ihr ein ganzes Imperium zu erschaffen. … Doch um Rhea und Kybele geht es dann vor allem nächste Woche.

Apollo

Heute geht es um den Sonnengott Apollo.

Erst einmal ein wenig warnende Werbung vorab: Apollo nimmt in meinem in 74 Tagen erscheinenden Buch „Amor und Psyche“ eine tragende Rolle ein. Er ist der beste Freund von Amor, aber natürlich viel cooler und auch fähiger als der kleine Liebesgott, der in meinem Buch zwar Protagonist, aber auch gerade erst mit seinem Aufgabenbereich betraut worden ist.
Erst heute habe ich eine spannende Szene überarbeitet, in der Apollo und Amor sich in einem Wettkampf messen. Mehr schreibe ich dazu aber nicht, denn ich will euch ja neugierig machen. 😉

Ist also heute ein etwas schwieriger Beitrag (Wie erklärt man etwas gut, das man eigentlich gar nicht soooo ausführlich erklären möchte?), aber trotzdem: es ist jetzt Zeit für Apollo!

Das kommt dem schon nahe, wie ich ihn mir vorstelle. By Jacob Matham (Holland, Haarlem, 1571-1631) – Image: http://collections.lacma.org/sites/default/files/remote_images/piction/ma-31877059-O3.jpgGallery: http://collections.lacma.org/node/170982, Public Domain, Link

By Stanisław Wyspiańskihttp://www.pinakoteka.zascianek.pl/Wyspianski/Wysp_Iliada.htm, Public Domain, Link

Das ist doch Amor neben ihm! By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/91/26/4827208a9f6c82795ee9cff825b3.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0035796.html, CC BY 4.0, Link

Auf dem letzten Bild ist Apollo mit einem Drachenwesen (und Amor) zu sehen. Wer mehr darüber wissen will, muss sich noch ein wenig gedulden, denn diese Geschichte wurde auf den ersten 30 Seiten von Amor und Psyche „eingewebt“. Sie ist auch der Grund, warum Amor Apollo ganz großartig findet und selber mit dem Bogenschießen anfängt – oder zumindest damit, Pfeile zu schnitzen, denn sowohl Apollo als auch Amor waren begnadete und begeisterte Bogenschützen. – Und auch Diana, Apollos Zwillingsschwester übrigens.

Das „Quiz“ stammt nicht von mir, dennoch sei hier gefragt: was hat Apollo hier wohl angestellt? Stichwort „Marsyas“, bitte merken. 😉 By Melchior Meier (Swiss, active in Italy between 1572 and 1582) – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Melchior_Meier_-_Apolo,_Marsias,_Midas_e_Pan,_1581.jpg, Public Domain, Link

Die Geschichte hinter diesem Bild kann ich ruhig erzählen, obwohl es keine „ruhige“ Geschichte ist. In Punkto Grausamkeit steht Apollo seiner Zwillingsschwester Diana (ihres Zeichens eine Mondgöttin) nichts nach. Ihre Eskapaden werden übrigens – zumindest indirekt – in Amor und Psyche benannt, denn Diana ist in meiner Variante eine, sagen wir mal, etwas kühlere Dame, die zu gewissen Mondphasen auch ganz schön brachial sein kann, bei ihrem Bruder Apollo habe ich mich da aber etwas zurückgehalten, denn ich wollte ja keinen Horrorroman schreiben. Aber, bevor die Geschichte vom Bild gelöst wird, mal eine mythische Begebenheit, in der Apollo und Diana gemeinsam wüten, hier oben rechts im Bild.

Die ihnen zugewandte Frau im schwarzen Kleid: Niobe. By Jan Boeckhorsthttp://www.kmska.be/nl/collectie/catalogus/, Public Domain, Link

Apollo und Diana sind die Kinder von Leto/Latona und Zeus. Zum Geburtsvorgang will ich auch nicht so viel sagen, da mein Buch … WERBUNG WERBUNG WERBUNG 😉
Auf jeden Fall hatte Leto/Latona nur diese zwei Kinder und keine weiteren. Das war für die Antike schon ungewöhnlich und so kam es, dass sich irgendwann eine Königin damit brüstete, mehr Kinder zu haben als Leto/Latona.
Königin Niobe hatte nämlich 7 Söhne und 7 Töchter.
Kaum hatten Apollo und Diana davon gehört, dass ihre Mutter sozusagen beleidigt worden war, flogen sie zur Erde und töteten die Söhne von Niobe. Aus unerfindlichen Gründen – vielleicht, weil sie so verzweifelt und wütend war? – goss Niobe Öl ins Feuer und sagte, dass sie ja immer noch mehr Kinder als Leto/Latona hätte (nämlich 7 statt 2) – und schwupps erlegten die Zwillingskinder sechs von Niobes Töchtern mit ihren Pfeilen.
Scheinbar realisierte Niobe dann, was gerade geschah und bat flehentlich, die beiden mögen ihr wenigstens die jüngste Tochter lassen.

Taten sie aber leider nicht. Von Ruchhöft-PlauEigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Marsyas. By Elihu VedderSothebys, New York, 11 April 2013, lot 63, Public Domain, Link

Auf Marsyas grausames Ende deutet das Quiz-Bild hin.
Marsyas erinnert schon optisch an diese hier, woraus möglicherweise ein paar Rückschlüsse gezogen werden könnten, wenn man sich mit der Entstehungsgeschichte von Sonnengöttern an sich auseinander setzt.
Marsyas war ein Satyr, ein halbgöttliches Wesen und wahrscheinlich auch der Begleiter von Kybele (über die es zu gegebener Zeit auch einen Blogartikel geben wird). Er liebte die Musik und insbesondere das Flötenspiel auf der Doppelflöte.
Der Legende nach soll die Doppelflöte von Athene/Minerva erfunden worden sein, die warf sie allerdings nach einiger Zeit weg, weil ihr langweilig geworden war. Marsyas fand sie und begann zu spielen.
Irgendwann war er selbst so begeistert von seinem Spiel, dass er Apollo zum Wettkampf aufforderte. Die Musen, welche eigens als Schiedsrichterinnen herbei bestellt worden waren (und eigentlich sehr parteiisch hätten sein müssen, denn Apollo hatte Liebesbeziehungen zu fast jeder Muse!), fanden tatsächlich zunächst, dass Marsyas besser spielen könne. Daraufhin legte sich Apollo natürlich richtig ins Zeug und überzeugte mit der Kithara (einer Art Harfengitarre) und Gesang.

Der Wettbewerb. By Cornelius van PoelenburghJens Mohr –  LSH 86741 (hm_dig4505_3713), Public Domain, Link

Marsyas hatte also verloren und, als hätten sie damals nix bessere zu tun gehabt, wurde er daraufhin an einer Fichte aufgehängt (der heilige Baum der Kybele) und von Apollo … gehäutet.
Wie gesagt, ich bin wirklich gespannt, wie und ob man diesen Vorfall mythologisch in der Entstehungsgeschichte von Sonnengöttern deuten könnte.

Häutungen, so ganz generell, geschehen ja auch beispielsweise Schlangen und denen passiert das ganz schmerzlos.

Es gibt in der Wikipedia verschiedene Deutungen darüber, warum Marsyas so ein grausames Schicksal wiederfährt. Die Haupterklärung ist die Bestrafung seiner „Hybris“, also seiner – jetzt mal sehr platt übersetzt- „Selbstüberschätzung“. (Hybris war übrigens auch eine Nymphe, aber ich schweife ab.)
Hybris kommt nämlich vom Verb ὑβρίζειν (hybrízein), das so viel bedeutet wie ein sich haltloses Ausufern (z.B. bei Pflanzen oder überschwellende Flüsse), dem auch eine gewisse Gewalttätigkeit innewohnt.
Dieses Phänomen kommt in vielen antiken Erzählungen vor, z.B. auch in der oben erwähnten Geschichte von Niobe. Auf die Hybris folgt Nemesis, eine göttliche Bestrafung.
Dennoch ist es fraglich, wieso Marsyas gerade für so eine simple Sache wie das Flötenspiel bestraft wurde. Möglicherweise liegt die Antwort nahe, dass es sich beim Musizieren mit der Flöte um ein allegorisches Mittel handelt, dass „die Flöte“ also repräsentativ für den Schaffensbereich des Gottes steht (z.B. die Musik generell), ggf. aber noch mehr, worauf die anwesenden Musen hindeuten, die ja noch andere kulturell-schaffende Bereiche vertreten als nur den Musischen.

Die Flöte ist auf jeden Fall ein sehr altes Musikinstrument, vielleicht sogar das älteste überhaupt. Das folgende Exemplar ist 40.000 Jahre alt und besteht aus Gänsegeierknochen. Von MuseopediaEigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, Link

Mozart hat einer „Flöte“ sogar eine gesamte Oper gewidmet, deren Interpretation (von Erich Neumann )viele mythische Bezüge aufweist.

Er schreibt u.a.:„[I]n den Worten der Liebenden: «Wir wandeln durch der Töne Macht froh durch des Todes düstre Nacht», wird die Musik der Zauberflöte zur höchsten Offenbarung der Vereinigung des Männlichen mit dem Weiblichen im Zeichen einer Weisheit des Herzens, die das Mysterium von Isis und Osiris andeutet.”

Kein Wunder also, dass Apollo not amused war, als Marsyas sich dieser Fähigkeiten rühmte.

By Texas A&M University-Commerce Marketing Communications Photography15031-Magic Flute Production-0465, CC BY 2.0, Link

Auf diesem Foto sieht man eine Neuaufführung der Zauberflöte, genauer gesagt eine Szene mit Sarastro, der in dem Stück ebenfalls eine Art „Sonnengott“ bzw. besser einen guten „Sonnenkönig“ repräsentiert. Ihm entgegen steht die „Königin der Nacht“, die sich ganz wunderbar aufregen kann.

Wenn man sich mit der Entstehung von Sonnengöttern beschäftigt, fällt zunächst auf, dass es sie  in Hülle und Fülle gibt.
Ich werde hier nur auf die älteste Variante eingehen.

Der älteste bekannte Sonnengott war der sumerische Gott Utu. Er stand für die Sonne und für Gerechtigkeit.

Hier mal in einer etwas jüngeren Variante als „Shamash“. By PriorymanOwn work, GFDL, Link

Utu hatte eine Zwillingsschwester wie Apollo, aber auch noch weitere Geschwister.
Inanna, seine Zwillingsschwester, war zuständig für Liebe, Sex und Krieg.
Ereshkigal, seine ältere Schwester, war sozusagen eine Göttin der Unterwelt.
Iskur, sein Bruder, war eine Art Wettergott, auch bekannt unter dem Namen Hadad/Adad

Seine Eltern waren die Mondgötter Nanna und Ningal, die vor allem von Kuhhirten verehrt wurden.

Wie ich ja schon häufig erwähnt habe, gibt es unter den vielen antiken Göttern (Antike = fast 2000 Jahre später als die Sumerer und die gerade genannten Götter) einige Überschneidungen und Gemeinsamkeiten (auch zu anderen Göttern auf der (damaligen) Welt). Gerade fällt mir auf, dass sich die Genealogie (also die Familiengeschichte) der Götter in den zweitausend Jahren bis zur Antike einmal komplett gedreht zu haben scheint. Kinder werden zu Eltern und umgekehrt.

Gut zu sehen ist das an Nanna und Ningal (Mondgötter), deren Eigenschaften in der Antike von Diana vertreten werden. Diana ist zu diesem antiken Zeitpunkt aber das Kind von Jupiter, einer Art Wettergott, der in der sumerischen Variante noch das Kind (Iskur), der Mondgottheiten ist.

… Irgendwann werden sie eben mal groß, die Kleinen. 😉

By Bundesarchiv, Bild 183-1984-0807-017 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Möglicherweise hat dieser Wechsel aber auch etwas mit der Änderung der Zeitrechnung weg vom Mond- hin zum Sonnenkalender zu tun oder vielleicht bedingte dieser Wechsel sogar den „neuen“ Sonnenkalender?

Über Utu (bzw. Shamash) gibt es eine mythische Erzählung, die im Original so aussieht:

By Timo RollerOwn work, CC BY 3.0, Link

Es ist der sogenannte „Gilgamesch-Epos“, eine der ältesten Erzählungen der Menschheit, eine Heldenreise, die wiederum bekannteren Versionen wie die Odyssee, Illias, Aeneis u.a. beeinflusst haben wird. Die Grobstruktur der Heldenreise lässt sich noch heute in vielen modernen Romanen finden.

Worum geht es in dem Mythos?

Datiert auf das 3. Jahrtausend v. Chr. handelt diese Geschichte von einem möglichen König (oder einer literarisch erfundenen Figur namens Gilgamesch), seinem Freund Enkidu, der im Verlauf der Geschichte stirbt, und der Suche Gilgameschs nach der Unsterblichkeit, die er aber nicht findet.

Utu/Schamasch tritt an einigen entscheidenden Stellen in Erscheinung. Er scheint eine Art Protegé für Gilgamesch zu sein, der sich im Laufe der Geschichte mit Inanna anlegt. Nachdem Enkidu und Gilgamesch den Himmelsstier erlegt haben (den Inanna gerne haben wollte), nehmen sie sein Herz heraus „und legten es vor Schamasch hin.“
Enkidu wird dann krank und stirbt, Gilgamesch legte daraufhin Schamasch verschiedene Gegenstände vor, die an die Götter der Unterwelt weitergeleitet werden sollen. Unter anderem einen Flakon aus Lapislazuli (für Ereschkigal), eine Flöte aus Karneol (Für Dumuzi), einen Thron und ein Szepter aus Lapislazuli (für Namtar), usw. [vgl. Maul, Stefan, Das Gilgamesch-Epos, Beck 2012, ibs. S. 140f.]

By Veldkamp, Gabriele and Maurer, Markus – Veldkamp, Gabriele. Zukunftsorientierte Gestaltung informationstechnologischer Netzwerke im Hinblick auf die Handlungsfähigkeit des Menschen. Aachener Reihe Mensch und Technik, Band 15, Verlag der Augustinus Buchhandlung, Aachen 1996, Germany, CC BY-SA 3.0, Link

Noch ein abschließender Bezug zu einer philosophischen Beschäftigung mit dem Thema „Sonne“.

Das obige Bild stellt einen Ausschnitt aus Platos Höhlengleichnis dar. Wir sehen die Sonne ganz oben im Bild und die Menschen, die gefesselt an die Wand vor sich starren und die Schatten der Dinge, die hinter ihnen über die Mauer laufen, als „Realität“ wahrnehmen.
Das Gleichnis kann ganz verschieden gedeutet werden, Platon nennt allerdings die Sonne als einzig „wahren und guten“ Erkenntnispunkt.
Also: wenn jemand von den Gefangenen raus käme und die Welt – und insbesondere die Sonne erkennen würde, dann hätte er „die Wahrheit“ gefunden.

So verwundert es nicht, dass Apollo – neben seiner Funktion als „Lichtbringer“ auch der Gott der Erkenntnis war.

By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/98/f5/ccc98899824d086d41fd05084969.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/L0002748.html, CC BY 4.0, Link

Cardea

By Adelino Manuel Pinhe…, CC BY-SA 3.0, Link

Bitte eintreten! 🙂

Heute geht um die römische Göttin Cardea, die für die Tür und alles, was damit zu tun hatte (Schwelle, Klinke, Scharniere, Griffe) zuständig war.
Ihr männliches Pendant hieß Forculus und wenn man von Türgottheiten schreibt, darf natürlich auch der Doppelgesichtige Janus nicht fehlen, der von allen der bekannteste sein dürfte.
Vielleicht öffnet dieser Beitrag ja auch eine Tür für den ein oder anderen Leser, der mit Mythologie bisher noch so gar nichts am Hut hatte. Das würde mich freuen! 🙂

By Ultima Thule, 1927 – Ultima Thule, 1927, Public Domain, Link
Der doppelköpfige Janus.

Janus hatte einen Tempel auf dem Forum Romanum, der angeblich schon in die Zeit des zweiten legendären römischen Königs Numa Pompilius zurückgeht. Dieser König war der Nachfolger von Romulus und mit einer Sabinerin verheiratet. Er führte neben Janus noch einen anderen wichtigen Kult (wahrscheinlich sabinischen Ursprungs) ein, nämlich den der Vesta.

Ein kurzer Rückblick in die römische Geschichte:
Romulus und Remus, die Söhne des Kriegsgottes Mars und der Vestalin Rhea Silvia, wurden nach dem Tod der Mutter (sie durfte als Vestalin keine Kinder bekommen) von einer Wölfin gefunden und gesäugt.

By Peter Paul Rubens[1], Gemeinfrei, Link
Mars und Rhea Silvia.

By Heinrich Aldegrever – Private collection, Public Domain, Link

Der Legende nach sollte Rhea Silvia im Tiber ertränkt werden, ein Diener sollte die Kinder ebenfalls in den Tiber werfen. Es gibt unterschiedliche Varianten darüber, was dann mit Rhea Silvia geschah. Entweder stirbt sie, oder aber der Flussgott Tiberius erbarmt sich ihrer – wie es Romulus und Remus geschah.

By Maître aux incriptions blanches, XV siècle – British Library: http://www.bl.uk/catalogues/illuminatedmanuscripts/results.asp, CC0, Link
Auf diesem Bild sieht man sehr schön, wie die Zwillinge von Faustulus gefunden und zu Acca gebracht werden. Faustulus, ein Hirte, und Acca, werden zu den Zieheltern von Romulus und Remus.

Romulus tötet seinen Zwillingsbruder Remus und wird er der erste König von Rom. Interessant ist hier die Parallele zum biblischen Brudermord von Kain und Abel.

By AnonymousHampel Auctions, Public Domain, Link

Als König von Rom hatte Romulus zunächst noch ein großes Problem: zwar gibt es eine Menge Männer in Rom, aber keine Frauen. Also beschließt Romulus, den Römern Frauen zu beschaffen und lockt seine Nachbarn in eine Falle: die Sabiner und insbesondere ihre Töchter, die Sabinerinnen.

By Christoph Fesel (1737–1805) Dorotheum, Public Domain, Link
Der Raub der Sabinerinnen.

Was zunächst als klassischer Frauenraub daher kommt, wirkt vielleicht etwas weniger drastisch, wenn man bedenkt, dass Romulus zunächst die Väter der Sabinerinnen um die Hand ihrer Töchter bat. Möglicherweise hatte sich die ein oder andere ja sogar in einen der stattlichen Römer verguckt?
Das ist natürlich sehr spekulativ, fest steht allerdings (mythologisch „fest“, wohlgemerkt), dass die Sabinerinnen dann als Mütter von römisch-sabinischen Kindern dafür sorgten, dass sich ihre Männer und Väter nicht weiter bekriegten.

By UnknownWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link Gemälde von Jaques Louis David, gemalt 10 Jahre nach der französischen Revolution.

König Numa Pompilius, der Nachfolger von Romulus, lebte der Sage nach eine Zeitlang bei den Sabinern und brachte den sabinischen Vesta-Kult nach Rom.

By sv:Constantin Hölscher (1861–1921)http://www.villa-grisebach.de/, Public Domain, Link Im Tempel der Vesta.

Über die historische (soweit man das überhaupt historisch zurückverfolgen kann) Entstehung von Janus gibt es unterschiedliche Ansätze. Mythologisch wird sein Kult ja ebenfalls dem zweiten König Roms zugeschrieben.
Manche Religionswissenschaftler gehen davon aus, dass es sich bei ihm um eine Gottheit von „Anfang“ und „Ende“ handelt, eine Art „Hauptgottheit“, von der im Prinzip alles andere abhängt. Frei nach Hermann Hesse: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und jedem Ende ein neuer Anfang.“

Vesta wäre dann die „dritte Seite der Medaillie“, eine Göttin des Feuers (des ewigen Feuers). Den Anfangs-Endgott Janus und Vesta findet man auch in anderen Kulturen wieder, insbesondere in Indien als Vaju und Saraswati.

By Suraj BelbaseOwn work, CC BY-SA 4.0, Link Vayu, eine Art „Windgott“, der auch mit dem Atem (Prana) in Verbindung steht.

By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/c2/62/726e0a0ed16128a5cc5dd714bd36.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0045121.html, CC BY 4.0, Link Saraswati mit Pfau (übrigens auch ein Symboltier der Juno/Hera).

Relativ kompliziert und auch schon etwas älter, nichtsdestotrotz lohnenswert sind dazu die Gedanken von den Religionswissenschaftlern Eliade, Schmitz und Dumézil, die freundlicherweise im englischsprachigen Wikipedia-Artikel über Janus aufgenommen wurden.

Bemerkenswert ist an dieser Stelle auch der im Artikel genannte Bezug von Janus zu einer Sonnengottheit, die wiederum in Verbindung mit den zwei Sonnenwenden im Jahr steht und schon den Sumerern bekannt waren. Isidor von Sevilla schreibt von „zwei Himmelstüren“ (ianuae coeli), aus denen die Sonne herauskommt und wieder hineingeht (Etymologiae 13.1.7). Ianua (lat. Tür) und Ianus/Janus stehen etymologisch in enger Verbindung.
Aus der Kenntnis über die Sonnenwenden sollen mythologisch die „göttlichen Zwillinge“ entstanden sein, die in vielen Kulturen auftauchen und meiner Meinung nach auch einen Wiederhall im Doppelgesichtigen Janus finden. Oder in der Geschichte von Romulus und Remus. Vielleicht sogar in der Geschichte von Kain und Abel?
Denn einer der Brüder ist sterblich und einer ist unsterblich.
Auch hier kann man sich umfassend dazu informieren, wobei der Bezug zur australischen Mythologie in beiden Teilen (noch) fehlt.

E. Smart kommt diesbezüglich allerdings zu einem Schluss, den ich jetzt auch formuliert hätte. 😉

Der Tempel von Janus hatte im alten Rom über Jahrhunderte eine besondere Funktion.

By Peter Paul Rubenshttp://www.abcgallery.com/R/rubens/rubens126.html, Gemeinfrei, Link Janustempel von Rubens.

Wann immer sich Rom im Krieg befand, blieben seine Türen geöffnet. In Friedenszeiten wurden die Türen wieder geschlossen. Möglicherweise ist diese Handhabung aber auch eine Erfindung von Kaiser Augustus, der sich zu seiner Herrschaftszeit damit rühmte, den Janustempel drei Mal geschlossen zu haben.

Wenn man sich die mythologischen Erzählungen um den Gott Janus ansieht, dann findet man auch eine Verbindung zur Göttin Cardea, die vom römischen Dichter Ovid überliefert wird.

By No machine-readable author provided. Auréola assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., Public Domain, Link Ovid in Microsoft Paint.

Ovid war ein Dichter – oder besser gesagt ein Schriftsteller, der in Versmaßen schrieb, wie es damals üblich war -, der zur Zeit von Kaiser Augustus lebte. Viele seiner Geschichten finden sich noch heute in abgewandelter Form in der modernen Literatur. Er machte es sich damals zur Aufgabe, über die Liebe und die Kunst zu Lieben zu schreiben (Amores , Ars Amatoria – wen erinnert das nicht an z.B. Erich Fromm ? – , sammelte aber auch verschiedene mythische Geschichten (Metamorphosen , Fasti) und wurde schlussendlich aus mehr oder weniger unbekannten Gründen aus seiner Lieblingsstadt Rom bis ans damalige Ende der Welt verbannt.
Die Geschichte von Janus und Cardea entstammt dem Teil seines Werkes, das sich mit mythischen Geschichten beschäftigt, den Fasti.

Public Domain, Link Ovid und seine Liebste Corinna.

Ovid war, das könnte man aus seinen Texten deuten oder oben ganz augenscheinlich betrachten, ein sehr leidenschaftlicher Mensch, wobei natürlich immer die Frage bleibt, ob er sich wirklich selbst beschrieb oder ein fiktives, lyrisches Ich erzählen ließ. So soll auch seine Verbannung möglicherweise niemals stattgefunden haben, sondern lediglich eine Erfindung von ihm gewesen sein.

By Evelyn De Morgan – artrenewal.com, Public Domain, Link Medea.

Diese „literarische Fiktion“ wird insbesondere dadurch interessant, dass die Stadt Tomis (Tomoi) der Sage nach der Bestattungsort von Absyrtos war, dem Bruder der Medea. Über Medea und ihre mythischen Bezüge würde sich auch ein eigener Blogartikel lohnen, auf jeden Fall wird auch hier ein Bruder ermordet, allerdings durch die Hand seiner Schwester.

Ovid nun also schrieb in den Fasti folgende Geschichte über Janus und Cardea:
Zunächst stellt er fest, dass der erste Tag des Monats der Göttin Carna geweiht ist, wobei er davon ausgeht, dass es sich um die Göttin Cardea handelt. Wahrscheinlich, weil dem 1. des Monats auch eine „Schwellen-Funktion“ zukommt.
Er nennt sie dann „Cranaë“ und erzählt die Geschichte dieser Nymphe, die fröhlich in den Wäldern Arkadiens jagte und hin und wieder mit der Mondgöttin Diana verwechselt wurde. Wann immer sich ihr ein Mann näherte, tat sie so, als ob sie mit ihm gehen wollte. „Such Du nur eine versteckte Höhle, ich komme gleich nach.“
So entledigte sich Cranaë all der lästigen Verehrer, denn natürlich versteckt sie sich dann schnell im Dickicht.
Nur mit einem will das nicht so recht gelingen, nämlich mit dem Doppelköpfigen Gott Janus, der sehen kann, was hinter seinem Rücken geschieht. Er überwältigt Cranae im Dickicht, was Ovid sehr deutlich beschreibt: „Du kannst nichts tun“, „Tu nichts“, lässt er Janus zwei Mal wiederholen.
Nach der Tat erklärt Janus sie dann zur Göttin über die Türschwellen.

Die Geschichte von „überfallsartiger Tat und anschließender Vergottung“ taucht in den Mythen häufiger auf. So zum Beispiel bei Bona Dea oder auch bei Priapus.

In der Göttin Cardea sind wahrscheinlich verschiedene Gottheiten verschmolzen. So findet sich bei dieser Göttin, wenn man den ovidischen Bezug von ihr als „Carna“ berücksichtigt, auch ein Bezug zu den Heilsgottheiten,
Carna war nämlich eine Göttin für das Herz und die menschliche Lebenskraft, die außerdem die Fähigkeit hatte, sogenannte Strigen abzuhalten, eigenartige Vampirvogelewesen, denen nachgesagt wird, dass sie kleine Kinder klauen. Ein Vorwurf, der auch Lilith galt.

By cjuneauLa Strige, CC BY 2.0, Link

Cardea konnte in ihrer Funktion als Türgottheit solche Strigen ebenfalls abhalten. Man braucht dafür nur ein wenig Weißdorn an die Tür hängen.

By FreddyKrueger 10:43, 13. Mai 2008 (CEST) – FreddyKrueger 10:43, 13. Mai 2008 (CEST), Attribution, Link

Bona Dea

Die Göttin Bona Dea wurde im Rom etwa seit dem 3. Jahrhundert vor Christus verehrt. Zu den mit ihr verschmolzenen Göttinnen zählten wahrscheinlich die griechisch Göttin Hygieia, die für die Gesundheit der Frauen – und damit auch die Fruchtbarkeit – zuständig war.
Ein Tier, das mit all diesen Göttinnen in direkter oder indirekter Verbindung steht, ist die Schlange. Bona Dea Statuen und Abbildungen haben neben einer Schlange auch (meistens) ein „Füllhorn“, ein Gegenstand, der eigentlich der Göttin Fortuna zugeschrieben wird. Auch diese Göttin hat einen griechischen Urspung (Tyche) und mögliche Überschneidungen mit Bona Dea.
Es gibt weitere Bezüge und Verbindungen zu Fauna, Ceres, Terra, Ops, Kybele … ein Blogbeitrag dazu würde sich lohnen, in Anbetracht des Umfangs beschränke ich mich aber heute auf die zwei zunächst genannten Göttinnen: Hygieia und Fortuna und deren Hauptattribute, Schlange und Füllhorn.

Im Internet findet man – nebst Wikipedia – sehr viele Informationen über die Göttin und das, was „faktisch“ von ihr überliefert worden ist.

Beispiele für recht umfangreiche Zusammenstellungen gibt es hier (vorrangig Deutsch):

http://www.imperiumromanum.com/religion/antikereligion/bonadea_01.htm
https://artedeablog.wordpress.com/2017/02/05/santa-agatha-oder-die-brueste-der-goettin/
https://schwesternschaftderrose.wordpress.com/2015/12/03/bona-dea-die-goettin-der-fruchtbarkeit-heilung-jungfraeulichkeit-und-frauen/
https://www.thoughtco.com/bona-dea-roman-goddess-2562628
http://www.thaliatook.com/OGOD/bonadea.php

Man findet sogar den Anfang einer Dissertation zu Bona Dea und ihrem Kult online.

Es ist bemerkenswert, dass diese Göttin noch heutzutage – oder heutzutage wieder (im Zeitalter des Internets) – eine so große Resonanz erfährt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass man relativ viele und gesicherte Informationen über sie hat. So stand ihr Tempel in Rom vom 3. Jahrhundert vor Christus bis ins vierte Jahrhundert nach Christus, was einen Zeitraum von 700 Jahren umfasst.

Bona Dea (oder Ceres). By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – Marble statue of Demeter-Ceres or Bona Dea (The Good Goddess), Nîmes Archaeology Museum, France, CC BY-SA 2.0, Link

Weil ihr Kult geheim war, ranken sich viele Legenden um Bona Dea. Mal gilt sie als Frau des Faunus, mal als dessen Tochter. Angeblich war sie so schüchtern, dass sie nie das Haus verließ, sich aber daheim mit Wein betrank, weil ihr so langweilig war. Faunus war deswegen wütend und schlug sie mit Myrtenzweigen tot. Später bereute er seine Tat und vergöttlichte seine Frau.
Als Tochter des Faunus hatte Bona Dea es sogar noch schwerer. Denn der eigene Vater stellte ihr nach und sie war erst vor ihm sicher, als sie sich in eine Schlange verwandelte.
Es gibt auch die Variante, in der Bona Dea die Schwester von Faunus ist.

Aeskulap und Hygieia. By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/23/e8/bf37ac7142c9354f84444d1c23f5.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0036061.html, CC BY 4.0, Link

Hygieia war die Tochter von Aeskulap, also dem Gott der Heilkunst, und wird im Hippokratischen Eid angerufen. Der hippokratische Eid wird in Deutschland lediglich als moralisch-ethischer Maßstab herangezogen, seit der Antike und auch heute in den USA ist es jedoch auch ein feierlicher „Eid“ im klassischen Sinne, der bei der Promotion der Absolventen medizinischer Studiengänge vorgelesen wird.
Über Hygieia gibt es keine dramatischen Geschichten, aber auch diese Göttin hat „eigene“ Verbindungen zu z.B. Salus, Sirona, … bzw. zu all diesen hier. 🙂

Sowohl mit Hygieia, als auch Aeskulap (Aeskulap-Stab) waren Schlangen als Symboltiere verknüpft.
Im Tempel der Bona Dea soll es zahme Schlangen gegeben haben.

Aeskulap-Stab. By CFCFOwn work, CC0, Link

Die Schlange ist ein ausgesprochen interessantes Symboltier, geht ihre mythische Existenz doch sogar in vorweltliche – also paradisische – Zeiten zurück.
Sie war es, die Eva angeblich dazu angestiftet hat, in den Apfel der Erkenntnis zu beißen und ihn dann an den armen, unschuldigen Adam weiter zu reichen. 😉

Doch zuvor sei noch erwähnt, dass Herkules (ein antiker Held, von dem weiter unten noch die Rede sein wird) nachgesagt wird, als Kleinkind zwei Schlangen, die seine Stiefmutter Hera/Juno geschickt hatte, um ihn zu töten, mit bloßen Händen erwürgte.

Herkules als Baby.
By Internet Archive Book Imageshttps://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14763741315/Source book page: https://archive.org/stream/barclaysuniversa00barc/barclaysuniversa00barc#page/n501/mode/1up, No restrictions, Link

Der Sündenfall. By KopiersperreOwn work, Public Domain, Link

Das Alte Testamten bzw. die Geschichte im ersten Buch Mose wurde auf Hebräisch geschrieben, eine Sprache, in der „die Schlange“ maskulin ist. Sie heißt dort נחשׁ = nâchâsh, „was manchmal als Erklärung dafür dient, dass der „Schlang“ (so die Übersetzung von Seebass, 98) sich an die Frau wendet und nicht an Adam (…)“.
Quelle: Bibelwissenschaft
Auch Adams erste Frau, Lilith, wird häufig mit Schlangen assoziiert.


Lilith. By John CollierOwn work, Public Domain, Link

Dass Adam eine erste Frau hatte, wird im Talmud (einer Art Kommentar zum Tanach/Altes Testament) erzählt. Die Geschichte – so absurd wie wahr – geht wie folgt: Da es in der Bibel zwei Schöpfungsberichte gibt (einmal werden Mann/Frau gleichzeitig erschaffen 1 Mose 1, 27, einmal entsteht Eva aus der Rippe von Adam 1 Mose 2,26), brauchte es eine Erklärung. Die Erklärung lautete so: Adam hatte eine erste Frau, Lilith, mit der er sich aber gestritten hatte. Angeblich ging es darum, wer von beiden die Oberhand (beim Sex) haben durfte. Lilith wollte oben sein, Adam auch, das ging aber nicht, also entschied Lilith, das Paradies zu verlassen und Adam sich selbst zu überlassen. – Es ging also darum, wer über wen herrscht, wer das Sagen hat.

Adam, Eva und Lilith (die Schlange). By Hugo van der Goes – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, Link

Der Kern dieser biblischen Geschichte, wenn man so will, findet sich auch bei der Göttin Bona Dea wieder. Denn ihre Feierlichkeiten waren nur für Frauen zugänglich – und es findet sich auch die Besonderheit, dass die feiernden Frauen sich weigerten dem Helden Herkules etwas zu trinken zu geben (vielleicht, weil er als Baby zwei Schlangen tötete?). Woraufhin Herkules befahl, Frauen fortan von den Festlichkeiten an seinem Altar (ara maxima) auszuschließen.
Die Opfergaben für Herkules waren auch erstmals(?) nur an ihn selbst gerichtet, da keine anderen Götter angebetet werden durften. Im Laufe der Zeit wurden dann von reichen Patrizierfamilien am ara maxima vor allem Opfer für Geldangelegenheiten gemacht, man spendete bis zu 10% vom Gewinn des Handels. Es gab riesige Festgelage, von denen insbesondere die des Crassus (eines sehr reichen Römers, der auch mit Pompeius und Cäsar verbündet war) im Gedächtnis geblieben sind, da er die römischen Bürger drei Monate lang bewirtete.

Herkules. By SailkoOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Herkules trinkt. By Massimo Pallottino, The Etruscans, Indiana University Press, 1975 (1st edition: Etruscologia, Milan: Hoepli, 1942).References:Online commentary;Jean Bayet, Herclé, op. cit. p. 150 et pl. IV;A. J. Pfiffig, Herakles in der Bilderwelt der etruskischen Spiegel, 1980, p. 19., Public Domain, Link

Der Ursprung der Milchstraße. By Peter Paul Rubens[1], Public Domain, Link

Also die Frage, die sich gerade aufdrängt: was wollte Herkules wohl trinken beim Fest der Bona Dea? 🙂 🙂 🙂

Obwohl es eindeutig gesichert scheint, dass „Bona Dea“ die Göttin für einen reinen Frauenkult war, weist Brouwer in seiner obene genannten Dissertation darauf hin, dass möglicherweise auch Kaiser Augustus als Priester involviert war (Introduction, p. XXIII.) Auch ist auffällig, dass viele Männer der Göttin etwas schenkten oder widmeten, z.B. einen Altar, ihre Wünsche/Gebete, oder Statuen anfertigen ließen.

Eine Göttin, mit der Bona Dea ebenfalls verknüpft wird, ist nebst der oben genannten Hygieia die Göttin Fortuna.

Hier Fortuna in einer mittelalterlichen Darstellung links vom Rad des Schicksals. By Universidade Federal do Espírito SantoVitória [1], Public Domain, Link

Fortuna (griechisch Tyche) antik. By DaderotOwn work, Public Domain, Link

Füllhorn. By bukkOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Das Füllhorn ist ein ebenfalls interessantes antikes Symbol, das für Reichtum, Überfluss und „Fülle“ steht. Das Füllhorn wird auch sehr häufig in Verbindung mit Ceres (Göttin des Getreides und Wachstums) und Plutos (Gott des Reichtums) gebracht.

Es geht auf die Nymphe (oder Ziege) Amalthea zurück, die mit dem Horn einer Ziege den kleinen Zeus fütterte oder eben selbst diese Ziege war. Sie ist darüber hinaus auch die Mutter (oder Ehefrau) von Pan, dem Hirten- und Ziegengott.

Zeus/Jupiter verewigte die Ziege(?) Amalteia aus Dank über seine Rettung (sie hatte ihn ja mit ihrer Milch ernährt/Füllhorn) am nächtlichen Firmament als Sternbild.
Das Sternbild Capricornus bzw. „Ziege“. CC BY-SA 3.0, Link

Auch findet sich hier wieder eine Verbindung zu Herkules, denn die antiken Autoren berichten auch davon, dass Herkules beim Ringen mit dem Flussgott Acheloos diesem ein Horn abgebrochen habe, was dann zum Füllhorn wurde.

Warum Herkules das tat, ist wiederum eine interessante Geschichte.
Acheloos war nämlich genauso an der schönen Deianeira interessiert wie Herkules. Er kämpft mit Herkules um die Hand der schönen Deianeira (deren Name übrigens „Männerhasserin“ bedeutet), verwandelt sich in eine Schlange und in einen Stier, aber all das half ihm nix, Herkules tötete ihn.

Beeindruckend in Szene gesetzt hat diesen Kampf Thomas Hart Benton (1947).

By Thomas Hart BentonThis file was provided to Wikimedia Commons by the Smithsonian American Art Museum as part of a cooperation project., Public Domain, Link

Doch auch die alten Etrusker hatten schon einen ganz fidelen Blick auf die Problematik. By www.androphile.org, Gemeinfrei, Link

Es geht sogar noch etwas weiter. Denn die Geschichte „Kampf mit Fluss/Wesen“ wiederholt sich in der Geschichte von Herkules.
Als er und Deianeira einen Fluss überqueren müssen, bietet sich der Kentaur Nessos an, Deianeira hinüber zu tragen. Das tut er natürlich nicht ohne Hintergedanken, denn er will Deianeira für sich.

Hier Deianeira, die Schöne, und Nessos. – Was hat sich Arnold Böcklin dabei nur gedacht??? 🙂 Von Arnold Böcklin – 1. pfalzgalerie.de2. lessing-photo.com, Gemeinfrei, Link

Auch hier greif Herkules ein und gewinnt, indem er Nessos tötet. Doch hat Nessos zuvor Deianeira noch eine List ins Ohr gepflanzt. Er riet ihr, sollte Herkules ihr jemals untreu werden, ihm einen Mantel von Nessos zu geben, der ihr ewige Treue garantieren würde.
Viele Jahre später guckt sich Herkules tatsächlich mal nach anderen Frauen um.
Was tut Deianeira?
Sie gibt Herkules den Mantel, der daraufhin an elendigen Qualen (nicht) stirbt.

Sie selbst aber denkt, dass Herkules gestorben ist und bringt sich daraufhin um. Die Parallelen zu Didosind offenkundig.

Deianeira verzweifelt. By Evelyn De Morgan[1], Public Domain, Link

Herkules stirbt (doch nicht). By Francisco de Zurbarán – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, Link

Herkules wird nämlich kurz vor seinem Tod von den Göttern in den Olymp aufgenommen. Dort versöhnt er sich dann auch mit seiner Stiefmutter Hera/Juno und heiratet eine andere Frau: Hebe, die Göttin der rosigen Wangen = der Jugend. (Also keine Männerhasserin mehr.)

Faktisch und historisch gesichert schafft es Herkules als Gott sogar in den Buddhismus:

Er steht mit seiner Keule rechts hinter Buddha.
CC BY-SA 3.0, Link</

Bona Dea – und die dazu gehörigen Göttinnen – lebten und leben(?) insbesondere einigen weiblichen Heiligenfiguren weiter.

Heilige mit dem Attribut „Schlange“ sind unter anderem: Goar, Phillipus der Apostel, Wilburgis, Amandus von Maastricht, Hilarius von Poitiers, Jakobos von der Mark.
Diese Heilige haben die Schlange „nur“ als Symboltier, teils auch noch andere Symbole, stehen aber in keiner erzählerischen Verbindung zu dem Tier.

Für einige Heilige mit dem Attribut Schlange gibt es aber längere oder kürzere Geschichten, in denen die Schlangen mal in einem positiven, mal in einem negativen Licht erscheinen.

Notburga von Hochhausen erhält von einer Schlange heilende Kräuter, nachdem sie durch ihren gewalttätigen Vater einen Arm verliert.

Patrick von Irland wird nachgesagt, dass bei seiner Ankunft in Irland sämtliche Schlangen die Insel verlassen haben. Die letzte Schlange Irlands aber wurde von ihm in eine Kiste gelockt mit dem Versprechen, sie „morgen“ wieder frei zu lassen. Als die Schlange dann am nächsten Tag nach ihrer Befreiung fragte, antwortete er: „Morgen.“

Thekla von Ikonium weigerte sich, einen „Heiden“ zu heiraten, weil sie Christin geworden war. Da sie im noch heidnischen Rom lebte und als Christin damals sehr benachteiligt war, führte man sie in einen Kerker voller giftiger Schlangen, aber ein Blitzstrahl tötete die Reptilien. Thekla erfährt noch ein paar andere Gemeinheiten, diese gehen aber immer gut aus, da sie von Gott beschützt wird.

Benedikt von Nursia, der Gründer des Benediktinerordens, dem der schöne Spruch ora et labora zugeschrieben wird (dt. „bete und arbeite“), sollte von seinen eigenen Mönchen vergiftet werden. Doch das Gift entwich als Schlange aus dem Kelch, in dem es sich befand, als Benedikt ein Kreuzzeichen darüber machte.

Das Füllhorn scheint es nicht in die christliche Gedankenwelt geschafft zu haben. Allerdings scheinen der Prophet Joel (Altes Testament) und der Heilige Kajetan von Tiene ein Füllhorn als Attribut (allerdings ohne dahinter liegende Erzählung) zu haben.

Abschließend sei noch auf das Martyrium von Christina von Bolsena verwiesen, die von Schlangen gepflegt wird, nachdem sie unendliches Leid erlitt.

„Christina wurde geschoren und nackt vor eine Apollo-Statue geschleift, diese zerfiel zu Staub, der Richter starb vor Schreck. Sein Nachfolger sperrte sie fünf Tage in einen glühenden Ofen, sie wandelte darin und sang mit den Engeln. Schlangen wurden gebracht – sie leckten ihren Schweiß ab und legten sich kühlend um ihren Hals. Als ein Zauberer nun die Schlangen reizen sollte, stürzen sich diese auf ihn und töten ihn; Christina aber gebot den Schlangen, an einen wüsten Ort zu entweichen und erweckte den toten Zauberer. Schließlich wurden ihr die Brüste abgeschnitten, sie verströmten Milch statt Blut. Als ihr die Zunge abgeschnitten wurde, behielt Christina die Sprache, und sie warf die Zunge dem Richter ins Gesicht, worauf der erblindete. Von den Pfeilen, die er nun auf sie abschoss, trafen sie zwei und töteten sie.“
Quelle: Heiligenlexikon.

Noch heute gibt es in Italien Feierlichkeiten, die das Schicksal von Christina reinszenieren. Einen tollen Artikel mit vielen Fotos darüber findet man bei Bizzarrobazar.
Wirklich toll gemacht, klare Leseempfehlung.

Die Göttin Bubona

Cow Kuh und Kälbchen By CgoodwinOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Der heutige Artikel könnte nach wenigen Zeilen zu Ende sein oder ganze Bibliotheken füllen. Denn über die Göttin Bubona weiß man so gut wie gar nichts, aber immerhin, dass sich ihr Name vom lateinischen Substantiv „bos“ ableitet und dass sie im römischen Reich die Schutzgöttin für Rinder und Herden war.
Die Bedeutung vom in Bubona enthaltenem „bos“ macht sich schon mit Blick auf die für lateinische Substantive verrückt anmutende Deklination fest.
Während die gängigen Substantive der 3. Deklination (oder konsonantischen Deklination) normalerweise über regelmäßige Endungen an den Wortstamm verfügen, hält sich „bos“ stur an seine altgriechische Vorlage  βοῦς (bous)/ βῶς (bōs)  und trieb damit schon einige Latinisten zur Verzweiflung. Dazu noch hat das Wort zwei Genera, also zwei Geschlechter, nämlich maskulin und feminin, männlich und weiblich.
„Bos“, zu deutsch „Rind“ hat verschiedene Untergattungen wie Auerochse, Yak, Wasserbüffel – und von dort ist der Weg nicht mehr weit zu einem Kuh-Tier mit dem vermutlich weit verzweigtesten mythischen Erzählstrang überhaupt:
dem Stier.

Stier. By Benno Adamhttp://www.hampel-auctions.com/, Public Domain, Link

Minotauros Minotauros modern interpretiert. By Stefano.questioli at Italian Wikipedia, CC BY 3.0, Link

Kuh-Tiere waren für den frühen Menschen sehr wichtig. Wenn man eines besaß, dann hatte man sozusagen ausgesorgt. Sie lieferten nicht nur Nahrung und Bekleidung, sondern auch Dünger, Medizin, Wärme und Arbeitskraft.
Mit Kuhdung werden noch heute einfachere Häuser gebaut, es gibt einen Teil der ayuverdischen Medizin, in dem Kuhdung Verwendung findet und bei entsprechender Trocknung kann man mit den Fladen eine ganze Weile lang heizen.

Armenien Mauer aus Kuhdung in Armenien. By Rita Willaert from 9890 Gavere, Belgium – Aragat – Armenia, CC BY 2.0, Link

dung Brennender Kuhdung. By Petrol.91Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Der Stier im eigentlichen Sinne hieß bei den Römern „taurus“. In diesem Wort sieht man noch die etymologische Verbindung zum Mino-taurus. Der „taurus“ bezeichnet übrigens das geschlechtsreife männliche Rind.

Doch gelangte das Rind – oder der Stier – nicht erst bei den Römern zu Bedeutung. Es ist sogar eher davon auszugehen, dass die einst religiöse Bedeutung von Rindern und anderen Nutztieren seit der klassischen Antike (also bei den Griechen und Römern) abnahm, sofern man nicht gerade beruflich mit ihnen zu tun hatte. Also z.B. als Hirte, die auch noch lange Zeit die Göttin Bubona verehrten.

Hirte und Nymphe Hirte betrachtet eine schlafende Nymphe. Mit Amor. By Angelica KauffmanVictoria and Albert Museum, Public Domain, Link

Während der klassischen Antike entstand nämlich eine besondere literarische Gattung, die sogenannte „Bukolik“ oder „bukolische Dichtung“, zu deren Hauptvertretern der Grieche Theokrit (3. Jh. v. Chr.) zählte. Darin geht es zum Einen um die idyllische Lebensweise von Hirten, die sich aber – im Gegensatz zu den Stadtbürgern der Polis, wo die Erzählungen aufgeführt wurden – nicht so recht mit der Mythologie auskannten. Es sorgte bei den gebildeten Bürgern Athens für Gelächter, wenn sich zwei Hirten z.B. verdrehte Geschichten von Zyklopen und Menschenfrauen erzählten.
Das Leben eines Hirten wurde also romantisch verklärt und auch ein wenig ins Lächerliche gezogen. Man war eben etwas besseres und hatte sich als Stadtmensch von diesen „profanen“ Dingen entfernt.
Zeitgleich dazu entwickelte die römische Oberschicht eine immer feinere und freizügigere Lust am Essen.

Hier mal eine kurzer Einblick in eine Satire von Horaz (Satire 2,8, 1. Jahrhundert v. Chr.), einem römischen Humoristen, der die Essgewohnheiten der Römer scharf aufs Korn nimmt.

Obwohl die Gäste schon längst völlig vollgefressen sind, serviert ihnen der Gastgeber immer weitere lukullische Köstlichkeiten. So unter anderem:
einen lukanischen Eber, der bei mild wehendem Südwind gefangen worden sei, Vögel, Muscheln und Fische, ein Ragout aus Stachelflundern und Steinbutt, eine Muräne inmitten von schwimmenden Krabben, einen zerlegten Kranich, die Leber einer mit Feigen gemästeten Gans, Amseln mit gebräunter Haut … und so weiter und so weiter.
Die Gäste beschließen dann gemeinschaftlich, vor diesem Mahl, das langsam an Folter grenzt, zu fliehen, plündert jedoch vorher noch den Weinkeller, um sich zu rächen.

Nos nise damnose bibimus, moriemur inulti. = Wenn wir uns nicht hemmungslos betrinken, werden wir ungerächt sterben.

Wenn man sich also mit der Göttin Bubona beschäftigt, kommt man nicht drum herum, auch die eigenen Essgewohnheiten oder den Blick auf Nutztiere zu hinterfragen. Denn das Rind galt in einer frühen Zeit der Menschheit als ausgesprochen heilig und es liegt nahe zu vermuten, dass dies auch auf die Menschen zutraf, die viele Tiere (Rinder, Schafen, Ziegen) besaßen.

Im 17./18. Jahrhundert gab es übrigens eine Art Renaissance der „Bukolik“, zu sehen an den unzähligen Gemälden mit Hirten- und Tiermotiven dieser Zeit, von denen hier auch einige zu sehen sind.

Man hatte genug zu essen und trinken und das Vieh wärmte sogar. Van de Velde (17. Jahrhundert) By van de Velde, Adriaen (1636 – 1672) – Possibly afterDetails of artist on Google Art ProjectmwEaSahFiFkfNw at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Aus den frühen Kulturen der Geschichte kennen wir Rinder-, bzw. Stierabbildungen vor allem von den Minoern auf Kreta, die ihren gesamten Palast damit schmückten.

Stier Minoischer Stier, evtl. Sakralgefäß, ca. 1200 v. Chr. By Olaf TauschOwn work, CC BY 3.0, Link

Wandbild im Palast mit typisch minoischem Stiersprung. Ca. 1500 v. Chr. By JebulonOwn work, CC0, Link

Stierkopf Der berühmte Stierkopf, ca. 1500 v. Chr. By JebulonRéférences/references:ici/hereOwn work, CC0, Link

Minoer Das – neben der Doppelaxt – wichtigste Symbol der Minoer: Stierhörner. By JebulonOwn work, CC0, Link

Aber man kann auch noch weiter in die Geschichte zurückgehen und wird fündig:

Altamira Steppenbison in der Höhle von Altamira (Spanien), ca. 15000 v. Chr. Von RameessosEigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Kuhtiere wurden also weltweit als heilig erachtet, zumindest dort, wo es sie gab. Denn in Australien und Amerika gab es bis ins 16. Jahrhundert, also bis zur Kolonisation des Landes durch die Europäer, keine Rinder.

Cattle Was sich allerdings ein wenig geändert hat. By Peer VOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Ein gutes Beispiel für die religiöse und kulturelle Bedeutung dieser Tiere noch heutzutage ist Indien. Dort erscheint die Kuh u.a. in den alten Schriften der Veden (um 1000 v. Chr.) als Verkörperung der „Mutter Erde“ Prithivi Mata. Eine Kuh namens Kamadhenu erfüllte Wünsche. Der blaue Gott Krishna wuchs unter Kuhhirten auf und Kühe spielen dann auch in seinem weitere Leben eine große Rolle und das Begleittier des Gottes Shiva ist der Stier.
Noch heute gelten die Tiere deswegen dort als heilig, werden aber illegal gejagt und in Schlachtereien verfrachtet.

Kuh Kuh und Kuh-Container, in dem sich Futter für die Tiere (oder Müll) befindet. By Rod Waddington from Kergunyah, Australia – Holy Cow Container, India, CC BY-SA 2.0, Link

Interessant wäre mit Sicherheit ein Vergleich der indischen und europäischen Kuh-Mythen, zu deren bekanntesten Varianten die Geschichte vom Minotauros zählt.

Pasiphae Pasiphae und ein hübscher Stier. By Gustave MoreauOwn work, Public Domain, Link

Pasiphae Pasiphae steigt in eine Kuh-Attrappe. By Giulio ROmano – http://gidvgreece.com/labirint-minotavra-i-sovremennyj-labirint-v-grecii/, Public Domain, Link

kleiner Minotauros Pasiphae – Mutter des Minotauros. By Settecamini Painter – User:Bibi Saint-Pol, Own work, 2010-02-06, Public Domain, Link

Minos, der sagenhafte König von Kreta und mythischer Begründer der Minoer, bat den Meeresgott Neptun, ihm bei der Errichtung seiner Königsherrschaft zu helfen.
Neptun schickte ihm daraufhin einen wunderschönen, weißen Stier, den Minos eigentlich opfern sollte. Minos fand den Stier aber so toll, dass er ihn dann doch nicht opfern wollte und ein anderes Tier wählte.
Neptun merkte das natürlich und verfluchte daraufhin Minos Frau Pasiphae , sich in den nicht-geopferten Stier zu verlieben.
Was dann geschah, kann man anhand der oben angeführten Bildern nachvollziehen.
Der berühmte Architekt Daedalus, der dem Minotauros später auch das Labyrinth erbaute, befand sich übrigens passenderweise zu dieser Zeit auf der Insel Kreta und half Pasiphae dabei, die oben abgebildete „Kuh“-Konstruktion zu entwickeln, in die sie im mittleren Bild klettert.

Doch nicht nur Pasiphae entwickelte ein, sagen wir mal, eigentümlich Sexualleben. Sie hatte ihren Mann, den König Minos, mit einem eigentümlichen Treue-Zauber belegt, so dass er, wenn er einer anderen Frau beilag, Skorpione, Schlangen und Tausendfüßler ejakulierte – und damit seine Geliebten meistens tötete.

Minos Warum Michelangelo Minos wohl so gemalt hat?
By see filename or category – scan: De Vecchi, Cappella Sistina, 1999, Public Domain, Link

Die Eselsohren stehen angeblich für Dummheit, wobei Minos nach seinem Tod von Pluto/Hades dann zum Richter über die Toten erklärt wird. Das verdankt er bestimmt der Tatsache, dass er ein Sohn des Jupiter/Zeus war. – Hades/Pluto ist der Bruder von Jupiter/Zeus und König Minos damit so etwas wie sein Neffe. Vitamin B, sozusagen.

Doch bevor dies alles geschah, wurde das Kind von Pasiphae und dem Stier, der Minotauros, in ein großes Labyrinth gesperrt, das der Gelehrte Daedalus (Daedalus und Ikarus)gebaut hatte. Dem Ungeheuer werden jedes Jahr Jungfrauen dargereicht und als es fast keine mehr auf Kreta gibt, muss eigentlich die schöne Königstochter Ariadne dran glauben (die Halbschwester vom Minotauros), doch kommt in diesem Moment just der Held Theseus vorbei und alles wendet sich zum Guten. (Vorest.)
Mit Ariadne-Wollknäul bzw. -Faden ins Labyrinth, Minotauros getötet, Ariadne geheiratet. Doch dann muss er sie doch verlassen, weil er ja noch zum mythischen Gründer von Athen werden soll. Abgesehen davon, dass hier unverkennbar Parallelen zu Aeneas und Dido vorliegen, ist es Ariadne gar nicht so schlecht ergangen. Denn sie wurde dann vom fröhlichen Weingott Bacchus/Dionysus gefunden und geliebt.

Theseus Theseus Mosaik. By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – Theseus Mosaic, discovered in the floor of a Roman villa at the Loigerfelder near Salzburg (Austria) in 1815, 4th century AD, Kunsthistorisches Museum Vienna, Austria, CC BY-SA 2.0, Link

Eine mythische Geschichte also, die sich von einem Stier-Opfer zu Menschen-Opfern für den (bösen) Stier verändert.
Warum das so war, kann man nur vermuten. Gerd Hellmood hat eine interessante, tiefenpsychologische Deutung der Erzählung (von Dürremat) auf Deutsch verfasst. Mein Ansatz wäre eher kulturanthropologisch.
Wenn man bedenkt, dass die Oberschicht der Römer und Griechen wohl dazu übergingen, regelmäßig Rindfleisch zu verzehren, könnte es sich bei dem Mythos auch um eine nachträgliche oder parallel entstandene „Erklärung“ dafür handeln, warum es in Ordnung war, vom ursprünglichen, wahrscheinlich nur sakral legitimiertem Fleischverzehr abzuweichen.

Einiges vom „heiligen Rind“ blieb aber dennoch erhalten. So waren kultische Stier-Opfer noch ein großer Bestandteil im Mithras-Kult, auch Jesus wurde in einem Stall geboren „zwischen Ochs und Esel“, das Symboltier für den Evangelisten Lukas ist ein Stier und bis zur Entwicklung des Rindes zum allgemeinem Konsumgut dauerte es also noch eine Weile.

Burger. By Fritz SaalfeldOwn work, CC BY-SA 2.5, Link

MC MC Donalds-Filialen weltweit. – In Indien gibt es nur Hähnchen. By Ukelay33 and others, see file history – Self-published work by Ukelay33, CC BY-SA 3.0, Link

Anzahl Filialen Anzahl des Filialen pro Million Einwohner. By Karfreitag64Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Nicht zuletzt sieht man das auch an der Existenz der Göttin Bubona zur Zeit des römischen Reichs. Denn auch, wenn die Göttin an und für sich nicht besonders bedeutungsvoll daher kommt, so war sie dennoch über Jahrhunderte die Schutzgöttin für Rinder und Ochsen.

Möglicherweise steht die mythische Figur der Kyrene in Verbindung mit der Göttin Bubona.

Cyrene Kyrene. By Edward Calvert (1799-1883) – http://www.victorianweb.org/painting/calvert/paintings/1.html, Public Domain, Link

Kyrene war eine Nymphe, zu deren Vorfahren der Okeanos und die Meeresgöttin Tetys zählten. Sie interessierte sich nicht so sehr für die Arbeiten der Frauen (Weben und Nähen), sondern liebte es, die Herden ihres Vaters Hypseus mit Schwert und Schild vor wilden Tieren zu beschützen. Der Sonnengott Apollo war davon so beeindruckt, dass er sich in Kyrene verliebte, sie heiratete und mit ihr zwei Kinder (Aristaeus und Idmon) zeugte.
Die Nachfahren von Kyrene werden Jäger, gelangen in hohe Positionen (werden Könige, begleiten die Argonauten, gründen Städte), jedoch ist auffällig, dass sowohl Idmon als auch Aktaion, der Sohn von Aristaeus bei Jagdunfällen zu Tode kommen.
Idmon wird von einem riesigen Eber verwundet und stirbt. Die Geschichte von Aktaion, Kyrenes Enkel, ist ein wenig drastischer.

Not amused Die Mondgöttin Diana ist nicht erfreut, als Aktaion sie (zufällig?) beim Baden nackt sieht.

Aktaion Daher verwandelt sie ihn in einen Hirsch. By HaStOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Aktaeon Aktaion wird dann als Hirsch von seinen eigenen Gefährten gejagt und von seinen Hunden zerfleischt. Public Domain, Link

Ganz ähnlich wie bei der Geschichte vom Minotauros werden in diesem Mythos „wilde Tiere“ den Menschen gefährlich.Vielleicht geht es zu weit, aber möglicherweise spielen auch hier patriarchal oder matriarchal geprägte Gedanken eine Rolle. Zeitlich betrachtet dürfte die Geschichte von Aktaion (ca. 1200 v. Chr.) deutlich jünger sein als die des Minotauros (ca. 1700 v. Chr.)

Ein paar spekulative, abschließende Gedanken dazu:
Aktaion ist – wie der Minotauros – auch ein „halber“ Mensch, denn er ist sich im Zustand seiner Verwandlung noch bewusst.
Aktaion wird von der Mondgöttin Diana erschaffen, der Minotauros liegt in Neptuns, König Minos` und Daedalus Verantwortung.
Beide Mischwesen werden getötet.

Ich vermute, dass beide Geschichten möglicherweise die Loslösung vom „Tier“ als etwas „heiligem“ verkörpern. Denn die mit dem Tier überidentifizierten Menschen (Minotauros, Aktaion) sterben.
Berücksichtigt man die Initiatoren – einmal waren es Männer, einmal eine Frau -, dann bleibt eigentlich nur festzuhalten, dass beide Geschlechter irgendwie an dieser Entwicklung beteiligt waren.

Lady Gaga Fleischkonzert von Lady Gaga. By John Robert Charlton[1], CC BY 2.0, Link